The Project Gutenberg EBook of Aus meinem Leben by Paul von Hindenburg This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at http://www.gutenberg.org/license Title: Aus meinem Leben Author: Paul von Hindenburg Release Date: December 17, 2009 [Ebook #30695] Language: German Character set encoding: US-ASCII ***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM LEBEN*** Generalfeldmarschall von Hindenburg Aus meinem Leben 1920 Verlag von S. Hirzel in Leipzig Copyright by S. Hirzel in Leipzig 1920 Die Firma Albert Bonnier in Stockholm besitzt das alleinige Uebersetzungsrecht fuer folgende Sprachen: Daenisch-norwegisch, Englisch (fuer England mit Kolonien und Amerika), Finnisch, Franzoesisch, Hollaendisch, Japanisch, Italienisch, Schwedisch und Spanisch ZUR EINFUeHRUNG Die folgenden Erinnerungen verdanken ihre Entstehung nicht einer Neigung zum Schreiben, sondern vielfachen Bitten und Anregungen, die von aussen an mich herantraten. Nicht ein Geschichtswerk wollte ich verfassen sondern die Eindruecke wiedergeben, unter denen mein Leben sich vollzog, und die Richtlinien klar legen, nach denen ich glaubte, denken und handeln zu muessen. Fern lag es mir, eine Rechtfertigungs- oder Streitschrift zu verfassen, am fernsten aber war mir der Gedanke an Selbstverherrlichung. Als Mensch habe ich gedacht, gehandelt und geirrt. Massgebend in meinem Leben und Tun war fuer mich nicht der Beifall der Welt sondern die eigene Ueberzeugung, die Pflicht und das Gewissen. Inmitten der schwersten Zeit unseres Vaterlandes niedergeschrieben, entstanden die folgenden Erinnerungsblaetter doch nicht unter dem bitteren Drucke der Hoffnungslosigkeit. Mein Blick ist und bleibt unerschuetterlich vorwaerts und aufwaerts gerichtet. Ich widme das Buch dankbar allen Denen, die mit mir im Feld und in der Heimat fuer des Reiches Groesse und Dasein kaempften. Im September 1919. INHALTSVERZEICHNIS Zur Einfuehrung V Erster Teil. Aus Kriegs- und Friedensjahren bis 1914 3-67 Meine Jugend 3-15 Hindenburg-Beneckendorff 3-5. Eltern und frueheste Jugend 6-8. Im Kadettenkorps 9-15. Im Kampf um Preussens und Deutschlands Groesse 16-47 Im 3. Garderegiment zu Fuss 16-17. 1866. Ins Feld 18. Bei Soor 19. Koeniggraetz 20-25. Nach Koeniggraetz 26. In die Heimat zurueck 26-27. In Hannover 28-29. 1870. Wieder ins Feld 30. Bei St. Privat 31-35. Nach der Schlacht bei St. Privat 36. In die Schlacht bei Sedan 37-38. Sedan 39. Vor Paris 40-41. Kaiserproklamation 41-42. In Paris 42-44. Die Kommune 45-46. Der zweite Einzug in Berlin 47. Friedensarbeit 48-63 Kriegsakademie 48. Generalstab 49-50. Bei Generalkommando und Division 50-52. Kompagniechef 52-53. Im Grossen Generalstab 53-56. Lehrer an der Kriegsakademie 57. Im Kriegsministerium 58. Regimentskommandeur 58-59. Korpschef 59-60. Divisionskommandeur 60. Kommandierender General 61-62. Abschied 63. Uebergang in den Ruhestand 64-67 Deutsches Heer und Volk 64-66. Ausblick 66-67. Zweiter Teil. Kriegfuehrung im Osten 69-144 Der Kampf um Ostpreussen 71-99 Kriegsausbruch und Berufung 71-74 Deutsche Politik und Dreibund 71-73. Mobilmachung 74. Zur Front 75-79 Armeefuehrer. General Ludendorff 75. Lage im Osten 76. Verhaeltnis zu General Ludendorff 77-79. Tannenberg 79-91 Im Armee-Hauptquartier 79. Russische Absichten 80. Entwickelung des Schlachtenplans 81. Gefahr von Seite Rennenkampfs 82. Staerkeverhaeltnisse 83. Die Marienburg 84. Tannenberg 85. Entwickelung der Schlacht 86-87. Entscheidungskampf 88-89. Ergebnis 90-91. Die Schlacht an den masurischen Seen 91-99 Neue Aufgaben 91-93. Rennenkampf 93-94. Zum Angriff vor 95. Verlauf der Schlacht 96-99. Der Feldzug in Polen 100-116 Abschied von der 8. Armee 100-104 Zusammenwirken mit der oesterreichisch-ungarischen Heeresleitung 100-102. Nach Schlesien 102-104. Der Vormarsch 104-108 Operative Lage 104-105. Polnische Zustaende 106. Kaempfe bei Iwangorod und Warschau 106-107. Russische Gegenoperation 108. Der Rueckzug 109-112 Neue Plaene 109. Weiterer Widerstand in Polen 110. Rueckzug an die schlesische Grenze 111-112. Oberbefehlshaber im Osten 112. Unser Gegenangriff 112-116 Wechselspiel der Operationen 112-115. Ende der Kaempfe in Polen 116. 1915 117-134 Frage der Kriegsentscheidung 117-122 Kaempfe und Operationen im Osten 122-130 Ansichten der oesterreichisch-ungarischen Heeresleitung 123. Winterschlacht in Masuren 124-125. Russische Gegenangriffe 125. Unsere allgemeine Offensive im Osten. Rolle des Oberkommandos Ost 126-127. Eigene Plaene. Nowo Georgiewsk. Wilna 128-130. Loetzen 130-133 Kowno 133-134 Das Feldzugsjahr 1916 bis Ende August 135-144 Der Russenangriff gegen die deutsche Ostfront 135-140 Der Winter 1915/16 135-136. Schlacht am Naroczsee 137-140. Der Russenangriff gegen die oesterreichisch-ungarische Ostfront 140-144 Verdun und Italien 140-141. Wolhynien und Bukowina 142-143. Erweiterung des Befehlsbereichs 143-144. Dritter Teil. Von der Uebertragung der Obersten Heeresleitung bis zur Zertruemmerung Russlands 145-294 Berufung zur Obersten Heeresleitung 147-167 Chef des Generalstabes des Feldheeres 147-148 Kriegslage Ende August 1916 148-150 Politische Lage 150-154 Die deutsche Oberste Kriegsleitung 154-161 Die oesterreichisch-ungarische Wehrmacht 156-158. Das bulgarische und tuerkische Heer 158-159. Unsere Leistungen im Kriege 160-161. Pless 161-167 Koenig Ferdinand von Bulgarien 162. Kaiser Franz Joseph 163. Generaloberst Conrad von Hoetzendorf 163-164. Enver Pascha 164-165. General Jekoff 165. Talaat Pascha 166-167. Radoslawow 167. Leben im Grossen Hauptquartier 168-175 Regelmaessiger Tagesverlauf 168-172. Besucher 173-175. Kriegsereignisse bis Ende 1916 176-198 Der rumaenische Feldzug 176-187 Unsere politische und militaerische Lage zu Rumaenien 176-177. Bulgarischer Angriff in Mazedonien 178. Rumaenische Kriegserklaerung 179. Bisheriger Feldzugsplan 179-181. Niederwerfung Rumaeniens 182-187. Kaempfe an der mazedonischen Front 187-189 Auf den asiatischen Kriegsschauplaetzen 189-192 Die Ost- und Westfront bis zum Ende des Jahres 1916 192-198 Unterstuetzung Rumaeniens durch Russland 192-194. Fortdauer der Kaempfe vor Verdun 194-195. Zum erstenmal an der Westfront 196-198. Meine Stellung zu politischen Fragen 199-218 Aeussere Politik 199-210 Politik und Kriegfuehrung 200-201. Polnische Frage 201-203. Polnische Freiwilligentruppen 203-204. Irrige Hoffnungen 204. Dobrudscha-Frage 205-206. Politische Erregung in Bulgarien 206-207. Tuerkische Politik 207-210. Die Friedensfrage 210-215 Innere Politik 215-218 "Hindenburg-Programm" 216. Vaterlaendischer Hilfsdienst 216-218. Vorbereitungen fuer das kommende Feldzugsjahr 219-237 Unsere Aufgaben 219-227 Allgemeine Lage Winter 1916-17. Aufgezwungene Verteidigung 219-222. "Siegfriedstellung" 223. Ablehnung von Angriffsplaenen in Italien und Mazedonien 224-227. Aufgabe der Tuerkei fuer 1917 227. Der Unterseebootkrieg 228-234 Blockade und Menschlichkeit 228-229. Amerikanische Munition 229. Hoffnungen verbunden mit dem Unterseebootkrieg 230-232. Erwaegungen und Entscheidung 232-233. Der hoechste Einsatz 234. Kreuznach 235-237 Der feindliche Ansturm im ersten Halbjahr 1917 238-251 Im Westen 238-244 Vorbereitung fuer die Abwehrschlachten 238-240. Fruehjahrsschlacht bei Arras 240-242. Doppelschlacht Aisne-Champagne 242-244. Im nahen und fernen Orient 244-246 An der Ostfront 246-251 Russische Revolution 246-247. Eigene Zurueckhaltung 247-248. Weiterentwickelung des russischen Umsturzes 248-249. Letzte russische Anstuerme 250-251. Unser Gegenstoss im Osten 252-258 Das Wagnis des Gegenstosses 252-254. Tarnopol 254-255. Riga und Oesel 256-258. Angriff auf Italien 259-263 Fortsetzung der feindlichen Angriffe im zweiten Halbjahr 1917 264-293 Im Westen 264-268 Ausgang der flandrischen Schlacht 264-265. Cambrai 265-267. Erfahrungen 267-268. Angriffe der Franzosen 268. Auf dem Balkan 268 In Asien 269-276 Englische Operationen in Asien 269-272. Plaene zur Wiedereroberung Bagdads 272-273. Verhaeltnisse im tuerkischen Heere 274. Unsere Unterstuetzungen 275-276. Ein Blick auf die inneren Zustaende von Staaten und Voelkern Ende 1917 277-293 Der tuerkische Staat 277-279. Bulgarien 280-283. Oesterreich-Ungarn 283-284. Die deutsche Heimat 284-288. Frankreich 288-289. England 290. Italien 290-291. Vereinigte Staaten von Nordamerika 291. Kriegsverlaengerung 291-293. Vierter Teil. Entscheidungskampf im Westen 295-354 Die Frage der Westoffensive 297-314 Absichten und Aussichten fuer 1918 297-312 Aussichten und Vertrauen 297-301. Angriffsabsichten 301. Lage und Entschluss 301-303. Truppenschulung 304. Vereinigung der Kraefte im Westen 305. Schwierigkeiten im Osten 306-307. Finnische Expedition 308. Oesterreichisch-ungarische Unterstuetzung 308-309. Truppen aus Bulgarien und der Tuerkei 310. Defensive 1918? 311-312. Spa und Avesnes 312-314 Unsere drei Angriffsschlachten 315-338 Die "Grosse Schlacht" in Frankreich 315-321 Die Schlacht an der Lys 321-326 Die Schlacht bei Soissons und Reims 327-333 Die Schlacht 328-331. Die Menschlichkeit auf dem Schlachtfelde 332-333. Rueckblick und Ausblick Ende Juni 1918 333-338 Im Angriff gescheitert 339-354 Der Plan zur Schlacht bei Reims 339-343 Die Schlacht bei Reims 343-354 Unser Angriff 343-346. Ergebnis 347. Des Feindes Gegenstoss 348-351. Entschluss zur Raeumung des Marnebogens 351. Haltung unserer Truppen 352. Bedeutung des Schlachtausgangs 353-354. Fuenfter Teil. Ueber unsere Kraft 355-402 In die Verteidigung geworfen 357-366 Der 8. August 357-361 Die Folgen des 8. August und die Fortsetzung unserer Kaempfe im Westen bis Ende September 362-366 Der Kampf unserer Bundesgenossen 367-389 Bulgariens Zusammenbruch 367-377 Der Sturz der tuerkischen Macht in Asien 377-383 Militaerisches und Politisches aus Oesterreich-Ungarn 383-389 Unterstuetzung unserer Westfront 384. Kaempfe in Albanien 385. Erstreben des Kriegsendes 386. Graf Czernin 386-388. Graf Burian 388. Letzte oesterreichische Friedensversuche 389. Dem Ende entgegen 390-402 Vom 29. September zum 26. Oktober 390-397 Verhaeltnisse an der Kampffront 390-391. Unser schwerster Entschluss 392-393. Unser Waffenstillstands- und Friedensangebot 394-395. Fortschreitender Zerfall der Heimat 396-397. Vom 26. Oktober zum 9. November 397-402 Das Ende des Widerstandes unserer Bundesgenossen 398-399. Die hoechste Spannung und das Zerreissen 400-402. Mein Abschied 403-406 Personenverzeichnis 407-409 ERSTER TEIL AUS KRIEGS- UND FRIEDENSJAHREN BIS 1914 Meine Jugend An einem Fruehlingsabend des Jahres 1859 sagte ich als 11jaehriger Knabe am Gittertor des Kadettenhauses zu Wahlstatt in Schlesien meinem Vater Lebewohl. Der Abschied galt nicht nur dem geliebten Vater sondern gleichzeitig meinem ganzen bisherigen Leben. Aus diesem Gefuehl heraus stahlen sich Traenen aus meinen Augen. Ich sah sie auf meinen "Waffenrock" fallen. "In diesem Kleid darf man nicht schwach sein und weinen" fuhr es mir durch den Kopf; ich riss mich empor aus meinem kindlichen Schmerz und mischte mich nicht ohne Bangen unter meine nunmehrigen Kameraden. Soldat zu werden war fuer mich kein Entschluss, es war eine Selbstverstaendlichkeit. Solange ich mir im jugendlichen Spiel oder Denken einen Beruf waehlte, war es stets der militaerische gewesen. Der Waffendienst fuer Koenig und Vaterland war in unserer Familie eine alte Ueberlieferung. Unser Geschlecht, die "Beneckendorffs", entstammt der Altmark, wo es urkundlich im Jahre 1280 zum erstenmal auftritt. Von hier fand es, dem Zuge der Zeit folgend, ueber die Neumark seinen Weg nach Preussen herauf. Dort waren schon manche Traeger meines Namens in den Reihen der Deutschritter als Ordensbrueder oder "Kriegsgaeste" gegen die Heiden und Polen zu Felde gezogen. Spaeter gestalteten sich unsere Beziehungen mit dem Osten durch Gewinn von Grundbesitz noch inniger, waehrend diejenigen mit der Mark immer lockerer wurden und Anfang des neunzehnten Jahrhunderts ganz aufhoerten. Der Name "Hindenburg" trat erst 1789 zu dem unsrigen. Wir waren mit diesem Geschlecht in der neumaerkischen Zeit durch Heiraten in Verbindung getreten. Auch die Grossmutter meines im Regiment "von Tettenborn" dienenden und in Ostpreussen bei Heiligenbeil ansaessigen Urgrossvaters war eine Hindenburg. Deren unverheirateter Bruder, welcher zuletzt als Oberst unter Friedrich dem Grossen gekaempft hatte, vermachte seine beiden, in dem schon mit der ostpreussischen Erbschaft zu Brandenburg gekommenen, spaeter aber Westpreussen zugeteilten Kreise Rosenberg gelegenen Gueter Neudeck und Limbsee seinem Grossneffen unter der Bedingung der Vereinigung beider Namen. Diese wurde von Koenig Friedrich Wilhelm II. genehmigt, und seitdem wird bei Abkuerzung des Doppelnamens die Benennung "Hindenburg" angewendet. Die Gueter bei Heiligenbeil wurden infolge dieser Erbschaft verkauft. Auch Limbsee musste, der Not gehorchend, nach den Befreiungskriegen veraeussert werden. Aber Neudeck ist heute noch im Besitz unserer Familie; es gehoert der Witwe meines naechstaeltesten Bruders, der nicht ganz zwei Jahr juenger als ich war, so dass unsere Lebenswege in treuer Liebe nahe nebeneinander herliefen. Auch er wurde Kadett und durfte seinem Koenige lange Jahre als Offizier in Krieg und Frieden dienen. In Neudeck lebten zu meiner Kinderzeit meine Grosseltern. Jetzt ruhen sie, wie auch meine Eltern und viele Andere meines Namens, auf dem dortigen Friedhof. Fast alljaehrlich kehrten wir bei den Grosseltern, anfaenglich noch unter beschwerlichen Postreisen, als Sommerbesuch ein. Tiefen Eindruck machte es mir dann, wenn mein Grossvater, der bis 1801 im Regiment "von Langenn" gedient hatte, davon erzaehlte, wie er im Winter 1806/7 bei Napoleon I. im nahen Schloss Finckenstein als Landschaftsrat um Erlass von Kontributionen bitten musste, dabei aber kalt abgewiesen wurde. Auch von Durchmaerschen und Einquartierung der Franzosen in Neudeck hoerte ich. Und mein Onkel von der Groeben, der an der Passarge ansaessig war, wusste von den Kaempfen an diesem Abschnitt im Jahre 1807 zu berichten. Die Russen drangen damals ueber die Bruecke, wurden aber wieder zurueckgeworfen. Ein franzoesischer Offizier, der mit seinen Mannschaften das Gutshaus verteidigte, wurde in einem Giebelzimmer durch das Fenster erschossen. Es fehlte nicht viel, dann haetten die Russen 1914 wieder diese Bruecke betreten. Nach dem Tode meiner Grosseltern zogen meine Eltern 1863 nach Neudeck. Wir fanden also von da ab dort, in den uns so vertrauten Raeumen, das Elternhaus. Wo ich einst in jungen Jahren so gern geweilt hatte, da habe ich mich spaeter oft mit Frau und Kindern von des Lebens Arbeit ausgeruht. So ist denn Neudeck fuer mich die Heimat, der feste Mittelpunkt auch meiner engeren Familie geworden, dem unser ganzes Herz gehoert. Wohin mich auch innerhalb des deutschen Vaterlandes mein Beruf fuehrte, ich fuehlte mich stets als Altpreusse. Als Soldatenkind wurde ich 1847 in Posen geboren. Mein Vater war zu der Zeit Leutnant im 18. Infanterie-Regiment. Meine Mutter war die Tochter des damals auch in Posen lebenden Generalarztes Schwickart. Das einfache, um nicht zu sagen harte Leben eines preussischen Landedelmannes oder Offiziers in bescheidenen Verhaeltnissen, das in der Arbeit und Pflichterfuellung seinen wesentlichsten Inhalt fand, gab naturgemaess unserm ganzen Geschlecht sein Gepraege. Auch mein Vater ging daher voellig in seinem Berufe auf. Aber er fand hierbei immer noch Zeit, sich Hand in Hand mit meiner Mutter der Erziehung seiner Kinder - ich hatte noch zwei juengere Brueder und eine Schwester - zu widmen. Das sittlich tief angelegte, aber auch auf das praktische Leben gerichtete Wesen meiner teuren Eltern zeigte auch nach aussen hin eine vollendete Harmonie. In gegenseitiger Ergaenzung der Charaktere stand neben der ernsten, vielfach zu Sorgen geneigten Lebensauffassung meiner Mutter die ruhigere Anschauungsart meines Vaters. Beide vereinten sich in warmer Liebe zu uns, und so wirkten sie denn auf diese Weise in voller Uebereinstimmung auf die geistige und sittliche Heranbildung ihrer Kinder ein. Es ist daher schwer zu sagen, wem ich dabei mehr zu danken habe, welche Richtung mehr vom Vater und welche mehr von der Mutter gefoerdert wurde. Beide Eltern bestrebten sich, uns einen gesunden Koerper und einen kraeftigen Willen zur Tat fuer die Erfuellung der Pflichten auf den Lebensweg mitzugeben. Sie bemuehten sich aber auch, uns durch Anregung und Entwickelung der zarteren Seiten des menschlichen Empfindens das Beste zu bieten, was Eltern geben koennen: den vertrauensvollen Glauben an Gott den Herrn und eine grenzenlose Liebe zum Vaterlande und zu dem, was sie als die staerkste Stuetze dieses Vaterlandes anerkannten, naemlich zu unserm preussischen Koenigstum. Der Vater fuehrte uns zugleich von frueher Jugend an in die Wirklichkeit des Lebens hinaus. Er weckte in uns im Garten und auf Spaziergaengen die Liebe zur Natur, zeigte uns das Land und lehrte uns die Menschen in ihrem Dasein und in ihrer Arbeit erkennen und schaetzen. Unter "uns" verstehe ich hierbei ausser mir meinen naechstaeltesten Bruder. Die Erziehung meiner nach diesem folgenden Schwester lag selbstredend mehr in Haenden der Mutter, und mein juengster Bruder trat erst ins Leben, kurz bevor ich Kadett wurde. Das Los des Soldaten, zu wandern, fuehrte meine Eltern von Posen nach Koeln, Graudenz, Pinne in der Provinz Posen, Glogau und Kottbus. Dann nahm mein Vater den Abschied und zog nach Neudeck. Von Posen habe ich aus damaliger Zeit nur wenig Erinnerung. Mein Grossvater muetterlicherseits starb bald nach meiner Geburt. Er hatte sich 1813 in der Schlacht bei Kulm als Militaerarzt das Eiserne Kreuz am Kombattantenbande erworben, weil er ein fuehrerlos und wankend gewordenes Landwehrbataillon wieder geordnet und vorgefuehrt hatte. Meine Grossmutter musste uns in spaeteren Jahren noch viel von der "Franzosenzeit", die sie in Posen als junges Maedchen durchlebt hatte, erzaehlen. Genau entsinne ich mich eines hochbetagten Gaertners meiner Grosseltern, der noch 14 Tage unter Friedrich dem Grossen gedient hatte. So fiel gewissermassen auf mich als Kind noch ein letzter Sonnenstrahl ruhmvoller friderizianischer Vergangenheit. Im Jahre 1848 hatte der polnische Aufstand auch auf die Provinz Posen uebergegriffen. Mein Vater war mit seinem Regiment zur Bekaempfung dieser Bewegung ausgerueckt. Die Polen bemaechtigten sich nun voruebergehend der Herrschaft in der Stadt. Zur Feier des Einzugs ihres Fuehrers Miroslawski sollten alle Haeuser illuminiert werden. Meine Mutter war ausserstande, sich diesem Zwange zu entziehen. Sie zog sich in ein Hinterzimmer zurueck und troestete sich, an meiner Wiege sitzend, mit dem Gedanken, dass gerade auf diesen Tag, den 22. Maerz, der Geburtstag des "Prinzen von Preussen" fiel, so dass die Lichter an den Fenstern der Vorderzimmer in ihrem Herzen diesem galten. 23 Jahre spaeter war das damalige Wiegenkind im Spiegelsaale zu Versailles Zeuge der Kaisererklaerung Wilhelms I., des einstigen Prinzen von Preussen. Unser Aufenthalt in Koeln und Graudenz war nur von kurzer Dauer. Aus der Koelner Zeit schwebt mir das Bild des maechtigen, jedoch noch unvollendeten Domes vor. In Pinne fuehrte mein Vater nach damaligem Brauch vier Jahre hindurch als ueberzaehliger Hauptmann eine Landwehrkompagnie. Er war dienstlich nicht sehr beansprucht, so dass er sich gerade in der Zeit, in welcher sich mein jugendlicher Geist zu regen begann, uns Kindern besonders widmen konnte. Er unterrichtete mich bald in Geographie und Franzoesisch, waehrend mir der Schullehrer Kobelt, dem ich noch heute eine dankbare Erinnerung bewahre, Lesen, Schreiben und Rechnen beibrachte. Aus dieser Zeit stammt meine Vorliebe fuer Geographie, welche mein Vater durch sehr anschauliche und anregende Lehrart zu wecken verstand. Den ersten Religionsunterricht erteilte mir in zum Herzen redender Weise meine Mutter. Immer mehr entwickelte sich in diesen Jahren und aus dieser Art der Erziehung ein Verhaeltnis zu meinen Eltern, das zwar ganz auf den Boden unbedingter Autoritaet gestellt war, das aber zugleich auch bei uns Kindern weit mehr das Gefuehl grenzenlosen Vertrauens als blinder Unterwerfung unter eine zu strenge Herrschaft wachrief. Pinne ist ein kleines Staedtchen mit angrenzendem Rittergut. Letzteres gehoerte einer Frau von Rappard, in deren Hause wir viel verkehrten. Sie war kinderlos aber sehr kinderlieb. In der Naehe sass ihr Bruder, Herr von Massenbach, auf dem Rittergut Bialokosz. In dessen grosser Kinderschar fand ich mehrere liebe Spielgefaehrten. Die Erinnerung an Pinne hat sich bei mir stets sehr rege erhalten. Ich besuchte im Spaetherbst 1914 den Ort von Posen aus und betrat mit Ruehrung das kleine bescheidene Haeuschen im Dorfteile, in welchem wir einst ein so glueckliches Familienleben gefuehrt hatten. Der jetzige Besitzer des Gutes ist der Sohn eines meiner einstigen Spielgefaehrten. Der Vater ist schon zur ewigen Ruhe gegangen. In die Glogauer Zeit faellt mein Eintritt in das Kadettenkorps. Ich hatte dort vorher je zwei Jahre die Buergerschule und das evangelische Gymnasium besucht. Wie ich hoere, hat man mir in Glogau dadurch ein freundliches Andenken bewahrt, dass eine an unserm damaligen Wohnhaus angebrachte Tafel an meinen dortigen Aufenthalt erinnert. Ich habe die Stadt zu meiner Freude wiedergesehen, als ich Kompagniechef im benachbarten Fraustadt war. Rueckblickend auf die bisher geschilderte Zeit darf ich wohl sagen, dass meine erste Erziehung auf die gesuendeste Grundlage gestellt war. Ich fuehlte daher beim Abschied aus dem Elternhause, dass ich unendlich viel zurueckliess, aber ich empfand doch auch, dass mir unendlich viel auf den weiteren Lebensweg mitgegeben war. Und so ist es mein ganzes Leben hindurch geblieben. Lange durfte ich mich der sorglichen, nimmermueden Elternliebe, die sich spaeter auch auf meine Familie ausdehnte, erfreuen. Meine Mutter verlor ich, als ich schon Regimentskommandeur war; mein Vater ging von uns, kurz bevor ich an die Spitze des IV. Armeekorps berufen wurde. Das Leben in dem preussischen Kadettenkorps war damals, man kann wohl sagen, bewusst und gewollt rauh. Die Erziehung war neben der Schulbildung auf eine gesunde Entwicklung des Koerpers und des Willens gestellt. Tatkraft und Verantwortungsfreudigkeit wurden ebenso hoch bewertet als Wissen. In dieser Art der Erziehung lag keine Einseitigkeit sondern eine gewisse Staerke. Die einzelne Persoenlichkeit sollte und konnte sich auch in ihren gesunden Besonderheiten frei entwickeln. Es war etwas von dem Yorkschen Geiste in jener Erziehung, ein Geist, der so oft von oberflaechlichen Beurteilern falsch aufgefasst worden ist. Gewiss war York gegen sich wie gegen andere ein harter Soldat und Erzieher, aber er war es auch, der fuer jeden seiner Untergebenen das Recht und die Pflicht des freien selbstaendigen Handelns forderte, wie er selbst diese Selbstaendigkeit gegen jedermann zum Ausdruck brachte. Der Yorksche Geist ist daher nicht nur in seiner militaerischen Straffheit sondern auch in seiner Freiheit einer der kostbarsten Zuege unseres Heeres gewesen. Fuer die humanistische Bildung anderer Schulen, soweit sie sich vorherrschend mit den alten Sprachen beschaeftigt, habe ich nur wenig Verstaendnis. Der praktische Nutzen fuer das Leben bleibt mir unklar. Als Mittel zum Zweck betrachtet, nehmen meiner Meinung nach die toten Sprachen im Lehrplan viel zu viel Zeit und Kraft in Anspruch, und als Sonderstudium gehoeren sie in spaetere Lebensjahre. Ich wuenschte, auf die Gefahr hin, fuer einen Boeotier gehalten zu werden, dass in solchen Schulen auf Kosten von Latein und Griechisch die lebenden Sprachen, neuere Geschichte, Deutsch, Geographie und Turnen mehr in den Vordergrund gestellt wuerden. Muss denn das, was im dunklen Mittelalter das einzige war, an welches sich die Bildung anklammern konnte, wirklich auch noch in heutigen Tagen in erster Linie stehen? Haben wir uns nicht seitdem in harten Kaempfen und schwerer Arbeit eine eigene Geschichte, eine eigene Literatur und Kunst geschaffen? Beduerfen wir nicht, um im Weltverkehr unsere Stellung richtig einnehmen zu koennen, weit mehr der lebenden als der toten Sprachen? Aus dem eben Gesagten soll keine Missachtung des Altertums an sich herausklingen. Dessen Geschichte hat im Gegenteil von frueher Jugend an auf mich eine grosse Anziehungskraft ausgeuebt. Vornehmlich war es die der Roemer, welche mich fesselte. Sie hatte fuer mich etwas Gewaltiges, fast Daemonisches, ein Eindruck, der mir in spaetern Lebensjahren bei dem Besuche Roms besonders lebhaft vor Augen trat und sich unter anderm darin aeusserte, dass mich dort die Denkmaeler der alten ewigen Stadt mehr anzogen als die Schoepfungen italienischer Renaissance. Roms kluges Erkennen der Vorzuege und Maengel voelkischer Eigentuemlichkeiten, seine ruecksichtslose Selbstsucht, die im eigenen Interesse kein Mittel Freund und Feind gegenueber verschmaehte, seine geschickt aufgemachte tugendhafte Entruestung, wenn die Feinde einmal mit gleichem vergalten, sein Ausspielen aller Leidenschaften und Schwaechen innerhalb der feindlichen Voelker, wie es in so kluger Weise ganz besonders den germanischen Staemmen gegenueber angewendet wurde und hier mehr nutzte als Waffengebrauch, fand nach meinen spaeteren Erfahrungen sein Spiegelbild und seine Vervollkommnung in der britischen Staatsweisheit, der es gelang, all diese Seiten diplomatischer Kunst bis zur hoechsten Verfeinerung und Welttaeuschung auszubauen. Meine Jugendhelden suchte ich bei aller Verehrung des Altertums nur unter meinen eigenen Volksgenossen. Offen und ehrlich spreche ich meine Auffassung dahin aus, dass wir nicht so einseitig und undankbar sein duerfen, ueber der Bewunderung fuer einen Alcibiades oder Themistokles, fuer die verschiedenen Katos oder Fabier so manche derjenigen Maenner ganz zu uebersehen, die in der Geschichte unseres eigenen Vaterlandes eine mindestens ebenso wichtige Rolle gespielt haben wie jene einst fuer Griechenland und Rom. Ich habe traurige Wahrnehmungen in dieser Beziehung leider wiederholt im Gespraech mit deutscher Jugend gemacht, die mir dann bei aller Gelehrsamkeit doch etwas weltfremd vorkam. Vor solcher Weltfremdheit bewahrten uns im Kadettenkorps unsere Lehrer und Erzieher, und ich danke ihnen das noch heute. Dieser Dank gebuehrt vornehmlich einem damaligen Leutnant von Wittich. Ich war ihm, als ich nach Wahlstatt kam, durch einen Verwandten empfohlen worden, und er nahm sich meiner stets besonders freundlich an. Selbst erst vor wenigen Jahren dem Kadettenkorps entwachsen, fuehlte er ganz mit uns, beteiligte sich gern an unseren Spielen, besonders den Schneeballgefechten im Winter, wirkte ueberall erfrischend und anregend und besass obenein ein hervorragendes Lehrtalent. Er hat mich 1859 in Sexta in Geographie und sechs Jahre spaeter in Berlin in Selekta im Gelaendeaufnehmen unterrichtet, und als ich nach weitern Jahren die Kriegsakademie besuchte, fand ich auch dort wieder den Generalstabsmajor von Wittich als Lehrer vor. Dieser beschaeftigte sich schon als Leutnant mit Kriegsgeschichte und gab uns manchmal waehrend der sonntaeglichen Spaziergaenge durch Anlage kleiner Uebungen in geeignetem Gelaende anschauliche Bilder ueber den Gang der Schlachten, welche damals, 1859, in Oberitalien geschlagen wurden, wie z. B. Magenta und Solferino. Spaeter, in Berlin, regte er mich, den Kadetten, auch bereits zum Studium der Kriegsgeschichte an und lenkte dadurch mein jugendliches Interesse in Bahnen, die fuer meinen weiteren Werdegang von Bedeutung waren. Ist doch die Kriegsgeschichte der beste Lehrmeister fuer die hoehere Truppenfuehrung. Als ich spaeter in den Generalstab versetzt wurde, gehoerte ihm Oberstleutnant von Wittich auch noch an bedeutsamer Stelle an, und schliesslich sind wir beide sogar noch gleichzeitig Kommandierende Generale, also Befehlshaber ueber Armeekorps, gewesen. Das hatte der kleine Sextaner in Wahlstatt nicht geahnt, als ihm der Leutnant von Wittich in der Geographiestunde einen freundschaftlichen Jagdhieb mit dem Lineal versetzte, weil er Montblanc und Monte Rosa verwechselt hatte. Unter der harten Schulung des Kadettenlebens hat unser Frohsinn nicht gelitten. Ich wage es zu bezweifeln, dass sich das frische jugendliche Toben, dem natuerlicherweise die gelegentliche Steigerung bis zum tollen Uebermut nicht fehlte, in irgend welchen anderen Bildungsanstalten mehr geltend machte, als bei uns Kadetten. Wir fanden in unseren Erziehern meist verstaendnisvolle, milde Richter. Ich selbst war zunaechst keineswegs das, was man im gewoehnlichen Leben einen Musterschueler nennt. Anfangs hatte ich eine aus frueheren Krankheiten zurueckgebliebene koerperliche Schwaechlichkeit zu ueberwinden. Als ich dann dank der gesunden Erziehungsart allmaehlich erstarkte, hatte ich anfaenglich wenig Neigung dazu, mich den Wissenschaften besonders zu widmen. Erst langsam erwachte in dieser Beziehung mein Ehrgeiz, der sich mit den Jahren bei gutem Erfolge immer mehr steigerte und mir schliesslich unverdientermassen den Ruf eines besonders begabten Schuelers einbrachte. Bei allem Stolz, mit welchem ich mich "Koeniglicher Kadett" nannte, begruesste ich doch die Tage der Einkehr in das Elternhaus stets mit unendlichem Jubel. Die Reisen waren in der damaligen Zeit, besonders waehrend des Winters, freilich nicht einfach. Je nach dem Reiseziel wechselten langsame Bahnfahrten in ungeheizten Wagen mit noch langsamern Postfahrten ab. Aber alle diese Schwierigkeiten traten in den Hintergrund bei der Aussicht, die Heimat, Eltern und Geschwister wiederzusehen. Der Sehnsucht des Sohnes schlug das Herz der Mutter am waermsten entgegen. So entsinne ich mich noch meiner ersten Weihnachtsheimkehr nach Glogau. Ich war mit anderen Kameraden die ganze Nacht hindurch von Liegnitz in der Post gefahren. Noch im Dunkeln trafen wir, durch Schneefall verspaetet, in Glogau ein. Da sass die liebe Mutter in der schwach erleuchteten, kaum erwaermten sogenannten Passagierstube an wollenen Struempfen strickend, als wolle sie durch das Nachgeben gegenueber der Sehnsucht zu einem ihrer Kinder die Vorsorge fuer das Wohl der anderen nicht versaeumen. In mein erstes Kadettenjahr fiel im Sommer 1859 ein Besuch des damaligen Prinzen Friedrich Wilhelm, des spaeteren Kaisers Friedrich, und seiner Gemahlin in Wahlstatt. Wir sahen fast alle bei dieser Gelegenheit zum ersten Male Mitglieder unseres Koenigshauses. Noch nie hatten wir beim Parademarsch unsere Beine so hoch geworfen, noch nie bei dem sich hieran anschliessenden Vorturnen so halsbrecherische Uebungen gemacht als an diesem Tage. Und von der Guete und Leutseligkeit des Prinzenpaares sprachen wir noch lange Zeit. Im Oktober des gleichen Jahres wurde zum letzten Male der Geburtstag Koenig Friedrich Wilhelms IV. gefeiert. Unter diesem schwergeprueften Herrscher habe ich also die preussische Uniform angelegt, die bis an mein Lebensende mein Ehrenkleid bleiben soll. Ich hatte die Ehre, der verwitweten Gemahlin des Koenigs, der Koenigin Elisabeth, im Jahre 1865 als Leibpage zugeteilt zu werden. Die Taschenuhr, die Ihre Majestaet mir damals schenkte, hat mich in drei Kriegen treulich begleitet. Ostern 1863 wurde ich nach Sekunda und hierdurch nach Berlin versetzt. Das dortige Kadettenhaus lag in der neuen Friedrichstrasse unweit des Alexanderplatzes. Ich lernte nun zum ersten Male Preussens Hauptstadt kennen und durfte jetzt endlich bei den Fruehjahrsparaden mit Aufstellung Unter den Linden und Vorbeimarsch auf dem Opernplatz sowie bei den Herbstparaden auf dem Tempelhofer Felde meinen Allergnaedigsten Herrn, Koenig Wilhelm I., sehen. Einen ebenso erhebenden als ernsten Ton brachte in unser Kadettenleben der Beginn des Jahres 1864. Der Krieg gegen Daenemark brach aus, und ein Teil unserer Kameraden schied im Fruehjahr von uns, um in die Reihen der kaempfenden Truppen zu treten. Mich selbst verhinderte leider noch das jugendliche Alter daran, zu der Zahl dieser Vielbeneideten zu gehoeren. Mit welch heissen Wuenschen die ausziehenden Kameraden von uns begleitet wurden, bedarf keiner Schilderung. Ueber die politischen Gruende, die zu dem Kriege fuehrten, zerbrachen wir uns den Kopf noch nicht. Aber wir hatten doch schon das stolze Empfinden, dass in das matte und haltlose Wesen des Deutschen Bundes endlich einmal ein erfrischender Wind gefahren war, und dass die Tat wieder mehr gelten sollte als das Wort und die Aktenbuendel. Im uebrigen verfolgten wir mit gluehendem Interesse die kriegerischen Ereignisse, wohnten freudig klopfenden Herzens der Einbringung der eroberten Geschuetze und dem Siegeseinzug der Truppen als Zuschauer bei und glaubten zu dem Gefuehl berechtigt zu sein, einen Teil jenes Geistes in uns zu haben, der auf den daenischen Kampffeldern unsere Truppen zum Erfolge fuehrte. War es zu verwundern, wenn wir seitdem kaum den Tag erwarten konnten, der uns selbst in die Reihen unserer Armee fuehren sollte? Bevor dies geschah, wurde uns noch die Ehre und das Glueck zuteil, unserm Koenig persoenlich vorgestellt zu werden. Wir wurden zu dem Zweck in das Schloss gefuehrt und hatten dort Seiner Majestaet Namen und Stand des Vaters zu nennen. Kein Wunder, dass da mancher in der Aufregung erst kein Wort hervorbrachte und dann die Worte durcheinander warf. Hatten wir doch noch nie unserm greisen Herrscher so nahe gegenueber gestanden, ihm noch nie so scharf in das guetige Auge geblickt und seine Stimme gehoert. Ernste Worte sprach der Koenig zu uns. Er ermahnte uns, auch in schweren Stunden unsere Schuldigkeit zu tun. Bald sollten wir Gelegenheit haben, dies in die Tat umzusetzen. Manche von uns haben ihre Treue mit dem Tode besiegelt. Im Fruehjahr 1866 verliess ich das Kadettenkorps. Allezeit bin ich seitdem dieser militaerischen Erziehungsanstalt auf Grund meiner persoenlichen Erfahrungen und Neigungen dankbar und treu ergeben geblieben. Ich freute mich immer der hoffnungsvollen jungen Kameraden in des Koenigs Rock. Auch waehrend des Weltkrieges nahm ich gern Gelegenheit, Soehne meiner Mitarbeiter, meiner Bekannten oder gefallener Kameraden bei mir als Gaeste zu sehen. Ein guenstiger Umstand gab mir sogar Veranlassung, die Feier meines in den Krieg fallenden 70jaehrigen Geburtstages damit zu beginnen, dass ich drei kleine Kadetten in Kreuznach von der Strasse weg an meinen mit essbaren Geschenken reich besetzten Fruehstueckstisch rufen lassen konnte. Sie traten vor mich hin, so wie ich die Jugend liebe, frisch und unbefangen, leibhaftige Bilder laengst vergangener Zeiten, Erinnerungen an selbsterlebte Tage. Im Kampf um Preussens und Deutschlands Groesse Am 7. April 1866 trat ich als "Sekondlieutenant" in das 3. Garderegiment zu Fuss ein. Das Regiment gehoerte zu denjenigen Truppenteilen, die gelegentlich der grossen Vermehrung aktiver Verbaende 1859/60 neu errichtet worden waren. Das junge Regiment hatte sich, als ich in dasselbe eintrat, bereits im Feldzug 1864 Lorbeeren erworben. Die Ruhmesgeschichte eines Truppenteiles schlingt ein einigendes Band um alle seine Angehoerigen und liefert einen Kitt, der sich auch in den schwersten Kriegslagen bewaehrt. Hierin liegt ein unzerstoerbares Etwas, das auch dann weiterwirkt, wenn, wie im letzten grossen Kriege, Regimenter wiederholt einen foermlichen Neuaufbau durchmachen mussten. Uebriggebliebene Reste des alten Geistes durchstroemten die neuen Teile in kurzer Zeit. Ich fand in meinem Regiment, das aus dem 1. Garde-Regiment zu Fuss hervorgegangen war, die gute, alte Potsdamer Schule, den Geist, der den besten Ueberlieferungen des damaligen preussischen Heeres entsprach. Das preussische Offizierkorps dieser Zeit war nicht mit Gluecksguetern gesegnet, und das war gut. Sein Reichtum bestand in seiner Beduerfnislosigkeit. Das Bewusstsein eines besonderen persoenlichen Verhaeltnisses zu seinem Koenig - der Vasallentreue, wie ein deutscher Historiker sich ausdrueckt - durchdrang das Leben der Offiziere und entschaedigte sie fuer manche materielle Entbehrung. Diese ideale Auffassung war fuer die Armee von unschaetzbarem Vorteil. Das Wort "ich dien'" hatte dadurch einen ganz besonderen Klang. Vielfach wurde behauptet, dass eine solche Auffassung eine Absonderung der Offiziere den anderen Berufsklassen gegenueber veranlasst haette. Ich habe diese Einseitigkeit im Offizierstande niemals in hoeherem Masse gefunden wie in jedem anderen Beruf, der auf sich haelt und sich daher unter Seinesgleichen am wohlsten fuehlt. Ein in den Grundzuegen wohl zutreffendes Bild des damaligen Geistes innerhalb des preussischen Offizierskorps findet sich in einer Abhandlung ueber den Kriegsminister von Roon. Dort wird das Offizierskorps dieser Zeit ein aristokratischer Berufsstand genannt, fest und kraeftig in sich geschlossen, aber durchaus nicht verknoechert oder dem allgemeinen Leben abgekehrt, auch keineswegs ohne eine Beimischung liberaler Elemente, fachmaennisch nuechtern aber auch fachmaennisch reich. Gegen das alte Ideal der weiten Menschlichkeit habe sich in ihm das neue der strammen Berufsbildung erhoben. Seine eifrigsten Vertreter habe es in den Soehnen der alten monarchisch-konservativen Schichten Preussens gefunden. Es sei getragen gewesen von einem starken Gefuehl der staatlichen Macht, von einem friderizianischen Zuge, der Preussen in seinem Heere neue Betaetigung in der Welt ersehnte. Als ich beim Regiment in seinem damaligen Standort Danzig eintraf, warfen die politischen Ereignisse der folgenden Monate schon ihre Schatten voraus. Zwar war die Mobilmachung gegen Oesterreich noch nicht ausgesprochen, aber der Befehl zur Erhoehung des Mannschaftsstandes war ergangen und in voller Ausfuehrung begriffen. Angesichts des bevorstehenden Entscheidungskampfes zwischen Preussen und Oesterreich bewegten sich unsere politischen und militaerischen Gedankengaenge voellig in den Bahnen Friedrichs des Grossen. Dementsprechend fuehrten wir auch in Potsdam, wohin das Regiment nach seiner vollendeten Mobilmachung verlegt worden war, unsere Grenadiere an den Sarg dieses unvergesslichen Herrschers. Auch der Tagesbefehl unserer Armee vor dem Einmarsch in Boehmen trug diesen Gedanken in seinem Schlusssatz mit den Worten Rechnung: "Soldaten, vertraut auf eure Kraft und denkt, dass es gilt, denselben Feind zu besiegen, den einst unser groesster Koenig mit einem kleinen Heere schlug." Politisch empfanden wir die Notwendigkeit einer Machtentscheidung zwischen Oesterreich und uns, weil fuer beide Grossmaechte nebeneinander in dem damaligen Bundesverhaeltnis keine freie Betaetigungsmoeglichkeit vorhanden war. Einer von beiden musste weichen, und da solches durch staatliche Vertraege nicht zu erreichen war, hatten die Waffen zu sprechen. Ueber diese Auffassung hinaus war von einer nationalen Feindschaft gegen Oesterreich bei uns keine Rede. Das Gefuehl der Stammesgemeinschaft mit den damals noch ausschlaggebenden deutschen Elementen der Donaumonarchie war zu stark entwickelt, als dass sich feindliche Empfindungen haetten durchsetzen koennen. Der Verlauf des Feldzuges bewies dies auch mehrfach. Gefangene wurden von unserer Seite meist wie Landsleute behandelt, mit denen man sich nach durchgefochtenem Streite gern wieder vertraegt. Die Landeseinwohner auf feindlichem Gebiete, sogar der groesste Teil der tschechischen Bevoelkerung, zeigten uns meist ein derartiges Entgegenkommen, dass sich in den Unterkunftsorten das Leben und Treiben wie in deutschen Manoeverquartieren abspielte. Nicht nur in Gedanken sondern auch in der Wirklichkeit schritten wir in diesem Kriege auf friderizianischen Bahnen. So brach das Gardekorps auf viel betretenen Kriegspfaden von Schlesien her bei Braunau in Boehmen ein. Und der Verlauf unseres ersten Gefechtes, desjenigen bei Soor, fuehrte uns am 28. Juni in dem gleichen Gelaende und in der naemlichen Richtung von Eipel auf Burkersdorf gegen den Feind, in der sich einst am 30. September 1747 waehrend der damaligen Schlacht bei Soor Preussens Garde inmitten der in den starren Formen der Lineartaktik anrueckenden Armee des grossen Koenigs vorbewegt hatte. Unser 2. Bataillon, bei dessen 5. Kompagnie ich den nach dem damaligen Reglement aus dem dritten Gliede gebildeten 1. Schuetzenzug fuehrte, hatte an diesem Tage kaum Gelegenheit, in vorderster Linie einzugreifen, weil wir den taktischen Anschauungen dieser Zeit entsprechend zu der schon vor dem Gefecht ausgesonderten Reserve gehoerten. Immerhin hatten wir aber doch wenigstens Gelegenheit, uns in einem Gehoelz nordwestlich Burkersdorf mit oesterreichischer Infanterie herumzuschiessen und Gefangene zu machen, sowie spaeter ungefaehr zwei Eskadrons feindlicher Ulanen, welche in einem Grunde ahnungslos hielten, durch unser Feuer zu vertreiben und ihnen ihre Fahrzeuge abzunehmen. In letzteren befanden sich unter anderm die Regimentskasse, welche abgeliefert wurde, viele Brote, welche unsere Grenadiere auf ihre Bajonette gespiesst in das Biwak bei Burkersdorf brachten, und das Kriegstagebuch, welches in dem gleichen Heft wie das des italienischen Feldzuges von 1859 niedergeschrieben war. Vor etwa 12 Jahren lernte ich einen aelteren Herrn, einen Mecklenburger, kennen, der damals in oesterreichischen Diensten als Leutnant bei einer der Ulanen-Eskadrons gestanden hatte. Er beichtete mir, dass er bei dieser Gelegenheit seine neue Ulanka eingebuesst haette, die fuer den Einzug in Berlin bestimmt gewesen war. Da ich bei Soor nicht viel erlebt hatte, so musste ich mich damit begnuegen, wenigstens Pulver gerochen und einen Teil jener seelischen Stimmung durchgemacht zu haben, welche die Truppe bei ihrer ersten Beruehrung mit dem Gegner ergreift. Aus meiner Kampfbegeisterung heraus wurde ich am naechsten Tage sozusagen mit der Rueckseite der Medaille bekannt gemacht. Mir oblag mit 60 Grenadieren die traurige Pflicht, das Gefechtsfeld nach Toten abzusuchen und diese zu beerdigen, eine ernste Arbeit, die dadurch erschwert wurde, dass das Getreide noch auf dem Halm stand. Mit knapper Not erreichte ich, vielfach andere Truppenteile durch Laufen im Chausseegraben ueberholend, mit meinen Leuten am Nachmittag mein Bataillon, das sich schon im Gros der Division im Vormarsch nach Sueden befand. Ich kam gerade noch zur Zeit, um die Erstuermung des Elbueberganges von Koeniginhof durch unsere Vorhut mit anzusehen. Der 30. Juni versetzte mich in die nuechterne Wirklichkeit kriegerischen Kleinkrams. Ich musste mit schwacher Bedeckung etwa 30 Wagen voll Gefangener im Nachtmarsch nach Trautenau bringen, dort in die nunmehr leeren Fahrzeuge Verpflegung aufnehmen und mit dieser dann wieder nach Koeniginhof zurueckkehren. Erst am 2. Juli frueh konnte ich mich meiner Kompagnie wieder anschliessen. Es war hohe Zeit, denn schon der naechste Tag rief uns auf das Schlachtfeld von Koeniggraetz. Nachdem ich in der folgenden Nacht mit meinem Zuge eine Patrouille in der Richtung auf die Festung Josephstadt ausgefuehrt hatte, standen wir am Morgen des 3. Juli ziemlich ahnungslos im nasskalten Vorposten-Biwak am Suedausgang von Koeniginhof herum. Da ertoente das Alarmsignal, und bald darauf kam der Befehl, rasch Kaffee zu kochen und dann marschbereit zu sein. Aufmerksame Lauscher konnten bald heftiges Geschuetzfeuer aus suedwestlicher Richtung vernehmen. Die Anschauungen ueber den Grund des Gefechtslaerms waren geteilt. Im allgemeinen ueberwog die Meinung, dass die von der Lausitz her in Boehmen eingedrungene 1. Armee des Prinzen Friedrich Karl - wir gehoerten zur 2. des Kronprinzen - irgendwo auf ein vereinzeltes oesterreichisches Korps gestossen sei. Der nun eintreffende Vormarschbefehl wurde mit Jubel begruesst. Sah doch der Gardist mit hellem Neid auf die bisherigen glaenzenden Erfolge, die das links von uns vorgedrungene V. Armeekorps unter General von Steinmetz bisher errungen hatte. Unter stroemendem Regen, trotz kuehler Witterung in Schweiss gebadet, wateten wir muehsam in langgezogenen Kolonnen auf grundlosen Wegen vorwaerts. Ein erregter Eifer hatte sich eingestellt und steigerte sich bei mir zu der Sorge, dass wir vielleicht zu spaet kommen koennten. Diese Besorgnis erwies sich bald als unnoetig. Der Kanonendonner wurde, nachdem wir aus dem Elbtal heraufgestiegen waren, immer deutlicher hoerbar. Auch sahen wir gegen 11 Uhr einen hoeheren Stab zu Pferde auf einer Anhoehe neben unserem Wege halten, sorgsam durch die Fernglaeser nach Sueden spaehend. Es war das Oberkommando der 2. Armee, an seiner Spitze unser Kronprinz, der spaetere Kaiser Friedrich. Sein damaliger Generalstabschef, General von Blumenthal, hat mir nach Jahren ueber diesen Augenblick folgendes erzaehlt: "Gerade als die 1. Gardedivision auf unergruendlichen Wegen an uns vorbeizog, bat ich den Kronprinzen, mir die Hand zu geben. Als dieser mich daraufhin fragend anblickte, fuegte ich hinzu, dass ich ihm zur gewonnenen Schlacht gratulieren wolle. Das oesterreichische Geschuetzfeuer schluege ueberall nach Westen, ein Beweis dafuer, dass der Feind auf der ganzen Linie durch die 1. Armee gefesselt waere, sodass wir ihm jetzt in die Flanke und teilweise in den Ruecken kaemen. Angesichts solcher Lage war nur noch anzuordnen, dass das Gardekorps rechts, das VI. Korps links einer trotz des Nebels weithin sichtbaren, von zwei maechtigen Lindenbaeumen gekroenten, bei Horenowes gelegenen Hoehe weiter vorgehen sollten, waehrend das I. und V. Korps, die noch im Anmarsch auf das Schlachtfeld begriffen waren, diesen Korps zu folgen haetten. Weiteres hatte der Kronprinz an dem Tage kaum noch zu befehlen." Unsere Bewegung wurde zunaechst noch querfeldein fortgesetzt, dann marschierten wir auf, und bald wurden uns die ersten Granaten von den Hoehen seitwaerts Horenowes entgegengeschickt. Die oesterreichische Artillerie bewahrheitete ihren guten, alten Ruf. Eines der ersten Geschosse verwundete meinen Kompagnie-Fuehrer, ein anderes toetete dicht hinter mir meinen Fluegelunteroffizier und bald schlug auch eine Granate mitten in unsere Kolonne ein und setzte 25 Mann ausser Gefecht. Als dann aber das Feuer verstummte und die Hoehen uns kampflos in die Haende fielen, weil es sich hier nur um eine aus der Ueberraschung heraus zum Zwecke des Zeitgewinns schwach besetzte vorgeschobene Stellung des Feindes gehandelt hatte, machte sich ein Gefuehl der Enttaeuschung geltend. Freilich nicht fuer lange, denn bald oeffnete sich uns der Einblick auf einen grossen Teil eines gewaltigen Schlachtfeldes. Halbrechts vorwaerts von uns erhoben sich in der trueben Luft schwere Qualmwolken aus den Feuerstellungen unserer 1. und der gegnerischen Armee an der Bistritz. Aufblitzendes Geschuetzfeuer und die Glut brennender Ortschaften gaben dem Bilde eine eigenartig ernste Faerbung. Der dichter gewordene Nebel, das hohe Getreide und die Bodengestaltung erschwerten dem Gegner das Erkennen unserer Bewegungen. Auffallend gering war daher das Feuer feindlicher Batterien, die uns nun bald aus suedlicher Richtung beschossen, ohne uns aufhalten zu koennen. Sie sind spaeter groesstenteils nach tapferer Verteidigung erobert worden. So drangen wir mit der Schnelligkeit, die das Gelaende, der schwere, tiefe und glatte Boden, das Getreide, Raps und Zuckerrueben gestatteten, vorwaerts. Unser Angriff war nach allen Regeln der damaligen Kriegskunst aufgebaut worden, fiel aber bald auseinander. Kompagnien, ja selbst Zuege begannen sich ihre Gegner zu suchen; alles draengte nach vorwaerts. Den Zusammenhang fuer alle bildete nur der Wille: Heran an den Feind! Zwischen Chlum und Nedelist traf unser Halbbataillon - eine damals sehr beliebte Gefechtsformation - im Nebel und Getreide ueberraschend auf feindliche, von Sueden vorkommende Infanterie. Sie wurde durch das ueberlegene Zuendnadelgewehr bald zum Weichen gebracht. Ihr mit meinem Schuetzenzuge in aufgeloester Ordnung folgend, stiess ich ploetzlich auf eine oesterreichische Batterie, die in ruecksichtsloser Kuehnheit herbeieilte, abprotzte und uns eine Kartaetschlage entgegenschleuderte. Von einer Kugel, die mir den Helm durchbohrte, am Kopf gestreift, brach ich fuer kurze Zeit bewusstlos zusammen. Als ich mich wieder aufraffte, drangen wir in die Batterie ein. Fuenf Geschuetze waren unser, die drei anderen entkamen. Das war ein stolzes Gefuehl, als ich hochaufatmend, aus leichter Kopfwunde blutend unter meinen eroberten Kanonen stand. Aber ich hatte nicht Zeit, auf meinen Lorbeeren auszuruhen. Feindliche Jaeger, kenntlich an den Hahnenfedern auf ihren Hueten, tauchten im Weizen auf. Ich wies sie ab und folgte ihnen bis zu einem Hohlwege. Der Zufall wollte es, dass im Verlauf des letzten grossen Krieges dieses mein erstes Schlachterlebnis in Oesterreich bekannt wurde. Ein verabschiedeter ehemaliger Offizier, Veteran von 1866, schrieb mir infolgedessen aus Reichenberg in Boehmen, dass er bei Koeniggraetz als Regimentskadett in der von mir angegriffenen Batterie gestanden habe, und belegte diese Tatsache durch eine Skizze. Da er noch einige freundliche Worte hinzufuegte, dankte ich ihm herzlich, und so war zwischen den einstigen Gegnern ein recht kameradschaftlicher Briefwechsel zustande gekommen. Als ich den oben erwaehnten Hohlweg erreichte, hielt ich Umschau. Die feindlichen Jaeger waren im Regendunst verschwunden. Die umliegenden Doerfer - vor mir Wsestar, rechts Rosberitz und links Sweti - waren merkbar noch in Feindes Hand; um Rosberitz wurde bereits gekaempft. Ich selbst war mit meinem Zug allein. Hinter mir war nichts von den Unsrigen zu sehen. Die geschlossenen Abteilungen waren mir nicht suedwaerts gefolgt, sondern schienen sich nach rechts gewendet zu haben. Ich beschloss, meiner Einsamkeit auf dem weiten Schlachtfelde dadurch ein Ende zu machen, dass ich mich in dem Hohlweg nach Rosberitz heranzog. Bevor ich mein Ziel erreichte, brausten noch mehrere oesterreichische Schwadronen, mich mit meiner Handvoll Leuten nicht bemerkend, an mir vorueber. Sie ueberschritten vor mir den Hohlweg an einer flachen Stelle und stiessen kurze Zeit darauf, wie mir das lebhafte Gewehrfeuer verriet, im Gelaende nordoestlich Rosberitz auf mir unsichtbare diesseitige Infanterie. Bald rasten von dorther ledige Pferde zurueck und schliesslich jagte alles wieder an mir vorbei. Ich schickte noch einige Kugeln nach; die weissen Maentel der Reiter boten in der trueben Witterung gute Ziele. Die Lage in Rosberitz war, als ich dort eintraf, eine ernste. Ungestuem vordraengende Zuege und Kompagnien verschiedener Regimenter unserer Division waren daselbst auf sehr ueberlegene feindliche Kraefte geprallt. Hinter unsern schwachen Abteilungen befanden sich zunaechst keine Verstaerkungen. Die Masse der Division war von dem hochgelegenen Dorfe Chlum angezogen worden und stand dort in heftigem Kampf. Mein Halbbataillon, mit dem ich mich am Ostrande von Rosberitz gluecklich wieder vereinigte, war daher die erste Hilfe. Wer mehr ueberrascht ist, die Oesterreicher oder wir, vermag ich nicht zu beurteilen. Jedenfalls draengen die zusammengeballten feindlichen Massen von drei Seiten auf uns, um das Dorf wieder ganz in Besitz zu nehmen. So fuerchterlich unser Zuendnadelgewehr auch wirkt, ueber die stuerzenden ersten Reihen kommen immer wieder neue auf uns zu. So entsteht in den Dorfgassen zwischen den brennenden, strohbedeckten Haeusern ein moerderisches Handgemenge. Von Kampf in geordneten Verbaenden ist keine Rede mehr. Jeder sticht und schiesst um sich, so viel er kann. Prinz Anton von Hohenzollern vom 1. Garderegiment bricht schwerverwundet zusammen. Faehnrich von Woyrsch, der jetzige Feldmarschall, bleibt mit einigen Leuten im hin- und herwogenden Kampf bei dem Prinzen. Dessen goldene Uhr wird mir ueberbracht, damit diese nicht etwa feindlichen Pluenderern in die Haende faellt. Bald laufen wir Gefahr, abgeschnitten zu werden. Aus einer in unseren Ruecken fuehrenden Seitengasse toenen oesterreichische Hornsignale, hoert man die dumpfer als die unserigen klingenden Trommeln des Feindes. Wir muessen, auch in der Front hart bedraengt, zurueck. Ein brennendes Strohdach, das auf die Strasse herabstuerzt und sie mit Flammen und dichtem Qualm absperrt, rettet uns. Wir entkommen unter diesem Schutz auf eine Hoehe dicht nordoestlich des Dorfes. Weiter wollen wir in wilder Erbitterung nicht zurueckgehen. Major Graf Waldersee vom 1. Garde-Regiment zu Fuss, der 1870 vor Paris als Kommandeur des Garde-Grenadierregiments Koenigin Augusta fiel, laesst als aeltester anwesender Offizier die bei uns befindlichen beiden Fahnen in die Erde stecken; um diese geschart werden die Verbaende wieder geordnet. Schon nahen auch von rueckwaerts Verstaerkungen. Und so geht es denn bald wieder mit schlagenden Tambours vorwaerts, dem Feinde entgegen, der sich mit der Besitzergreifung des Dorfes begnuegt hat. Auch dieses raeumt er bald, um sich der allgemeinen Rueckzugsbewegung seines Heeres anzuschliessen. In Rosberitz fanden wir den Prinzen von Hohenzollern wieder, der aber nach kurzer Zeit im Lazarett zu Koeniginhof seinen Wunden erlag. Seine treue Bedeckung hatte der Feind als Gefangene mitgefuehrt. Auch aus meinem Zuge teilten mehrere Grenadiere dieses Schicksal, nachdem sie sich in einer Ziegelei tapfer verteidigt hatten. Als wir zwei Tage spaeter auf dem Weitermarsch abends suedwestlich der Festung Koeniggraetz Biwaks bezogen, fanden sich die braven Leute wieder bei uns ein. Der Kommandant der Festung hatte sie in der Richtung auf die preussischen Biwakfeuer hinausgeschickt, um der Sorge ihrer Ernaehrung enthoben zu sein. Sie hatten das Glueck, gerade ihren eigenen Truppenteil vorzufinden. Als Abschluss des Kampfes gingen wir noch bis Wsestar vor und blieben dort, bis wir das Schlachtfeld verliessen. Der Arzt wollte mich wegen meiner Kopfwunde in ein Lazarett schicken; ich begnuegte mich aber in Erwartung einer zweiten Schlacht hinter der Elbe mit Umschlaegen und einem leichten Verbande und durfte fortan auf den Maerschen statt des Helmes die Muetze tragen. Eigenartige Gefuehle waren es, welche mich am Abend des 3. Juli bewegten. Naechst dem Dank gegen Gott den Herrn herrschte besonders das stolze Bewusstsein vor, an einem Werke mitgetan zu haben, das ein neues Ruhmesblatt in der Geschichte des preussischen Heeres und des preussischen Vaterlandes geworden war. Uebersahen wir auch noch nicht die volle Tragweite unseres Sieges: dass es sich um mehr als in den vorhergegangenen Gefechten gehandelt hatte, war uns doch schon klar. In Treue gedachte ich der gefallenen und verwundeten Kameraden. Mein Zug hatte die Haelfte seines Bestandes verloren, ein Beweis dafuer, dass er seine Schuldigkeit getan hatte. Als wir am 6. Juli die Elbe bei Pardubitz auf einer Kriegsbruecke ueberschritten, erwartete dort der Kronprinz das Regiment und sprach uns seine Anerkennung ueber das Verhalten in der Schlacht aus. Wir dankten mit lautem Hurra und zogen weiter, stolz auf das uns von dem Oberbefehlshaber unserer Armee und Erben der Krone Preussens gespendete Lob, freudig bereit, ihm zu neuen Kaempfen zu folgen. Der weitere Verlauf des Feldzuges brachte uns aber nur noch Maersche und somit keine erwaehnenswerten Erlebnisse. Der am 22. Juli eintretende Waffenstillstand traf uns in Niederoesterreich, etwa 40 km von Wien entfernt. Als wir von hier aus bald darauf den Rueckmarsch in die Heimat antraten, begleitete uns ein unheimlicher Gast, die Cholera. Erst allmaehlich verliess sie uns, nicht ohne noch manches Opfer aus unseren Reihen gefordert zu haben. An der Eger blieben wir einige Wochen stehen. Waehrend dieser Zeit traf ich mich mit meinem Vater, der als Johanniter in einem Lazarett auf dem Schlachtfelde von Koeniggraetz taetig war, in Prag. Wir liessen diese Gelegenheit nicht voruebergehen, ohne das naheliegende Schlachtfeld unseres grossen Koenigs zu besuchen. Wie waren wir erstaunt, dort neben dem vom preussischen Staat nach dem Befreiungskriege fuer den bei Prag gefallenen Feldmarschall Grafen Schwerin errichteten Denkmal ein zweites zu finden, das bereits lange Zeit vorher Kaiser Joseph II., ein Bewunderer Friedrichs des Grossen, zur Ehrung des gegnerischen Helden dort hatte setzen lassen. Die Erinnerung an den Besuch dieses Schlachtfeldes wurde in mir im Verlauf des letzten Krieges wieder besonders lebendig. Liegt doch ein Vergleich der Lage Preussens 1757 mit der Deutschlands 1914 nahe. Wie nach dem auf Prag folgenden Kolin, so noetigte nach der manchem Siege folgenden Marneschlacht das Scheitern unseres grossen Offensivgedankens das Vaterland zu einer verhaengnisvollen Verlaengerung des Daseinskampfes. Aber waehrend uns der Ausgang des siebenjaehrigen Ringens ein maechtiges Preussen zeigt, erblicken wir am Ende des letzten vierjaehrigen Verzweiflungskampfes ein gebrochenes Deutschland. Waren wir der Vaeter nicht wuerdig gewesen? Am 2. September ueberschritten wir in Fortsetzung des Rueckmarsches die boehmisch-saechsische Grenze, dann am 8. September auf der Chaussee Grossenhain-Elster die Grenze der Mark Brandenburg. Eine Ehrenpforte begruesste uns. Durch sie kehrten wir unter den Klaengen des "Heil Dir im Siegerkranz" in die Heimat zurueck. Mit welchen Gefuehlen, bedarf keiner Erlaeuterung. Am 20. September war der feierliche Einzug in Berlin. Die Paradeaufstellung erfolgte auf dem jetzigen Koenigsplatz, damals einem sandigen Exerzierplatz. Wo jetzt das Generalstabsgebaeude steht, befand sich ein Holzhof, der mit der Stadt durch einen mit Weiden besetzten Weg verbunden war. Krolls "Etablissement" gab es dagegen bereits. Vom Aufstellungsplatze weg rueckte die Einzugstruppe durch das Brandenburger Tor die Linden herauf zum Opernplatz. Dort war der Vorbeimarsch vor Seiner Majestaet dem Koenig. Bluecher, Scharnhorst und Gneisenau sahen von ihren Postamenten zu. Sie konnten mit uns zufrieden sein! Zum Einruecken in die Paradeaufstellung hatte sich mein Bataillon am Floraplatz versammelt. Dort wurde mir vom Kommandeur der Rote Adlerorden 4. Klasse mit Schwertern mit der Weisung ueberreicht, ihn sofort anzulegen, weil die neuen Auszeichnungen beim Einzug getragen werden sollten. Als ich mich ziemlich ratlos umsah, trat aus der Menge der Zuschauer eine aeltere Dame heraus und befestigte mit einer Stecknadel das Ehrenzeichen auf meiner Brust. So oft ich in spaetern Jahren, sei es zu Fuss, sei es zu Pferde, ueber den Floraplatz kam, stets gedachte ich in Dankbarkeit der freundlichen Berlinerin, die dem 18jaehrigen Leutnant dort einst seinen ersten Orden angeheftet hat. Nach dem Kriege wurde dem 3. Garderegiment Hannover als Friedensgarnison zugewiesen. Man wollte dadurch wohl der bisherigen Hauptstadt eine Aufmerksamkeit erweisen. Ungern gingen wir hin, als aber nach 12 Jahren die Scheidestunde durch Versetzung des Regiments nach Berlin schlug, da war wohl keiner in dessen Reihen, dem die Trennung nicht schwer wurde. Ich selbst hatte die schoene Stadt, die ich schon 1873 verlassen musste, so lieb gewonnen, dass ich mich spaeter nach meiner Verabschiedung dorthin zurueckzog. Bald hatten wir in dem neuen Standort Bekanntschaften angeknuepft. Manche Hannoveraner hielten sich freilich aus politischen Gruenden gaenzlich zurueck. Wir haben die Treue gegen das angestammte Herrscherhaus nie verurteilt, so sehr wir von der Notwendigkeit der Einverleibung Hannovers in Preussen durchdrungen waren. Nur da, wo das Welfentum im Verhalten einzelner seinen Schmerz nicht mit Wuerde trug, sondern sich in Ungezogenheiten, Beleidigungen oder Widersetzlichkeiten gefiel, sahen wir in ihm einen Gegner. Immer mehr lebten wir uns im Laufe der Jahre in Hannover ein, das in gluecklichster Weise die Vorteile einer Grossstadt nicht mit den Nachteilen einer solchen vereinigt. Eine rege, vornehme Geselligkeit, welche spaeter, nach dem franzoesischen Kriege, dadurch ihren Hoehepunkt erreichte, dass Ihre Koeniglichen Hoheiten der Prinz Albrecht von Preussen und Gemahlin dort jahrelang weilten, wechselte mit dem Besuch des vorzueglichen Hoftheaters ab, der dem jungen Offizier fuer ein Billiges ermoeglicht war. Herrliche Parkanlagen und einer der schoensten deutschen Waelder, die Eilenriede, umgeben die Stadt; an ihnen konnte man sich in dienstfreien Stunden zu Fuss und zu Pferde erfreuen. Und nahmen wir an den Manoevern in der Provinz teil, anstatt zu den Herbstuebungen des Gardekorps nach Potsdam zu fahren, so lernten wir allmaehlich ganz Niedersachsen vom Fels zum Meer in seiner anmutenden Eigenart kennen und schaetzen. Der kleine Dienst spielte sich auf dem Waterlooplatz ab. Dort habe ich drei Jahre hintereinander meine Rekruten ausgebildet und in einer der an diesem Platz gelegenen Kasernen meine erste Dienstwohnung, Wohn- und Schlafstube, innegehabt. Noch jetzt versetze ich mich gern, wenn ich diesen Stadtteil betrete, in Gedanken in die goldene Jugendzeit zurueck. Fast alle meine damaligen Kameraden sind schon bei der grossen Armee versammelt. Meinen mehrjaehrigen Kompagniechef, Major a. D. von Seel, durfte ich jedoch noch kuerzlich wiedersehen. Ich verdanke dem jetzt mehr als 80jaehrigen unendlich viel; war er mir doch ganz besonders ein Vorbild und Lehrer in strengster Dienstauffassung. Im Sommer 1867 besuchte Seine Majestaet der Koenig zum ersten Male Hannover. Ich stand bei der Ankunft in der Ehrenkompagnie vor dem Palais im Georgspark und wurde von meinem Kriegsherrn durch die Frage beglueckt, bei welcher Gelegenheit ich mir den Schwerterorden verdient haette. In spaetern Jahren, nachdem ich mir noch das Eiserne Kreuz fuer 1870/71 erworben hatte, hat mein Kaiser und Koenig die gleiche Frage noch manchesmal bei Versetzungs- und Befoerderungsmeldungen an mich gerichtet. Stets durchzuckte es mich dann mit ebensolchem Stolz und ebensolcher Freude wie damals. Immer fester fuegten sich die staatlichen, militaerischen und sozialen Verhaeltnisse Hannovers ineinander. Bald sollte sich auch diese neue Provinz auf blutigen Schlachtfeldern als ebenbuertiger Bestandteil Preussens bewaehren! Bei Ausbruch des Krieges 1870 rueckte ich als Adjutant des 1. Bataillons ins Feld. Mein Kommandeur, Major von Seegenberg, hatte die Feldzuege von 1864 und 1866 im Regiment als Kompagniechef mitgemacht. Er war ein kriegserprobter altpreussischer Soldat von ruecksichtsloser Energie und unermuedlicher Fuersorge fuer die Gruppe. Unsere gegenseitigen Beziehungen waren gute. Der Beginn des Feldzuges brachte fuer das Regiment, wie fuer das ganze Gardekorps, insofern schmerzliche Enttaeuschungen, als wir in wochenlangen Maerschen nicht an den Feind kamen. Erst nachdem wir bereits die Mosel oberhalb Pont a Mousson ueberschritten und beinahe die Maas erreicht hatten, riefen uns die Ereignisse westlich Metz am 17. August in die dortige Gegend. Wir bogen nach Norden ab und trafen nach ausserordentlich anstrengendem Marsch am Abend dieses Tages auf dem Schlachtfelde von Vionville ein. Die Spuren des furchtbaren Ringens unseres III. und X. Armeekorps am vorhergehenden Tage traten uns allenthalben vor die Augen. Ueber die Kriegslage erfuhren wir soviel wie nichts. So marschierten wir auch am 18. August von unseren Biwakplaetzen bei Hannonville westlich Mars la Tour in eine uns noch ziemlich unklare Lage hinein und erreichten gegen Mittag Doncourt. Der bis dorthin verhaeltnismaessig kurze Marsch, ausgefuehrt in dichten Massenformationen unter unliebsamer Kreuzung mit dem saechsischen (XII.) Korps, in gluehender Hitze, in dichten Staubwolken, ohne die Moeglichkeit genuegender Wasserversorgung seit dem vorausgehenden Tage, war zu einer grossen Anstrengung geworden. Ich selbst hatte auf dem Marsch erst das Grab eines bei den 2. Gardedragonern gefallenen Vetters auf dem Friedhof von Mars la Tour besucht und dann Gelegenheit genommen, ueber das Angriffsfeld der 38. Infanteriebrigade und des 1. Garde-Dragoner-Regiments zu reiten. Reihen, ja stellenweise ganze Haufen von Gefallenen, Preussen wie Franzosen, in und noerdlich einer Schlucht, bewiesen, welch ein moerderischer Kampf hier auf den allernaechsten Entfernungen gefuehrt worden war. Bei Doncourt machen wir Halt und denken ans Abkochen. Geruechte, dass Bazaine nach Westen abmarschiert und damit entkommen sei, verbreiten sich. Die Begeisterung vom Vormittag ist ziemlich abgeflaut. Ploetzlich beginnt in oestlicher Richtung eine gewaltige Kanonade. Das IX. Korps ist auf den Feind gestossen. Der Gefechtslaerm belebt auch bei uns alles. Die Nerven beginnen sich neu zu spannen, das Herz wieder staerker und freudiger zu schlagen. Der Weitermarsch in nordoestlicher Richtung wird angetreten. Der Eindruck, dass es sich heute um eine gewaltige Schlacht handle, verstaerkt sich von Minute zu Minute. Wir marschieren auf und erhalten in der Naehe von Batilly den Befehl, die Fahnen zu enthuellen. Es geschieht unter dreifachem Hurra; ein ergreifender Augenblick! Fast gleichzeitig galoppieren Gardebatterien an uns vorbei nach Osten vor, heran an die gegnerischen Stellungen. Immer maechtiger entwickelt sich das Schlachtenbild. Ueber den Hoehen von Amanweiler bis halbwegs gegen St. Privat erheben sich dichte, schwere Wolken von Pulverdampf. In mehreren Linien hinter- und zugleich uebereinander steht dort oben feindliche Infanterie und Artillerie. Ihr Feuer ist vorlaeufig mit ganzer Wucht gegen das IX. Armeekorps gerichtet. Dies wird anscheinend auf seinem linken Fluegel vom Gegner ueberragt. Einzelheiten sind nicht zu erkennen. Um einen frontalen Angriff gegen die feindliche Stellung zu vermeiden, wenden wir uns in einer Wiesenschlucht, etwa fuenf Kilometer gleichlaufend zur feindlichen Front, nach Norden auf Ste. Marie aux Chenes. Das Dorf wird von der Avantgarde unserer Division und Teilen des links von uns auf Auboue marschierenden XII. Korps angegriffen und besetzt. Nach Gewinnung von Ste. Marie marschiert unsere Brigade dicht suedlich des Dorfes, mit der Front nach diesem, auf. Wir ruhen. Freilich eine eigenartige Ruhe. Verirrte Kugeln aus St. Privat vorgeschobener feindlicher Schuetzen schlagen ab und zu in unsere dicht geschlossenen Formationen ein. Leutnant von Helldorff, vom 1. Garderegiment, wird in meiner Naehe erschossen; sein Vater, Bataillonskommandeur im gleichen Regiment, war 1866 bei Koeniggraetz in Rosberitz auch unweit von mir gefallen. Mehrere Leute werden verwundet. Ich betrachte mir die Lage. In oestlicher Richtung, fast in der rechten Flanke unserer jetzigen Front, liegt auf einer allmaehlich ansteigenden Hoehe St. Privat, mit dem etwa zwei Kilometer entfernten Ste. Marie aux Chenes durch eine gradlinige, mit Pappeln bestandene Chaussee verbunden. Das Gelaende noerdlich dieser Strasse ist durch die Baumreihen grossenteils der Sicht entzogen, macht aber den gleichen deckungslosen Eindruck, wie das Feld suedlich der Chaussee. Auf den Hoehen selbst herrscht eine fast unheimliche Stille. Unwillkuerlich strengt sich das Auge an, dort vermutete Geheimnisse zu entdecken. Ihnen durch Aufklaerung den Schleier zu nehmen, scheint man auf unserer Seite nicht fuer noetig zu halten. So bleiben wir denn ruhig liegen. Gegen 51/2 Uhr nachmittags trifft unsere Brigade der Angriffsbefehl. Wir sollen hart oestlich Ste. Marie vorbei in noerdlicher Richtung antreten und dann jenseits der Chaussee gegen St. Privat zum Angriff einschwenken. Das Bedenken, dass diese kuenstliche Bewegung von St. Privat her in der rechten Flanke gefasst wuerde, draengt sich sofort auf. Kurz bevor sich unsere Bataillone erheben, wird das ganze Gelaende um St. Privat lebendig und huellt sich in den Qualm feuernder franzoesischer Linien. Die nicht zu unserer Division gehoerige 4. Gardebrigade geht naemlich bereits suedlich der Chaussee vor. Gegen sie wendet sich daher vorlaeufig die ganze Kraft der gegnerischen Wirkung. Diese Truppe wuerde in kuerzester Zeit zur Schlacke ausbrennen, wenn wir, die 1. Gardebrigade, nicht baldmoeglich noerdlich der Chaussee angreifen und dadurch Entlastung schaffen wuerden. Freilich, dort hinueberzukommen, erscheint fast unmoeglich. Mein Kommandeur reitet mit mir vor, um das Gelaende einzusehen und dem Bataillon im Rahmen der Brigade die Marschrichtung anzugeben. Ein ununterbrochener Feuerorkan fegt jetzt auch gegen uns ueber das ganze Feld. Doch wir muessen versuchen, die eingeleitete Bewegung durchzufuehren. Es gelingt uns auch, die Strasse zu ueberschreiten. Jenseits dieser nehmen die sich dicht draengenden Kolonnen Front gegen die feindlichen Feuerlinien und stuerzen, sich auseinanderziehend, vorwaerts gegen St. Privat. Alles strebt danach, so nahe als moeglich an den Gegner heranzukommen, um die dem Chassepot gegenueber minderwertigen Gewehre brauchen zu koennen. Der Vorgang wirkt ebenso erschuetternd wie imponierend. Hinter den wie gegen ein Hagelwetter vorstuermenden Massen bedeckt sich das Gelaende mit Toten und Verwundeten, aber die brave Truppe draengt unaufhaltsam vorwaerts. Immer und immer wieder wird sie von ihren Offizieren und Unteroffizieren, die bald von den tuechtigsten Grenadieren und Fuesilieren ersetzt werden muessen, auf- und vorgerissen. Ich sehe im Vorbeireiten, wie der Kommandierende General des Gardekorps, Prinz August von Wuerttemberg, zu Pferde am Ortsausgang von Ste. Marie haltend, die gewaltige Krisis verfolgt, in die seine herrlichen Regimenter sich hineinstuerzen, um darin vielleicht zugrunde zu gehen. Ihm gegenueber soll der Marschall Canrobert am Eingange von St. Privat gestanden haben. Um sein Bataillon aus der Anstauung der Massen nordoestlich Ste. Marie herauszubringen und ihm die fuer den Kampf notwendige Armfreiheit zu schaffen, laesst mein Kommandeur dasselbe nicht gleich die Front auf St. Privat nehmen, sondern setzt mit ihm zunaechst in einer Falte des Gelaendes die bisherige noerdliche Bewegung fort. So schieben wir uns in leidlicher Deckung so weit seitlich heraus, dass wir nach dem Einschwenken den linken Fluegel der Brigade bilden. In diesem Verhaeltnis gelangen wir unter zunehmenden Verlusten in die Gegend halbwegs Ste. Marie-Roncourt. Bevor wir uns von hier aus zu einer Umfassung von St. Privat anschicken koennen, muessen wir bei Roncourt, das die Sachsen von Auboue aus noch nicht erreicht zu haben scheinen, klar sehen. Ich reite hin, finde das Dorf von Freund und Feind unbesetzt, bemerke aber in den Steinbruechen oestlich des Dorfes franzoesische Infanterie. Es gelingt mir, noch rechtzeitig zwei Kompagnien meines Bataillons nach Roncourt zu fuehren. Bald darauf unternimmt der Gegner einen Angriff aus den Steinbruechen, welcher abgewiesen wird. Nunmehr koennen sich die beiden andern Kompagnien ohne Besorgnis fuer Flanke und Ruecken gegen den Nordeingang von St. Privat wenden, um dem schweren frontalen Kampf der uebrigen Teile der Brigade wenigstens eine geringe Entlastung zu bringen. Spaeter, nachdem Roncourt von Teilen des XII. Korps besetzt worden ist, ziehen sich auch unsere beiden dort verwendeten Kompagnien heran. In der Front nimmt unterdessen das blutige Ringen seinen Fortgang. Von feindlicher Seite aus ein ununterbrochen rollendes Infanteriefeuer aus mehreren Linien, das alles Leben auf dem weiten, deckungslosen Angriffsfeld niederzudruecken versucht. Auf unserer Seite eine lueckenreiche Linie loser Truppentruemmer, die sich aber nicht nur am Boden festkrallen, sondern wie in krampfhaften Zuckungen sich immer wieder auf den Gegner zu stuerzen versuchen. Mit verhaltenem Atem sehe ich auf diese Schlachtszenen, aufs aeusserste gespannt, ob nicht ein feindlicher Gegenstoss unsere Truppen wieder zurueckschleudern wuerde. Doch die Franzosen bleiben bis auf einen nicht ueber das erste Anreiten hinauskommenden Versuch, mit Kavallerie noerdlich um St. Privat herum vorzubrechen, starr in ihren Stellungen. Eine Atempause im Infanteriekampf tritt ein. Beide Teile sind erschoepft und liegen sich, nur wenig feuernd, gegenueber. Die Waffenruhe auf dem Schlachtfelde ist so ausgesprochen, dass ich vom linken Fluegel bis fast zur Mitte der Brigade und zurueck in der Feuerlinie entlang reite, ohne das Gefuehl einer Gefahr zu haben. Aber dann beginnt die Zermuerbungsarbeit unserer vorgezogenen Artillerie, und bald schieben sich ausserdem die frischen Kraefte der 2. Gardebrigade von Ste. Marie her in die im Verbluten begriffenen Reste der 4. und 1. ein, waehrend von Nordwesten auch saechsische Hilfe naht. Der Druck, der auf der schwer ringenden Infanterie lag, wird fuehlbar leichter. Wo eine Zeitlang nur Tod und Verderben zu sein schien, ruehrt sich neues Kampfesleben, zeigt sich neuer Kampfeswille, der schliesslich im Sturm auf den Feind seinen heldenhaften Abschluss findet. Es ist ein unbeschreiblich ergreifender Augenblick, als sich bei sinkender Abendsonne unsere vordersten Kampflinien zum letzten Vorbrechen erheben. Kein Befehl treibt sie an, das gleiche seelische Empfinden, der eherne Entschluss zum Erfolg, ein heiliger Kampfesgrimm draengt nach vorwaerts. Dieser unwiderstehliche Zug reisst alle mit sich fort. Das Bollwerk des Gegners stuerzt bei Einbruch der Dunkelheit. Ein ungeheuerer Jubel bemaechtigt sich unser. Als ich spaet Abends die Reste unseres Bataillons zaehlte und dann am andern Morgen die noch viel schwaechern Truemmer der uebrigen Teile meines Regimentes wiedersah, als die innere Abspannung eintrat, da kamen weichere Seiten menschlichen Gefuehles zu ihrer Geltung. Man denkt dann nicht nur an das, was im Kampfe gewonnen wurde sondern auch an das, was dieser Erfolg gekostet hat. Das 3. Garderegiment hatte einen Gesamtverlust von 36 Offizieren, 1060 Unteroffizieren und Mannschaften aufzuweisen, davon tot 17 Offiziere und 304 Mann. Aehnliche Zahlen ergaben sich bei allen Garde-Infanterie-Regimentern. Im Verlauf des letzten grossen Krieges sind Gefechtsverluste in der Hoehe, wie sie die Garde bei St. Privat erlitten, innerhalb unserer Infanterieregimenter haeufig geworden. Ich konnte aus meinen damaligen Erfahrungen ermessen, was das fuer die Truppe bedeutet. Welch eine Masse bester, vielfach unersetzlicher Kraefte sinken da ins Grab! Welch ein herrlicher Geist muss aber andererseits in unserem Volke lebendig gewesen sein, um trotzdem in jahrelangem Ringen unsere Armee weiter kampfkraeftig zu erhalten! Am 19. August begruben wir unsere Toten, und am 20. nachmittags marschierten wir nach Westen ab. Unser Divisionskommandeur, Generalleutnant von Pape, sprach uns unterwegs seine Anerkennung fuer unsere Erfolge aus und betonte, dass wir damit aber nur unsere Pflicht und Schuldigkeit getan haetten. Er schloss mit den Worten: "Im uebrigen gilt fuer uns der alte Soldatenspruch: Ob tausend zur Linken, ob tausend zur Rechten, ob alle Freunde sinken, wir wollen weiterfechten!" Ein donnerndes Hurra auf Seine Majestaet den Koenig war unsere Antwort. Welche militaerische Kritik man auch an den Kampf um St. Privat anlegen mag, er verliert jedenfalls dadurch nichts von seiner inneren Groesse. Sie liegt in dem Geiste, in dem die Truppe die stundenlange furchtbare Krisis ertrug und schliesslich siegreich ueberwand. Dieses Gefuehl war fuer uns in der Erinnerung an den 18. August fortan ausschlaggebend. Die ernste Stimmung, die sich durch die Schlacht unserer Mannschaften bemaechtigt hatte, verfluechtigte sich bald; dafuer erhielt sich der Stolz auf die persoenlichen Leistungen und die Taten der Gesamtheit bis auf den heutigen Tag. Noch im Jahre 1918 feierte ich, wieder auf feindlichem Boden, den Tag von St. Privat mit dem 3. Garderegiment, dem ich dank der Gnade meines Koenigs wieder angehoerte. Mehrere "alte Herren", Mitkaempfer von 1870, darunter auch der frueher erwaehnte Major a. D. von Seel, waren zu dem Gedenktag aus der Heimat an die Front geeilt. Es war das letztemal, dass ich das stolze Regiment gesehen habe! Wie ich hoere, sind die Denkmaeler der preussischen Garde auf den Hoehen von St. Privat jetzt von unseren Gegnern niedergerissen worden. Sollte dies wirklich wahr sein, so glaube ich nicht, dass solche Tat geeignet ist, deutsches Heldentum zu erniedrigen. Vielfach habe ich deutsche Offiziere und Soldaten vor franzoesischen Kriegsdenkmaelern, auch wenn sie auf deutschem Boden standen, in stiller Ehrung weilen sehen und ihnen die Achtung vor gegnerischen Leistungen und Opfern nachempfunden. Nach der Schlacht uebernahm mein Bataillonskommandeur als der einzige unverwundete Stabsoffizier die Fuehrung des Regiments. Ich blieb auch in der neuen Stellung sein Adjutant. Der Verlauf derjenigen Operation, die bei Sedan ihren denkwuerdigen Abschluss fand, brachte wenig Bemerkenswertes fuer mich. Das Vorspiel, die Schlacht bei Beaumont, durchlebten wir am 30. August in der Reserve stehend nur als Zuschauer. Auch am 1. September verfolgte ich den Gang der Schlacht vornehmlich in der Rolle eines Beobachters. Das Gardekorps bildete den nordoestlichen Teil des eisernen Ringes, der sich im Laufe des Tages um die Armee Mac Mahons schloss. Die 1. Gardebrigade stand im besondern von morgens bis nachmittags hinter den oestlich des Grundes von Givonne gelegenen Hoehen abwartend bereit. Ich benutzte diese Untaetigkeit dazu, mich zu den am Hoehenrande in langer Linie aufgefahrenen Gardebatterien zu begeben, welche ihre Geschosse ueber den Grund hinweg in die auf den jenseitigen, meist bewaldeten Hoehen stehenden Franzosen schleuderten. Von hier hatte man einen beherrschenden Blick auf die ganze Gegend vom Ardenner Wald bis zum Abfall gegen die Maas. Im besondern lag das Hoehengelaende von Illy und die franzoesische Stellung westlich des Givonne-Baches einschliesslich des Bois de la Garenne zum Greifen nahe vor mir. Die Katastrophe der franzoesischen Armee entwickelte sich also geradezu vor meinen Augen. Ich konnte verfolgen, wie der deutsche Feuerkreis sich allmaehlich um den ungluecklichen Gegner schloss, und wie die Franzosen heldenhafte, aber von Anbeginn an voellig aussichtslose Versuche machten, durch einzelne Vorstoesse unsere Umklammerung zu durchbrechen. Fuer mich hatte der Kampf noch ein besonderes Interesse. Am Tage vor der Schlacht hatte ich naemlich beim Durchmarsch durch Carignan von einem gespraechigen franzoesischen Sattler, bei dem ich mir im Vorbeireiten eine Reitpeitsche kaufte, erfahren, dass der franzoesische Kaiser bei seiner Armee sei. Ich meldete dies weiter, fand aber keinen Glauben. Als ich am Schlachttage angesichts der sich immer mehr vollendenden feindlichen Vernichtung die Aeusserung tat: "In diesem Kessel befindet sich auch Napoleon", wurde ich ausgelacht. Mein Triumph, als sich spaeter meine Ansicht bestaetigte, war gross. Mein Regiment kam an diesem Tage nicht zu einer groesseren Gefechtstaetigkeit. Wir folgten gegen 3 Uhr nachmittags dem 1. Garderegiment ueber den Givonne-Abschnitt. Zu diesem Zeitpunkt war dem franzoesischen Widerstand durch unsere von allen Seiten wirkende Artillerie schon die Waffe aus der Hand geschlagen worden. Es handelte sich eigentlich nur noch darum, den Feind gegen Sedan zusammenzupressen, um ihm die Aussichtslosigkeit weiteren Widerstandes recht nachdruecklich vor die Augen zu fuehren. Die Vernichtungsbilder, die ich bei diesem Vorgehen an dem Nordostrand des Bois de la Garenne sah, uebertrafen alle Schrecken, die mir je auf Schlachtfeldern entgegengetreten sind. Schon zwischen 4 und 5 Uhr richteten wir uns in unsern Biwaks ein. Die Schlacht war beendet. Nur ein Gewehrschuss fiel noch gegen Abend und eine Kugel pfiff ueber uns hinweg. Als wir zum Waldrand aufblickten, schwang dort ein Turko mit drohender Gebaerde sein Gewehr und verschwand dann mit langen Saetzen im Dunkel der Baeume. Niemals, vorher wie nachher, habe ich die Nacht auf einem Schlachtfeld mit dem Gefuehle gleicher restloser Befriedigung verbracht, wie hier. Traeumte doch jeder, nachdem das "Nun danket alle Gott" verklungen war, von einem baldigen Kriegsende. Hierin wurden wir freilich bitter enttaeuscht. Der Krieg ging weiter. Diese Fortsetzung des franzoesischen Widerstandes nach der Schlacht von Sedan hat man bei uns oft nur als eine unnuetze franzoesische Selbstzerfleischung angesehen. Ich konnte diesem Urteil nicht beipflichten und habe dem Weitblick der damaligen Diktatoren den Beifall nicht versagen koennen. Zeigte sich doch darin, dass die franzoesische Republik die Waffen da aufnahm, wo das Kaiserreich sie niederzulegen gezwungen war, meiner Ansicht nach nicht nur ein vorbildlicher patriotischer Geist sondern auch ein weiter staatsmaennischer Zukunftsblick. Ich glaube noch heute, dass Frankreich mit einem Versagen seines Widerstandswillens in diesem Augenblick den groessten Teil seiner voelkischen Wuerde und damit die Aussichten auf eine bessere Zukunft preisgegeben haette. Der 2. September brachte uns vormittags den Besuch des Kronprinzen, dem wir die erste Nachricht von der Gefangennahme Napoleons und seiner Armee verdankten, und nachmittags den unseres Koenigs und Kriegsherrn. Von dem beispiellosen Jubel, mit dem der Monarch empfangen wurde, vermag man sich kaum eine Vorstellung zu machen. Die Mannschaften waren nicht in Reih und Glied zu halten. Sie umringten ihren heissgeliebten Herrn und kuessten ihm Haende und Fuesse. Seine Majestaet sah seine Garden zum ersten Male in diesem Feldzuge; er dankte uns traenenden Auges fuer das, was wir bei St. Privat geleistet hatten. Das war reicher Lohn fuer jene schweren Stunden! Im Gefolge des Koenigs befand sich auch Bismarck. Er ritt in olympischer Ruhe am Ende der Kavalkade, wurde aber erkannt und bekam ein besonderes Hurra, das er schmunzelnd entgegennahm. Moltke war nicht zugegen. Am 3. September mittags bekam mein Regiment Befehl, gegen Sedan vorzugehen und alle noch ausserhalb der Festung befindlichen Franzosen in diese hineinzudraengen. Hierdurch sollte verhindert werden, dass die sich zahlreich im Vorgelaende herumtreibenden Gegner verleitet wuerden, die massenhaft umherliegenden Gewehre zu ergreifen und einen, wenn auch aussichtslosen Durchbruchsversuch zu wagen. Ich ritt voraus durch das Bois de la Garenne bis auf die Hoehen dicht ueber der Stadt. Die die Landschaft belebenden Rothosen erwiesen sich als harmlose Sucher nach Maenteln und Decken, welche sie in die Gefangenschaft mitnehmen wollten. Das Eingreifen des Regiments wurde daher unnoetig; einige Patrouillen anderer Truppenteile, die in der Naehe biwakierten, genuegten. Als ich dem mir nachfolgenden Regiment mit dieser Meldung entgegenritt, sah ich im Gehoelz auf der nach Norden fuehrenden Chaussee eine Staubwolke. Ein franzoesischer Militaerarzt, der vor der in ein Lazarett umgewandelten Querimont-Ferme stand und mich ein Stueck Weges begleitete, sagte mir, dass sich in dieser Staubwolke der Kaiser Napoleon, begleitet von Schwarzen Husaren, befaende, um nach Belgien zu fahren. Waere ich nur zwei Minuten eher an die Strasse gekommen, dann haette ich Zeuge dieses historischen Augenblicks sein koennen. Am Abend dieses Tages verliessen wir das Schlachtfeld und rueckten in nahe Quartiere. Von diesen aus traten wir dann nach einem Ruhetage den Vormarsch auf Paris an. Dieser fuehrte uns zunaechst ueber das Schlachtfeld von Beaumont und spaeter durch Gegenden, welche im letzten grossen Kriege der Schauplatz schwerer Kaempfe gewesen sind. Am 11. und 12. September lag das Regiment in Craonne und Corbeny, zwei freundlichen Staedtchen am Fusse des Winterberges. Und am 28. Mai 1918 stand ich waehrend der Schlacht bei Soissons-Reims neben meinem Allerhoechsten Kriegsherrn auf ebendemselben Winterberge. Ich machte Seine Majestaet darauf aufmerksam, dass ich vor 48 Jahren dort unten im Quartier gelegen haette. Von den beiden Orten waren kaum noch Truemmer uebriggeblieben. Das Haus, in welchem ich an der Marktecke in Corbeny gewohnt hatte, war unter Schutt und Asche nicht mehr herauszufinden. Auch der Winterberg, 1870 ein gruener, teilweise bewaldeter Ruecken, zeigte nur kahle, steile Kalkhaenge, von denen Geschosse, Hacke und Spaten die letzte Erdkrume entfernt hatten. Ein bei aller damaliger Siegesfreude trauriges Wiedersehen! Am 19. September sahen wir von der Hochflaeche bei Gonesse aus, 8 km nordoestlich St. Denis, zum ersten Male die franzoesische Hauptstadt. Die vergoldeten Kuppeln des Invalidendoms und anderer Kirchen funkelten im Morgensonnenstrahl. Ich glaube, dass die Kreuzfahrer einst mit aehnlichen Gefuehlen auf Jerusalem geblickt haben, wie wir jetzt auf das zu unseren Fuessen liegende Paris. Frueh um 3 Uhr waren wir im Dunkeln aufgebrochen und lagen nun den ganzen schoenen Herbsttag ueber auf den Stoppelfeldern zum Eingreifen bereit, im Falle bei uns oder den Nachbardivisionen das Besetzen und Einrichten der Vorpostenstellungen auf Schwierigkeiten stossen sollte. Erst am spaeten Nachmittag durften wir in die Quartiere einruecken. Wir lagen in der naechsten Zeit in Gonesse, welches uebrigens dadurch historischen Wert erlangt hat, dass dort 1815 Bluecher und Wellington beim Eintreffen vor Paris zusammengekommen waren, um ueber die Fortfuehrung der Operationen zu beraten. Statt eines baldigen vollen Erfolges hatten wir vor Paris noch monatelang recht anstrengenden und undankbaren Einschliessungsdienst auszuueben, der an unserer Front nur selten durch kleinere Ausfallgefechte unterbrochen wurde. In die Eintoenigkeit solcher Taetigkeit brachte erst die Weihnachtszeit mit der Beschiessung der Forts eine militaerisch belebende Zugluft. Die Mitte des Januar brachte dann fuer mich ein besonderes Erleben. Ich wurde mit einem Sergeanten als Vertreter des Regiments zur Kaiserproklamation nach Versailles entsandt. Den Befehl hierzu bekam ich am 16. Januar abends. Noch in dieser Nacht hatte ich mich in dem 15 km entfernten Margency einzufinden, woselbst vom Oberkommando der Maas-Armee fuer die Unterbringung aller aus oestlichen Quartieren kommenden Abordnungen gesorgt war. Von dort sollten wir uns am 17. ueber St. Germain nach Versailles begeben. Zu Pferde konnte ich den etwa 40 km weiten Weg nicht zuruecklegen, weil ich Gepaeck mit mir fuehren musste. Da setzte ich mich denn mit meinem Sergeanten und Burschen kurz entschlossen auf den Packwagen der Leibkompagnie des 1. Garderegiments, die mit mir im gleichen Ort lag und auch nach Versailles befohlen war. Im Schritt ging es so bei starker Kaelte durch naechtliche Finsternis nach Margency, wo uns in einer Villa geheizte Kamine, gutes Strohlager und Tee erwarteten. Am 18. frueh eroeffnete mir der Fuehrer der Leibkompagnie, dass er soeben angewiesen sei, nicht nach Versailles zu marschieren sondern zum Regiment zurueckzukehren. Gluecklicherweise nahm mich und meinen Burschen ein anderer Kamerad mit auf seinen zweiraederigen Wagen, und auch mein Sergeant fand irgendwo freundliche Aufnahme. So trabten wir denn an klarem Wintermorgen unserm naechsten Ziele, St. Germain, entgegen. Aber mit des Geschickes Maechten ist kein ewiger Bund zu flechten. Unser vollgepackter Dogcart verlor ploetzlich ein Rad, und wir lagen vollzaehlig auf der Landstrasse. Zum Glueck fanden wir bald in einem Ort eine Feldschmiede, die den Schaden beseitigte, so dass wir uns in St. Germain bei einem Fruehstueck in dem auf der Terrasse ueber der Seine herrlich gelegenen "Pavillon d'Henri quatre" den uebrigen Mitreisenden wieder anschliessen konnten. Ein eigentuemlicher Wagenzug war es, der dann im Strahl der untergehenden Sonne seinen Einzug in Versailles hielt. Alle Arten von Fahrzeugen waren vertreten, wie man sie in den Schloessern, Villen und Bauernhoefen um Paris auftreiben konnte. Den meisten Eindruck machte ein Kartoffelwagen, dessen Inhaber zur Feier des Tages rechts und links von seinem Sitz eine grosse preussische Fahne - deutsche gab es ja noch nicht - aufgezogen hatte. Bald nahm mich ein gutes Quartier bei einer freundlichen alten Dame in der Avenue de Paris auf, und der Abend vereinigte uns zu einem langentbehrten Souper im Hotel des Reservoirs. Die Feier am 18. ist genugsam bekannt. Sie war fuer mich reich an Eindruecken. Am erhebendsten und zugleich ergreifendsten wirkte selbstredend die Person meines Allergnaedigsten Koenigs und Herrn. Seine ruhige, schlichte, alles beherrschende Wuerde gab der Feier eine groessere Weihe als aller aeussere Glanz. Die herzenswarme Begeisterung fuer den erhabenen Herrscher war aber auch bei allen Teilnehmern, welchem deutschen Volksstamme sie auch angehoerten, gleich gross. Die Freude ueber das "Deutsche Reich" brachten wohl unsere sueddeutschen Brueder am lebhafteren zum Ausdruck. Wir Preussen waren darin zurueckhaltender, aus historischen Gruenden, die uns unsern eigenen Wert zu einer Zeit schon hatten erkennen lassen, in der Deutschland nur ein geographischer Begriff war. Das sollte fortan anders werden! Am Abend des 18. waren die in Versailles anwesenden Generale zur Tafel bei Seiner Majestaet dem Kaiser in der Praefektur befohlen. Wir uebrigen waren Gaeste des Kaisers im Hotel "de France". Der 19. Januar begann mit einer Besichtigung des alten franzoesischen Koenigsschlosses mit seiner stolzen, den Ruhm Frankreichs verewigenden Gemaeldesammlung. Auch der weitausgedehnte Park wurde besucht. Da rief uns ploetzlich Kanonendonner in die Stadt zurueck. Die Besatzung von Versailles war bereits alarmiert und im Ausmarsch begriffen. Es handelte sich um den grossen Ausfall der Franzosen vom Mont Valerien her. Wir beobachteten den Kampfverlauf eine Zeitlang als Schlachtenbummler. Nachmittags traten wir dann die Rueckfahrt an, und spaet in der Nacht erreichte ich wieder mein Regimentsstabsquartier Villers le Bel, 8 km noerdlich St. Denis, dankbar dafuer, dass ich den grossen geschichtlichen Augenblick hatte miterleben und meinem nunmehrigen Kaiser zujubeln duerfen. Der vergebliche Ausfall vom Mont Valerien war die letzte grosse Kraftaeusserung Frankreichs. Ihm folgte am 26. die Kapitulation von Paris und am 28. der allgemeine Waffenstillstand. Gleich nach der Uebergabe der Forts wurde unsere Brigade westwaerts in die zwischen dem Mont Valerien und St. Denis gelegene Seinehalbinsel geschoben. Wir bezogen gute, schoen gelegene Quartiere hart am Flussufer, Paris gegenueber in der Naehe des Pont de Neuilly. Von dort aus hatte ich Gelegenheit, Paris wenigstens oberflaechlich kennenzulernen. Am 2. Maerz morgens ritt ich in Begleitung einer Gardehusaren-Ordonnanz ueber die eben genannte Bruecke nach dem Triumphbogen. Ich umging diesen ebensowenig wie am Tage vorher mein Freund, der damalige Husarenleutnant von Bernhardi, der als erster in Paris einrueckte. Dann ritt ich die Champs Elysees herunter ueber die Place de la Concorde und durch die Tuilerien bis hinein in den Hof des Louvre, schliesslich an der Seine entlang und durch den Bois de Boulogne wieder nach Hause. Ich liess auf diesem Wege die geschichtlichen Denkmaeler einer reichen gegnerischen Vergangenheit auf mich wirken. Die wenigen Einwohner, die sich zeigten, bewahrten eine gemessene Haltung. So wenig ich geneigt bin, einem Kosmopolitismus zu huldigen, so weit entfernt war ich stets von Voreingenommenheit andern Voelkern gegenueber; trotz aller wesensfremden Eigenschaften verkannte ich ihre guten Seiten nicht. So hat das franzoesische Volk zwar fuer mich ein zu lebhaftes und daher zu rasch wechselndes Temperament; andererseits aber finde ich in dem Elan, der gerade in schwersten Zeiten in diesem Volke ganz einzigartig lebendig werden kann, einen besondern Vorzug. Vor allem schaetze ich es, dass kraftvolle Persoenlichkeiten so hinreissend auf die Masse zu wirken und sie derartig in ihren Bannkreis zu ziehen vermoegen, dass die franzoesische Nation imstande ist, aus Hingabe zu einem vaterlaendischen Ideal jegliche Art von Sonderinteressen bis zur voelligen Hinopferung zurueckzustellen. In eigenartigem Gegensatz hierzu steht das im letzten grossen Kriege oft bis zum Sadismus gesteigerte und daher nicht durch zu lebhaftes Temperament entschuldbare Verhalten der Franzosen gegen wehrlose Gefangene. Am Tage nach meinem Besuch in Paris hatte das Gardekorps die hohe Ehre und unendliche Freude, vor seinem Kaiser und Koenig auf den Longchamps in Parade zu stehen. In alter preussischer Strammheit defilierten die kampferprobten Regimenter vor ihrem Kriegsherrn, auf dessen Befehl sie jederzeit bereit waren, erneut ihr Leben fuer den Schutz und die Ehre des Vaterlandes einzusetzen. Zu einem wirklichen Einzug in Paris, wie er vorher andern Armeekorps beschieden gewesen war, kam es fuer uns nicht mehr, weil inzwischen der Praeliminarfriede abgeschlossen war und Deutschland den in ehrlichem Kampfe besiegten Gegner nicht den Kelch der Demuetigung bis auf die Neige leeren lassen wollte. Festlich begingen wir dann auch vor Paris am 22. Maerz den Geburtstag Seiner Majestaet. Es war ein herrlicher, warmer Fruehlingstag mit Feldgottesdienst im Freien, Salutschiessen der Forts und Festessen der Offiziere und Mannschaften. Die frohe Aussicht, nach treu erfuellter Pflicht nun bald in die Heimat zurueckkehren zu koennen, liess die Stimmung doppelt gehoben sein. Aber ganz so frueh, als wir hofften, sollten wir Frankreich nicht verlassen. Wir mussten vielmehr zunaechst noch an der Nordfront von Paris in und bei St. Denis stehenbleiben und wurden dort Zeugen des Kampfes der franzoesischen Regierung gegen die Kommune. Die erste Entwickelung der neuen revolutionaeren Ereignisse hatten wir schon waehrend der Belagerung verfolgen koennen. Die Zuchtlosigkeit extremer politischer Kreise dem Gouverneur von Paris gegenueber war uns bekannt. Als die Waffenruhe eintrat, begann die umstuerzlerische Bewegung sich immer mehr hervorzuwagen. Bismarck hatte den franzoesischen Machthabern zugerufen: "Sie sind durch die Revolution emporgekommen, eine neue Revolution wird Sie wieder wegfegen." Er schien recht behalten zu sollen. Im allgemeinen war unser Interesse an diesen umstuerzlerischen Vorgaengen anfaenglich gering. Erst von Mitte Maerz ab, als die Kommune die Herrschaft an sich zu reissen begann, und die Entwickelung immer mehr zum offenen Kampfe zwischen Versailles und Paris draengte, erhoehte sich unsere Aufmerksamkeit. Zeitungen und Fluechtlinge unterrichteten uns ueber die Vorgaenge im Inneren der Stadt. Waehrend nunmehr deutsche Korps Frankreichs Hauptstadt im Norden und Osten gewissermassen als Verbuendete der Regierungstruppen absperrten, gingen letztere in langwierigen Kaempfen von Sueden und Westen her zum Angriff auf Paris ueber. Die Ereignisse ausserhalb der Festungsumwallung konnte man am besten von den Hoehen bei Sannois, 6 km nordwestlich von Paris an der Seine gelegen, beobachten. Geschaeftsgewandte Franzosen hatten dort Fernrohre aufgestellt, die sie den deutschen Soldaten gegen Entgelt fuer Beobachtung des Dramas eines Buergerkrieges zur Benutzung ueberliessen. Ich selbst machte hiervon keinen Gebrauch, sondern beschraenkte mich darauf, gelegentlich des taeglichen Befehlsempfanges in St. Denis entweder aus einem hochgelegenen Fenster des dortigen Gasthofes "Cerf d'or" oder durch Vorreiten auf der langgestreckten Seineinsel bei St. Denis Einblick in die Lage in Paris zu gewinnen. Maechtige Feuersbruenste zeigten von Ende April ab, wohin der Kampf im Inneren der Stadt treiben wuerde. Ich erinnere mich, dass ich besonders am 23. Mai den Eindruck hatte, als ob das ganze innere Paris der Vernichtung anheimfiele. Die Lage in der Stadt wurde von den herausstroemenden Fluechtlingen in den krassesten Farben geschildert. Die Tatsachen scheinen hinter diesen Erzaehlungen auch nicht zurueckgeblieben zu sein. Brandstiftung, Pluenderung, Geiselmord, kurz, alle jetzt als bolschewistisch angesprochenen Krankheitserscheinungen eines im Kriege zusammengebrochenen Staatskoerpers traten schon damals auf. Die Drohung eines freigelassenen kommunistischen Fuehrers: "Die Regierung hatte nicht den Mut, mich erschiessen zu lassen, aber ich werde den Mut haben, die Regierung zu fuesilieren" sollte anscheinend verwirklicht werden. Wie voellig das sonst so starke und empfindliche franzoesische Nationalgefuehl bei den Kommunisten ausgeloescht war, zeigt deren Erklaerung: "Wir ruehmen uns angesichts des Gegners, unserer Regierung die Bajonette in den Ruecken zu stossen." Man sieht, dass das bolschewistische Weltverbesserungsverfahren, wie es in der neuesten Zeit auch bei uns auftrat, nicht einmal Anspruch auf Originalitaet machen kann. Aus dem hochgelegenen Fenster in St. Denis sah ich schliesslich eines Tages das Ende der Kommune mit an. Ausserhalb des Hauptwalles von Paris vorgehende Regierungstruppen umgingen den Montmartre westlich und erstuermten bald darauf ueber dessen damals noch unbebauten Nordhang hinweg die weit beherrschende Hoehe, das letzte Bollwerk des Aufstandes. Ich betrachte es als eine bittere Ironie des Schicksals, dass die einzige politische Partei Europas, die damals, wie ich wohl annehmen darf, in voelliger Verkennung der wahren Vorgaenge diese Bewegung verherrlichte, zur Zeit in unserem Vaterlande gezwungen ist, mit aller Schaerfe gegen kommunistische Bestrebungen vorzugehen. Es ist dies ein Beweis dafuer, wohin doktrinaere Einseitigkeiten fuehren, bis die praktische Erfahrung aufklaerend eingreift. Mit dem warnenden Beispiel der zuletzt geschilderten Vorgaenge im Herzen kehrten wir Anfang Juni der Hauptstadt Frankreichs den Ruecken und trafen nach dreitaegiger Eisenbahnfahrt in unserem gluecklicheren, siegreichen Vaterlande ein. Der Einzug in Berlin erfolgte diesmal vom Tempelhofer Felde aus. Vertreter aller deutschen Truppenteile waren neben dem Gardekorps hierbei beteiligt. Die Hoffnung auf einen siegreichen dritten Einzug durch das Brandenburger Tor, die ich nicht meinetwegen sondern um meines Kaisers und Koenigs und um des Vaterlandes willen lange im innersten Herzensgrunde gehegt hatte, sollte nicht in Erfuellung gehen! Friedensarbeit Mit reichen Erfahrungen auf allen kriegerischen Gebieten waren wir vom franzoesischen Boden in die Heimat zurueckgekehrt. Mit dem einigen Vaterland war ein deutsches Einheitsheer geschaffen, an dessen Grundgedanken die staatlichen Sonderheiten nur oberflaechliche Abweichungen bedingt hatten. Die Einheitlichkeit in der kriegerischen Auffassung war von jetzt ab ebenso gewaehrleistet wie die Einheitlichkeit der Organisation, der Bewaffnung und Ausbildung. Es lag im natuerlichen Verlauf der deutschen Entwicklung, dass die preussischen Erfahrungen und Einrichtungen fuer den weiteren Ausbau des Heeres ausschlaggebend wurden. Die Friedensarbeit setzte allenthalben wieder ein. Ich verblieb fuer die naechsten Jahre noch im Truppendienst, folgte dann aber meiner Neigung zu einer hoeheren militaerischen Ausbildung, bereitete mich zur Kriegsakademie vor und fand im Jahre 1873 Aufnahme in diese. Das erste Jahr entsprach nicht ganz meinen Erwartungen. Anstatt mit Kriegsgeschichte und neuzeitiger Gefechtslehre wurden wir auf diesem Gebiet der Militaerwissenschaften damals lediglich mit Geschichte alter Kriegskunst und frueherer Taktiken abgespeist, also mit Nebendingen. Dazu mussten wir zwangsweise Mathematik hoeren, die nur ganz wenige von uns spaeter als Trigonometer in der Landesaufnahme ausnutzen wollten. Erst die beiden letzten Jahre und die Kommandierung zu andern Waffen in den Zwischenkursen brachten dem vorwaertsstrebenden jungen Offizier volle Befriedigung. Unter Anleitung hervorragender Lehrer, von denen ich neben dem schon frueher erwaehnten Major von Wittich den Oberst Kessler und den Hauptmann Villaume vom Generalstab sowie als Historiker den Geheimrat Duncker und den Professor Richter nennen will, und im Verkehr mit reichbegabten Altersgenossen, wie den spaetern Generalfeldmarschaellen von Buelow und von Eichhorn sowie dem spaeteren General der Kavallerie von Bernhardi, erweiterte sich der Gesichtskreis wesentlich. Nicht wenig trug hierzu auch das vielseitige gesellige Leben Berlins bei. Ich hatte die Ehre, zu dem engern Kreise Seiner Koeniglichen Hoheit des Prinzen Alexander von Preussen herangezogen zu werden, und kam dadurch nicht nur mit hohen Militaers sondern auch mit Maennern der Wissenschaft sowie des Staats- und Hofdienstes in Beruehrung. Nach Beendigung meines Kommandos zur Kriegsakademie kehrte ich zunaechst fuer ein halbes Jahr zum Regiment nach Hannover zurueck und wurde dann im Fruehjahr 1877 zum Grossen Generalstab kommandiert. Im April 1878 erfolgte meine Versetzung in den Generalstab unter Befoerderung zum Hauptmann. Wenige Wochen darauf wurde ich dem Generalkommando des II. Armeekorps in Stettin zugewiesen. Hiermit begann meine militaerische Laufbahn ausserhalb der Truppe, zu welch letzterer ich bis zu meiner Ernennung zum Divisionskommandeur nur zweimal zurueckkehrte. Der Generalstab war wohl eines der bemerkenswertesten Gefuege innerhalb des Gesamtrahmens unseres deutschen Heeres. Neben der strengen hierarchischen Kommandogewalt bildete er ein besonderes Element, das sich auf das hohe geistige Ansehen des Chefs des Generalstabes der Armee, also des Feldmarschalls Graf Moltke, stuetzte. Durch die Friedensschulung der Generalstabsoffiziere war die Gewaehr geschaffen, dass im Kriegsfalle ein einheitlicher Zug alle Fuehrerstellen beherrschte, ein einigendes Fluidum alle Fuehrergedanken durchsetzte. Die Einwirkung des Generalstabes auf die Fuehrung war nicht durch bindende Bestimmungen geregelt; sie hing vielmehr in einer unendlichen Mannigfaltigkeit von Abstufungen von der militaerischen und persoenlichen Eigenart der einzelnen Offiziere ab. Die erste Forderung an den Generalstabsoffizier war, die eigene Persoenlichkeit und das individuelle Handeln vor der Oeffentlichkeit zuruecktreten zu lassen. Er musste ungesehen schaffen, also mehr sein als scheinen. Ich glaube, dass es der deutsche Generalstab in seiner Gesamtheit verstanden hat, seine ausserordentlich schwere Aufgabe zu erfuellen. Seine Leistungen waren bis zuletzt meisterhaft, moegen auch Fehler und Irrtuemer im einzelnen vorgekommen sein. Ich wuesste kein ehrenderes Zeugnis fuer ihn, als dass die Gegner seine Aufloesung durch die Friedensbedingungen gefordert haben. Man hat im Generalstabsdienst vielfach eine Geheimwissenschaft vermutet. Nichts verkehrter als das. Wie unsere gesamte kriegerische Taetigkeit so beruht auch die des Generalstabes lediglich auf der Anwendung der gesunden Vernunft auf den gerade vorliegenden Fall. Hierbei war oft neben hoeherem Gedankenflug gewissenhafte Beschaeftigung mit aller moeglichen Kleinarbeit erforderlich. Ich habe manch hochbegabten Offizier kennengelernt, der durch Versagen in letzterer Richtung entweder als Generalstabsoffizier nicht brauchbar war, oder als solcher ein Nachteil fuer die Truppe wurde. Meine Stellung beim Generalkommando belastete mich als juengsten Generalstabsoffizier natuerlich hauptsaechlich mit solcher Kleinarbeit. Anfangs wirkte das enttaeuschend, dann gewann ich Liebe zur Sache, da ich ihre Notwendigkeit fuer die Durchfuehrung der grossen Gedanken und fuer das Wohl der Truppe erkannte. Nur bei den alljaehrlichen Generalstabsreisen konnte ich mich als Handlanger des Korpschefs mit groesseren Verhaeltnissen beschaeftigen. Auch zu der ersten vom General Graf Waldersee, Chef des Generalstabes des X. Armeekorps, geleiteten Festungsgeneralstabsreise bei Koenigsberg wurde ich damals kommandiert. Mein kommandierender General war der General der Kavallerie Hann von Weyherrn, ein erprobter Soldat, der in jungen Jahren in schleswig-holsteinschen Diensten gefochten und 1866 eine Kavallerie-, 1870/71 eine Infanteriedivision gefuehrt hatte. Es war eine Freude, den alten Herrn, einen vortrefflichen Reiter, zu Pferde in der Uniform seiner Bluecherhusaren zu sehen. Meinen beiden Generalstabschefs, erst Oberst von Petersdorff, dann Oberstleutnant von Zingler, danke ich eine gruendliche Ausbildung im praktischen Generalstabsdienst. Im Jahre 1879 hatte das II. Korps Kaisermanoever und erwarb sich die Anerkennung Seiner Majestaet. Ich lernte bei dieser Gelegenheit den russischen General Skobeleff kennen, der zu der Zeit, nach dem Tuerkenkriege, auf der Hoehe seines Ruhmes stand. Er machte den Eindruck eines ruecksichtslos energischen, frischen und wohl auch ganz befaehigten hoehern Fuehrers. Sein Renommieren beruehrte weniger angenehm. Nicht unerwaehnt darf ich lassen, dass ich mich in Stettin verheiratet habe. Meine Frau ist auch ein Soldatenkind als Tochter des Generals von Sperling, welcher 1866 beim VI. Korps und 1870/71 bei der 1. Armee Generalstabschef war und gleich nach dem franzoesischen Kriege starb. Ich fand in meiner Frau eine liebende Gattin, die treulich und unermuedlich Freud und Leid, alle Sorge und Arbeit mit mir teilte und so mein bester Freund und Kamerad wurde. Sie schenkte mir einen Sohn und zwei Toechter. Ersterer hat im grossen Kriege als Generalstabsoffizier seine Schuldigkeit getan. Beide Toechter sind verheiratet, ihre Maenner haben im letzten grossen Kriege gleichfalls vor dem Feinde gestanden. 1881 wurde ich zur 1. Division nach Koenigsberg versetzt. Diese Verwendung machte mich selbstaendiger, brachte mich der Truppe naeher und fuehrte mich in meine Heimatsprovinz. Aus meinem dortigen dienstlichen Leben moechte ich besonders hervorheben, dass der bekannte Militaerschriftsteller General von Verdy du Vernois zeitweise mein Kommandeur war. Der General war eine hochbegabte, interessante Persoenlichkeit. Er verfuegte infolge seines reichen Erlebens in hohen Generalstabsstellen waehrend der Kriege 1866 und 1870/71 ueber aussergewoehnliche Kenntnis der entscheidenden Ereignisse damaliger Zeit. Auch hatte er schon frueher durch seine Zuteilung zum Hauptquartier des russischen Oberkommandos in Warschau waehrend des polnischen Aufstandes 1863 einen tiefen Einblick in die politischen Verhaeltnisse an unserer Ostgrenze gewonnen. Die Mitteilungen aus seinem Leben, die er mit einer glaenzenden Erzaehlerkunst vortrug, waren deshalb nicht nur vom militaerischen sondern auch vom politischen Standpunkte in hohem Grade belehrend. General von Verdy war ausserdem auf dem Gebiete der angewandten Kriegslehre bahnbrechend. Ich lernte daher unter seiner Anleitung und im gegenseitigen Meinungsaustausch sehr viel fuer meine spaetere Lehrtaetigkeit an der Kriegsakademie. So wirkte der geistvolle Mann in verschiedenen Richtungen aeusserst anregend auf mich ein. Er war mir stets ein guetiger Vorgesetzter, der mir sein volles Vertrauen schenkte. Auch meines damaligen Korps-Generalstabschefs, Oberst von Bartenwerffer, erinnere ich mich gern in Dankbarkeit. Seine Generalstabsreisen und Aufgaben fuer die Winterarbeiten des Generalstabes waren meisterhaft angelegt, seine Kritiken besonders lehrreich. Vom Stabe der 1. Division wurde ich nach drei Jahren als Kompagniechef in das Infanterieregiment 58, Standort Fraustadt in Posen, versetzt. Ich hatte bei dieser Rueckkehr in den Frontdienst eine Kompagnie zu uebernehmen, die fast ausschliesslich polnischen Ersatz hatte. Die Schwierigkeiten, die der Verstaendigung zwischen Vorgesetzten und Untergebenen und damit der Erziehung und Ausbildung durch den Mangel gegenseitiger Sprachkenntnis im Wege stehen, lernte ich hierbei in ihrem ganzen Umfange kennen. Ich selbst war der polnischen Sprache bis auf einige Redensarten, die ich in meiner Kinderzeit aufgeschnappt hatte, nicht maechtig. Meine Einwirkung auf die Kompagnie war noch dadurch ausserordentlich erschwert, dass die Mannschaften in 33 Buergerquartieren, bis hinaus zu den die Stadt umgebenden Windmuehlen, verstreut lagen. Im allgemeinen waren aber meine Erfahrungen mit dem polnischen Ersatz nicht unguenstig. Die Leute waren fleissig, willig und, was ich besonders hervorheben moechte, anhaenglich, wenn man der Schwierigkeiten, die sie bei Erlernung des Dienstes zu ueberwinden hatten, Rechnung trug und auch sonst bei aller Strenge fuer sie sorgte. Damals glaubte ich, dass die groessere Haeufigkeit von Diebstaehlen und von Trunkenheit bei den Polen weniger mit moralischer Minderwertigkeit als mit vielfach ungenuegender erster Jugenderziehung zu erklaeren sei. Ich bedauere es sehr, dass ich meine gute Meinung von den Posener Polen jetzt zurueckstecken muss, nachdem ich von den Greueln gehoert habe, welche die Insurgenten Wehrlosen gegenueber veruebt haben. Das haette ich den Landsleuten meiner einstigen Fuesiliere nicht zugetraut! Gern denke ich auch heute noch an meine leider nur fuenfvierteljaehrige Kompagniechefszeit zurueck. Ich lernte zum ersten Male das Leben in einer kleinen, halblaendlichen Garnison kennen, fand ausser im Kameradenkreise auch freundliche Aufnahme auf benachbarten Guetern und stand wieder einmal in unmittelbarem Verkehr mit dem Soldaten. Ich bemuehte mich redlich, auf die Eigenart jedes einzelnen einzugehen und knuepfte so ein festes Band zwischen mir und meinen Untergebenen. Darum wurde mir die Trennung von meiner Kompagnie sehr schwer trotz aller aeussern Vorteile, welche mir die Rueckkehr in den Generalstab brachte. Diese erfolgte im Sommer 1885 durch Versetzung in den Grossen Generalstab. Nach wenigen Monaten wurde ich Major. Ich kam in die Abteilung des damaligen Oberst Graf von Schlieffen, des spaeteren Generals und Chefs des Generalstabes der Armee, wurde aber ausserdem noch der Abteilung des derzeitigen Oberst Vogel von Falckenstein, des spaeteren Kommandierenden Generals des VIII. Armeekorps und dann Chefs des Ingenieurkorps und der Pioniere, fuer laenger als ein Jahr zur Teilnahme an der ersten Bearbeitung der Felddienstordnung, einer neuen, grundlegenden Allerhoechsten Vorschrift, zur Verfuegung gestellt. Dadurch kam ich mit den beiden bedeutendsten Abteilungschefs jener Zeit in Beruehrung. An einem mehrtaegigen Uebungsritte bei Zossen im Fruehjahre 1886, der dem Zweck diente, Bestimmungen der Felddienstordnung vor ihrer Einfuehrung praktisch zu erproben, nahm auch Seine Koenigliche Hoheit der Prinz Wilhelm von Preussen teil. Es war fuer mich das erste Mal, dass ich die Ehre hatte, meinem spaeteren Kaiser, Koenig und Herrn, Wilhelm II., zu begegnen. Im darauffolgenden Winter wohnte der damalige Prinz einem Kriegsspiel des Grossen Generalstabes bei. Ich fuehrte bei dieser Gelegenheit die russische Armee. Wenn in jenen Jahren der Generalfeldmarschall Graf Moltke auch schon den naehern Verkehr mit den Abteilungen des Grossen Generalstabes seinem nunmehrigen Gehilfen, dem General Graf Waldersee, ueberliess, so beherrschte doch sein Geist und sein Ansehen alles. Es bedarf wohl keiner besonderen Versicherung, dass Graf Moltke eine allseitige, grenzenlose Verehrung genoss, und dass sich niemand von uns seinem wunderbaren Einfluss entziehen konnte. Ich kam unter den dargelegten Verhaeltnissen nur selten in unmittelbaren dienstlichen Verkehr mit dem Feldmarschall, hatte aber ab und zu das Glueck, ihm ausserdienstlich zu begegnen. Eine fuer seine Persoenlichkeit wie fuer seine Anschauungen gleich kennzeichnende Szene erlebte ich in einer Abendgesellschaft beim Prinzen Alexander. Wir betrachteten nach Tisch ein Gemaelde von Camphausen, das Zusammentreffen des Prinzen Friedrich Karl mit dem Kronprinzen auf dem Schlachtfelde von Koeniggraetz darstellend. Der in der Gesellschaft anwesende General von Winterfeldt erzaehlte aus persoenlichem Erleben, dass Prinz Friedrich Karl im Augenblick der Begegnung dem Kronprinzen zugerufen habe: "Gott sei Dank, Fritz, dass du gekommen bist, sonst waere es mir vielleicht schlecht ergangen!" Auf diese Erzaehlung Winterfeldts hin trat Graf Moltke, welcher sich gerade eine Zigarre aussuchte, mit drei grossen Schritten unter uns und sagte in scharf betonten Worten: "Das brauchte der Prinz nicht zu sagen. Er wusste doch, dass der Kronprinz heranbefohlen und gegen Mittag auf dem Schlachtfeld zu erwarten war, und damit war der Sieg sicher." Nach dieser Bemerkung wandte sich der Feldmarschall wieder den Zigarren zu. Zu Kaisers Geburtstag waren die Generale und Stabsoffiziere des Generalstabes Gaeste des Feldmarschalls. Bei einer solchen Gelegenheit behauptete einer der Herrn, dass Moltkes Kaisertoast einschliesslich der Anrede und des ersten "Hoch" nicht mehr als zehn Worte enthalten wuerde. Hieraus entstand eine Wette, bei der ich Unparteiischer war. Der dagegen Wettende verlor, denn der Feldmarschall sagte nur: "Meine Herrn, der Kaiser hoch!" Worte, die in unserm Kreise und aus diesem Munde wahrlich genuegten. Im naechsten Jahre sollte die gleiche Wette abgeschlossen werden, aber der Gegenpart dankte dafuer. Er haette dieses Mal gewonnen, denn Graf Moltke sagte: "Meine Herrn, Seine Majestaet der Kaiser und Koenig Er lebe hoch!" Das sind elf Worte. Uebrigens war Graf Moltke im geselligen Verkehr durchaus nicht schweigsam, sondern ein sehr liebenswuerdiger, anregender Unterhalter mit viel Sinn fuer Humor. Im Jahre 1891 sah ich den Feldmarschall zum letzten Male, und zwar auf seinem Totenbett. Ich durfte am Morgen nach seinem Hinscheiden vor ihn treten. Der Entschlafene lag aufgebahrt ohne die uebliche Peruecke, so dass die wundervolle Form seines Kopfes voll zur Geltung kam. Es fehlte nur ein Lorbeerkranz um seine Schlaefe, um das Bild eines idealen Caesarenkopfes zu vervollstaendigen. Wie viele gewaltigen Gedanken waren in diesem Kopfe entstanden, welch hoher Idealismus hatte hier seine Staette gehabt, welch ein Adel der Gesinnung hatte von dort aus zum Wohle unseres Vaterlandes und seines Herrschers selbstlos gewirkt. Eine an Geist wie an Charakter gleich grosse Persoenlichkeit hat nach meiner Ueberzeugung seitdem unser Volk nicht mehr hervorgebracht, ja Moltke ist vielleicht in der Vereinigung dieser Eigenschaften eine einzig dastehende Groesse gewesen. Schon 3 Jahre vorher war unser erster, so grosser Kaiser von uns gegangen. Ich war zur Totenwache im Dom kommandiert und durfte dort meinem ueber Alles geliebten Kaiserlichen und Koeniglichen Herrn den letzten Dienst erweisen. Meine Gedanken fuehrten mich ueber Memel, Koeniggraetz und Sedan nach Versailles. Sie fanden ihren Abschluss in der Erinnerung an einen Sonntag des vorhergehenden Jahres, an dem ich in der Mitte der jubelnden Menge am Kaiserlichen Palais unter dem historischen Eckfenster stand. Getragen von der allgemeinen Begeisterung hob ich damals meinen fuenfjaehrigen Sohn in die Hoehe und liess ihn unseren greisen Herrn mit den Worten sehen: "Vergiss diesen Augenblick in deinem ganzen Leben nicht, dann wirst du auch immer recht tun." Nun war seine grosse Herrscher- und Menschenseele hingegangen zu den Kameraden, denen er wenige Jahre vorher durch den sterbenden Generalfeldmarschall von Roon seinen Gruss entboten hatte. Auf meinem Schreibtisch liegt ein grauer Marmorblock. Er stammt aus dem alten Dom und von der Stelle, auf welcher der Sarg meines Kaisers gestanden hat. Ein lieberes Geschenk konnte mir nie gemacht werden. Welche Gefuehle bei Anblick dieses Steines besonders heutzutage in mir wach werden, das brauche ich wohl nicht erst in Worte zu kleiden. Dem Sohn Wilhelms, Kaiser Friedrich, Deutschlands Stolz und Hoffnung, war keine lange Regierungszeit beschieden. Eine unheilbare Krankheit raffte ihn wenige Monate nach dem Tode des Vaters hinweg. Der Grosse Generalstab befand sich zu dieser Zeit auf einer Generalstabsreise in Ostpreussen. Wir wurden daher in Gumbinnen auf Seine Majestaet den Kaiser und Koenig Wilhelm II. vereidigt. So legte ich denn meinem nunmehrigen Kriegsherrn das Treugeloebnis an einer Stelle ab, an der ich es 26 Jahre spaeter in schwerer, aber grosser Zeit durch die Tat bekraeftigen durfte. Das Schicksal fuegte es fuer mich guenstig, dass ich innerhalb des Generalstabes eine sehr abwechslungsreiche Verwendung fand. Noch waehrend meiner Zuteilung zum Grossen Generalstab wurde mir der Unterricht der Taktik an der Kriegsakademie uebertragen. Ich fand in dieser Taetigkeit eine hohe Befriedigung und uebte sie fuenf Jahre hindurch aus. Freilich waren die Anforderungen an mich sehr gross, da ich neben diesem Amt gleichzeitig andern Dienst tun musste, zuerst im Grossen Generalstab und spaeter als erster Generalstabsoffizier beim Generalkommando des III. Armeekorps. Unter diesen Verhaeltnissen erschien der Tag mit 24 Stunden oftmals zu kurz. Durcharbeitete Naechte wurden zur Gewohnheit. Viele hochbegabte, zu den schoensten Hoffnungen berechtigende junge Offiziere lernte ich waehrend dieser akademischen Lehrtaetigkeit kennen. Mancher Namen gehoeren jetzt der Geschichte an. Ich nenne hier nur Lauenstein, Luettwitz, Freytag-Loringhoven, Stein und Hutier. Auch zwei tuerkische Generalstabsoffiziere waren mir in dieser Zeit auf die Dauer von etwa zwei Jahren beigegeben: Schakir Bey und Tewfyk Effendi. Der eine hat es spaeter in seiner Heimat bis zum Marschall, der andere bis zum General gebracht. Beim Generalkommando des III. Korps war der juengere General von Bronsart mein Kommandierender General, ein hochbegabter Offizier, der 1866 und 1870/71 im Generalstab taetig gewesen war, und spaeter gleich seinem aelteren Bruder Kriegsminister wurde. In ein gaenzlich anderes Arbeitsgebiet wie bisher fuehrte mich im Jahre 1889 meine Verwendung im Kriegsministerium. Ich hatte dort eine Abteilung des Allgemeinen Kriegsdepartements zu uebernehmen. Zurueckzufuehren ist diese Veraenderung auf den Umstand, dass mein einstiger Divisionskommandeur, General von Verdy, Kriegsminister geworden war und mich bei einer Umformung des Ministeriums heranzog. Schon als Major wurde ich dadurch Abteilungschef. So wenig diese Verwendung anfaenglich meinen Wuenschen und Neigungen entsprach, so sehr schaetzte ich doch spaeter den Nutzen, den ich durch den Einblick in mir bis dahin fremde Arbeitsgebiete und Verhaeltnisse gewann. Ich hatte reichlich Gelegenheit, die wohl kaum ganz vermeidliche Umstaendlichkeit des Geschaeftsbetriebes und des Formelwesens im Verein mit dem dadurch bedingten Hervortreten bureaukratischer Auffassung untergeordneterer Persoenlichkeiten, zugleich aber auch die grosse Pflichttreue kennen zu lernen, mit der ueberall in aeusserster Anspannung der Kraefte gearbeitet wurde. Zu meinen anregendsten Aufgaben gehoerten die Schaffung einer Feldpioniervorschrift und die Einfuehrung der Verwendung der schweren Artillerie in der Feldschlacht. Beides hat sich im grossen Kriege bewaehrt. Die Gesamtleistungen des Kriegsministeriums, sowohl im Frieden als auch ganz besonders im letzten Kriege, sind der groessten Anerkennung wert. Eine ruhige und sachliche Forschung wird erst imstande sein, dieses Urteil in seiner vollen Berechtigung zu bestaetigen. So sehr ich auch schliesslich meine Verwendung im Kriegsministerium als fuer mich nutzbringend schaetzen gelernt hatte, so warm begruesste ich doch die Befreiung aus meinem bureaukratischen Joch, als ich im Jahre 1893 zum Kommandeur des Infanterieregiments 91 in Oldenburg ernannt wurde. Die Stellung eines Regimentskommandeurs ist die schoenste in der Armee. Der Kommandeur drueckt dem Regiment, dem Traeger der Tradition im Heere, seinen Stempel auf. Erziehung des Offizierkorps nicht nur in dienstlicher sondern auch in geselliger Beziehung, Leitung und Ueberwachung der Ausbildung der Truppe sind seine wichtigen Aufgaben. Ich bemuehte mich, im Offizierkorps ritterlichen Sinn, in meinen Bataillonen Kriegsmaessigkeit und straffe Disziplin, ueberall aber auch neben strenger Dienstauffassung Dienstfreudigkeit und Selbstaendigkeit zu pflegen. Der Umstand, dass in der Garnison Infanterie, Kavallerie und Artillerie vereinigt waren, gab mir Gelegenheit zu zahlreichen Uebungen mit gemischten Waffen. Ihre Koenigliche Hoheiten der Grossherzog und die Grossherzogin waren mir gnaedig gesonnen, das gleiche galt vom erbgrossherzoglichen Paare. Ich fand auch sonst ueberall gute Aufnahme und habe mich in der freundlichen Gartenstadt sehr wohl gefuehlt. Die ruhige, schlichte Art der Oldenburger Bevoelkerung sagte mir zu. Gern und dankbar denke ich daher an meine Oldenburger Zeit zurueck. Die Gnade meines Kaisers brachte mich zu meiner grossen Freude an meinem 70jaehrigen Geburtstage wieder mit meinem einstigen Regiment durch _a la suite_-Stellung in Verbindung. So zaehle ich mich denn auch heute noch zu den Oldenburgern. Durch meine Ernennung zum Chef des Generalstabes des VIII. Armeekorps in Coblenz kam ich im Jahre 1896 zum ersten Male in naehere Beruehrung mit unserer Rheinprovinz. Der heitere Sinn und das freundliche Entgegenkommen des Rheinlaenders beruehrten mich durchaus angenehm: an das leichtere Hinweggleiten ueber ernstere Lebensfragen und eine im Verhaeltnis zu dem Norddeutschen weichere Art des Empfindens musste ich mich dagegen offen gestanden erst gewoehnen. Der Gang unserer geschichtlichen Entwickelung und die Verschiedenheiten in den geographischen und wirtschaftlichen Verhaeltnissen erklaeren ja durchaus manche Unterschiede im Denken und Fuehlen. Hieraus aber jetzt ein Lostrennungsbeduerfnis der Rheinlande von Preussen folgern zu wollen, ist meiner Ansicht nach ein Frevel und schnoeder Undank. Das frohe Leben am Rhein zog uebrigens auch mich in seinen Bann, und ich verlebte dort viele frohe Stunden. Mein Kommandierender General war anfaenglich der mir schon vom Grossen Generalstab her als Abteilungschef und auch vom Kriegsministerium her als mein Departementsdirektor bekannt General Vogel von Falckenstein. An seine Stelle trat aber bald Seine Koenigliche Hoheit der Erbgrossherzog von Baden. Diesem hohen Herrn durfte ich 31/2 Jahre zur Seite stehen. Ich zaehle diese Jahre mit zu den schoensten meines Lebens. Sein edler Sinn, in dem sich Hoheit mit gewinnender Herzlichkeit vereinte, seine vorbildliche, unermuedliche Pflichttreue verbunden mit soldatischer Art und Begabung erwarben ihm rasch die Liebe und das Vertrauen nicht nur seiner Untergebenen, sondern auch der rheinischen Bevoelkerung. Waehrend meiner Chefzeit hatte das VIII. Korps 1897 Kaisermanoever. Seine Majestaet der Kaiser und Koenig war mit den Leistungen in Parade und Felddienst zufrieden. Zu den Festlichkeiten in Coblenz zaehlte auch die Enthuellung des Denkmals Kaiser Wilhelms I. am Deutschen Eck, jenem schoengelegenen Punkte, an welchem die Mosel der Feste Ehrenbreitstein gegenueber in den Rhein muendet. Infolge meiner fast vier Jahre langen Verwendung als Generalstabschef eines Armeekorps war ich im Dienstalter so weit vorgerueckt, dass meine Ernennung zum Kommandeur einer Infanteriebrigade nicht mehr in Frage kam. Ich wurde daher nach dieser Zeit im Jahre 1900 zum Kommandeur der 28. Division in Karlsruhe ernannt. Diesem Allerhoechsten Befehl folgte ich mit ganz besonderer Freude. Meine bisherigen dienstlichen Beziehungen zum Erbgrossherzog liessen mich auch bei Ihren Koeniglichen Hoheiten dem Grossherzog und der Grossherzogin ein unendlich gnaediges Wohlwollen finden, das sich auch auf meine Frau uebertrug und uns hoch beglueckte. Dazu das herrliche Badener Land mit all seinen landschaftlichen Schoenheiten und seinen treuherzigen Bewohnern und Karlsruhe mit seinen zahlreichen Anregungen in Kunst und Wissenschaft, mit seiner alle Berufskreise umfassenden Geselligkeit. In der Division vereinigen sich zum ersten Male alle drei Waffen unter einer Kommandostelle. Der Dienst eines Divisionskommandeurs wird dadurch vielseitiger, erhebt sich ueber die kleineren Dinge und fordert eine Einwirkung, die sich vorwiegend mit dem Grossen im Kriege beschaeftigt. Mit inniger Dankbarkeit im Herzen verliess ich im Januar 1903 Karlsruhe, weil mich das Vertrauen meines Allerhoechsten Kriegsherrn an die Spitze des IV. Armeekorps berief. Ich uebernahm damit eine unendlich verantwortungsreiche Stellung, in der man in der Regel laenger als auf andern militaerischen Posten verbleibt, und in der man, aehnlich wie als Regimentskommandeur, nur unter hoehern Gesichtspunkten, dem Ganzen sein Gepraege gibt. Ich handelte im uebrigen nach meinen bisherigen Grundsaetzen und glaube Erfolge erreicht zu haben. Die Liebe meiner Untergebenen, auf die ich immer hohen Wert als auf eine der Wurzeln guter dienstlicher Leistungen gelegt habe, aeusserte sich wenigstens in herzerfreuender Weise, als ich nach 81/4jaehriger Taetigkeit mein schoenes Amt niederlegte. Schon im ersten Jahre hatte ich die Ehre, mein Armeekorps Seiner Majestaet im Kaisermanoever, mit einer Parade auf dem Schlachtfeld von Rossbach beginnend, vorfuehren zu duerfen. Ich erntete Allerhoechste Anerkennung, die ich dankbar auf meinen Vorgaenger und auf meine Truppen zurueckfuehrte. In diesen Manoevertagen hatte ich die Auszeichnung, Ihrer Majestaet der Kaiserin vorgestellt zu werden. Dieser ersten Begegnung sind spaeter in ernster Zeit Tage gefolgt, in denen ich immer wieder erkennen konnte, was die hohe Frau ihrem erhabenen Gemahl, dem Vaterlande und auch mir war. Das IV. Armeekorps gehoerte zu meiner Zeit zur Armee-Inspektion Seiner Koeniglichen Hoheit des Prinzen Leopold von Bayern. Ich lernte in ihm einen hervorragenden Fuehrer und vortrefflichen Soldaten kennen. Wir sollten uns spaeter auf dem oestlichen Kriegsschauplatz wiederfinden. Der Prinz unterstellte sich mir dort in hochherziger Weise im Interesse der grossen Sache, obgleich er mir im Dienstalter wesentlich ueberlegen war. Im Dezember 1908 nahm ich auf Befehl Seiner Majestaet des Kaisers im Verein mit dem damaligen General von Buelow, dessen Korps auch zur Armee-Inspektion des Prinzen gehoerte, in Muenchen an der Feier des 50jaehrigen Dienstjubilaeums Seiner Koeniglichen Hoheit teil. Wir hatten aus dieser Veranlassung die Ehre, von Seiner Koeniglichen Hoheit dem hochbetagten Prinz-Regenten Luitpold huldvoll empfangen zu werden. Magdeburg, mein Standort, wird oft von solchen, die es nicht kennen, unterschaetzt. Es ist eine schoene alte Stadt, deren "Breiter Weg" und deren ehrwuerdiger Dom als Sehenswuerdigkeiten gelten muessen. Seit der Schleifung der Festung sind ueber deren Grenzen hinaus ansehnliche, allen modernen Anforderungen entsprechende Vorstaedte entstanden. Was der naechsten Umgegend Magdeburgs an Naturschoenheiten versagt ist, hat man durch weitausgedehnte Parkanlagen zu ersetzen gewusst. Auch fuer Kunst und Wissenschaft ist durch Theater, Konzerte, Museen, Vortraege und dergleichen gesorgt. Man sieht also, dass man sich dort auch ausserdienstlich wohl fuehlen kann, besonders wenn man so angenehme gesellige Verhaeltnisse vorfindet, wie es uns beschieden war. Dem Verkehr in der Stadt schloss sich ein solcher an den Hoefen von Braunschweig, Dessau und Altenburg sowie auf zahlreichen Landsitzen an. Sie alle zu nennen, wuerde zu weit fuehren. Aber eines von uns alljaehrlich wiederholten mehrtaegigen Besuches bei meinem jetzt 93jaehrigen, ehrwuerdigen vaeterlichen Freunde, dem General der Kavallerie Graf Wartensleben auf Carow, muss ich doch in besonderer Dankbarkeit gedenken. Auch an Jagdgelegenheit war kein Mangel. Ganz abgesehen von den bekannten grossen Hasen- und Fasanenjagden der Provinz Sachsen sorgten Hofjagden in Letzlingen, Mosigkau bei Dessau, Blankenburg im Harz und im Altenburgischen sowie Treibjagden und Pirschfahrten auf mehreren Guetern dafuer, dass man auch auf Schwarz-, Dam-, Rot-, Reh- und Auerwild zu Schuss kam. Immer mehr reifte allmaehlich in mir der Entschluss, aus der Armee auszuscheiden. Ich hatte in meiner militaerischen Laufbahn viel mehr erreicht, als ich je zu hoffen wagte. Krieg stand nicht in Aussicht, und so erkannte ich es fuer eine Pflicht an, juengeren Kraeften den Weg nach vorwaerts freizumachen, und erbat im Jahre 1911 meinen Abschied. Da sich die falsche Legendenbildung dieses unbedeutenden Ereignisses bemaechtigt hat, so erklaere ich ausdruecklich, dass keinerlei Reibungen dienstlicher oder gar persoenlicher Art diesen Schritt veranlasst haben. Der Abschied von liebgewonnenen, langjaehrigen Beziehungen und besonders von meinem IV. Korps, das mir fest ans Herz gewachsen war, wurde mir nicht leicht. Aber es musste sein! Ich ahnte nicht, dass ich nach wenigen Jahren wieder zum Schwerte greifen und dann gleich meinem einstigen Armeekorps Kaiser und Reich, Koenig und Vaterland erneut dienen durfte. Im Verlauf meiner langjaehrigen Dienstzeit habe ich fast alle deutschen Staemme kennen gelernt. Ich glaube daher beurteilen zu koennen, ueber welch einen Reichtum wertvollster Eigenarten unser Volk verfuegt, und wie kaum ein anderes Land der Welt in solcher Vielseitigkeit die Vorbedingungen fuer ein reiches geistiges und seelisches Leben in sich birgt als Deutschland. Uebergang in den Ruhestand Mit treugehorsamstem Dank gegen meinen Kaiser und Koenig, unter den heissesten Wuenschen fuer seine Armee und in vollem Vertrauen auf die Zukunft unseres Vaterlandes war ich aus dem aktiven Dienst geschieden und blieb doch im Innern immer Soldat. Das reiche Erleben auf allen Gebieten meines Berufes liess mich zufrieden auf meine bisherige Taetigkeit zurueckblicken. Nichts war imstande, mir das Gesamtbild zu trueben, ueber dem der Zauber der Verwirklichung gluehender Jugendtraeume lag. Der Uebergang zur selbstgewaehlten Ruhe vollzog sich daher auch bei mir nicht ohne Heimweh nach dem verlassenen Wirkungskreise, nicht ohne Sehnsucht nach den Reihen der Armee. Die Hoffnung, dass im Falle einer Gefahr fuers Vaterland mein Kaiser mich wieder rufen wuerde, der Wunsch, meine letzten Kraefte seinem Dienste zu widmen, verlor in der Stille meines veraenderten Daseins nichts von seiner Staerke. In der Zeit, in der ich die Armee verliess, pulsierte dort ein aussergewoehnlich starkes geistiges Leben. Der erfrischende Kampf zwischen Altem und Neuem, zwischen ruecksichtslosen Fortschritten und aengstlichem Zurueckhalten suchte und fand seinen Ausgleich in den praktischen Erfahrungen der juengsten Kriege. Diese Erfahrungen liessen trotz der neuen Bahnen, die sie uns oeffneten, keinen Zweifel darueber, dass inmitten der Wertsteigerung aller Kampfmittel die Wertschaetzung der Erziehung, der sittlichen Bildung des Soldaten die gleiche wie bisher bleiben musste. Die herzhafte Tat hatte den Vorrang vor den Kuensteleien des Verstandes auch jetzt noch behalten. Geistesgegenwart und Charakterfestigkeit blieben hoeher im kriegerischen Kurs als Feinheiten der Gedankenschulung. Ueber der Vervollkommnung der Vernichtungswaffen hatte der Krieg seine einfachen, ich moechte sagen groben Formen nicht verloren. Er vertrug keine Verbildung der menschlichen Natur, keine Ueberfeinerung der kriegerischen Erziehung. Was er auch weiterhin vor allem anderen forderte, das war die Bildung des Menschen zur willensstarken Persoenlichkeit. Man hat im Frieden vielfach geglaubt, der Armee Unproduktivitaet vorwerfen zu koennen. Mit vollem Rechte, wenn man unter Produktivitaet die Schaffung von materiellen Werten versteht, mit ebensolchem Unrecht, wenn man die Produktivitaet von hoeheren, sittlichen Gesichtspunkten auffasst. Wer nicht aus Vorurteil und Uebelwollen unsere militaerische Friedensarbeit von vornherein verwarf, musste in der Armee die trefflichste Schule fuer Wille und Tat, ja geradezu fuer Freude an der Tat anerkennen. Wieviele Tausende von Menschen haben unter ihrem Einfluss erst gelernt, was sie koerperlich und seelisch zu leisten vermochten, haben in ihr das Selbstvertrauen und die innere Eigenkraft gewonnen, die ihnen dann durch das ganze Leben erhalten blieb. Wo hatte der Gleichheitsgedanke und Einheitssinn des Volkes eine durchgreifendere Vertretung gefunden als in der alle gleichmachenden Schule unseres grossen, vaterlaendischen Heeres? In ihm wurde der Hang zum schrankenlosen Sichselbstleben mit seinen Gesellschaft und Staat aufloesenden Bestrebungen durch straffe Selbstzucht des Einzelnen zum Wohle fuer die Allgemeinheit segensvoll gelaeutert und umgewandelt. Das Heer schulte und verstaerkte jenen machtvollen organisatorischen Trieb, den wir in unserem Vaterlande allenthalben fanden, auf dem Gebiete des Staatslebens, wie auf dem der Wissenschaft, im Handel wie in der Technik, in der Industrie wie in den Arbeitermassen, in der Landwirtschaft wie im Gewerbe. Die Ueberzeugung von der Notwendigkeit, ja von dem Segen der Unterordnung des einzelnen unter das Wohl des Ganzen war dem deutschen Heere und durch dieses auch dem deutschen Volke zum vollen Bewusstsein gekommen. Nur auf dieser Grundlage waren die ungeheuren Leistungen moeglich, mit denen wir bald in harter Not einer ganzen feindlichen Welt Trotz bieten mussten und konnten. Auf den Kampffeldern Europas, Asiens und Afrikas hat denn auch der deutsche Offizier und Soldat den Beweis geliefert, dass unsere Heereserziehung die richtige war. Wenn auch unter mancherlei Einwirkungen die lange Dauer des letzten Krieges auf einige Naturen einen entsittlichenden Einfluss ausuebte, oder unter den entnervenden Eindruecken seelischer und koerperlicher Ueberanspannung die moralischen Begriffe sich teilweise verwirrten, sowie auch unter zahlreichen Versuchungen bislang tadelfreie Charaktere schwach wurden, der innerste Kern des Heeres blieb trotz der unerhoertesten Belastung sittlich gesund und seiner Aufgabe gewachsen. Man hat der bisherigen Armee vorgeworfen, dass sie sich bemuehte, den freien Menschen zum willenlosen Werkzeug herabzuwuerdigen. Auf den Schlachtfeldern des grossen Weltkrieges, inmitten der aufloesenden Wirkungen endloser Kaempfe hat es sich aber gezeigt, welch willensstaerkenden Einfluss unsere Erziehung ausgeuebt hat. Zahllose erhebende und gleichzeitig erschuetternde Vorgaenge beweisen, zu welch grossen freiwilligen Opfern der brave deutsche Mann befaehigt war, nicht weil er sich sagte: "Ich muss", sondern weil er sich sagte: "Ich will." Es liegt in dem Gange der Ereignisse, dass man mit der Aufloesung der alten Armee neue Wege zur Erziehung des Volkes und seiner Wehrkraft fordert. Ich verbleibe dem gegenueber fest auf dem Boden der alten, bewaehrten Grundsaetze. Moegen es andere fuer nicht unbedingt entscheidend ansehen, durch welche Mittel und auf welchem Wege wir die Moeglichkeit zu gleichen Leistungen wie bisher erreichen, darin wenigstens werden sie gewiss mit mir uebereinstimmen, dass es fuer die Zukunft unseres Vaterlandes bestimmend ist, dass wir diese Moeglichkeit ueberhaupt wieder erlangen. Es sei denn, dass wir auf unsere Stellung in der Welt verzichten wollen und uns zum Amboss herabwuerdigen lassen, weil wir weder den Mut noch die Kraft mehr finden, zum Hammer zu werden, wenn es die Stunde gebietet. Vielleicht ist es die Schicksalsfrage nicht nur fuer das politische sondern auch fuer das wirtschaftliche Neugedeihen unseres deutschen Vaterlandes, wie wir die grosse Schule fuer Organisation und Tatkraft, die wir in unserem alten Heere besassen, wieder gewinnen. Wenn irgendein Land der Erde, so kann das deutsche nur unter aeusserster Anspannung und Zusammenfassung seiner schoepferischen Kraefte gedeihen und einen lebenswerten Platz inmitten der uebrigen Welt behaupten. Unter den zersetzenden Wirkungen eines ungluecklichen Krieges und unter dem truegerischen Eindruck, als ob die strenge Unterordnung aller Volkskraefte unter einen beherrschenden Willen das Unglueck des Vaterlandes nicht zu verhindern vermocht haette, ist leider eine starke Auflehnung gegen die bestehende strenge Ordnung eingetreten. Die Empoerung gegen die jahrelange freiwillige oder erzwungene Unterwerfung durchbrach die bisherigen Schranken und irrte planlos auf neuen Wegen. Ist ein Erfolg auf diesen neuen Wegen zu erhoffen? Bis jetzt haben wir jedenfalls unter den Einfluessen der staatlichen Aufloesung weit mehr seelische und ethische Werte verloren, als unter den Wirkungen des eigentlichen Krieges. Schaffen wir nicht bald wieder neue erzieherische Kraefte, und treiben wir den Raubbau auf dem geistigen und sittlichen Boden unseres Volkes in der bisherigen Weise weiter, so werden wir die kostbarste Grundlage unseres Staatslebens fruehzeitig bis zur voelligen Unfruchtbarkeit und Oede erschoepfen! ZWEITER TEIL KRIEGFUeHRUNG IM OSTEN Der Kampf um Ostpreussen Kriegsausbruch und Berufung Die Ruhe meines Lebens gab mir seit dem Jahre 1911 die Moeglichkeit, mich den politischen Vorgaengen in der Welt mit Musse zu widmen. Die Beobachtungen, die ich dabei machte, waren freilich nicht imstande, mich mit Befriedigung zu erfuellen. Aengstlichkeit lag mir ferne, und doch konnte ich ein gewisses bedrueckendes Gefuehl nicht los werden. Die Ansicht draengte sich mir auf, dass wir in den weiten Ozean der Weltpolitik hinaustrieben, ohne dass wir in Europa selbst genuegend fest standen. Mochten die politischen Wetterwolken ueber Marokko stehen oder sich ueber dem Balkan zusammenziehen, die unbestimmte Ahnung, als ob unter unserem deutschen Boden miniert wuerde, teilte ich mit der Mehrzahl meiner Landsleute. Wir standen in den letzten Jahren zweifellos einer der sich augenscheinlich regelmaessig wiederholenden franzoesisch-chauvinistischen Hochfluten gegenueber. Ihr Ursprung war bekannt; ihre Stuetze suchte und fand sie in Russland wie in England, ganz gleichgueltig, wer und was dort die offenen oder geheimen, die bewussten oder unbewussten Triebfedern bildete. Ich habe die besonderen Schwierigkeiten in der Fuehrung der deutschen Politik nie verkannt. Die Gefahren, die sich aus unserer geographischen Lage, aus unseren wirtschaftlichen Notwendigkeiten und nicht zuletzt aus unseren voelkisch gemischten Randgebieten ergaben, waren mit den Haenden zu greifen. Eine gegnerische Politik, der es gelang, die fremden Begehrlichkeiten gegen uns zusammenzufassen, bedurfte nach meiner Ansicht hierzu keiner grossen Gewandtheit. Sie betrieb letzten Endes den Krieg. Auf diese Gefahr uns einzustellen, versaeumten wir. Unsere Buendnispolitik richtete sich mehr nach einem Ehrenkodex als nach den Beduerfnissen unseres Volkes und unserer Weltlage. Wenn ein spaeterer deutscher Reichskanzler schon in den neunziger Jahren mit dem fortschreitenden Zerfall der uns verbuendeten Donaumonarchie als mit etwas Selbstverstaendlichem rechnen zu muessen glaubte, so war es unverstaendlich, wenn unsere Politik daraus nicht die entsprechenden Folgerungen zog. Den deutsch-oesterreichischen Stammesgenossen brachte ich jederzeit volle Sympathie entgegen. Die Schwierigkeiten ihrer Stellung innerhalb ihres Vaterlandes fanden ja bei uns allgemein die lebhafteste Teilnahme. Dieses unser Gefuehl wurde aber nach meiner Auffassung von der oesterreichisch-ungarischen Politik allzu weitgehend ausgenutzt. Das Wort von der Nibelungentreue war gewiss seinerzeit sehr eindrucksvoll. Es konnte uns aber ueber die Tatsache nicht hinwegtaeuschen, dass Oesterreich-Ungarn uns in die bosnische Krisis, auf die dieses Wort gemuenzt war, ohne bundesbruederliche Verstaendigung ueberraschend hineingezerrt hatte und dann von uns verlangte, ihm den Ruecken zu decken. Dass wir den Verbuendeten damals nicht verlassen konnten, war klar. Das haette geheissen, den russischen Koloss staerken, um dann selbst um so sicherer und widerstandsloser von ihm erdrueckt zu werden. Mir als Soldaten musste besonders das Missverhaeltnis zwischen den politischen Anspruechen Oesterreich-Ungarns und seinen innerpolitischen sowie militaerischen Kraeften auffallen. Den ungeheuren Ruestungen des nach dem ostasiatischen Kriege wieder gekraeftigten Russland gegenueber verstaerkten zwar wir Deutschen unsere Wehr, stellten aber nicht die gleichen Anforderungen an unseren oesterreichisch-ungarischen Bundesgenossen. Fuer die Staatsmaenner der Donaumonarchie mochte es sehr einfach sein, sich gegenueber unseren Anregungen auf Erhoehung der oesterreichisch-ungarischen Ruestungen hinter Schwierigkeiten ihrer innerstaatlichen Verhaeltnisse zurueckzuziehen. Warum aber fanden wir keine Mittel, Oesterreich-Ungarn in dieser Frage vor ein Entweder-Oder zu stellen? Wir kannten doch die gewaltige zahlenmaessige Ueberlegenheit unserer voraussichtlichen Gegner. Durften wir es denn dulden, dass der Verbuendete einen grossen Teil seiner Volkskraefte fuer die gemeinsame Verteidigung brach liegen liess? Was nuetzte es uns, in Oesterreich-Ungarn ein nach Suedosten vorgeschobenes Bollwerk zu besitzen, wenn dieses Bollwerk nach allen Seiten Risse aufwies und nicht genuegend Verteidiger besass, um seine Waelle zu halten? Auf eine wirksame Waffenhilfe Italiens zu rechnen, schien mir von jeher bedenklich. Eine solche war zweifelhaft, selbst bei gutem Willen der italienischen Staatsmaenner. Wir hatten Gelegenheit gehabt, die Schwaechen des italienischen Heeres im Tripoliskrieg vollauf zu erkennen. Seitdem waren die dortigen Verhaeltnisse bei den schwer erschuetterten Finanzen des Staates kaum besser geworden. Schlagbereit war Italien jedenfalls nicht. In diesen Richtungen bewegten sich meine damaligen Betrachtungen und Sorgen. Ich hatte den Krieg schon zweimal kennengelernt, jedesmal unter kraftvoller politischer Fuehrung vereint mit einfachen, klaren kriegerischen Zielen. Ich fuerchtete den Krieg nicht, auch jetzt nicht! Aber ich kannte neben seinen erhebenden Wirkungen seine verheerenden Eingriffe in das menschliche Dasein zu gut, als dass ich ihn nicht haette denkbar lange vermieden wissen wollen. Und nun brach der Krieg ueber uns herein! Die Hoffnungslosigkeit, uns mit Frankreich auf dem bestehenden Boden vergleichen, den Geschaeftsneid und die Rivalitaetsangst Englands bannen, die russische Begehrlichkeit ohne unseren Buendnisbruch mit Oesterreich befriedigen zu koennen, hatte in Deutschland seit langem eine Stimmungsspannung hervorgerufen, in der der Kriegsausbruch fast wie eine Befreiung von einem bestaendigen, das ganze Leben beeintraechtigenden Drucke empfunden wurde. Der deutsche kaiserliche Heerbann trat an! Eine stolze Kriegsmacht, wie sie die Welt in dieser Tuechtigkeit nur selten gesehen hat. Bei ihrem Anblick musste der Herzschlag des ganzen Volkes kraeftiger werden. Doch nirgends Uebermut im Angesicht der Aufgabe, die unserer harrte. Hatten doch weder Bismarck noch Moltke uns ueber die wuchtende Last eines solchen Krieges im Unklaren gelassen, stellte doch jeder Einsichtige bei uns sich die Frage, ob wir politisch, wirtschaftlich, militaerisch und moralisch imstande sein wuerden durchzuhalten. Doch groesser als die Sorge war zweifellos das Vertrauen. In diesen Stimmungen und Gedanken traf auch mich die Nachricht vom Losbrechen des Sturmes. Der Soldat in mir wurde in seiner nunmehr alles beherrschenden Kraft wieder lebendig. Wuerde mein Kaiser und Koenig meiner beduerfen? Gerade das letzte Jahr war ohne eine amtliche Andeutung dieser Art fuer mich voruebergegangen. Juengere Kraefte schienen ausreichend verfuegbar. Ich fuegte mich dem Schicksal und blieb doch in sehnsuchtsvoller Erwartung. Zur Front Die Heimat lauschte in Spannung. Die Nachrichten von den Kriegsschauplaetzen entsprachen unseren Hoffnungen und Wuenschen. Luettich war gefallen, das Gefecht bei Muelhausen siegreich geschlagen, unser rechter Heeresfluegel und unsere Mitte im Vorschreiten durch Belgien. Die ersten jubelatmenden Nachrichten ueber die Lothringer Schlacht drangen ins Vaterland. Auch aus dem Osten klang es wie Siegesfanfaren. Nirgends Ereignisse, die sorgende Gedanken gerechtfertigt erscheinen liessen. Am 22. August 3 Uhr nachmittags erhielt ich eine Anfrage aus dem Grossen Hauptquartier Seiner Majestaet des Kaisers, ob ich bereit zur sofortigen Verwendung sei. Meine Antwort lautete: "Bin bereit." Noch bevor dieses Telegramm im Grossen Hauptquartier eingetroffen sein konnte, erhielt ich ein zweites von dort. Danach rechnete man augenscheinlich bestimmt mit meiner Bereitschaft zur Annahme einer Feldstelle und teilte mir mit, dass General Ludendorff bei mir eintreffen werde. Weitere Mitteilungen aus dem Grossen Hauptquartier klaerten dann die Sachlage fuer mich dahin auf, dass ich als Armeefuehrer sogleich nach dem Osten abzugehen haette. Gegen 3 Uhr nachts fuhr ich, in der Eile nur unfertig ausgeruestet, zum Bahnhof und stand dort erwartungsvoll in der maessig beleuchteten Halle. Meine Gedanken rissen sich von dem heimischen Herde, den ich so ploetzlich verlassen musste, erst voellig los, als der kurze Sonderzug einfuhr. Ihm entstieg mit frischem Schritte General Ludendorff, sich bei mir als mein Chef des Generalstabs der 8. Armee meldend. Der General war mir bis zu diesem Augenblicke fremd gewesen, seine Tat bei Luettich mir noch unbekannt. Er klaerte mich zunaechst ueber die Lage an unserer Ostfront auf, ueber die er am 22. August im Grossen Hauptquartier Coblenz von dem Chef des Generalstabes des Feldheeres, Generaloberst von Moltke, persoenlich unterrichtet worden war. Danach hatten sich die Operationen der 8. Armee in Ostpreussen folgendermassen entwickelt: Die Armee hatte das XX. Armeekorps, verstaerkt durch Festungsbesatzungen und sonstige Landwehrformationen, bei Beginn der Operationen zum Schutze der Suedgrenze West- und Ostpreussens von der Weichsel bis an das Loetzener Seengebiet in Stellung belassen. Die Masse der Armee (I. Armeekorps, XVII. Armeekorps, I. Reservekorps, 3. Reservedivision, Festungsbesatzung Koenigsberg und 1. Kavalleriedivision) war an der Ostgrenze Ostpreussens versammelt worden und hatte dort am 17. August bei Stallupoenen, am 19. und 20. August bei Gumbinnen im Angriff gegen die unter General Rennenkampf von Osten her vordringende russische Njemenarmee gefochten. Waehrend der Kaempfe bei Gumbinnen war die Meldung vom Vormarsch der russischen Narewarmee unter General Samsonoff von Sueden her gegen die deutsche Grenzlinie Soldau-Willenberg eingetroffen. Die Fuehrung unserer 8. Armee glaubte damit rechnen zu muessen, dass der Russe diese Grenze schon am 21. August ueberschreiten wuerde. Angesichts dieser Bedrohung der rueckwaertigen Verbindungen aus suedlicher Richtung brach das Oberkommando die Schlacht bei Gumbinnen ab und meldete der Obersten Heeresleitung, dass es nicht imstande sein wuerde, das Land oestlich der Weichsel weiterhin zu behaupten. Generaloberst von Moltke hatte diesen Entschluss nicht gebilligt. Er vertrat die Auffassung, dass man noch eine Operation zur Vernichtung der Narewarmee versuchen muesste, bevor man daran denken duerfte, die militaerisch, wirtschaftlich und politisch wichtige Stellung in Ostpreussen aufzugeben. Der Gegensatz in den Anschauungen zwischen der Obersten Heeresleitung und dem Armee-Oberkommando hatte den Wechsel in den fuehrenden Stellen der 8. Armee veranlasst. Zur Zeit schien die Lage bei dieser Armee folgende zu sein: Die Losloesung vom Feinde war gelungen. Das I. Armeekorps und die 3. Reservedivision befanden sich in Abbefoerderung mit der Bahn nach Westen, waehrend das I. Reservekorps und das XVII. Armeekorps der Weichsellinie im Fussmarsch zustrebten. Das XX. Armeekorps stand noch auf seinem Posten an der Grenze. Ich war mit meinem nunmehrigen Armeechef in kurzem in der Auffassung der Lage einig. General Ludendorff hatte schon von Coblenz aus die ersten unaufschiebbaren Weisungen geben koennen, die dahin zielten, die Fortfuehrung der Operationen oestlich der Weichsel sicherzustellen. Dazu gehoerte in erster Linie, dass die Transporte des I. Armeekorps nicht zu weit nach Westen gefuehrt, sondern auf Deutsch-Eylau, also feindwaerts hinter den rechten Fluegel des XX. Armeekorps, herangeleitet wurden. Alles weitere musste und konnte erst bei unserem Eintreffen im Hauptquartier der Armee in Marienburg entschieden werden. Unser Gespraech hatte kaum mehr als eine halbe Stunde in Anspruch genommen. Dann begaben wir uns zur Ruhe. Die dazu verfuegbare Zeit nuetzte ich gruendlich aus. So fuhren wir denn einer gemeinsamen Zukunft entgegen, uns des Ernstes der Lage voll bewusst, aber auch voll festen Vertrauens zu Gott dem Herrn, zu unseren braven Truppen und nicht zuletzt zu einander. Jahrelang sollte von nun ab das gemeinsame Denken und die gemeinsame Tat uns vereinen. Ich moechte mich hier gleich ueber das Verhaeltnis zwischen mir und meinem damaligen Generalstabschef und spaeteren Ersten Generalquartiermeister General Ludendorff aussprechen. Man hat geglaubt, dieses Verhaeltnis mit dem Bluechers zu Gneisenau vergleichen zu koennen. Ich lasse dahingestellt sein, inwieweit man bei diesem Vergleiche von der wirklich richtigen historischen Grundlage ausgegangen ist. Die Stellung eines Chefs des Generalstabes hatte ich, wie aus meinen vorhergehenden Ausfuehrungen ja bekannt ist, frueher selbst jahrelang innegehabt. Die Taetigkeit eines solchen gegenueber dem die Verantwortung tragenden Fuehrer ist, wie ich somit aus eigener Erfahrung wusste, innerhalb der deutschen Armee nicht theoretisch festgelegt. Die Art der Zusammenarbeit und das Ausmass der gegenseitigen Ergaenzung haengen vielmehr von den Persoenlichkeiten ab. Die Grenzen der beiderseitigen Wirkungsbereiche sind also nicht scharf voneinander getrennt. Ist das Verhaeltnis zwischen Vorgesetzten und Generalstabschef ein richtiges, so werden sich diese Grenzen durch soldatischen und persoenlichen Takt und die beiderseitigen Charaktereigenschaften leicht ergeben. Ich selbst habe mein Verhaeltnis zu General Ludendorff oft als das einer gluecklichen Ehe bezeichnet. Wie will und kann der Aussenstehende das Verdienst des einzelnen in einer solchen scharf abgrenzen? Man trifft sich im Denken wie im Handeln, und die Worte des einen sind oftmals nur der Ausdruck der Gedanken und Empfindungen des anderen. Eine meiner vornehmsten Aufgaben, nachdem ich den hohen Wert des Generals Ludendorff bald erkannt hatte, sah ich darin, den geistvollen Gedankengaengen, der nahezu uebermenschlichen Arbeitskraft und dem nie ermattenden Arbeitswillen meines Chefs soviel als moeglich freie Bahn zu lassen und sie ihm, wenn noetig, zu schaffen. Freie Bahn in der Richtung, in der unser gemeinsames Sehnen, unsere gemeinsamen Ziele lagen: der Sieg unserer Fahnen, das Wohl unseres Vaterlandes, ein Friede, wert der Opfer, die unser Volk gebracht hatte. Ich hatte dem General Ludendorff die Treue des Kampfgenossen zu halten, wie sie uns in deutscher Volksgeschichte von Jugend an gelehrt wird, die Kampfestreue, an der unser ethisches Denken so reich ist. Und wahrlich, seine Arbeit und sein Wollen, wie seine ganze sonstige Persoenlichkeit waren dieser Treue wert. Moegen andere darueber urteilen wie sie wollen! Auch fuer ihn wird wie fuer so viele unserer Grossen und Groessten erst spaeter die Zeit kommen, in der das Volk in seiner Gesamtheit bewundernd zu ihm aufblicken wird. Mein Wunsch aber ist es, dass unser Vaterland in gleich schwerem Geschick aufs neue einen solchen Mann finden moege, einen ganzen Mann, kraftvoll in sich geschlossen, freilich auch eckig und kantig, aber geschaffen fuer ein gigantisches Werk wie kaum ein zweiter in der Geschichte. Wahrlich, er wurde in richtiger Erkenntnis seiner Bedeutung von seinen Gegnern gehasst! Auf die Harmonie unserer kriegerischen und politischen Ueberzeugungen gruendete sich die Einheitlichkeit unserer Anschauungen in dem Gebrauch unserer Streitmittel. Verschiedenheiten der Auffassungen fanden ihren natuerlichen Ausgleich und Abgleich, ohne dass das Gefuehl gemachter Nachgiebigkeiten auf einer oder der anderen Seite jemals stoerend dazwischen trat. Die gewaltige Arbeit meines Generalstabschef setzte unsere Gedanken und Plaene auf das Raederwerk unserer Armeefuehrung um und spaeter auf das der gesamten Obersten Heeresleitung, nachdem diese uns anvertraut worden war. Sein Einfluss belebte alle, niemand konnte sich ihm entziehen, es sei denn auf die Gefahr hin, aus der einheitlichen Bahn geschleudert zu werden. Wie konnte auch anders die ungeheure Aufgabe erfuellt, die Triebkraft zur vollen Wirkung gebracht werden? In selbstverstaendlicher, soldatischer Pflichterfuellung, reich an Willen und Gedanken, schloss sich uns beiden der weitere Kreis der Mitarbeiter an. Mit treu dankbarem Herzen werde ich stets auch ihrer gedenken! Tannenberg Am fruehen Nachmittag des 23. August erreichten wir unser Hauptquartier Marienburg. Wir betraten damit das Land oestlich der Weichsel, das demnaechstige Gebiet unseres Wirkens. Die Lage an der Front hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt wie folgt entwickelt: Das XX. Armeekorps war von seinen Grenzstellungen bei Neidenburg auf Gilgenburg und Gegend oestlich zurueckgegangen. Nach Westen anschliessend an dieses Korps standen die aus den Festungen Thorn und Graudenz herausgezogenen Besatzungen bis gegen die Weichsel hin laengs der Grenze. Die 3. Reservedivision war als Verstaerkung fuer das XX. Armeekorps bei Allenstein eingetroffen. Die Heranbefoerderung des I. Armeekorps nach Deutsch-Eylau hatte mit Verzoegerungen begonnen. Das XVII. Armeekorps und I. Reservekorps waren im Fussmarsch in die Gegend um Gerdauen gekommen. Die 1. Kavalleriedivision stand suedlich Insterburg der Armee Rennenkampf gegenueber. Die Besatzung von Koenigsberg hatte Insterburg im Rueckmarsch nach Westen durchschritten. Die Njemenarmee Rennenkampfs war auffallenderweise mit nennenswerten Infanterieteilen noch nicht ueber die Angerapp vorgedrungen. Von den beiden russischen Kavalleriekorps war das eine bei Angerburg, das andere westlich Darkehmen gemeldet worden. Die Narewarmee Samsonoffs hatte mit einer Division anscheinend die Gegend von Ortelsburg erreicht, auch sollte Johannisburg vom Feinde besetzt sein. Im uebrigen schien die Masse dieser Armee wohl noch an der Grenze im Aufschliessen begriffen, westlicher Fluegel bei Mlawa. In der Brieftasche eines gefallenen russischen Offiziers war ein Schriftstueck gefunden worden, aus dem die Absichten der gegnerischen Fuehrung hervorgingen. Danach hatte die Armee Rennenkampf, die masurischen Seen noerdlich umgehend, gegen die Linie Insterburg-Angerburg vorzuruecken. Sie sollte die hinter der Angerapp angenommenen deutschen Streitkraefte angreifen, waehrend die Narewarmee ueber die Linie Loetzen-Ortelsburg den Deutschen die Flanke abzugewinnen hatte. Die Russen planten also einen konzentrischen Angriff auf die 8. Armee, fuer welchen die Armee Samsonoffs aber jetzt schon erheblich weiter nach Westen ausholte, als urspruenglich beabsichtigt war. Was sollen, ja was koennen wir gegen diesen gefaehrlichen feindlichen Plan tun? Gefaehrlich weniger wegen der Kuehnheit, mit der er erdacht, als wegen der Staerke, mit der er ausgefuehrt werden soll, wenigstens mit der Staerke an Streitern, hoffentlich nicht mit der gleichen Staerke an Willen. Fuehrte doch Russland im Laufe der Monate August und September nicht weniger als 800.000 Soldaten und 1700 Geschuetze gegen Ostpreussen heran, zu dessen Verteidigung nur 210.000 deutsche Soldaten mit 600 Geschuetzen verfuegbar gemacht werden konnten. Unser Gegenplan ist einfach. Ich will versuchen, ihn dem Leser, auch wenn er kein Fachmann ist, in allgemeinen Umrissen verstaendlich zu machen. Wir stellen zunaechst der dichten Masse Samsonoffs eine duenne Mitte gegenueber. Ich sage duenn, nicht schwach. Denn Maenner sind es mit staehlernem Herzen und staehlernem Willen. In ihrem Ruecken die Heimat, Weib und Kind, Eltern und Geschwister, Hab und Gut! Es ist das XX. Korps, brave West- und Ostpreussen. Mag diese duenne Mitte unter dem Drucke der feindlichen Massen sich auch biegen, wenn sie nur nicht bricht. Waehrend diese Mitte kaempft, sollen zwei wuchtige Gruppen an deren beide Fluegel zum entscheidenden Angriff heranruecken. Die Truppen des I. Armeekorps, durch Landwehr verstaerkt, auch alles Kinder des bedrohten Landes, werden von rechts her aus dem Nordwesten, die Truppen des XVII. Armeekorps und I. Reservekorps zusammen mit einer Landwehrbrigade, werden von links her aus dem Norden und Nordosten zur Schlacht herangeholt. Auch die Soldaten des XVII. Armeekorps und I. Reservekorps, ebenso wie die Maenner der Landwehr und des Landsturms haben alles, was das Leben lebenswert macht, in ihrem Ruecken. Nicht mit einfachem Siege sondern mit Vernichtung muessen wir Samsonoff treffen. Denn nur dadurch bekommen wir freie Haende gegen den zweiten Feind, der zurzeit Ostpreussen pluendert und versengt, gegen Rennenkampf. Nur so koennen wir das alte Preussenland wirklich und voellig befreien, und nur so gewinnen wir Freiheit fuer weitere Taten, die man noch von uns erwartet, naemlich fuer das Eingreifen in den maechtig entbrennenden Entscheidungskampf zwischen Russland und unserem oesterreichisch-ungarischen Verbuendeten in Galizien und Polen. Wird unser erster Schlag nicht durchgreifend, dann bleibt die Gefahr fuer unsere Heimat wie eine schleichende Krankheit bestehen, ungeraecht bleibt das Brennen und Morden in Ostpreussen, und vergeblich wartet der Bundesgenosse im Sueden auf uns. Also ganzes Handeln! Dazu muss alles heran, was im Bewegungskrieg einigermassen brauchbar ist und irgendwo entbehrt werden kann. Was die Festungswaelle von Graudenz und Thorn noch an kampftauglicher Landwehr beherbergen, wird herangezogen. Auch aus den Schuetzengraeben, die zwischen den masurischen Seen unsere jetzige Operation im Osten decken, ruecken unsere Wehrmaenner ab und uebergeben die dortige Verteidigung einer verschwindenden Minderzahl braver Landstuermer. Gewinnen wir die Feldschlacht, dann brauchen wir die Festungen Thorn und Graudenz nicht mehr und sind der Sorgen um die Seenengen ledig. Gegen Rennenkampf, der wie ein Alpdruck aus dem Nordosten auf uns lasten koennte, soll nur unsere Kavalleriedivision sowie die Hauptreserve Koenigsberg mit zwei Landwehrbrigaden stehen bleiben. Doch koennen wir an diesem Tage noch nicht ueberblicken, ob diese Kraefte auch wirklich genuegen. Sie bilden in ihrer Kampfkraft ja nur einen leicht zerreissbaren Schleier, vorausgesetzt, dass Rennenkampfs Massen marschieren, dass seine uebermaechtigen Reitergeschwader reiten sollten, so wie wir es befuerchten muessen. Vielleicht tun sie das aber nicht; dann genuegt der Schleier zur Deckung unserer Schwaeche. Wir muessen es wagen in Flanke und Ruecken, um an der entscheidenden Front stark zu sein. Hoffentlich gelingt es uns, Rennenkampf zu taeuschen; vielleicht taeuscht er sich selbst. Der starke Waffenplatz Koenigsberg mit seiner Besatzung und unsere Reiter koennen sich ja in der Phantasie des Feindes zu machtvolleren Groessen erweitern. Wenn sich aber auch Rennenkampf zu unseren Gunsten in falschen Vorstellungen wiegt, wird ihn nicht seine Oberste Heeresfuehrung vorwaertstreiben in starken Maerschen nach Suedwesten und in unseren Ruecken? Muss ihn nicht ein Hilfeschrei Samsonoffs in Bewegung aufs Kampffeld setzen? Und wird nicht, selbst wenn der Ruf menschlicher Stimme vergeblich verhallen sollte, der mahnende Donner der Schlacht bis zu den russischen Linien im Norden der Seen, ja selbst bis zum feindlichen Hauptquartier dringen? Vorsicht gegen Rennenkampf bleibt also noetig, wir koennen ihr aber nicht durch Zuruecklassung starker Kampftruppen Rechnung tragen, sonst werden wir auf dem Schlachtfelde noch schwaecher, als wir es ohnehin sind. Berechnen wir die gegenseitigen Staerken, zaehlen wir zu der unserigen auch die beiden Landwehrbrigaden, die zur Zeit von Schleswig-Holstein her aus dem Kuestenschutz heranrollen und wohl noch rechtzeitig zur Schlacht eintreffen werden, so gibt ein Vergleich mit den wahrscheinlichen russischen Kraeften immer noch grosse Verschiedenheiten zu unseren Ungunsten, auch wenn Rennenkampf nicht marschieren, nicht mitkaempfen will. Dazu kommt, dass in unseren vordersten Reihen viel Landwehr und Landsturm fechten muss. Alte Jahrgaenge gegen beste russische Jugend. Ferner spricht gegen uns, dass die Mehrzahl unserer Truppen und, wie es die Lage fuegt, gerade alle, die voraussichtlich den entscheidenden Stoss fuehren muessen, aus schweren und verlustreichen Kaempfen herankommen. Hatten sie doch den Russen das Schlachtfeld von Gumbinnen ueberlassen muessen. Die Truppen marschieren daher nicht mit dem stolzen Gefuehle der Sieger. Und doch ruecken sie zur Schlacht frohen Sinnes und fester Zuversicht. Der Geist ist gut, so wird uns gemeldet, also berechtigt er zu kraeftigen Entschluessen, und wo er etwa gedrueckt sein sollte, da wird er durch diese kraftvollen Entschluesse emporgerissen. So war es von jeher, sollte es diesmal anders sein? Ich hatte keine Bedenken wegen unserer zahlenmaessigen Unterlegenheit. Wer in die Rechnung des Krieges nur die sichtbaren Werte einsetzt, rechnet falsch. Ausschlaggebend sind die inneren Werte des Soldaten. Auf diese baue ich mein Vertrauen. Ich denke mir: Mag der Russe auch in unser Vaterland einmarschieren, mag die Beruehrung mit deutscher Erde sein Herz hoeher schlagen lassen, sie macht ihn nicht zum deutschen Soldaten, und die ihn fuehren, sind keine deutschen Offiziere. Auf den mandschurischen Schlachtfeldern hatte der russische Soldat mit dem groessten Gehorsam gefochten, so fremd ihm auch die politischen Absichten seiner Regierung am Stillen Ozean gewesen waren. Es schien nicht ausgeschlossen, dass bei einem Kriege gegen die Mittelmaechte die Begeisterung der russischen Armee fuer die Kriegsziele des Zarentums groesser sein wuerde. Trotzdem nahm ich an, dass der russische Soldat und Offizier auch auf dem europaeischen Kriegsschauplatz im grossen und ganzen keine hoeheren militaerischen Eigenschaften zeigen wuerde als auf dem ostasiatischen, und glaubte daher, statt des Minus unserer zahlenmaessigen Unterlegenheit ein Plus an innerer Kraft in die Berechnung der Staerkeverhaeltnisse zu unseren Gunsten aufnehmen zu koennen. So ist unser Plan, sind unsere Gedanken vor der Schlacht und fuer die Schlacht. Wir fassen dieses Denken und Sollen am 23. August in einer kurzen Meldung aus Marienburg an die Oberste Heeresleitung zusammen des Inhalts: "Vereinigung der Armee am 26. August beim XX. Armeekorps fuer umfassenden Angriff geplant." Am Abend des 23. August fuehrte mich ein kurzer Erholungsgang auf das westliche Nogatufer. Von dort boten die roten Mauern des stolzen Deutschordensschlosses, des groessten Baudenkmals baltischer Ziegelgotik, im Abendsonnenstrahl einen gar wundersamen Anblick. Gedanken an die Vergangenheit hehrer Ritterzeit mischten sich unwillkuerlich mit Fragen an die verschleierte Zukunft. Der Ernst der Stimmung wurde erhoeht durch den Anblick vorueberziehender Fluechtlinge meiner Heimatprovinz. Eine traurige Mahnung, dass der Krieg nicht nur den wehrhaften Mann trifft, sondern dass er durch Vernichtung der Daseinsbedingungen Wehrloser zur tausendfachen Geissel der Menschheit wird. Am 24. August begab ich mich mit dem engeren Stabe in Kraftwagen zum Generalkommando des XX. Armeekorps und kam hierbei in den Ort, von dem die bald entbrennende Schlacht ihren Namen erhalten sollte. Tannenberg! Ein Wort schmerzlicher Erinnerungen fuer deutsche Ordensmacht, ein Jubelruf slawischen Triumphes, gedaechtnisfrisch geblieben in der Geschichte trotz mehr als 500jaehriger Vergangenheit. Ich hatte bis zu diesem Tage das Schicksalsfeld deutscher oestlicher Kultureroberungen noch nie betreten. Ein einfaches Denkmal zeugt dort von Heldenringen und Heldentod. In der Naehe dieses Denkmals standen wir an einigen der folgenden Tage, in denen sich das Geschick der russischen Armee Samsonoff zur vernichtenden Niederlage gestaltete. Auf dem Wege von Marienburg nach Tannenberg vermehrten sich die Eindruecke vom Kriegselend, das ueber die ungluecklichen Einwohner hereingebrochen war. Massen von hilflos Fluechtenden draengten sich mit ihrer Habe auf den Strassen und behinderten teilweise die Bewegungen unserer an den Feind marschierenden Truppen. Bei dem Stabe des Generalkommandos traf ich das Vertrauen und den Willen, die fuer das Gelingen unseres Planes unerlaesslich waren. Auch die Eindruecke ueber die Haltung der Truppe an dieser unserer zunaechst bedenklichsten Stelle waren guenstig. Der Tag brachte keine durchgreifende Klaerung, weder hinsichtlich der Operationen Rennenkampfs noch der Bewegungen Samsonoffs. Es schien sich nur zu bestaetigen, dass Rennenkampfs Marschtempo ein recht gemaessigtes war. Der Grund hierfuer war nicht zu erklaeren. Von der Narewarmee erkannten wir, dass sie sich mit ihrer Hauptmacht gegen das XX. Armeekorps vorschob. Unter ihrem Drucke nahm das Korps seinen linken Fluegel zurueck. Diese Massregel hatte nichts Bedenkliches an sich. Im Gegenteil. Der nachdraengende Feind wird unserer linken Angriffsgruppe, die heute die Marschrichtung auf Bischofsburg erhaelt, immer ausgesprochener seine rechte Flanke bieten. Auffallend und nicht ohne Bedenken fuer uns waren dagegen feindliche Bewegungen, die sich anscheinend gegen unseren Westfluegel und gegen Lautenburg aussprachen. Der Eindruck bestand, dass der Russe uns hier zu ueberfluegeln gedachte und damit den beabsichtigten Umgehungsangriff unserer rechten Gruppe seinerseits in der Flanke fassen wuerde. Der 25. August brachte etwas mehr Einblick in die Bewegungen Rennenkampfs. Seine Kolonnen marschierten von der Angerapp nach Westen, also auf Koenigsberg. War der urspruengliche russische Operationsplan aufgegeben? Oder war die russische Fuehrung ueber unsere Bewegungen getaeuscht und vermutete die Hauptmasse unserer Truppen in und bei der Festung? Jedenfalls schien nunmehr kaum noch ein Bedenken zu bestehen, gegen Rennenkampfs gewaltige Massen nur noch einen Schleier stehen zu lassen. Samsonoffs auffallend zoegernde Operationen richteten sich auch an diesem Tage mit der Hauptstaerke weiter gegen unser XX. Armeekorps. Das rechte russische Fluegelkorps marschierte zweifellos in Richtung auf Bischofsburg, also unserem XVII. Armeekorps und I. Reservekorps entgegen, die an diesem Tage die Gegend noerdlich dieses Staedtchens erreichten. Bei Mlawa haeuften sich augenscheinlich weitere russische Massen. Mit diesem Tage ist fuer uns die Zeit des Wartens und der Vorbereitung vorueber. Wir fuehren unser I. Armeekorps an den rechten Fluegel des XX. heran. Der allgemeine Angriff kann beginnen. Der 26. August ist der erste Tag des moerderischen Ringens von Lautenburg bis noerdlich Bischofsburg. Nicht in lueckenloser Schlachtfront sondern in Gruppenkaempfen, nicht in einem geschlossenen Akt sondern in einer Reihe von Schlaegen beginnt das Drama sich abzuspielen, dessen Buehne sich auf mehr denn hundert Kilometer Breite erstreckt. Auf dem rechten Fluegel fuehrt General von Francois seine braven Ostpreussen. Sie schieben sich gegen Usdau heran, um am naechsten Tag den Schluesselpunkt dieses Teiles des suedlichen Kampffeldes zu stuermen. Auch General von Scholtz' praechtiges Korps befreit sich allmaehlich aus den Fesseln der Verteidigung und beginnt zum Angriff zu schreiten. Erbitterter ist der Kampf schon am heutigen Tage bei Bischofsburg. Dort wird bis zum Abend von unserer Seite gruendliche Kampfarbeit getan. In kraeftigen Schlaegen wird das rechte Fluegelkorps Samsonoffs durch Mackensens und Belows Truppen (XVII. Armeekorps und I. Reservekorps) sowie durch Landwehr zerschlagen und weicht auf Ortelsburg. Die Groesse des eigenen Erfolgs ist aber noch nicht zu erkennen. Die Fuehrer erwarten fuer den folgenden Tag erneuten starken Widerstand suedlich des heutigen Kampffeldes. Doch sie sind guter Zuversicht. Da erhebt sich scheinbar von Rennenkampfs Seite drohende Gefahr. Man meldet eines seiner Korps im Vormarsch ueber Angerburg. Wird dieses nicht den Weg in den Ruecken unserer linken Stossgruppe finden? Ferner kommen beunruhigende Nachrichten aus der Flanke und dem Ruecken unseres westlichen Fluegels. Dort bewegt sich im Sueden starke russische Kavallerie. Ob Infanterie ihr folgt, ist nicht festzustellen. Die Krisis der Schlacht erreicht ihren Hoehepunkt. Die Frage draengt sich uns auf: wie wird die Lage werden, wenn sich bei solch gewaltigen Raeumen und bei dieser feindlichen Ueberlegenheit die Entscheidung noch tagelang hinzieht? Ist es ueberraschend, wenn ernste Gedanken manches Herz erfuellen; wenn Schwankungen auch da drohen, wo bisher nur festester Wille war; wenn Zweifel sich auch da einstellen, wo klare Gedanken bis jetzt alles beherrschten? Sollten wir nicht doch gegen Rennenkampf uns wieder verstaerken und lieber gegen Samsonoff nur halbe Arbeit tun? Ist es nicht besser, gegen die Narewarmee die Vernichtung nicht zu versuchen, um die eigene Vernichtung sicher zu vermeiden? Wir ueberwinden die Krisis in uns, bleiben dem gefassten Entschlusse treu und suchen weiter die Loesung mit allen Kraeften im Angriff. Demnach rechter Fluegel unentwegt weiter auf Neidenburg und linke Stossgruppe "um 4 Uhr morgens antreten und mit groesster Energie handeln", so etwa lautete der Befehl. Der 27. August zeigt, dass der Erfolg des I. Reservekorps und XVII. Armeekorps bei Bischofsburg am vorhergehenden Tage ein durchschlagender gewesen ist. Der Gegner ist nicht nur gewichen, sondern flieht vom Schlachtfeld. Des weiteren ueberblickt man, dass Rennenkampf nur in der Phantasie eines Fliegers in unseren Ruecken marschiert. In Wirklichkeit bleibt er in langsamem Vorgehen auf Koenigsberg. Sieht er nicht oder will er nicht sehen, dass das Verderben gegen die rechte Flanke Samsonoffs schon im vollen Vorschreiten ist und dass es auch gegen dessen linken Fluegel andauernd waechst? Denn an diesem Tage erstuermen Francois und Scholtz die feindlichen Stellungen bei Usdau und noerdlich und schlagen den suedlichen Gegner. Mag nunmehr die feindliche Mitte weiter nach Allenstein-Hohenstein vordringen, sie findet dort nicht mehr den Sieg, sondern nur noch das Verderben. Die Lage ist fuer uns klar; wir geben am Abend des Tages den Befehl zum Einkreisen der Kernmasse des Gegners, naemlich seines XIII. und XV. Armeekorps. Waehrend des 28. August geht das blutige Ringen weiter. Der 29. sieht einen grossen Teil der russischen Hauptkraefte bei Hohenstein der endgueltigen Vernichtung anheimfallen. Ortelsburg wird von Norden, Willenberg ueber Neidenburg von Westen erreicht. Der Ring um Tausende und Abertausende von Russen beginnt sich zu schliessen. Viel russisches Heldentum ficht freilich auch in dieser verzweiflungsvollen Lage noch weiter fuer den Zaren, die Ehre der Waffen rettend, aber nicht mehr die Schlacht. Rennenkampf marschiert immer noch ruhig weiter auf Koenigsberg. Samsonoff ist verloren, auch wenn sein Kamerad jetzt noch zu anderer und besserer kriegerischer Einsicht kommen sollte. Denn schon koennen wir Truppen aus der Schlachtfront ziehen zur Deckung unseres Vernichtungswerks, das sich in dem grossen Kessel Neidenburg-Willenberg-Passenheim vollzieht und in dem der verzweifelnde Samsonoff den Tod sucht. Aus diesem Kessel heraus kommen groesser und groesser werdende russische Gefangenenkolonnen. In ihrem Erscheinen tritt der reifende Erfolg der Schlacht immer klarer zutage. Ein eigenartiger Zufall wollte es, dass ich in Osterode, einem unserer Unterkunftsorte waehrend der Schlacht, den einen der beiden gefangenen russischen Kommandierenden Generale in dem gleichen Gasthofe empfing, in dem ich im Jahre 1881 auf einer Generalstabsreise als junger Generalstabsoffizier einquartiert gewesen war. Der andere meldete sich am folgenden Tage bei mir in einer von uns zu Geschaeftsraeumen umgewandelten Schule. Schon waehrend der Kaempfe konnten wir das teilweise praechtige Soldatenmaterial betrachten, ueber das der Zar verfuegte. Nach meinen Eindruecken befanden sich darunter zweifellos bildungsfaehige Elemente. Ich nahm bei dieser Gelegenheit, wie schon 1866 und 1870 wahr, wie rasch der deutsche Offizier und Soldat in seinem seelischen Empfinden und in seinem sachlichen Urteil in dem gefangenen Gegner den gewesenen Feind vergisst. Die Kampfeswut unserer Leute ebbt ueberraschend schnell zu ruecksichtsvollem Mitgefuehl und menschlicher Guete ab. Nur gegen die Kosaken erhob sich damals der allgemeine Zorn. Sie wurden als die Ausfuehrer all der vertierten Roheiten betrachtet, unter denen Ostpreussens Volk und Land so grausam zu leiden hatten. Dem Kosak schlug anscheinend sein schlechtes Gewissen, denn er entfernte, wo und wie er immer konnte, bei drohender Gefangennahme die Abzeichen, die seine Waffenzugehoerigkeit kenntlich machten, naemlich die breiten Streifen an den Hosen. Am 30. August macht der Gegner im Osten und Sueden den Versuch, mit frischen und wiedergesammelten Truppen unseren Einschliessungsring von aussen her zu sprengen. Von Myszyniec, also aus der Richtung Ostrolenka, fuehrt er neue starke Kraefte auf Neidenburg und Ortelsburg gegen unsere Truppen, die schon das russische Zentrum voellig einkreisen und daher dem anrueckenden Gegner den Ruecken bieten. Gefahr ist im Verzug; um so mehr, als von Mlawa anrueckende feindliche Kolonnen nach Fliegermeldung 35 km lang, also sehr stark sein sollen. Doch halten wir fest an unserem grossen Ziele. Die Hauptmacht Samsonoffs muss umklammert und vernichtet werden. Francois und Mackensen werfen dem neuen Feind ihre freilich nur noch schwachen Reserven entgegen. An ihnen scheitert der russische Versuch, die Katastrophe Samsonoffs zu mildern. Waehrend Verzweiflung den Umklammerten ergreift, hat Mattherzigkeit die Tatkraft desjenigen gelaehmt, der die Befreiung haette bringen koennen. Auch in dieser Beziehung bestaetigen die Ereignisse auf dem Schlachtfelde von Tannenberg die alten menschlichen und soldatischen Erfahrungen. Unser Feuerkreis um die dichtgedraengten, bald hierhin, bald dorthin stuerzenden russischen Haufen wird mit jeder Stunde fester und enger. Rennenkampf scheint an diesem Tage die Deimelinie oestlich Koenigsberg zwischen Labiau und Tapiau angreifen zu wollen. Seine Kavalleriemassen naehern sich aus Richtung Landsberg-Bartenstein dem Schlachtfeld von Tannenberg. Wir aber haben bereits starke, siegesfrohe, wenn auch ermuedete Kraefte zur etwaigen Abwehr bei Allenstein gesammelt. Der 31. August ist fuer unsere noch kaempfenden Truppen der Tag der Schlussernte, fuer unser Oberkommando der Tag des Ueberlegens ueber Weiterfuehrung der Operationen, fuer Rennenkampf der Tag der Rueckkehr in die Linie Deime-Allenburg-Angerburg. Schon am 29. August hatte mir der Gang der Ereignisse ermoeglicht, meinem Allerhoechsten Kriegsherrn den voelligen Zusammenbruch der russischen Narewarmee zu melden. Noch am gleichen Tage erreichte mich auf dem Schlachtfelde der Dank Seiner Majestaet, auch im Namen des Vaterlandes. Ich uebertrug diesen Dank im Herzen wie in Worten auf meinen Generalstabschef und auf unsere herrlichen Truppen. Am 31. August konnte ich meinem Kaiser und Koenig folgendes berichten: "Eurer Majestaet melde ich alluntertaenigst, dass sich am gestrigen Tage der Ring um den groessten Teil der russischen Armee geschlossen hat. XIII., XV. und XVIII. Armeekorps sind vernichtet. Es sind bis jetzt ueber 60.000 Gefangene, darunter die Kommandierenden Generale des XIII. und XV. Armeekorps. Die Geschuetze stecken noch in den Waldungen und werden zusammengebracht. Die Kriegsbeute, im einzelnen noch nicht zu uebersehen, ist ausserordentlich gross. Ausserhalb des Ringes stehende Korps, das I. und VI., haben ebenfalls schwer gelitten, sie setzen fluchtartig den Rueckzug fort ueber Mlawa und Myszyniec." Die Truppen und ihre Fuehrer hatten Gewaltiges geleistet. Nun lagerten die Divisionen in den Biwaks und das Dankeslied der Schlacht von Leuthen schallte aus ihrer Mitte. In unserem neuen Armeehauptquartier Allenstein betrat ich die Kirche in der Naehe des alten Ordensschlosses waehrend des Gottesdienstes. Als der Geistliche das Schlussgebet sprach, sanken alle Anwesenden, junge Soldaten und alte Landstuermer, unter dem gewaltigen Eindruck des Erlebten auf die Knie. Ein wuerdiger Abschluss ihrer Heldentaten. Die Schlacht an den masurischen Seen Der Gefechtslaerm auf dem Schlachtfelde von Tannenberg war noch nicht verstummt, als wir die Vorbereitungen fuer den Angriff auf die Armee Rennenkampf begannen. Am 31. August abends traf folgende telegraphische Weisung der Obersten Heeresleitung ein: "XI. Armeekorps, Garde-Reserve-Korps, 8. Kavalleriedivision werden zur Verfuegung gestellt. Transport hat begonnen. Zunaechst wird Aufgabe der 8. Armee sein, Ostgrenze von Armee Rennenkampf zu saeubern. Verfolgung des letztgeschlagenen Gegners mit entbehrlichen Teilen in Richtung Warschau ist mit Ruecksicht auf die Bewegungen der Russen von Warschau auf Schlesien erwuenscht. Weitere Verwendung der 8. Armee, wenn es die Lage in Ostpreussen gestattet, in Richtung Warschau in Aussicht zu nehmen." Der Befehl entsprach durchaus der Lage. Er stellte uns das Ziel klar hin und ueberliess uns Mittel und Wege zur Ausfuehrung. Wir glaubten annehmen zu duerfen, dass die ehemalige Armee Samsonoffs nur noch aus Truemmern bestand, die sich entweder schon hinter den Narew in Sicherheit gebracht hatten, oder auf dem Weg dahin waren. Mit ihrer Auffrischung war zu rechnen. Es musste jedoch darueber geraume Zeit vergehen. Fuer jetzt schien es genuegend, diese Reste durch schwache Truppen laengs unseres suedlichen Grenzstreifens ueberwachen zu lassen. Alles uebrige musste zur neuen Schlacht heran. Selbst das Eintreffen der Verstaerkungen aus dem Westen erlaubte uns nach unserer Anschauung nicht, jetzt schon Kraefte ueber die Narewlinie hinueber gegen Sueden einzusetzen. Was das Wort "Warschau" im zweiten Teil des Befehls zu bedeuten hat, ist uns klar. Nach vereinbartem Kriegsplan sollte die oesterreichisch-ungarische Heeresmacht von Galizien aus mit dem Schwerpunkt gegen den oestlichen Teil des russischen Polens in Richtung Lublin angreifen, waehrend deutsche Kraefte von Ostpreussen her dem Verbuendeten ueber den Narew hinweg die Hand zu reichen hatten. Ein grosser und schoener Gedanke, der aber, so wie die Dinge lagen, bedenkliche Schwaechen aufwies. Er rechnete nicht damit, dass Oesterreich-Ungarn eine starke Armee an die serbische Grenze schickte, nicht damit, dass Russland schon ein paar Wochen nach Kriegsausbruch voll geruestet an der Grenze stehen konnte, nicht damit, dass 800.000 Moskowiter gegen Ostpreussen eingesetzt werden, am allerwenigsten aber damit, dass er in all seinen Einzelheiten an den russischen Generalstab schon im Frieden verraten werden wuerde. Jetzt ist das oesterreichisch-ungarische Heer nach ueberkuehnem Ansturm gegen die russische Uebermacht in schwerste frontale Kaempfe verwickelt, ohne dass wir augenblicklich in der Lage sind, unmittelbar zu helfen, wenngleich wir starke feindliche Kraefte fesseln. Der Verbuendete muss auszuhalten versuchen, bis wir auch noch Rennenkampf geschlagen haben. Erst dann sind wir zur Hilfeleistung befaehigt, wenn auch nicht mit unserer gesamten Staerke, so doch mit ihrem groessten Teile. Rennenkampf steht, wie bekannt, in der Linie Deime-Allenburg-Gerdauen-Angerburg. Was die Gegend suedoestlich von den masurischen Seen fuer gegnerische Geheimnisse birgt, wissen wir nicht. Das Gebiet von Grajewo ist jedenfalls verdaechtig. Dort herrscht viel Unruhe. Noch verdaechtiger ist das Gebiet im Ruecken der Njemenarmee. Da ist ein staendiges Marschieren und Fahren und anscheinend eine Bewegung nach Suedwesten und Westen. Rennenkampf erhaelt zweifellos Verstaerkungen. Die russischen Reservedivisionen in der Heimat sind ja schlagbereit geworden. Vielleicht werden bis jetzt auch noch einzelne Korps verfuegbar, deren die russische Oberste Heeresleitung gegen die Oesterreicher in Polen nicht mehr zu beduerfen glaubt. Schickt man diese Verbaende zu Rennenkampf oder in seine Naehe, sei es zur unmittelbaren Stuetze, sei es zu einem Schlage gegen uns aus ueberraschender Richtung? Rennenkampf verfuegt, soweit wir es beurteilen koennen, ueber mehr als 20 Infanteriedivisionen und steht still, bleibt es auch, waehrend unsere Transporte aus dem Westen heranrollen und zum Kampfe gegen ihn aufmarschieren. Warum benutzt er die Zeit unserer groessten Schwaeche, die Zeit der Ermuedung unserer Truppen, ihrer Massenanhaeufung auf dem Schlachtfelde von Tannenberg nicht, um uns anzufallen? Warum laesst er uns Zeit, die Truppen zu entwirren, neu aufzumarschieren, auszuruhen, Ersatz heranzuziehen? Der russische Fuehrer ist doch bekannt als vortrefflicher Soldat und General. Als Russland in Ostasien kaempfte, klang unter allen russischen Fuehrern der Name Rennenkampf am hellsten. War sein Ruhm damals uebertrieben? Oder hat der General seine kriegerischen Eigenschaften in der Zwischenzeit verloren? Der soldatische Beruf hat schon manchmal selbst starke Naturen ueberraschend schnell erschoepft. Wo in einem Jahre noch triebkraeftiger Verstand, vorwaertsdraengender Wille vorhanden war, da ist vielleicht im naechsten schon ein unfruchtbarer Kopf, ein mattes Herz zu finden gewesen. Das war schon vielfach die Tragik soldatischer Groesse. Wir haben Rennenkampfs Schuldbuch ueber Tannenberg aufgeschlagen und geschlossen. Begeben wir uns jetzt in Gedanken in sein Hauptquartier Insterburg, nicht um ihn anzuklagen, sondern um ihn zu verstehen. Die Niederlage Samsonoffs zeigte dem General Rennenkampf, dass in Koenigsberg doch nicht die Masse der deutschen 8. Armee stand, wie er angenommen hatte. Starke Kraefte vermutet er aber jedenfalls immer noch in diesem maechtigen Waffenplatze. Daran vorbeizumarschieren, sich auf die siegreiche deutsche Armee in der Gegend von Allenstein zu stuerzen, scheint also gewagt, zu gewagt. Es waere mindestens ein unsicheres Unternehmen. Sicherer ist es, in den starken Verteidigungsstellungen zwischen Kurischem Haff und masurischen Seen zu bleiben. Gegen diese Stellungen koennen die Deutschen ihre Kunst des Umgehens und Umfassens von Norden her ueberhaupt nicht, von Sueden aus nur schwer durchfuehren. Rennen sie gegen die Front an, so stuerzt man sich mit zurueckgehaltenen gewaltigen Reserven auf ihre zusammengeschossenen Truppen. Wagen sie das Unwahrscheinliche, und dringen sie durch die Engnisse des Seengebietes, so faellt man von Norden auf die linke Flanke ihrer Umgehungskolonnen, waehrend man eine neugebildete Kampfgruppe aus Richtung Grajewo in ihre rechte Seite und in ihren Ruecken wirft. Gelingt von alledem nichts, gut - so geht man nach Russland zurueck. Russland ist gross, die befestigte Njemenlinie ist nahe. Keine operative Notwendigkeit kettet Rennenkampf weiter an Ostpreussen. Der Operationsplan im Zusammenwirken mit Samsonoff ist ja gescheitert, und, weil dessen Armee in hoffnungsvollem Vorwaertsstuermen zugrunde ging, so ist es jetzt das beste vorsichtig zu sein. So kann Rennenkampf gedacht haben. Und Kritiker behaupten auch, er haette so gedacht. Aus keinem dieser Gedanken spricht freilich ein grosser Entschluss. Sie bewegen sich in wenig kuehnen Bahnen. Und doch kann ihre Ausfuehrung uns betraechtliche unmittelbare Krisen schaffen und auf die allgemeine Lage im Osten bedenkliche Wirkung ausueben. Die grosse zahlenmaessige Ueberlegenheit der Njemenarmee haette genuegt, um auch unsere jetzt verstaerkte 8. Armee zu zertruemmern. Ein vorzeitiger Rueckzug Rennenkampfs aber braechte uns um die Fruechte unserer neuen Operation und macht uns die Richtung auf Warschau und damit die Unterstuetzung Oesterreichs auf absehbare Zeit hinaus unmoeglich. Wir muessen also vorsichtig und unternehmend zugleich sein. Diese Doppelforderung verleiht der Anlage unserer nun beginnenden Bewegungen ihren eigentuemlichen Charakter. In breiter Front von Willenberg bis gegen Koenigsberg hin bauen wir unsere Front auf. Bis zum 5. September ist dies im allgemeinen geschehen, dann geht es vorwaerts. 4 Korps (XX., XI., I. Reserve und Garde-Reserve) und die Truppen aus Koenigsberg, also verhaeltnismaessig starke Kraefte, gehen gegen die Linie Angerburg-Deime, d. h. gegen die feindliche Front vor. 2 Korps (I. und XVII.) sollen durch das Seengebiet dringen; die 3. Reservedivision hat, als rechte Staffel unseres umfassenden Fluegels, suedlich der masurischen Seen herum zu folgen, waehrend die 1. und 8. Kavalleriedivision sich hinter den Korps zum Losreiten bereit halten, sobald die Seenengen geoeffnet sind. Das sind die Kraefte gegen Rennenkampfs Flanke. Also andere Verhaeltnisse wie bei den Bewegungen, die zum Siege von Tannenberg fuehrten. Die Sicherheit gegen Rennenkampfs starke Reserven veranlasst uns zu dieser Gruppierung der Kraefte. Auf diese Weise breitet sich unser Angriff in der Staerke von 14 Infanteriedivisionen trotzdem noch auf ueber 150 km Front aus. Wird der Gegner sie zerreissen? Wir naehern uns am 6. und 7. den russischen Verteidigungslinien und beginnen klarer zu sehen. Starke russische Massen bei Insterburg und Wehlau, vielleicht noch staerkere noerdlich Nordenburg. Sie bleiben zunaechst unbeweglich und stoeren unsere Kampfentwickelung vor ihrer Front nicht. Unsere beiden rechten Korps, das I. und XVII., beginnen am 7. September die Seenkette zu durchbrechen, die 3. Reservedivision schlaegt bei Bialla in glaenzendem Gefecht die Haelfte des XXII. russischen Korps in Truemmer. Wir treten in die Krisis unserer neuen Operation ein. Die naechsten Tage muessen zeigen, ob Rennenkampf entschlossen ist, zum Gegenangriff zu schreiten, ob sein Wille hierzu so stark ist, wie seine Mittel es sind. Zu seiner an sich schon bedeutenden bisherigen Ueberlegenheit scheinen drei weitere Reservedivisionen das Schlachtfeld erreicht zu haben. Erwartet der russische Fuehrer noch mehr? Russland hat mehr als 3 Millionen Kampfsoldaten an seiner Westfront; die oesterreichisch-ungarische Heeresmacht und wir zaehlen demgegenueber kaum ein Dritteil. Am 8. September entbrennt die Schlacht auf der ganzen Linie. Unser frontaler Angriff kommt nicht vorwaerts, auf unserem rechten Fluegel geht es besser. Dort haben die beiden Korps die feindliche Seensperre durchbrochen und nehmen Richtung nach Nord und Nordost. Unser Ziel sind nunmehr die gegnerischen rueckwaertigen Verbindungen. Unsere Reitergeschwader scheinen freie Bahn dorthin zu haben. Am 9. tobt die Schlacht weiter, in der Front, von Angerburg bis zum Kurischen Haff, ohne bemerkenswertes Ergebnis, dagegen mit kuehnem Vorschreiten unsererseits oestlich der Seen, wenngleich die beiden Kavalleriedivisionen unerwarteten Widerstand nicht in der gewuenschten Schnelligkeit zu brechen vermoegen. Die 3. Reservedivision schlaegt einen vielfach ueberlegenen Gegner bei Lyck und befreit uns so endgueltig von der Sorge im Sueden. Wie ist es dagegen im Norden? Bei und westlich Insterburg glauben unsere Flieger nunmehr deutlich zwei feindliche Korps feststellen zu koennen und ein weiteres solches Korps wird im Anmarsch ueber Tilsit gesehen. Was wird das Schicksal unserer duenngestreckten, frontal kaempfenden Korps sein, wenn eine russische Menschenlawine von gegen 100 Bataillonen, gefuehrt von festem, einheitlichem Willen, sich auf sie stuerzt? Ist es trotzdem verstaendlich, wenn wir am Abend dieses 9. September wuenschen und sprechen: "Rennenkampf, weiche ja nicht aus deiner fuer uns unbezwinglichen Front, pfluecke Lorbeeren im Angriff aus deiner Mitte!" Wir hatten jetzt volle Zuversicht, dass wir solche Lorbeeren dem feindlichen Fuehrer durch kraeftige Fortfuehrung unseres Fluegelangriffes wieder entreissen wuerden. Leider erkennt der russische Fuehrer diese unsere Gedanken; er findet nicht den Entschluss, ihnen mit Gewalt zu begegnen, und senkt die Waffen. In der Nacht vom 9. auf den 10. dringen unsere Patrouillen bei Gerdauen in die feindlichen Graeben und finden sie leer. "Der Gegner geht zurueck." Die Meldung scheint uns unglaubwuerdig. Das I. Reservekorps will sofort von Gerdauen gegen Insterburg antreten. Wir mahnen zur Vorsicht. Erst um Mittag des 10. muessen wir das Unwahrscheinliche und Unerwuenschte glauben. Der Gegner hat in der Tat den allgemeinen Rueckzug begonnen, wenn er auch da und dort noch erbittert Widerstand leistet, ja sogar uns starke Massen in zusammenhanglosen Angriffen entgegenwirft. Unsere ganze Front ist in vollem Vorgehen begriffen. Jetzt gilt es, unsere rechten Fluegelkorps und Kavalleriedivisionen scharf nach Nordosten gerichtet heran an die feindlichen Verbindungen von Insterburg auf Kowno zu bringen. Wir treiben vorwaerts! Ungeduld ist, wenn irgendwann und -wo, so jetzt und hier begreiflich. Rennenkampf weicht unentwegt. Auch er scheint ungeduldig zu sein. Jedoch unsere Ungeduld zielt auf Erfolg, die seinige bringt Verwirrung und Aufloesung. Die Korps der Njemenarmee marschieren zum Teil in dreifachen, dicht nebeneinander gedraengten Kolonnen Russland zu. Die Bewegung vollzieht sich langsam, sie muss durch Entgegenwerfen starker Kraefte gegen die nachdraengenden Deutschen gedeckt werden. Daher wird besonders der 11. September zum blutigen Kampftag von Goldap bis hin zum Pregel. Am Abend dieses Tages sind wir uns klar, dass nur noch wenig Tage zur Durchfuehrung der Verfolgung zur Verfuegung stehen. Die Entwickelung der Gesamtlage auf dem oestlichen Kriegsschauplatz macht sich in voller Wucht geltend. Wir ahnen mehr, als dass wir es aus bestimmt lautenden Nachrichten ersehen koennen: die Operation unseres Verbuendeten in Polen und Galizien ist gescheitert! An unser Nachstossen hinter Rennenkampf ueber den Njemen hinaus ist jedenfalls nicht zu denken. Soll aber unsere Operation nicht noch im letzten Augenblick innerhalb des grossen Rahmens als gescheitert gelten, so darf die feindliche Armee den schuetzenden Njemen-Abschnitt nur derartig geschwaecht und erschuettert erreichen, dass die Hauptmasse unserer Verbaende zum dringend notwendig gewordenen Zusammenwirken mit dem oesterreichisch-ungarischen Heere freigemacht werden kann. Am 12. September erreicht die 3. Reservedivision Suwalki, also russischen Boden. Mit knapper Not entgeht der Suedfluegel Rennenkampfs der Einkesselung durch unser I. Armeekorps suedlich Stallupoenen. Glaenzend sind die Leistungen einzelner unserer verfolgenden Truppen. Sie marschieren und kaempfen, und marschieren wieder, bis die Soldaten vor Muedigkeit niederstuerzen. Andererseits ziehen wir heute schon das Gardereservekorps aus der Kampffront, um es fuer weitere Operationen bereitzustellen. An diesem Tage trifft unser Oberkommando in Insterburg ein, das seit dem 11. wieder in deutschem Besitz ist. Ich bin also nicht bloss in Gedanken, sondern auch in Wirklichkeit auf der breiten ostpreussischen Landstrasse, vorbei an unseren siegreich ostwaerts schreitenden Truppen und an westwaerts ziehenden russischen Gefangenenkolonnen in das bisherige Hauptquartier Rennenkampfs gekommen. In den eben erst verlassenen Raeumen merkwuerdige Spuren russischer Halbkultur. Der aufdringliche Geruch von Parfuem, Juchten und Zigaretten vermag nicht, den Gestank anderer Dinge zu verdecken. Genau ein Jahr spaeter, an einem Sonntag, kam ich von einem eintaegigen Jagdausflug zurueckkehrend durch Insterburg. Auf dem Marktplatz wurde mein Kraftwagen zurueckgewiesen, weil dort eine Dankesfeier zur Erinnerung an die Befreiung der Stadt von der Russennot begangen werden sollte. Ich musste einen Umweg machen. _Sic transit gloria mundi!_ Man hatte mich nicht erkannt. Am 13. September erreichen unsere Truppen Eydtkuhnen und feuern in die zurueckflutenden russischen Scharen hinein. Unsere Artilleriegeschosse sprengen die dichtgedraengten Haufen auseinander, der Herdentrieb fuehrt sie wieder zusammen. Leider kommen wir auch an diesem Tage nicht an die grosse Chaussee Wirballen-Wylkowyszki heran. Der Gegner weiss, dass dies fuer einen grossen Teil seiner haltlos gewordenen Kolonnen die Vernichtung bedeuten wuerde. Er wirft deshalb unseren ermattenden Truppen suedlich der Strasse alles entgegen, was er an kampfwilligen Verbaenden noch zur Hand hat. Nur noch ein einziger Tag bleibt uns zur Verfolgung. Nach diesem werden sich die Truppen Rennenkampfs in das Wald- und Sumpfgelaende westlich der Njemenstrecke Olita-Kowno-Wileny gefluechtet haben. Dorthin koennen wir ihnen nicht nachdraengen. Am 15. September waren die Kaempfe beendet. Die Schlacht an den masurischen Seen schloss auf russischem Boden, nach einer Verfolgung von ueber 100 km, von uns zurueckgelegt innerhalb 4 Tagen. Die Masse unserer Verbaende war beim Abschluss der Kaempfe zu neuer Verwendung bereit. Es ist mir nicht moeglich, hier auch noch auf die glaenzenden Leistungen einzugehen, die die Landwehr-Division von der Goltz und andere Landwehrformationen im Angriff gegen mehrfache feindliche Ueberlegenheit im suedlichen Grenzgebiet und zum Schutze unserer rechten Flanke fast bis zur Weichsel hin in diesen Tagen gezeigt haben. Der Schluss dieser Kaempfe dauerte ueber meine Kommandofuehrung bei der 8. Armee hinaus an. Er fand unsere Truppen bis Ciechanowo, Przasnysz und Augustowo vorgedrungen. Der Feldzug in Polen Abschied von der achten Armee Anfangs September hatten wir aus dem oesterreichisch-ungarischen Hauptquartier gehoert, dass die Armeen bei Lemberg durch starke russische Ueberlegenheiten sehr gefaehrdet waeren, und dass ein weiteres Vorgehen der k. u. k. 1. und 4. Armee eingestellt sei. Seit dieser Zeit verfolgten wir gespannt die dortigen Vorgaenge und hoerten noch mehr und noch Schlimmeres. Den Zusammenhang der Ereignisse erklaeren am besten nachstehende Telegramme: Von uns an die Oberste Heeresleitung am 10. September 1914: "Erscheint mir fraglich, ob Rennenkampf entscheidend geschlagen werden kann, da Russen heute fruehzeitig Rueckmarsch angetreten haben. Fuer Weiterfuehrung der Operationen kommt Versammlung einer Armee in Schlesien in Frage. Koennen wir auf weitere Verstaerkungen aus Westen rechnen? Hier koennen zwei Armeekorps abgegeben werden." Das war am 10. September, also an dem Tage, an dem Rennenkampf ueberraschend fuer uns nach Osten seinen Rueckzug begann. Von der Obersten Heeresleitung an uns am 13. September 1914: "Baldigst zwei Armeekorps freimachen und bereitstellen fuer Abtransport nach Krakau!" ... Krakau? Merkwuerdig! So meinen wir und sprechen noch einiges mehr darueber. Stutzig geworden drahten wir daher folgendes an die Oberste Heeresleitung: 13. September 14. "Verfolgung morgen beendet. Sieg scheint vollstaendig. Offensive gegen Narew in entscheidender Richtung in etwa 10 Tagen moeglich. Oesterreich erbittet aber wegen Rumaeniens direkte Unterstuetzung durch Verlegung der Armee nach Krakau und Oberschlesien. Verfuegbar dazu vier Armeekorps und eine Kavalleriedivision. Bahntransport allein dauert etwa 20 Tage. Lange Maersche nach oesterreichischem linken Fluegel. Hilfe kommt dort spaet. Bitte um Entscheidung. Armee muesste dort jedenfalls Selbstaendigkeit behalten." Das war an dem Tage, an dem Rennenkampf mit Verlust von nicht nur einigen Federn sondern eines ganzen Fluegels und auch sonst noch erheblich angeschossen zwischen den Njemensuempfen zu verschwinden begann. Antwort der Obersten Heeresleitung an uns vom 14. September 1914: "Operation ueber Narew wird in jetziger Lage der Oesterreicher nicht mehr erfolgversprechend gehalten. Unmittelbare Unterstuetzung der Oesterreicher ist politisch erforderlich. Operationen aus Schlesien kommen in Frage ... Selbstaendigkeit der Armee bleibt auch bei gemeinsamer Operation mit den Oesterreichern bestehen." Also doch! - - Es gibt ein Buch "Vom Kriege", das nie veraltet. Clausewitz ist sein Verfasser. Er kannte den Krieg und kannte die Menschen. Wir hatten auf ihn zu hoeren, und wenn wir ihm folgten, war es uns zum Segen. Das Gegenteil bedeutete Unheil. Er warnte vor Uebergriffen der Politik auf die Fuehrung des Krieges. Weit entfernt bin ich jetzt davon, mit diesen Worten eine Verurteilung des damals erhaltenen Befehls auszusprechen. Mag ich 1914 in Gedanken und Worten kritisiert haben, heute habe ich meinen Lehrgang vollendet durch die Schule der rauhen Wirklichkeit, durch die Leitung eines Koalitionskrieges. Erfahrung wirkt mildernd auf die Kritik, ja sie zeigt vielfach deren Unwert! Wir haetten freilich manchmal waehrend des Krieges versucht sein koennen zu denken: "Wohl dem, dessen soldatisches Gewissen leichter ist als das unsere, der den Kampf zwischen kriegerischer Ueberzeugung und politischen Forderungen leichter ueberwindet als wir." Politisch Lied, ein garstig Lied! Ich wenigstens habe selten Harmonien in diesem Liede waehrend des Krieges empfunden, Harmonien, die in einem soldatischen Herzen angeklungen haetten. Hoffentlich werden andere, wenn die Not des Vaterlandes wieder einmal den Kampf fordern sollte, in dieser Beziehung gluecklicher sein, als wir es waren! Am 15. September musste ich mich von General Ludendorff trennen. Er war zum Chef der in Oberschlesien neuzubildenden 9. Armee ernannt worden. Doch schon am 17. September ordnete Seine Majestaet der Kaiser an, dass ich den Befehl ueber diese Armee zu uebernehmen haette, gleichzeitig aber auch die Verfuegung ueber die zum Schutze Ostpreussens zurueckbleibende, nunmehr durch Abgabe des Garde-Reserve-Korps, des XI., XVII. und XX. Armeekorps sowie der 8. Kavalleriedivision an die 9. Armee geschwaechte 8. Armee beibehielte. Die Trennung von meinem bisherigen Generalstabschef war also lediglich ein kleines Zwischenspiel gewesen. Ich erwaehne sie nur, weil sich auch ihrer die Legende entstellend bemaechtigt hat. Am 18. September verlasse ich in frueher Morgenstunde das Hauptquartier der 8. Armee Insterburg, um im Kraftwagen in zweitaegiger Fahrt ueber Posen die schlesische Hauptstadt Breslau zu erreichen. Die Fahrt ging zunaechst ueber die Schlachtfelder der letzten Wochen, dankerfuellte Erinnerungen an unsere Truppen ausloesend. Anfaenglich durch verlassene, niedergebrannte Wohnstaetten, dann allmaehlicher Eintritt in unberuehrte Gebiete, Landvolk wieder nach Osten wandernd, seinen verlassenen Heimstaetten zustrebend. Bewaehrtes Landvolk, der beste Untergrund unserer Kraft. Meine Gedanken begleiten es hin zu den vielleicht rauchgeschwaerzten Truemmern seiner Haeuser, ein Anblick, vor dem es laenger als hundert Jahre dank der Tuechtigkeit unserer Heeresmacht bewahrt geblieben war. Weiter fort bis zur Weichsel durch schlichte Doerfer und Staedte, kaum irgendwo Spuren des Glanzes alter westlicher Kultur! Kolonisationsboden Deutschlands, fuer dessen Besiedelung seinerzeit das zerrissene Vaterland wahrlich nicht die schlechtesten Kraefte abgab. Sein wertvollster Schatz liegt in der Arbeit und der Gesinnung seiner Bewohner. Ein einfaches, pflichttreu denkendes Volk. Es ist mir, wie wenn Kants Lehre vom kategorischen Imperativ hier nicht nur gepredigt, sondern auch besonders ernst verstanden und in die Welt der Wirklichkeit und des Schaffens uebertragen worden ist. Fast alle deutschen Volksstaemme haben sich hier in jahrhundertelanger schwerer Kulturarbeit zusammengefunden und sich dabei jenen harten Willen angeeignet, der dem Vaterland in schweren Zeiten manche unschaetzbaren Dienste geleistet hat. Solche und aehnliche ernste Gedanken bewegten mich waehrend der Fahrt und haben mich auch spaeterhin waehrend unseres ganzen furchtbaren Ringens nicht verlassen. Deutsche, lasst sie mich in folgende Mahnung zusammenfassen: Legt um euch alle nicht nur das einigende, goldene Band der sittlichen Menschenpflicht, sondern auch das Stahlband der gleichhohen Vaterlandspflicht! Verstaerkt dieses Stahlband immer weiter, bis es zur ehernen Mauer wird, in deren Schutze ihr leben wollt und einzig und allein leben koennt inmitten der Brandung der europaeischen Welt! Glaubt mir, diese Brandung wird andauern. Keine menschliche Stimme wird sie bannen, kein menschlicher Vertrag wird sie schwaechen! Wehe uns, wenn die Brandung ein Stueck von dieser Mauer abgebrochen findet. Es wuerde zum Sturmbock der europaeischen Voelkerwogen gegen die noch stehende deutsche Feste werden. Das hat uns unsere Geschichte leider nur zu oft gelehrt! Auch diesmal sagte ich der Heimat nicht mit leichtem Herzen Lebewohl. Ein anderer Abschied aber wurde nur in dieser Lage noch schwerer. Es war dies der Abschied von der bisherigen Selbstaendigkeit. Mag der Schlusssatz des letzten Telegrammes der Obersten Heeresleitung in dieser Richtung auch troestlich lauten, ich ahne doch das Schicksal, dem wir entgegengehen. Ich kenne es nicht aus dem bisherigen Feldzug, denn in ihm war uns die goldene kriegerische Freiheit im reichsten Masse beschieden gewesen. Wohl aber entnehme ich es der Geschichte frueherer Koalitionskriege. Der Vormarsch Wir hatten fuer das beste gehalten, unsere Armee in der Gegend von Kreuzburg in Mittelschlesien zu versammeln. Von dort glaubten wir groessere Armfreiheit zum Operieren gegen die noerdliche Flanke der russischen Heeresgruppe in Polen, deren Stellung zur Zeit allerdings nicht festgelegt war, zu besitzen. - "Unmoeglich!" Wir moechten, dass es unserer Armee gestattet wird, mit dem rechten Fluegel ueber Kielce (Mitte Polens) vorzugehen. - "Unmoeglich!" Wir moechten, dass uns starke oesterreichisch-ungarische Kraefte noerdlich der oberen Weichsel bis zur San-Muendung begleiten. - "Unmoeglich!" Wenn dieses Alles als unmoeglich bezeichnet wird, so wird vielleicht die ganze Operation unmoeglich sein oder werden. Wir versammeln also unsere Truppen (XI., XVII., XX., Garde-Reserve-Korps, Landwehr-Korps Woyrsch, 35. Reservedivision, Landwehrdivision Bredow und 8. Kavalleriedivision) im von der Obersten Heeresleitung befohlenen engsten Anschluss an den linken oesterreichisch-ungarischen Heeresfluegel noerdlich Krakau. Unser Hauptquartier kommt voruebergehend nach Beuthen in Oberschlesien. Aus dem Aufmarschraum treten wir Ende September an, und zwar mit der Mitte, also nicht mit dem rechten Fluegel der Armee, in Richtung ueber Kielce. Die oesterreichisch-ungarische Heeresleitung verschiebt von Krakau aus eine schwache Armee von nur 4 Infanteriedivisionen und 1 Kavalleriedivision nordwaerts ueber die Weichsel. Mehr glaubt sie suedlich des Flusses nicht entbehren zu koennen. Sie beabsichtigt dort selbst einen entscheidenden Angriff. Auch dieser Plan des Verbuendeten ist kuehn und macht seinem Urheber alle Ehre. Es fragt sich nur, ob Aussicht besteht, dass das stark geschwaechte Heer trotz allem erhaltenen Ersatz die Durchfuehrung ermoeglicht. Meine Bedenken werden durch die Hoffnung gemildert, dass der Russe, sobald er das Auftreten unserer deutschen Truppen in Polen bemerkt, seine Hauptkraefte auf uns werfen wird und dadurch dem Verbuendeten einen Erfolg ermoeglicht. Das Bild, das wir uns bei Beginn unserer Bewegungen ueber die Lage machen koennen, ist unklar. Bestimmt wissen wir nur, dass die Russen den weichenden oesterreichisch-ungarischen Armeen in der letzten Zeit ueber den San hinaus nur zoegernd gefolgt sind. Ferner sind Anzeichen dafuer vorhanden, dass noerdlich der Weichsel 6-7 russische Kavalleriedivisionen und Grenzschutzbrigaden in unbekannter Zahl stehen. Bei Iwangorod scheint eine russische Armee in Bildung begriffen zu sein. Die Truppen hierfuer werden augenscheinlich teils aus den Armeen entnommen, die uns bei den frueheren Operationen in Ostpreussen gegenueber standen, teils kommen neue Kraefte aus Russisch-Asien heran. Auch liegt Nachricht vor, dass westlich Warschau an einer grossen Stellung mit Front nach Westen gebaut wird. Wir marschieren also in eine recht unsichere Lage hinein und muessen auf Ueberraschungen gefasst sein. Wir betreten Russisch-Polen und lernen sofort die volle Bedeutung dessen kennen, was ein franzoesischer General in seiner Beschreibung des von ihm miterlebten napoleonischen Feldzuges im Winter 1806 als besonderes Element der dortigen Kriegfuehrung bezeichnet hat, naemlich - den Dreck! Und zwar den Dreck in jeder Form, nicht nur in der freien Natur, sondern auch in den sogenannten menschlichen Wohnungen und an deren Bewohnern selbst. Mit Ueberschreiten unserer Grenze waren wir geradezu in einer anderen Welt. Man legte sich unwillkuerlich die Frage vor: wie ist es moeglich, dass auf dem Boden Europas die Grenzsteine zwischen Posen und Polen solch scharfe Trennungslinien zwischen Kulturstufen des gleichen Volksstammes ziehen? In welch einem koerperlichen, sittlichen und materiellen Elend hatte die russische Staatsverwaltung diese Landesteile gelassen, wie wenig hatte die Ueberfeinerung in den Kreisen der polnischen Grossen zivilisatorische Kraefte in die niedergehaltenen unteren Schichten durchsickern lassen! Die offenkundige politische Gleichgueltigkeit dieser Massen beispielsweise durch Einwirkung der Geistlichkeit in einen hoeheren Schwung zu bringen, der sich bis zu einem freiwilligen Kampfanschluss an uns haette steigern lassen, schien mir schon nach den ersten Eindruecken fraglich. Unsere Bewegungen werden durch grundlose Wege aufs aeusserste erschwert. Der Gegner bekommt Einblick in sie und trifft Gegenmassregeln. Er zieht aus der Front den Oesterreichern gegenueber ein halbes Dutzend Armeekorps in der offenkundigen Absicht heraus, diese uns ueber die Weichsel suedlich Iwangorod frontal entgegen zu werfen. Am 6. Oktober erreichen wir ueber Opatow-Radom die Weichsel. Was sich hier vom Gegner westlich des Flusses befunden hatte, war von uns zurueckgetrieben worden. Nunmehr spricht sich jedoch eine Bedrohung unseres Nordfluegels von Iwangorod-Warschau her aus. Unter diesen Umstaenden ist vorlaeufig eine Fortsetzung unserer Operation in oestlicher Richtung ueber die Weichsel suedlich Iwangorod hinweg unmoeglich. Wir muessen zunaechst mit dem Gegner im Norden abrechnen. Alles uebrige haengt von dem Ausgange der dort zu erwartenden groesseren Kaempfe ab. Ein eigenartiges strategisches Bild entwickelt sich. Waehrend gegnerische Korps von Galizien aus jenseits der Weichsel Warschau zustreben, bewegen sich auch die unserigen diesseits des Stromes in der gleichen noerdlichen Richtung. Um unseren Linksabmarsch aufzuhalten, wirft der Feind bei und unterhalb Iwangorod starke Kraefte ueber die Weichsel. Sie werden in erbitterten Kaempfen auf ihre Uebergangsstellen zurueckgeworfen; wir sind aber nicht imstande, den Gegner voellig vom Westufer zu vertreiben. Zwei Tagemaersche suedlich Warschau trifft unser linker Fluegel unter General von Mackensen auf ueberlegene feindliche Truppen und wirft sie gegen die Festung. Etwa einen Tagemarsch von der Fortslinie entfernt kommt jedoch unser Angriff ins Stocken. Auf dem Schlachtfeld suedlich Warschau ist uns als wichtigstes Beutestueck ein russischer Befehl in die Haende gefallen, der uns klaren Einblick in die Staerken des Gegners und in seine Absichten gibt. Von der Sanmuendung bis Warschau haben wir es danach mit 4 russischen Armeen zu tun; das sind etwa 60 Divisionen gegenueber 18 auf unserer Seite. Aus Warschau heraus sind allein 14 feindliche Divisionen gegen 5 der unserigen angesetzt. Das sind etwa 224 russische Bataillone gegen 60 deutsche. Die gegnerische Ueberlegenheit erhoeht sich noch dadurch, dass unsere Infanterie infolge der vorausgegangenen Kaempfe in Ostpreussen und Frankreich sowie durch die jetzigen langen und anstrengenden Maersche, bis ueber 300 km in 14 Tagen und auf grundlosen Wegen, auf kaum noch die Haelfte, ja teilweise bis unter ein Viertel der urspruenglichen Gefechtsstaerke zusammengeschmolzen ist. Und diese Schwaechung unserer Kampfkraft gegenueber neu eintreffenden, vollzaehligen sibirischen Korps, Elitetruppen des Zarenreiches! Die Absicht des Gegners ist, uns laengs der Weichsel zu fesseln, waehrend ein entscheidender Stoss aus Warschau heraus uns dem Verderben entgegenfuehren soll. Ein zweifellos grosser Plan des Grossfuersten Nikolaij-Nikolaijewitsch, ja der groesste, den ich von ihm kennen lernte, und der meines Erachtens auch sein groesster blieb, bis er sich in den Kaukasus begeben musste. War ich im Herbst 1897 auf dem Bahnhofe in Homburg vor der Hoehe nach dem Kaisermanoever von dem Grossfuersten in ein Gespraech gezogen worden, das sich besonders um die Verwendung der Artillerie drehte, so trat ich dem russischen Oberfeldherrn jetzt in Polen zum ersten Male _in praxi_ unmittelbar gegenueber, denn in Ostpreussen schien er nur voruebergehend als Zuschauer geweilt zu haben. Gelingt seine Operation, so droht nicht nur fuer die 9. Armee, sondern fuer die ganze Ostfront, fuer Schlesien, ja fuer die ganze Heimat eine Katastrophe. Doch wir duerfen jetzt nicht so schwarzen Gedanken nachgehen, sondern muessen Mittel und Wege finden, die drohende Gefahr abzuwehren. Wir entschliessen uns daher dazu, unter Festhaltung der Weichsellinie von Iwangorod suedwaerts alle dort noch freizumachenden Kraefte unserem linken Fluegel zuzufuehren und uns mit diesem auf den Gegner suedlich von Warschau in der Hoffnung zu werfen, ihn zu schlagen, bevor neue Massen dort erscheinen koennen. Eile tut not! Wir bitten daher Oesterreich-Ungarn, alles, was es an Truppen frei hat, sofort links der Weichsel gegen Warschau zu lenken. Das k. und k. Armee-Oberkommando zeigt fuer die Lage durchaus richtiges Verstaendnis, erhebt jedoch zugleich Bedenken, die gerade dieser Lage wenig entsprechen. Oesterreich-Ungarn, zu dessen Hilfe wir herangeeilt sind, ist bereit, uns zu unterstuetzen, aber nur auf dem langsamen und daher zeitraubenden Wege einer Abloesung unserer an der Weichsellinie zurueckgelassenen Truppen. Dadurch wird freilich eine Vermischung deutscher und oesterreichisch-ungarischer Verbaende vermieden, aber man bringt die ganze Operation in die Gefahr des Misslingens. Gegenvorstellungen unsererseits fuehren zu keinem Ergebnis. So fuegen wir uns denn den Wuenschen unserer Verbuendeten. Der Rueckzug Was wir befuerchten, tritt ein. Aus Warschau heraus quellen immer neue Truppenmassen, und auch weiter unterhalb ueberschreiten solche die Weichsel. Von unseren langgestreckten Kampflinien an der Stirnseite aufgehalten, droht die sich immer breiter nach Westen entwickelnde feindliche Ueberlegenheit um unsere linke Flanke herumzuschlagen. Die Lage kann und darf so nicht lange bleiben. Unsere ganze gemeinsame Operation kommt in Gefahr nicht nur zu versumpfen, sondern zu scheitern. Ja man koennte vielleicht sagen, sie ist schon gescheitert, da im Sueden der oberen Weichsel, in Galizien, der erhoffte Erfolg nicht errungen wird, obwohl der Gegner gewaltige Massen von dort gegen unsere 9. Armee herangefuehrt, sich also unsern Verbuendeten gegenueber geschwaecht hat. Jedenfalls muss der schwere, von unserer Truppe zuerst unwillig aufgenommene Entschluss gefasst werden, uns aus der drohenden Umklammerung loszumachen und auf andere Weise einen Ausweg aus der Gefahr zu suchen. Das Schlachtfeld von Warschau wird in der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober dem Gegner ueberlassen. Um die Operation nicht schon jetzt aufzugeben, fuehren wir unsere vor Warschau unter Mackensen kaempfenden Truppen in die Stellung Rawa-Lowicz, etwa 70 km westlich der Festung, zurueck. Wir hoffen, dass der Russe gegen diese nach Osten gerichtete Front anrennen wird. Dann wollen wir mit unseren inzwischen von den Oesterreichern vor Iwangorod abgeloesten Korps von Sueden her einen entscheidenden Schlag gegen den staerksten Teil der russischen Heeresgruppe im grossen Weichselbogen fuehren. Vorbedingung fuer Durchfuehrung dieses Planes ist, dass Mackensens Truppen den Anprall der russischen Heerhaufen aushalten, und dass die oesterreichisch-ungarische Verteidigung an der Weichsel so fest steht, dass unser beabsichtigter Stoss gegen russische Flankeneinwirkung aus oestlicher Richtung sicher geschuetzt ist. Die Loesung dieser letzteren Aufgabe erscheint angesichts der Staerke der Weichselstellung fuer unseren Verbuendeten einfach. Die oesterreichische Fuehrung erschwerte sie sich aber durch den an sich guten Willen, auch ihrerseits einen grossen Schlag auszufuehren. Sie entschliesst sich, dem Gegner die Weichseluebergaenge bei Iwangorod und noerdlich frei zu geben, um dann ueber die gegnerischen Kolonnen waehrend ihres Uferwechsels herzufallen. Ein kuehner Plan, der im Frieden bei Kriegsspielen und Manoevern in Ausfuehrung und Kritik oftmals eine Rolle spielt, der auch im Kriege vom Feldmarschall Bluecher und seinem Gneisenau an der Katzbach glaenzend geloest wurde. Gefaehrlich bleibt ein solches Unternehmen aber immer, besonders, wenn man seiner Truppe nicht voellig sicher ist. Wir raten daher ab. Doch vergeblich! Die russische Ueberlegenheit kann also bei Iwangorod ueber die Weichsel ruecken; der oesterreichisch-ungarische Gegenangriff erringt anfangs Erfolge, erlahmt aber bald und verwandelt sich schliesslich in einen Rueckzug. Was nuetzt es uns jetzt noch, wenn die ersten Anstuerme der Russen gegen Mackensens neue Front scheitern? Die rechte Flanke unseres beabsichtigten Angriffs ist durch das Zurueckweichen unseres Verbuendeten entbloesst. Wir muessen auf diese Operation verzichten. Es erscheint mir am besten, wir machen uns durch Fortsetzung des Rueckzuges die Arme frei, um spaeter anderwaerts wieder zuschlagen zu koennen. Der Entschluss reift in mir in unserem Hauptquartier zu Radom, zunaechst nur in Umrissen, aber doch klar genug, um fuer die weiteren Massnahmen als Richtlinie zu dienen. Mein Generalstabschef wird diese festhalten, seine titanische Kraft wird fuer ihre Durchfuehrung alles vorsorgen, des bin ich gewiss. Freilich verbinden sich mit dem Gedanken auch ernste Bedenken. Was wird die Heimat sagen, wenn sich unser Rueckzug ihren Grenzen naehert? Ist es ein Wunder, wenn Schlesien erbebt? Man wird dort an die russischen Verwuestungen in Ostpreussen denken, an Pluenderungen, Verschleppung Wehrloser und anderes Elend. Das reiche Schlesien mit seinem maechtig entwickelten Bergbau und seiner grossen Industrie, beides fuer die Kriegfuehrung uns so notwendig wie das taegliche Brot! Man faehrt im Kriege nicht einfach mit der Hand ueber die Karte und sagt: "Ich raeume dieses Land!" Man muss nicht nur soldatisch sondern auch wirtschaftlich denken; auch rein menschliche Gefuehle draengen sich heran. Ja gerade diese sind oft am schwersten zu bannen. Unser Rueckzug wird in allgemeiner Richtung Czenstochau am 27. Oktober angetreten. Gruendliche Zerstoerungen aller Strassen und Eisenbahnen sollen die dichtgedraengten russischen Massen aufhalten, bis wir uns voellig losgeloest haben, und bis wir Zeit finden, eine neue Operation einzuleiten. Die Armee rueckt hinter die Widawka und Warthe, linker Fluegel in Gegend Sieradz; das Hauptquartier geht nach Czenstochau. Der Russe folgt anfangs dicht auf, dann erweitert sich der Abstand. So hat dieser wilde Wechsel spannendster Kriegslagen seine einstweilige Loesung gefunden. Bei dieser Gelegenheit moechte ich nicht unerwaehnt lassen, dass uns das rechtzeitige Erkennen der uns drohenden Gefahren durch die unbegreifliche Unvorsichtigkeit, ja man koennte sagen, durch die Naivitaet erleichtert wurde, mit der der Russe von seinen funkentelegraphischen Verbindungen Gebrauch machte. Durch Mitlesen der feindlichen Funksprueche waren wir vielfach instandgesetzt, nicht nur die Aufstellung sondern sogar die Absichten auf feindlicher Seite zu erfahren. Trotz dieser ungewoehnlichen Gunst der Verhaeltnisse stellten die eintretenden Lagen besonders wegen der grossen zahlenmaessigen Ueberlegenheit des Gegners jedoch immer noch genuegend starke Ansprueche an die Nerven der obersten Fuehrung. Ich wusste aber die untere Fuehrung fest in unserer Hand und hatte das unbedingte Vertrauen, dass von den Truppen das Menschenmoegliche geleistet wurde. Solches Zusammengreifen aller hat uns die Ueberwindung der gefaehrlichsten Lagen ermoeglicht. Doch schien unser schliessliches Verderben dieses Mal nicht bloss aufgeschoben? Die Gegner jubelten wenigstens in diesem Sinne. Sie hielten uns augenscheinlich fuer voellig geschlagen. Vielleicht war diese ihre Ansicht unser Glueck, denn am 1. November verkuendet ein russischer Funkspruch: "Nachdem man jetzt 120 Werst verfolgt habe, sei es Zeit die Verfolgung der Kavallerie zu ueberlassen. Die Infanterie sei ermuedet, der Nachschub schwierig." Wir koennen also Atem schoepfen und an neue Plaene herantreten. An diesem 1. November verfuegte Seine Majestaet der Kaiser meine Ernennung zum Oberbefehlshaber aller deutschen Streitkraefte im Osten, auch wurde mein Befehlsbereich ueber die deutschen oestlichen Grenzgebiete erweitert. General Ludendorff blieb mein Chef. Die Fuehrung der 9. Armee wurde General von Mackensen uebertragen. Wir waren damit von der unmittelbaren Sorge fuer die Armee befreit; um so beherrschender wurde unser Einwirken auf das Ganze. Als unser Hauptquartier waehlen wir Posen. Noch bevor wir jedoch dahin uebersiedeln, faellt in Czenstochau am 3. November die endgueltige Entscheidung ueber unsere neue Operation, oder ich sage vielleicht besser, erhalten die neuen Absichten ihre endgueltige Form. Unser Gegenangriff Der neue Plan gruendet sich auf folgende Erwaegung: Wuerden wir in der jetzigen Aufstellung den Angriff der gegenueberstehenden 4 russischen Armeen frontal abzuwehren versuchen, so wuerde der Kampf gegen die erdrueckende Uebermacht wohl ebenso verlaufen wie vor Warschau. Schlesien ist also auf diese Weise vor dem Einbruch des Gegners nicht zu retten. Diese Aufgabe ist nur im Angriff zu loesen. Ein solcher, gegen die Stirnseite des weit ueberlegenen Gegners gefuehrt, wuerde einfach zerschellen. Wir muessen ihn gegen die offene oder bloss schwach gedeckte feindliche Flanke zu richten suchen. Eine ausholende Bewegung meiner linken Hand illustrierte bei der ersten Besprechung diesen Gedanken. Suchen wir den feindlichen Nordfluegel in der Gegend von Lodz, so muessen wir unsere Angriffskraefte bis nach Thorn verschieben. Zwischen dieser Festung und Gnesen wird also unser neuer Aufmarsch geplant. Wir trennen uns damit weit vom oesterreichisch-ungarischen linken Heeresfluegel. Nur noch schwaechere deutsche Kraefte, darunter das hart mitgenommene Landwehrkorps Woyrsch, sollen in der Gegend von Czenstochau belassen werden. Vorbedingung fuer unseren Linksabmarsch ist, dass das k. u. k. Armee-Oberkommando an die Stelle unserer nach Norden abrueckenden Teile in die Gegend von Czenstochau 4 Infanteriedivisionen aus der zur Zeit nicht bedrohten Karpathenfront heranbefoerdert. Durch unseren neuen Aufmarsch bei Thorn-Gnesen werden die gesamten verbuendeten Streitkraefte im Osten in 3 grosse Gruppen verteilt. Die erste wird gebildet durch das oesterreichisch-ungarische Heer beiderseits der oberen Weichsel, die beiden anderen durch die 9. und 8. Armee. Die Zwischenraeume zwischen diesen 3 Gruppen koennen wir durch vollwertige Kampftruppen nicht schliessen. Wir sind gezwungen, in die etwa 100 km breite Luecke zwischen den Oesterreichern und unserer 9. Armee im wesentlichen neuformierte Verbaende einzuschieben. Diese besitzen an sich schon geringere Angriffskraft und muessen noch dazu an der Front einer maechtigen russischen Ueberlegenheit sich so breit ausdehnen, dass sie eigentlich nur einen duennen Schleier bilden. Rein zahlenmaessig beurteilt brauchen die Russen gegen Schlesien nur anzutreten, um diesen Widerstand mit Sicherheit zu ueberrennen. Zwischen der 9. Armee bei Thorn und der 8. Armee in den oestlichen Gebieten Ostpreussens befindet sich im wesentlichen nur Grenzschutz, verstaerkt durch die Hauptreserven aus Thorn und Graudenz. Auch diesen Truppen gegenueber steht eine starke russische Gruppe von etwa 4 Armeekorps noerdlich von Warschau auf dem Nordufer der Weichsel und des Narew. Diese russische Gruppe koennte, wenn sie ueber Mlawa angesetzt wuerde, die Lage, wie sie sich Ende August vor der Schlacht bei Tannenberg entwickelt hatte, nochmals wiederholen. Das Rueckengebiet der 8. Armee scheint also erneut und bedenklich bedroht. Aus dieser Lage in Schlesien und Ostpreussen soll uns der Angriff der 9. Armee gegen die nur schwach geschuetzte Flanke der russischen Hauptmassen in Richtung Lodz befreien. Es ist klar, dass diese Armee, wenn ihr Angriff nicht rasch durchdringt, die feindlichen Massen von allen Seiten auf sich ziehen wird. Diese Gefahr ist um so groesser, als wir weder zahlenmaessig hinreichende noch auch genuegend vollwertige Truppen haben, um sowohl die russischen Heeresmassen im grossen Weichselbogen als auch die feindlichen Korps noerdlich der mittleren Weichsel durch starke, durchhaltende Angriffe frontal zu fesseln oder auch nur auf laengere Zeitspanne hinaus zu taeuschen. Wir werden freilich trotz alledem ueberall unsere Truppen zum Angriff vorgehen lassen, aber es waere doch ein gefaehrlicher Irrtum, hiervon sich allzuviel zu versprechen. Was an starken, angriffskraeftigen Verbaenden irgendwo freigemacht werden kann, muss zur Verstaerkung der 9. Armee herangeholt werden. Sie fuehrt den entscheidenden Schlag. Mag die 8. Armee noch so bedroht sein, sie muss 2 Armeekorps zugunsten der 9. abgeben. Die Verteidigung der erst vor kurzem befreiten Provinz kann unter solchen Verhaeltnissen freilich nicht mehr an der russischen Landesgrenze durchgefuehrt werden sondern muss in das Seengebiet und an die Angerapp zurueckverlegt werden; ein harter Entschluss. Die Gesamtstaerke der 9. Armee wird durch die geschilderte Massnahme auf etwa 51/2 Armeekorps und 5 Kavalleriedivisionen gebracht. Zwei von letzteren werden aus der Westfront herangefuehrt. Weitere Kraefte glaubt die Oberste Heeresleitung trotz unserer ernsten Vorstellungen dort nicht freimachen zu koennen. Sie hofft in dieser Zeit immer noch auf einen guenstigen Ausgang der Schlacht bei Ypern. Die Schwierigkeiten des Zweifrontenkrieges zeigen sich erneut in ihrer ganzen Groesse und Bedeutung. Was auf unserer Seite an Kraeften fehlt, muss wieder durch Schnelligkeit und Tatkraft ersetzt werden. Ich bin sicher, dass in dieser Beziehung das Menschenmoegliche von seiten der Armeefuehrungen und Truppen geleistet werden wird. Schon am 10. November steht die 9. Armee angriffsbereit, am 11. bricht sie los, mit dem linken Fluegel laengs der Weichsel, mit dem rechten noerdlich der Warthe. Es ist hohe Zeit, denn schon kuendet sich an, dass auch der Gegner vorgehen will. Ein feindlicher Funkspruch verraet, dass die Armeen der Nordwestfront, d. h. also alles, was von russischen Kraeften von der Ostsee bis einschliesslich Polen steht, am 14. November zu einem tiefen Einfall in Deutschland antreten sollen. Wir entreissen dem russischen Oberbefehlshaber die Vorhand, und als er am 13. unsere Operation erkennt, wagt er nicht, den grossen Stoss gegen Schlesien durchzufuehren, sondern wirft alle verfuegbaren Kraefte unserem Angriff entgegen. Schlesien ist damit vorlaeufig gerettet, der erste Zweck unserer Operation ist erreicht. Werden wir darueber hinaus eine grosse Entscheidung erringen koennen? Die feindliche Uebermacht ist allenthalben gewaltig. Trotzdem erhoffe ich Grosses! Es wuerde den Rahmen dieses Buches ueberschreiten, wollte ich nunmehr einen, wenn auch nur allgemeinen Ueberblick ueber die Kampfereignisse, die unter der Bezeichnung "Schlacht bei Lodz" zusammengefasst sind, geben. In dem Wechsel zwischen Angriff und Verteidigung, Umfassen und Umfasstsein, Durchbrechen und Durchbrochenwerden zeigt dieses Ringen auf beiden Seiten ein geradezu verwirrendes Bild. Ein Bild, das in seiner erregenden Wildheit alle die Schlachten uebertrifft, die bisher an der Ostfront getobt hatten! Es war uns im Verein mit Oesterreich-Ungarn gelungen, die Fluten halb Asiens abzudaemmen. Die Kaempfe dieses polnischen Feldzuges endeten aber nicht bei Lodz sondern wurden auf beiden Seiten weiter genaehrt. Neue Kraefte kamen zu uns vom Westen heran, doch nur wenig frische, meist solche mit gutem Willen aber mit halbverbrauchter Kraft. Sie waren zum Teil herausgezogen aus einem aehnlich schweren, ja vielleicht noch schwereren Ringen, als wir es hinter uns hatten, naemlich aus der Schlacht bei Ypern. Wir versuchten trotzdem, mit ihnen die abgedaemmte russische Flut zum Zurueckweichen zu bringen. Und wirklich schien es eine Zeitlang, als ob uns dies gelingen wuerde. Unsere Kraefte zeigten sich jedoch schliesslich auch jetzt aehnlich wie in den Kaempfen von Lodz als nicht ausreichend genug fuer dieses Ringen gegen die ungeheuerste Ueberlegenheit, die uns jemals auf dem Schlachtfelde gegenueberstand. Wir haetten mehr leisten koennen, wenn die Verstaerkungen nicht so tropfenweise eingetroffen waeren, wir also vermocht haetten, sie gleichzeitig einzusetzen. So aber bewegte sich der ungeheure slawische Block, den wir nach Osten hin rollen wollten, nur noch eine Strecke weit, dann lag er wieder still und unbeweglich. Unsere Kraft ermattete, sie ermattete aber nicht nur im Kampfe, sondern auch - im Sumpfe. Erst der eingetretene Winter legte seine laehmenden Fesseln um die Taetigkeit von Freund und Feind. Die im Kampfe schon erstarrten Linien deckte Schnee und Eis. Die Frage war: Wer wird diese Linien in den kommenden Monaten zuerst aus ihrer Erstarrung loesen? 1915 Frage der Kriegsentscheidung Die Leistungen Deutschlands und seines Heeres im Jahre 1914 werden in ihrer ganzen heldenhaften Groesse erst dann einwandfrei gewuerdigt werden, wenn Wahrheit und Gerechtigkeit wieder zur freien Wirkung kommen, wenn die Propaganda unserer Gegner in ihrer die Weltmeinung irrefuehrenden Weise entlarvt ist, und wenn die deutsche kritische Selbstzerfleischung einem ruhigen besonnenen Urteil weicht. Ich zweifle nicht, dass dies alles eintreten wird. Trotz der Groesse all unserer Leistungen fehlte aber die Kroenung des gewaltigen, uns aufgezwungenen Werkes. Bis jetzt war nur die augenblickliche Rettung, nicht aber ein durchgreifender Sieg erkaempft. Die Vorstufe, die zu diesem fuehrte, war eine Entscheidung auf wenigstens einer unserer Fronten. Wir mussten herauskommen aus der kriegerischen, politischen und wirtschaftlichen Umklammerung, die uns einschnuerte und uns auch moralisch den Atem zu nehmen drohte. Die Gruende fuer das bisherige Ausbleiben des Erfolges waren strittig und werden strittig bleiben. Die Tatsache bestand, dass unsere Oberste Heeresleitung sich genoetigt geglaubt hatte, vom Westen, wo sie die rasche Entscheidung suchen wollte, vorzeitig starke Kraefte nach dem Osten zu werfen. Ob bei diesem Entschluss nicht auch eine Ueberschaetzung der damals im Westen erreichten Erfolge eine grosse Rolle spielte, moechte ich dahingestellt sein lassen. Jedenfalls erwuchsen Halbheiten; das eine Ziel war aufgegeben, das andere nicht erreicht. In zahlreichen Gespraechen mit Offizieren, die einen Einblick in den Verlauf der Ereignisse im August und September 1914 auf dem westlichen Kriegsschauplatz gehabt hatten, versuchte ich ein einwandfreies Urteil ueber die Vorgaenge zu gewinnen, die fuer uns in der sogenannten Marneschlacht so verhaengnisvoll wurden. Ich glaube nicht, dass eine einzelne Ursache die Schuld an dem Scheitern unseres grossen, zweifellos richtigen Feldzugsplanes traegt. Eine ganze Reihe unguenstiger Einwirkungen entschied zu unseren Ungunsten. Zu diesen zaehle ich: Verwaesserung des Grundgedankens, mit einem starken rechten Fluegel aufzumarschieren, Festrennen des ueberstark gemachten linken Heeresfluegels durch falsche Selbsttaetigkeit der unteren Fuehrung, Verkennen der aus dem starkbefestigten, grossen Eisenbahnknotenpunkt Paris zu erwartenden Gefahr, ungenuegendes Eingreifen der Obersten Heeresleitung in die Bewegungen der Armeen und vielleicht auch mangelhaftes Herausfuehlen der an sich nicht unguenstigen Lage an dieser und jener Kommandostelle im entscheidenden Augenblick der Schlacht. Die Geschichtsforschung und die Kritik werden hier ein dankbares Feld ihrer Taetigkeit haben. Mit aller Entschiedenheit moechte ich mich aber dahin aussprechen, dass das Scheitern unseres ersten Operationsplanes im Westen zwar eine schwere Gefahr fuer uns brachte, dass dadurch aber keineswegs die Fortfuehrung des Krieges fuer uns aussichtslos geworden war. Waere dies nicht meine Ueberzeugung gewesen, so wuerde ich mich schon im Herbste 1914 fuer verpflichtet gehalten haben, dies nach oben hin, und zwar bis zu meinem Allerhoechsten Kriegsherrn zu vertreten. Unser Heer hatte derartige glaenzende und den Gegnern allenthalben ueberlegene Eigenschaften entwickelt, dass nach meiner Ansicht bei einer entsprechenden Zusammenfassung unserer Kraefte trotz der feindlichen stets wachsenden zahlenmaessigen Ueberlegenheit eine Entscheidung wenigstens zunaechst auf einem unserer Kriegstheater moeglich blieb. West oder Ost? Das musste die grosse Frage sein, von deren Beantwortung unser Schicksal abhing. Bei Loesung dieser Frage konnte mir selbstverstaendlich eine entscheidende Stimme von seiten der Obersten Heeresleitung nicht zuerkannt werden. Die Verantwortung lag allein und ausschliesslich auf ihren Schultern. Ich glaubte jedoch das Recht und damit auch die Pflicht zu haben, meine Anschauungen in dieser Richtung frei und offen zu aeussern und zu vertreten. Fuer das allgemeine Denken war die sogenannte Westentscheidung traditionell. Sie war, man darf vielleicht sagen, national. Im Westen stand der Feind, dessen chauvinistische Hetzereien uns im Frieden nicht hatten zur Ruhe kommen lassen. Dort stand jetzt aber zugleich auch derjenige Gegner, der nach unser aller Ueberzeugung die zur Vernichtung Deutschlands treibende Kraft darstellte. Demgegenueber fand man bei uns die Begehrlichkeit Russlands auf Konstantinopel vielfach begreiflich; diejenige auf Ost- und Westpreussen nahm man nicht ernst. Die deutsche Kriegsleitung konnte sonach beim Kampfe im Westen sicher damit rechnen, die fuehrenden Geister des Vaterlandes, ja das Empfinden des groessten Teiles des Volkes auf ihrer Seite zu haben. Darin lag ein nicht zu verachtender moralischer Faktor. Ob dieser in den Berechnungen unserer Heeresfuehrung eine Rolle spielte, wage ich nicht zu behaupten; wohl aber weiss ich, dass der Gedanke einer Westentscheidung uns hundert- und tausendfach muendlich und schriftlich entgegengebracht wurde. Ja ich fand sogar spaeter, als mir selbst die Kriegsleitung anvertraut wurde, Stimmen, die mir eine foermliche Schonung Russlands nahelegten. Man glaubte eben vielfach, dass es verhaeltnismaessig leicht fuer uns sei, mit Russland auf friedlichem Boden eine Verstaendigung zu finden. Der entscheidende, den Endsieg erstrebende Kampf im Westen galt auch mir als _ultima ratio_ fuer Erzwingung des Friedens, aber als eine _ultima ratio_, an die wir nur ueber den auf den Boden geworfenen Russen herantreten konnten. Vermochte man den Russen zu Boden zu werfen? Das Schicksal hat die Frage bejaht, aber erst, als zwei weitere Jahre vergangen waren, als es, wie es sich herausstellen sollte, zu spaet geworden war. Denn bis dahin hatte sich unsere Lage gruendlich veraendert. Die Zahl und Kraft unserer uebrigen Gegner war in der Zwischenzeit ins Riesenhafte weiter gewachsen, und in den Kreis ihrer Kaempfer trat an Stelle Russlands das jugendkraeftige, wirtschaftsgewaltige Nordamerika! Ich glaubte, die Frage, ob wir Russland niederzwingen koennten, im Winter 1914/15 bejahen zu duerfen, und stehe noch heute auf diesem Standpunkt. Freilich: das Ziel war nicht in einem einzigen grossen, ins Ungeheure gesteigerten Sedan zu erreichen, wohl aber in einer Reihe solcher und aehnlicher Schlachten. Hierfuer aber bot, wie es sich damals bereits gezeigt hatte, wenn auch nicht die russische Heeresleitung so doch die Fuehrung der russischen Armeen guenstige Vorbedingungen. Tannenberg hatte dieses bewiesen; Lodz haette es beweisen koennen, vielleicht mit noch gewaltigeren Zahlen wie Tannenberg, wenn wir nicht damals den Kampf in Polen gegen gar zu grosse Ueberlegenheiten haetten auf uns nehmen muessen und sozusagen mitten im Siege aus Mangel an Kraeften steckenblieben. Ich habe den Russen nie unterschaetzt. Es war nach meiner Ansicht falsch, in Russland nur Despotismus und Sklaventum, Unbeholfenheit, Stumpfsinn und Eigennutz zu sehen. Starke und hohe sittliche Kraefte waren auch dort am Werke, freilich nur in einzelnen Kreisen. Vaterlandsliebe, selbstaendiger Wille, Arbeitskraft und Weitblick waren dem Heere nicht unbedingt fremd. Wie haetten sich auch sonst die ungeheuren Massen bewegen lassen, wie waeren anders das Land und die Truppen zu solchen Hekatomben von Menschenopfern bereit gewesen? Der Russe der Jahre 1914 und 1915 war nicht mehr der Russe von Zorndorf, der sich willenlos wie Schlachtvieh niederschlagen liess. Aber es fehlte ihm doch in seiner Masse die Groesse menschlicher und geistiger Eigenschaften, die bei uns Gemeingut des Volkes und Heeres waren. Die bisherigen Kaempfe mit den Armeen des Zaren hatten unseren Offizieren und Soldaten das Gefuehl unbedingter Ueberlegenheit ueber diese Feinde gegeben. Dieses Gefuehl, das unsere alten Landstuermer ebenso wie unsere jungen Soldaten erfuellte, erklaerte es, dass wir hier im Osten Truppengebilde in den Kampf werfen konnten, deren Kampfwert eine Verwendung an der Westfront nur unter Vorbehalt zugelassen haette. Ein ungeheurer Vorteil fuer uns, da wir zahlenmaessig so sehr den Gesamtgegnern unterlegen waren! Freilich hatte die Verwendung solcher Verbaende ihre Grenzen angesichts der grossen Anforderungen, die an die Ausdauer und an die operative Beweglichkeit der Truppe in den oestlichen Gebieten zu stellen waren. Die Hauptkraft musste immer wieder durch schlagkraeftige Divisionen geliefert werden. Konnte man ihre zur Fuehrung entscheidender Operationen noetige Anzahl nicht durch Neubildungen gewinnen, so mussten sie nach meiner Ansicht, selbst unter Preisgabe von Teilen besetzter Gebiete, aus der westlichen Front gezogen werden. Diese Darlegungen sind nicht erst das Ergebnis nachtraeglicher Gedankenkonstruktionen oder rueckschauender Kritik. Man hat ihnen gegenueber darauf hingewiesen, dass der Russe jederzeit imstande sein wuerde, sich im Falle der Not in die sogenannte Endlosigkeit seines Reiches so weit zurueckzuziehen, dass unsere operative Kraft im Nachfolgen erlahmen muesste. Ich glaube, dass diese Anschauungen sich allzusehr unter dem Banne der Erinnerungen an 1812 befanden, dass sie der inzwischen eingetretenen Entwickelung und Aenderung der politischen und wirtschaftlichen Verhaeltnisse des inneren Zarenreiches - ich erinnere besonders an die Eisenbahnen - nicht genuegend Rechnung trugen. Der napoleonische Feldzug hatte seinerzeit nur einen verhaeltnismaessig schmalen Keil in das weite, duenn bevoelkerte, wirtschaftlich primitive, innerpolitisch noch voellig unerweckte Russland getrieben. Wie ganz anders sprach sich eine breite, moderne Offensive aus; welche ganz andere innerstaatliche Verhaeltnisse musste sie jetzt auch in Russland vorfinden? In diesen Anschauungen lag letzten Endes der Widerstreit zwischen der damaligen deutschen Heeresfuehrung und meinem Oberkommando. Die Oeffentlichkeit hat viele Legenden in diesen Widerstreit hineingetragen. Von dramatischen Vorgaengen konnte nicht die Rede sein, so tief mich auch die Angelegenheit persoenlich ergriff. Ich ueberlasse die nachtraegliche sachliche Entscheidung der gelehrten Kritik der Nachwelt, bin jedoch ueberzeugt, dass auch diese zu einem widerspruchslosen Endergebnis nicht kommen wird. Jedenfalls werde ich dieses Endergebnis nicht mehr erleben. Kaempfe und Operationen im Osten Von den Ereignissen des Jahres 1915 im Osten moechte ich nur in grossen Umrissen sprechen. Den Kampf an unserem Teil der Ostfront riefen wir selbst in seiner ganzen Staerke wieder wach. Voellig geruht hatte er ja nie. Er hatte bei uns aber auch nicht mit der gleichen Wut getobt, wie in den Karpathen, wo die k. und k. Armeen im schwersten Ringen die Gefilde Ungarns vor russischer Ueberflutung schuetzen mussten. Dorthin war auch mein Armee-Chef in der Not der Tage voruebergehend gerufen worden. Die inneren Gruende, die zu unserer damaligen Trennung Veranlassung gaben, sind mir nicht bekannt geworden. Ich suchte sie auf sachlichem Gebiete und bat meinen Kaiser, diese Verfuegung rueckgaengig zu machen, was Seine Majestaet auch gnaedigst bewilligte. General Ludendorff kam nach kurzer Zeit zurueck mit ernsten Erfahrungen und noch ernsteren Ansichten ueber die Zustaende bei oesterreichisch-slawischen Truppenteilen. Dem k. u. k. Armee-Oberkommando musste der Gedanke zu einer entscheidenden Operation im Osten ganz besonders nahe liegen. Er draengte sich ihm nicht nur aus militaerischen sondern auch aus politischen Gruenden auf. Die fortschreitende Abnahme des Wertes der oesterreichisch-ungarischen Kampfkraefte konnte ihm nicht verborgen bleiben. Ein laengeres Hinziehen des Krieges verschlimmerte diese Zustaende augenscheinlich in dem Heere der Donaumonarchie verhaeltnismaessig rascher als beim gegenueberstehenden Feind. Dazu kam die oesterreichische Sorge, dass der drohende Verlust von Przemysl nicht nur die Spannung in der Kriegslage an der eigenen Heeresfront wesentlich steigern werde, sondern dass auch unter dem Eindruck, den der Fall dieser Festung auf die Heimat machen musste, die schon jetzt nicht unbedenklichen Erscheinungen von Lockerung im Staatsgefuege und von Schwinden des Vertrauens auf ein guenstiges Kriegsende sich noch weiter verschaerfen wuerden. Auch fuehlte Oesterreich-Ungarn sich schon jetzt durch die politische Haltung Italiens im Ruecken bedroht. Ein grosser, erfolgreicher Schlag im Osten konnte die missliche Lage des Staates gruendlich aendern. Aus dieser Beurteilung der Verhaeltnisse heraus trat ich auf die Seite des Generals von Conrad, als er bei der deutschen Obersten Heeresleitung entscheidende Operationen auf dem oestlichen Kriegsschauplatz anregte. Die von mir fuer eine solche Entscheidung noetig befundenen Truppenstaerken glaubte unsere Oberste Heeresleitung nicht zur Verfuegung stellen zu koennen. Aus dem vorgeschlagenen Plane wurde daher innerhalb meines Befehlsbereiches nur ein einziger grosser Schlag, den wir in Ostpreussen fuehrten. 4 Armeekorps rollten bei Beginn des Jahres zu unserer Verfuegung aus der Heimat und dem Westen zu uns heran. Sie werden in Ostpreussen ausgeladen, verstaerken teils die 8. Armee und bilden teils die 10. unter Generaloberst von Eichhorn, marschieren auf und ruecken los, um seitlich beider Fluegel unserer in der Linie Loetzen-Gumbinnen gelegenen duennen Verteidigungsstellung vorzubrechen. Durch zwei starke Fluegelgruppen soll die 10. russische Armee des Generals Sievers weit ausholend umfasst werden, damit schliesslich durch deren Zusammenschluss im Osten auf Russlands Boden im grossen Massstabe alles zertruemmert werden kann, was noch vom Feinde etwa uebrig geblieben ist. Der erste grundlegende Gedanke der Operation wird am 28. Januar noch im Hauptquartier zu Posen fuer unsere Armeefuehrer in folgende Worte gefasst: "Ich beabsichtige, die 10. Armee mit ihrem linken Fluegel laengs der Linie Tilsit-Wylkowyszki zur Umfassung des noerdlichen Fluegels des Gegners anzusetzen, den Feind mit der Landwehrdivision Koenigsberg und dem linken Fluegel der 8. Armee in frontalem Kampf zu binden, und den rechten Fluegel der 8. Armee auf Arys-Johannisburg und suedlich angreifen zu lassen." Am 5. Februar folgt dann aus Insterburg, wohin wir uns zur Schlachtenleitung begaben, der eigentliche Angriffsbefehl. Er setzt vom 7. ab die beiden Massen an den Fluegeln in Bewegung, vielleicht etwas an unser ruhmreiches Sedan erinnernd, und ein vernichtendes Sedan sollte es fuer die 10. Russenarmee schliesslich bei Augustowo auch werden. Dort schloss sich am 21. Februar der Kessel des gewaltigen Treibens, aus dem mehr denn 100.000 Gegner als Gefangene Deutschland zugefuehrt wurden. Eine noch weit groessere Zahl von Russen war einem anderen Schicksal erlegen. Das Ganze wurde auf Allerhoechsten Befehl Seiner Majestaet des Kaisers "Winterschlacht in Masuren" benannt. Man befreie mich von ihrer naeheren Beschreibung. Was sollte ich auch Neues aus ihr erzaehlen? Ihr Name mutet an wie Eiseshauch und Totenstarre. Vor dem Gange dieser Schlacht steht der rueckblickende Mensch, wie wenn er sich fragen muesste: Haben wirklich irdische Wesen dies alles geleistet, oder ist das Ganze nur ein Maerchen oder Geisterspuk gewesen? Sind jene Zuege durch Winternaechte, jene Lager im eisigen Schneetreiben und endlich der Abschluss der fuer den Feind so schrecklichen Kaempfe im Walde von Augustowo nur die Ausgeburten erregter menschlicher Phantasien? Trotz der grossen taktischen Erfolge der Winterschlacht blieb uns die strategische Ausnutzung des Erreichten versagt. Wir waren wohl wieder imstande gewesen, eine der russischen Armeen nahezu voellig zu vernichten, aber an ihre Stelle traten sofort neue feindliche Kraefte, herangezogen von anderen Fronten, an denen sie nicht gebunden waren. Unter diesen Verhaeltnissen konnten wir mit den jetzt im Osten verfuegbaren Mitteln zu keinem entscheidenden Ergebnis gelangen. Die russische Uebermacht war allzu gewaltig. Der Winterschlacht folgt als russische Antwort ein umfassender Angriff auf unsere Stellungen vorwaerts der altpreussischen Grenzgebiete. Gewaltige Bloecke waelzt der feindliche Heerfuehrer gegen uns heran, Bloecke von uebermaechtiger Groesse, jeder einzelne schwerer, als alle unsere Kraefte zusammen. Aber der deutsche Wille ueberwindet auch diese Belastung. Stroeme russischen Blutes fliessen in den moerderischen Kaempfen bis Fruehjahrsbeginn noerdlich des Narew und westlich des Njemen; dem Himmel sei Dank, auf russischem Boden! Der Zar mag viele Soldaten haben, auch ihre Zahl schwindet bei solchen Massenopfern merklich dahin. Die russische Kraft, die vor unseren Linien zugrunde geht, wird nachher fehlen, wenn der grosse deutsch-oesterreichisch-ungarische Stoss weit im Sueden die ganze russische Heeresfront erbeben macht. Nicht nur in den preussischen Grenzgebieten, sondern auch in den Karpathen wird in dieser Zeit mit aeusserster Erbitterung gefochten. Dort versucht der Russe auch ueber den Winter hinaus den Grenzwall Ungarns um jeden Preis zu bezwingen. Er fuehlt wohl mit Recht, dass ein Einbruch der russischen Flut in die magyarischen Laender den Krieg entscheiden koennte, dass das Donaureich einen solchen Schlag nimmermehr ueberwinden wuerde. War es zu bezweifeln, dass der erste russische Kanonenschuss in der ungarischen Tiefebene seinen Widerhall in den oberitalienischen Gebirgen und in den transsylvanischen Alpen finden wuerde? Der russische Grossfuerst wusste wohl, fuer welch hohes Ziel er von dem Zarenheere die furchtbaren Opfer auf den schwierigen Kampffeldern des Waldgebirges forderte. Die andauernd grosse Spannung der Kampflage in den Karpathen und ihre Rueckwirkung auf die politischen Verhaeltnisse forderten gebieterisch eine Loesung. Die deutsche Oberste Heeresleitung fand eine solche. Sie durchbrach in den ersten Tagen des Mai die russische Heeresfront in Nordgalizien und fasste die gegnerische Schlachtfront an der ungarischen Grenze in Flanke und Ruecken. Mein Oberkommando war zunaechst an der grossen Operation, die bei Gorlice ihren Anfang nahm, nur mittelbar beteiligt. Unsere Aufgabe im Rahmen dieser grosszuegigen Unternehmung war es vorerst, starke feindliche Kraefte zu binden. Das geschah zunaechst durch Angriffe im grossen Weichselbogen westlich Warschau und an der ostpreussischen Grenze, in Richtung Kowno, dann aber im groesseren Stile durch ein am 27. April begonnenes Reiterunternehmen nach Litauen und Kurland. Der Vorstoss von drei Kavalleriedivisionen, unterstuetzt von der gleichen Zahl Infanteriedivisionen, beruehrte eine empfindliche Stelle russischen Kriegsgebietes. Der Russe fuehlte wohl zum ersten Male, dass die wichtigsten Eisenbahnen, die russisches Heer und russisches Kernland verbanden, durch ein solches Vorgehen ernstlich gefaehrdet werden konnten. Er warf unserem Einbruch starke Kraefte entgegen. Die Kaempfe auf litauischem Boden zogen sich bis zum Sommer hin. Wir sahen uns veranlasst, weitere Kraefte dorthin zu werfen, um die besetzten Landesteile zu behaupten und unseren Druck auf den Gegner auch in jenen vom Krieg bisher unberuehrten Gebieten dauernd zu erhalten. So entstand dort allmaehlich eine neue deutsche Armee. Sie erhielt nach dem Hauptstrom des Gebietes die Bezeichnung "Njemenarmee". Es fehlt mir an Raum, um auf den Heereszug einzugehen, der am 2. Mai in Nordgalizien begann, um dann, auf unsere Linien uebergreifend, in den Herbstmonaten oestlich Wilna zu enden. Wie eine Lawine aus scheinbar kleinen Anfaengen entsteht, immer neue und neue Teile auf ihrem verheerenden Weg mit sich reisst, so beginnt und verlaeuft dieser Zug in nie gesehener und nicht mehr wiederholter Ausdehnung. Wir werden zu unmittelbarem Eingreifen in seinen Gang veranlasst, als der Durchstoss ueber Lemberg hinaus gelang. Jetzt schwenken naemlich die deutsch-oesterreichisch-ungarischen Armeen zum Vorgehen in noerdlicher Richtung zwischen oberen Bug und Weichsel ein. Man halte sich das Bild der Lage vor Augen: Die russische Heeresfront ist in der suedlichen Haelfte fast bis zur Zersprengung eingedrueckt. Ihr Nordteil, nach Westen und Nordwesten festgehalten, hat eine neue maechtige Flanke zwischen der Weichsel und den Pripetsuempfen nach Sueden gebildet. Eine Katastrophe droht der Masse des russischen Heeres, wenn ein neuer Durchbruch von Norden her gegen den Ruecken der russischen Heeresmacht gelingt. Der Gedanke, der uns zur Winterschlacht fuehrte, draengt sich aufs neue auf, diesmal vielleicht in noch groesseren Umrissen. Jetzt muss von Ostpreussen her der Schlag angesetzt werden, am naechsten und wirkungsvollsten ueber Ossowiez-Grodno. Doch verhindert auch jetzt dort das Bobrsumpfgebiet unser Vorgehen; wir kennen das vom Tauwetter des vergangenen Winters her. Es bleibt also nur die Wahl zwischen dem Vorbrechen westlich oder oestlich dieser Linie. Der Stoss in die Tiefe der feindlichen Verteidigung, ich moechte sagen in die Herzgegend des russischen Heeres fordert die Richtung oestlich Grodno vorbei. Wir vertreten diesen Gedanken. Die Oberste Heeresleitung verschloss sich seinem Vorteil nicht, aber sie hielt die westliche Stossrichtung fuer kuerzer und glaubte auch hier an grosse Erfolge. Sie forderte also den Angriff ueber den unteren Narew. Ich glaubte meinen Widerstand gegen diese Absicht zum Nutzen des Ganzen einstweilen aufgeben, die Folgen dieses Angriffes und den weiteren Verlauf der Operationen abwarten zu sollen. Der General Ludendorff jedoch hielt innerlich zaehe an unserem ersten Plane fest, eine Abweichung, die uebrigens weder irgendwelchen Einfluss auf unser weiteres gemeinsames Denken und Handeln hatte, noch die Kraft beeintraechtigte, mit der wir den Entschluss der verantwortlichen Obersten Heeresleitung Mitte Juli in die Tat umsetzten. Gallwitz' Armee brach beiderseits Przasnysz gegen den Narew vor. Zu diesem Angriff begab ich mich persoenlich auf das Schlachtfeld, nicht um in die mir als meisterhaft bekannte Taetigkeit des Armee-Oberkommandos irgendwelche taktischen Eingriffe zu machen, sondern nur deswegen, weil ich wusste, welch eine ausschlaggebende Bedeutung unsere Oberste Heeresleitung dem Gelingen des hier befohlenen Durchbruches beilegte. Ich wollte zur Stelle sein, um noetigenfalls sofort eingreifen zu koennen, wenn das Armee-Oberkommando irgendwelcher weiteren Aushilfen fuer die Durchfuehrung seiner schwierigen Aufgabe im Rahmen meines Befehlsbereiches bedurfte. Zwei Tage blieb ich bei der Armee und erlebte die Erstuermung des schon frueher wiederholt heftig umstrittenen Przasnysz und den Kampf um das Gelaende suedlich der Stadt. Schon am 17. Juli stand Gallwitz am Narew. Unter dem Eindruck der auf allen Frontseiten einbrechenden verbuendeten Armeen beginnt der Russe allmaehlich, auf allen Seiten zu weichen und sich der drohenden Umklammerung langsam zu entziehen. Unsere Verfolgung faengt an, sich in frontales Abringen zu verlaufen. Wir koennen auf diesem Wege die Fruechte nicht ernten, die auf blutigen Schlachtfeldern immer wieder aufs neue gesaet werden. Wir greifen daher unsern frueheren Gedanken wieder auf und wollen angesichts dieses Verlaufs der Operationen ueber Kowno auf Wilna vordruecken, um dann die Massen des russischen Zentrums gegen die Pripet-Suempfe zu pressen und ihre Verbindungen mit dem Herzland zu durchhauen. Doch die Absicht der Obersten Heeresleitung fordert unmittelbare Verfolgung, bei der der Verfolger staerker erlahmt als der Verfolgte. In diesen Zeitraum faellt die Wegnahme von Nowo Georgiewsk. Diese Festung hatte zwar trotz ihrer Anlage als strategischer Brueckenkopf bisher noch keine besonders wichtige Rolle gespielt; ihr Besitz wurde aber jetzt fuer uns von Wert, weil sie die ueber Mlawa nach Warschau fuehrende Bahn sperrte. Unmittelbar vor der Uebergabe traf ich am 18. August mit meinem Kaiser vor dem Waffenplatz zusammen und fuhr spaeter in seinem Gefolge in die Stadt. Dort brannten noch die von den russischen Truppen angezuendeten Kasernen und andere militaerische Gebaeude. Grosse Massen von Gefangenen standen herum. Auffallend war es, dass die Russen vor der Uebergabe ihre Pferde reihenweise erschossen hatten, wohl in der Ueberzeugung von dem ausserordentlichen Werte, den diese Tiere fuer unsere Operationen im Osten hatten. Unser Gegner benahm sich ueberhaupt in der Zerstoerung aller Mittel und Vorraete, die dem siegreichen Feinde fuer die Kriegfuehrung von irgendwelchem Nutzen sein konnten, stets ausserordentlich gruendlich. Um wenigstens freie Bahn fuer ein spaeteres Vorgehen gegen Wilna zu schaffen, lassen wir schon Mitte Juli unsere Njemenarmee gegen Osten vorbrechen. Mitte August faellt dann Kowno unter dem Ansturm der 10. Armee. Der Weg gegen Wilna ist geoeffnet, aber noch immer fehlen die Kraefte zur weiteren Durchfuehrung unseres grossen operativen Gedankens. Sie bleiben vorlaeufig in frontaler Verfolgung festgelegt. Wochen vergehen, bis Verstaerkungen herangeholt werden koennen. Unterdessen weicht aber der Russe weiter nach Osten; er gibt alles preis, selbst Warschau, wenn er nur seine Hauptkraefte dem Verderben entziehen kann. Erst am 9. September koennen wir vorwaerts auf Wilna. Moeglicherweise kann in dieser Richtung auch jetzt noch Grosses gewonnen werden. Hunderttausende russischer Truppen sind vielleicht unsere Beute. Wenn je stolze Hoffnungen mit Ungeduld und Sorgen sich mischten, so geschieht es jetzt. Kommen wir zu spaet? Sind wir kraeftig genug? Doch nur vorwaerts, ueber Wilna hinaus und dann nach Sueden. Unsere Reitergeschwader legen bald Hand an die russische Lebensader. Druecken wir diese zusammen, so stirbt die feindliche Hauptkraft. Der Gegner kennt das drohende Unheil, er tut alles, um es abzuwenden. Ein moerderisches Ringen bei Wilna beginnt. Jede gewonnene Stunde rettet dem Russen viele seiner nach Osten flutenden Heerhaufen. Unsere Kavalleriedivisionen muessen vor deren Rueckstau wieder zurueck. Die Bahnlinie ins Herz der Heimat wird fuer den Gegner wieder frei. Wir sind zu spaet gekommen, und wir ermatten! Ich taeusche mich wohl nicht in der Annahme, dass der Gegensatz zwischen den Anschauungen der deutschen Obersten Fuehrung und den unserigen ein geschichtliches Interesse behalten wird. Aber wir duerfen bei der Beurteilung der Plaene der Heeresleitung den Blick ueber das Gesamtbild des Krieges nicht verlieren. Wir selbst sahen damals nur einen Teil dieses Bildes. Die Frage, ob wir unter dem Eindrucke der gesamten politischen und kriegerischen Lage anders geplant und anders gehandelt haetten, mag uneroertert bleiben. Loetzen Aus diesem ernsten Gedankenstreit moechte ich zu einer idyllischeren Seite unseres Kriegslebens im Jahre 1915 uebergehen, indem ich mich in meinen Erinnerungen nach Loetzen begebe. Das freundlich zwischen Seen, Wald und Hoehen gelegene Staedtchen wurde unser Hauptquartier, als die Winterschlacht in Masuren auszuklingen begann. Die Einwohner, befreit von Russengefahr und Russenschreck, gewaehrten uns eine ruehrend herzliche Aufnahme. Dankbarst gedenke ich auch des Landverkehrs auf den ohne zu grossen Zeitverlust erreichbaren Guetern, der mir, wenn es der Ernst der Zeit erlaubte, Stunden der Erholung, Ablenkung und Anregung brachte. Auch das edle Weidwerk kam dabei nicht zu kurz; den Hoehepunkt bildete hierbei dank der Gnade Seiner Majestaet die Erlegung eines besonders starken Elches im Koeniglichen Jagdrevier Niemonien am Kurischen Haff. Als im Fruehjahr allmaehlich die Ruhe vor unserer Front einzutreten begann, fehlte es uns, ebensowenig wie spaeter im Sommer, nicht an Besuchern jeglicher Art. Deutsche Fuerstlichkeiten, Politiker, Maenner aus wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Berufskreisen, Verwaltungsbeamte kamen zu uns, gefuehrt durch das Interesse, das die sonst so wenig besuchten oestlichen Provinzen durch den bisherigen Kriegsverlauf gewonnen hatten. Kuenstler fanden sich ein, um General Ludendorff und mich durch Pinsel oder Meissel zu verewigen, eine Auszeichnung, auf die wir bei aller Liebenswuerdigkeit und Tuechtigkeit der betreffenden Herrn gerne zu Gunsten unserer knappen Freistunden verzichtet haetten. Auch das neutrale Ausland stellte Gaeste. So lernte ich unter anderen dort auch Sven Hedin, den bekannten Asienreisenden und ueberzeugten Deutschenfreund, kennen und schaetzen. Unter den Staatsmaennern, die uns in Loetzen besuchten, nenne ich besonders den damaligen Reichskanzler von Bethmann Hollweg und den Grossadmiral von Tirpitz. Schon im Winter 1914/15 hatte ich in Posen Gelegenheit gehabt, den Reichskanzler bei mir begruessen zu koennen. Seine Besuche entsprangen in erster Linie seiner persoenlichen Liebenswuerdigkeit und standen in keinem Zusammenhange mit irgendwelchen politischen Fragen. Ich erinnere mich auch nicht, dass die Unterhaltungen mit dem Reichskanzler dieses Thema damals beruehrten. Wohl aber gewann ich die Ueberzeugung, dass ich es mit einem klugen und gewissenhaften Mann zu tun hatte. Unsere Anschauungen ueber die damaligen Kriegsnotwendigkeiten deckten sich in dieser Zeit nach meinem Empfinden in allen wesentlichen Punkten. Ein tiefes Verantwortungsgefuehl sprach aus allen Aeusserungen des Kanzlers. Diesem Gefuehl schrieb ich es zu, wenn mir in der Beurteilung der Kriegslage durch Herrn von Bethmann nach meinem soldatischen Empfinden etwas zu viel Bedenken und infolgedessen etwas zu wenig Zuversichtlichkeit entgegentraten. Den in Posen erhaltenen Eindruck fand ich in Loetzen bestaetigt. Grossadmiral von Tirpitz, der in dieser Zeit oft als Nachfolger fuer Bethmann Hollweg genannt wurde, war eine voellig anders geartete Persoenlichkeit. Auf einem laengeren Spaziergang trug er mir alle die Schmerzen vor, die sein flammendes vaterlaendisches und ganz besonders sein seemaennisches Herz bewegten. Er empfand es bitter, dass er die gewaltige waehrend der besten Jahre seines Lebens von ihm geschmiedete Waffe im Kriege in den heimatlichen Haefen festgebannt sah. Gewiss war die Lage fuer eine Flottenoffensive unsererseits ungemein schwierig, sie wurde aber mit langem Zuwarten nicht besser. Meines Erachtens wuerde die ueberaus grosse Empfindlichkeit des englischen Mutterlandes gegenueber dem Phantom einer deutschen Landung eine groessere Taetigkeit, ja selbst schwere Opfer unserer Flotte gerechtfertigt haben. Ich hielt es nicht fuer ausgeschlossen, dass durch eine solche Flottenverwendung eine Bindung starker englischer Heereskraefte im Mutterlande und damit eine Entlastung unseres Landheeres erreicht werden konnte. Man sagt, dass unsere Politik sich die Moeglichkeit schaffen wollte, bei etwaigen Friedensaussichten auf eine starke, intakte deutsche Seekraft hinweisen zu koennen. Eine solche Rechnung waere wohl irrig gewesen. Denn eine Streitmacht, die man im Kriege nicht zu nuetzen wagt, ist auch bei Friedensverhandlungen ein kraftloser Faktor. Im Fruehjahr 1916 ist der Wunsch des Grossadmirals doch noch in Erfuellung gegangen. Was unsere Flotte zu leisten vermochte, das hat sie im Skagerrak glaenzend gezeigt. Auch ueber die Frage unserer Unterseebootkriegfuehrung aeusserte sich Herr von Tirpitz. Er vertrat die Anschauung, dass wir diese Waffe zur Unzeit gezueckt haetten, und dass wir dann, eingeschuechtert durch das Verhalten des Praesidenten der Vereinigten Staaten den mit lautem Kampfgeschrei erhobenen Arm ebenso zur Unzeit wieder haetten sinken lassen. Die damaligen Ausfuehrungen des Grossadmirals konnten auf meine spaetere Stellungnahme zu dieser Frage keinen Einfluss ausueben. Bis die Entscheidung hierueber an mich herantrat, sollten fast noch anderthalb Jahre vergehen. In diesem Zeitraum hatte sich einerseits die Kriegslage ganz wesentlich zu unseren Ungunsten verschoben und war andererseits die Leistungsfaehigkeit unserer Marine auf dem Gebiete des Unterseebootswesens mehr als verdoppelt. Kowno Im Oktober 1915 verlegten wir unser Hauptquartier nach Kowno, in das besetzte Feindesland. Zu der bisherigen Taetigkeit meines Generalstabschefs kamen jetzt noch die Arbeiten fuer die Verwaltung, den Wiederaufbau und die Ausnuetzung des Landes zur Versorgung der Truppen, der Heimat und der Landeseinwohner. Die hieraus erwachsende Beschaeftigung waere allein genuegend gewesen, die Arbeitskraft eines Mannes voll und ganz in Anspruch zu nehmen. General Ludendorff betrachtete sie als eine Zugabe zu seinem uebrigen Dienste und widmete sich ihr mit dem ihm eigenen rastlosen Arbeitswillen. Von Kowno aus fand ich in der ruhigeren Winterzeit 1915/16 Gelegenheit den Bjalowjeser Forst aufzusuchen. Der Wildstand hatte leider unter den kriegerischen Ereignissen stark gelitten. Durchmarschierende Truppen und wilddiebende Bauern hatten ihn sehr gelichtet. Trotzdem gelang es mir noch, in viertaegigen herrlichen Pirsch- und Schlittenfahrten im Januar 1916 einen Wisent und vier Hirsche zu erlegen. Die Verwaltung des ausgedehnten Waldreviers befand sich in den bewaehrten Haenden des bayerischen Forstmeisters Escherich, der es meisterhaft verstand, uns die reichen Holzbestaende nutzbar zu machen, ohne dabei Raubbau zu treiben. Auch den Augustower Wald suchte ich im gleichen Winter auf. Eine mir zu Ehren veranstaltete Wolfsjagd verlief leider ergebnislos. Die Woelfe zogen es vor, ausserhalb meiner Schussweite durch die Lappen zu gehen. Von den Kaempferspuren des Februar 1915 sah ich nur noch Schuetzengraeben. Sonst war das Schlachtfeld, wenigstens an den Stellen, an denen ich den Forst beruehrte, voellig aufgeraeumt. In Kowno beging ich im April 1916 mein 50jaehriges Dienstjubilaeum. Mit Dank gegen Gott und meinen Kaiser und Koenig, der mir den Tag durch gnaediges Meingedenken verschoente, blickte ich auf ein halbes Jahrhundert zurueck, das ich in Krieg und Frieden im Dienste fuer Thron und Vaterland durchlebt hatte. Bei Kowno waren im Sommer 1812 starke Teile des franzoesischen Heeres nach Osten ueber den Njemen gegangen. Die Erinnerung an diese Zeit und an den tragischen Ausgang dieses kuehnen Zuges hatte bei unseren Gegnern die Hoffnung ausgeloest, dass auch unsere Truppen in den weiten Wald- und Sumpfgebieten Russlands einem aehnlichen Schicksal durch Hunger, Kaelte und Krankheiten erliegen wuerden wie die stolzen Armeen des grossen Korsen. Man verkuendete uns diesen Ausgang, vielleicht weniger aus innerer Ueberzeugung als zur Beruhigung der eigenen urteilslosen Menge. Immerhin waren aber unsere Sorgen fuer die Erhaltung unserer Truppen im Winter 1915/16 keine geringen. Wussten wir doch, in welchen trotz aller Entwickelung der Neuzeit immer noch verhaeltnismaessig oeden, vielfach von ansteckenden Krankheiten durchseuchten Landesteilen wir nunmehr die strenge Jahreszeit hinzubringen hatten. Das Feldzugsjahr 1916 bis Ende August Der Russenangriff gegen die deutsche Ostfront Das Jahr 1915 war in unserem Oberkommando nicht ausgeklungen unter hellen Fanfaren eines voll befriedigenden Triumphes. In dem Gesamtergebnis der Operationen und Kaempfe dieses Jahres lag fuer uns etwas Unbefriedigendes. Der russische Baer hatte sich unserer Umgarnung entzogen, zweifellos aus mehr als einer Wunde blutend, aber doch nicht zu Tode getroffen. Unter wilden Anfaellen hatte er sich von uns verabschiedet. Wollte er damit beweisen, dass er noch Lebenskraft genug uebrig hatte, um uns auch weiterhin das Leben schwer zu machen? Wir fanden die Ansicht vertreten, dass die russischen Verluste an Menschen und Material bereits so bedeutend waeren, dass wir auf lange hinaus an unserer Ostfront gesichert sein wuerden. Wir beurteilten diese Behauptung nach den bisherigen Erfahrungen mit Misstrauen, und bald sollte sich zeigen, dass dieses Misstrauen gerechtfertigt war. Nicht einmal den Winter sollten wir in einiger Ruhe verbringen koennen. Zeigte sich doch bald, dass der Russe an alles eher dachte, als sich stille zu verhalten. Auf unserer ganzen Front, ja weit darueber hinaus nach Sueden, war es in und hinter den gegnerischen Linien unruhig, ohne dass man zuerst die Absichten der russischen Fuehrung irgendwie erkennen konnte. Ich hielt die Gegenden von Smorgon, Duenaburg und Riga fuer besondere Gefahrpunkte vor unseren Stellungen. In diese Gebiete fuehrten die leistungsfaehigsten russischen Bahnen. Aber ausgesprochene Anzeichen fuer einen feindlichen Angriff an den genannten drei Punkten ergaben sich lange Zeit nicht. Die Taetigkeit im Rueckengebiet des Feindes blieb ungemein emsig. Ueberlaeufer klagten ueber die harte Zucht, der die zurueckgezogenen Divisionen unterworfen wuerden, denn mit eiserner Strenge wurden die Truppen gedrillt. Das Staerkeverhaeltnis in den einzelnen Abschnitten war schon in den Zeiten der Ruhe fuer uns ausserordentlich unguenstig. Wir mussten damit rechnen, dass durchschnittlich jedem einzelnen unserer Divisionsabschnitte (9 Bataillone) etwa 2-3 russische Divisionen (32-48 Bataillone) gegenueberstanden. Nichts kennzeichnet die ungeheuern Unterschiede in den Anforderungen an die Kraefte unserer Truppen gegenueber den feindlichen mehr als diese Zahlen. Dieser Unterschied spielte naturgemaess nicht nur im Gefecht eine gewaltige Rolle sondern auch in den notwendigen taeglichen Arbeitsforderungen. Welch einen Umfang hatten die Arbeitsleistungen bei der grossen Ausdehnung der Fronten doch angenommen! Der Stellungs- und Strassenbau, die Errichtung von Barackenlagern sowie unzaehlige Arbeiten fuer die Versorgung der Truppen mit Kriegsbedarf, Verpflegung, Baustoffen usw. machten das Wort "Ruhe" fuer Offizier und Mann meist zu einem voellig leeren Begriff. Trotzdem waren Stimmung und Gesundheitszustand der Truppen durchaus gut. Wuerde unser Sanitaetsdienst nicht auf der Hoehe gestanden haben, auf der er sich tatsaechlich befand, so haetten wir schon aus diesem Grunde den Krieg nicht so lange Zeit durchhalten koennen. Die Leistungen unseres Feldsanitaetswesens werden sich dereinst nach wissenschaftlicher Bearbeitung des gesamten vorliegenden Materials als ein besonderes Ruhmesblatt deutscher Geistesarbeit und Hingabe fuer einen grossen Zweck erweisen und dann hoffentlich dem Wohle der gesamten Menschheit dienstbar gemacht werden. Von Mitte Februar ab begann es in der Gegend des Naroczsees und bei Postawy besonders unruhig zu werden. Immer klarer zeichneten sich aus der Masse der eintreffenden Nachrichten die Angriffsvorbereitungen des Gegners an jenen Stellen ab. Ich hatte anfangs nicht geglaubt, dass der Russe die von seinen leistungsfaehigen Bahnverbindungen entlegenen Stellen, die zudem seinen Massen wenig Entfaltungsraum boten und der taktischen Fuehrung infolge der Gelaendegestaltung nur geringe Armfreiheit liessen, zu einem wirklich grossen Schlage auswaehlen wuerde. Die kommenden Ereignisse belehrten mich vom Eintritt des Unwahrscheinlichen. Niemand von uns erkannte im Verlauf der damaligen russischen Vorbereitungen deren gewaltigen Umfang richtig. Wir haetten sonst wohl nicht geglaubt, dass wir mit den von uns allmaehlich im Gebiete des Naroczsees versammelten etwa 70 Bataillonen der ganzen dort bereitgestellten russischen Macht, gegen 370 Bataillone, standzuhalten vermoechten. Aber diese Gegenueberstellung gibt, wie eine auf unsere Feststellungen gestuetzte Veroeffentlichung ausfuehrt, doch nur ein ungenaues Bild, einmal weil auf beiden Seiten am ersten Tage keineswegs die ganze Masse der Kampftruppen eingesetzt wurde, und dann vor allem, weil die russischen Divisionen nicht etwa gleichmaessig in breiter Front gegen die Deutschen vorstiessen, sondern sich in der Hauptsache zu zwei maechtigen Stossgruppen vor den Fluegeln des Korps von Hutier zusammenballten. Die noerdliche dieser trieb 7 Infanterie- und 2 Kavalleriedivisionen zwischen Mosheiki und Wileity im Postawy-Abschnitt vor, in dem zunaechst nur 4 deutsche Bataillone standen, waehrend die suedliche mit 8 Infanteriedivisionen und den Uralkosaken die Sperre zwischen Naroczsee und Wisznewsee einzudruecken suchte, die von unserer 75. Reservedivision und der verstaerkten 9. Kavalleriedivision gehalten wurde. Also rund 128 russische gegen 19 deutsche Bataillone! Am 18. Maerz bricht der russische Angriff los. Nach einer artilleristischen Vorbereitung, wie sie die Ostfront in gleicher Staerke noch nie zu durchleben gehabt hatte, stuermen die feindlichen Massen gleich einer ununterbrochenen Sturzflut auf unsere duennbesetzten Stellungen. Doch vergeblich treiben russische Batterien und Maschinengewehre die eigene Infanterie gegen die deutschen Linien; umsonst maehen zurueckgehaltene feindliche Truppen die eigenen vordersten Linien nieder, wenn diese zu weichen und dem Verderben durch unser Feuer zu entgehen versuchen. Zu foermlichen Huegeln haeufen sich die russischen Gefallenen vor unserer Front. Die Anstrengungen fuer den Verteidiger sind freilich in das Ungeheuere gesteigert. Eingebrochenes Tauwetter fuellt die Schuetzengraeben mit Schneewasser, verwandelt die bisher deckenden Brustwehren in zerfliessenden Erdbrei und macht aus dem ganzen Kampffeld einen grundlosen Morast. Bis zur teilweisen Bewegungsunfaehigkeit schwellen den Grabenbesatzungen die Gliedmassen in den eisigen Wassern an. Allein es bleibt genug Lebenskraft und Kampfeswille in diesen Koerpern, um die feindlichen Anstuerme immer wieder zu brechen. So bringt der Russe auch diesmal alle Opfer vergebens, und vom 25. Maerz ab koennen wir siegessicher auf unsere Heldenscharen am Naroczsee blicken. Der Deutsche Heeresbericht vom 1. April 1916, der unter unserer Mitwirkung entstand, sprach sich nach Beendigung der Schlacht folgendermassen aus: "Welcher groessere Zweck mit den Angriffen angestrebt werden sollte, ergibt folgender Befehl des russischen Hoechstkommandierenden der Armeen an der Westfront vom 4. (17.) Maerz, Nr. 537: "Truppen der Westfront! Ihr habt vor einem halben Jahre, stark geschwaecht, mit einer geringeren Anzahl Gewehre und Patronen den Vormarsch des Feindes aufgehalten und, nachdem ihr ihn in dem Bezirk des Durchbruches bei Molodetschno aufgehalten habt, eure jetzigen Stellungen eingenommen. Seine Majestaet und die Heimat erwarten von euch jetzt eine neue Heldentat: Die Vertreibung des Feindes aus den Grenzen des Reiches! Wenn ihr morgen an diese hohe Aufgabe herantretet, so bin ich im Glauben an euren Mut, an eure tiefe Ergebenheit gegen den Zaren und an eure heisse Liebe zur Heimat davon ueberzeugt, dass ihr eure heilige Pflicht gegen den Zaren und die Heimat erfuellen und eure unter dem Joche des Feindes seufzenden Brueder befreien werdet. Gott helfe uns bei unserer heiligen Sache! Generaladjutant gez. Ewert." Freilich ist es fuer jeden Kenner der Verhaeltnisse erstaunlich, dass ein solches Unternehmen zu einer Jahreszeit begonnen wurde, in der seiner Durchfuehrung von einem Tage zum andern durch die Schneeschmelze bedenkliche Schwierigkeiten erwachsen konnten. Die Wahl des Zeitpunktes ist daher wohl weniger dem freien Willen der russischen Fuehrung als dem Zwang durch einen notleidenden Verbuendeten zuzuschreiben. Wenn nunmehr die gegenwaertige Einstellung der Angriffe von amtlicher russischer Stelle lediglich mit dem Witterungsumschlag erklaert wird, so ist das sicherlich nur die halbe Wahrheit. Mindestens ebenso wie der aufgeweichte Boden sind die Verluste an dem schweren Rueckschlage beteiligt. Sie werden nach vorsichtiger Schaetzung auf mindestens 140.000 Mann berechnet. Richtiger wuerde die feindliche Heeresleitung daher sagen, dass die grosse Offensive bisher nicht nur im Sumpf, sondern in Sumpf und Blut erstickt ist." Der Beschreibung dieser Fruehjahrskaempfe durch einen deutschen Offizier entnehme ich zum Schluss folgende Stelle: "Nicht viel mehr als ein Monat war vergangen, seit der russische Zar an der Postawyfront die Parade ueber die Sturmdivisionen abnahm, da fuhr Generalfeldmarschall von Hindenburg an die Front, um seinen siegreichen Regimentern zu danken. In Tschernjaty und Komai, Jodowze, Swirany und Kobylnik, nur wenige Kilometer Luftlinie vom Schauplatz der Zarenparade entfernt, sprach er zu den Abordnungen der Fronttruppen und verteilte die Eisernen Kreuze. Hand in Hand standen da fuer einen Augenblick Feldherr und Handgranatenwerfer, einer den anderen mit langem, vertrauensvollem Blicke ermessend. Die Fruehlingssonne leuchtete als Siegessonne ueber der Hindenburgfront ..." Das war mein Anteil an der Naroczschlacht. Der Russenangriff gegen die oesterreichisch-ungarische Ostfront "Verdun!" - Der Name wurde bei uns im Osten von Anfang Februar des Jahres ab haeufiger genannt. Man wagte nur halblaut und im Geheimnis davon zu sprechen. Man legte auf das Wort einen Ton, aus dem Zweifel und Bedenken hervorgingen. Und doch, der Gedanke, Verdun zu nehmen, war gut. Verdun in unserer Hand, das musste die ganze Lage an unserer Westfront wesentlich festigen. Dadurch wurde die Einbuchtung an unserer verwundbarsten Druckstelle da drueben endgueltig beseitigt. Vielleicht ergaben sich aus der Eroberung der Festung noch weitere operative Moeglichkeiten in suedlicher und westlicher Richtung. Die Wichtigkeit des genannten Waffenplatzes berechtigte also meiner Anschauung nach zu dem Versuch, ihn anzugreifen. Man hatte ja in der Hand, das Unternehmen rechtzeitig wieder abzubrechen, wenn sich seine Durchfuehrbarkeit als unmoeglich erweisen oder die dafuer noetigen Opfer als zu hoch herausstellen sollten. Und dann: Ist das Kuehnste, das Unwahrscheinlichste im Angriff auf Festungen in diesem Kriege uns nicht schon wiederholt glaenzend gelungen? Von Ende Februar ab wird Verdun nicht mehr geheimnisvoll ausgesprochen, sondern laut und freudig. Das Wort "Douaumont" leuchtet im Zusammenhang damit wie ein Fanal deutschen Heldentums bis in den entferntesten Osten herueber und erhebt die Gemueter auch derer, die jetzt eben mit Ernst und Sorge auf die Entwickelung der Ereignisse am Naroczsee blicken. Freilich liegt in dem Angriff auf Verdun fuer uns auch ein bitteres Gefuehl. Bedeutet das Unternehmen doch das endgueltige Aufgeben einer Kriegsentscheidung hier im Osten. Verdun wird im weiteren Verlauf der Zeit noch in verschiedener Betonung genannt. Die Bedenken fangen allmaehlich an, zu ueberwiegen, man spricht sie aber nur selten aus. Sie lassen sich kurz in folgende Fragen zusammenfassen: Warum setzt man einen Angriff immer noch fort, der so unendliche Opfer fordert und dessen Aussichtslosigkeit dabei schon erkennbar ist? Waere es nicht moeglich, an die Stelle dieser rein oertlichen Frontalunternehmung gegen den auf permanente Werke gestuetzten noerdlichen Verteidigungsbogen Verduns eine die Linienfuehrung unserer Aufstellung zwischen Argonnerwald und St. Mihiel ausnutzende abschnuerende Operation treten zu lassen? Erst spaetere Zeiten werden nach unparteiischer Pruefung ueber die Berechtigung dieser Fragen urteilen koennen. Noch ein anderes Wort tritt spaeterhin zu Verdun, das ist "Italien", zum ersten Male erwaehnt, nachdem die Schlacht am Naroczsee beendet war. Auch Italien wird mit Zweifel genannt, mit weit groesserem und staerkerem als Verdun, ja nicht nur mit Zweifel, sondern mit ernsten, schweren Bedenken. Der Plan eines oesterreichisch-ungarischen Angriffes gegen Italien ist kuehn und hat von diesem Gesichtspunkt aus auch ein militaerisches Anrecht auf Gelingen. Was diesen Plan aber als ueberkuehn erscheinen laesst, das ist unsere Einschaetzung des Instrumentes, mit dem er durchgefuehrt wird. Wenn gegen Italien die besten k. u. k. Truppen losbrechen, Truppen, an die nicht bloss Oesterreich und Ungarn sondern auch Deutschland mit Stolz und Vertrauen denken, was bleibt dann gegen Russland? Russland ist aber nicht so geschlagen, wie man es Ende 1915 vermutete. Am Naroczsee hat sich die ganze Entschlossenheit der russischen Heerhaufen wieder gezeigt in einer Wildheit und Massenhaftigkeit, gegenueber der so manche mit slawischen Elementen stark durchsetzten oesterreichisch-ungarischen Heeresverbaende sich bisher als wenig widerstandsfaehig erwiesen haben. Die Sorge bei uns waechst trotz der Siegesmeldungen aus Italien taeglich mehr und mehr. Sie wird nur zu bald in ihrer Berechtigung bewiesen durch die nunmehr eintretenden Ereignisse suedlich des Pripet. Am 4. Juni stuerzt die oesterreichisch-ungarische Heeresfront in Wolhynien und in der Bukowina auf den ersten russischen Anhieb weithin zusammen. Die schwerste Krisis des ganzen bisherigen Krieges an der Ostfront tritt ein, schwerer noch als diejenige des Jahres 1914. Denn diesmal steht nirgends ein siegreiches deutsches Heer als helfender Retter bereit: im Westen tobt der Kampf um Verdun und drohen Sturmeszeichen an der Somme. Die Wogen dieser Krisis schlagen bis an unsere Front hinueber, aber zum Heile fuer das Ganze nicht in Form russischer Angriffe. So koennen wir wenigstens helfen, wo die Not am groessten ist. Der Russe steht bis jetzt vor der deutschen Front noch ungeschwaecht in seinen Stellungen. Den ersten Erfolg suedlich des Pripet hat er daher nicht durch seinen sonst gewohnten Einsatz ueberlegener Massen sondern mit verhaeltnismaessig schwachen Kraeften erreicht. "Der Plan Brussilows muss eingangs streng genommen als eine Erkundung aufgefasst werden, als eine Erkundung unternommen auf gewaltige Ausdehnungen und mit kuehner Entschlossenheit, aber doch immer nur eine Erkundung, kein Schlag mit einem gewaehlten Ziel ... Seine Aufgabe war es, die Staerke der gegnerischen Linien anzufuehlen auf einer Front von nahezu 500 km zwischen Pripet und Rumaenien. Brussilow glich einem Manne, der an eine Mauer schlaegt, um herauszubringen, welche Teile solider Stein und welche nur Latten und Moertel waren." So schrieb ein Auslaender ueber Brussilows erste Schlachttage. Und dieser Auslaender sagt einwandfrei das Richtige. Die oesterreichisch-ungarische Mauer zeigt aber nur wenige solide Steine, sie bricht unter dem Pochen von Brussilows Hammer zusammen, und herein braust die Sturmflut der russischen Haufen, die nunmehr erst von unserer Front weg herangefuehrt worden sind. Wo wird ihnen ein Halt geboten werden koennen? Nur eine starke Saeule bleibt zunaechst noch inmitten dieser Brandung. Es ist die Suedarmee unter ihrem trefflichen General Grafen Bothmer. Deutsche, Oesterreicher und Ungarn; alle gehalten in guter Zucht. Was auf unserem Teil der grossen Ostfront entbehrlich ist, rollt nunmehr nach dem Sueden und verschwindet auf den Schlachtfeldern Galiziens. Inzwischen verduestert sich auch die Lage an der Westfront. Franzoesisch-englische Uebermacht wirft sich auf unsere verhaeltnismaessig schwach gehaltenen Linien beiderseits der Somme und drueckt die Verteidigung ein. Ja es droht voruebergehend die Gefahr eines vollendeten Durchbruchs! Mein Allerhoechster Kriegsherr ruft mich und meinen Generalstabschef zweimal zu Beratungen ueber die schwere Lage an der Ostfront in sein Hauptquartier nach Pless. Das letzte Mal, Ende Juli, faellt dort die Entscheidung ueber die Neuregelung des Befehls auf der Ostfront. Die deutsche Oberste Heeresleitung hat von Oesterreich-Ungarn als Entgelt fuer die trotz Verdun und Somme gebotene rettende Hand Gewaehr fuer straffere Organisation des Befehls an der Ostfront gefordert. Mit Recht! So wurde meine Befehlsgewalt bis in die Gegend von Brody, oestlich Lemberg, ausgedehnt; starke k. und k. Truppenverbaende wurden mir unterstellt. Wir besuchten baldigst die uns neu zugewiesenen Oberkommandos und fanden bei den oesterreichisch-ungarischen Stellen volles Entgegenkommen und rueckhaltslose Kritik der eigenen Schwaechen. Freilich, die Erkenntnis war nicht allenthalben vom Tatenwillen begleitet, der bessernd in die vorhandenen Schaeden eingreift. Und doch, wenn je in einem Heere, so bedurfte es in diesem Voelkergemisch einer alles beherrschenden, durchgreifenden Gewalt und eines einheitlichen Zuges, sonst musste auch das beste Blut in diesem Koerper machtlos rinnen und vergeblich verrinnen. Die Ausdehnung der Befehlsfront veranlasste mich zur Verlegung meines Hauptquartiers nach Sueden, nach Brest-Litowsk. Dort trifft mich am 28. August mittags der Befehl Seiner Majestaet des Kaisers, baldmoeglichst in sein Grosses Hauptquartier abzureisen. Als Grund teilt mir der Chef des Militaerkabinetts nur mit: "Die Lage ist ernst!" Ich lege den Hoerapparat weg und denke an Verdun und Italien, an Brussilow und die oesterreichische Ostfront, dazu an die Nachricht: "Rumaenien hat uns den Krieg erklaert." Starke Nerven werden noetig sein! DRITTER TEIL VON DER UeBERTRAGUNG DER OBERSTEN HEERESLEITUNG BIS ZUR ZERTRUeMMERUNG RUSSLANDS Berufung zur Obersten Heeresleitung Chef des Generalstabes des Feldheeres Es war bekanntlich nicht das erste Mal, dass mich mein Kaiserlicher und Koeniglicher Herr zur Besprechung ueber militaerische Lagen und Absichten zu sich berief. Daher vermutete ich auch diesmal, dass Seine Majestaet meine Anschauungen ueber eine bestimmte Frage persoenlich und muendlich hoeren wollte. In der Annahme eines nur kurzen Aufenthaltes nahm ich auch nur das fuer einen solchen unbedingt noetige Gepaeck mit mir. Am 29. August vormittags traf ich in Begleitung meines Chefs in Pless ein. Auf dem Bahnhof empfing mich im Auftrage des Kaisers der Chef des Militaerkabinetts. Aus seinem Munde erfuhr ich zuerst die fuer mich und General Ludendorff beabsichtigten Ernennungen. Vor dem Schlosse in Pless traf ich meinen Allerhoechsten Kriegsherrn selbst, der das Eintreffen Ihrer Majestaet der Kaiserin, die von Berlin aus kurz nach mir Pless erreicht hatte, erwartete. Der Kaiser begruesste mich sogleich als Chef des Generalstabes des Feldheeres und General Ludendorff als meinen Ersten Generalquartiermeister. Auch der Reichskanzler war von Berlin aus erschienen und augenscheinlich von der Veraenderung in der Besetzung der Chefstelle, die ihm Seine Majestaet in meiner Gegenwart mitteilte, nicht weniger ueberrascht als ich selbst. Ich erwaehne dies, weil auch hier die Legendenbildung eingesetzt hat. Die Uebernahme der Geschaefte aus den Haenden meines Vorgaengers vollzog sich bald nachher. General von Falkenhayn reichte mir zum Abschied die Hand mit den Worten: "Gott helfe Ihnen und unserem Vaterland!" Welche Gruende unsere ploetzliche Berufung in den neuen Wirkungskreis veranlassten, erfuhr ich aus dem Munde meines Kaisers, der meines Vorgaengers stets ehrend gedachte, weder bei der Uebernahme meiner neuen Stellung noch spaeter. Derartige Feststellungen rein historischen Wertes zu machen, fehlte mir immer die Neigung, damals aber auch die Zeit. Draengten sich doch die Entscheidungen nicht nach Tagen sondern nach Stunden. Kriegslage Ende August 1916 Die Kriegslage, unter welcher der Wechsel in der Leitung der Operationen erfolgte, war nach den ersten Eindruecken, die ich gewann, folgende: Die Verhaeltnisse an der Westfront waren nicht ohne Bedenken. Verdun war nicht in unsere Haende gefallen, auch die Hoffnung auf Zerreibung der franzoesischen Heereskraft in dem gewaltigen Feuerbogen, der sich um die Nord- und Nordostfront der Festung gebildet hatte, war nicht verwirklicht. Ein Erfolg unseres dortigen Angriffes war immer aussichtsloser geworden, aber das Unternehmen war noch nicht aufgegeben. An der Somme raste das Ringen nunmehr seit fast zwei Monaten. Wir kamen dort von einer Krisis in die andere. Unsere Linien standen andauernd im Zustand aeusserster Zerreissprobe. Im Osten war die russische Offensive im Suedostteil der Karpathen bis auf den Gebirgskamm hinaufgebrandet. Ob dieser letzte Schutzwall ungarischen Landes mit den jetzt verfuegbaren Kraeften gegen neue Anstuerme zu behaupten sein wuerde, musste nach den bisherigen Ergebnissen bezweifelt werden. Auch im Vorlande des Nordwestteils der Karpathen war die Lage aufs aeusserste gespannt. Zwar hatten die russischen Angriffe zurzeit dort etwas nachgelassen, aber es war nicht zu hoffen, dass diese Ruhe von laengerer Dauer sein wuerde. Der oesterreichisch-ungarische Angriff aus Suedtirol hatte angesichts des Zusammenbruchs an der galizischen Front aufgegeben werden muessen. Der Italiener ging nun seinerseits wieder zum Angriff an der Isonzofront ueber. Diese Kaempfe zehrten in starkem Masse an den oesterreichisch-ungarischen Heereskraeften, welche sich dort unter den schwierigsten Verhaeltnissen gegen mehrfache feindliche Ueberlegenheit, wert des hoechsten Ruhmes schlugen. Von Wichtigkeit fuer die Gesamtlage wie fuer die Not des Augenblickes waren schliesslich auch die derzeitigen Verhaeltnisse auf dem Balkan. Die von den Bulgaren auf unsere Anregung hin in Mazedonien unternommene Offensive gegen Sarrail hatte nach anfaenglichen Erfolgen abgebrochen werden muessen. Das mit diesem Angriff verbundene politische Ziel, Rumaenien vom Eingreifen in den Krieg abzuhalten, war nicht erreicht worden. Die Vorhand lag zur Zeit ueberall in den Haenden unserer Gegner. Es war damit zu rechnen, dass diese alle Kraefte einsetzen wuerden, uns weiter unter diesem Drucke zu halten. Die Aussichten auf eine vielleicht nahe und erfolgreiche Kriegsbeendigung mussten die gegnerischen Verbuendeten auf allen Fronten zu den groessten Kraftanstrengungen und zu den schwersten Opfern bereit finden. Alle gaben wohl ihr letztes her, um sich an dem Todesstoss gegen die Mittelmaechte zu beteiligen, zu dem Rumaenien das siegessichere Halali blies! Die augenblicklich freien und verfuegbaren Reserven des deutschen sowie des oesterreichisch-ungarischen Heeres waren gering. Einstweilen standen an der zunaechst bedrohten siebenbuergisch-rumaenischen Grenze nur schwache Postierungen, groesstenteils Finanz- und Zollwachen. Im Innern Siebenbuergens waren abgekaempfte oesterreichisch-ungarische Divisionen untergebracht, zum Teil gefechtsunbrauchbare Truemmer. Dort aufgestellte oder in Aufstellung begriffene Neubildungen hatten eine zu geringe Staerke, um fuer einen ernsten Widerstand gegen einen rumaenischen Einfall in das Land in Betracht kommen zu koennen. Die Verhaeltnisse auf dem suedlichen Donauufer waren in dieser Beziehung fuer uns guenstiger. Eine aus bulgarischen, osmanischen und deutschen Verbaenden neugebildete Armee war im bulgarischen Grenzgebiete der Dobrudscha und an der Donau weiter aufwaerts in Versammlung begriffen, zusammen etwa 7 Divisionen von sehr verschiedener Staerke. Das war im wesentlichen alles, was zurzeit an der wundesten der wunden Stellen unseres europaeischen Kriegsschauplatzes, naemlich an den rumaenischen Grenzen, verfuegbar war. Weiterer Kraeftebedarf musste entweder aus anderen Kampffronten weggezogen oder abgekaempften und der Ruhe beduerftigen Verbaenden entnommen oder endlich durch Bildung neuer Divisionen gewonnen werden. Gerade in letzterer Beziehung lagen aber die Verhaeltnisse bei uns wie bei unseren Verbuendeten nicht guenstig. Die Ersatzlage drohte bei andauernd gleicher oder gar erhoehter Anspannung bedenklich zu werden. Auch war der Verbrauch von Geraet und Schiessbedarf durch die lange Dauer und den Umfang der Kaempfe auf allen Fronten ein solch ungeheurer geworden, dass die Gefahr einer Laehmung unserer Kriegfuehrung schon aus diesem Grunde nicht ausgeschlossen erschien. Auf die Lage in der Tuerkei komme ich spaeter zurueck. Politische Lage Nicht nur die ersten Eindruecke ueber die militaerische, sondern auch diejenigen ueber die politische Gesamtgestaltung beduerfen einer kurzen Darlegung. Ich beginne mit den Verhaeltnissen in unserem eigenen Vaterlande. Als mir die Leitung der Operationen uebertragen wurde, hielt ich die Stimmung in unserer Heimat zwar nicht fuer verzagt, aber doch fuer ernst. Kein Zweifel, dass man dort durch manche kriegerischen Vorgaenge der letzten Monate enttaeuscht war. Dazu kam, dass sich die Not des taeglichen Lebens wesentlich gesteigert hatte. Besonders bitter litt der Mittelstand unter den fuer ihn ungewoehnlich nachteiligen wirtschaftlichen Verhaeltnissen. Die Lebensmittel wurden immer knapper zugewiesen, die Ernteaussichten waren maessig. Die Kriegserklaerung Rumaeniens bedeutete unter diesen Verhaeltnissen eine weitere Mehrbelastung des heimatlichen Kriegswillens. Doch war das Vaterland augenscheinlich auch jetzt zum Durchhalten bereit. Wie lange und wie stark diese Stimmung anhalten werde, liess sich freilich nicht vorhersagen. Der Verlauf der kriegerischen Ereignisse der naechsten Zeit musste in dieser Hinsicht entscheidend wirken. Was die Beziehungen Deutschlands zu seinen Verbuendeten betrifft, so sollten wir diese nach den propagandistischen Aeusserungen der gegnerischen Presse waehrend des Krieges schrankenlos beherrschen. Es wurde behauptet, wir hielten Oesterreich-Ungarn, Bulgarien und die Tuerkei sozusagen am Halse fest, bereit sie zu wuergen, wenn sie nicht taten, was wir wollten. Und doch konnte es kaum eine groessere Entstellung des wirklichen Sachverhaltes geben, als sie in dieser Behauptung lag. Ich glaube, dass sich nirgends die Schwaeche Deutschlands im Vergleich zu England deutlicher zeigte, als in der Verschiedenheit der politischen Einwirkungen auf die beiderseitigen Bundesgenossen. Wenn zum Beispiel das offizielle Italien es jemals gewagt haette, offen Friedensneigungen ohne britische Erlaubnis zu zeigen, so war England jeder Zeit imstande, diesen Verbuendeten einfach durch Hunger zur Fortsetzung der einmal eingeschlagenen Politik zu zwingen. Aehnlich stark und unbedingt herrschend war Englands Stellung Frankreich gegenueber. Unabhaengiger war in dieser Beziehung wohl nur Russland; aber auch die politische Selbstaendigkeit des Zarenreiches fand aus wirtschaftlichen und finanziellen Gruenden England gegenueber ihre Grenzen. Wie viel unguenstiger war in dieser Richtung die Stellung Deutschlands. Welche politischen, wirtschaftlichen oder militaerischen Machtmittel lagen in unserer Hand, um etwaigen Abfallbestrebungen irgend eines unserer Bundesgenossen entgegenzutreten? Sofern sich diese Staaten nicht durch den freien Willen oder durch das drohende sichere Verderben an uns gekettet fuehlten, hatten wir keine Macht, sie bei uns festzuhalten. Ich stehe nicht an, diese unbestreitbare Tatsache als eine besondere Schwaeche unserer gesamten Lage hervorzuheben. Nunmehr zu den einzelnen Verbuendeten. Die innerpolitischen Verhaeltnisse in Oesterreich-Ungarn hatten sich im Laufe des Sommers 1916 nicht unbedenklich gestaltet. Die dortige politische Leitung hatte wenige Wochen vor unserem Eintreffen in Pless unserer Reichsleitung gegenueber kein Hehl daraus gemacht, dass die Donaumonarchie eine weitere Belastung durch militaerische und politische Misserfolge nicht mehr vertrug. Die Enttaeuschung ueber das Scheitern der mit allzu lauten Verheissungen begleiteten Offensive gegen Italien war eine tiefgehende. Der rasche Zusammenbruch des Widerstandes an der galizisch-wolhynischen Front liess in der grossen Masse des oesterreichisch-ungarischen Volkes einen misstrauischen Pessimismus aufkommen, der in der Volksvertretung ein rueckhaltloses Echo fand. Die leitenden Kreise Oesterreich-Ungarns standen zweifellos unter der Wirkung dieser Stimmung. Es war freilich nicht das erste Mal, dass solche bedenkliche Auffassungen aus deren Mitte zu uns herueberklangen. Man traute sich dort zu wenig selbst zu. Da man die eigenen Kraefte nicht zusammenzufassen wusste, misstraute man deren Groesse. Bei diesem Urteil verkenne ich nicht, dass die politischen Schwierigkeiten der Doppelmonarchie unendlich viel groesser waren, als diejenigen unseres geeinten deutschen Vaterlandes. Auch die Lebensmittelfrage war eine ernste. Besonders litten die deutsch-oesterreichischen Landesteile bitter unter der Not. Nach meiner Ansicht lag keine Veranlassung vor, der Buendnistreue Oesterreich-Ungarns irgendwie zu misstrauen. Jedoch musste unter allen Umstaenden dafuer gesorgt werden, dass das Land von dem auf ihm liegenden Druck baldmoeglichst entlastet wurde. Anders, ich darf sagen national gefestigter, als in Oesterreich-Ungarn lagen die innerpolitischen Verhaeltnisse in Bulgarien. Das Land fuehrte mit dem Kampfe um die staatliche Vereinigung der bulgarischen Stammesgenossen gleichzeitig den Kampf um seine endgueltige Vormachtstellung auf dem Balkan. Die mit den Mittelmaechten und der Tuerkei abgeschlossenen Vertraege im Verein mit den bisherigen Kriegserfolgen schienen Bulgariens weitgehenden Wuenschen sichere Erfuellung bringen zu wollen. Das Land war freilich aus dem letzten Balkankriege stark erschoepft in den neuen Krieg eingetreten. Ausserdem war es in den jetzigen Kampf bei weitem nicht mit jener allgemeinen Begeisterung gegangen wie in denjenigen des Jahres 1912. Diesmal war es mehr von der kuehlen Berechnung seiner Staatsmaenner als von nationalem Schwung gefuehrt. Kein Wunder daher, wenn das Volk sich im jetzigen Besitz der erstrebten Landesteile befriedigt fuehlte und keine starken Neigungen zu neuen Unternehmungen zeigte. Ob das Zoegern mit der Kriegserklaerung an Rumaenien - sie war bei meinem Eintreffen in Pless noch nicht erfolgt - lediglich ein Ausfluss dieser Stimmung war, moechte ich freilich heute noch bezweifeln. Die Verhaeltnisse in der Lebensmittelversorgung des Landes waren, am deutschen Massstabe gemessen, gute. Im allgemeinen glaubte ich die Hoffnung zu haben, dass unser Buendnis mit Bulgarien eine etwaige militaerische Belastungsprobe vertragen wuerde. Ein nicht geringeres Vertrauen brachte ich der Tuerkei entgegen. Das osmanische Reich war in den Kampf getreten ohne jegliche Bestrebungen nach politischer Machterweiterung. Seine fuehrenden Persoenlichkeiten, allen voran Enver Pascha, hatten klar erkannt, dass es fuer die Tuerkei in dem ausgebrochenen Kampfe keine Neutralitaet geben koenne. Man kann sich in der Tat nicht vorstellen, dass Russland und die Westmaechte die einschraenkenden Bestimmungen ueber die Benutzung der Meerengen auf die Dauer haetten beruecksichtigen koennen. Die Aufnahme des Kampfes bedeutete fuer die Tuerkei eine Frage des Seins oder Nichtseins, ausgesprochener fast wie fuer uns andere. Unsere Gegner taten uns einen Gefallen damit, dies von Anfang an laut und deutlich zu verkuenden. Die Tuerkei hatte bei diesem Kampfe bisher eine Staerke entwickelt, die alle in Erstaunen setzte. Ihre aktive Kriegfuehrung ueberraschte Freunde wie Feinde; sie fesselte starke gegnerische Kraefte auf allen asiatischen Kriegsschauplaetzen. Man hat in Deutschland spaeterhin oftmals den Vorwurf gegen die Oberste Heeresleitung erhoben, dass sie zur Staerkung der Kampfkraft der Tuerkei ihre eigenen Mittel zersplittert haette. Man beachtete aber bei diesem Urteil nicht, wie wir durch eben jene Unterstuetzungen den Bundesgenossen andauernd befaehigten, mehrere 100.000 Mann bester gegnerischer Kampftruppen von unseren mitteleuropaeischen Kriegsschauplaetzen fernzuhalten. Die deutsche Oberste Kriegsleitung Die Erfahrungen des Fruehjahrs und Sommers 1916 hatten die Notwendigkeit ergeben, eine fuehrende und voll verantwortliche Befehlsstelle fuer uns und unsere verbuendeten Heere einzurichten. Im Benehmen mit den regierenden Staatshaeuptern wurde eine Oberste Kriegsleitung geschaffen. Sie wurde Seiner Majestaet dem Deutschen Kaiser uebertragen. Der Chef des Generalstabes des deutschen Feldheeres erhielt das Recht "im Auftrage dieser Obersten Kriegsleitung" Anweisungen herauszugeben und Vereinbarungen mit den verbuendeten Heereschefs zu treffen. Bei dem grossen Entgegenkommen und der verstaendnisvollen Mitarbeit der mir im uebrigen gleichgestellten Chefs der verbuendeten Heere konnte ich die Anwendung meiner neuen Rechte auf einzelne besonders wichtige kriegerische Entscheidungen beschraenken. Die Behandlung gemeinsamer politischer und wirtschaftlicher Fragen fiel nicht in den Bereich dieser Obersten Kriegsleitung. Meine Aufgabe bestand sonach im wesentlichen darin, den Verbuendeten die leitenden Gesichtspunkte fuer die gesamte Kriegsfuehrung zu geben und ihre Kraefte und Taetigkeit zur Erreichung des gemeinsamen Zieles zusammenzufassen. Unser aller Interessen wuerde es entsprochen haben, wenn die Oberste Kriegsleitung unter Zurueckstellung der einzelnen Sonderinteressen, ja selbst unter Preisgabe einzelner fuer die Entscheidung nebensaechlicher Ruecksichten, einen durchschlagenden Erfolg auf einem der Hauptkriegsschauplaetze haette erzwingen koennen. Im unabaenderlichen Wesen des Koalitionskrieges lag es aber, dass unserer Obersten Kriegsleitung durch Ruecksichten aller moeglichen Art hierin oft Schwierigkeiten bereitet wurden. Es ist bekannt, dass Deutschland in diesem Krieg seinen Bundesgenossen gegenueber in weit hoeherem Masse der gebende als der empfangende Teil war. Mit dieser Feststellung soll und kann freilich nicht die Auffassung vertreten werden, als ob Deutschland diesen ungeheuren Kampf ohne Bundesgenossen haette durchfuehren koennen. Auch liegt in der vielfach ausgesprochenen Ansicht, Deutschland habe sich nur auf krueppelhafte Verbuendete gestuetzt, eine arge Verkennung der Wirklichkeit und eine einseitige Uebertreibung. Man uebersieht dabei, dass auch unsere Verbuendeten vielerorts starke feindliche Ueberlegenheiten auf sich gezogen hatten. Wenn ich jetzt den Blick auf das Vergangene zurueckwende, so habe ich den Eindruck, dass nicht in grossen Operationen, sondern in dem Ausgleich verschiedengerichteter Interessen der einzelnen Bundesgenossen der schwierigste Teil unserer Aufgaben vom Standpunkt der Obersten Kriegsleitung lag. Ich will es dahin gestellt sein lassen, ob sich in den meisten Faellen politische Verhaeltnisse dringender geltend machten, als militaerische Gruende. Eine ganz besondere Erschwerung lag fuer unsere Plaene und Entscheidungen in den verschiedenen Werten der verbuendeten Heere. Wir mussten nach Uebernahme der Obersten Heeresleitung erst allmaehlich lernen, was wir von den Waffen unserer Verbuendeten erwarten und verlangen konnten. Die oesterreichisch-ungarische Wehrmacht hatte ich zum erstenmal bei dem Feldzug in Polen in unmittelbarem Zusammenwirken mit unseren Truppen kennen gelernt. Sie entsprach schon damals den Anforderungen, die wir an unsere eigenen Kraefte zu stellen gewohnt waren, nicht mehr vollstaendig. Der Hauptgrund fuer den Rueckgang des Durchschnittswertes der k. u. k. Truppenteile lag unbestrittenermassen in der ausserordentlichen Erschuetterung, die das Heer bei seiner, wie ich mich schon ausdrueckte, ueberkuehnen, rein frontalen Operation bei Kriegsbeginn in Galizien und Polen erlitten hatte. Man hat nachtraeglich behauptet, dass die oesterreichisch-ungarische Offensive damals das Ergebnis hatte, den Ansturm der russischen Heeresmassen zu brechen. Vielleicht haette sich aber dieses auf weniger gewagtem Wege und mit erheblich geringeren Opfern erreichen lassen. Jedenfalls erholte sich das russische Heer nach den damals erlittenen Verlusten wieder, das oesterreichisch-ungarische aber nicht mehr, ja es schlug der kuehne Unternehmungsgeist Oesterreich-Ungarns in eine dauernde Ueberempfindlichkeit gegenueber den russischen Massen um. Allen Anstrengungen der oesterreichisch-ungarischen Obersten Heeresleitung, die erlittenen schweren Schaeden zu beheben, stellten sich unueberwindliche Schwierigkeiten entgegen. Diesen im einzelnen nachzugehen, glaube ich mir versagen zu koennen. Ich moechte nur die Frage aufwerfen: Wie haette es Menschenkraeften gelingen koennen, einen neuen erhebenden Antrieb einheitlichen, nationalen Kampfwillens in das Voelkergemisch der Doppelmonarchie hineinzubringen, nachdem die erste Bluete des Willens, der Begeisterung und des Selbstvertrauens geknickt war? Wie sollte besonders das Offizierkorps, das bei dem ersten Vorstuermen so schwer gelitten hatte, einigermassen wieder auf die alte Hoehe gebracht werden? Vergessen wir nicht, dass Oesterreich-Ungarn keineswegs ueber die geistigen Kraefte verfuegte, aus denen Deutschland so oft und lange zu schoepfen vermochte. Ein Irrtum lag in der Annahme, dass die oesterreichisch-ungarische Armee in ihrer Gesamtheit von dem andauernden Rueckgang des Wertes ihrer Truppen ueberall gleichmaessig betroffen wurde. Die Donaumonarchie verfuegte bis zuletzt ueber hochwertige Verbaende. Ein starker Hang zu einem ungerechtfertigten Pessimismus in kritischen Lagen zeigte sich freilich an vielen Stellen. Besonders war auch die hoehere oesterreichisch-ungarische Truppenfuehrung hiervon nicht unberuehrt. Nur so konnte es kommen, dass selbst nach hervorragenden Angriffsleistungen der Gefechtswille unseres Bundesgenossen ganz ueberraschend zusammenbrach, ja sich geradezu ins Gegenteil verkehrte. Durch die beruehrten Erscheinungen wurde natuerlicherweise ein Element grosser Unsicherheit in die Berechnungen unserer Obersten Kriegsleitung hineingebracht. Wir waren nie sicher, ob uns nicht ueberraschendes Nachgeben verbuendeter Heeresteile unerwartet vor ganz veraenderte Lagen stellen und dadurch unsere Plaene umwerfen wuerde. Schwaechemomente treten in den Truppenteilen jeden Heeres auf. Sie liegen in der menschlichen Natur begruendet. Die Fuehrung muss damit rechnen, wie mit einem gegebenen Faktor, dessen Groesse aber nicht festzustellen ist. Durch eine vollwertige Truppe werden jedoch solche Momente meist rasch ueberwunden, oder es bleibt selbst im groessten Zusammenbruch wenigstens noch ein Kern von Schlagkraft und Widerstandswille uebrig. Wehe aber, wenn auch dieser letzte Kern voellig verbrennt. Das Unheil faellt dann verheerend nicht nur auf die betroffene Truppe sondern auch auf die anschliessenden oder eingestreuten zaeheren Verbaende; sie werden von der Katastrophe in Flanke und Ruecken gefasst und erleiden vielfach ein schlimmeres Schicksal, als die weniger Standhaften. Das war so oft das traurige Ende unserer in oesterreichisch-ungarische Fronten eingebauten Stuetzen. War es ein Wunder, dass hierdurch die Stimmung unserer Truppen gegenueber den oesterreichisch-ungarischen Waffengefaehrten nicht immer vertrauensvoll und guenstig war? Im grossen und ganzen duerfen wir aber die Leistungen Oesterreichs-Ungarns in diesem gewaltigen Kampfe nicht unterschaetzen und bitteren Gefuehlen nachhaengen, die manchmal unter dem Eindruck enttaeuschter Erwartungen entstanden sind. Die Donaumonarchie blieb uns ein getreuer Waffengenosse. Wir haben stolze Zeiten gemeinsam durchlebt und sollten uns hueten, im gemeinsamen Unglueck uns innerlich zu trennen. Einen anderen inneren Aufbau als das oesterreichisch-ungarische Heer hatte das bulgarische. Es war national in sich voellig geschlossen. Die bulgarische Armee hatte im grossen Kriege bis zum Herbste 1916 verhaeltnismaessig wenig gelitten. Bei der Beurteilung ihres Wertes duerfte aber nicht vergessen werden, dass sie erst vor kurzem einen anderen moerderischen Krieg ueberstanden hatte, in dem der groesste Teil der Bluete des Offizierskorps, ja der gesamten Intelligenz des Landes zugrunde gegangen war. Ihr Wiedererstarken war in Bulgarien zum mindesten ebenso schwierig wie in Oesterreich-Ungarn. Die verhaeltnismaessig noch primitiven Zustaende des Balkanlandes erschwerten ausserdem dem Heere Einfuehrung und Gebrauch mancher fuer den modernen Krieg unbedingt notwendiger Kampf- und Verkehrsmittel. Dies machte sich um so mehr fuehlbar, als auch an der mazedonischen Front vollwertige franzoesische und englische Truppenteile uns gegenueberstanden. Schon aus diesem Grunde konnte nichts Ueberraschendes darin gefunden werden, dass wir Bulgarien nicht nur mit materiellen Mitteln, sondern auch mit personellen Kraeften unterstuetzen mussten. Wieder anders als in der oesterreichisch-ungarischen und der bulgarischen Armee lagen die Verhaeltnisse in der tuerkischen. Unsere deutsche Militaermission hatte vor dem Kriege kaum Zeit gehabt, zu wirken, geschweige denn eine durchgreifende Besserung in den zerruetteten Verhaeltnissen des tuerkischen Heeres zu erreichen. Trotzdem war es gelungen, eine grosse Anzahl tuerkischer Verbaende mobil zu machen. Die Armee hatte aber an den Dardanellen und bei ihren ersten Angriffsoperationen in Armenien ausserordentlich schwer gelitten. Dessen ungeachtet schien ihre Leistungsfaehigkeit fuer die ihr von der Obersten Kriegsleitung zunaechst gestellte Aufgabe: Verteidigung des tuerkischen Landbesitzes, ausreichend. Ja, es war sogar moeglich, starke Teile des osmanischen Heeres allmaehlich auf europaeischem Boden zu verwenden. Unsere militaerische Unterstuetzung der Tuerkei beschraenkte sich im wesentlichen auf die Lieferung von Kampfmitteln und auf die Gestellung von zahlreichen Offizieren. Die fuer die asiatischen Kriegsschauplaetze bis zum Herbste 1916 abgegebenen deutschen Formationen wurden von uns mit Zustimmung der tuerkischen Obersten Heeresleitung nach und nach zurueckgezogen, je nachdem die Tuerkei imstande war, das Material dieser Formationen selbst zu uebernehmen und zu bedienen. Unsere Materiallieferungen gingen bis zu den Senussen an der Nordkueste Afrikas, denen wir mit Hilfe unserer Unterseeboote hauptsaechlich Gewehre und Schiessbedarf lieferten. Waren diese Sendungen auch klein, so wirkten sie doch ausserordentlich erhebend auf den kriegerischen Geist der mohammedanischen Staemme. Die praktischen Ergebnisse ihres Kampfes fuer unsere Kriegfuehrung lassen sich bis jetzt noch nicht ueberblicken; vielleicht waren sie groesser, als wir es damals ahnen konnten. Selbst ueber die Nordkueste Afrikas hinaus versuchten wir unseren Waffengenossen Unterstuetzung zu bringen. So traten wir unter anderm dem von Enver Pascha im Jahre 1917 angeregten Gedanken naeher, den Staemmen im Yemen, die ihrem Padischah in Konstantinopel treu geblieben waren, finanzielle Hilfe zu schicken. Da uns der Weg dorthin zu Lande durch aufruehrerische Nomadenstaemme der arabischen Wueste versperrt war, und die Kuesten des Roten Meeres fuer unsere Unterseeboote wegen ihres nicht genuegenden Aktionsradius unerreichbar waren, so waere uns nur der Luftweg uebrig geblieben. Zu meinem groessten Bedauern verfuegten wir aber damals noch nicht ueber ein Luftschiff, das die meteorologischen Schwierigkeiten einer Fahrt ueber die grosse Wueste mit Sicherheit haette ueberwinden koennen. Die Durchfuehrung des Planes musste also unterbleiben. In diesem Zusammenhang darf ich vorgreifend erwaehnen, dass ich 1917 den Versuch, unserer Schutztruppe in Ostafrika auf dem Luftwege Waffen und Medikamente zuzufuehren, mit dem regsten Interesse verfolgte. Das Zeppelinschiff musste bekanntlich ueber dem Sudan umkehren, da unsere Schutztruppe in der Zwischenzeit weiter nach Sueden gerueckt war und ihre Operationen nach Portugiesisch-Ostafrika verlegt hatte. Mit welch stolzen Gefuehlen ich waehrend des Krieges die Taten und fast uebermenschlichen Leistungen dieser praechtigen Truppe in Gedanken begleitete, bedarf keiner naeheren Ausfuehrung. Sie hat auf afrikanischem Boden ein unvergaengliches Denkmal deutschen Heldentums errichtet. Rueckblickend auf die Leistungen unserer Bundesgenossen muss ich anerkennen, dass sie die ihnen eigenen Kraefte in dem gemeinsamen Dienst unserer grossen Sache so weit anspannten, als die Eigenart ihrer staatlichen, wirtschaftlichen, militaerischen und ethischen Mittel ihnen das ermoeglichte. Das Ideal erreichte freilich keiner, und wenn wir vor allen anderen diesem Ideal uns am meisten naeherten, so war das nur moeglich, infolge der gewaltigen, uns selbst anfangs gar nicht vollbewussten inneren Kraefte, die wir im Laufe der letzten Jahrzehnte unserer Geschichte angesammelt hatten, Kraefte, die in allen Schichten des Vaterlandes vorhanden waren, hier nicht schlummerten sondern lebendig waren und in bestaendiger Regung sich weiter staerkten. Nur wenn ein Staat in sich gesund ist und unverdorbene Lebenskraefte ihn so stark durchfluten, dass die ungesunden im entscheidenden Augenblick mit fortgerissen werden, nur dann sind solche Leistungen denkbar, wie wir sie vollbrachten, und zwar vollbrachten weit ueber die Verpflichtungen hinaus, vor die unsere Buendnisse uns stellten. Dass dem so sein konnte, dafuer gebuehrt der Dank geschichtlich nachweisbar vornehmlich den Hohenzollern und unter diesen in der letzten Zeitepoche deutscher Groesse unserem Kaiser Wilhelm II. Getreu den Ueberlieferungen seines Hauses erblickte dieser Herrscher in dem Heere die beste Schule des Volkes und arbeitete unermuedlich an dessen Fortentwickelung. So stand denn Deutschlands Heeresmacht als die erste der Welt da: vor dem Kriege der achtunggebietende Schutz friedlicher Arbeit, waehrend des Krieges der Kern aller Kraftaeusserung. Pless Das oberschlesische Staedtchen Pless war von der deutschen Obersten Heeresleitung schon in frueheren Zeitabschnitten des Krieges als voruebergehender Sitz des Grossen Hauptquartiers gewaehlt worden. Der Grund dieser Wahl lag in der Naehe des Aufenthaltes des k. u. k. Armee-Oberkommandos in der oesterreichisch-schlesischen Stadt Teschen. Der Vorteil, der sich aus der Moeglichkeit rascher und persoenlicher Aussprache zwischen den beiden Hauptquartieren ergab, war auch jetzt massgebend fuer den weiteren Beibehalt dieses Hauptquartiers. Das deutsche Grosse Hauptquartier bildete natuerlicherweise den Treffpunkt deutscher und verbuendeter Fuerstlichkeiten, die mit meinem Kaiserlichen Herrn ueber politische und militaerische Fragen unmittelbare Ruecksprache nehmen wollten. Zu den ersten Monarchen, denen ich dort naeher zu treten die Ehre hatte, zaehlte Zar Ferdinand von Bulgarien. Er machte auf mich den Eindruck eines hervorragenden Diplomaten. Sein politischer Blick ging weit ueber die Grenzen des Balkans hinaus. Mit Meisterschaft verstand er es dabei, in den grossen entscheidenden Fragen der Weltpolitik die Stellung seines Landes wirkungsvoll zu beleuchten und in den Vordergrund zu ruecken. Die Zukunft Bulgariens sollte sich, wie er meinte, in diesem Kriege durch die endgueltige Beseitigung des russischen Einflusses und die endliche Vereinigung aller bulgarischen Stammesangehoerigen unter einheitlicher Fuehrung entscheiden. Andere Ziele seiner Politik hat der Zar mir gegenueber niemals zur Sprache gebracht. Einen besonderen Eindruck machte mir die Art, wie der Beherrscher der Bulgaren die politische Erziehung seines aeltesten Sohnes leitete. Kronprinz Boris war gewissermassen der Privatsekretaer seines koeniglichen Vaters und schien mir in die geheimsten politischen Gedankengaenge des Zaren eingeweiht zu sein. Der hochbegabte Prinz mit seiner vornehmen Denkungsart spielte die ihm anvertraute wichtige Rolle in taktvollster Weise mit bescheidener Zurueckhaltung. Das vaeterliche Regiment war dabei anscheinend ein ziemlich scharfes. Die Aussenpolitik seines Staates fuehrte der Zar im wesentlichen ganz allein. Inwiefern er auch die schwierigen innerpolitischen Verhaeltnisse seines Landes unbedingt beherrschte, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich glaube aber, dass er es verstand, mitten in der oftmals einreissenden parlamentarischen Anarchie Bulgariens seinen Willen, und sei es manchmal auch mit autokratischen Mitteln, geltend zu machen. Seine Aufgabe war in dieser Beziehung zweifellos eine schwere. Die Bulgaren waren, wie alle Balkanvoelker, aus der Knechtschaft in die volle staatliche Freiheit hineingesprungen. Die Schulung und die harte Arbeit des Uebergangs von einem Zustand zum anderen fehlte ihnen daher. Ich fuerchte, dass diese oft so vortrefflich beanlagten Voelkerschaften noch viele Jahrzehnte unter den Folgen des Mangels jener erzieherischen Zwischenzeit leiden werden. Der bulgarische Koenig war zurzeit jedenfalls einer der bedeutendsten Herrscher. Uns gegenueber bewaehrte er sich als treuer Bundesgenosse. Waehrend unseres Aufenthaltes in Pless starb Kaiser Franz Joseph. Sein Heimgang war fuer das Donaureich und uns ein Verlust, der in seiner ganzen Groesse wohl erst spaeter voll gewuerdigt werden kann. Es unterlag keinem Zweifel, dass mit seinem Tode fuer die Voelkervielheit der Doppelmonarchie der ideelle Vereinigungspunkt verloren ging. Sank doch mit dem ehrwuerdigen, greisen Kaiser ein grosser Teil des nationalen Gewissens des verschiedenstaemmigen Reiches fuer immer ins Grab. Die Schwierigkeiten, denen der junge Kaiser gegenuebergestellt war, lassen sich in ihrer Groesse und Mannigfaltigkeit mit denjenigen eines Thronwechsels in stammeseinheitlichen Reichen nicht in Vergleich ziehen. Der neue Herrscher versuchte den Wegfall der ethisch bindenden Macht, der durch das Ableben Kaiser Franz Josephs eingetreten war, durch voelkisch versoehnende Schritte zu ersetzen. Selbst staatszersetzenden Elementen gegenueber glaubte er an die moralische Wirkung politischer Gnadenbeweise. Das Mittel versagte voellig; diese Elemente hatten ihren Pakt mit unseren gemeinsamen Feinden laengst geschlossen und waren weit entfernt, ihn freiwillig wieder zu kuendigen. Bei den vielfachen regen persoenlichen Beziehungen, die mir der Aufenthalt in Pless mit dem damaligen Generaloberst Conrad von Hoetzendorf brachte, bestaetigte sich mir der Eindruck, den ich schon frueher von ihm als Soldat und Fuehrer erhalten hatte. General von Conrad war eine hochbegabte Persoenlichkeit, ein gluehender oesterreichischer Patriot und ein warmherziger Anhaenger unserer gemeinsamen Sache. Gegen politische Einfluesse, die ihn aus dieser Richtung bringen wollten, war er zweifellos aus tiefster Ueberzeugung ablehnend. Der Generaloberst war in seinem operativen Denken sehr grosszuegig; er verstand es, die Kernpunkte unserer gemeinsamen, grossen Fragen aus dem Wuste der weniger entscheidenden Nebendinge herauszuschaelen. Er war ein besonders vortrefflicher Kenner der Verhaeltnisse des Balkans und Italiens. Die bedeutenden Schwierigkeiten, die einem nationalen Einheitsgeist der oesterreichisch-ungarischen Armee entgegenstanden und die sich hieraus ergebenden Maengel waren dem Generaloberst wohlbekannt. Trotzdem ueberschaetzte er bei seinen hohen Plaenen hier und da die moeglichen Leistungen des ihm anvertrauten Heeres. Auch die militaerischen Fuehrer der Tuerkei und Bulgariens lernte ich im Laufe des Herbstes und Winters in Pless persoenlich kennen. Enver Pascha zeigte mir gegenueber einen ungewoehnlich weiten und freien Blick fuer das Wesen der Fuehrung des gegenwaertigen Krieges und seiner Durchfuehrung. Die Hingabe dieses Osmanen an unsere gemeinsame, grosse und schwere Sache war eine unbedingte. Ich werde nie den Eindruck vergessen, den ich bei unserer ersten Besprechung Anfang September 1916 von dem tuerkischen Vizegeneralissimus erhielt. Er schilderte uns damals auf meine Bitte hin die militaerische Lage in der Tuerkei. Mit einer bemerkenswerten Klarheit, Bestimmtheit und Offenheit gab er uns hiervon ein erschoepfendes Bild, und, sich an mich wendend, schloss er mit den Worten: "Die Lage der Tuerkei in Asien ist zum Teil sehr schwierig. Wir muessen befuerchten, in Armenien noch weiter zurueckgeworfen zu werden. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass die Kaempfe im Irak sich bald wieder erneuern. Auch glaube ich, dass der Englaender in kurzer Zeit imstande sein wird, uns in Syrien mit Uebermacht anzugreifen. Aber was auch in Asien geschehen mag, die Entscheidung des Krieges liegt auf europaeischem Boden, und hierfuer stelle ich alle meine jetzt noch freien Divisionen zur Verfuegung." Sachlicher und selbstloser hat wohl noch nie ein Bundesgenosse zu einem anderen gesprochen. Und es blieb nicht lediglich bei Worten. Bei aller hohen Auffassung vom Kriege im allgemeinen entbehrte Enver Pascha aber doch einer gruendlichen militaerischen, ich moechte sagen, Generalstabsschulung. Ein Nachteil, der augenscheinlich bei allen tuerkischen Fuehrern wie auch in ihren Staeben zu finden war. Es machte den Eindruck, als wenn bei den Orientalen in dieser Beziehung ein von der Natur gegebener Mangel vorlaege. Die tuerkische Armee schien nur ganz wenige Offiziere zu besitzen, die imstande waren bei der Verwirklichung richtig gedachter Operationen die technischen, inneren Aufgaben der Fuehrung zu beherrschen. Es fehlte das Gefuehl fuer die Notwendigkeit, dass sich der Generalstab inmitten der Durchfuehrung grosser Gedanken auch mit dem Kleinen beschaeftigen muss. So kam es, dass der orientalische Gedankenreichtum durch den mangelnden militaerischen Wirklichkeitssinn oftmals unfruchtbar gemacht wurde. Eine wesentlich andere Natur wie der ideenreiche Osmane war unser bulgarischer Kampfgenosse, General Jekoff, ein Mann von nuechterner Beobachtungsgabe, grossen Gedanken nicht fremd, aber doch in erster Linie auf den Gesichtskreis des Balkans sich beschraenkend. Inwieweit er in letzterer Beziehung unter dem Banne seiner Regierung stand, vermag ich nicht einwandfrei zu beurteilen. Er war jedenfalls ein warmer Anhaenger der aussenpolitischen Richtung der bulgarischen Staatsleitung. Mit ihrem innerpolitischen Gebaren hatte seine Auffassung wohl nichts gemein. General Jekoff liebte seine Soldaten und ward von ihnen geliebt. Sein Vertrauen zu ihnen, auch in politischer Beziehung, war ein sehr weitgehendes. Bemerkenswert in dieser Richtung war eine seiner Aeusserungen, als Zweifel darueber auftauchten, ob der bulgarische Soldat sich nicht etwa weigern wuerde, gegen den Russen zu kaempfen: "Wenn ich meinen Bulgaren sage, sie sollen kaempfen, dann werden sie es tun, gegen wen es auch sei!" Im uebrigen waren dem General einzelne im Volkscharakter liegende Schwaechen seiner Soldaten nicht unbekannt. Ich werde hierauf spaeter noch zurueckkommen. Ausser mit den leitenden militaerischen Persoenlichkeiten trat ich in Pless auch mit den politischen Fuehrern unserer Bundesgenossen in persoenliche Fuehlung. Ich moechte an dieser Stelle nur vom osmanischen Grosswesir Talaat Pascha und dem bulgarischen Ministerpraesidenten Radoslawow sprechen. Talaat Pascha machte den Eindruck eines genialen Staatsmannes. Er war sich ueber die Groesse der Aufgabe wie ueber die Maengel seines Staatswesens nicht im Zweifel. Wenn es ihm nicht gelang, die Selbstsucht und die nationale Traegheit, die auf seinem Vaterlande lastete, auszurotten, so lag das lediglich an der Groesse der dabei zu ueberwindenden Schwierigkeiten. Es konnte eben nicht in Monaten gebessert werden, was in Jahrhunderten versaeumt war, was Vermischung von Volksrassen und innere, moralische Erschoepfung weiter Kreise des Staates laengst vor dem Kriege verdorben hatten. Er selbst trat mit reinen Haenden an die Spitze seines Staates und blieb mit reinen Haenden dort. Talaat war ein vollwertiger Vertreter des alten, ritterlichen Tuerkentums. Politisch unbedingt zuverlaessig, so begegnete er mir zum ersten Male 1916, so verabschiedete er sich von uns im Herbste 1918. Die Schwaechen der tuerkischen Staats- und Kriegsleitung lagen in ihrer grossen Abhaengigkeit von den inneren Verhaeltnissen. Politische und wirtschaftlich selbstsuechtige Persoenlichkeiten der sogenannten Komiteeregierung mischten sich in die kriegerische Fuehrung und banden dieser in vielen Faellen die Haende, so dass sie ausserstande war, richtig erkannte Missstaende mit an sich vorhandenen Mitteln zu bessern. Zwar taten einzelne hervorragende Maenner alles, was in ihren Kraeften stand. Aber die staatliche Gewalt durchdrang nicht mehr das Reich. Das Herz des Landes, Konstantinopel, pulsierte zu schwach und trieb keine gesunden, erfrischenden und staatsfoerdernden Saefte in die entfernten Provinzen. Neue Gedanken waren freilich waehrend des Krieges entstanden und wuchsen mit den kriegerischen Lorbeeren der Siege an den Dardanellen und am Tigris in echt orientalischer Ueppigkeit. Man begann, an die religioese und politische Vereinigung des gesamten Islams zu denken. Man erbaute sich, trotz der sichtbaren Misserfolge bei Verkuendung des Heiligen Krieges, an dem Auftreten mohammedanischer Glaubenskaempfer, wie zum Beispiel im noerdlichen Afrika. Der Gang der Ereignisse sollte indessen beweisen, dass diese Erscheinung religioesen Fanatismus nur oertlichen Sonderheiten entsprang, und dass Hoffnung auf deren Uebertragung in die weiten Gebiete des inneren Asiens eine Taeuschung war, ja noch mehr als das: eine verhaengnisvolle militaerische Gefahr. Der Bulgare Radoslawow war in seinem politischen Denken mehr an die Scholle gebunden, als der grosszuegige osmanische Staatsmann Talaat Pascha. Ich wage zu bezweifeln, ob Radoslawow die Kuehnheit des Schrittes, der Bulgarien 1915 an unsere Seite fuehrte, in seiner ganzen Groesse - ich darf vielleicht sagen, in der von seinem Zaren ganz durchdachten Groesse - wirklich voll in sich aufgenommen hatte. Unbedingt zuverlaessig war Radoslawow in seiner Aussenpolitik fuer uns jederzeit. Das bulgarische innerpolitische Parteigetriebe hatte in seiner wilden Erregtheit waehrend des grossen Krieges nicht nachgelassen und war auch in der Armee stark verbreitet. Nicht nur russophile Ideen trieben hier spaltende Keile ein, auch der Kampf zwischen innerpolitischen Parteigruppen uebertrug sich auf die Truppen und deren Fuehrer. An dieser Tatsache war Radoslawow nicht unschuldig. Leben im Grossen Hauptquartier Ermuntert durch das Interesse, das von vielen Seiten an meinem persoenlichen Leben waehrend des grossen Krieges genommen wurde, moechte ich an dieser Stelle die Beschreibung eines regelmaessigen Tagesverlaufes in unserem Hauptquartier einschieben. Ich bitte alle diejenigen, die an solcher Kleinmalerei inmitten gewaltigster Weltereignisse wenig Gefallen haben, die naechstfolgenden Seiten zu ueberschlagen. Ihre Kenntnis ist zum Verstaendnis der grossen Zeit nicht notwendig. Waehrend des Bewegungskrieges in Ostpreussen und Polen im Herbst 1914 war an einen nach Stunden geregelten Dienstbetrieb innerhalb unseres Armeestabes nicht zu denken gewesen. Erst mit der Verlegung unseres Quartiers nach Posen im November 1914 begann eine groessere Regelmaessigkeit in unserem dienstlichen und, wenn man im Kriege davon sprechen kann, auch ausserdienstlichen Leben. Spaeterhin war der laengere staendige Aufenthalt in Loetzen besonders geeignet zur Einfuehrung eines streng geregelten Ganges unserer Arbeit. Meine Berufung als Chef des Generalstabes des Feldheeres aenderte im wesentlichen nichts an unserem eingelebten und bewaehrten Geschaeftsgang, wenn auch von jetzt ab ein in mancher Beziehung grosszuegigeres und belebteres Treiben fuer uns einsetzte. Die gewoehnliche Tagesbeschaeftigung begann fuer mich damit, dass ich mich etwa gegen 9 Uhr vormittags, das heisst, nachdem die Morgenmeldungen eingetroffen waren, zu General Ludendorff begab, um mit ihm die Aenderungen der Lage und etwa zu treffende Anordnungen zu besprechen. Meist handelte es sich dabei nicht um lange Aussprachen. Wir lebten beide ununterbrochen in der Kriegslage und kannten gegenseitig unsere Gedanken. Die Entschluesse fielen daher meistens auf Grund etlicher weniger Saetze, ja manchmal genuegten einige Worte, um das gegenseitige Einverstaendnis festzulegen, das dem General als Grundlage fuer die weiteren Ausarbeitungen diente. Nach dieser Besprechung machte ich mir eine etwa einstuendige Bewegung im Freien, begleitet von meinem Adjutanten. Zur Teilnahme an meinen morgendlichen Spaziergaengen forderte ich gelegentlich auch Gaeste des Grossen Hauptquartiers auf, nahm hierbei ihre Schmerzen wie ihre Anregungen entgegen und laeuterte manche sorgende Seele, bevor sie sich auf meinen Ersten Generalquartiermeister stuerzte, um sich bei diesem mehr ins einzelne gehende Wuensche, Hoffnungen und Vorschlaege vom Herzen zu reden. Nach meiner Rueckkehr in das Dienstgebaeude erfolgten weitere Besprechungen mit General Ludendorff und dann unmittelbare Vortraege meiner Abteilungschefs in meinem Arbeitszimmer. Neben dieser dienstlichen Taetigkeit bewegte sich die Erledigung der an mich eingetroffenen persoenlichen Briefe. Die Zahl der Menschen, die mir ueber alle nur erdenklichen Angelegenheiten schriftlich ihr Herz ausschuetten oder ihre Gedanken offenbaren zu muessen glaubten, war nicht gering. Fuer mich war es voellig ausgeschlossen, alles selbst zu lesen. Ich bedurfte hierfuer die besondere Arbeitskraft eines Offiziers. In dieser Korrespondenz spielte Poesie wie Prosa eine Rolle. Begeisterung und ihr Gegenteil zeigte sich in allen moeglichen Abstufungen. Es war oft sehr schwer, einen Zusammenhang zwischen den mir vorgetragenen Anliegen und meiner dienstlichen Stellung zu konstruieren. Um nur zwei von den hundertfachen Beispielen herauszugreifen, so wurde es mir nie klar, was ich als Chef des Generalstabes des Feldheeres mit der an sich ja dringend notwendigen Muellabfuhr einer Provinzialstadt oder mit dem verloren gegangenen Taufschein einer deutschen Chilenin zu tun haben sollte. Trotzdem wurde in beiden Faellen meine Hilfe beansprucht. Zweifellos lag ja in derartigen brieflichen Anliegen ein ruehrendes, wenn auch manchmal etwas naives Vertrauen auf meinen persoenlichen Einfluss. Wo ich Zeit und Gelegenheit hatte, half ich gern, wenigstens mit meiner Unterschrift. Weitergehende Eigenleistungen glaubte ich mir freilich meist versagen zu muessen. Um die Mittagsstunde war ich regelmaessig zum Vortrag bei Seiner Majestaet dem Kaiser befohlen. Hierbei entwarf General Ludendorff das Bild der Lage. Bei wichtigeren Entschluessen uebernahm ich selbst den Vortrag und erbat, sofern solches notwendig war, die kaiserliche Genehmigung unserer Plaene. Das hohe Vertrauen des Kaisers entband uns in allen nicht grundsaetzlichen Fragen von einer besonderen Allerhoechsten Zustimmung. Seine Majestaet begnuegte sich uebrigens auch bei Vorschlaegen ueber neue Operationen allermeist mit der Entgegennahme meiner Begruendungen. Ich erinnere mich keines Gegensatzes, der nicht schon waehrend des Vortrags durch meinen Kriegsherrn ausgeglichen wurde. Das ausgezeichnete Gedaechtnis des Kaisers fuer Kriegslagen unterstuetzte uns bei diesen Vortraegen in hohem Masse. Seine Majestaet studierte nicht nur die Karten mit groesster Genauigkeit, sondern nahm auch persoenliche Einzeichnungen vor. Die Zeit des mittaeglichen Vortrages vor dem Kaiser wurde vielfach auch zu Besprechungen mit Vertretern der Reichsleitung ausgenutzt. Nach Beendigung des Kaiservortrages vereinigte der Mittagstisch die Offiziere meines engeren Stabes um mich. Die Essenszeit wurde auf das unbedingt noetige Mass beschraenkt. Ich hielt darauf, dass meine Offiziere Zeit gewannen, sich nachher etwas zu ruhen oder sonstwie in ihrer Taetigkeit auszuspannen. Zu meinem wiederholten persoenlichen Bedauern konnte ich von dieser Kuerzung der Essenszeit auch dann nicht absehen, wenn wir Gaeste bei uns zu Tische hatten. Die Ruecksicht auf die Erhaltung der Arbeitskraft meiner Mitarbeiter musste ich geselligen Formen voranstellen. War doch eine 16stuendige Arbeitszeit fuer die Mehrzahl dieser Offiziere eine tagtaegliche Forderung. Und dies im Gange eines mehrjaehrigen Krieges! Wir waren eben genoetigt, bei der Obersten Heeresleitung wie im Schuetzengraben unser Menschenmaterial bis zur aeussersten Grenze der Leistungsfaehigkeit auszunutzen. Der Nachmittag verlief fuer mich aehnlich dem Vormittage. Die laengste Abspannung brachte fuer alle der um 8 Uhr beginnende Abendtisch. Ihm schloss sich ein gruppenweises Zusammensitzen in Nebenraeumen an, fuer dessen Beendigung General Ludendorff puenktlich um 91/2 Uhr abends das Zeichen gab. Die Unterhaltung in unserem Kreise war meist sehr lebhaft. Sie bewegte sich in zwangloser Form und offenster Aussprache ueber alle uns unmittelbar beruehrenden und allgemein interessierenden Gebiete und Begebenheiten. Auch der Frohsinn kam zu seinem Recht. Diesen zu unterstuetzen, hielt ich fuer eine Pflicht gegenueber meinen Mitarbeitern. Ich freute mich der Wahrnehmung, dass unsere Gaeste vielfach einerseits von der zuversichtlichen Ruhe, andererseits von der Ungezwungenheit unseres Verkehrs sichtlich ueberrascht waren. Nach dem Schluss unseres abendlichen Zusammenseins begaben wir uns gemeinsam in das Dienstgebaeude. Dort waren inzwischen die abschliessenden Tagesmeldungen eingetroffen und die Lagen auf den verschiedenen Fronten zeichnerisch festgelegt. Die Erlaeuterungen gab ein juengerer Generalstabsoffizier. Von den Ereignissen auf den Kriegsschauplaetzen hing es ab, ob ich mich mit General Ludendorff auch jetzt noch einmal eingehender besprechen musste, oder ob ich ihn nicht mehr laenger in Anspruch zu nehmen brauchte. Fuer die Offiziere meines engeren Stabes begann nunmehr die Arbeit aufs neue. Vielfach waren ja jetzt erst die abschliessenden Anhaltspunkte zur Abfassung und Hinausgabe endgueltiger Anordnungen gegeben, oder es trafen erst von jetzt ab die zahllosen Anforderungen, Anregungen und Vorschlaege der Armeen und sonstigen Stellen ein. Die Tagesbeschaeftigung endete daher nie vor Mitternacht. Die Vortraege der Abteilungschefs bei General Ludendorff dauerten nahezu regelmaessig bis in die ersten Stunden des neuen Tages. Es bedurfte schon ganz besonders ruhiger Zeiten, wenn mein Erster Generalquartiermeister vor Mitternacht sein Arbeitszimmer verlassen konnte, das er tagtaeglich am Beginn der 8. Tagesstunde schon wieder betrat. Wir alle freuten uns, wenn General Ludendorff sich einmal ein frueheres Ausspannen, das ja nur nach Stunden zaehlen konnte, zu goennen vermochte. Unser aller Leben, Arbeit, Denken und Fuehlen ging voellig ineinander auf. Die Erinnerung daran erfuellt mich noch jetzt mit dankbarer Genugtuung. Wir blieben im allgemeinen ein enggeschlossener Kreis. Der Personalwechsel war mit Ruecksicht auf einen geregelten Dienstbetrieb natuerlicherweise gering. Immerhin war es ab und zu moeglich, dem draengenden Verlangen der Offiziere nach wenigstens zeitweiliger Verwendung an der Front Rechnung zu tragen. Auch ergaben sich Gelegenheiten und Notwendigkeiten zur Entsendung von Offizieren an besonders wichtige Teile unserer eigenen Heeresfronten oder an diejenigen unserer Verbuendeten. Im allgemeinen verlangte aber der Zusammenhang in den ausserordentlich verwickelten und vielseitigen Arbeiten die dauernde Anwesenheit wenigstens der aelteren Offiziere an ihren Kriegsstellen innerhalb der Obersten Heeresleitung. Auch der Tod griff mit rauher Hand in unsere Mitte ein. Schon 1916 hatte ich als Oberkommandierender im Osten meinen mir sehr nahestehenden, allgemein geschaetzten persoenlichen Adjutanten, Major Kaemmerer, an den Folgen einer Erkaeltung verloren. Im Oktober 1918 erlag Hauptmann von Linsingen einer Erkrankung an Grippe, die in dieser Zeit unter den Angehoerigen des Grossen Hauptquartiers zahlreiche Opfer forderte. Entgegen den dringenden Vorstellungen von seiten des Arztes wie der Kameraden glaubte Hauptmann von Linsingen in der damals ausserordentlich schwierigen Zeit seinen Posten nicht verlassen zu duerfen, bis er koerperlich kraftlos und vom Fieber geschuettelt die Arbeit doch aus der Hand legen musste, zu spaet, um noch gerettet werden zu koennen. Wir verloren an ihm einen geistig wie charakterlich gleich hochstehenden Kameraden. Seine junge Frau kam nicht mehr rechtzeitig genug, um ihm die Augen zudruecken zu koennen. Manche von denen, die zeitweise meinem Stabe angehoert hatten, sind ausserdem spaeter an der Front gefallen. Das Bild unseres Lebens wuerde unvollstaendig sein, wenn ich nicht auch auf die Besucher zu sprechen kaeme, die sich bei uns allenthalben und zu jeder Zeit einstellten. Ich habe hierbei nicht das staendige Ab und Zu von Persoenlichkeiten zahlreicher Berufsklassen im Auge, die dienstlich mit uns in Beruehrung kommen mussten, sondern ich denke an diejenigen, die durch vielfach andere Interessen zu uns gefuehrt wurden. Ich oeffnete jedermann gern Tuer und Herz, vorausgesetzt, dass er selbst mir offen entgegenkam. Die Zahl unserer Gaeste war gross. Wir waren nur wenige Tage ohne solche. Nicht nur Deutschland und seine Verbuendeten, sondern auch die Neutralen stellten ein betraechtliches Kontingent. Oftmals machten unsere Reihen bei Tisch den Eindruck eines bunten Voelkergemisches, und es traf sich auch, dass christliche Wuerdentraeger mit mohammedanischen Glaeubigen Stuhl an Stuhl sassen. Leute aller Staende und Parteirichtungen fanden herzliche Aufnahme. Ich widmete allen gern meine knappe Freizeit. Unter den Politikern gedenke ich mit Vorliebe des Grafen Tisza, der mich im Winter 1916/17 in Pless aufsuchte. Aus seinem Wesen sprach die ungebrochene Kraft seines Willens, ein gluehendes patriotisches Gefuehl. Auch andere Politiker aller Schattierungen aus unseren und unserer Verbuendeten Laendern sprachen bei mir vor. In ihren Denkrichtungen mir vielfach fremd, in ihren Gefuehlen fuer die gemeinsame grosse Sache aber damals gleichgeartet. Ich erinnere mich so mancher warmer patriotischer Worte beim Abschied. Ich drueckte in meinem Kreise die schwielig kraeftigen Haende von Handwerkern und Arbeitern und freute mich ihres offenen Blickes und ihrer aufrichtigen Rede. Vertreter fuehrender Industrien und Maenner der Wissenschaft setzten uns in Kenntnis von neuen Erfindungen und Gedanken und schwaermten von kuenftigen wirtschaftlichen Plaenen. Sie klagten wohl auch ueber den engen Bureaukratismus der Heimat und ueber die Beschraenkung der Mittel zur Verwirklichung ihrer Ideen. Bureaukraten andrerseits jammerten ueber die geldfressende Begehrlichkeit gefuerchteter Phantasten und ueber die uferlosen Plaene von Erfindern. Ich erinnere mich der interessierten Fragen eines heimatlichen recht hohen Finanzbeamten, der die Preise eines Schusses jeden Geschuetzkalibers wissen wollte, um daraus die ungefaehren Kosten einer Schlacht zu berechnen. Er hat mich mit dem Ergebnis seines Kalkuls verschont, wohl in der Befuerchtung, dass ich deswegen den Munitionsverbrauch doch nicht einschraenken wuerde. Nicht nur Notwendigkeiten, Sorgen und Arbeit fanden zu uns den Weg, auch Neugierde suchte Eintritt. Oft lachte ich im stillen ueber verlegene Redensarten, mit denen so manches Erscheinen Rechtfertigung finden wollte. Ob das Ergebnis solcher Besuche stets den gehegten Erwartungen entsprach, wage ich nicht in allen Faellen zu bejahen. Im Gegensatz hierzu war mir manch praechtiger Truppenoffizier, der die Merkmale schweren Kampfes und harten Lebens an sich trug, ein hochwillkommener Tischnachbar. Kurze Erzaehlungen aus dem Kriegsleben sprachen mehr, als lange schriftliche Berichte. Die Wirklichkeit des frueher Selbsterlebten trat mir so oft mit aller Lebendigkeit wieder vor die Seele. Freilich war in diesem furchtbarsten aller Ringen unseren frueheren Kriegen gegenueber alles in das Groteske gesteigert. Die stundenlange Schlacht vergangener Zeiten war zu monatelangem Titanenkampf erhoben, menschliches Ertragen schien keine Grenzen zu haben. Auch Graf Zeppelin besuchte uns noch in Pless und wirkte auf uns alle durch die ruehrende Einfachheit seines Auftretens. Er betrachtete damals schon seine Luftschiffe als veraltete Kriegswaffen. Nach seiner Ansicht gehoerte dem Flugzeug in Zukunft die Herrschaft in der Luft. Der Graf starb bald nach seinem Besuch, ohne das Unglueck seines Vaterlandes erleben zu muessen - ein gluecklicher Mann! Noch zwei andere beruehmt gewordene Herrscher der Luefte folgten meiner Einladung, unbezwungene junge Helden: Hauptmann Boelcke und Rittmeister von Richthofen. Beider frisches und bescheidenes Wesen erfreute uns. Ehre ihrem Andenken! Unterseebootsfuehrer sah ich gleichfalls in der Zahl meiner Gaeste; unter ihnen fehlte auch nicht der Fuehrer des Unterseehandelsbootes "Deutschland", Kapitaen Koenig. So blieb kein Stand und kein Stamm seitab von uns, und ich glaubte den gemeinsamen Pulsschlag von Heer und Heimat, von unseren Verbuendeten und uns selbst oft in meiner naechsten Naehe zu fuehlen. Kriegsereignisse bis Ende 1916 Der rumaenische Feldzug Unsere politische Lage Rumaenien gegenueber hatte im Verlauf der Kriegsjahre 1915/16 nicht allein an unsere politische Leitung sondern auch an unsere Heeresfuehrung ungewoehnlich hohe Anforderungen gestellt. Es ist eine billige Weisheit, nach dem Eintritt Rumaeniens in den Kreis unserer Feinde und angesichts unserer unzureichenden militaerischen Vorbereitungen dem neuen Gegner gegenueber ein scharfes Urteil ueber unsere damals verantwortlichen Stellen und Persoenlichkeiten auszusprechen. Solche Urteile, meist ohne Kenntnis der wirklichen Vorgaenge auf willkuerlichen Behauptungen aufgebaut, erinnern mich an eine Aeusserung Fichtes in seinen "Reden an die deutsche Nation", in welcher er von jener Art von Schriftstellern spricht, die erst nach gegebenen Erfolgen wissen, was da haette geschehen sollen. Es duerfte wohl kein Zweifel darueber bestehen, dass die Entente in unserer Lage die rumaenische Gefahr, oder vielleicht besser gesagt, die rumaenische militaerische Drohstellung spaetestens 1915 beseitigt haette, und zwar mit der Anwendung aehnlicher Mittel, wie sie solche gegen Griechenland in Taetigkeit brachte. Wie es sich spaeter herausstellen sollte, wurde Rumaenien im Sommer 1916 durch ein Ultimatum der Entente in den Kriegsstrudel hineingetrieben, indem es aufgefordert wurde, entweder zum sofortigen Angriff zu schreiten oder dauernd auf seine Vergroesserungsplaene zu verzichten. Eine aehnliche Loesung war aber politisch zu gewalttaetig, als dass sie bei uns ohne dringendste Not Anhaenger haette finden koennen. Wir glaubten, mit Rumaenien saeuberlicher verfahren zu sollen, wohl in der Hoffnung, dass es sich sein Grab selbst graben wuerde. Gewiss trat dies auch ein, aber nach welchen Krisen und Opfern! Die Beteiligung Rumaeniens am Kriege auf der Seite unserer Gegner rueckte in greifbare Naehe, als die oesterreichische Ostfront zusammenbrach. Es waere vielleicht nicht ausgeschlossen gewesen, dass sich diese Gefahr auch dann noch haette beschwoeren lassen, wenn der deutsche Plan eines grossen Gegenangriffes gegen den bis zu den Karpathen vorgedrungenen russischen Suedfluegel haette verwirklicht werden koennen. Allein bei den immer erneuten Zusammenbruechen in den oesterreichisch-ungarischen Linien kam diese Operation nicht zustande. Die Angriffskraefte verschwanden in Verteidigungsfronten. Angesichts dieses Verlaufes der Kaempfe an der Ostfront hatte die deutsche Oberste Heeresleitung Mitte August im Einvernehmen mit General Jekoff zu dem Aushilfsmittel gegriffen, mit den bulgarischen Fluegelarmeen einen grossen Schlag gegen die Ententekraefte bei Saloniki zu fuehren. Der Gedanke war sowohl politisch wie militaerisch durchaus zu billigen. Gelang das Unternehmen, so war zu erwarten, dass Rumaenien eingeschuechtert und seine zweifellos vorhandene Hoffnung auf eine Zusammenwirkung mit Sarrail zerstoert wuerde. Rumaenien waere daher vielleicht schon dann zur Ruhe veranlasst worden, wenn starke bulgarische Kraefte nach einem Siege ueber Sarrail fuer beliebige andere Verwendung freigeworden waeren. Die deutsche Oberste Heeresleitung geriet freilich gerade durch diesen Angriff der Bulgaren zunaechst in einen gewissen militaerischen Widerspruch hinein. Da sie naemlich gleichzeitig gezwungen war, Truppen in Nordbulgarien zu versammeln, um auf die taeglich staerker werdenden rumaenischen Kriegsleidenschaften ernuechternd zu wirken, so wurden Kraefte, die zum Angriff auf Sarrail an der mazedonischen Front haetten Verwendung finden koennen, aus politischen Gruenden an die Donau gezogen. Das Verfahren der deutschen Obersten Heeresleitung wird erklaerlich einerseits durch das Vertrauen, das man auf den Angriffswert des bulgarischen Heeres hatte, andererseits durch eine gewisse Unterschaetzung der gegnerischen Staerke bei Saloniki. Ganz besonders taeuschte man sich ueber die Bedeutung der dort auftretenden, neugebildeten serbischen Verbaende in der Zahl von 6 Infanteriedivisionen. Der bulgarische Angriff in Mazedonien gelangte zwar mit der linken Fluegelarmee bis an die Struma, drang dagegen mit dem rechten Fluegel in Richtung auf Vodena nicht durch. Hier blieb das Unternehmen aus Gruenden haengen, deren Eroerterungen uns an dieser Stelle zu weit fuehren wuerden. Die bulgarische Infanterie schlug sich auch bei dieser Gelegenheit im Angriff wieder vortrefflich, freilich mehr heldenhaft als kriegerisch gewandt. Der Ruhm blieb ihr, aber der Erfolg war ihr versagt. Dieser Ausgang des Angriffes in Mazedonien stellte die deutsche Oberste Heeresleitung vor eine neue schwierige Frage. Die rumaenische Kriegslust steigerte sich dauernd. Es war zu erwarten, dass die Stockung der bulgarischen Operationen in Mazedonien auf die politischen Kreise in Bukarest kriegsermunternd wirken wuerde. Sollte die deutsche Oberste Heeresleitung nunmehr den Angriff der Bulgaren endgueltig abbrechen lassen, um starke bulgarische Kraefte aus den jetzt wesentlich verkuerzten mazedonischen Fronten nach Nordbulgarien zu fuehren, oder sollte sie es wagen, die an der Donau schon versammelten Streitkraefte nach Mazedonien ueberzufuehren, um hier nochmals zu versuchen, den rumaenischen gordischen Knoten mit dem Schwerte durchzuschlagen? Die Kriegserklaerung Rumaeniens befreite die Oberste Heeresleitung aus diesen Zweifeln. So also hatte sich die allgemeine Entwicklung der Verhaeltnisse suedlich der Donau gestaltet. Nicht weniger schwierig war die Lage noerdlich der transsylvanischen Alpen geworden. Waehrend naemlich Rumaenien offenkundig ruestete, verzehrten die Kaempfe an der deutschen Westfront sowie diejenigen an der oesterreichischen Ost- und Suedwestfront alles, was den Obersten Heeresleitungen irgendwie an Reserven verfuegbar schien oder aus nicht angegriffenen Frontteilen noch verfuegbar gemacht werden konnte. Gegen Rumaenien glaubte man keine Kraefte freimachen zu koennen. Man vertrat den an sich richtigen Grundsatz, von Streitkraeften, die auf den augenblicklichen Schlachtfeldern dringend benoetigt waren, nichts aus politischen Gruenden brachliegen zu lassen. So kam es, dass die rumaenische Kriegserklaerung am 27. August uns dem neuen Feind gegenueber in einer nahezu voellig wehrlosen Lage traf. Ich bin auf diese Entwicklung der Verhaeltnisse deswegen ausfuehrlicher eingegangen, um die Entstehung der grossen Krisis verstaendlich zu machen, in der wir uns seit dem genannten Tage befanden. Das Bestehen einer solchen kann auch angesichts der spaeteren erfolgreichen Durchfuehrung des Feldzuges nicht gut bestritten werden. Wenn auch von seiten des Vierbundes nur unzureichende Vorbereitungen getroffen werden konnten, um der rumaenischen Gefahr zu begegnen, so hatten sich doch seine verantwortlichen militaerischen Fuehrer selbstredend ueber die beim eintretenden Kriegsfall zu treffenden Massnahmen fruehzeitig geeinigt. Am 28. Juli 1916 hatte zu diesem Zwecke eine Besprechung der Heereschefs Deutschlands, Oesterreich-Ungarns und Bulgariens zu Pless stattgefunden. Sie fuehrte zur Aufstellung eines Kriegsplanes, in dessen entscheidender Ziffer 2 es woertlich heisst: "Schliesst Rumaenien sich der Entente an: schnellstes, kraeftigstes Vorgehen, um Krieg von bulgarischem Boden sicher, von oesterreichisch-ungarischem, soweit irgend moeglich, fernzuhalten und nach Rumaenien hineinzutragen. Hierzu a) demonstrative Operationen deutscher und oesterreichischer Truppen von Norden her, zwecks Fesselung starker rumaenischer Kraefte; b) Vorstoss bulgarischer Kraefte von der Dobrudschagrenze gegen die Donauuebergaenge von Silistria und Tutrakan zum Schutze der rechten Flanke der Hauptkraefte; c) Bereitstellung der Hauptkraefte zum Uebergang ueber die Donau bei Nikopoli zwecks Offensive gegen Bukarest." In einer kurz darauf folgenden Zusammenkunft mit Enver Pascha in Budapest wurde auch die Teilnahme der Tuerken an einem etwaigen rumaenischen Feldzug festgelegt. Enver verpflichtete sich zur baldigen Bereitstellung von zwei osmanischen Divisionen fuer den Einsatz auf der Balkanhalbinsel. Dieser Kriegsplan gegen Rumaenien erfuhr, so lange mein Vorgaenger noch die Zuegel der Heeresleitung in der Hand hatte, keine Aenderung. Wohl aber fand noch ein wiederholter Gedankenaustausch darueber zwischen den einzelnen Feldheereschefs statt. Auch Generalfeldmarschall von Mackensen, der zur Fuehrung der suedlich der Donau bereitgestellten Kraefte bestimmt war, wurde zur Sache gehoert. Bei diesen Gelegenheiten zeichneten sich zwei Gedankenrichtungen deutlich ab. Generaloberst von Conrad vertrat diejenige eines ruecksichtslosen sofortigen Vorgehens auf Bukarest, General Jekoff diejenige eines Feldzugsbeginns in der Dobrudscha. Die Kraefte suedlich der Donau waren bei Kriegsausbruch noch viel zu schwach, um die an dieser Front beabsichtigte Doppelaufgabe, naemlich Donauuebergang und Angriff gegen Silistria und Tutrakan, gleichzeitig durchfuehren zu koennen. Am 28. August erging von meinem Vorgaenger an Generalfeldmarschall von Mackensen der Befehl zum baldmoeglichsten Angriff. Richtung und Ziel blieben dem Feldmarschall ueberlassen. So fand ich am 29. August bei der Uebernahme der Operationsleitung die militaerische Lage gegenueber Rumaenien. Sie war schwierig. Wahrlich, noch niemals war einem verhaeltnismaessig so kleinen Staatswesen wie Rumaenien, eine weltgeschichtliche Entscheidungsrolle von gleicher Groesse in einem ebenso guenstigen Augenblicke in die Haende gelegt. Noch niemals waren starke Grossmaechte wie Deutschland und Oesterreich in gleicher Gebundenheit der Kraftentfaltung eines Landes ausgeliefert, das kaum ein Zwanzigstel der Bevoelkerung der beiden Grossstaaten zaehlte, wie im jetzt vorliegenden Falle. Auf Grund der Kriegslage haette man annehmen koennen, dass Rumaenien nur zu marschieren brauchte, wohin es wolle, um den Weltkampf zugunsten derjenigen Staaten zu entscheiden, die seit Jahren vergeblich gegen uns anstuermten. Alles schien davon abzuhaengen, ob Rumaenien gewillt war, von seiner augenblicklichen Staerke einigermassen Gebrauch zu machen. Nirgends schien diese Tatsache klarer erkannt, lebhafter gefuehlt und mehr gefuerchtet zu werden, als in Bulgarien. Seine Regierung zoegerte mit dem Kriegsentschluss. Darf ihr daraus ein Vorwurf gemacht werden? Als dann aber am 1. September der bulgarische Kriegsentschluss zu unseren Gunsten gefallen war, trat das Land mit all seinen Kraeften und mit dem ganzen Hass seiner Volksseele, der im Jahre 1913 aus dem rumaenischen Ueberfall in den Ruecken des gegen Serbien und Griechenland schwer ringenden Landes entsprungen war, an unsere Seite. Der moerderische Tag von Tutrakan gab den ersten Beweis fuer die kriegswillige Stimmung unseres Bundesgenossen. Der vorhandene Kriegsplan hatte angesichts unserer mangelnden Vorbereitungen zunaechst naturgemaess jede Bedeutung verloren. Der Gegner verfuegte fuers erste ueber die volle Freiheit des Handelns. Bei seiner Kriegsbereitschaft und seiner zahlenmaessigen Staerke, die durch die uns bekannte russische Hilfe noch wesentlich gesteigert wurde, war zu befuerchten, dass unsere eigenen Mittel nicht ausreichen wuerden, der rumaenischen Heeresleitung vorerst diese Freiheit wesentlich zu beschraenken. Wohin der Rumaene auch seine Operationen richten wollte, ob ueber das transsylvanische Gebirge gegen Siebenbuergen oder aus der Dobrudscha gegen Bulgarien, ueberall schienen ihm grosse Ziele und leichte Erfolge zu winken. Ganz besonders glaubte ich rumaenisch-russische Offensivbewegungen gegen Sueden befuerchten zu sollen. Selbst Bulgaren hatten darueber Zweifel ausgesprochen, ob ihre Soldaten gegen die Russen kaempfen wuerden. Das feste Vertrauen des Generals Jekoff in dieser Richtung - ich sprach an frueherer Stelle schon davon - wurde in Bulgarien keineswegs allgemein geteilt. Es war nicht zu bezweifeln, dass unsere Gegner mit dieser russenfreundlichen Stimmung wenigstens eines starken Teiles der bulgarischen Armee rechnen wuerden. Ganz abgesehen aber auch hiervon lag es fuer Rumaenien nahe, durch einen Angriff nach Sueden der Armee Sarrails die Hand zu reichen. Wie musste alsdann unsere Lage werden, wenn es den Gegnern auch nur gelang, unsere Verbindung mit der Tuerkei, aehnlich wie das vor Durchfuehrung der Operation gegen Serbien der Fall gewesen, erneut zu unterbrechen oder gar Bulgarien von unserem Buendnis abzusprengen? Eine abermals isolierte Tuerkei, gleichzeitig bedroht aus Armenien und Thrazien, ein fast hoffnungslos gewordenes Oesterreich-Ungarn haetten einen solchen Umschwung der Lage zu unseren Ungunsten nimmermehr ueberwunden. Das von meinem Vorgaenger angeordnete sofortige Vorgehen Mackensens entsprach durchaus dem Gebot der Stunde. Eine Ueberschreitung der Donau mit den in Nordbulgarien verfuegbaren Kraeften konnte hierbei freilich nicht in Frage kommen. Es genuegte aber schon, wenn wir dem Gegner die Vorhand in der Dobrudscha abgewannen und seine Feldzugsplaene dadurch verwirrten. Um letzteres Ziel wirklich und durchgreifend zu erreichen, durften wir den Angriff des Feldmarschalls aber nicht auf die Gewinnung von Tutrakan und Silistria beschraenken. Wir mussten vielmehr durch eine weitgehendere Ausnuetzung von Erfolgen in der Sueddobrudscha bei der rumaenischen Heeresfuehrung Besorgnis fuer den Ruecken ihrer an der siebenbuergischen Grenze eingesetzten Hauptkraefte zu erregen suchen. Und wirklich gelang uns dies. Angesichts des Vordringens des Feldmarschalls bis in bedrohliche Naehe der Linie Constanza-Czernavoda sah sich die rumaenische Fuehrung veranlasst, Kraefte aus ihrer gegen Siebenbuergen gerichteten Operation nach der Dobrudscha zu entsenden. Sie versuchte sogar durch Einsatz weiterer frischer Kraefte, der Offensive Mackensens ueber Rahowo, donauabwaerts Ruscuk, in den Ruecken zu gehen. Auf dem Papier ein schoener Plan! Ob dieser dem rumaenischen Gedankenkreis oder demjenigen eines seiner Verbuendeten entsprang, ist bis heute nicht bekannt. Nach den Erfahrungen, die wir bis zu dem Tage dieses Rahowo-Intermezzos, dem 2. Oktober, mit den Rumaenen gemacht hatten, hielt ich das Unternehmen fuer mehr als kuehn und dachte mir nicht nur, sondern sprach es auch aus: "Man verhafte diese Truppen!" Dieser Wunsch, in entsprechende Befehlsworte gekleidet, wurde auch von den Deutschen und Bulgaren bestens erfuellt. Von dem Dutzend rumaenischer Bataillone, die bei Rahowo das suedliche Donauufer betreten hatten, sahen waehrend des Krieges nur einzelne Leute die Heimat wieder. Das Verhaengnis brach ueber Rumaenien herein, weil seine Armee nicht marschierte, weil seine Fuehrung nichts verstand, und weil es uns doch noch gelang, ausreichende Kraefte in Siebenbuergen rechtzeitig zu versammeln. Ausreichend? Gewiss ausreichend fuer diesen Gegner! Tollkuehn wird man uns vielleicht einmal nennen, wenn man die Staerkeverhaeltnisse vergleichen wird, unter denen wir gegen das rumaenische Heer zum Angriff schritten, und mit denen General von Falkenhayn am 29. September den westlichen rumaenischen Fluegel bei Hermannstadt zerrieb. Aus der Schlacht von Hermannstadt wirft der General dann seine Armee nach Osten herum. Er rueckt unter Nichtachtung der ihm durch rumaenische Ueberlegenheit und guenstige gegnerische Lage noerdlich des oberen Alt drohenden Gefahr mit der Masse seiner Truppen suedlich des genannten Flusses am Fusse des Gebirges entlang gegen Kronstadt vor. Der Rumaene stutzt, verliert das Vertrauen zur eigenen Ueberlegenheit wie zum eigenen Koennen, vergisst die Ausnutzung der ihm immer noch guenstigen Kriegslage und macht auf der ganzen Front Halt. Damit tut er aber auch schon den ersten Schritt rueckwaerts. General von Falkenhayn reisst die Vorhand nunmehr voellig an sich, zertruemmert suedlich des Geisterwaldes den gegnerischen Widerstand und marschiert weiter. Der Rumaene weicht nunmehr allenthalben aus Siebenbuergen, nicht ohne am 8. Oktober bei Kronstadt noch eine blutige Niederlage erlitten zu haben. So geht er denn auf den schuetzenden Wall seiner Heimat zurueck. Unsere demnaechstige Aufgabe ist es, diesen Wall zu ueberschreiten. Wir halten zuerst an der Hoffnung fest, die bisherigen taktischen Erfolge strategisch dahin auswerten zu koennen, dass wir von Kronstadt unmittelbar auf Bukarest durchbrechen. Moegen auch das wilde Hochgebirge und die feindliche Ueberlegenheit unsere wenigen und schwachen Divisionen vor eine sehr schwere Aufgabe stellen, die Vorteile dieser Vormarschrichtung sind zu gross, als dass wir den Versuch unterlassen duerften. Er gelingt nicht, so tapfer auch unsere Truppen um jede Kuppe, jeden Felshang, ja jeden Felsblock kaempfen. Unsere Bewegung stockt voellig, als am 18. Oktober ein rauher Fruehwinter die Berge in Schnee huellt und die Strassen zu Eisrinnen verwandelt. Unter unsaeglichen Entbehrungen und Leiden halten unsere Truppen wenigstens die gewonnenen Gebirgsteile, bereit, sich weiter durchzuringen, wenn die Zeit und Gelegenheit dazu kommen wird. Die bisherigen Erfahrungen weisen darauf hin, andere Wege in das walachische Tiefland zu suchen als diejenigen, die von Kronstadt aus ueber den breitesten Teil der transsylvanischen Alpen fuehren. General von Falkenhayn schlaegt den Durchbruch ueber den westlicher gelegenen Szurdukpass vor. Die Richtung ist freilich strategisch weniger wirkungsvoll, aber unter den jetzigen Verhaeltnissen die taktisch und technisch einzig moegliche. So brechen wir ueber diesen Pass am 11. November in Rumaenien ein. Inzwischen hat sich Generalfeldmarschall von Mackensen suedlich der Donau bereitgestellt, um dem noerdlichen Einbruch von Sueden her die Hand zu reichen. Er hatte am 21. Oktober die russisch-rumaenische Armee suedlich der Linie Constanza-Czernavoda gruendlich geschlagen. Am 22. Oktober war Constanza in die Hand der dritten bulgarischen Armee gefallen. Der Gegner weicht von da ab unaufhaltsam nach Norden. Wir aber lassen die Bewegung einstellen, sobald noerdlich der erwaehnten Eisenbahn eine Verteidigungslinie erreicht wird, die mit geringen Kraeften behauptet werden kann. Alles, was dort an Truppen entbehrlich ist, rueckt gegen Sistow. Verlockend war ja der Gedanke, sofort die ganze Dobrudscha in die Hand zu nehmen und dann bei Braila im Ruecken der rumaenischen Hauptmacht in das noerdliche Donaugebiet einzubrechen. Allein, wie sollten wir das notwendige Brueckenmaterial in die noerdliche Dobrudscha bringen? Eisenbahnen bestehen dorthin nicht, und den Wasserweg versperren die rumaenischen Batterien vom Nordufer der Donau. Wir muessen dem Schicksal dankbar sein, dass diese nicht schon laengst unseren einzigen verfuegbaren schweren Brueckentrain bei Sistow in Truemmer geschossen haben, der, seit Monaten im Bereich der feindlichen Geschuetzwirkung, nur durch einen fuer uns nicht aufklaerbaren Fehler des Gegners der Zerstoerung entgangen ist. So koennen wir wenigstens dort den Stromuebergang im Auge behalten. Im Morgengrauen des 23. November gewinnt Generalfeldmarschall von Mackensen das noerdliche Donauufer. Das erstrebte Zusammenwirken zwischen ihm und General von Falkenhayn ist erreicht. Auf dem Schlachtfeld am Argesch findet es seine Kroenung in der Zertruemmerung der rumaenischen Hauptkraefte. Der Schlussakt vollzieht sich am 3. Dezember. Bukarest faellt widerstandslos in unsere Hand. Am Abend dieses Tages schliesse ich den gemeinsamen Vortrag ueber die Kriegslage mit den Worten: "Ein schoener Tag." Als ich spaeter in die Winternacht hinaustrete, beginnt von den Kirchtuermen des Staedtchens Pless das Dankgelaeute fuer den grossen neuen Erfolg. Ich hatte laengst aufgehoert, in solchen Augenblicken an anderes zu denken als an die wunderbaren Leistungen unseres braven Heeres, und einen anderen Wunsch zu hegen, als dass diese Leistungen uns dem endlichen Abschluss des schweren Ringens und der grossen Opfer nahe braechten. Den Gewinn der rumaenischen Hauptstadt hatten wir uns freilich etwas kriegerischer vorgestellt. Wir hatten Bukarest fuer eine maechtige Festung gehalten, hatten schwerstes Artilleriematerial zu ihrer Bezwingung herangefuehrt, und nun zeigte sich der beruehmte Waffenplatz als offene Stadt. Kein Geschuetz kroent mehr die maechtigen Waelle der Forts, und die Panzerkuppeln haben sich in Holzdeckel verwandelt. Unsere vom Feinde so viel verschrieene Friedensspionage hatte nicht einmal dazu ausgereicht, die Entfestigung von Bukarest vor dem Beginn des rumaenischen Feldzuges festzustellen. Das Schicksal Rumaeniens hatte sich mit dramatischer Wucht vollzogen. Die ganze Welt musste sehen, und Rumaenien sah es wohl auch selbst, dass kein leerer Schall in dem alten Landsknechtvers lag: Wer Unglueck will im Kriege han, Der binde mit dem Deutschen an. Mit Anfuehrung dieses Verses will ich aber nicht die Mitwirkung Oesterreich-Ungarns, der Tuerkei und Bulgariens an diesem grossen und schoenen Unternehmen irgendwie verkleinern. Unsere Bundesgenossen waren alle zur Stelle und hatten treulich mitgeholfen an dem grossen mannhaften Werke. Rumaenien, in dessen Hand das Schicksal der Welt gelegen hatte, musste froh sein, dass seine Heerestruemmer durch russische Hilfe vor Vernichtung bewahrt wurden. Sein Traum, dass noch einmal, wie im Jahre 1878 auf dem Schlachtfelde von Plewna, der Russe ihm in pflichtmaessiger Dankbarkeit, wenn auch mit bitterem Gefuehl im Herzen, die Hand fuer die erwiesenen Dienste druecken muesste, hatte sich in das grausame Gegenteil verkehrt. Die Zeiten hatten sich gewandelt. Meinem Allerhoechsten Kriegsherrn hatte ich Ende Oktober 1916 meine Anschauung dahin ausgesprochen, dass wir am Ende des Jahres den rumaenischen Feldzug beendet haben wuerden. Am 31. Dezember konnte ich Seiner Majestaet melden, dass unsere Truppen den Sereth erreicht haetten, und dass die Bulgaren am Suedufer des Donaudeltas stuenden. Die gesteckten Ziele waren erreicht. Kaempfe an der mazedonischen Front Die Schwierigkeiten unserer Kriegslage im Herbste 1916 wurden durch den Fortgang der Kaempfe an der mazedonischen Front nicht unwesentlich erhoeht. Die Armee Sarrails haette jeden Anspruch auf Daseinsberechtigung verloren, wenn sie nicht im Augenblick der rumaenischen Kriegserklaerung auch ihrerseits die Offensive ergriffen haette. Ihr Vorgehen erwarteten wir im Wardartal. Waere sie hier bis in die Gegend von Gradsko vorgedrungen, so haette sie das Zentrum der wichtigsten bulgarischen Verbindungen in Besitz genommen und haette auch das Verbleiben der Bulgaren in der Gegend von Monastir unmoeglich gemacht. Sarrail waehlte die unmittelbare Angriffsrichtung auf Monastir, vielleicht durch besondere politische Gruende veranlasst. Die bulgarische rechte Fluegelarmee wurde durch diese Offensive aus ihren Stellungen, die sie beim Angriff im August suedlich Florina gewonnen hatte, zurueckgeworfen. Sie verlor im weiteren Verlauf der Kaempfe Monastir, behauptete sich aber dann. Wir waren hierdurch genoetigt gewesen, den Bulgaren Unterstuetzungen aus unseren Kampffronten zuzufuehren, Unterstuetzungen, die meist fuer den rumaenischen Feldzug bestimmt gewesen waren. War die Groesse dieser Hilfe im Verhaeltnis zur gesamten Staerke unseres Heeres auch nicht sehr bedeutend - es waren gegen 20 Bataillone sowie zahlreiche schwere und Feldbatterien - so traf uns diese Abgabe doch in einer ausserordentlich kritischen Zeit, in der wir tatsaechlich mit jedem Mann und jedem Geschuetz geizen mussten. Wie wir, so leistete auch die Tuerkei dem verbuendeten Bulgarien in diesen schweren Kaempfen bereitwilligst Hilfe. Enver Pascha stellte ueber die fuer den rumaenischen Krieg versprochene Unterstuetzung hinaus ein ganzes tuerkisches Armeekorps zur Abloesung bulgarischer Truppen an der Strumafront zur Verfuegung. Diese Unterstuetzung wurde von bulgarischer Seite ungern gesehen, da man befuerchtete, es wuerden sich daraus unangenehme tuerkische Ansprueche auf politischem Gebiet geltend machen. Enver Pascha versicherte uns jedoch ausdruecklich, dass er solches verhindern wuerde. Es war ja begreiflich, dass Bulgarien deutsche Unterstuetzung der osmanischen vorgezogen haette, unbegreiflich aber war es, dass man in Sofia nicht einsehen wollte, wie wenig Deutschland in dieser Zeit imstande war, seine Kraefte noch weiter anzuspannen. Der Verlust Monastirs war nach meiner Auffassung ohne militaerische Bedeutung. Die freiwillige Zuruecknahme des bulgarischen rechten Heeresfluegels in die ausserordentlich starken Stellungen bei Prilep waere von grossem militaerischen Vorteil gewesen, weil alsdann die bulgarische Heeresversorgung ganz wesentlich erleichtert, diejenige unserer Gegner um vieles erschwert worden waere. Gerade die ungeheuren Schwierigkeiten in den rueckwaertigen Verbindungen hatten auf bulgarischer Seite die in den Kaempfen wiederholt eingetretenen Krisen wesentlich mitverschuldet. Die Truppen mussten tagelang hungern und litten zeitweise auch Mangel an Schiessbedarf. Wir haben unter Hintansetzung eigener Interessen mit allen Mitteln versucht, den Bulgaren die Schwierigkeiten in dieser Richtung zu erleichtern. Die Groesse der zurueckzulegenden Wegesstrecken, die Wildheit und Unkultur des Gebirgslandes erschwerten die Loesung dieser Aufgabe ungemein. Bei den Kaempfen um Monastir hatten die Bulgaren zum ersten Male in schweren Verteidigungsschlachten gestanden. Hatten die bisherigen Nachrichten unserer Offiziere ueber die Haltung des bulgarischen Heeres den glaenzenden Geist des Soldaten beim Angriff geruehmt, so trat jetzt bei diesem eine gewisse Empfindlichkeit gegenueber einem laenger andauernden feindlichen Artilleriefeuer in die Erscheinung. Diese Wahrnehmung mochte ueberraschen, man konnte sie aber bei allen Voelkern, sowohl auf feindlicher als auch auf unserer Seite bestaetigt finden, die mit sogenannter unverdorbener Naturkraft in den Krieg traten. Es macht den Eindruck, als ob die modernen Angriffsmittel in ihren nervenzerstoerenden Wirkungen fuer durchhaltende Verteidigung eine Zugabe zu dieser Naturkraft verlangen, die nur durch eine hoehere Willenskultur geliefert werden kann. In der Hauptmasse unseres deutschen Soldatenmaterials scheint die richtige Mischung von sittlicher und koerperlicher Kraft vorhanden zu sein, die unsere Truppen in Verbindung mit unserer militaerischen Willensschulung in den Stand setzt, den gewaltigen Eindruecken eines modernen Kampfes erfolgreich Widerstand zu leisten. Der Oberbefehlshaber des bulgarischen Heeres hatte das richtige Gefuehl fuer die eben erwaehnte Empfindlichkeit seiner Soldaten. Er aeusserte darueber in soldatischer Offenheit seine Sorgen, wenn er auch weit davon entfernt war, eine aengstliche Natur zu sein. Auf den asiatischen Kriegsschauplaetzen Durch die Stellung, die der deutsche Chef des Generalstabes des Feldheeres nunmehr innerhalb der gesamten Kriegsleitung einnahm, wurden wir auch zur Beschaeftigung mit den Vorgaengen auf den asiatischen Kriegsschauplaetzen veranlasst. Zur Zeit der Anwesenheit Enver Paschas in unserem Grossen Hauptquartier Anfang 1917 glaubten wir die Lage in Asien folgendermassen beurteilen zu koennen: Die russische Offensive in Armenien war nach der Gewinnung der Linie Trapezunt-Erzinghan zum Stillstand gekommen. Die tuerkische Offensive, die im Sommer dieses Jahres von Sueden her aus Richtung Diabekr gegen die linke Flanke dieses russischen Vorgehens angesetzt war, kam infolge der ausserordentlichen Gelaendeschwierigkeiten und der ganz ungenuegenden Nachschubmoeglichkeiten nicht vorwaerts. Es war jedoch zu erwarten, dass die Russen in diesem Jahre mit Ruecksicht auf den im armenischen Hochlande frueh eintretenden Winter ihre weiteren Angriffe bald endgueltig einstellen wuerden. Die Gefechtskraft der beiden tuerkischen Kaukasusarmeen war aufs aeusserste zurueckgegangen, einzelne Divisionen bestanden nur noch dem Namen nach. Entbehrungen, blutige Verluste, Fahnenflucht hatten verheerend auf die Truppenbestaende gewirkt. Mit schweren Sorgen sah Enver Pascha dem kommenden Winter entgegen. Es fehlte seinen Truppen die notwendigste Bekleidung; dazu bot die Ernaehrung der Armeen in diesen armen, grossenteils entvoelkerten und verwuesteten Gebieten ausserordentliche Schwierigkeiten. Bei dem Mangel an Zug- und Tragtieren mussten den osmanischen Soldaten in dem oeden, wegarmen Gebirgslande die Kampf- und Lebensbeduerfnisse durch Traegerkolonnen in vielen Tagemaerschen zugefuehrt werden. Weiber und Kinder fanden dabei einen mageren Verdienst, aber auch oft den Tod. Besser waren die Verhaeltnisse zu dieser Zeit im Irak. Dort war der Englaender augenblicklich in dem Ausbau seiner rueckwaertigen Verbindungen noch nicht so weit vorgeschritten, um schon jetzt zur Rache fuer Kut-el-Amara schreiten zu koennen. Dass er eine solche nehmen wuerde, war fuer uns zweifellos. Ob alsdann die tuerkische Macht im Irak hinreichte, um dem englischen Angriff erfolgreich zu widerstehen, vermochten wir nicht zu beurteilen. Trotz der sehr optimistischen Anschauungen der osmanischen Obersten Heeresleitung ermahnten wir zu Verstaerkung der dortigen Truppen. Leider liess sich aber die Tuerkei aus politischen und panislamitischen Gruenden verfuehren, ein ganzes Armeekorps nach Persien hineinzuschicken. Der dritte asiatische Kriegsschauplatz, naemlich derjenige in Suedpalaestina, gab Veranlassung zu unmittelbarer Sorge. Die zweite gegen den Suez-Kanal gerichtete tuerkische Unternehmung war Anfang August 1916 in der Mitte des noerdlichen Teiles der Sinai-Halbinsel gescheitert. Daraufhin waren die tuerkischen Truppen allmaehlich aus diesem Gebiete hinausgedraengt worden und standen jetzt im suedlichen Teile Palaestinas in der Gegend von Gaza. Die Frage, ob und wann sie auch hier angegriffen wuerden, schien lediglich von dem Zeitpunkt abzuhaengen, an dem die Englaender ihre Eisenbahn aus Aegypten bis hinter ihre Truppen ausgebaut hatten. Der somit drohende Angriff auf Palaestina schien fuer den militaerischen und politischen Bestand der Tuerkei weit gefaehrlicher als ein solcher auf das fernab liegende Mesopotamien. Man musste annehmen, dass der Verlust von Jerusalem - ganz abgesehen davon, dass er voraussichtlich den Verlust des ganzen suedlichen Arabiens nach sich zog - die jetzige tuerkische Politik vor eine Belastungsprobe stellen wuerde, die sie nicht ertragen koennte. Leider waren die operativen Verhaeltnisse fuer die osmanische Kriegfuehrung in Suedsyrien nicht wesentlich besser als in Mesopotamien. Hier wie dort litten die Tuerken, im schaerfsten Gegensatz zu ihren Gegnern, unter solch ausserordentlichen Schwierigkeiten der rueckwaertigen Verbindungen, dass eine wesentliche Verstaerkung ihrer Streitkraefte ueber den jetzigen Stand hinaus den Hunger, ja selbst den Durst fuer alle bedeutet haette. Die Verpflegungsverhaeltnisse waren auch in Syrien zeitweise trostlos. Zu unguenstigen Ernten, ungewolltem und gewolltem Versagen der verantwortlichen Stellen kam die nahezu durchweg feindliche Haltung der arabischen Bevoelkerung. Zahlreiche wohlgemeinte Darlegungen suchten mich im Laufe des Krieges von der Notwendigkeit zu ueberzeugen, dass Mesopotamien und Syrien mit staerkeren Kraeften verteidigt, ja dass hier wie dort zum Angriff uebergegangen werden muesste. Das Interesse weiter deutscher Kreise an diesen Kriegsschauplaetzen war gross. Augenscheinlich irrten die Gedanken uneingestandenermassen vielfach ueber Mesopotamien durch Persien, Afghanistan nach Indien und von Syrien nach Aegypten. Man traeumte im stillen an der Hand der Karten, dass wir auf diesen Landwegen an den Lebensnerv der uns so gefaehrlichen britischen Weltmachtstellung herankaemen. Vielleicht lag in solchen Gedanken oft unbewusst das Wiedererwachen frueherer napoleonischer Plaene. Zu ihrer Durchfuehrung fehlte uns aber die erste Vorbedingung derartiger weitgreifender Operationen, naemlich genuegend leistungsfaehige Nachschublinien. Die Ost- und Westfront bis zum Ende des Jahres 1916 Waehrend wir Rumaenien niederschlugen, dauerten die Angriffe der Russen in den Karpathen und in Galizien ununterbrochen an. Von russischer Seite war nicht beabsichtigt gewesen, dem neuen Bundesgenossen bei seinem Angriff auf Siebenbuergen unmittelbar zu unterstuetzen, wohl aber sollte diese rumaenische Operation durch ununterbrochene Fortsetzung der bisherigen russischen Angriffe gegen die galizische Front erleichtert werden. Unmittelbare Hilfe gewaehrten die Russen den Rumaenen dagegen in der Dobrudscha, und zwar von Anfang an. Die Gruende hierfuer lagen ebensosehr auf politischem wie militaerischem Gebiete; Russland rechnete zweifellos sehr stark mit russophilen Neigungen innerhalb der bulgarischen Armee. Daher versuchten auch bei Beginn der Kaempfe in der Sueddobrudscha russische Offiziere und Truppen, sich den Bulgaren als Freunde zu naehern, und waren bitter enttaeuscht, als die Bulgaren mit Feuer antworteten. Dazu kam, dass Russland zwar ohne politische Eifersucht zusehen konnte, wenn Rumaenien sich in den Besitz von Siebenbuergen setzte, aber nicht dulden durfte, dass der neue Verbuendete selbstaendig Bulgarien auf die Knie warf und dann moeglicherweise noch den Weg nach Konstantinopel einschlug oder wenigstens freimachte. Galt doch die Eroberung der tuerkischen Hauptstadt seit Jahrhunderten als historisches und religioeses Vorrecht Russlands. Es mag dahingestellt bleiben, ob es von russischer Seite klug war, den Rumaenen ohne unmittelbare Unterstuetzung, sei es auch nur durch etliche russische Kerntruppen, die Operation nach Siebenbuergen allein zu ueberlassen. Man ueberschaetzte dabei jedenfalls die Leistungsfaehigkeit der rumaenischen Armee und ihrer Fuehrung und ging von der irrigen Ansicht aus, dass die Kraefte der Mittelmaechte an der Ostfront durch die russischen Angriffe vollstaendig gebunden, ja sogar erschoepft seien. Diese Angriffe erreichten zwar ihren Zweck nicht in vollem Umfange, stellten uns aber immerhin wiederholt vor nicht unbedenkliche Krisen. Die Lage wurde zeitweise so misslich, dass wir befuerchten mussten, unsere Verteidigung wuerde von den Karpathenkaemmen heruntergeworfen werden. Deren Behauptung war aber fuer uns eine Vorbedingung zur Durchfuehrung unseres Aufmarsches und unserer ersten Operationen gegen den neuen Feind. Auch in Galizien mussten wir den Russen mit allen Mitteln aufhalten. Eine Preisgabe weiterer dortiger Gebietsteile wuerde an sich fuer unsere Gesamtlage von geringer militaerischer Bedeutung gewesen sein, wenn nicht hinter unserer galizischen Stellung die fuer uns so kostbaren, ja fuer die Kriegfuehrung unentbehrlichen Oelfelder gelegen haetten. Wiederholt mussten aus diesen Gruenden fuer den Angriff gegen Rumaenien bestimmte Truppenverbaende gegen die ins Wanken geratenen Frontteile abgedreht werden. Wenn auch die kritischen Lagen schliesslich immer wieder ueberwunden und unser Feldzug gegen Rumaenien einem gluecklichen Abschluss entgegengefuehrt wurde, so kann man doch nicht behaupten, dass die russischen Entlastungsangriffe ihren grossen operativen Zweck voellig verfehlt haetten. Rumaenien unterlag wahrlich nicht durch die Schuld seiner Verbuendeten. Die Entente tat im Gegenteil alles, was sie nach der Lage und ihren Kraeften tun konnte, und zwar nicht nur im unmittelbaren Anschluss an das rumaenische Heer, sondern auch mittelbar durch die Angriffe Sarrails in Mazedonien, durch die italienischen Angriffe am Isonzo und schliesslich auch durch die Fortsetzung der englisch-franzoesischen Anstuerme im Westen. Wir hatten, wie ich schon frueher andeutete, von Anfang an damit gerechnet, dass der Gegner mit dem Eintritt Rumaeniens in den Krieg seine Angriffe auch gegen unsere Westfront mit aller Kraft, mit englischer Zaehigkeit und franzoesischem Elan fortfuehren wuerde. Dies trat auch ein. Unsere Fuehrereinwirkung auf diese Kaempfe war einfach. An einen Entlastungsangriff konnten wir mangels genuegender Kraefte weder bei Verdun noch an der Somme denken, so sehr auch ein solcher meinen eigenen Neigungen entsprochen haette. Kurz nach der Uebernahme der Obersten Heeresleitung sah ich mich auf Grund der Gesamtlage gezwungen, Seiner Majestaet dem Kaiser den Befehl zur Einstellung unserer Angriffe bei Verdun zu unterbreiten. Die dortigen Kaempfe zehrten wie eine offene Wunde an unseren Kraeften. Es liess sich auch klar ueberblicken, dass das Unternehmen in jeder Hinsicht aussichtslos geworden war und seine Fortsetzung uns weit groessere Verluste kostete, als wir dem Gegner beizubringen imstande waren. Unsere vordersten Stellungen lagen in allseitig flankierendem Feuer uebermaechtiger gegnerischer Artillerie; die Verbindungen zu den Kampflinien waren ausserordentlich schwierig. Das Schlachtfeld war eine wahre Hoelle und in diesem Sinne bei der Truppe geradezu beruechtigt. Jetzt in rueckschauender Betrachtung stehe ich nicht an, zu sagen, dass wir aus rein militaerischen Gruenden gut daran getan haetten, die Kampfverhaeltnisse vor Verdun nicht nur durch Beendigung der Offensive sondern auch durch freiwilliges Aufgeben noch groesserer Teile des eroberten Gelaendes als geschehen zu bessern. Im Herbste 1916 glaubte ich jedoch davon Abstand nehmen zu muessen. Fuer das Unternehmen war eine grosse Masse unserer besten Kampfkraft geopfert worden; die Heimat war bis dahin in Erwartung auf einen endlichen ruhmreichen Ausgang des Angriffs erhalten worden. Nur zu leicht konnte jetzt der Eindruck hervorgerufen werden, als ob alle Opfer umsonst gebracht seien. Das wollte ich in dieser an sich schon so sehr gespannten heimatlichen Stimmung vermeiden. Unsere Hoffnung, dass mit der Einstellung unseres Angriffes bei Verdun auch der Gegner dort im wesentlichen zum reinen Stellungskrieg uebergehen wuerde, erfuellte sich nicht. Ende Oktober brach der Franzose auf dem Ostufer der Maas zu einem grossangelegten, kuehn durchgefuehrten Gegenstoss vor und ueberrannte unsere Linien. Wir verloren Douaumont und hatten keine Kraefte mehr, um diesen Ehrenpunkt deutschen Heldentums wieder zu nehmen. Der franzoesische Fuehrer hatte sich bei diesem Gegenstoss von der bisherigen Gepflogenheit einer tage- oder gar wochenlangen Artillerievorbereitung freigemacht. Er hatte seinen Angriff durch Steigerung der Feuergeschwindigkeit seiner Artillerie und Minenwerfer bis zur aeussersten Grenze der Leistungsfaehigkeit von Material und Bedienung nur kurze Zeit vorbereitet und war dann gegen den schlagartig koerperlich und seelisch niedergedrueckten Verteidiger sofort zum Angriff uebergegangen. Wir hatten diese Art gegnerischer Angriffsvorbereitung wohl schon innerhalb des Rahmens der langen Dauerschlachten kennengelernt, aber als Eroeffnung einer grossen Angriffshandlung war sie fuer uns neu und verdankte vielleicht gerade diesem Umstand ihren ohne Zweifel bedeutenden Erfolg. Im grossen und ganzen schlug uns der Gegner diesmal mit unserem eigenen bisherigen Angriffsverfahren. Wir konnten nur hoffen, dass er es im kommenden Jahre nicht mit gleichem Erfolg in noch groesserem Umfang wiederholen wuerde. Die Kaempfe bei Verdun erstarben erst im Dezember. Die Sommeschlacht hatte auch von Ende August ab den Charakter eines ausserordentlich erbitterten, rein frontalen Abringens der beiderseitigen Kraefte gezeigt. Die Aufgabe der Obersten Heeresleitung konnte nur darin bestehen, den Armeen die noetigen Kraefte zum Durchhalten zur Verfuegung zu stellen. Man gab dieser Art von Kaempfen bei uns den Namen "Materialschlachten". Man koennte sie vom Standpunkt des Angreifers aus auch als "Taktik eines Rammklotzes" bezeichnen, denn es fehlte ihrer Fuehrung jeder hoehere Schwung. Die mechanischen und materiellen Elemente des Kampfes waren in den Vordergrund geschoben, waehrend die geistige Fuehrung allzusehr in den Hintergrund trat. Wenn es unseren westlichen Gegnern in den Kaempfen von 1915 bis 1917 nicht gelang, ein entscheidendes Feldzugsergebnis zu erreichen, so lag das im wesentlichen an einer gewissen Einseitigkeit der dortigen Fuehrung. An der noetigen zahlenmaessigen Ueberlegenheit an Menschen, Kriegsgeraet und Schiessbedarf fehlte es dem Feinde wahrlich nicht; auch kann man nicht behaupten, dass die Guete der gegnerischen Truppen den Anforderungen einer taetigeren und gedankenreicheren Fuehrung nicht haette genuegen koennen. Ausserdem war fuer unsere Feinde im Westen bei dem reichentwickelten Eisenbahn- und Strassennetz und den in Massen vorhandenen Befoerderungsmitteln jeder Art freieste Entfaltungsmoeglichkeit fuer eine weit groessere operative Gelenkigkeit vorhanden. Von alledem machte jedoch die gegnerische Fuehrung nicht vollen Gebrauch. Die lange Dauer unseres Widerstandes war also doch wohl neben anderen Gruenden auch auf eine gewisse Unfruchtbarkeit des Bodens zurueckzufuehren, auf dem die feindlichen Plaene reiften. Ungeheuer blieben aber trotzdem die Anforderungen, die auf den dortigen Schlachtfeldern an unsere Armeefuehrungen und unsere Truppen gestellt werden mussten. Anfang September besuchte ich mit meinem Ersten Generalquartiermeister die Westfront. Wir mussten die dortigen Kampfverhaeltnisse sobald als moeglich kennen lernen, um wirklich helfend eingreifen zu koennen. Seine Kaiserliche und Koenigliche Hoheit der Deutsche Kronprinz schloss sich uns unterwegs an und ehrte mich in Montmedy durch Aufstellung einer Sturmkompagnie auf dem Bahnsteige. Dieser Empfang entsprach ganz dem ritterlichen Sinn des hohen Herrn, dem ich fortan oefters begegnen sollte. Sein frisches, offenes Wesen und sein gesundes militaerisches Urteil haben mich stets mit Freude und Vertrauen erfuellt. In Cambrai ueberreichte ich auf Befehl Seiner Majestaet des Kaisers zwei anderen bewaehrten Heerfuehrern, den Thronfolgern Bayerns und Wuerttembergs, die ihnen verliehenen preussischen Feldmarschallstaebe und hielt dann eine laengere Besprechung mit den Generalstabschefs der Westfront ab. Aus deren Darlegungen ging hervor, dass rasches und energisches Handeln dringend not tat, um unsere erschreckende Unterlegenheit an Fliegern, Waffen und Munition einigermassen auszugleichen. Die eiserne Arbeitskraft des Generals Ludendorff hat diese ernste Krisis ueberwunden. Zu meiner Freude hoerte ich spaeter durch Frontoffiziere, dass sich die Fruechte der Besprechung von Cambrai bald bei der Truppe bemerkbar gemacht haetten. Die Groesse der Anforderungen, die an das Westheer gestellt wurden, war mir bei diesem Besuch in Frankreich zum erstenmal so recht plastisch vor die Augen getreten. Ich stehe nicht an, zu bekennen, dass ich damals erst einen vollen Einblick in die bisherigen Leistungen des Westheeres gewann. Wie undankbar war die Aufgabe fuer Fuehrung und Truppe, da in der aufgezwungenen reinen Verteidigung ein sichtbarer Gewinn immer versagt bleiben musste! Der Erfolg in der Abwehrschlacht fuehrt den Verteidiger, auch wenn er siegreich ist, nicht aus dem staendig lastenden Druck, ich moechte sagen, aus dem Anblick des Elends des Schlachtfeldes heraus. Der Soldat muss auf den maechtigen seelischen Aufschwung verzichten, den das erfolgreiche Vorwaertsschreiten gewaehrt, ein Aufschwung von so unsagbarer Gewalt, dass man ihn erlebt haben muss, um ihn in seiner ganzen Groesse begreifen zu koennen. Wie viele unserer braven Soldaten haben dieses reinste Soldatenglueck nie empfinden duerfen! Sie sahen kaum etwas anderes als Schuetzengraeben und Geschosstrichter, in denen und um die sie wochen-, ja monatelang mit dem Gegner rangen. Welch ein Nervenverbrauch und welch geringe Nervennahrung! Welche Staerke des Pflichtgefuehls und welche selbstlose Hingabe gehoerten dazu, solch einen Zustand jahrelang in stiller Entsagung auf hoeheres kriegerisches Glueck zu ertragen! Ich gestehe offen, dass diese Eindruecke fuer mich tief ergreifend waren. Ich konnte nun verstehen, wie alle, Offiziere wie Mannschaften, aus solchen Kampfverhaeltnissen sich heraussehnten, wie sich alle Herzen mit der Hoffnung fuellten, dass nun endlich nach diesen erschoepfenden Schlachten ein hoher Angriffszug auch in die Westfront ein frisches kriegerisches Leben bringen wuerde. Freilich sollten unsere Fuehrer und Truppen noch lange auf die Erfuellung dieser Sehnsucht warten muessen! Viele unserer besten, sturmbegeisterten Soldaten mussten noch vorher in zertruemmerten Schuetzengraeben ihr Herzblut hingeben! In dem Kampfgebiet an der Somme wurde es erst stiller, als die einbrechende nasse Jahreszeit den Kampfboden grundlos zu machen begann. Die Millionen von Geschosstrichtern fuellten sich mit Wasser oder wurden zu Friedhoefen. Von Siegesfreude war auf keiner der beiden kaempfenden Parteien die Rede. Ueber allen lag der furchtbare Druck dieses Schlachtfeldes, das in seiner Oede und seinem Grauen selbst dasjenige vor Verdun zu uebertreffen schien. Meine Stellung zu politischen Fragen Aeussere Politik Die Beschaeftigung mit der reichen geschichtlichen Vergangenheit unseres Vaterlandes war mir stets ein Beduerfnis. Lebensgeschichten seiner grossen Soehne waren fuer mich gleichbedeutend mit Erbauungsschriften. In keiner Lage meines Lebens, auch im Kriege nicht, wollte ich diese Art meiner Belehrung und inneren Erhebung vermissen. Und doch haette man ein volles Recht gehabt, in mir eine unpolitische Natur zu sehen. Betaetigung innerhalb der Gegenwartspolitik widersprach meinen Neigungen. Vielleicht war hierfuer mein Hang zur politischen Kritik zu schwach, vielleicht auch mein soldatisches Gefuehl zu stark entwickelt. Auf letztere Ursache ist dann wohl auch meine Abneigung gegen alles Diplomatische zurueckzufuehren. Man nenne diese Abneigung Vorurteil oder Mangel an Verstaendnis, die Tatsache haette ich auch dann an dieser Stelle nicht abgeleugnet, wenn ich ihr waehrend des Krieges nicht so oft und so laut haette Ausdruck geben muessen. Ich hatte das Empfinden, als ob die diplomatische Beschaeftigung wesensfremde Anforderungen an uns Deutsche stellt. Darin liegt wohl einer der Hauptgruende fuer unsere aussenpolitische Rueckstaendigkeit. Eine solche musste sich um so staerker geltend machen, je mehr wir durch machtvolle Entfaltung unseres Handels und unserer Industrie sowie durch Hinausdraengen unserer geistigen Kraefte ueber die vaterlaendischen Grenzen hinaus zu einem Weltvolk zu werden schienen. Das in sich geschlossene, ruhige, staatliche Kraftbewusstsein, wie es Englands Politiker bewahrten, fand ich nicht immer bei den unserigen. Weder bei meiner Taetigkeit in den hoeheren Fuehrerstellen des Ostens noch bei meiner Berufung in den Wirkungskreis als Chef des Generalstabes des Feldheeres hatte ich das Beduerfnis und die Neigung, mich mehr als unbedingt notwendig mit gegenwaertigen politischen Fragen zu beschaeftigen. Freilich hielt ich in einem Koalitionskrieg mit seinen unendlich vielen und mannigfaltigen, auf die Kriegfuehrung wirkenden Entscheidungen eine voellige Zurueckhaltung der Kriegsleitung von der Politik fuer unmoeglich. Trotzdem erkannte ich auch in unserem Falle das, was Bismarck als Norm fuer das gegenseitige Verhaeltnis zwischen militaerischer und politischer Fuehrung im Kriege hingestellt hatte, als durchaus einem gesunden Zustand entsprechend. Auch Moltke stand auf dem Boden der bismarckschen Auffassung, wenn er sagte: "Der Fuehrer hat bei seinen Operationen den militaerischen Erfolg in erster Linie im Auge zu behalten. Was aber die Politik mit seinen Siegen oder Niederlagen anfaengt, ist nicht seine Sache, deren Ausnuetzung ist vielmehr allein Sache der Politiker." Andererseits wuerde ich es aber doch vor meinem Gewissen nicht haben verantworten koennen, wenn ich nicht meine Anschauungen in all den Faellen zur Geltung gebracht haette, in denen die Bestrebungen anderer uns nach meiner Ueberzeugung auf eine bedenkliche Bahn fuehrten, wenn ich nicht da zur Tat getrieben haette, wo ich Tatenlosigkeit oder Tatenunlust zu bemerken glaubte, wenn ich endlich meine Ansichten fuer Gegenwart und Zukunft nicht dann mit aller Schaerfe vertreten haette, wenn die Kriegfuehrung und die zukuenftige militaerische Sicherheit meines Vaterlandes durch politische Massnahmen beruehrt oder gar gefaehrdet wurden. Man wird mir zugeben, dass die Grenzen zwischen Politik und Kriegfuehrung sich wohl nie mit voller Schaerfe ziehen lassen werden. Beide muessen schon im Frieden zusammenwirken, da ihre Gebiete eine wechselseitige Verstaendigung unbedingt verlangen. Sie muessen sich im Kriege, in dem ihre Faeden tausendfach verschlungen sind, gegenseitig ununterbrochen ergaenzen. Dieses schwierige Verhaeltnis wird sich nie durch Bestimmungen regeln lassen. Auch der lapidare Stil Bismarcks laesst die Grenzlinien ineinander ueberfliessend erscheinen. Es entscheidet eben in diesen Fragen nicht nur die sachliche Materie sondern auch der Charakter der an ihrer Loesung arbeitenden Persoenlichkeiten. Ich gebe zu, dass ich gar manche Aeusserungen ueber politische Fragen mit meinem Namen und meiner Verantwortung deckte, auch wenn sie mit unserer derzeitigen kriegerischen Lage nur in losem Zusammenhang standen. Ich draengte mich in solchen Faellen niemandem auf. Wenn jedoch jemand meine Ansicht haben wollte, wenn eine Frage kam, die einer Erledigung und Aeusserung von deutscher Seite harrte und keine fand, dann sah ich keinen Grund dafuer ein, warum ich schweigen sollte. Bei einer der ersten politischen Fragen, die an mich kurz nach Uebernahme der Obersten Heeresleitung herantraten, handelte es sich um die Zukunft Polens. Angesichts der grossen Bedeutung dieser Frage waehrend des Krieges und nach diesem glaube ich auf den Verlauf ihrer Behandlung eingehen zu muessen. Ich habe frueher nie eine persoenliche Abneigung gegen das polnische Volk empfunden; andererseits haette mir aber auch jeder vaterlaendische Instinkt, jede Kenntnis geschichtlicher Entwicklungen fehlen muessen, wenn ich die schweren Gefahren verkannt haette, die in einer Wiederaufrichtung Polens fuer mein Vaterland lagen. Ich gab mich keinem Zweifel darueber hin, dass wir von Polen nie und nimmer auch nur die Spur eines Dankes dafuer erwarten koennten, dass wir es durch unser Schwert und Blut von der russischen Knute befreiten, so wenig wir je eine Anerkennung fuer die wirtschaftliche und geistige Hebung unserer preussisch-polnischen Volksteile erhalten haben. Nie also wuerde Dankesschuld, sofern eine solche in der Politik ueberhaupt anerkannt wuerde, das neu errichtete freie Polen von einer Irredenta in unseren angrenzenden Landesteilen abgehalten haben. Von welcher Seite man auch das polnische Problem zu loesen versuchte, immer musste Preussen-Deutschland der leidtragende Teil sein, der die politische Zeche zu zahlen hatte. Oesterreich-Ungarns Staatsleitung schien dagegen in der Schoepfung eines freien geeinigten Polens keine Gefahr fuer das eigene Staatswesen zu befuerchten. Einflussreiche Kreise in Wien wie in Budapest glaubten vielmehr, dass es moeglich sein wuerde, das katholische Polen dauernd an die Doppelmonarchie zu fesseln. Bei der grundsaetzlich deutschfeindlichen Haltung der Polen schloss diese oesterreichische Politik eine schwere Gefahr fuer uns in sich. Es war nicht zu verkennen, dass hierdurch die Festigkeit unseres Buendnisses in Zukunft einer auf die Dauer unertraeglichen Belastungsprobe ausgesetzt werden wuerde. Die Oberste Heeresleitung durfte diesen politischen Gesichtspunkt bei ihrer Sorge um unsere zukuenftige militaerische Lage an der Ostgrenze unter keiner Bedingung aus dem Auge verlieren. Aus all diesen politischen wie militaerischen Erwaegungen haette sich meines Erachtens fuer Deutschland die Lehre ergeben, an der polnischen Frage moeglichst wenig zu ruehren oder sie wenigstens, wie man sich in solchen Faellen ausdrueckt, dilatorisch zu behandeln. Dies war aber von deutscher Seite leider nicht geschehen. Die Gruende, warum wir aus der gebotenen Vorsicht heraustraten, sind mir unbekannt. Zwischen der deutschen und oesterreichisch-ungarischen Reichsleitung war naemlich Mitte August 1916 in Wien eine Vereinbarung getroffen worden, nach welcher baldmoeglichst die oeffentliche Verkuendigung eines selbstaendigen Koenigreichs Polen mit erblicher Monarchie und konstitutioneller Verfassung erfolgen sollte. Diese Abmachung hatte man dadurch fuer uns Deutsche schmackhafter zu machen versucht, dass die beiden Vertragschliessenden sich verpflichtet hatten, keinen Teil ihrer einstmals polnischen Landesteile dem neuen polnischen Staat zufallen zu lassen, und dass Deutschland die oberste Fuehrung der einheitlichen polnischen Zukunftsarmee zugesprochen erhielt. Beide Zugestaendnisse hielt ich fuer Utopien. Durch diese oeffentliche Verkuendigung wuerden die politischen Verhaeltnisse im Rueckengebiet unserer Ostfront voellig veraendert worden sein. Mein Vorgaenger hatte infolgedessen mit Recht sofort gegen diese Verkuendigung Einspruch erhoben. Seine Majestaet der Kaiser entschied zugunsten des Generals von Falkenhayn. Nun war es aber fuer jedermann, der die Zustaende in der Donaumonarchie kannte, klar, dass die in Wien einmal getroffene Vereinbarung nicht geheim bleiben wuerde. Sie konnte wohl noch eine kurze Zeit offiziell zurueckgehalten aber nicht mehr aus der Welt geschafft werden. In der Tat war sie schon Ende August allgemein bekannt. So stand ich bei Uebernahme der Obersten Heeresleitung einer vollendeten Tatsache gegenueber. Kurze Zeit darauf forderte der mir dienstlich nicht unterstellte Generalgouverneur von Warschau von unserer Reichsleitung die Verkuendigung des polnischen Koenigsreichs als eine nicht laenger hinausschiebbare Tatsache. Er liess die Wahl zwischen Schwierigkeiten im Lande und der sicheren Aussicht auf eine Verstaerkung unserer Streitkraefte durch polnische Truppen, die sich im Fruehjahr 1917 bei freiwilligem Eintritt auf 5 ausgebildete Divisionen, bei Einfuehrung der allgemeinen Wehrpflicht auf 1 Million Mann belaufen wuerden. Eine so wenig guenstige Meinung ich auch glaubte, 1914 und 15 von einer Teilnahme der polnischen Bevoelkerung am Krieg gegen Russland gewonnen zu haben, der Generalgouverneur musste es besser wissen. Er kannte die Entwicklung der inneren politischen Verhaeltnisse des eroberten Landes seit 1915 und war der Ueberzeugung, dass uns die Geistlichkeit wirksam bei der Werbung zum Kampf unterstuetzen wuerde. Wie haette ich es da bei unserer Kriegslage verantworten koennen, diese als so bestimmt bezeichnete Hilfe abzulehnen? Entschied ich mich aber fuer diese, so durfte keine Zeit verloren gehen, damit wir bis zum Beginn der naechsten Fruehjahrskaempfe leidlich ausgebildete Truppen in der vordersten Linie einsetzen konnten. Mochte dann ein siegreiches Deutschland sich nach dem Frieden mit der nun einmal aufgerollten polnischen Frage abfinden. Da stiessen wir, ueberraschend fuer mich, auf den Widerstand der Reichsleitung. Sie glaubte in dieser Zeit Faeden fuer einen Sonderfrieden mit Russland gefunden zu haben und hielt es fuer bedenklich, die eingeleiteten Schritte durch die Proklamation eines unabhaengigen Polens in den Augen des Zaren zu kompromittieren. Die politischen und militaerischen Ruecksichten gerieten also in Widerstreit. Der Ausgang der ganzen Angelegenheit war schliesslich der, dass die Hoffnungen auf einen Sonderfrieden mit Russland scheiterten, dass in den ersten Tagen des Novembers das Manifest doch veroeffentlicht wurde, und dass die daraufhin eingesetzten Werbungen polnischer Freiwilligen voellig ergebnislos verliefen. Der Werberuf fand nicht nur keine Unterstuetzung der katholischen Geistlichkeit, sondern loeste offenen Widerstand aus. Sofort nach Verkuendigung des Manifestes trat der Widerstreit zwischen den Interessen Oesterreichs und denjenigen Deutschlands in dem polnischen Problem hervor. Unsere Verbuendeten erstrebten immer offenkundiger eine Vereinigung Kongress-Polens mit Galizien unter ihrem beherrschenden Einfluss. Ich glaubte diesen Bestrebungen gegenueber, sofern sie nicht von unserer Reichsleitung ueberhaupt zum Scheitern gebracht werden konnten, wenigstens fuer eine entsprechende Verbesserung an unserer Ostgrenze nach rein militaerischen Gesichtspunkten eintreten zu muessen. Eigentlich konnte ja ueber alle diese Fragen nur der Ausgang des Krieges entscheiden. Ich bedauerte es daher lebhaft, dass unsere Zeit durch diese im Kriege ueberreichlich in Anspruch genommen wurde. Im uebrigen muss ich betonen, dass die mit unserem Verbuendeten entstandenen Reibungen auf politischem Gebiete niemals auf unsere beiderseitigen militaerischen Verhaeltnisse irgend welchen Einfluss ausuebten. Eine aehnliche Rolle wie Polen in unseren Beziehungen zu Oesterreich-Ungarn spielte die Dobrudscha in unseren politischen und militaerischen Auseinandersetzungen mit Bulgarien. Bei der Dobrudschafrage handelte es sich letzten Endes darum, ob Bulgarien mit dem uneingeschraenkten zukuenftigen Besitz dieses Landes den Schienenweg ueber Cernavoda-Constanza in seine Hand bekommen wuerde. Geschah das, so beherrschte es die letzte und naechst der Orientbahn wichtigste Landesverbindung zwischen Mitteleuropa und dem nahen Orient. Bulgarien erkannte natuerlich die guenstige Gelegenheit, uns in dieser Richtung waehrend des Krieges Zugestaendnisse abzuringen. Andererseits bat die Tuerkei als zunaechst beruehrt um unseren politischen Beistand gegen diese bulgarischen Plaene. Wir gaben ihr diese Unterstuetzung. So brach ein politischer Kleinkrieg unter militaerischer Maske los und dauerte nahezu ein Jahr lang an. Der Verlauf war kurz beschrieben folgender: Der zwischen uns und Bulgarien abgeschlossene Buendnisvertrag stellte fuer einen rumaenischen Kriegsfall unseren Bundesgenossen den Wiedergewinn der im Jahre 1912 verlorenen Teile der suedlichen Dobrudscha sowie dortige Grenzverbesserungen in Aussicht, sprach aber mit keinem Worte von dem Anheimfall dieser ganzen rumaenischen Provinz an Bulgarien. Auf Grund dieses Vertrages hatten wir die frueheren bulgarischen Teile der suedlichen Dobrudscha nach der wesentlichen Beendigung des rumaenischen Feldzuges sofort der Verwaltung der bulgarischen Regierung uebergeben, richteten aber in der Mitteldobrudscha im Einverstaendnis mit allen unseren Verbuendeten eine deutsche Verwaltung ein. Sie arbeitete auf Grund eines besonderen Abkommens in wirtschaftlicher Beziehung nahezu ausschliesslich zugunsten Bulgariens. Die noerdliche Dobrudscha fiel als Operationsgebiet der dort stehenden 3. bulgarischen Armee zu. Die Verhaeltnisse schienen aeusserlich voellig befriedigend geregelt. Doch dauerte diese Zufriedenheit nicht lange. Der Fehdehandschuh wurde uns von dem bulgarischen Ministerpraesidenten hingeworfen. Noch vor Abschluss des rumaenischen Feldzuges regte er bei seinen Politikern den Gedanken des Heimfalls der ganzen Dobrudscha an Bulgarien an und stellte die deutsche Oberste Heeresleitung als Hemmschuh dieser Bestrebungen hin. Hieraus entstand eine scharfe politische Bewegung gegen uns. Koenig Ferdinand war zunaechst mit dem Vorgehen seiner Regierung nicht einverstanden. Dem Druck der entstandenen Erregung glaubte er jedoch spaeter nachgeben zu muessen. Ebenso hatte sich die bulgarische Oberste Heeresleitung anfangs nicht in die Angelegenheit hineinziehen lassen. Sie fuehlte wohl die Gefahr, wenn in die schon an sich starken und verschiedenen politischen Stroemungen innerhalb ihres Heeres ein neues Element der Beunruhigung hineingeworfen wuerde. Bald leistete aber auch General Jekoff dem Draengen seines Ministerpraesidenten keinen weiteren Widerstand mehr. Die angezettelte Bewegung wuchs der bulgarischen Regierung ueber den Kopf, und es entstand ein allgemeines politisches Kesseltreiben gegen die deutsche Oberste Heeresleitung, hauptsaechlich gefuehrt durch unverantwortliche Agitatoren und ohne jede Ruecksicht auf das bestehende waffenbruederliche Verhaeltnis. Die Verbissenheit, mit der bulgarische Kreise an diesem Ziele ihres Heisshungers festhielten, haette sich auf dem Gebiete der Kriegfuehrung fuer die allgemeinen Zwecke besser gelohnt. In diesen Zustaenden zeigten sich die Folgen einer schaedlichen Seite unserer Buendnisvertraege. Wir hatten den Bulgaren bei Abschluss unseres Waffenbundes seinerzeit die denkbar weitestgehenden Zusicherungen in bezug auf Vergroesserung des Landes und Vereinigung seiner voelkischen Staemme gemacht, Zusicherungen, die wir nur im Falle eines vollen Sieges haetten halten koennen. Bulgarien war aber auch mit diesen Zusicherungen noch nicht zufrieden. Fortdauernd vergroesserte es seine Ansprueche ganz ohne Ruecksicht darauf, ob das bisher kleine Staatswesen imstande sein wuerde, solche Vergroesserungen spaeter politisch und wirtschaftlich beherrschen zu koennen. Solche Begehrlichkeiten enthielten fuer uns aber auch eine unmittelbare militaerische Gefahr. Ich habe schon frueher darauf hingewiesen, von welch grossem militaerischen Vorteil es gewesen waere, wenn wir im Herbste 1916 die Verteidigung an der mazedonischen Front auf dem westlichen Fluegel bis in die Gegend von Prilep zurueckverlegt haetten. Nur eine Andeutung unsererseits in dieser Beziehung genuegte, um in allen politischen bulgarischen Kreisen augenscheinlich schwerwiegende Bedenken hervorzurufen. Man befuerchtete sofort den Verlust der Ansprueche auf militaerisch geraeumte Gebiete, man setzte lieber eine ganze Armee auf das Spiel, als dass man, wie es hiess, die Preisgabe "der altbulgarischen Stadt Ochrida" vor dem eigenen Lande zu verantworten wagte. Wir werden spaeter sehen, wohin uns unsere grossen Zugestaendnisse an Bulgarien noch fuehren sollten. Das Hin und Her all dieser zahllosen politischen Fragen und Gegenfragen brachte mir nur unbefriedigende Stunden und verstaerkte betraechtlich meine Abneigung gegen die Politik. Einen wesentlich anderen Inhalt als unser Buendnisvertrag mit Bulgarien hatte derjenige mit der Tuerkei. Deren Regierung gegenueber hatten wir uns nur zur Erhaltung ihres territorialen Besitzstandes vor dem Kriege verpflichtet. Nun hatte aber der Osmane im Verlauf der beiden ersten Kriegsjahre bedeutende Teile seiner asiatischen Randgebiete verloren. Unsere Buendnisverpflichtungen waren dadurch sehr belastet. Eine bedenkliche Rueckwirkung dieser misslichen Verhaeltnisse auf die Gesamtleitung des Krieges schien nicht ausgeschlossen, weil die tuerkische Regierung in dieser Richtung Forderungen stellen konnte, denen wir uns aus politischen Gruenden vielleicht nicht zu entziehen vermochten. In dieser Hinsicht war daher fuer uns die hohe Auffassung Enver Paschas von der gemeinsamen Kriegfuehrung und ihren entscheidenden Gesichtspunkten von groesstem Wert. Auch die politische Auffassung der uebrigen tuerkischen Machthaber schien uns einstweilen eine Gewaehr dafuer zu geben, dass die bisherigen osmanischen Verluste unser Kriegskonto nicht uebertrieben belasten wuerden. Wurde uns doch versichert, dass die osmanische Regierung sich im Falle des Eintritts von Friedensverhandlungen nicht auf den Wortlaut unserer Vertragsbestimmungen versteifen, sondern sich mit der Anerkennung einer mehr oder minder formellen Hoheit ueber grosse Teile der verlorenen Gebiete abfinden wuerde, sofern es gelingen solle, eine Formel zur Erhaltung des Prestiges ihrer jetzigen Regierung zu finden. Fuer unsere Politik wie Kriegsleitung war es also eine ganz wesentliche Aufgabe, die derzeitige osmanische Reichsleitung zu stuetzen; fuer Enver wie fuer Talaat Pascha fand sich nicht leicht ein Ersatz, der uns voll und sicher zugetan war. Das durfte uns freilich nicht hindern, politischen Stroemungen in der Tuerkei entgegenzutreten, die auf die militaerischen Aufgaben des Landes im Rahmen des Gesamtkrieges stoerend wirkten. Ich verweise hierbei auf meine frueheren Bemerkungen ueber die panislamitische Bewegung. Sie drohte andauernd die Tuerkei militaerisch in eine falsche Richtung abzulenken. Nach dem Zusammenbruch Russlands suchte der Panislamismus sein Ausdehnungsgebiet in der Richtung auf den Kaukasus. Ja, er fasste darueber hinaus ein Weitergreifen auf die transkaspischen Laender ins Auge und verlor sich schliesslich in den weiten Raeumen Zentralasiens mit dem phantastischen Wunsche, auch dortige alte Kultur- und Glaubensgemeinschaften mit dem osmanischen Reiche zu vereinen. Dass wir solchen orientalischen politischen Traumgebilden unsere militaerische Unterstuetzung nicht leihen konnten, dass wir vielmehr die Rueckkehr aus diesen weitschweifenden Plaenen auf den Boden der jetzigen kriegerischen Wirklichkeiten fordern mussten, war klar, das Bemuehen aber leider nicht erfolgreich. Weit schwieriger als unser Einfluss auf die aussenpolitischen Probleme der Tuerkei musste natuerlich unser Einfluss auf innere Verhaeltnisse dieses Reiches sein. Und doch konnten wir uns wenigstens des Versuches solcher Schritte nicht voellig entschlagen. Nicht nur die primitiven wirtschaftlichen Zustaende gaben hierzu Veranlassung sondern auch allgemein menschliche Empfindungen. Das ueberraschende nochmalige Aufleben osmanischer Kriegskraft, das Wiederaufflammen frueheren Heldentumes in diesem Daseinskampf beleuchtete gleichzeitig die dunkelste Seite der tuerkischen Herrschaft: ich meine ihr Vorgehen gegen die armenischen Volksteile ihres Gebietes. Die armenische Frage barg eines der allerschwierigsten Probleme fuer die Tuerkei in sich. Sie beruehrte sowohl den pantuerkischen wie auch den panislamitischen Ideenkreis. Die Art, wie sie von fanatischer tuerkischer Seite zu loesen versucht wurde, hat die ganze Welt waehrend des Krieges beschaeftigt. Man hat uns Deutsche mit den grausigen Vorkommnissen in Verbindung bringen wollen, die sich in dem ganzen osmanischen Reiche und gegen Schluss des Krieges auch im armenischen Transkaukasien abspielten. Ich fuehle mich daher verpflichtet, sie hier zu beruehren, und habe wahrlich keinen Grund, unsere Einwirkung mit Stillschweigen zu uebergehen. Wir haben nicht gezoegert, in Wort und Schrift einen hemmenden Einfluss auf die wilde, schrankenlose Art der Kriegfuehrung auszuueben, die im Orient durch Rassenhass und Religionsfeindschaften in traditionellem Gebrauch war. Wir haben wohl zusagende Aeusserungen massgebender Stellen der tuerkischen Regierung erhalten, waren aber nicht imstande, den passiven Widerstand zu ueberwinden, der sich gegen diese unsere Einmischungen richtete. So erklaerte man beispielsweise von tuerkischer Seite die armenische Frage als lediglich innere Angelegenheit und war sehr empfindlich, wenn sie von uns beruehrt wurde. Auch unsere manchmal an Ort und Stelle befindlichen Offiziere erreichten nicht immer eine Abmilderung der Hass- und Racheakte. Das Erwachen der Bestie im Menschen beim Kampf auf Leben und Tod, im politischen und religioesen Fanatismus, bildet eines der schwaerzesten Kapitel in der Geschichte aller Zeiten und Voelker. Die uebereinstimmenden Urteile voelkisch voellig neutraler Beobachter gingen dahin, dass die in ihren innersten Leidenschaften aufgewuehlten Parteien bei der gegenseitigen Vernichtung sich die Wage hielten. Das entsprach wohl den sittlichen Begriffen, die bei Voelkern jener Gebiete durch die noch herrschenden oder erst seit kurzem ueberwundenen Gesetze der Blutrache geheiligt erschienen. Der Schaden, der durch diese Vernichtungsakte angerichtet wurde, ist ganz unuebersehbar. Er machte sich nicht allein auf menschlichem und politischem sondern auch auf wirtschaftlichem und militaerischem Gebiete geltend. Die Zahl der besten tuerkischen Kampftruppen, die im Verlauf des Krieges im kaukasischen Hochlandswinter als Folgen dieser Vernichtungspolitik wider die Armenier einen elenden Erschoepfungstod fanden, wird wohl niemals mehr festzustellen sein. Die Tragik in der Geschichte des braven anatolischen Soldaten, dieses Kernmenschen des osmanischen Reiches, wurde durch dieses massenhafte Hinsterben infolge aller denkbaren Entbehrungen um ein weiteres Kapitel erweitert. - Ob es das letzte gewesen ist? Die Friedensfrage Mitten in den Vorbereitungen zum rumaenischen Feldzug trat an mich die Friedensfrage heran. Diese war, soweit mir bekannt, durch den oesterreichisch-ungarischen Aussenminister Baron Burian ins Rollen gebracht. Dass ich einem solchen Schritt alle meine menschlichen Zuneigungen entgegenbrachte, bedarf fuer den Kenner meiner Person und meiner Auffassung vom Kriege wohl keiner weiteren Versicherung. Im uebrigen gab es fuer mich bei der Mitwirkung in dieser Frage nur Ruecksichten auf meinen Kaiser und mein Vaterland. Ich hielt es fuer meine Aufgabe, bei der Behandlung und versuchten Loesung des Friedensgedankens dafuer zu sorgen, dass weder Heer noch Heimat irgendwelchen Schaden litten. Die Oberste Heeresleitung hatte bei der Festsetzung des Wortlautes unseres Friedensangebotes mitzuwirken; eine ebenso schwierige als undankbare Aufgabe, bei der der Eindruck der Schwaeche im In- und Ausland wie auch alle Schroffheiten des Ausdrucks vermieden werden sollten. Ich war Zeuge, mit welch tiefinnerem Pflichtbewusstsein Gott und den Menschen gegenueber sich mein Allerhoechster Kriegsherr der Loesung dieser Friedensanregung hingab; und glaube nicht, dass er ein voelliges Scheitern dieses Schrittes fuer wahrscheinlich hielt. Mein Vertrauen auf das Gelingen war dagegen von Anfang an recht gering. Unsere Gegner hatten sich foermlich in ihren Begehrlichkeiten ueberboten, und es schien mir ausgeschlossen, dass eine der feindlichen Regierungen von den Versprechungen, die sie sich gegenseitig und ihren Voelkern gemacht hatten, freiwillig zuruecktreten koennte und wuerde. Durch diese Ansicht wurde aber mein ehrlicher Wille zur Mitarbeit an diesem Werke der Menschlichkeit nicht beeintraechtigt. Am 12. Dezember wurde der uns feindlichen Welt unsere Bereitschaft zum Frieden verkuendet. Wir fanden in der gegnerischen Propaganda wie in den gegnerischen Regierungslagern als Antwort nur Hohn und Abweisung. Unserem eigenen Friedensschritte folgte eine gleichgerichtete Bemuehung des Praesidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika auf dem Fusse. Die Oberste Heeresleitung wurde vom Reichskanzler ueber die Anregungen, die er durch unseren Botschafter in den Vereinigten Staaten hatte ergehen lassen, unterrichtet. Ich selbst hielt den Praesidenten Wilson nicht geeignet fuer eine parteilose Vermittelung, konnte mich vielmehr des Gefuehles nicht erwehren, dass der Praesident eine starke Hinneigung zu unseren Gegnern, und zwar in erster Linie zu England, hatte. Das war wohl die ganz natuerliche Folgeerscheinung seiner angelsaechsischen Herkunft. Ebenso wie Millionen meiner Landsleute konnte ich das bisherige Verhalten Wilsons nicht fuer parteilos halten, wenn es vielleicht auch dem Wortlaut der Neutralitaetsbestimmungen nicht widersprach. In allen Fragen der Verletzung des Voelkerrechtes ging der Praesident gegen England mit allen moeglichen Ruecksichten vor. Er liess sich hierbei die schroffsten Abweisungen gefallen. In der Frage des Unterseebootkrieges dagegen, die doch nur unsere Gegenwirkung gegen die englischen Willkueren war, zeigte Wilson die groesste Empfindlichkeit und verstieg sich sofort zu Kriegsdrohungen. Deutschland gab seine Zustimmung zu dem Grundgedanken der Wilsonschen Anregung. Die Gegner aeusserten sich Wilson gegenueber ueber Einzelheiten ihrer Forderungen, die im wesentlichen auf eine dauernde wirtschaftliche und politische Laehmung Deutschlands, auf eine Zertruemmerung Oesterreich-Ungarns und auf eine Vernichtung des osmanischen Staatswesens hinausliefen. Jedem, der die damalige Kriegslage ruhig wuerdigte, musste sich der Gedanke aufdraengen, dass die gegnerischen Kriegsziele nur bei einem voellig Unterlegenen Aussicht auf Annahme finden konnten, dass wir aber keine Veranlassung hatten, uns als die Unterlegenen zu erklaeren. Jedenfalls wuerde ich es nach dem damaligen Stande der Dinge fuer ein Verbrechen an meinem Vaterlande und einen Verrat an unseren Bundesgenossen erachtet haben, wenn ich mich derartigen feindlichen Anforderungen gegenueber anders als voellig ablehnend verhalten haette. Ich konnte bei der damaligen Kriegslage meiner Ueberzeugung und meinem Gewissen nach keinen anderen Frieden gut heissen als einen solchen, der unsere zukuenftige Stellung in der Welt derartig festigte, dass wir gegen gleiche politische Vergewaltigungen, wie sie dem jetzigen Kriege zugrunde lagen, geschuetzt blieben, und dass wir auch unseren Bundesgenossen eine dauernd starke Stuetze gegen jedwede Gefahr bieten konnten. Auf welchen politischen und geographischen Grundlagen dieses Ziel erreicht wurde, war fuer mich als Soldat eine Frage zweiter Linie; die Hauptsache war, dass es erreicht wurde. Ich glaubte mich auch keinem Zweifel darueber hingeben zu brauchen, dass das deutsche Volk und seine Verbuendeten die Kraft besitzen wuerden, die unerhoerten feindlichen Forderungen, koste es was es wolle, mit den Waffen in der Hand abzuweisen. In der Tat war die Haltung unserer Heimat gegenueber den feindlichen Anspruechen durchaus ablehnend. Auch kam weder von tuerkischer noch bulgarischer Seite zu dieser Zeit irgendeine Mahnung zur Nachgiebigkeit. Die Schwaecheanwandlungen Oesterreich-Ungarns hielt ich fuer ueberwindbar. Hauptsache war, dass man sich dort andauernd das Schicksal vor Augen hielt, dem die Donaumonarchie bei diesen feindlichen Anforderungen entgegenging, und dass man sich von dem Wahne freihielt, als ob mit dem Feinde vorderhand auf einer gerechteren Grundlage zu verhandeln sei. Wir hatten mit Oesterreich-Ungarn schon wiederholt die Erfahrung gemacht, dass es zu weit hoeheren Leistungen faehig war, als es selbst von sich glaubte. Die dortige Staatsleitung musste sich nur einem unbedingten Zwange gegenuebergestellt sehen, um dann auch groesseres leisten zu koennen. Aus diesen Gruenden war es meiner Ansicht nach verfehlt, Oesterreich-Ungarn gegenueber mit Trostspruechen zu arbeiten. Solche staerken nicht und heben nicht das Vertrauen und die Entschlusskraft. Das gilt Politikern ebenso wie Soldaten gegenueber. Alles zu seiner Zeit, aber wo es hart auf hart geht, da reissen starke Forderungen gepaart mit starkem Eigenwillen des Fordernden die Schwachwerdenden mehr und schaerfer empor, als es Worte des Trostes und Hinweises auf kommende bessere Zeiten zu tun vermoegen. Im Gegensatz zu unserer Auffassung sah eine Botschaft des Praesidenten Wilson an den amerikanischen Senat vom 22. Januar in der auf die ablehnende Antwort der Entente vom 30. Dezember folgenden Erklaerung der Kriegsziele unserer Feinde vom 12. Januar eine geeignetere Grundlage fuer Friedensbemuehungen als in unsrer diplomatischen Note, die sich lediglich auf die grundsaetzliche Zustimmung zur Fortsetzung seiner Friedensschritte beschraenkte. Dieses Verhalten des Praesidenten erschuetterte mein Vertrauen auf seine Unparteilichkeit noch weiter. Ich suchte in seiner an schoenen Worten reichen Botschaft vergebens die Zurueckweisung des Versuches unserer Gegner, uns als Menschen zweiter Kategorie zu erklaeren. Auch der Satz ueber die Herstellung eines einigen, unabhaengigen und selbstaendigen Polens erregte meine Bedenken. Er schien mir unmittelbar gegen Oesterreich und gegen uns gerichtet, stellte die Donaumonarchie vor einen Verzicht auf Galizien und deutete Gebietsverluste oder Verluste an Hoheitsrechten auch fuer Deutschland an. Wie konnte da noch von einer Unparteilichkeit des Vermittlers Wilson gegen die Mittelmaechte die Rede sein? Die Botschaft war fuer uns mehr eine Kriegserklaerung als ein Friedensschritt. Vertrauten wir uns erst einmal der Politik des Praesidenten an, so mussten wir auf eine abschuessige Bahn geraten, die uns schliesslich zu einem Frieden des Verzichtes auf unsere ganze politische, wirtschaftliche und militaerische Stellung zu fuehren drohte. Es schien mir nicht ausgeschlossen, dass wir nach dem ersten zustimmenden Schritt allmaehlich politisch immer weiter in die Tiefe gedrueckt und dann schliesslich zur militaerischen Kapitulation gezwungen wuerden. Durch Veroeffentlichungen im Oktober 1918 ist mir bekannt geworden, dass Praesident Wilson unmittelbar nach Verkuendigung der Senatsbotschaft vom 22. Januar 1917 dem deutschen Botschafter in Washington seine Bereitwilligkeit zur Einleitung einer offiziellen Friedensvermittelung ueberreichen liess. Die Mitteilung hiervon war am 28. Januar in Berlin eingetroffen. Ich hatte von diesem uns anscheinend sehr weit entgegenkommenden Schritt Wilsons bis zum Herbste 1918 nichts gehoert. Ob Irrtuemer oder Verkettung von widrigen Verhaeltnissen Schuld daran waren, weiss ich heute noch nicht. Meines Erachtens war der Krieg mit Amerika Ende Januar 1917 nicht mehr zu verhindern. Wilson befand sich zu jener Zeit in Kenntnis unserer Absicht, am 1. Februar den uneingeschraenkten Unterseebootkrieg zu beginnen. Es kann keinen Zweifeln unterliegen, dass der Praesident hierueber durch Auffangen und Entzifferung unserer diesbezueglichen Telegramme an den deutschen Botschafter in Washington von seiten Englands ebenso unterrichtet war, wie von dem Inhalt unserer uebrigen Depeschen. Die Senatsbotschaft vom 22. Januar und das daran anknuepfende Angebot der Friedensvermittelung wird hierdurch ohne weiteres gekennzeichnet. Das Unheil war im Rollen. Es wurde daher auch nicht mehr aufgehalten durch unsere Erklaerung vom 29. Januar, in der wir bereit waren, den Unterseebootkrieg sofort abzubrechen, wenn es den Bemuehungen des Praesidenten gelingen wuerde, eine Grundlage fuer Friedensverhandlungen zu sichern. Die Ereignisse von 1918 und 1919 scheinen mir eine volle Bestaetigung meiner damaligen Anschauungen zu sein, die auch von meinem Ersten Generalquartiermeister in jeder Beziehung geteilt wurden. Innere Politik Den Tagesfragen der inneren Politik hatte ich als aktiver Soldat ferner gestanden. Auch nach meinem Uebertritt in den Ruhestand beschaeftigten sie mich nur in dem Rahmen eines stillen Beobachters. Ich vermochte nicht zu verstehen, dass hier und da das Gesamtwohl des Vaterlandes oft recht kleinlichen Parteiinteressen gegenueber zuruecktreten sollte, und fuehlte mich in meiner politischen Ueberzeugung am wohlsten in dem Schatten des Baumes, der in dem ethisch-politischen Boden der Epoche unseres grossen greisen Kaisers festwurzelte. Diese Zeit mit ihrer fuer mich wunderbaren Groesse hatte ich voll und ganz in mich aufgenommen und hielt an ihren Gedanken und Richtlinien fest. Die Erlebnisse waehrend des jetzigen Krieges waren nicht geeignet, mich fuer die Aenderungen einer neueren Zeit besonders zu erwaermen. Ein kraftvoll in sich geschlossener Staat im Sinne Bismarcks war die Welt, in der ich mich in Gedanken am liebsten bewegte. Zucht und Arbeit innerhalb des Vaterlandes standen fuer mich hoeher als kosmopolitische Phantasien. Auch erkannte ich kein Recht fuer einen Staatsbuerger an, dem nicht eine gleichwertige Pflicht gegenueberzustellen waere. Im Kriege dachte ich nur an den Krieg. Hindernisse, die der Kraft seiner Fuehrung entgegentraten, sollten nach meiner Auffassung vom Ernst der Lage ruecksichtslos beseitigt werden. So machten es unsere Feinde, und wir haetten an ihrem Beispiel lernen koennen. Leider haben wir es nicht getan, sondern sind einem Wahngebilde der Voelkergerechtigkeit verfallen, anstatt das eigene Staatsgefuehl und die eigene Staatskraft im Kampfe um unser Dasein ueber alles andere zu stellen. Waehrend des Krieges musste sich die Oberste Heeresleitung mit einzelnen innerstaatlichen Aufgaben, besonders auf wirtschaftlichem Gebiete, beschaeftigen. Wir suchten diese Aufgaben nicht; sie draengten sich, mehr als mir erwuenscht war, an uns heran. Die innigen Beziehungen zwischen Heer und Volkswirtschaft machten es uns unmoeglich, die wirtschaftlichen Heimatfragen von der Kriegfuehrung durch eine Grenzlinie aehnlich einer solchen zwischen Kriegsgebiet und Heimat zu trennen. Das grosse Kriegsindustrieprogramm, das meinen Namen traegt, vertrat ich mit der vollen Verantwortung fuer seinen Inhalt. Die einzige Richtlinie, die ich fuer seine Bearbeitung gab, lautete dahin, dass der Bedarf fuer unsere kaempfenden Truppen unter allen Umstaenden gedeckt werden muesste. Einen anderen Grundsatz als diesen haette ich im vorliegenden Falle fuer ein Vergehen an unserem Heere und an unserem Vaterlande gehalten. Bei unsern Forderungen waren die Zahlen den frueheren gegenueber freilich ins Riesige gewachsen; ob sie erreicht werden konnten, vermochte ich nicht zu beurteilen. Man hat nach dem Kriege dem Programm den Vorwurf gemacht, es sei durch die Verzweiflung diktiert worden. Der Erfinder dieser Phrase taeuschte sich vollstaendig ueber die Stimmung, unter deren Einfluss dieses Programm entstanden ist. An der Einbringung des Gesetzes ueber den Kriegshilfsdienst war ich mit ganzem Herzen beteiligt. In der Not des Vaterlandes sollten sich nach meinem Wunsche nicht nur alle waffenfaehigen sondern auch alle arbeitsfaehigen Maenner, ja selbst Frauen, in den Dienst der grossen Sache stellen oder gestellt werden. Ich glaubte, dass durch ein solches Gesetz nicht nur personelle sondern auch sittliche Kraefte ausgeloest wuerden, die wir in die Wagschale des Krieges werfen konnten. Die schliessliche Gestaltung des Gesetzes zeigte freilich ein wesentlich anderes, weit bescheideneres Ergebnis, als mir vorgeschwebt hatte. Angesichts dieser Enttaeuschung bedauerte ich fast, dass wir unser Ziel nicht auf den schon bestehenden Gesetzesgrundlagen angestrebt hatten, wie das von anderer Seite beabsichtigt gewesen war. Der Gedanke, die Annahme des Gesetzes zu einer macht- und eindrucksvollen Kundgebung des gesamten deutschen Volkes zu gestalten, hatte mich den Einfluss der bestehenden inneren politischen Verhaeltnisse uebersehen lassen. Das Gesetz kam schliesslich zustande auf dem Boden innerpolitischer Handelsgeschaefte, nicht aber auf dem tiefgehender vaterlaendischer Stimmung. Man hat der Obersten Heeresleitung vorgeworfen, dass sie durch das Gesetz ueber den "Vaterlaendischen Hilfsdienst" und durch die Forderungen des sogenannten "Hindenburg-Programms" in sozialer wie in finanzieller und wirtschaftlicher Beziehung zu ueberstuerzenden Massnahmen Anlass gegeben haette, deren Folgen sich bis zu unserem staatlichen Umsturz, ja sogar darueber hinaus noch deutlich verfolgen liessen. Ich muss der zukuenftigen, von den gegenwaertigen Parteistroemungen befreiten Forschung zur Entscheidung ueberlassen, ob diese Vorwuerfe gerechtfertigt sind. Auf einen Punkt moechte ich jedoch noch hinweisen: Das Fehlen eines fuer den Krieg geschulten wirtschaftlichen Generalstabes machte sich im Verlauf unseres Kampfes ausserordentlich fuehlbar. Die Erfahrung zeigte, dass sich ein solcher waehrend des Krieges nicht aus dem Boden stampfen laesst. So glaenzend unsere militaerische und, ich darf wohl sagen, finanzielle Mobilmachung geregelt war, so sehr fehlte es andererseits an einer wirtschaftlichen. Was sich in letzterer Beziehung als notwendig erwies und geleistet werden musste, ueberstieg alle frueheren Vorstellungen. Wir sahen uns angesichts der nahezu voelligen Absperrung von den Auslandslieferungen bei der langen Dauer des Krieges sowie bei dem ungeheuren Materialverbrauch und Schiessbedarf vor voellig neue Aufgaben gestellt, an die sich im Frieden kaum irgend eine menschliche Phantasie herangewagt hatte. Bei all den entstehenden Riesenaufgaben, die Heer und Heimat gleichzeitig und aufs innigste beruehrten, zeigte sich das unbedingte Erfordernis einer festen Zusammenarbeit von allen Staatsstellen, wenn das Getriebe nur einigermassen reibungslos arbeiten sollte. Notwendig waere es wohl gewesen, eine gemeinsame Zentralbehoerde zu schaffen, bei der alle Forderungen zusammenliefen, und von der alle Leistungen verteilt wurden. Nur eine solche Behoerde haette wirtschaftlich und militaerisch weitblickende Entscheidungen treffen koennen. Sie haette unterstuetzt von volkswirtschaftlichen Groessen, die imstande waren, die Folgen ihrer Entscheidungen weithin zu ueberblicken, im freien Geiste geleitet werden muessen. An einer solchen Behoerde fehlte es. Es bedarf keiner naeheren Erlaeuterungen, dass nur ein ungewoehnlich begabter Verstand und eine ungewoehnlich organisatorische Kraft einer solchen Aufgabe haette gewachsen sein koennen. Selbst bei Erfuellung aller dieser Vorbedingungen waeren schwere Reibungen nicht ausgeblieben. So sehr ich zu vermeiden trachtete, mich bei inneren politischen Fragen in das Parteigetriebe einzumischen oder gar einer der bestehenden Parteien Vorspanndienste zu leisten, so gern lieh ich sozialen Fragen allgemeiner Natur meine Unterstuetzung. Besonders glaubte ich zur Frage der Kriegerheimstaetten die wohlwollendste Stellung einnehmen zu muessen. Meinen Beifall hatte vornehmlich die ethische Seite dieser Bestrebungen. Kannte ich doch keinen schoeneren und befriedigerenden Blick als den ueber ein wohlgepflegtes Stueck Kulturland hinweg in das Heim zufriedener Menschen. Wie viele unserer Tapferen an der Front werden in stillen Stunden ein Hoffen und Sehnen nach solchem in sich gefuehlt haben. Mein Wunsch geht dahin, dass recht zahlreichen meiner treuen Kriegsgefaehrten nach allen Leiden und Muehen dieses Glueck beschieden sei! Vorbereitungen fuer das kommende Feldzugsjahr Unsere Aufgaben Als sich das Ergebnis der Kaempfe des Jahres 1916 mit einiger Sicherheit ueberblicken liess, mussten wir ueber die Weiterfuehrung des Krieges im Jahre 1917 ins klare kommen. Ueber das, was der Gegner im naechsten Jahre tun wuerde, war bei uns kein Zweifel. Wir mussten auf einen allgemeinen feindlichen Angriff rechnen, sobald die gegnerischen Vorbereitungen und die Witterungsverhaeltnisse einen solchen zuliessen. Vorauszusehen war, dass unsere Feinde, gewitzigt durch die Erfahrungen der vorhergegangenen Jahre, eine Gleichzeitigkeit ihrer Angriffe auf allen Fronten anstreben wuerden, sofern wir ihnen hierzu die Zeit und Gelegenheit liessen. Nichts konnte naeher liegen und unser aller Wuenschen und Empfindungen mehr entsprechen, als diesem zu erwartenden Generalsturm zuvorzukommen, die gegnerischen Plaene dadurch ueber den Haufen zu werfen und damit von Anfang an die Vorhand an uns zu reissen. Ich darf wohl behaupten, dass ich in dieser Beziehung in den vorausgehenden Feldzugsjahren nichts versaeumt hatte, sobald mir die Mittel hierfuer in einem nur einigermassen genuegenden Ausmass zur Verfuegung standen. Jetzt aber durften wir uns ueber diesen Wuenschen den Blick fuer die tatsaechliche Lage nicht trueben lassen. Es bestand kein Zweifel, dass sich das Staerkeverhaeltnis zwischen uns und unseren Gegnern am Ende des Jahres 1916 noch mehr zu unseren Ungunsten verschoben hatte, als dies schon bei Beginn des Jahres der Fall gewesen war. Rumaenien war zu unseren Gegnern getreten und trotz seiner schweren Niederlage ein Machtfaktor geblieben, mit dem wir weiter rechnen mussten. Das geschlagene Heer fand hinter den russischen Linien Schutz und Zeit fuer seinen Wiederaufbau und konnte dabei auf die Mitwirkung der Entente im weitesten Umfang rechnen. Es war ein Verhaengnis fuer uns, dass es unserer Heeresfuehrung waehrend des ganzen Krieges nicht gelungen ist, auch nur einen unserer kleineren Gegner mit Ausnahme von Montenegro zum baldigen Ausscheiden aus der Zahl unserer Feinde zu zwingen. So war im Jahre 1914 die belgische Armee aus Antwerpen entkommen und stand uns, wenn auch im allgemeinen tatenlos, andauernd gegenueber, uns zu einem immerhin nicht unbedeutenden Kraefteverbrauch zwingend. Mit der serbischen Armee war es uns im Jahre 1915 nur scheinbar guenstiger gegangen. Sie war unsern umfassenden Bewegungen entgangen, allerdings in einem trostlosen Zustande. Im Sommer 1916 erschien sie jedoch wieder kampfkraeftig auf dem Kriegstheater in Mazedonien und erhielt zur Auffrischung ihrer Verbaende andauernd Zuzug und Ersatz aus allen moeglichen Laendern, zuletzt besonders auch durch oesterreichisch-ungarische Ueberlaeufer slawischer Nationalitaeten. In allen drei Faellen, Belgien, Serbien und Rumaenien, hatte das Schicksal der gegnerischen Armee an einem Haare gehangen. Die Gruende ihres Entrinnens mochten verschieden sein, die Wirkung war stets die gleiche. Man ist angesichts solcher Tatsachen nur zu leicht geneigt, dem Zufall im Kriege eine grosse Rolle zuzusprechen. Mit diesem Ausdruck wuerdigt man den Krieg aus seiner stolzen Hoehe zu einem Gluecksspiel herab. Als solches ist er mir niemals erschienen. Ich sah in seinem Verlauf und Ergebnis, auch wenn letzteres sich gegen uns wendete, immer und ueberall eine herbe Folgenreihe unerbittlicher Logik. Wer zugreift und zugreifen kann, hat den Erfolg auf seiner Seite, wer das unterlaesst oder unterlassen muss, verliert. Fuer das Feldzugsjahr 1917 konnten wir darueber im Zweifel sein, ob die Hauptgefahr fuer uns aus West oder Ost kommen wuerde. Rein vom Standpunkte zahlenmaessiger Ueberlegenheit schien die Gefahr an der Ostfront groesser. Wir mussten annehmen, dass es dem Russen im Winter 1916/17 ebenso wie in den Vorjahren gelingen wuerde, seine Verluste zu ersetzen und seine Armee mit Erfolg angriffsfaehig zu machen. Keine Kunde drang zu uns, aus der besonders auffallende Zersetzungserscheinungen innerhalb des russischen Heeres hervorgegangen waere. Die Erfahrung hatte mich uebrigens gelehrt, derartige Nachrichten jederzeit und von wem sie auch kommen mochten, mit aeusserster Vorsicht aufzunehmen. Dieser russischen Staerke gegenueber konnten wir die Verhaeltnisse in dem oesterreichisch-ungarischen Heere nicht ohne Sorge betrachten. Nachrichten, die uns zukamen, liessen die Zuversicht nicht recht aufkommen, dass der glueckliche Ausgang des rumaenischen Feldzuges und die verhaeltnismaessig guenstige, wenn auch immer gespannte Lage an der italienischen Front auf den moralischen Halt der k. u. k. Truppen einen ausreichend erhebenden und staerkenden Einfluss ausgeuebt hatten. Wir mussten weiterhin damit rechnen, dass Angriffe der Russen wieder Zusammenbrueche in den oesterreichischen Linien verursachen koennten. Es war sonach ausgeschlossen, den oesterreichischen Fronten die unmittelbare deutsche Unterstuetzung zu nehmen; wir mussten uns im Gegenteil bereithalten, bei gelegentlichen Notfaellen an den Fronten des Verbuendeten mit weiteren Kraeften auszuhelfen. Wie sich die Verhaeltnisse an der mazedonischen Front gestalten wuerden, war ebenfalls unsicher. Dort hatte im Verlauf der letzten Kaempfe ein deutsches Heeresgruppenkommando die Fuehrung der rechten und mittleren bulgarischen Armee, d. h. im allgemeinen die Front von Ochrida bis zum Doiran-See, uebernommen; auch waren sonst noch aus den Kaempfen der Jahre 1915 und 1916 her hoehere deutsche Befehlshaber in dieser Front taetig geblieben. Andere unserer Offiziere waren ferner damit beschaeftigt, die reichen Kriegserfahrungen auf allen unseren Fronten der bulgarischen Armee zu uebermitteln. Das Ergebnis dieser Arbeit konnte sich aber erst beim Wiederaufleben der Kaempfe zeigen. Vorderhand schien es gut, unsere Hoffnungen nicht allzu hoch zu spannen. Unterstuetzungsbereit mussten wir jedenfalls auch fuer die mazedonische Front sein. Auch an unserer Westfront mussten wir damit rechnen, dass die Gegner im kommenden Fruehjahr trotz ihrer zweifellos schweren Verluste des vergangenen Jahres mit voller Kraft wieder auf dem Kampfplatz erscheinen wuerden. Ich moechte den Ausdruck "volle Kraft" natuerlich bedingt aufgefasst wissen, denn die verlorene alte Kraft ersetzt sich im Verlauf weniger Monate wohl zahlenmaessig, aber nicht ihrem inneren Werte nach voll und ganz. Der Feind unterlag in dieser Richtung den gleichen harten Gesetzen wie auch wir. Das taktische Bild an den wichtigsten Teilen dieser Front war folgendes: Der Gegner hatte im zaehesten, fuenfmonatigen Ringen an der Somme unsere Linien in 40 km Breite und etwa 10 km Tiefe zurueckgeworfen. Vergessen wir diese Zahlen fuer spaetere Vergleiche nicht! Dieser Erfolg, der mit hunderttausenden von blutigen Opfern bezahlt war, war bei der Groesse unserer Gesamtfront eigentlich gering. Die Einbiegung unserer Linien drueckte aber auf unsere nach Nord und Sued anschliessenden Nebenfronten. Die Lage forderte gebieterisch eine Verbesserung; wir liefen sonst Gefahr, aus diesem Bogen heraus durch erneute feindliche Angriffe, verbunden mit noerdlich und suedlich davon angesetzten Nebenangriffen, umfasst zu werden. Ein eigener, umfassender Angriff gegen den eingebrochenen Feind war die naechstliegende, angesichts unserer Gesamtlage aber auch die bedenklichste Loesung. Durften wir es wagen, alle unsere Kraft zu einem grossen Angriff in der mit feindlichen Truppen angefuellten Gegend an der Somme einzusetzen, waehrend wir vielleicht an anderer Stelle der Westfront oder an der Ostfront einen Zusammenbruch erlebten? Es zeigte sich hier wieder einmal, dass unsere Kriegfuehrung, wenn sie mit grossen Plaenen nach der einen Seite blickte, die Augen nach der anderen nicht verschliessen durfte. Das Jahr 1916 redete in dieser Beziehung eine Sprache, die sich Gehoer verschaffen musste. Wenn wir nun die durch die Sommeschlacht entstandene Frontgestaltung durch einen Angriff nicht verbessern konnten, so mussten wir die Folgerungen daraus ziehen und unsere Linien zuruecknehmen. Wir entschieden uns daher auch zu dieser Massnahme und verlegten unsere Stellung, die bis Peronne eingedrueckt war und andrerseits noch bis westlich Bapaume, Roye und Noyon vorsprang, in die Sehnenlinie Arras-St. Quentin-Soissons zurueck. Diese neue Linie ist unter dem Namen Siegfriedstellung bekannt. Also Rueckzug an der Westfront statt Angriff! Kein leichter Entschluss. Schwere Enttaeuschung fuer das Westheer, vielleicht eine noch schwerere fuer die Heimat, die schwerste, wie zu befuerchten, bei unseren Verbuendeten. Heller Jubel bei unsern Gegnern! Kann man sich auch einen geeigneteren Stoff fuer Propaganda vorstellen? Glaenzender, wenn auch spaet sichtbarer Erfolg der blutigen Sommeschlacht, zusammengebrochener deutscher Widerstand, heftige unaufhoerliche Verfolgungen mit grossen Beutezahlen, Schauergeschichten ueber unsere Kriegfuehrung. Man konnte das ganze Register, das aufgezogen werden wuerde, schon vorher hoeren. Welch ein Hagel propagandistischer Literatur wird nunmehr auf und hinter unseren Linien niederfallen! Unsere grosse Rueckwaertsbewegung begann am 16. Maerz 1917. Der Gegner folgte ihr ins freie Gelaende zumeist mit gemessener Vorsicht. Wo diese Vorsicht sich zu groesserem Draengen steigern wollte, verstanden es unsere Deckungstruppen, abkuehlend auf den feindlichen Eifer zu wirken. Mit der getroffenen Massnahme schufen wir uns nicht nur guenstigere oertliche Kampfbedingungen an der Westfront sondern verbesserten auch unsere gesamte Kriegslage. Gab uns doch die Verkuerzung der Verteidigungslinie im Westen die Moeglichkeit zur Schaffung starker Reserven. Verlockend war der Plan, wenigstens einen Teil derselben auf den Feind zu werfen, wenn dieser unserem Rueckzug in die Siegfriedstellung ueber das freie Gelaende folgen wuerde, in dem wir uns ihm unbedingt ueberlegen fuehlten. Wir verzichteten jedoch hierauf und hielten unser Pulver fuer die Zukunft trocken. Man kann die Lage, wie wir sie uns bis zum Fruehjahr des Jahres 1917 geschaffen hatten, vielleicht als eine grosse strategische Bereitstellung bezeichnen, in der wir dem Gegner einstweilen die Vorhand ueberliessen, aus der heraus wir aber jederzeit imstande waren, gegen feindliche Schwaechepunkte zum Angriff zu schreiten. Geschichtliche Vergleiche aus frueheren Kriegen koennen bei der ungeheuer gesteigerten Groesse aller Verhaeltnisse nicht gezogen werden. Im Zusammenhang mit diesen Ausfuehrungen muss ich zwei Plaene besprechen, mit denen wir uns im Winter 1916/17 zu beschaeftigen hatten. Es waren Vorschlaege fuer einen Angriff sowohl in Italien als auch in Mazedonien. Die Anregung in der erstgenannten Richtung ging noch im Winter 1916/17 vom Generaloberst von Conrad aus. Er versprach sich von einem grossen Erfolge gegen Italien eine weitgehende Einwirkung auf unsere gesamte kriegerische und politische Lage. Dieser Anschauung konnte ich mich nicht anschliessen. Wie ich schon frueher ausfuehrte, vertrat ich dauernd die Anschauung, dass Italien viel zu sehr unter dem wirtschaftlichen und damit auch unter dem politischen Druck Englands stuende, als dass dieses Land, selbst durch eine grosse Niederlage, zu einem Sonderfrieden zu zwingen waere. Generaloberst von Conrad dachte bei seinem Vorschlage wohl in erster Linie an die guenstige Rueckwirkung eines siegreichen Feldzuges gegen Italien auf die Stimmung in den oesterreichisch-ungarischen Laendern. Er hoffte auf die grosse militaerische Entlastung, die mit einem solchen Erfolge fuer Oesterreich-Ungarn eintreten musste. Diese Gesichtspunkte konnte ich ihm als wohlberechtigt durchaus nachempfinden. Allein ohne starke deutsche Unterstuetzung - es handelte sich um etwa 12 deutsche Divisionen - glaubte Generaloberst von Conrad nicht nochmals einen Angriff auf die Italiener aus Suedtirol heraus unternehmen zu koennen. Demgegenueber glaubte ich es jedoch nicht verantworten zu koennen, so viele deutsche Truppen auf nicht absehbare Zeit in einem Unternehmen festzulegen, das nach meiner Anschauung zu weit von unseren allerwichtigsten und gefaehrlichsten Fronten in Ost und West ablag. Aehnlich verhielt es sich mit der Frage eines Angriffes auf die Ententetruppen in Mazedonien. Bulgarien liebaeugelte mit diesem Plane, und von seinem Standpunkte aus natuerlich mit vollster Berechtigung. Ein entscheidender Erfolg unsererseits haette die Entente zur Raeumung dieses Landes zwingen koennen. Bulgarien waere dadurch militaerisch und politisch nahezu voellig entlastet worden. Das Unternehmen haette auch den lebhaften Wuenschen des Landes und seiner Regierung entsprochen. Richtete man doch bulgarischerseits fortgesetzt begehrliche Augen auf den viel umstrittenen, schoenen Hafen von Saloniki. Letzterer Gesichtspunkt machte freilich bei mir keinen Eindruck. Auch die militaerische Entlastung Bulgariens haette nach meiner damaligen Ansicht keinen Nutzen fuer unsere Gesamtlage bedeutet. Haetten wir die Ententekraefte zum Abzug aus Mazedonien gezwungen, so wuerden wir sie an unserer Westfront auf den Hals bekommen haben. Ob wir dagegen die dadurch frei werdenden bulgarischen Truppen irgendwo ausserhalb des Balkans haetten einsetzen koennen, erschien mir mindestens fraglich. Hatte doch schon die Verwendung bulgarischer Divisionen ausserhalb des unmittelbarsten bulgarischen Interessengebietes waehrend des rumaenischen Feldzuges noerdlich der Donau zu nicht sehr erfreulichen Reibungen mit diesen Verbaenden gefuehrt. Nach meiner Anschauung verwertete sich also die bulgarische Kampfeskraft im gesamten Rahmen unserer Kriegfuehrung am besten, wenn wir sie mit dem Festhalten der Ententetruppen in Mazedonien beschaeftigten. Das schloss natuerlich nicht aus, dass ich einen selbstaendigen Angriff der Bulgaren in Mazedonien jederzeit freudig begruesst haette. Das Ziel eines solchen haette dann aber wohl wesentlich begrenzter gefasst werden muessen, als es die Vertreibung der Entente aus dem Balkan oder die Eroberung von Saloniki bedeutete. An irgendwelche Angriffsunternehmungen glaubte indessen Bulgarien ohne sehr wesentliche deutsche Hilfe, allermindestens 6 Divisionen, nicht herangehen zu koennen, und wohl mit Recht. Nachrichten ueber die Entwicklung der politischen Verhaeltnisse in Griechenland klangen allerdings in der Zeit, in der die Frage eines Angriffs in Mazedonien an uns herantrat, also im Winter 1916/17, wie verfuehrerische Lockrufe. Gegen solche Sirenenstimmen war ich aber voellig unempfindlich. Ich bezweifelte es, dass das Volk der Hellenen mit grosser Begeisterung einen Kampf, ganz besonders aber einen solchen Schulter an Schulter mit den Bulgaren, ersehnte. Im grossen und ganzen waere es dabei um das gleiche Ziel gegangen wie 1913, und die beiden siegreichen Partner haetten sich auch diesmal wieder nach dem gemeinsamen Erfolge nicht poetisch in den Armen sondern prosaisch in den Haaren gelegen. Aus meinen vorstehenden Ausfuehrungen duerfte mit aller Klarheit hervorgehen, dass die Anspannung der deutschen Kraefte durch die gesamte Lage eine so hohe war, dass wir sie nicht durch weitere, ausserhalb unbedingtester kriegerischer und politischer Notwendigkeiten liegende Absichten noch mehr steigern durften. Selbst vortreffliche Plaene, die sichere Aussichten auf grosse kriegerische Erfolge boten, konnten uns nicht von der zunaechst wichtigsten Kriegsaufgabe ablenken. Diese war der Kampf im Osten und Westen, und zwar auf beiden Fronten gegen erdrueckende Ueberlegenheiten. Wenn ich mir aufgrund der inzwischen eingetretenen Folgen meiner im Jahre 1917 ablehnenden Haltung gegen Operationen in Italien und Mazedonien heute nochmals die Frage vorlege, ob ich anders haette entscheiden sollen und duerfen, so muss ich diese Frage auch jetzt noch verneinen. Ich glaube sagen zu koennen, dass der Gang der Ereignisse in Mitteleuropa spaeterhin unser Verhalten als das Richtige bestaetigt hat. Wir konnten und durften nicht einen Zusammenbruch unserer West- oder Ostfront auf das Spiel setzen, um billige Lorbeeren in der oberitalienischen Tiefebene oder am Wardar zu pfluecken. Die Tuerkei war fuer 1917 mit besonderen Weisungen von unserer Seite nicht zu versehen. Sie hatte ihren Landbesitz zu verteidigen und uns die ihr gegenueberstehenden Kraefte vom Leibe zu halten. Gelang ihr beides, so erfuellte sie durchaus ihre Aufgabe im Gesamtrahmen des Krieges. Um die hierfuer noetigen Truppen kampfkraeftig zu erhalten, hatten wir schon im Herbste 1916 bei der osmanischen Obersten Heeresleitung angeregt, sie moechte die Masse ihrer beiden kaukasischen Armeen aus dem entvoelkerten und ausgesogenen armenischen Hochlande zurueckziehen, um den Truppen die Ueberwinterung zu erleichtern. Der Befehl hierzu wurde zu spaet erteilt. Infolgedessen erlagen ganze Truppenteile durch Hunger und Kaelte dem vorausgesehenen Verderben. Kein Lied, kein Heldenbuch wird vielleicht ihr tragisches Ende je verkuenden, so sei es an dieser bescheidenen Stelle getan. Der Unterseebootkrieg Man denke an 70 Millionen Menschen, die im Halbhunger dahinleben, und an die Vielen unter ihnen, die langsam an seinen Wirkungen zugrunde gehen! Man denke an die vielen Saeuglinge, die infolge Aushungerung der Muetter dahinsterben, und an die zahllosen Kinder, die zeitlebens siech und krank bleiben werden! Nicht im fernen Indien oder China, wo eine mitleidslose, kaltherzige Natur den segenspendenden Regen verweigert hat, sondern hier mitten in Europa, inmitten der Kultur und der Menschlichkeit! Ein Halbhunger, hervorgerufen durch den Machtspruch und durch die Gewalt von Menschen, die sich sonst mit ihrer Gesittung bruesten! Wo ist da Gesittung? Stehen sie als Menschen hoeher wie jene, die im armenischen Hochlande zum Grauen der ganzen zivilisierten Welt gegen Wehrlose wueteten und dafuer vom Schicksal bestraft zu Tausenden einen elenden Tod fanden? Zu diesen hartgesinnten Anatoliern hat freilich kaum jemals ein anderer Geist als derjenige der Rache, sicherlich niemals derjenige der Naechstenliebe gesprochen. Wohin zielt denn der Machtspruch jener sonst so "Gesitteten"? Ihr Plan ist klar. Sie haben eingesehen, dass ihre Kriegskraft nicht ausreicht zur Erkaempfung ihres tyrannischen Willens, dass ihre Kriegskunst unfruchtbar bleibt gegenueber ihrem Gegner mit staehlernen Nerven. Man zermuerbe also dessen Nerven! Gelingt es nicht durch den Kampf Mann gegen Mann, so gelingt es vielleicht von rueckwaerts her auf dem Wege ueber die Heimat. Man lasse die Weiber und Kinder hungern! Das wirkt "so Gott will" auf den Gatten und Vater an der Kampffront ein, wenn auch nicht sofort, so doch allmaehlich! Vielleicht entschliessen sich diese Gatten und Vaeter, die Waffen zu strecken, denn sonst droht in der Heimat der Tod von Weib und Kind, der Tod - der Gesittung. So denken Menschen und koennen dabei beten! "Der Gegner ueberschuettet uns mit amerikanischen Granaten, warum versenken wir nicht seine Transportschiffe? Haben wir denn nicht das Mittel dazu? Rechtsfragen? Wo und wann denkt denn der Gegner an Recht?" Das fragt der Soldat an unseren Fronten. Heimat und Heer wenden sich mit solchen und aehnlichen Ausfuehrungen an ihre Fuehrer, nicht erst seit dem 29. August 1916, sondern schon lange vorher. Der Wille, die ganze Schaerfe des Unterseebootkrieges anzuwenden, um die Leiden der Heimat abzukuerzen und das Heer in seinem ungeheueren Ringen zu entlasten, war schon vor meiner Uebernahme der Obersten Heeresleitung vorhanden. In diesem mitleidlosen Kampfe gegen unsere wehrlose Heimat gilt nur "Auge um Auge, Zahn um Zahn." Alles andere erscheint Erbarmungslosigkeit gegen das eigene Blut. Wenn wir aber auch die Waffe und den Willen hatten, sie einzusetzen, so durften doch nicht Folgen ausser acht gelassen werden, die aus der ruecksichtslosen Anwendung dieses vernichtenden Kampfmittels entspringen konnten. Werden Ruecksichten gegen den kaltherzigen Feind verneint, so gibt es doch Ruecksichten gegen bisher neutrale seefahrende Nationen. Die Heimat darf durch Anwendung der Waffe nicht in groessere Gefahren und Sorgen gebracht werden, als die sind, aus denen man sie befreien will. Es schwankt also der Entschluss, ein begreifliches Schwanken, bei dem auch menschliche Gefuehle mitreden! So finde ich die Lage bei meinem Erscheinen im Grossen Hauptquartier. Vereint mit den schweren Krisen zu Lande eine schwere bedeutungsvolle Frage zu See. Nach dem ersten Anschein liegt die Entscheidung darueber bei der Reichsleitung und beim Admiralstabe; doch ist auch die Oberste Heeresleitung stark davon beruehrt. Ist es doch klar, dass wir aus allgemein militaerischen Gruenden die Fuehrung des Unterseebootkrieges wuenschen muessen. Die Vorteile, die wir hieraus fuer unsere Landkriegfuehrung erwarten koennen, sind mit den Haenden zu greifen. Schon dann, wenn auf gegnerischer Seite die Fertigung von Kriegsbeduerfnissen oder deren Befoerderung ueber See wesentlich eingeschraenkt werden muesste, waere das fuer uns eine grosse Erleichterung. Das gleiche gilt, wenn es gelaenge, die gegnerischen ueberseeischen Operationen wenigstens teilweise zu unterbinden. Welch grosse Entlastung wuerde das nicht bloss fuer Bulgarien und die Tuerkei, sondern auch fuer uns bedeuten, ohne dass wir hierfuer deutsches Blut opferten! In weiterer Ferne steht auch die Moeglichkeit, den Ententelaendern die Versorgung mit Rohprodukten und Lebensmitteln bis zu einem unertraeglichen Masse zu erschweren oder wenigstens England vor die sein Geschick entscheidende Frage zu stellen: entweder uns die versoehnende Hand zu reichen oder seine Stellung in der Weltwirtschaft zu verlieren. So schien der Unterseebootkrieg geeignet, bestimmend auf den Gang des Krieges einzuwirken, ja er war am Beginn des Jahres 1917 das einzige Mittel, das wir noch fuer eine siegreiche Beendigung des Krieges neu einsetzen konnten, nachdem wir zum Weiterkaempfen gezwungen waren. In welchen Zusammenhang wir die Fuehrung des Unterseebootkrieges zu der gesamten kriegerischen und politischen Lage brachten, ergibt sich aus einer Zuschrift vom Ende September 1916 unsererseits an die Reichsleitung. Diese Zuschrift sollte als Grundlage fuer eine Anweisung an unseren Botschafter in Washington dienen und lautete: "Dem Grafen Bernstorff wird zu seiner persoenlichen Unterweisung mitgeteilt, dass die Absicht der Entente, die Ost- und Westfront zu durchbrechen, bisher nicht gelungen ist und nicht gelingen wird, ebensowenig wie ihre Offensivoperationen von Saloniki her und in der Dobrudscha. Dagegen nehmen die Operationen der Mittelmaechte gegen Rumaenien erfreulichen Fortgang. Ob es hier aber gelingen wird, schon in diesem Jahre einen den Krieg beendenden Erfolg zu erringen, ist noch zweifelhaft. Daher muss vorlaeufig mit laengerer Kriegsdauer gerechnet werden. Demgegenueber verspricht sich die Kaiserliche Marine durch den ruecksichtslosen Einsatz der vermehrten Unterseeboote angesichts der wirtschaftlichen Lage Englands einen schnellen Erfolg, der den Hauptfeind, England, in wenigen Monaten dem Friedensgedanken geneigt machen wuerde. Deshalb muss die Deutsche Oberste Heeresleitung den ruecksichtslosen Unterseebootkrieg in ihre Massnahmen einbeziehen, unter anderem auch, um die Lage an der Sommefront durch Verminderung der Munitionszufuhr zu entlasten und der Entente das Vergebliche ihrer Anstrengungen an dieser Stelle vor Augen zu fuehren. Schliesslich koennen wir nicht ruhig zusehen, wie England in der Erkenntnis der vielen Schwierigkeiten, mit denen es zu rechnen hat, mit allen Mitteln die neutralen Maechte bearbeitet, um seine militaerische und wirtschaftliche Lage zu unseren Ungunsten zu verbessern. Aus allen diesen Punkten muessen wir die Freiheit unserer Handlungen, die wir in der Note vom 4. Mai uns vorbehielten, wiedergewinnen. Die Gesamtlage wuerde sich aber vollstaendig aendern, falls Praesident Wilson, seinen angedeuteten Absichten folgend, den Maechten einen Friedensvermittlungsantrag macht. Dieser muesste allerdings ohne bestimmte Vorschlaege territorialer Art gehalten sein, da diese Fragen Gegenstand der Friedensverhandlungen seien. Eine diesbezuegliche Aktion muesse aber bald erfolgen. Wolle Wilson bis nach seiner Wahl oder bis kurz vor derselben warten, so wuerde er zu einem solchen Schritte kaum mehr Gelegenheit finden. Auch duerften die Verhandlungen nicht erst auf Abschluss eines Waffenstillstandes abzielen, sondern muessten lediglich unter den Kriegsparteien gefuehrt werden und innerhalb kurzer Frist unmittelbar den Praeliminarfrieden bringen. Ein laengeres Hinausziehen wuerde die militaerische Lage Deutschlands verschlechtern und auch weitere Vorbereitungen der Maechte zur Fortsetzung des Krieges bis in das naechste Jahr zur Folge haben, sodass an einen Frieden in absehbarer Zeit dann nicht mehr zu denken waere. Graf Bernstorff soll die Angelegenheit mit Colonel House - dem Mittelsmann, durch welchen er mit dem Praesidenten verhandelt - besprechen und die Absichten des Mr. Wilson in Erfahrung bringen. Eine Friedensaktion des Praesidenten, die nach aussen hin am besten spontan erscheinen wuerde, wuerde bei uns ernsthaft in Erwaegung gezogen werden, und diese wuerde ja auch fuer die Wahlkampagne Wilsons schon einen Erfolg bedeuten." Die schwierigste Frage ist und bleibt: "Innerhalb welcher Zeitspanne wird der Erfolg des Unterseebootkrieges erreicht werden koennen?" Der Admiralstab kann hierfuer natuerlich nur unbestimmte Angaben machen. Aber selbst seine, wie er sagt, auf vorsichtigster Berechnung aufgestellten Schaetzungen sind so guenstig fuer uns, dass ich grundsaetzlich die Gefahr in den Kauf nehmen zu koennen glaube, uns mit der Anwendung des neuen Kampfmittels einen oder den anderen neuen Gegner auf den Hals zu ziehen. Mochte die Marine auch noch so sehr draengen, so verlangten doch politische und militaerische Ruecksichten eine Verzoegerung des Beginns des uneingeschraenkten Unterseebootkrieges ueber den Herbst 1916 hinaus. Wir durften in der damals so hochgespannten Kriegslage keine neuen Gegner auf uns ziehen. Wir mussten jedenfalls warten, bis wir einen guenstigen Abschluss des rumaenischen Feldzuges ueberblicken konnten. Gelang ein solcher, so verfuegten wir ueber genuegend Kraefte, um angrenzende neutrale Staaten von einem Eintritt in die Reihen unserer Gegner abhalten zu koennen, mochte England auch deren wirtschaftliche Bedrueckung noch weiter steigern. Zu den Ruecksichten aus militaerischen Gruenden treten solche aus politischen. Bevor sich unser Friedensschritt nicht als ein voelliger Fehlschlag erwies, wollten wir an die verstaerkte Anwendung der Unterseebootwaffe nicht denken. Als dann aber dieser Friedensschritt scheiterte, gab es fuer mich nur noch militaerische Ruecksichten. Die Entwicklung unserer Kriegslage, besonders in Rumaenien, bis Ende Dezember gestattete nunmehr nach meiner Ueberzeugung die weitestgehende Anwendung der wirkungsvollen Waffe. Am 9. Januar 1917 gab unser Allerhoechster Kriegsherr gegen die Ansicht des Reichskanzlers von Bethmann auf Vorschlag des Admiralstabs und Generalstabs die bejahende Entscheidung. Wir waren uns alle nicht im Zweifel ueber die Schwere des Schrittes. Jedenfalls gab aber die Anwendung des Unterseebootkrieges mit seinen verlockenden Aussichten Heer und Heimat lange Zeit hindurch eine grosse moralische Staerkung fuer Fortfuehrung des Landkrieges. Angesichts des fuer uns verhaengnisvollen Ausgangs des Krieges hat man die Erklaerung des uneingeschraenkten Unterseebootkrieges fuer ein Vabanquespiel halten zu muessen geglaubt. Damit versuchte man diesen unseren Entschluss politisch und militaerisch wie auch moralisch herabzuwuerdigen. Man uebersieht bei diesem Urteil, dass nahezu alle entscheidenden Entschluesse, und zwar nicht nur diejenigen im Kriege, ein schweres Risiko in sich tragen, ja, dass die Groesse einer Tat hauptsaechlich darin liegt und daran zu messen ist, dass ein hoher Einsatz gewagt wird. Wenn ein Feldherr auf dem Schlachtfelde seine letzten Reserven in den Kampf schickt, so tut er nichts anderes, als was sein Vaterland mit Recht von ihm fordert: Er nimmt die volle Verantwortung auf sich und beweist den Mut zum letzten entscheidenden Schritt, ohne den der Sieg nicht zu erringen waere. Ein Fuehrer, der es nicht auf sich nehmen kann oder will, die letzte Kraft an den Erfolg zu setzen, ist ein Verbrecher an dem eigenen Volk. Misslingt ihm der Schlag, dann freilich wird er von dem Fluch und dem Hohn der Schwachen und Feiglinge getroffen. Das ist nun einmal das Schicksal des Soldaten. Es wuerde jeder Groesse entbehren, wenn es nur auf sicheren Berechnungen sich gruenden liesse, und wenn die Erringung des Lorbeers nicht abhaengig waere von dem Mute der Verantwortung. Diesen Mut heranzubilden, war Ziel unserer deutschen militaerischen Erziehung. Sie konnte dabei hinweisen auf die groessten Vorbilder in der eigenen Geschichte sowie auf die maechtigsten Taten unserer gefaehrlichsten Gegner. Gab es einen kuehneren Einsatz der letzten Kraft, als ihn der grosse Koenig bei Leuthen wagte und damit das Vaterland und seine Zukunft rettete? Hat man nicht auch den Entschluss Napoleons I. als richtig anerkannt, als er bei Belle Alliance seine letzten Bataillone an die Entscheidung setzte, um dann freilich, wie Clausewitz sagt, arm wie ein Bettler vom Schlachtfeld zu verschwinden? Waere nicht ein Bluecher dem Korsen gegenueber gewesen, der Korse haette gesiegt, und die Weltgeschichte waere wohl einen anderen Weg gegangen. Und auf der anderen Seite der viel umjubelte Marschall Vorwaerts; wagte er nicht auch in dieser Entscheidungsschlacht das Aeusserste? Hoeren wir, was vor dem Kriege einer unserer heftigsten Gegner darueber sagte: "Das schoenste Manoever, das ich je auf Erden habe ausfuehren sehen, ist die Tat des Greises Bluecher, der zu Boden geworfen wurde, unter die Hufe der Pferde geriet und sich aus dem Staube erhob, auf seine besiegten Soldaten losstuermte, ihrer Flucht Einhalt gebot und sie von der Niederlage bei Ligny dem Triumph von Waterloo entgegenfuehrte." Ich moechte dieses Kapitel nicht schliessen, ohne meine Zweifel der Behauptung gegenueber zu aeussern, dass mit dem Eintritt Amerikas in die Reihen unserer Gegner unsere Sache endgueltig verloren gewesen sei. Warten wir erst einmal den Einblick in die Krisen ab, in die wir durch unseren Unterseebootkrieg und durch unsere zeitweise grossen Erfolge zu Lande vom Fruehjahr 1917 ab unsere Gegner versetzten. Wir werden dann vielleicht erfahren, dass wir so manchmal nahe daran waren, den Siegerkranz an uns zu reissen, und wir werden auch vielleicht erkennen lernen, dass andere als militaerische Gruende uns um ein erfolgreiches oder wenigstens ertraegliches Kriegsende brachten. Kreuznach Nach erfolgreicher Beendigung des rumaenischen Feldzuges und der dadurch eingetretenen Entspannung der Ostlage musste das Schwergewicht unserer demnaechstigen Taetigkeit im Westen gesucht werden. Dort war jedenfalls ein fruehzeitiger Beginn der Kaempfe im folgenden Feldzugsjahre zu erwarten. Wir wollten dem Schauplatz dieser Schlachten nahe sein. Von einem im Westen gelegenen Hauptquartier bot sich leichter und weniger zeitraubend die Moeglichkeit, mit den Oberkommandos der Heeresgruppen und Armeen in unmittelbare persoenliche Beruehrung zu treten. Dazu kam, dass Kaiser Karl einerseits in der Naehe der politischen Behoerden seines Landes zu sein wuenschte und andererseits auf den unmittelbaren persoenlichen Verkehr mit seinem Generalstab nicht verzichten wollte. Das k. u. k. Armee-Oberkommando siedelte daher in den ersten Monaten des Jahres 1917 nach Baden bei Wien ueber. Damit entfiel fuer Seine Majestaet unseren Kaiser und fuer die Oberste Heeresleitung jeder Grund, weiterhin in Pless zu bleiben. Wir verlegten im Februar das Hauptquartier nach Kreuznach. Beim Abschied von Pless war es mir ein besonderes Beduerfnis, dem dortigen Fuersten und seiner Beamtenschaft fuer die grosse Gastfreundschaft zu danken, die uns in der Unterbringung aller Befehlsstellen und in unserm Privatleben erwiesen worden war. Ich selbst hatte obenein dankbar mancher herrlichen Pirschfahrt an ausnahmsweise dienstfreien Abenden sowohl im Plesser- wie auch im benachbarten Neudecker Revier zu gedenken. An die Gegend, in die wir nun kamen, knuepften sich fuer mich Erinnerungen aus meiner frueheren Taetigkeit als Chef des Generalstabes in der Rheinprovinz. Auch die Stadt Kreuznach selbst war mir damals bekannt geworden. Ihre Einwohner wetteiferten jetzt in Beweisen ruehrender Freundlichkeit. Diese aeusserte sich unter anderem auch darin, dass unser Heim und unser gemeinsamer Speiseraum taeglich durch die Haende junger Damen mit frischen Blumen geschmueckt wurden. Ich nahm all das als Zeichen der Huldigung an die Gesamtheit des Heeres entgegen, zu dessen aeltesten Vertretern im Kriege ich gehoerte. Kurz nach unserem Weggang von Pless trat Generaloberst von Conrad von der Heeresleitung Oesterreich-Ungarns zurueck, um den Oberbefehl an der Front Suedtirols zu uebernehmen. Die Ursache seines Abganges ist mir nicht bekannt geworden. Ich glaubte sie auf persoenlichem Gebiete suchen zu muessen, da sachliche Gruende meines Erachtens nicht vorlagen. Ich bewahre ihm ein treues, kameradschaftliches Gedenken. Sein Nachfolger wurde General von Arz. Ein praktischer Kopf mit gesunden Anschauungen, ein trefflicher Soldat, also gleich seinem Vorgaenger ein wertvoller Kampfgenosse! Er ging auf das Wesen der Dinge los und verachtete den Schein. Ich glaube, dass uns beiden die Abneigung gegen die Beschaeftigung mit politischen Fragen gemeinsam war. Was unter den frueher von mir beruehrten schwierigen Verhaeltnissen in der Donaumonarchie erreicht werden konnte, hat General von Arz nach meiner Ueberzeugung mit bewundernswuerdiger Ausdauer geleistet. Er hat sich ueber die ganze Schwere seiner Aufgabe keinem Zweifel hingegeben. Um so mehr ist es anzuerkennen, dass er mit so mannhaftem Vertrauen an sie herantrat. Fuer mich persoenlich brachte der Aufenthalt in Kreuznach Anfang Oktober die Feier meines 70jaehrigen Geburtstages. Seine Majestaet mein Kaiser, Koenig und Herr, hatte die grosse Gnade, mir als Erster an diesem Tage persoenlich seine Glueckwuensche in meinem Heim auszusprechen. Das war fuer mich die groesste Weihe des Tages! Auf dem Wege zu unserem Dienstgebaeude begruesste mich spaeter in der strahlenden Herbstsonne die Kreuznacher Jugend; vor dem Eingang zur gemeinsamen Arbeitsstaette erwarteten mich meine Mitarbeiter, im anschliessenden Garten Vertreter der Stadt und Umgegend, junge Soldaten, verwundet und krank, Erholung suchend in den Heilstaetten des Badeortes, daneben alte Veteranen, Mitkaempfer aus laengst vergangener Zeit. Das Ende des Tages brachte ein kleines kriegerisches Zwischenspiel. Aus einer mir nie bekannt gewordenen Ursache hatte sich das Geruecht von der Wahrscheinlichkeit eines grossen feindlichen Fliegerangriffes auf unser Grosses Hauptquartier fuer den heutigen Tag verbreitet. Moeglich auch, dass das eine oder andere Flugzeug des Gegners, wie so oft, an diesem Abend den Weg von der Saar- zur Rheinlinie oder zurueck laengs der Nahe suchte. Kein Wunder, wenn die Phantasien lebhafter arbeiteten als sonst, und wenn in der Nacht zwischen der Erde und dem strahlenden Mond mehr gesehen und gehoert wurde, als tatsaechlich vorhanden war. Kurzum, gegen Mitternacht eroeffneten unsere Flugabwehrgeschuetze ein heftiges Dauerfeuer. Dank der hohen Feuergeschwindigkeit erschoepfte sich rasch die vorhandene Munition, und ich konnte ruhig einschlafen in dem Gedanken, nun nicht weiter gestoert zu werden. Beim Vortrag des folgenden Tages zeigte mir der Kaiser eine grosse Schale, angefuellt mit Sprengstuecken deutscher Geschosse, die in dem Garten seines Quartiers gesammelt worden waren. In einer gewissen Gefahr hatten wir also doch geschwebt. Ein Teil der Kreuznacher hatte uebrigens die naechtliche Schiesserei fuer den militaerischen Abschluss meines Geburtstagsfestes gehalten. Der feindliche Ansturm im ersten Halbjahr 1917 Im Westen Mit groesster Spannung sahen wir vom Eintritt der besseren Jahreszeit ab dem Beginn des erwarteten allgemeinen gegnerischen Angriffes im Westen entgegen. Wir hatten uns durch die Neugruppierung unserer Kraefte auf ihn strategisch vorbereitet, aber wir hatten im Laufe des Winters auch in taktischer Beziehung alle Massnahmen getroffen, dieser jedenfalls groessten aller bisherigen feindlichen Kraftanstrengungen zu begegnen. Zu diesen Massnahmen gehoerten nicht in letzter Linie die Aenderungen unseres bisherigen Verteidigungsverfahrens. Sie wurden von uns auf Grund der Erfahrungen in den bisherigen Kaempfen verfuegt. Nicht mehr aus einzelnen Linien und Stuetzpunkten sondern aus Liniensystemen und Stuetzpunktgruppen sollten in Zukunft unsere Verteidigungsanlagen bestehen. In den dadurch gebildeten tiefen Zonen wollten wir die Truppen nicht in zusammenhaengenden, starren Fronten, sondern in reicher Gruppierung und Gliederung nach der Breite und Tiefe aufbauen. Der Verteidiger hatte seine Kraefte beweglich zu halten, um der vernichtenden feindlichen Wirkung waehrend des Vorbereitungskampfes auszuweichen, hier und dort unhaltbar gewordene Stellungsteile freiwillig preiszugeben und dann im Gegenstoss das wieder zu gewinnen, was zur Behauptung der allgemeinen Stellung noetig war. Diese Grundsaetze galten im Kleinen wie im Grossen. Der verheerenden Wirkung der feindlichen Artillerie und Minenwerfer und den ueberraschenden gegnerischen Anstuermen setzten wir also eine Vermehrung und reichere Gliederung unserer Verteidigungsanlagen und die Beweglichkeit unserer Kampfmittel entgegen. Gleichzeitig wurde der Grundsatz verwirklicht, in den vorderen Widerstandslinien durch Erhoehung der Zahl der Maschinengewehre Menschenkraefte zu schonen und damit solche zu sparen. Mit dieser tiefgreifenden Aenderung unseres Verteidigungsverfahrens nahmen wir ohne Zweifel ein Wagnis auf uns. Dies bestand in erster Linie darin, dass wir mitten im Kriege den Bruch mit taktischen Gewohnheiten und Erfahrungen forderten, in die sich die untere Fuehrung und die Truppe eingelebt hatten, und die sie vielfach mit begreiflichen Vorurteilen schaetzten. Der Uebergang von einer taktischen Anschauung in eine andere bedeutet schon im Frieden eine gewisse Krisis. Er bringt auf der einen Seite Uebertreibungen im Neuen, auf der anderen schwer belehrbares Festhalten am Alten mit sich. Missverstaendnisse draengen sich in den klarsten Wortlaut der Vorschriften ein; selbstaendige und willkuerliche Auslegungen feiern Orgien; das Traegheitsmoment im menschlichen Denken und Handeln wird manchmal nicht ohne kraeftigsten Antrieb ueberwunden. Aber nicht nur aus diesen Gruenden bedeuteten unsere taktischen Aenderungen einen gewagten Schritt. Fast noch schwerer war es, die Frage zu bejahen, ob denn unser Heer mitten im Kriege in seiner jetzigen Verfassung imstande sein wuerde, diese Aenderungen in sich aufzunehmen und auf die Wirklichkeit des Schlachtfeldes zu uebertragen. Wir konnten uns nicht im Zweifel darueber sein, dass das Kriegsinstrument, mit dem wir jetzt zu arbeiten hatten, mit demjenigen der Jahre 1914 und 1915, ja selbst mit demjenigen des Beginnes von 1916 kaum noch zu vergleichen war. Eine Unsumme herrlichster Kraft lag in unseren Ehrenfriedhoefen gebettet oder war mit zertruemmerten Gliedern oder krankem Koerper an die Heimat gebannt. Ein stolzer Kern unserer Soldaten vom Jahre 1914 war freilich auch heute noch vorhanden, und an ihn schloss sich viel junge, begeisterungsfaehige Kraft und opferfreudiger Wille. Aber das allein macht die Staerke eines Heeres nicht aus; Kraft und Wille muessen geschult und durch Erfahrungen gelaeutert werden. Ein Heer mit dem sittlichen und geistigen Reichtum, mit der machtvollen geschichtlichen Ueberlieferung wie das deutsche von 1914 ueberdauert zwar in seinem inneren Werte manche Kriegsjahre, wenn ihm nur die Zufuhr frischer koerperlicher und sittlicher Kraefte aus der Heimat erhalten bleibt. Der Gesamtwert jedoch wird, ja er muss nach dem natuerlichen Lauf der Dinge sinken, wenn auch sein Verhaeltniswert jedem Feinde gegenueber, der gleich lang im Felde steht, in voller Hoehe und Ueberlegenheit erhalten bleibt. Unser neues Verteidigungsverfahren stellte an die moralische Kraft und an das Koennen der Truppe hohe Anforderungen, indem es den festen aeusseren Zusammenhalt der Verteidigung lockerte und damit die Selbstaendigkeit kleinster Teile zum hoechsten Grundsatz erhob. Der taktische Zusammenhang war nicht mehr in aeusserlich sichtbaren Linien und Gruppen gegeben, sondern im geistigen Bande taktischen Zusammengreifens. Es liegt keine Uebertreibung darin, wenn ich sage, dass unter den vorliegenden Verhaeltnissen in dem Uebergang zu diesen neuen Grundsaetzen die groesste Vertrauenskundgebung lag, die wir der geistigen und sittlichen Kraft unseres Heeres, und zwar all seiner Teile, aussprechen konnten. Schon die naechste Zukunft musste den Beweis liefern, ob dieses Vertrauen gerechtfertigt war. Das erste Unwetter im Westen bricht nach begonnenem Fruehjahr los. Am 9. April gibt der englische Angriff bei Arras den Auftakt zur grossen, feindlichen Fruehjahrsoffensive. Der Angriff wird tagelang vorbereitet mit der ganzen brutalen Wucht feindlicher Artillerie- und Minenwerfer-Massen, nichts von Ueberraschungstaktik im Sinne Nivelles vom Oktober des vergangenen Jahres. Traut man diesem Verfahren von englischer Seite nicht, oder fuehlt man sich taktisch hierfuer zu ungewandt? Der Grund ist fuer den Augenblick gleichgueltig, die Tatsache genuegt und redet eine furchtbare Sprache. Der englische Angriff braust ueber die ersten, zweiten, dritten Graeben hinweg. Stuetzpunktgruppen versagen oder verstummen nach heldenmuetigem Widerstand; Artillerie geht in Masse verloren. Das Verteidigungsverfahren hatte scheinbar versagt! Eine schwere Krise tritt ein. Eine jener Lagen, in der alles haltlos geworden zu sein scheint. "Krisen muss man vermeiden", ruft der Laie. Der Soldat kann ihm nur antworten: "Dann verzichten wir besser von vornherein auf den Krieg, denn sie sind unvermeidlich. Sie liegen einfach in der Natur des Krieges und kennzeichnen ihn als das Gebiet des Ungewissen und der Gefahr. Nicht Krisen zu vermeiden sondern sie zu ueberwinden, ist Aufgabe der Kriegskunst. Wer schon vor ihrem Drohen zurueckschrecken wollte, bindet sich selbst die Haende, wird ein Spielball des kuehneren Gegners und geht bald in einer Krisis zu Grunde." Ich will hiermit nicht behaupten, dass die Krisis am 9. April nach all den Vorbereitungen, die man zu treffen imstande gewesen waere, nicht haette vermieden werden koennen. Sie brauchte wenigstens nicht in dieser furchtbaren Groesse einzutreten, wenn man mit rechtzeitig herangeholten Reserven im Gegenstoss dem feindlichen Einbruch entgegenging. Mit schweren oertlichen Erschuetterungen der Verteidigung wird man freilich bei solch hoellischer Vorbereitung des Angriffs immer rechnen muessen. Der abendliche Vortrag entwirft an diesem 9. April ein duesteres Bild, viel Schatten, wenig Licht. Doch man muss in solchen Faellen nach Licht suchen. Ein Strahl, wenn auch noch in unsicheren Umrissen, deutet sich an. Der Englaender scheint es nicht verstanden zu haben, den errungenen Erfolg bis zu seinem letztmoeglichen Ergebnis auszunuetzen. Ein Glueck fuer uns, jetzt, wie schon manchmal vorher. Nach dem Vortrag druecke ich meinem Ersten Generalquartiermeister die Hand mit den Worten: "Nun, wir haben schon Schwereres miteinander durchgemacht als heute." Heute, an seinem Geburtstage! Mein Vertrauen bleibt unerschuettert. Ich wusste, neue Truppen von uns marschieren auf das Schlachtfeld, Eisenbahnzuege rollen heran. Die Krisis wird ueberwunden. In mir selbst wenigstens war sie zu Ende. Der Kampf aber tobte weiter. Ein anderes Schlachtbild: Auch bei Soissons und von da ab weit hin nach Osten bis in die Gegend von Reims donnern gleichfalls von der ersten Aprilwoche ab die franzoesischen Kanonen; viele hundert feindliche Minenwerfer schleudern dort ihre Geschosse. Hier befehligt Nivelle, wohl dank seines berechtigten Ruhmes von Verdun. Auch er hat aus seinen letzten Erfahrungen bei Verdun nicht die taktischen Folgerungen gezogen, die wir erwarteten. Tage-, ja eine Woche lang wuetet das franzoesische Feuer. Unsere Verteidigungszonen sollen in ein Truemmer- und Leichenfeld verwandelt, was vielleicht noch zufaellig der koerperlichen Zerstoerung entgeht, soll wenigstens seelisch gebrochen werden. In dieser furchtbaren Esse scheint die Erreichung solcher Absicht ausser Zweifel zu stehen. Endlich haelt Nivelle unsere Truppen fuer vernichtet oder wenigstens hinreichend zermuerbt. Er laesst seine siegessicheren Bataillone am 16. April zum Sturme, wir wollen besser sagen, zur Ernte der in der Feuerglut gereiften Fruechte antreten. Da geschieht das Unbegreifliche. Zwischen den Truemmern und Trichtern erhebt sich deutsches Leben, deutsche Kraft und deutscher Wille und schleudert sein Verderben in die stuermenden Linien und die ihnen folgenden, in unserem losbrechenden Feuer wirbelnden und sich zusammenballenden Haufen. Wohl wird der deutsche Widerstand an den am schwersten erschuetterten Stellen niedergetreten, aber was bedeutet in diesem Riesenkampfe ein Verlust von einzelnen Stellungsteilen gegenueber der siegreichen Behauptung der allgemeinen Front? Die Schlacht zeigt schon in den ersten Tagen eine ausgesprochene franzoesische Niederlage. Der blutige Rueckschlag wirft die franzoesische Fuehrung und Truppe in bitterste, ja verbitterte Enttaeuschung. Der Kampf bei Arras, bei Soissons und bei Reims tobt noch wochenlang. Er bringt nur einen einzigen taktischen Unterschied gegenueber dem Ringen an der Somme im vergangenen Jahre, und den moechte ich zu erwaehnen nicht vergessen: der Gegner erringt naemlich ueber die ersten Tage hinaus nirgends mehr einen nennenswerten Erfolg, und schon nach wenigen Wochen sinkt er auf seinen Angriffsfeldern erschoepft in den Stellungskrieg zurueck. Unser Abwehrverfahren hat sich also doch noch glaenzend bewaehrt! Und nun noch ein drittes Bild: Die Szenen spielen sich ab auf den Hoehen von Wytschaete und Messines, nordwestlich Lille, angesichts des Kemmel. Es ist der 7. Juni. Also ein Zeitpunkt, an dem das Scheitern der vorher erwaehnten Kaempfe schon zweifelsfrei feststeht. Die Lage auf den Wytschaeter Hoehen, dem Schluesselpunkt des dortigen Stellungsbogens, ist wenig guenstig fuer neuzeitliche Verteidigung. Der verhaeltnismaessig schmale Ruecken gestattet nicht die Anwendung einer genuegend tiefen Zone. Das vorderste Grabensystem liegt auf den Westhaengen und bietet feindlicher Artillerie treffliche Ziele. Das feuchte Erdreich rutscht im Sommer und Winter, der Boden ist vielfach vom Minenkrieg zerwuehlt, einer Kampfart, die frueher gerade hier um den Besitz der wichtigsten Stellungsteile mit aeusserster Erbitterung angewendet worden war. Doch hoert man seit langem nichts mehr von unterirdischem Wuehlen. Nicht nur von Westen, sondern auch von Sued und Nord her ist die Verteidigung auf den Hoehen bei St. Eloi sowie an den beiden Eckpfeilern Wytschaete und Messines durch die gegnerische Artillerie zu fassen. Der Englaender bereitet seinen Angriff in gewohnter Weise vor. Der Verteidiger leidet schwer, schwerer als nur irgendwo bisher. Auf unsere besorgte Frage, ob die Hoehen nicht besser freiwillig geraeumt wuerden, erfolgt die mannhafte Antwort: "Wir werden halten, noch stehen wir fest!" Als aber der verhaengnisvolle 7. Juni anbricht, erhebt sich der Boden unter den Verteidigungslinien, ihre wichtigsten Stuetzteile brechen zusammen und durch den Rauch und die niederstuerzenden Erdmassen der gesprengten Minenreihen schreiten die englischen Sturmtruppen ueber die letzten Reste deutscher Verteidigungskraft hinweg. Krampfhafte Versuche unsererseits, die Lage durch Gegenstoss zu retten, scheitern an dem moerderischen feindlichen Artilleriefeuer, das aus weitem Bogen das Rueckengebiet der verlorenen Stellungen in einen wahren Feuerkessel verwandelt. Trotzdem gelingt es auch hier, den Gegner vor vollendetem Durchbruch unserer Linien zum Halten zu bringen. Unsere Verluste an Menschen wie Kriegsgeraet sind schwer; die Preisgabe des Gelaendes waere zu verschmerzen gewesen. Das bisherige Gesamtergebnis der grossen feindlichen Offensive im Westen war nach meinem Urteil fuer uns nicht unbefriedigend. Geschlagen waren wir nirgends. Selbst die bedenklichsten Gefahren hatten wir aufgefangen. Nirgends war es dem Feinde gelungen, ueber einen maessigen Gelaendegewinn hinaus groessere Ziele zu erreichen, geschweige denn aus der Durchbruchsschlacht zur freien Operation uebergehen zu koennen. Die Auswertung dieser unserer Erfolge im Westen sollte auch diesmal an anderen Fronten stattfinden. Im nahen und fernen Orient Noch bevor der wilde Tanz an unserer Westfront begann, erneuerte Sarrail seine Angriffe in Mazedonien mit dem Schwergewicht bei Monastir. Auch diese Ereignisse zogen unsere volle Aufmerksamkeit auf sich. Waren doch die Ziele des Gegners auch hier sehr weitgesteckt. Gleichzeitig mit diesem Ansturm gegen die bulgarische Front veranlasste der Feind einen Aufstand in Serbien, hierdurch unsere Verbindungen auf der Balkanhalbinsel gefaehrdend. Der Aufstand wurde indessen an der bedrohlichsten Stelle, naemlich bei Nisch, niedergeschlagen, ehe er die besonders von den bulgarischen Regierungskreisen befuerchtete Ausdehnung ueber ganz Altserbien annahm. Die Schlacht an der mazedonischen Front wurde mit grosser Erbitterung gefuehrt. Der bulgarischen Armee gelang es, ohne dass wir ihr weitere deutsche Unterstuetzung zusenden mussten, ihre Stellungen nahezu restlos zu behaupten. Ein uns sehr befriedigendes Ergebnis! Unser Verbuendeter hatte sich sehr gut geschlagen. Er erkannte damals rueckhaltslos an, dass sich die deutsche Arbeit in seinen Kampfreihen bestens bewaehrt hatte. Ich gewann daraus die Ueberzeugung, dass die bulgarische Armee ihrer Aufgabe auch weiterhin gewachsen sei. Dies bestaetigte sich bei Erneuerung der Angriffe der Entente im Mai. Auch diesmal wurden deren Anstuerme in ihrer Ausdehnung von Monastir bis zum Doiran-See voellig zum Scheitern gebracht. Im armenischen Hochlande war es still geblieben. Gelegentliche kleinere Zusammenstoesse im Winter schienen mehr durch Beutezuege als durch das Erwachen der Kampflust auf einer der beiden Seiten veranlasst worden zu sein. Der Russe hatte unter dem Einfluss der auch bei ihm bestehenden ungeheuren Nachschubschwierigkeiten die Masse seiner Truppen aus den wildesten und veroedetsten Hochgebirgsteilen in bessere Verpflegungsgebiete des Landesinnern zurueckgezogen. Die voellige Erstarrung der russischen Kampflust war aber ueberraschend. Wir erhielten von tuerkischer Seite keine Nachricht, die uns die Gruende hierfuer haette erkennen lassen. Im Irak griff der Englaender im Februar an und kam schon am 11. Maerz in den Besitz von Bagdad. Diesen Erfolg verdankte er einer geschickten Umgehung der starken tuerkischen Front. In Suedpalaestina, bei Gaza, brach dagegen der englische Angriff, mit erdrueckender Ueberlegenheit aber rein frontal und mit geringem taktischen Geschick gefuehrt, vor den tuerkischen Linien vollstaendig zusammen. Nur das Versagen einer zum umfassenden Gegenstoss angesetzten tuerkischen Kolonne rettete hier England vor einer vernichtenden Niederlage. Die Rueckwirkung dieser Ereignisse in Asien auf unsere gesamte Kriegslage werde ich noch zu besprechen haben. An der Ostfront Noch bevor Franzosen und Englaender im Westen zum allgemeinen Angriff antraten, erbebte die russische Front in ihren Grundfesten. Unter unseren bisherigen wuchtigen Schlaegen hatte das Gefuege des russischen Staates sich zu lockern begonnen. Wie ein Alpdruck hatte der plumpe russische Koloss bisher auf der ganzen europaeischen und asiatischen Welt gelastet. Nun begann es, sich innerhalb seiner Masse zu dehnen und zu recken. Tiefgreifende Risse traten an die Oberflaeche und durch die entstandenen Spalten gewann man bald Einblick in die Glut politischer Leidenschaften und in das Getriebe teuflisch roher Kraefte. Das Zarentum stuerzt! Wird sich eine neue Macht finden, die diese politischen Leidenschaften im Eishauch sibirischer Gefaengnisse wieder zur Erstarrung bringt und die wilden Gewalten wieder unter Graeberhuegeln erdrueckt? Russland in Revolution! Wie oft hatten uns wirkliche oder sogenannte Kenner des Landes das Nahen dieses Ereignisses verkuendet. Ich hatte den Glauben daran verloren. Nun da es eintrat, loeste es in mir keineswegs Gefuehle politischer Genugtuung, wohl aber solche kriegerischer Erleichterung aus. Auch diese letzteren traten erst langsam in Geltung. Ich fragte mich: war der Sturz des Zaren ein Sieg der Kriegs- oder der Friedensstroemung? Hatten die Totengraeber des bisherigen Zarentums nur gearbeitet, um mit dem letzten Traeger der Krone den uns bekannten Friedenswillen hoher russischer Kreise und die Friedenssehnsucht breiter Massen zum Falle zu bringen? Solange das Verhalten des russischen Heeres auf diese Frage keine klare Antwort gab, war und blieb unsere Lage Russland gegenueber unsicher. Der Zersetzungsprozess hatte im russischen Staat zweifellos eingesetzt. Kam es nicht bald zur Errichtung einer Diktatur mit gleich ruecksichtsloser Gewalt wie die eben gestuerzte, so schritt diese Zersetzung weiter, wenn auch in dem grossen schweren russischen Koloss mit seinen plumpen Lebensaeusserungen vielleicht langsamer als sonstwo. Unser Plan ist von Anfang an, diesen Gang der Ereignisse nicht zu stoeren, wir muessen nur auf der Hut sein, dass er uns nicht stoert: ja vielleicht zerstoert. Man muss in dieser Lage an die Lehren der Kanonade von Valmy denken, die mehr als hundert Jahre frueher die aufgewuehlten und zerrissenen franzoesischen Volkskraefte wieder zusammenschweisste und den Antrieb gab zu jener grossen blutroten Flut, die ganz Europa ueberschwemmte. Freilich, das Russland des Jahres 1917 verfuegt nicht mehr ueber die grossen, unverbrauchten Menschenmassen des damaligen Frankreichs. Des Zarenreiches beste und tauglichste Kraefte stehen an der Front oder liegen in Massengraebern vor und hinter unseren Linien. Der Verzicht, der mir persoenlich durch ruhiges Warten angesichts der beginnenden russischen Zersetzung auferlegt wird, ist gross. Kann ich mich jetzt aus politischen Gruenden mit einer Offensive an der Ostfront nicht befreunden, so draengt das soldatische Empfinden zu einem Angriff im Westen. Ich denke an das Stocken des englischen Angriffs bei Arras, an die schwere Niederlage Frankreichs zwischen Soissons und Reims. Gibt es einen naeher liegenden Gedanken als den, alle brauchbaren Kampftruppen vom Osten nach dem Westen zu werfen und dort zum Angriff vorzugehen? Noch ist Amerika weit weg. Mag es kommen, nachdem auch Frankreichs Kraefte gebrochen sind. Dann kommt es zu spaet! Die ihr drohende schwere Gefahr erkennt aber auch die Entente, und sie arbeitet mit allen Mitteln, um den Zusammenbruch der russischen Macht und damit eine weitgehende Entlastung unserer Ostfront zu verhindern. Russland muss aushalten, wenigstens bis Amerikas neugebildete Armeen den franzoesischen Boden betreten koennen, sonst scheint die kriegerische und moralische Niederlage Frankreichs sicher. Also schafft die Entente Politiker, Agitatoren, Offiziere nach Russland, um die dortige zerwuehlte und rissige Front zu stuetzen; sie vergisst auch nicht diesen Missionen Geld mitzugeben, das an manchen Stellen Russlands kraeftiger wirkt als politische Gruende. Durch diese Gegenwirkung werden uns auch diesmal die groessten Siegesaussichten geraubt. Die russische Front wird gehalten, nicht durch eigene Staerke, sondern hauptsaechlich durch die agitatorischen Mittel, die unsere Feinde dorthin bringen, und die ihre Zwecke erreichen, selbst gegen den Willen der russischen Massen. Haetten wir nicht vielleicht doch angreifen sollen, als sich die ersten Zerreissungen im russischen Gebaeude zeigten? Verdarben uns nicht vielleicht politische Gesichtspunkte die schoensten Fruechte unserer bisherigen groessten Erfolge? Unsere Beziehungen zum russischen Heere an der Ostfront entwickeln sich zunaechst in immer ausgesprochenerem Grade zu einem Waffenstillstand, wenn auch ohne schriftliche Festsetzung. Die russische Infanterie erklaerte allmaehlich fast ueberall, dass sie nicht mehr kaempfen wuerde. Doch bleibt sie mit der ihrer Masse eigenen Stumpfheit in ihren Graeben sitzen. Wo die gegenseitigen Beziehungen allzu offenkundig freundschaftliche Verkehrsformen annehmen, schiesst die russische Artillerie ab und zu dazwischen. Diese Waffe ist noch in den Haenden ihrer Fuehrer, nicht aus einem ihr angeborenen konservativen Sinn, sondern weil sie nicht in so viele selbstaendige Koepfe zerfaellt als ihre Schwesterwaffe. Der Einfluss der Ententeagitatoren und Offiziere macht sich in den russischen Batterien noch durchgreifend geltend. Der russische Infanterist schimpft zwar ueber diese Stoerung der ihm so willkommenen Waffenruhe, verpruegelt wohl auch hier und da mal die artilleristische Schwester und freut sich, wenn unsere Granaten in deren Geschuetzstaenden krepieren, aber der geschilderte Zustand bleibt monatelang unveraendert. Die russische Kriegsunlust ist am ausgesprochensten auf dem noerdlichen Fluegel. Von da nimmt sie nach Sueden ab. Der Rumaene ist augenscheinlich von ihr unberuehrt. Vom Mai ab zeigt sich auch im Norden, dass die Fuehrung die Zuegel wieder in die Hand bekommt. Die Freundschaft zwischen den beiderseitigen Schuetzengraeben hoert mehr und mehr auf. Man kehrt wieder zu den alten Umgangsformen mit den Waffen in der Hand zurueck. Bald ist auch kein Zweifel mehr, dass im Rueckengebiet der russischen Front mit aller Kraft gearbeitet und diszipliniert wird. So wird das russische Heer wenigstens zum Teil wieder widerstandsbereit, ja sogar angriffsfaehig gemacht. Die Kriegsstroemung hat sich durchgesetzt, und Russland schreitet zu einer grossen Offensive unter Kerenski. Kerenski, nicht Brussilow? Den letzteren haben wohl die Stroeme eigenen Volksblutes, die im Jahre 1916 in Galizien und Wolhynien flossen, von dieser hoechsten Stelle hinweggerissen, aehnlich wie es in diesem Fruehjahr Nivelle in Frankreich erging. Auch in dem menschenreichen Russland scheint man demnach empfindsam geworden zu sein gegen Massenopfer. Man hat im grossen Schuldbuch des Krieges die Seite aufgeschlagen, auf der die russischen Verluste verzeichnet sind, die Zahl ist aber nicht erkennbar. Fuenf oder acht Millionen? Auch wir haben keine Ahnung von ihrer Groesse. Wir wissen nur, dass wir ab und zu in den Russenschlachten die Huegel der feindlichen Leichen vor unseren Graeben entfernen mussten, um das Schussfeld gegen neuanstuermende Gewalthaufen frei zu bekommen. Mag die Phantasie hieraus die Zahl der Verluste zusammenstellen, eine richtige Berechnung bleibt fuer ewig ein misslingender Versuch. Ob Kerenski aus eigenem Entschluss oder durch die Lockungen und den Zwang der Entente zum Angriff bewogen wird, ist schwer zu entscheiden. Jedenfalls hat die Entente das groesste Interesse daran, dass Russland nochmals zu einer Offensive vorgetrieben wird. Sie hat im Westen die gute Haelfte ihrer Sturmkraft bis jetzt schon vergeblich geopfert, ja vielleicht schon mehr als die Haelfte. Was bleibt ihr aber uebrig als den Einsatz des gebliebenen Restes zu wagen, wenn auch die Hilfe Amerikas noch fern ist? Der Unterseebootkrieg frisst gerade in jenen Monaten an dem Lebensmark unseres erbittertsten, unversoehnlichsten Gegners in einer Staerke, dass es fraglich erscheinen muss, ob fuer Amerikas Hilfe im kommenden Jahr noch die Moeglichkeit des Transportes gegeben sein wird. Deutschlands Truppen muessen also im Osten festgehalten werden, und deswegen wird Kerenski die letzte Kraft Russlands im Angriff einsetzen. Ein gewagtes Spiel, am meisten gewagt fuer Russland! Doch voll berechtigt; denn gelingt es, dann ist nicht nur die Entente gerettet, sondern es kann auch eine russische Diktatur geschaffen und erhalten werden. Ohne solche ist Russland dem Chaos verfallen. Die Aussichten fuer die Offensive Kerenskis gegen die deutsche Front sind freilich jetzt kaum besser als in frueheren Zeiten. Moegen auch gute, deutsche Divisionen nach dem Westen gezogen worden sein, die verbliebenen genuegen, um einen russischen Anprall auszuhalten. Zu einer langandauernden Sturmflut wie 1917 wird der Angriff nicht werden, dazu fehlt dem Gegner die innere Kraft. Zahlreiche russische Freiheitsverkuender durchziehen pluendernd das Rueckengebiet der Armee oder stroemen der Heimat zu. Auch gute Elemente verlassen die Front, aus Sorge um Angehoerige und Besitz angesichts der drohenden innerpolitischen Katastrophe. Bedenklich liegen dagegen die Verhaeltnisse an der oesterreichisch-ungarischen Front; es ist zu befuerchten, dass dort auch jetzt wieder, wie 1916, der russische Ansturm schwache Stellen finden wird. Vielleicht, ja sicher wohl, hat Kerenski darueber die gleichen Nachrichten, wie wir. Wird uns doch schon im Fruehjahr durch einen Vertreter der verbuendeten Macht ein tiefernstes Bild von dortigen Zustaenden entworfen mit dem Gesamteindruck, dass "die oesterreichisch-slawischen Truppen in ueberwiegender Mehrzahl einem russischen Angriff jetzt noch geringeren Widerstand entgegensetzen werden wie 1916", denn sie sind gleichzeitig mit den russischen Truppen auch politisch zersetzt worden. Aus aehnlichem Einblick, den Ueberlaeufer ihm liefern, wird sich wohl Kerenskis Kriegsplan ergeben haben, naemlich: Oertliche Angriffe gegen die Deutschen, um diese zu binden, den Massenstoss aber gegen die k. u. k. Mauer. Und so geschah es. Bei Riga, Duenaburg und Smorgon greift der Russe die deutschen Stellungen an und wird zurueckgetrieben. Die Mauer in Galizien erweist sich nur da als steinern, wo oesterreichisch-ungarische Truppen mit deutschen vereint stehen. Dagegen stuerzt die oesterreichisch-slawische Wand bei Stanislau vor dem einfachen Pochen Kerenskis. Aber Kerenskis Truppen sind nicht mehr Brussilows Truppen. Ein Jahr verging seit des letzteren Offensive. Es war ein Jahr schwerer Verluste und tiefer Zersetzung fuer das russische Heer. So dringt die russische Offensive trotz guenstigster Aussichten auch bei Stanislau nicht vollstaendig durch. Die russische Saat ist nun endlich zum Schneiden reif. Die Schnitter stehen auch schon bereit. Es ist die Zeit, in der auch auf den Fluren der deutschen Heimat die wirkliche Ernte beginnt. Mitte Juli! Unser Gegenstoss im Osten Gegenstoss! Keine Truppe, kein Fuehrer an der Front kann diese Nachricht mit freudigerer Genugtuung vernommen haben, wie ich sie empfand, als ich endlich den Zeitpunkt hierfuer gekommen sah. An frueherer Stelle habe ich unsere Lage bis zum Fruehjahr 1917 als eine grosse strategische Bereitstellung bezeichnet. Unsere Reserven waren dabei freilich nicht eng vereinigt, wie etwa die Heeresmassen Napoleons, als er im Herbste 1813 den Angriff der ihn von allen Seiten umringenden Gegner erwartete. Die ungeheuren Raeume, die wir zu beherrschen hatten, verboten ein derartiges Verfahren. Die Leistungen unserer Eisenbahnen ermoeglichten andererseits, auch weit verstreut stehende Verfuegungstruppen rasch zu einem Stoss auf ein gewaehltes Operationsfeld zu werfen. Die Abwehrkaempfe im Westen hatten an dem Bestand unserer Reserven stark gezehrt. Mit dem verbliebenen Reste dort eine Gegenoffensive zu machen, verboten die Staerkeverhaeltnisse und die Kampfschwierigkeiten. Dagegen schienen diese unsere Kraefte auszureichen, um mit ihnen im Osten die Lage endgueltig zu unseren Gunsten zu entscheiden und dadurch den politischen Zusammenbruch unserer dortigen Gegner herbeizufuehren. Die Stuetzen Russlands waren morsch geworden. Die letzten Kraftaeusserungen des jetzt republikanischen Heeres waren nur das Ergebnis einer kuenstlich hochgetriebenen Welle, die ihre Staerke nicht mehr aus den Tiefen des Volkes schoepfte. War aber in diesem Voelkerringen die Faeulnis in ein Volksheer einmal eingedrungen, so musste der voellige Zusammenbruch unvermeidlich sein. Aus dieser Ueberzeugung heraus war ich der Meinung, dass wir in Russland auch mit geringen Mitteln nunmehr Entscheidendes erreichen koennten. Begreiflicherweise fehlte es nicht an Stimmen, die vor einem Einsatz unserer verfuegbaren Reserven zu einem Angriff auch jetzt noch warnten. Und in der Tat, die Frage war nicht so einfach zu entscheiden, als es jetzt, wo sich der Gang der Ereignisse klar ueberblicken laesst, scheinen moechte. Wir hatten in der Zeit des Entschlusses manche schwere Bedenken und Sorgen zurueckzustellen. War doch damals schon klar, dass der englische Angriff bei Wytschaete und Messines am 7. Juni nur den Vorbereitungskampf zu einem weit groesseren Schlachtendrama bildete, das, sich an ihn anschliessend, seinen Hintergrund in der weiter noerdlich gelegenen flandrischen Landschaft haben wuerde. Auch mussten wir damit rechnen, dass Frankreich wieder zum Angriff schreiten wuerde, sobald sich sein Heer von den schweren Rueckschlaegen aus der Fruehjahrsoffensive erholt hatte. Das Wegziehen von Kraeften aus dem Westen, es handelte sich um 6 Divisionen, war zweifellos ein Wagnis, aehnlich, wie wir es im Jahre 1916 beim Angriff auf Rumaenien uebernehmen mussten. Damals freilich zwang uns die offene Not. Jetzt fuehrte uns der freie Entschluss. In beiden Faellen aber war das Wagnis gegruendet auf das unerschuetterliche Vertrauen zu unseren Truppen. Auch aus anderen Gruenden, als aus denen der allgemeinen Kriegslage erhoben sich gegen unseren Plan abmahnende Stimmen. An der Hand der Erfahrungen, die die Gegner unserer Verteidigung gegenueber gemacht hatten, wurde die Moeglichkeit durchschlagender Angriffserfolge unsererseits bezweifelt. Ich erinnere mich, dass wir noch kurz vor dem Beginne unseres Gegenstosses an der galizischen Front gewarnt wurden, mit den bereitgestellten Kraeften nicht mehr zu erhoffen, als einen oertlichen Erfolg; also eine Einbeulung der feindlichen Linien, so wie der Gegner sie vielfach gegen unsere Verteidigung im ersten Anlauf erreichte. War dies anzustreben? Verzichteten wir dann nicht besser auf die ganze Operation? Unter solchen Annahmen wurde auch die Anregung begreiflich: Wir sollten unsere Landkraefte lediglich zur Abwehr bereithalten und im uebrigen abwarten, bis unsere Unterseeboote unsere Hoffnungen erfuellt haben wuerden. Der Gedanke hatte etwas verfuehrerisches. Das Ergebnis des Unterseebootkrieges uebertraf nach den uns damals zukommenden Mitteilungen alle unsere Erwartungen. Seine Wirkungen mussten daher bald offen zutage treten. Trotzdem konnte ich mich mit diesem Vorschlag nicht befreunden. Die militaerischen wie politischen Verhaeltnisse im Osten draengten gerade jetzt derartig zur Entscheidung, dass wir nicht monatelang stillhalten und nur zusehen konnten. Wir mussten befuerchten, dass, wenn dem Angriff Kerenskis unser Gegenschlag nicht auf dem Fusse folgte, die kriegerischen Stroemungen in Russland wieder die unbedingte Oberhand gewinnen wuerden. Es ist nicht notwendig, sich die Rueckwirkung eines solchen Ganges der Ereignisse auf unser Land und auf unsere Verbuendeten naeher auszumalen. Waehrend sich Kerenski vergeblich abmueht, mit der Masse seiner noch angriffsfaehigen Truppen nordwestlich Stanislau die inzwischen durch deutsche Kraefte staerker gestuetzten oesterreichisch-ungarischen Linien zu durchbrechen, versammeln wir suedwestlich Brody, also seitwaerts des russischen Einbruchs, eine starke Angriffsgruppe und treten am 19. Juli in suedoestlicher Richtung auf Tarnopol zum Angriff an. Unsere Operation trifft wenig widerstandsfaehige, im voraufgegangenen Angriff erschoepfte Teile der russischen Linien. Sie werden rasch ueber den Haufen geworfen, und mit einem Schlage bricht die ganze Offensive Kerenskis zusammen. Nur schleuniger Rueckzug kann die nach Norden und vor allem die nach Sueden an unsere Durchbruchstelle anschliessenden russischen Kraefte vor dem Verderben retten. Unsere gesamte Ostfront in Galizien, bis weit nach Sueden in die Karpathen hinein, setzt sich in Bewegung und folgt dem weichenden Feinde. Schon Anfang August ist fast ganz Galizien und die Bukowina vom Gegner befreit. An diesem schoenen Erfolge haben unsere Bundesgenossen entsprechenden Anteil. Es wurde mir mitgeteilt, dass sich in den oesterreichisch-ungarischen Verfolgungskaempfen ganz besonders die Feldartillerie ausgezeichnet haette. Sie fuhr in kuehner Ruecksichtslosigkeit ueber die eigene Infanterie hinaus an die Russen heran. Ich habe diese treffliche Waffe ja schon 1866 bei Koeniggraetz als Gegner bewundern gelernt und freute mich daher doppelt der erneuten Bewaehrung ihres Ruhmes auf unserer Seite. Unsere Offensive kam an der Grenze der Moldau zum Stehen. Niemand konnte das mehr bedauern als ich. Wir waren in der denkbar guenstigsten strategischen Lage, um uns durch Fortsetzung der Bewegungen in den Besitz dieses letzten Teiles Rumaeniens zu setzen. Bei den damaligen politischen Verhaeltnissen in Russland haette das rumaenische Heer sich wohl sicher aufgeloest, wenn wir es zum voelligen Verlassen seines heimatlichen Bodens zwingen konnten. Wie haetten ein rumaenischer Koenig und ein koeniglich rumaenisches Heer auf revoltierendem russischen Boden weiter bestehen koennen? Unsere rueckwaertigen Verbindungen waren jedoch infolge Bahnzerstoerungen durch die weichenden Russen so schwierig geworden, dass wir schweren Herzens auf die Fortsetzung der Operationen an dieser Stelle verzichten mussten. Ein spaeterer Versuch unsererseits durch einen Angriff bei Focsani die rumaenische Armee in der Moldau ins Wanken zu bringen, drang nicht durch. Wir halten nun weiter an dem Entschluss fest, Russland bis zur endgueltigen militaerischen Ausschaltung nicht mehr locker zu lassen, mochte auch zu dieser Zeit im Westen der Beginn des flandrischen Dramas unsere Aufmerksamkeit, ja unsere vermehrten Sorgen auf sich ziehen. Konnten wir in Wolhynien und in der Moldau auf das russische Heer nicht weiter losschlagen, so musste das an einem anderen Frontteil geschehen. Bei Riga bot sich nun hierfuer eine besonders geeignete Stelle, an der Russland nicht nur militaerisch sondern auch politisch empfindlich getroffen werden konnte. Dort sprang der russische Nordfluegel wie eine maechtige Flankenstellung auf mehr als 70 km Breite bei nur 20 km Tiefe laengs des Meeres auf das Westufer der Duena vor, eine strategische und taktische Drohstellung gegenueber unserer eigenen Front. Diese Lage hatte uns bereits frueher, als ich noch das Oberkommando im Osten fuehrte, gereizt. Wir hatten schon 1915 und 1916 Plaene geschmiedet, wie wir diese Stellung in der Naehe ihrer Basis durchbrechen und dadurch einen grossen Schlag gegen ihre Besatzung fuehren koennten. Auf dem glatten Papier eigentlich eine sehr leichte Operation, in der rauhen Wirklichkeit aber doch nicht ganz so einfach. Der Durchbruchskeil musste naemlich oberhalb Riga ueber die breite Duena in noerdlicher Richtung vorgetrieben werden. Nun hatten freilich im Verlauf des Krieges grosse Stroeme wesentlich an ihrem imponierenden Charakter als Hindernisse eingebuesst. Hatte doch Generalfeldmarschall von Mackensen die maechtige Donau angesichts des Gegners zweimal ueberschritten. Wir konnten uns also an die Ueberwindung der schmaleren Duena mit leichterem Herzen heranwagen; aber die grosse Schwierigkeit des Unternehmens lag darin, dass die russischen vollbesetzten Schuetzengraeben sich ueberall dicht an dem gegenueberliegenden Ufer hinzogen, die Duena wie einen nassen Festungsgraben ausnuetzend. Trotzdem gelingt am 1. September der kuehne Angriff, da der Russe in unserem Vorbereitungsfeuer seine Uferstellungen verlaesst. Und auch die Besatzung der grossen Flankenstellung westlich des Flusses weicht, Tag und Nacht marschierend, ueber Riga nach Osten und entzieht sich dadurch leider grossenteils rechtzeitig der Gefangenschaft. Unser Angriff bei Riga ruft in Russland die groesste Sorge um Petersburg hervor. Die Hauptstadt des Landes geraet in Aufregung. Sie fuehlt sich durch unseren Angriff bei Riga unmittelbar bedroht. Petersburg, immer noch der Kopf Russlands, gelangt in einen Zustand hoechster Nervositaet, der sachliches, ruhiges Denken ausschliesst; sonst wuerde man dort wohl den Zirkel in die Hand genommen haben, um die Entfernungen zu messen, die unsere bei Riga siegreichen Truppen immer noch von der russischen Hauptstadt trennen. Freilich nicht nur in Russland, auch in unserem Vaterlande arbeitet die Phantasie bei dieser Gelegenheit sehr lebhaft und vergisst Raum und Zeit. Man gibt sich auch bei uns starken Illusionen ueber einen Vormarsch auf Petersburg hin. Offen gestanden wuerde diesen niemand lieber durchgefuehrt haben als ich selbst. Ich verstand daher das Draengen unserer Truppen und ihrer Fuehrer, das Vorgehen mindestens bis zum Peipussee fortzusetzen. Allein wir mussten auf die Ausfuehrung all dieser gewiss sehr schoenen Gedanken verzichten; sie haetten unsere Truppen zu lange und in zu grosser Zahl in einer Richtung gefesselt, die mit unseren weiteren Absichten nicht in Einklang zu bringen war. Unsere Aufmerksamkeit musste sich vom Rigaischen Meerbusen der Kueste des Adriatischen Meeres zuwenden. Darueber gleich nachher. Koennen wir aber auf Petersburg nicht weitermarschieren und dadurch das Nervenzentrum Russlands bis zum Zusammenbruch in lebhaftester Unruhe erhalten, so gibt es noch einen anderen Weg, um diesen Zweck zu erreichen, naemlich den zur See. Unsere Flotte geht mit voller Hingabe auf unsere Anregung ein. So entsteht der Entschluss, die dem Rigaischen Meerbusen vorgelagerte Insel Oesel wegzunehmen. Von dort bedrohen wir den russischen Kriegshafen Reval unmittelbar und vermehren unseren Druck auf das erregte Petersburg unter Einsatz nur geringer Kraefte. Die Operation gegen Oesel zeigt die einzige voellig gelungene Unternehmung beider Parteien in diesem Kriege, soweit es sich um ein Zusammenwirken von Heer und Flotte handelte. Die Verwirklichung des Planes wurde anfaenglich durch unguenstiges Wetter derartig in Frage gestellt, dass wir schon daran dachten, die eingeschifften Truppen wieder an Land zu nehmen. Der Eintritt besserer Witterung laesst uns dann die Ausfuehrung wagen. Sie verlaeuft von da ab nahezu mit der Genauigkeit eines Uhrwerks. Die Marine entspricht den hohen Anforderungen, die wir hierbei an sie stellen muessen, in jeder Richtung. Wir gelangen in den Besitz von Oesel und der benachbarten Inseln. In Petersburg werden die Nerven immer aufgeregter und arbeiten immer wilder und zusammenhangloser. Die Geschlossenheit in der russischen Heeresfront lockert sich mehr und mehr; immer deutlicher tritt zutage, dass Russland zu sehr von inneren Aufregungen verzehrt wird, als dass es noch imstande waere, in absehbarer Zeit nach aussen hin zu erneuter Kraftentfaltung zu kommen. Was mitten in diesem Trubel noch fest und haltbar erscheint, wird von der roten Flut immer staerker umbrandet; Stueck auf Stueck wird von den Grundpfeilern des Staates weggerissen. Unter unseren letzten Schlaegen wankt der Koloss nicht nur, sondern er berstet und stuerzt. Wir aber wenden uns einer neuen Aufgabe zu. Angriff auf Italien Trotzdem die Lage in Flandern in dieser Herbstzeit ausserordentlich ernst ist, entschliessen wir uns zum Angriff auf Italien. Man wird nach meiner frueheren ablehnenden Haltung gegen ein solches Unternehmen vielleicht darueber verwundert sein, dass ich nun doch die Zustimmung meines Allerhoechsten Kriegsherrn zur Verwendung deutscher Truppen fuer eine Operation erwirkte, von der ich mir so geringen Einfluss auf unsere gesamte Lage versprach. Demgegenueber kann ich nur sagen, dass ich meine Anschauungen in dieser Beziehung nicht geaendert hatte. Ich hielt es auch im Herbste 1917 fuer ausgeschlossen, dass uns selbst im Falle eines durchschlagenden Sieges eine Absprengung Italiens vom Bunde unserer Gegner gelingen wuerde; ich glaubte im Herbste 1917 ebensowenig wie bei Beginn dieses Jahres, dass wir lediglich fuer den Ruhm eines erfolgreichen Feldzuges gegen Italien deutsche Kraefte der gefaehrlichen Lage unserer Westfront entziehen duerften. Die Gruende meiner nunmehrigen Befuerwortung unserer Beteiligung an einer solchen Operation waren auf anderen Gebieten zu suchen. Unser oesterreichisch-ungarischer Verbuendeter klaerte uns dahin auf, dass er nicht mehr die Kraft habe, einen zwoelften italienischen Angriff an der Isonzofront auszuhalten. Diese Eroeffnung war fuer uns militaerisch wie politisch von gleich grosser Bedeutung. Es handelte sich nicht nur um den Verlust der Isonzolinie sondern geradezu um den Zusammenbruch des gesamten oesterreichisch-ungarischen Widerstandes. Die Donaumonarchie war einer etwaigen Niederlage an der italienischen Front gegenueber weit empfindlicher als gegenueber einer solchen auf dem galizischen Kriegstheater. Fuer Galizien hatte man in Oesterreich-Ungarn nie mit Begeisterung gefochten. "Wer den Krieg verliert, muss Galizien behalten", war ein im Feldzug oft gehoertes oesterreichisch-ungarisches Spottwort. Dagegen war in der Donaumonarchie das Interesse fuer die italienische Grenze immer ein ausserordentlich grosses. In Galizien, das heisst gegen Russland, focht Oesterreich-Ungarn nur mit dem Verstande, gegen Italien aber auch mit dem Herzen. An dem Kriege gegen Italien beteiligten sich auffallenderweise alle Staemme des Doppelreiches mit fast gleich grosser Hingabe. Tschechisch-slowakische Truppen, die gegen Russland versagt hatten, leisteten gegen Italien Gutes. Der Kampf dort bildete gewissermassen ein kriegerisch einigendes Band fuer die ganze Monarchie. Was wuerde eintreten, wenn auch dieses Band zerriss? Die Gefahr hierfuer ist in dem Zeitpunkt, von dem wir sprechen, gross. Ende August hat naemlich Cadorna in der elften Isonzoschlacht wirklich einmal erheblich Gelaende gewonnen. Alle bisherigen Gelaendeverluste waren zu verschmerzen gewesen; sie waren nach unseren eigenen reichlichen Erfahrungen eine natuerliche Folge der zerstoerenden Wirkung der Angriffsmittel gegen die staerkste Verteidigung. Jetzt aber waren die oesterreichischen Widerstandslinien an den aeussersten Rand zurueckgedraengt. Gewann der Italiener nach erneuten Vorbereitungen weiteres Gelaende, so wurde fuer Oesterreich die Lage vorwaerts Triest unhaltbar. Triest ist also ernstlichst bedroht. Wehe aber, wenn diese Stadt faellt. Wie Sebastopol den Krimkrieg, so scheint Triest den Krieg zwischen Italien und Oesterreich entscheiden zu koennen. Triest ist fuer die Donaumonarchie nicht nur eine ideale Groesse sondern auch ein hoechst realer Wert. An seinem Besitz haengt auch in der Zukunft ein grosser Teil der wirtschaftlichen Freiheit des Landes. Triest muss also gerettet werden, und da es nicht anders moeglich ist, mit deutscher Hilfe. Gelang es uns, den Verbuendeten durch einen gemeinsamen durchgreifenden Sieg an seiner Suedwestfront ebensoweit zu entlasten, wie vor kurzem an der Ostfront, so war nach menschlichem Ermessen Oesterreich-Ungarn jedenfalls imstande, im Kriege an unserer Seite noch weiter durchzuhalten. Die schweren Kaempfe an der Isonzofront hatten bisher an der oesterreichisch-ungarischen Wehrkraft stark gezehrt. Der groesste Teil ihrer besten Truppen hatte Cadorna gegenueber gestanden und am Isonzo schwer geblutet. Oesterreichisch-ungarisches Heldentum hatte dabei die menschlich groessten Triumphe gefeiert. Denn die Verteidigung am Isonzo stand jahrelang einer mindestens dreifachen italienischen Ueberlegenheit gegenueber, und zwar in einer Lage, die in ihrem Elend und Schrecken derjenigen unserer Kampffelder an der Westfront nichts nachgab, ja sie in mancher Beziehung sogar uebertraf. Auch wollen wir nicht vergessen, welch gewaltige Anforderungen der Hochgebirgskrieg in Suedtirol an die Verteidigungstruppen stellte. Reichte doch dieser Krieg an manchen Stellen bis in das Gebiet des ewigen Eises und Schnees hinauf. Fuer eine Operation gegen Italien war es der naechstliegende Gedanke: Vorbrechen aus Suedtirol. Dadurch konnte die Hauptmasse des italienischen Heeres im grossen Kessel von Venetien der Vernichtung oder Aufloesung entgegengefuehrt werden. Auf keiner unserer Kriegsfronten bot die strategische Linienfuehrung gleichguenstige Vorbedingungen fuer einen gewaltigen Erfolg. Jede andere Operation musste dieser gegenueber fast wie ein offenkundiger strategischer Fehler erscheinen. Und trotzdem mussten wir auf ihre Durchfuehrung verzichten! Bei der Beurteilung dieses Feldzugsplanes duerfen wir den inneren Zusammenhang zwischen unserem Kampf an der Westfront und dem Krieg gegen Italien nicht ausser acht lassen. Wir konnten fuer den letzteren in Ruecksicht auf unsere Lage im Westen nicht mehr als die Haelfte derjenigen Zahl deutscher Divisionen zur Verfuegung stellen, die Generaloberst von Conrad fuer einen wirkungsvollen, durchschlagenden Angriff aus Suedtirol heraus im Winter 1916/17 fuer erforderlich gehalten hatte. Staerkere Kraefte konnten wir dem Bundesgenossen auch dann nicht zur Verfuegung stellen, wenn wir, wie es tatsaechlich der Fall war, mit der Wahrscheinlichkeit rechneten, dass unsere Gegner an der Westfront sich genoetigt sehen wuerden, bei einer schweren Niederlage ihres Verbuendeten einige Divisionen aus ihrer grossen Ueberlegenheit nach Italien zu entsenden. Gegen den Plan einer Operation aus Suedtirol heraus sprach aber auch das Bedenken, dass ein frueher Winter einbrechen konnte, bevor unser dortiger Aufmarsch beendet war. Die angefuehrten Gruende zwangen daher dazu, uns mit einem kleineren Ziele zu begnuegen und zu versuchen, die italienische Front an dem offenkundig schwachen Nordfluegel der Isonzoarmee zu durchstossen, um dann gegen den suedlichen Hauptteil des italienischen Heeres einen vernichtenden Schlag zu fuehren, bevor ihm der Rueckzug hinter den schuetzenden Abschnitt des Tagliamento gelingen konnte. Am 24. Oktober begann unser Angriff bei Tolmein. Nur mit Muehe gelang es Cadorna, den mit Vernichtung bedrohten Suedteil seines Heeres unter Preisgabe von vielen Tausenden von Gefangenen und Zuruecklassung grosser Mengen Kriegsgeraets hinter die Piave zu retten. Erst dort gewannen die Italiener in engerer Vereinigung und gestuetzt durch herbeigeeilte franzoesische und englische Divisionen wieder Kraft zu neuem Widerstand. Der linke Fluegel der neuen Front klammerte sich an die letzten Bergruecken der venezianischen Alpen an. Unser Versuch, diese die oberitalienische Tiefebene weithin beherrschenden Hoehen noch zu gewinnen und damit den feindlichen Widerstand auch an der Piavefront zum Zusammenbrechen zu bringen, scheiterte. Ich musste mich ueberzeugen, dass unsere Kraft zur Erfuellung dieser Aufgabe nicht mehr ausreichte. Die Operation hatte sich tot gelaufen. Der zaeheste Wille der an Ort und Stelle befindlichen Fuehrung wie ihrer Truppen musste vor dieser Tatsache die Waffen sinken lassen. So sehr ich mich der errungenen Erfolge in Italien freute, so konnte ich mich doch eines Gefuehles des Unbefriedigtseins nicht voellig entziehen. Der grosse Sieg war schliesslich doch unvollendet geblieben. Freilich, unsere praechtigen Soldaten kehrten mit berechtigtem Stolze auch aus diesem Feldzuge zurueck. Doch die Freude der Soldaten ist nicht immer auch diejenige ihres Fuehrers. Fortsetzung der feindlichen Angriffe im zweiten Halbjahr 1917 Im Westen Waehrend wir gegen Russland die letzten Schlaege fuehrten und Italien nahezu an den Rand des kriegerischen Zusammenbruches brachten, setzten England und Frankreich die Angriffe gegen unsere Westfront fort. Dort lag fuer uns die groesste Gefahr des ganzen Feldzugsjahres. Die Flandernschlacht brach Ende Juli los. Trotz der ausserordentlichen Schwierigkeit, in die dadurch unsere Lage an der Westfront geriet, und ungeachtet der Gefahr, dass durch groessere englische Erfolge unsere Operationen auf den uebrigen Kriegsschauplaetzen beeintraechtigt werden koennten, empfand ich bei Beginn dieser neuen Schlacht eine gewisse Befriedigung. England machte nochmals die erwartete aeusserste Anstrengung, einen grossen und entscheidenden Angriff gegen uns zu fuehren, bevor die Unterstuetzung durch die Vereinigten Staaten irgend wie fuehlbar werden konnte. Ich glaubte darin die Wirkung unseres Unterseebootkrieges zu erkennen, durch den England sich veranlasst sah, die Kriegsentscheidung noch in diesem Jahre und um jedes Opfer zu erzwingen. Die nun beginnende Flandernschlacht konnte zwar nicht in ihren Ausmassen, wohl aber in der Zaehigkeit, mit der sie auf englischer Seite durchgekaempft wurde, und in den Schwierigkeiten, die das Gelaende in erster Linie dem Verteidiger bot, unseren Kaempfen an der Somme im Jahre 1916 vollwertig an die Seite gestellt werden. Statt in dem harten Kalkboden des Artois wurde nunmehr auf der sumpfigen, bruechigen, flandrischen Erde gefochten. Auch dieses Ringen entartete zu einer der uns ja schon so genau bekannten Dauerschlachten und gab in seinem Gesamtcharakter eine Hoechststeigerung der duesteren Kriegsszenen, die einer solchen Schlacht anhaften. Die Kaempfe hielten uns selbstredend in einer grossen Spannung. Ich darf wohl sagen, dass wir unter ihrem Drucke das Gefuehl der Siegesfreude ueber unsere Erfolge in Russland und Italien nur selten unbeeintraechtigt geniessen konnten. Mit groesster Sehnsucht warteten wir auf den Eintritt der nassen Jahreszeit. Dann wurden, nach den bisherigen Erfahrungen, weite Flaechen des flandrischen Landes ungangbar, und selbst auf den festeren Bodenteilen fuellten sich die frischgeschlagenen Geschosstrichter so rasch mit Grundwasser, dass der in ihnen Deckung Suchende in kurzer Zeit vor die Frage gestellt war: "Entweder ertrinken oder diese Hoehlung verlassen!" Auch dieser Kampf musste dann im Morast ersticken, wenn auch englische Zaehigkeit ihn endlos ausdehnen zu wollen schien. Die Schlachtglut verglomm erst im Dezember. So wenig wie an der Somme erscholl in Flandern Siegesjubel auf seiten einer der abgerungenen Parteien. Gegen Abschluss der flandrischen Schlacht entbrannte ploetzlich ein wilder Kampf in einer bisher verhaeltnismaessig stillen Gegend. Am 20. November wurden wir bei Cambrai ueberraschend von den Englaendern angegriffen. Sie trafen dort auf einen zwar technisch sehr stark ausgebauten, aber mit nur wenigen und kampfverbrauchten Truppen besetzten Teil der Siegfriedstellung. Mit Hilfe seiner Tanks durchbrach der Gegner unsere voellig unversehrten, mehrreihigen Hindernisse und Grabenlinien; englische Kavallerie erschien am Rande der Vorstaedte von Cambrai. Der Durchbruch unserer Linien schien gegen Jahresschluss also doch noch Tatsache zu werden. Da gelang es einer vom Osten her eingetroffenen, ziemlich kampf- und transportmueden deutschen Division, die Katastrophe abzuwenden. Ja, es glueckte uns nach mehrtaegigen moerderischen Abwehrkaempfen am 30. November, mit rasch herangefahrenen, einigermassen frischen Kraeften den feindlichen Einbruch durch Gegenangriff in den Flanken zu fassen und die fruehere Lage unter sehr schweren Verlusten des Gegners fast voellig wiederherzustellen. Nicht nur unsere dortige Armeefuehrung, sondern auch die Truppen und unser Eisenbahnwesen hatten eine der glaenzendsten Leistungen des Krieges vollbracht. Der erste groessere Angriff im Westen, seitdem mir die Leitung der deutschen Operationen uebertragen war, hatte erfolgreich geendet. Ebenso stark und belebend, wie dieser Erfolg auf unsere Truppen und deren Fuehrer wirkte, war seine Wirkung auch auf mich persoenlich. Ich empfand es wie eine Befreiung von einem Druck, der mich in der ununterbrochenen Verteidigungstaetigkeit auf unserer Westfront belastete. Der Erfolg unseres Gegenangriffs bedeutete fuer uns aber mehr als blosse Befriedigung. Die Ueberraschung, durch die er errungen wurde, gab uns gleichzeitig eine Lehre fuer die Zukunft. Mit der Schlacht von Cambrai hatte sich die englische Oberste Fuehrung zum ersten Male freigemacht von ihrer bisherigen, ich darf wohl sagen, schematischen Kriegfuehrung, unter deren Banne sie bisher gestanden hatte. Ein hoeherer operativer Geist schien diesmal zu seinem Recht gekommen zu sein. Die Fesselung unserer Hauptkraefte in Flandern und der franzoesischen Front gegenueber war zu einem ueberraschenden, grossen Schlag bei Cambrai ausgenutzt worden. Freilich zeigte sich die untere Fuehrung auf englischer Seite auch diesmal den Anforderungen und der Gunst der Lage nicht gewachsen. Sie liess sich durch das Unterlassen der Ausnutzung eines glaenzenden Anfangserfolges den Sieg aus den Haenden nehmen, und zwar von Kraeften, die sowohl nach Zahl wie nach Verfassung den ihrigen weit unterlegen waren. Von diesem Gesichtspunkte aus verdiente der Gegner bei Cambrai den gruendlichen Rueckschlag. Auch seine Oberste Fuehrung scheint versaeumt zu haben, die noetigen Mittel zur unbedingten Sicherung der Durchfuehrung und Ausnutzung des Kampfes bereitzustellen. Starke Kavalleriemassen hinter den erfolgreichen vordersten Infanteriedivisionen genuegten auch diesmal nicht, die letzten, wenn auch nur noch schwachen Widerstaende zu beseitigen, die fuer eine durchgreifende Entscheidung die freie Bahn in Flanke und Ruecken des Gegners noch sperrten. Die englischen Reitergeschwader konnten auch in Verbindung mit Panzerwagen der deutschen Verteidigung gegenueber nicht den Sieg an ihre Standarten heften, fuer den sie sich schon wiederholt im ritterlichen Reitergeist eingesetzt hatten. Der englische Angriff bei Cambrai brachte zum ersten Male das Bild eines grossen Ueberraschungsangriffes mit Panzerwagen. Wir kannten dieses Kampfmittel schon von der Fruehjahrsoffensive her, in der es uns keinen besonderen Eindruck gemacht hatte. Die Tatsache jedoch, dass die Tanks nunmehr derartig technisch vervollkommnet waren, dass sie die meisten unserer unversehrten Graeben und Hindernisse ueberwanden, verfehlte eine starke Wirkung auf unsere Truppen nicht. Die Stahlkolosse wirkten weniger physisch vernichtend durch das Feuer von Maschinengewehren und leichten Geschuetzen, das aus ihnen spruehte, als moralisch aufreibend durch ihre verhaeltnismaessige Unverwundbarkeit. Der Infanterist fuehlte sich den Panzerwaenden gegenueber ziemlich machtlos. Durchbrachen die Maschinen die Grabenlinien, dann glaubte sich der Verteidiger im Ruecken bedroht und verliess seine Stellung. Ich bezweifelte dennoch nicht, dass unsere Soldaten, obwohl sie in der Verteidigung wahrlich schon genug ueber sich ergehen lassen mussten, sich auch noch mit dieser neuen gegnerischen Vernichtungswaffe abfinden wuerden, und dass unsere Technik die Mittel zur Bekaempfung der Tanks bald und in der noetigen handlichen Form liefern wuerde. Wie zu erwarten war, sahen die Franzosen den Sommer- und Herbst-Angriffen ihres englischen Bundesgenossen nicht mit Gewehr bei Fuss zu. Sie griffen uns in der zweiten Augusthaelfte bei Verdun und am 22. Oktober nordoestlich von Soissons an. In beiden Faellen entrissen sie unseren dort stehenden Armeen umfangreiche Stellungsteile und verursachten ihnen bedeutende Verluste. Im allgemeinen beschraenkte sich die franzoesische Fuehrung aber in der zweiten Jahreshaelfte auf oertliche Angriffe, wohl gezwungen durch die moerderischen Verluste, die sie im Fruehjahr erlitten hatte, und die es ihr nicht raetlich erscheinen liessen, ihre Truppen nochmals gleich schweren Erschuetterungen auszusetzen. Auf dem Balkan Angriffe der Gegner gegen die bulgarische Front in Mazedonien waehrend der letzten Sommermonate 1917 hatten die Lage auf diesem Kriegsschauplatz nicht zu veraendern vermocht. Sarrail verfolgte anscheinend mit diesen Unternehmungen keine groesseren Ziele. Er zeigte im Gegenteil eine merkwuerdige Zurueckhaltung, die auf ein nahezu voelliges Brachlegen seiner Kraefte fuer die Gesamtlage hinauslief. Mit zunehmender Sorge sah Bulgarien in dieser Zeit auf die griechische Mobilmachung. Die Nachrichten, die wir selbst aus Griechenland erhielten, liessen es zweifelhaft erscheinen, ob es Venizelos gelingen wuerde, kampfbrauchbare Truppenverbaende zu schaffen. Selbst die sogenannten venizelistischen Divisionen bildeten lange Zeit nichts anderes als teilnahmslose Statistengruppen, die sich auf dem mazedonischen Kriegstheater weit lieber in Heldenrollen wie im Heldenkampfe bewegten. Der eigentliche und gesunde Kern des Griechenvolkes lehnte dauernd die Beteiligung an einer innerstaatlichen Politik offenen Treubruches ab. Die bulgarischen Sorgen beruhten vielleicht auf einer Nachwirkung der Ereignisse des Jahres 1913. In Asien Ich wende mich nun den Ereignissen in der asiatischen Tuerkei zu. Das Fehlen ihrer Darstellung wuerde ich fuer ein Unrecht gegen den tapferen und treuen Bundesgenossen halten. Ferner wuerde durch diesen Mangel die Schilderung des gewaltigen Dramas unvollstaendig werden, dessen Szenerien sich von den nordischen Meeren bis zu den Ufern des Indischen Ozeans ausdehnten. Auch hier moechte ich mich weniger mit der Beschreibung der Vorgaenge als mit der Klarlegung ihrer inneren Zusammenhaenge beschaeftigen. Die Geistesarbeit unserer Heimstrategen muehte sich nicht nur an Feldzugsplaenen in Mitteleuropa ab, sondern verlor sich auch manchmal in den fernen Orient. Die Produkte dieser Bemuehungen gelangten teilweise auch in meine Haende. Meistens beschraenkte man sich bei solchen schriftlichen Darlegungen, "um meine kostbare Zeit nicht allzusehr in Anspruch zu nehmen", auf "allgemeine Richtlinien" und glaubte, das weitere vertrauensvoll mir ueberlassen zu koennen. Nur mahnte man haeufig zur Eile! Ein solcher Stratege aus dem Kreise unserer hoffnungsvollen Jugend schrieb mir eines Tages: "Sie werden sehen, dieser Krieg entscheidet sich bei Kiliz - also dorthin unsere gesamte Kraft!" Es galt zunaechst diesen Ort zu suchen. Er wurde innerhalb der gemaessigten Zone, noerdlich von Aleppo, entdeckt. Man mag diesen Einfall des jungen Mannes noch so eigenartig finden, es lag doch ein gutes Teil richtigen strategischen Gefuehls in diesem seinem Gedanken. Zwar nicht das Schicksal des ganzen Krieges, wohl aber das Schicksal unseres osmanischen Bundesgenossen waere auf dem kuerzesten Wege bestimmt worden, wenn England die Entscheidung in dieser Gegend gesucht, ja vielleicht nur ernstlich versucht haette. Die Herrschaft ueber das Land suedlich des Taurus war fuer die Tuerkei mit einem Schlage unrettbar verloren, wenn es den Englaendern gelang, im Golf von Alexandrette zu landen und in oestlicher Richtung vorzudringen. Damit waere die Lebensader der ganzen transtaurischen Tuerkei, durch die frisches Blut und andere Naehrkraft zu den syrischen und mesopotamischen sowie einem Teil der kaukasischen Armeen floss, durchschnitten worden. Gering genug war ja die Kraft- und Blutmenge, aber sie genuegte doch lange Zeit, um die osmanischen Armeen gegen die ungenuegend vorbereiteten, vielfach matt und unsachlich gefuehrten gegnerischen Operationen und Angriffe zum langandauernden Standhalten zu befaehigen. Der Schutz des Golfes von Alexandrette war einer tuerkischen Armee anvertraut, die kaum einen einzigen gefechtsbrauchbaren Verband aufwies. Alles, was diese Bezeichnung verdiente, stroemte immer wieder von dort nach Syrien oder Mesopotamien ab. Auch der artilleristische Kuestenschutz bestand hier mehr in der orientalischen Phantasie, als in der kriegerischen Wirklichkeit. Enver Pascha bezeichnete die Lage mir gegenueber treffend mit den Worten: "Meine einzige Hoffnung ist, dass der Gegner unsere Schwaeche an dieser gefaehrlichen Stelle nicht bemerkt." War nun wirklich irgend welche Wahrscheinlichkeit dafuer gegeben, dass diese ernstliche Schwaeche am Golf von Alexandrette dem Gegner verborgen blieb? Ich glaubte nicht. Nirgends konnte der gegnerische Nachrichtendienst sich ungehemmter entwickeln und fand unter dem bunten Voelkergemisch groessere Unterstuetzung als in Syrien und Kleinasien. Es schien ausgeschlossen, dass die englische Oberste Kriegsleitung nicht genaue Kenntnis von den Verhaeltnissen im dortigen Kuestenschutz gehabt haben sollte. England konnte auch nicht befuerchten, dass es mit einem Vorstoss aus dem Golf von Alexandrette in ein Wespennest stossen wuerde; das Nest hatte ja keine Wespen. War also je ein Ausblick auf eine glaenzende strategische Tat gegeben, so war das hier der Fall. Die Tat wuerde auf der ganzen Welt den groessten Eindruck gemacht und ihre tiefgreifende Wirkung auf unseren tuerkischen Bundesgenossen nicht verfehlt haben. Warum nutzte England diese Gelegenheit nicht aus? Vielleicht lagen die Seekriegserfahrungen aus dem Dardanellenunternehmen her jetzt noch laehmend in den englischen Gliedern, vielleicht war die Sorge vor unseren Unterseebooten zu gross, als dass man sich von feindlicher Seite an ein solches Unternehmen gewagt haette. Die Geschichte wird wohl einmal auch diese Fragen klaeren. Ich sage "vielleicht", denn Voraussetzung ist, dass England sie klaeren laesst. Wir bekommen wohl etwas Einblick in die ausschlaggebende britische Gedankenrichtung durch eine freilich schon vor dem Kriege gefallene Aeusserung eines hohen englischen Seeoffiziers. Dieser gab zur Zeit der Faschoda-Angelegenheit auf die verwunderte Frage ueber seine vorsichtige Auffassung von der Rolle der englischen Flotte in mittellaendischen Gebieten im Falle eines englisch-franzoesischen Krieges die Antwort: "Ich habe die strikte Weisung, Englands Ruhm von Trafalgar nicht aufs Spiel zu setzen." Der Ruhm von Trafalgar ist gross und berechtigt. Es gibt Kleinodien abstrakter Art, die den kostbarsten Schatz eines Volkes bilden. England verstand es, sich ein solches Kleinod im Ruhme von Trafalgar zu bewahren und es seinem Volke und der ganzen Welt staendig im schoensten Lichte vor die bewundernden Augen zu halten. Im grossen Kriege fiel freilich so mancher Schatten ueber dieses Kleinod. So beispielsweise an den Dardanellen, und weitere Schatten folgten waehrend der Kaempfe gegen die deutsche Seemacht, der staerkste und schwaerzeste im Skagerrak. England wird uns diese Verdunkelung des Ruhmes von Trafalgar nie verzeihen. Es verzichtete auf den kuehnen Stoss in das Herz seines osmanischen Gegners und unterwarf sich weiter der opfervollen und langandauernden Muehe, die tuerkische Herrschaft suedlich des Taurus durch allmaehliches Zurueckwerfen der osmanischen Armeen zu Falle zu bringen. Mit der Einnahme von Bagdad war bei Jahresbeginn ein erster erfolgverheissender grosser Schritt zur Erreichung dieses Kriegszieles gemacht. Bei Gaza dagegen war der Angriff im Fruehjahr gescheitert und musste aufs neue vorbereitet werden. Unter dem bleiernen Druck der Sommersonne waren aber vorerst die weiteren kriegerischen Bewegungen erlahmt. Der Verlust von Bagdad war schmerzlich fuer uns und, wie wir annehmen zu muessen glaubten, noch schmerzlicher fuer die ganze denkende und fuehlende Tuerkei. Wie viel und wie oft war der Name der frueheren Kalifenstadt im deutschen Vaterlande genannt, wie viele Phantasien waren mit ihm verknuepft worden, Phantasien, die man vorteilhafter im stillen gehegt haette, statt sie geraeuschvoll in die Welt hinauszuschreien nach unpolitischer deutscher Art. Die militaerische Gesamtlage wurde durch die Ereignisse in Mesopotamien nicht weiter beeinflusst, wohl aber war der deutschen Aussenpolitik der Verlust Bagdads sehr empfindlich. Wir hatten der osmanischen Regierung den Besitzstand ihres Landes gewaehrleistet und fuehlten nun, dass, trotz aller weitherzigen Auslegungen dieses Vertrages von seiten unsres Bundesgenossen, unser politisches Kriegskonto durch diesen neuen, grossen Verlust sehr belastet wurde. Enver Paschas Ersuchen um deutsche Mithilfe fuer eine Wiedereroberung Bagdads fand daher bei uns allenthalben bereitwilligstes Entgegenkommen, nicht zum mindesten auch deswegen, weil die tuerkische Heeresleitung jederzeit auf dem europaeischen Kriegsschauplatz hilfsbereit gewesen war. Die Fuehrung in diesem neuen Feldzuge sollte dem Antrage Envers entsprechend in deutsche Haende gelegt werden, und zwar nicht aus dem Grunde, weil deutsche Truppenunterstuetzung in groesserem Massstabe ins Auge gefasst wurde, sondern weil es dem tuerkischen Vizegeneralissimus notwendig erschien, das kriegerische Ansehen Deutschlands an die Spitze des Unternehmens zu stellen. Auch konnte an ein Gelingen des Planes nur gedacht werden, wenn es moeglich war, die ungeheueren Schwierigkeiten an den endlos langen rueckwaertigen Verbindungen zu ueberwinden. Eine tuerkische Fuehrung wuerde an der Erfuellung dieser ersten Voraussetzung gescheitert sein. Seine Majestaet der Kaiser beauftragte auf tuerkisches Anfordern den General von Falkenhayn mit der Fuehrung dieser ausserordentlich schwierigen Operation. Der General unterrichtete sich im Mai des Jahres 1917 in Konstantinopel sowie in Mesopotamien und Syrien persoenlich ueber seine Aufgabe. Die Reise nach Syrien erwies sich als notwendig, weil General von Falkenhayn unmoeglich auf Bagdad operieren konnte, wenn nicht die Gewaehr vorhanden war, dass die tuerkische Front in Syrien feststand. Unterlag es doch keinem Zweifel, dass das Bagdadunternehmen in kurzer Zeit an England verraten sein wuerde, und dass die Nachricht hiervon einen englischen Angriff in Syrien herausfordern musste. General von Falkenhayn gewann den Eindruck, dass die Operation durchfuehrbar sei. Wir entsprachen daher den von ihm an uns gestellten Anforderungen. Wir gaben der Tuerkei alle ihre Kampftruppen zurueck, die wir noch zur Verwendung auf dem europaeischen Kriegsschauplatz stehen hatten. Das osmanische Korps in Galizien scheidet aus einem deutschen Armeeverbande aus, als eben Kerenskis Truppen vor unserem Gegenstoss nach Osten weichen. Es kehrt in seine Heimat zurueck, begleitet von unserem waermsten Dank. Die Osmanen hatten ihren alten Kriegsruhm in unseren Reihen nochmals bewaehrt und sich als ein durchaus brauchbares Kampfinstrument in unserer Hand erwiesen. Ich muss dabei freilich hervorheben, dass Enver Pascha uns die besten seiner verfuegbaren Truppen fuer die Ostfront und Rumaenien abgegeben hatte. Die Beschaffenheit dieser Korps durfte also nicht als Massstab fuer die Guete und Verwendbarkeit des gesamten tuerkischen Heeres genommen werden. Die hingebende Arbeit, mit der sich unser Armee-Oberkommando in Galizien der Erziehung und Ausbildung, ganz besonders aber auch der Verpflegung und der gesundheitlichen Fuersorge seiner osmanischen Truppen widmete, hatte ihre reichsten Fruechte getragen. Wie viele dieser rauhen Naturkinder fanden Kameradschaft und Naechstenliebe zum ersten und wohl auch zum letzten Male unter unserer Obhut. Ich hatte gehofft, dass die heimkehrenden tuerkischen Verbaende einen besonders wertvollen Bestandteil der Expeditionsarmee gegen Bagdad bilden wuerden. Leider ging diese Erwartung nicht in Erfuellung. Die Truppen waren kaum unserem Einfluss entrueckt, als sie auch schon wieder zerfielen, ein Zeichen dafuer, wie wenig tiefgreifend unser Beispiel auf die tuerkischen Offiziere gewirkt hat. Nur einzelne unter diesen machten der grossen Masse mangelhaft geschulter und wenig brauchbarer Elemente gegenueber eine besondere, manchmal allerdings ueberraschend glaenzende Ausnahme. Das osmanische Heer haette eines voelligen Neubaues bedurft, um wirklich zu Leistungen befaehigt zu sein, die den grossen Opfern des Landes entsprachen. Der Nachteil der jetzigen Zustaende zeigte sich besonders in einem ungeheuren Menschenverbrauch. Es war die gleiche Erscheinung, wie sie bei jeder fuer den Krieg ungenuegend vorbereiteten und mangelhaft erzogenen Armee eintritt. Eine gruendliche kriegerische Vorbildung des Heeres spart dem Vaterlande im Ernstfall Menschenkraefte. Welch einen ungeheueren Umfang der Verbrauch an solchen in der Tuerkei im Verlauf des Krieges angenommen hatte, duerfte aus einer mir zugekommenen Nachricht hervorgehen, wonach in einzelnen Bezirken von Anatolien die Doerfer von jeder maennlichen Einwohnerschaft zwischen dem Knaben- und dem Greisenalter entbloesst waren. Das wird begreiflich, wenn man hoert, dass die Verteidigung der Dardanellen den Tuerken etwa 200.000 Menschenleben gekostet hatte. Wieviel hiervon dem Hunger und den Krankheiten erlagen, ist nicht bekannt geworden. Die deutsche Unterstuetzung fuer das Bagdadunternehmen bestand, abgesehen von einer Anzahl Offizieren fuer besondere Verwendung, aus dem sogenannten Asienkorps. Man hat sich darueber in unserem Vaterlande aufregen zu muessen geglaubt, dass wir den Tuerken ein ganzes Korps fuer so fernliegende Zwecke zur Verfuegung stellten, anstatt diese kostbaren Kraefte in Mitteleuropa zu verwerten. Das Korps bestand aber nur aus drei Infanteriebataillonen und etlichen Batterien. Die Bezeichnung war zur Taeuschung des Gegners gewaehlt; ob diese Taeuschung wirklich gelang, ist uns nicht sicher bekannt geworden. Bei solchen Unterstuetzungen handelte es sich weit weniger um zahlenmaessige Verstaerkungen unserer Bundesgenossen, wie darum, ihnen sittliche und geistige Kraefte, das heisst Willen und Wissen zuzufuehren. Der eigentliche Sinn unserer Hilfe wird treffend gekennzeichnet durch ein Wort des Zaren Ferdinand, als er uns noch vor den Herbstkaempfen des Jahres 1916 in Mazedonien vor dem Wegziehen aller deutschen Truppen aus der bulgarischen Front warnte: "Meine Bulgaren wollen Pickelhauben sehen, dieser Anblick gibt ihnen Vertrauen und Rueckhalt. Alles andere haben sie selbst." Auch hier wurde also die Erfahrung bestaetigt, die Scharnhorst einmal in die Worte fasste, dass der staerkere Wille des Gebildeten unendlich wichtiger fuer das Ganze sei, als die rohe Kraft. Die Operation gegen Bagdad kam nicht zur Durchfuehrung. Schon in den letzten Sommermonaten zeigte sich, dass der Englaender alle Vorbereitungen zu Ende gefuehrt hatte, um die tuerkische Armee bei Gaza noch vor Eintritt der nassen Jahreszeit anzugreifen. General von Falkenhayn, der dauernd im Orient weilte, gewann immer mehr den Eindruck, dass die syrische Front diesem englischen Ansturm, der mit zweifellos grosser Ueberlegenheit gefuehrt werden wuerde, nicht gewachsen sei. Tuerkische Divisionen, die zur Unternehmung gegen Bagdad bestimmt waren, mussten nach Sueden abgezweigt werden. Damit entfiel die Moeglichkeit einer erfolgreichen Operation in Richtung Mesopotamien. Im Einvernehmen mit Enver Pascha gab ich daher meine Zustimmung, dass alle verfuegbaren Kraefte nach Syrien gefuehrt wuerden, damit wir dort selbst womoeglich noch vor den Englaendern zum Angriff uebergehen koennten. Die deutsche Fuehrung hoffte den bestehenden Bahnbetrieb und die Verwaltung in den tuerkischen Gebieten so sehr verbessern zu koennen, dass eine wesentlich erhoehte Truppenzahl auf diesem Kriegsschauplatz ernaehrt und mit allem notwendigen Kriegsbedarf versehen werden koennte. Infolge von Reibungen politischer wie militaerischer Art gingen fuer General von Falkenhayn kostbare Wochen verloren. Es gelang dem Englaender Anfang November, den Tuerken im Angriff bei Berseba und Gaza zuvorzukommen. Die osmanischen Armeen wurden nach Norden geworfen; Jerusalem ging Anfang Dezember verloren. Erst von Mitte dieses Monats ab kam wieder mehr Halt in die tuerkischen Linien noerdlich Jaffa-Jerusalem-Jericho. Wenn wir befuerchtet hatten, dass diese tuerkischen Niederlagen, ganz besonders aber der Verlust von Jerusalem, bedenkliche politische Wirkungen auf die Stellung der jetzigen Machthaber in Konstantinopel ausueben wuerden, so trat hiervon, wenigstens aeusserlich, nichts in die Erscheinung; eine merkwuerdige Gleichgueltigkeit zeigte sich an Stelle der gefuerchteten Erregung. Fuer mich bestand kein Zweifel, dass die Tuerkei niemals wieder in den Besitz von Jerusalem und der dortigen heiligen Staetten kommen koennte. Auch am Goldenen Horn teilte man stillschweigend diese Ansicht. Staerker als vorher wandte sich nunmehr die osmanische Sehnsucht, Entschaedigung fuer die verlorenen Reichsteile suchend, anderen Gebieten Asiens zu. Vom militaerischen Gesichtspunkte aus leider zu fruehzeitig! Ein Blick auf die inneren Zustaende von Staaten und Voelkern Ende 1917 Man befuerchte nicht, dass ich mich nunmehr, meine Abneigung gegen Politik bezwingend, in den Strudel des Parteistreites hineinstuerze. Ich kann aber die folgenden Ausfuehrungen, wenn ich das Bild, das ich geben moechte, nicht allzu lueckenhaft lassen will, nicht entbehren. Freilich, wer wird die Zeit, von der ich schreibe, jemals lueckenlos darzustellen vermoegen? Es werden immer wieder neue Fragen nach dem "Warum?" und nach dem "Wie?" auftauchen. Luecken werden bleiben, da so mancher Mund, den man jetzt schon zur Auskunft dringend benoetigte, fuer immer still geworden ist. Ich kann auch nicht ein in sich abgeschlossenes Bild, sondern nur Striche hier und Striche dort geben, mehr fuer eine Charakterzeichnung als fuer ein vollendetes Gemaelde. Scheinbar willkuerlich setze ich an, wenn ich mich zunaechst dem Orient zuwende. "Die Tuerkei ist eine Null", so kann man in einem Aktenstueck aus der Vorkriegszeit lesen, in einem deutschen, also keinem gegen die Tuerkei politisch gehaessigen Aktenstueck. Eine eigenartige Null, durch die die Dardanellen verteidigt wurden, die Kut-el-Amara gewann, gegen Aegypten zog, den russischen Angriff im armenischen Hochland zum Halten brachte! Eine fuer uns wertvolle Null, die, wie ich schon sagte, jetzt hunderttausende feindlicher Truppen auf sich zieht, Kerntruppen, die an den tuerkischen Grenzlaendern nagen, auch wohl dort eindringen, aber ohne den Hauptkoerper verschlingen zu koennen! Was gibt wohl dieser Null die innere Staerke? Selbst fuer den, der in diesen Zeiten, ja schon lange vorher, in dem Lande der Osmanen lebte, ein Raetsel! Stumpf und gleichgueltig erscheint die grosse Masse, selbstsuechtig und unempfindlich gegen hoeheres voelkisches Empfinden ein grosser Teil hoher Kreise. Der ganze Staat wird anscheinend nur aus Voelkerschaften gebildet, die durch tiefgehende Spalten getrennt, kein gemeinsames Innenleben haben. Und doch besteht dieser Staat und zeigt staatliche Kraefte. Die Macht Konstantinopels scheint am Taurus ihre Grenze zu haben; ueber Kleinasien hinaus herrscht kein wirklicher tuerkischer Einfluss, und trotzdem stehen immer noch tuerkische Armeen in dem weit entlegenen Mesopotamien und Syrien. Der Araber dort hasst den Tuerken, der Tuerke den Araber. Und doch schlagen sich arabische Bataillone immer noch unter tuerkischen Fahnen und laufen nicht in Massen zum Feinde ueber, der ihnen nicht nur goldene Berge verspricht sondern wirkliches, bei den Arabern so beliebtes Gold reichlichst spendet. In dem Ruecken der englisch-indischen Armee, die in Mesopotamien, wie man meinte, den von den Tuerken geknechteten und ausgepressten arabischen Staemmen die ersehnte Erloesung brachte, erheben sich diese Erloesten und wenden sich gegen ihre angeblichen Befreier. Es muss also doch eine Macht vorhanden sein, die hier vereinend wirkt, und zwar nicht nur eine zusammenpressende Not von aussen, nicht nur ein politisches Zusammenleben, ein Gemeinschaftsgefuehl im Innern. Auch die Gewalt der tuerkischen Machthaber kann diese bindende Kraft nicht ausschliesslich liefern. Die Araber koennten sich ja dieser Gewalt entziehen, sie brauchten nur die Schuetzengraeben mit erhobenen Armen feindwaerts zu verlassen, oder im Ruecken der tuerkischen Armeen sich zu erheben. Und doch tun sie es nicht. Ist es der Glaube, der Rest eines alten Glaubens, der hier verbindend wirkt? Man behauptet es mit guten Gruenden und bestreitet es mit ebensolchen. Hier sind unserem Verstaendnis der osmanischen Psyche die Grenzen gesteckt; wir muessen den Streit der Meinungen ungeloest lassen. So ganz lebensunfaehig kann der Staat trotz schwerster Gebrechen also nicht sein. Man hoert auch von vortrefflichen Beamten, die neben den pflichtvergessenen Gegenteilen im Amte sind und sich als Maenner mit grossen Plaenen und grosser Tatkraft erweisen. Einen davon lernte ich in Kreuznach kennen. Es war Ismail Hakki, ein Mann mit manchen Schattenseiten seines Volkes und doch ein geistvoller, fruchtbarer Verstand. Schade, dass er nicht einem Boden mit gesuenderen Kraeften entwuchs. Man sagte, er schriebe nichts, beherrsche alles mit seinem Kopfe, und dabei sorgte er fuer tausenderlei, dachte weit ueber den Krieg hinaus nationale, schoene Gedanken! Was ihn damals am meisten beschaeftigte, worin gleichzeitig seine groesste Macht lag, das war die Versorgung des Heeres und von Konstantinopel. Haette man Ismail Hakki entfernt, so haette die tuerkische Armee Mangel an allem gelitten; sie haette noch mehr entbehrt, als sie es teilweise schon musste, und Konstantinopel waere vielleicht verhungert. Fast das ganze Land befand sich ja in einem Hungerzustand, nicht weil es an Lebensmitteln mangelte, sondern weil die Landesverwaltung und die Verbindungen nicht funktionierten, weil nirgends ein Ausgleich zwischen Bestand und Bedarf geschaffen werden konnte. Wovon und wie die Menschen der groesseren Staedte lebten, wusste niemand. Konstantinopel versorgten wir mit Brot, schafften Getreide aus der Dobrudscha und Rumaenien hin und halfen trotz der eigenen Not. Freilich wuerde das, was wir fuer Konstantinopel geliefert haben, unsern Millionen von Magen nicht viel geholfen haben. Haetten wir die Lieferungen verweigert, so haetten wir die Tuerkei verloren. Denn ein verhungerndes Konstantinopel wuerde revoltieren, trotz aller Gewaltherrschaft. Ist dort wirklich Gewaltherrschaft? Ich sprach schon vom Komitee; es sind aber dort auch andere Einfluesse gegen die starken Maenner taetig, Einfluesse des politischen, vielleicht auch geschaeftlichen Hasses, durch welche Parteiungen geschaffen werden. Starke Stroemungen bewegen sich unter der scheinbar ruhigen Oberflaeche; ihre Strudel werden manchmal oben sichtbar, wenn sie versuchen, die jetzigen fuehrenden Maenner in die Tiefe zu ziehen. Das Heer leidet auch unter diesen Stroemungen. Die Heeresleitung muss ihnen, wie ich schon frueher andeutete, Rechnung tragen, muss manchmal nachgiebig gegen sie sein, nicht zum Vorteil des Ganzen. Sonst wuerde das Heer, das an seiner zahlenmaessigen Staerke immer reissender abnimmt, auch innerlich aufgeloest werden. Der Mangel und die Not zersetzt teilweise die Truppe. An ihren Bestaenden zehrt aber auch die Endlosigkeit des jetzigen Krieges, der mit frueheren Feldzuegen, im Yemen und auf dem Balkan, sich fuer so viele tuerkische Soldaten zu einem grossen ununterbrochenen Ganzen verbunden hat. Die Sehnsucht nach der Heimat, nach Weib und Kind - auch der Islam kennt diese Sehnsucht - treibt Tausende der Soldaten zur Fahnenflucht. Von den vollen Divisionen, die in Haidar-Pascha auf die Bahn gesetzt werden, kommen nur Bruchteile bis Syrien oder Mesopotamien. Man mag darueber streiten, ob die Zahl tuerkischer Fahnenfluechtiger in Kleinasien 300.000 oder 500.000 betraegt. Jedenfalls ist sie nahezu so gross, wie die Kampftruppen aller tuerkischen Armeen zusammen. Kein schoenes Bild und doch - die Tuerkei haelt noch immer stand und erfuellt ihre Treuepflicht ohne einen Ton der Klage oder des Wankelmutes nach bestem Koennen! Auch in Bulgarien herrscht Not. Not an Lebensmitteln in dem Lande, das sonst Ueberfluss hat! Die Ernte war maessig, aber sie koennte reichen, wenn das Land wie unsere Heimat verwaltet wuerde, wenn auch hier Ausgleich geschaffen werden koennte zwischen Gegenden des Ueberflusses und solchen des Mangels. Ein Bulgare antwortet uns auf diesbezuegliche Anregungen: "Wir verstehen solches nicht!" Eine einfache Entschuldigung, nein eigentlich eine Selbstanklage. Man legt die Haende in den Schoss, weil man nicht gelernt hat, sie zu ruehren. Wir wissen ja, dass Bulgarien beim Uebergang aus tuerkischem Sklaventum zur voelligen innenstaatlichen Freiheit einer erziehenden, straff organisierenden Hand entbehrte. Es hatte, man lasse mich als Preussen sprechen, keinen Koenig Friedrich Wilhelm I., der die eisernen Traeger schuf, auf denen unser Staatswesen so lange und so sicher ruhte. Bulgarien kennt keine gute Verwaltung, es kennt aber dafuer viele Parteien. Mit Schaerfe wendet sich deren Mehrzahl gegen die Regierung, nicht wegen deren Aussenpolitik, denn diese verspricht eine grosse Zukunft, voelkische Einheit und staatliche Vormacht auf dem Balkan; wohl aber tobt der Kampf wegen innerer Fragen um so ruecksichtsloser. Kein Mittel, auch das gefaehrlichste nicht, wird hierbei verachtet. Man vergreift sich an den Bundesgenossen und an dem eigenen Heere. Ein gefaehrliches Spiel! Die Dobrudschafrage bildet ununterbrochen ein beliebtes Mittel hetzerischen Parteigetriebes. Die Regierung hat gefaehrliche Geister beschworen, um auf die Tuerkei und uns einen Druck auszuueben, und wird diese Geister, die alles zu zersetzen drohen, die aus Parteizwecken den Hass gegen die Verbuendeten und ihre Vertreter predigen, nicht mehr los. Da scheint es uns im Herbste 1917 das beste, in dieser Dobrudschafrage vorlaeufig nachzugeben und ihre endgueltige Loesung dem Ausgang des Krieges zu ueberlassen. Ein Rueckzug unsererseits aus Vernunft, nicht aus Ueberzeugung. Auffallend ist es, dass sofort nach unserem Nachgeben in Bulgarien das Interesse an dieser Angelegenheit schwindet. Das Wort Dobrudscha hat im Parteikampfe nunmehr seine agitatorische Kraft verloren. So endet dieser wenigstens unblutige Kampf mit uns, aber derjenige um die Macht zwischen den politischen Parteien haelt an und treibt ruecksichtslos seine Keile selbst in das Gefuege des Heeres, und zwar tiefer als nur je im Frieden. Die Truppe zeigt sich fuer diese zersetzende Taetigkeit zugaenglich, denn sie ist schlecht versorgt, ja sie beginnt geradezu Mangel zu leiden. Das Fehlen organisatorischer Taetigkeit und Faehigkeit zeigt sich auch hier an allen Ecken und Enden. Wir machen Vorschlaege zu durchgreifenden Verbesserungen. Die Bulgaren erkennen diese Vorschlaege als zweckentsprechend an, aber sie haben nicht die Kraft, scheuen auch die Muehe, sie zu verwirklichen. Man beschraenkt sich darauf, an dem Deutschen herum zu noergeln, der im Lande sitzt - freilich in einem gemeinsam eroberten Lande -, der vertragsmaessig ernaehrt werden soll, weil er an der mazedonischen Grenze kaempft, nicht zum Schutze der deutschen, sondern in erster Linie der bulgarischen Heimat. Der Deutsche soll sich, nach bulgarischer Meinung, nur selbst ernaehren, und er tut es denn um des lieben Friedens willen auch, fuehrt Vieh, ja sogar Heu aus der Heimat bis nach Mazedonien herunter. Die dauernden Zwistigkeiten zeigen sich freilich nicht bei den kaempfenden Truppen, denn dort schaetzt man sich, wohl aber in dem Rueckengebiet der gemeinsamen Front. Um diese Zwistigkeiten einzuschraenken, schlagen wir den Austausch unserer deutschen Truppen aus Mazedonien mit bulgarischen Divisionen vor, die noch in Rumaenien stehen. Wir bieten damit den Bulgaren doppelten, ja dreifachen zahlenmaessigen Ersatz, doch sofort erhebt sich ein grosser Laerm in Sofia ueber Mangel an Bundestreue. Wir beschraenken uns daher auf das Wegziehen nur geringer deutscher Kraefte und uebernehmen die bisherigen Stellungen der bulgarischen Divisionen in Rumaenien mit etlichen unserer Bataillone. So verlassen die bulgarischen Divisionen das noerdliche Donauufer, auf das sie seiner Zeit fast widerwillig hinuebergegangen waren. Auch das bulgarische Bild ist also nicht ungetruebt. Aber wir koennen auf weitere Buendnistreue rechnen, wenigstens solange wir die grossen politischen Ansprueche Bulgariens erfuellen koennen und wollen. Als dann aber im Sommer des Jahres 1917 infolge von deutschen Presseaeusserungen und deutschen parlamentarischen Reden sowohl in Sofia als bei den bulgarischen Armeen Zweifel darueber entstehen, ob wir unseren Versprechungen auch wirklich noch nachkommen wollen, da horcht man besorgt auf und, was schlimmer ist, man wird misstrauisch gegen uns. Die Parteien fordern jetzt verstaerkt die Abdankung Radoslawows. Seine Aussenpolitik wird als grosszuegig anerkannt, alle stimmen ihr auch jetzt noch zu, aber er scheint nicht mehr der Mann zu sein, sie den Bundesgenossen gegenueber durchzusetzen. Seine Innenpolitik ist zudem vielfach verhasst. Neue Maenner sollen ans Ruder kommen, die alten sitzen nach bulgarischem Urteil schon zu lange an der Krippe des Staates. Man meint, sie koennten sich gesaettigt haben. Alles soll aus der Regierung scheiden, was mit Radoslawow zusammenhaengt, vom hoechsten Beamten bis zum Dorfschulzen, so fordert es das parlamentarische, das sogenannte freie System. Das soll jetzt geschehen, jetzt mitten im Kriege! Ueber Oesterreich-Ungarn habe ich nur wenig zu sagen. Die Schwierigkeiten im Innern des Landes sind nicht geringer geworden. Ich habe schon darueber gesprochen, dass die versuchte Versoehnung der staatszersetzenden tschechischen Elemente auf dem Wege der Milde vollstaendig scheiterte. Nun wird versucht, durch verstaerktes Vorschieben kirchlicher Macht und kirchlichen Einflusses, durch Zurschautragen religioeser Gefuehle ein einigendes Band um die auseinanderstrebenden Teile des Reiches oder wenigstens um seine einflussreichsten Kreise zu legen. Auch dieser Versuch bleibt ohne das erhoffte Ergebnis. Er bringt vielmehr weitere Spaltungen und erregt Misstrauen auch da, wo bisher noch Hingebung vorherrschte. Die gegenseitige Abneigung der Voelkerschaften wird durch die Verschiedenheiten in der Lebensmittelversorgung verschaerft. Wien hungert, waehrend Budapest genuegend Nahrung hat. Der Deutsch-Boehme stirbt fast den Erschoepfungstod, waehrend der Tscheche kaum etwas entbehrt. Zum Unglueck ist die Ernte teilweise missraten. Dies verstaerkt die innere Krisis und wird sie noch mehr verstaerken. Es fehlt in Oesterreich-Ungarn nicht, wie in der Tuerkei, an den technischen Mitteln eines Ausgleiches zwischen Ueberschuss- und Bedarfsgebieten. Aber es fehlt am einheitlichen Willen, an einer sich durchsetzenden staatlichen Macht. So hat das alte Uebel der inneren politischen Gegensaetze mit all seinen vernichtenden Folgen sich auch auf das Gebiet der einfachen Lebenserhaltung uebertragen. Kein Wunder, dass die Friedenssehnsucht waechst, und dass das Vertrauen auf den Ausgang des Krieges abnimmt. Der russische Zusammenbruch wirkt daher mehr zersetzend als staerkend. Das Verschwinden der Gefahr von dieser Seite scheint die Gemueter nicht zu heben, sondern sie gleichgueltiger zu machen. Selbst der Sieg in Italien ist ein Jubel nur fuer einzelne Teile und Kreise der Voelker. Der Stolz durchdringt nicht mehr die Masse, die zum Teil und zeitweise wirklich hungert. Gar vieles, was man vor dem Tode des alten Kaisers noch hochhielt, hat seine sittliche Bedeutung verloren. Von Tausenden tschechischer und anderer Hetzer wird die staatliche Ehre mehr wie je mit Fuessen getreten. Wahrlich es haette staerkerer Nerven bedurft, als an den Regierungsstellen vorhanden waren, um dem Drucke der Massen, die teilweise den Frieden um jeden Preis verlangen, noch laenger Widerstand zu leisten. Und nun zu unserer eigenen Heimat: Inmitten der Kampfzeiten, von denen ich weiter vorn gesprochen habe, vollziehen sich in unserem Vaterlande tiefgehende und folgenschwere Aenderungen des innerpolitischen Zustandes. Die Krisis wird bezeichnet durch den Ruecktritt des Reichskanzlers von Bethmann. Wenn ich anfaenglich angenommen hatte, dass sich unsere Auffassungen ueber die durch den Krieg geschaffene Lage deckten, so musste ich mit der Zeit zu meinem Bedauern immer mehr erkennen, dass dies nicht der Fall sei. Mir war die Leitung des Krieges uebertragen, und fuer ihn bedurfte ich aller Kraefte des Vaterlandes. Diese in einer Zeit groesster aeusserer Spannung durch innere Kaempfe zu zersplittern, anstatt sie zusammenzufassen und immer wieder emporzureissen, musste zu einer Schwaechung unserer politischen und militaerischen Stosskraft fuehren. Aus diesem Gesichtspunkt heraus konnte ich es nicht verantworten, still zu bleiben, wenn ich sah, dass die Einheitlichkeit, die wir an der Front noetig hatten, in der Heimat zersetzt wurde. In der Ueberzeugung, dass wir in dieser Richtung unsern Feinden gegenueber mehr und mehr ins Hintertreffen gerieten, dass wir den entgegengesetzten Weg gingen wie diese, sah ich mich leider zu unserer Reichsleitung bald in einem Gegensatz. Die gemeinsame Arbeit litt. Ich hielt es daher fuer meine Pflicht, meinem Allerhoechsten Kriegsherrn im Juli mein Abschiedsgesuch einzureichen, so schwer mir als Soldat dieser Schritt wurde. Das Gesuch wurde von Seiner Majestaet nicht bewilligt. Auch der Kanzler hatte gleichzeitig infolge einer Erklaerung der Parteifuehrer des Reichstages seine Entlassung erbeten; sie wurde genehmigt. Die nunmehr aeusserlich zutage tretenden Folgen dieses Ruecktrittes waren bedenklich. Der bisher nach aussen hin aufrechterhaltene Schein des politischen Burgfriedens zwischen den Parteien hoerte auf. Es bildete sich eine Mehrheitspartei mit dem ausgesprochenen Anschluss nach links. Die Versaeumnisse, die angeblich in frueheren Zeiten in der Weiterentwicklung unserer innerstaatlichen Verhaeltnisse begangen waren, wurden nunmehr im Kriege und unter dem Druck einer politisch ungeheuer schwierigen aeusseren Lage des Vaterlandes dazu benutzt, um der Regierung immer weitere Zugestaendnisse zugunsten einer sogenannten parlamentarischen Entwicklung zu erpressen. Wir mussten auf diesem Wege an innerer Festigkeit verlieren. Die Zuegel der Staatsleitung gerieten allmaehlich in die Haende extremer Parteien. Zum Nachfolger Bethmann Hollwegs wurde Dr. Michaelis ernannt. Zu ihm trat ich in kurzer Zeit in ein vertrauensvolles Verhaeltnis. Er war unverzagt an sein schweres Amt herangetreten. Seine Amtsfuehrung war nur kurz; die Verhaeltnisse sollten sich staerker erweisen als sein guter Wille. Die eingetretene parlamentarische Zerrissenheit wurde nicht wieder gebessert. Immer mehr draengte die Mehrheit nach links und stellte sich, trotz mancher schoener Worte, in ihren Taten vor die Elemente, die die bisherige Staatsordnung aufloesen wollten. Immer schaerfer zeigte es sich, dass die Heimat den wahren Ernst unserer Lage im Streit um Parteiinteressen und Parteidogmata vergass oder diesen Ernst nicht mehr sehen wollte. Darueber jubelten unsere Gegner ganz offen und verstanden es, diese Parteiungen zu schueren. Bei dieser Sachlage suchte man nach einem Reichskanzler, der in erster Linie imstande war, dank seiner parlamentarischen Vergangenheit einigend auf die zerfahrenen Parteiverhaeltnisse zu wirken. Die Wahl fiel auf den Grafen Hertling. Er war mir als Begleiter des Koenigs von Bayern schon in Pless bekannt geworden. Ich erinnere mich noch gern der Herzlichkeit, mit der er mir damals seine Glueckwuensche zu der eben durch Seine Majestaet den Kaiser vollzogenen Verleihung des Grosskreuzes des Eisernen Kreuzes aussprach. Es lag fuer mich etwas Ergreifendes und zugleich Ermunterndes in der Beobachtung, mit welcher Freudigkeit der alte Mann jetzt seine letzten Lebenskraefte in den Dienst des Vaterlandes stellte. Sein felsenfestes Vertrauen auf unsere Sache, seine Hoffnung auf unsere Zukunft ueberdauerte die schwersten Lagen. Er behandelte die parlamentarischen Parteien mit Geschick, vermochte aber dem Ernst der Lage gegenueber nicht mehr durchgreifend genug zu wirken. Im Verkehr mit der Obersten Heeresleitung blieb leider ein wohl von frueher uebernommenes Misstrauen bestehen, das ab und zu das Zusammenarbeiten erschwerte. Meine Verehrung fuer den Grafen wurde dadurch nicht beeintraechtigt. Er starb bekanntlich, kurz nachdem er sein dornenvolles Amt niedergelegt hatte. Auch abgesehen von den eben beruehrten Missstaenden ist in der Heimat am Ende des Jahres 1917 nicht alles erfreulich. Man kann es auch nicht verlangen. Denn der Krieg und die Entbehrungen lasten schwer auf vielen Teilen des Volkes und greifen an seine Stimmung. Ein jahrelang ungesaettigter oder mindestens nicht befriedigter Magen erschwert einen hoeheren Schwung, drueckt die Menschen zur Gleichgueltigkeit herab. Die grosse Menge denkt auch bei uns bei koerperlich ungenuegender Ernaehrung nicht viel besser als anderswo, wenn auch die staatliche Kraft und die sittlichen Werte des Volkes unser ganzes Leben kraeftiger durchsetzen. Dieses Leben muss aber unter solchen Verhaeltnissen leiden, besonders, wenn es keine neuen geistigen und seelischen Anregungen mehr erhaelt. An einer solchen Belebung fehlt es aber auch bei uns. Man stoesst in Kreisen, in denen man sonst anderes denken gewohnt war, auf die gefaehrliche Ansicht, dass gegen die Gleichgueltigkeit der Massen nichts mehr zu machen sei. Die Verfechter dieser Anschauung legen die Haende in den Schoss und lassen den Dingen ihren Lauf. Sie sehen zu, wie Parteien die Ermattung des Volkes als fruchtbaren Boden fuer ihre die staatliche Ordnung aufloesenden Ideen ausnuetzen und eine verderbliche Saat ausstreuen, die weiter und weiter wuchert, weil sich keine Haende finden, das Unkraut auszureissen. Die Gleichgueltigkeit wirkt wie Untaetigkeit. Sie durchsaeuert den Boden fuer Unzufriedenheit. Diese aber steckt an, nicht nur die Bevoelkerung der Heimat sondern auch den Soldaten, der dorthin zurueckkehrt. Der Soldat, der aus dem Felde kommend die Heimat wiedersieht, kann auf sie belebend und erhebend wirken. Und das taten die meisten. Aber er kann auch niederdrueckend wirken, und auch das taten leider so manche, selbstredend nicht die Besten aus unseren Reihen. Diese wollten vom Kriege nichts mehr wissen; sie wirkten schlimmes auf dem schon verdorbenen Boden, nahmen aus diesem noch schlimmeres in sich auf und trugen die heimatliche Zersetzung hinaus ins Feld. Es ist viel Unerfreuliches in diesen Bildern. Nicht alles hiervon ist eine Folge des Krieges oder brauchte wenigstens eine Folge des Krieges zu sein. Aber der Krieg erhebt nicht nur, er loest auch auf. Und dieser Krieg tat dies mehr, wie jeder fruehere; er verdarb nicht nur die Koerper, sondern auch die Seelen. Auch der Gegner sorgt fuer diese Zersetzung. Nicht bloss durch seine Blockade und den dadurch hervorgerufenen Halbhunger sondern auch noch durch ein anderes Mittel, das man "Propaganda im feindlichen Lager" nannte. Es ist das ein neues Kampfmittel, das die Vergangenheit wenigstens in solcher Groesse und in solch ruecksichtsloser Anwendung nicht kannte. Der Gegner benutzte es in Deutschland wie in der Tuerkei, in Oesterreich-Ungarn wie in Bulgarien. Der Regen verhetzender Flugblaetter faellt nicht nur hinter unseren Fronten in Ost und West, sondern auch hinter den tuerkischen im Irak und in Syrien herab. Als "Aufklaerung des Gegners" bezeichnete man diese Art von Propaganda. "Verschleierung der Wahrheit" sollte man sie nennen, ja noch schlimmer als das, "Vergiftung der Seelen des Feindes". Sie entspringt einer Auffassung, die nicht die Kraft in sich fuehlt, den Gegner im offenen, ehrlichen Kampfe zu ueberwinden und seine moralische Kraft nur durch Siege des tapfer gefuehrten Schwertes niederzuzwingen. Schliesslich noch der Versuch eines Blickes in das Innere der uns feindlichen Staaten: Ich sage absichtlich "Versuch", denn nur um einen solchen konnte es sich fuer uns waehrend des Kriegszustandes handeln. Wir waren naemlich nicht nur blockiert in unserem wirtschaftlichen Verkehr sondern auch in all den anderen Beziehungen zum Auslande. Daran aenderte unsere teilweise Angrenzung an neutrale Nachbarstaaten nur wenig. Unser Agentendienst lieferte nur ganz klaegliche Ergebnisse. Im Kampfe zwischen uns und unsern Gegnern unterlag auf diesem Gebiete auch das deutsche Gold! Wir wussten, dass jenseits der kaempfenden Westfront eine Regierung sitzt, die persoenlich von Hass- und Rachegedanken erfuellt, das Innerste ihres Volkes ununterbrochen aufpeitscht. Es klingt wie ein "Wehe dem bisherigen Sieger", wenn die Stimme Clemenceaus erschallt. Frankreich blutet aus tausend Wunden. Wuerden wir es nicht wissen, so koennten wir es den offenen Erklaerungen seines Diktators entnehmen. Aber Frankreich wird weiterkaempfen. Kein Wort, kein Gedanke von Nachgiebigkeit! Wo Risse in dem wie mit eisernen Ketten zusammengefassten Staatsgefuege erscheinen, da greift die Regierung mit ruecksichtslosester Gewalt zusammenpressend ein. Und der Zweck wird erreicht. Mag das Volk in seiner Mehrheit den Frieden ersehnen, im Lande der republikanischen Freiheit wird jegliche solche offene Regung kaltherzig in den Boden getreten und das Volk mit liberalen Phrasen weiter gefuettert. Schon vor dem Ausbruch des Krieges waren in dem sogenannten antimilitaristischen Frankreich die Worte "Humanismus und Pazifizismus" als "gefaehrliche Betaeubungsmittel" gebrandmarkt, "mit denen die doktrinaeren Verfechter des Friedens die Mannhaftigkeit der Voelker schwaechen wollen." "Pazifizismus hat es zu allen Zeiten gegeben, sein rechter Name ist Feigheit, d. h. uebertriebene Liebe des Individuums zu sich selbst, die es von jedem persoenlichen Risiko zurueckschrecken laesst, das ihm keinen unmittelbaren Vorteil bringt". So sprach man in dem "Frankreich des Friedens". War es ein Wunder, dass das "Frankreich des Krieges" nicht milder dachte und jeden, der im Kriege ueberhaupt von Frieden zu reden wagte, als Landesverraeter brandmarkte? Wir koennen es nicht bezweifeln, dass das franzoesische Volk auch Ende 1917 besser genaehrt wird als das deutsche. Vor allem sorgt man fuer den Pariser, entschaedigt ihn fuer so manches und beruhigt ihn auch durch alle noch moeglichen Genuesse. Es scheint uns fraglich, ob der Gallier die Entbehrungen des taeglichen Lebens in gleich hingebender Weise und so lange ertragen kann, als sein germanischer Gegner. Noch hoffen wir, dass die Probe vielleicht gemacht werden wird. Allein wir duerfen uns nicht im Unklaren sein, dass auch ein wirklich hungerndes Frankreich so lange kaempfen muss, als England es will, mag es auch dabei zugrunde gehen. Die franzoesischen Gefangenen sprechen wohl vom Elend des Krieges; sie erzaehlen von in der Heimat eingetretener Not. Aber ihr eigenes Aussehen laesst auf keinen Mangel schliessen. Alle ersehnen das Ende des Ringens, doch keiner glaubt, dass es kommen wird, solange "die anderen kaempfen wollen". Wie steht es in England? Das Mutterland befindet sich in seiner Wirtschafts- und Weltstellung vor einer ungeheueren Gefahr. Niemand scheut sich dort, es auszusprechen. Es gibt nur einen Ausweg: den Sieg! Im Laufe dieses Kriegsjahres hat England einen "Schwaecheanfall" ueberwunden. Es hatte eine Zeitlang den Anschein, als ob die Geschlossenheit des allgemeinen Kriegswillens gelockert und die Kriegsziele herabgemindert werden wuerden. Die Stimme eines Lord Lansdowne ertoente. Aber sie verhallte unter dem Druck einer alles beherrschenden Kriegsgewalt, die das nahende Ende des Kampfes in sichere Aussicht stellt. Nach einem Tiefstand der wirtschaftlichen und politischen Stimmung hatte man im Sommer wieder Morgenluft des heranreifenden Erfolges gewittert, eine Morgenluft, deren Ursprung uns bis zum Ende des Jahres 1917 freilich noch nicht bekannt war. Sie war, wie uns spaeter erst bekannt wurde, einem politischen Pfuhle auf mitteleuropaeischem Boden entstiegen. Der Gedanke an das nahende Ende reisst das ganze Volk in voller Geschlossenheit wieder empor. Man ertraegt wiederum williger das Entbehren von Genuessen, verzichtet leichter auf bisherige Lebensgewohnheiten und politische Freiheiten in der Hoffnung, dass die Vorhersage in Erfuellung geht, nach einem gluecklichen Ende dieses Krieges wuerde jeder einzelne Englaender reicher sein. Zur wirtschaftlichen Selbstsucht tritt die politische Selbstzucht des einzelnen Englaenders. Also auch hier nichts von Frieden, es sei denn, dass der Krieg nicht doch noch zu teuer wird. Die englischen Gefangenen sprechen auch Ende 1917 wie Ende 1914. Freude am Kampfe hat keiner. Doch danach fragt da drueben kein Mensch. Man fordert, und es wird geleistet. Anders wie in Frankreich und in England scheint der Zustand in Italien. Im Feldzug des vergangenen Herbstes haben italienische Soldaten ohne zwingende Kampfesnot zu vielen Tausenden ihre Waffen gesenkt, nicht aus Mangel an Mut sondern aus Ekel vor diesem fuer sie sinnlosen Blutvergiessen. Sie traten mit frohen Gesichtern die Fahrt in unser Heimatland an und begruessten die ihnen dort bekannten Arbeitsstaetten mit deutschen Gesaengen. Wenn auch die Kriegsbegeisterung im Heer und Land auf dem Nullpunkt steht, das Volk erlahmt nicht voellig. Es weiss, dass es sonst hungern und frieren muss. Der italienische Wille muss sich auch weiterhin vor fremdem beugen, das war sein bitteres Schicksal von Anfang an. Man findet es ertraeglich durch den Anblick einer lockenden, reichen Beute. Aus den Vereinigten Staaten kommen noch weniger Stimmen zu uns als vom fremden europaeischen Boden. Was wir vernehmen, bestaetigt unsere Vermutung. Das glaenzende, wenn auch mitleidslose Kriegsgeschaeft ist in den Dienst des Patriotismus getreten, und dieser versagt nicht. Auch in diesem Lande, an dessen Eingangspforte die Statue der Freiheit ihr blendendes Licht dem Fremden entgegensendet, herrscht unter dem Zwange der Kriegsnotwendigkeiten mit Recht eine ruecksichtslose Gewalt. Man begreift den Krieg. Die weichen Stimmen muessen schweigen, bis die harte Arbeit getan ist. Dann mag die goldene Freiheit wieder sprechen zum Wohle der Menschen, jetzt wird sie unterdrueckt zum Nutzen des Staates. Man fuehlt sich in allen Schichten und Volksarten einig in einem Kampf fuer ein Ideal, und wo der Glaube an dieses oder der Drang des Blutes nicht zugunsten des an den Rand des Verderbens gedrueckten Angelsachsen spricht, da wird Gold in die Wagschale der Entscheidung des Verstandes geworfen. Von Russland brauche ich nicht weiter zu sprechen. Wir blicken in sein Inneres wie in einen offenen Glutherd. Es wird vielleicht voellig ausbrennen, jedenfalls liegt es am Boden und hat den rumaenischen Verbuendeten mit sich gerissen. So erschienen mir die Verhaeltnisse, von denen ich sprechen wollte, am Ende des Jahres 1917. Mancher hat sich wohl in jenen Tagen die bedeutungsvolle Frage vorgelegt: "Wie erklaert es sich, dass der Gegner in seinen ruecksichtslosen politischen Forderungen uns gegenueber nichts nachliess, trotz seiner vielen militaerischen Misserfolge des Jahres 1917, trotz des Ausscheidens Russlands als Machtfaktor aus dem Kriege, trotz der doch zweifellos tiefgreifenden Wirkung des Unterseebootkrieges und der dadurch geschaffenen Unsicherheit fuer einen Transport starker nordamerikanischer Kraefte auf den europaeischen Kriegsschauplatz? Wie vermochte uns Wilson noch am 18. Januar 1918 unter dem Beifall der gegnerischen Regierungen Bedingungen fuer einen Frieden zuzumuten, die man wohl einem voellig geschlagenen Feind diktieren konnte, mit denen man aber doch nicht an einen Gegner herantreten durfte, der bisher erfolgreich gefochten hatte, und der fast ueberall tief in Feindesland stand?" Meine Antwort darauf war damals und ist noch jetzt folgende: Waehrend wir die feindlichen Armeen niederschlugen, richteten sich die Blicke ihrer Regierungen und Voelker unentwegt auf die Entwicklung der inneren Zustaende unseres Vaterlandes und der Laender unserer Bundesgenossen. Dem Gegner konnten die Schwaechen, die ich im Vorausgehenden geschildert habe, nicht verborgen bleiben. Diese Schwaechen aber staerkten seine uns so oft unbegreiflichen Hoffnungen und seinen Willen zum Siege. Nicht nur der feindliche Nachrichtendienst, der unter den denkbar guenstigsten Verhaeltnissen arbeitete, gab dem Gegner den wuenschenswerten vollen Einblick in unsere Verhaeltnisse, sondern auch unser Volk und seine politischen Vertreter taten nichts, um die heimatlichen Missstaende vor den gegnerischen Augen zu verbergen. Der Deutsche erwies sich als noch nicht so weit politisch geschult, dass er imstande gewesen waere, sich zu beherrschen. Er musste seine Gedanken aussprechen, mochten sie fuer den Augenblick auch noch so verheerend wirken. Er glaubte, seine Eitelkeit befriedigen zu muessen, indem er sein Wissen und seine Gefuehle der weiten Welt mitteilte. Ob er mit diesem Verhalten dem Vaterland nuetzte oder schadete, war bei dem vagen weltbuergerlichen Gefuehle, in dem er vielfach lebt, fuer ihn meist eine Frage zweiter Ordnung. Er glaubte, gerecht und klug geredet zu haben, war hiervon selbst befriedigt und setzte voraus, dass es auch seine Zuhoerer sein wuerden. Damit war der Fall fuer ihn dann erledigt. Dieser Fehler hat uns im grossen Ringen um unser voelkisches Dasein mehr geschadet als militaerischer Misserfolg. Dem Mangel an politischer Selbstzucht, wie sie dem Englaender zur zweiten Natur geworden ist, dem Fehlen einer von kosmopolitischen Schwaermereien voellig freien Vaterlandsliebe, wie sie den Franzosen durchglueht, schiebe ich letzten Endes auch die deutsche Friedensresolution zu, die am 19. Juli 1917 die Billigung des Reichstages fand, also an dem Tage, an dem das Todesringen der russischen Kriegsmacht handgreiflich wurde. Ich weiss sehr wohl, dass unter den sachlichen Gruenden, die damals fuer diese Resolution ausschlaggebend waren, mancherlei Enttaeuschungen ueber den Gang des Krieges sowie ueber die sichtbaren Ergebnisse unserer Unterseebootkriegfuehrung eine grosse Rolle spielten. Man konnte ueber die Berechtigung zu einem solchen Misstrauen unserer Lage gegenueber verschiedener Anschauung sein - bekanntlich beurteilte ich sie guenstiger - aber fuer voellig verfehlt glaubte ich die Art und Weise beurteilen zu muessen, in der man sich von parlamentarischer Seite zu einem solchen Schritte entschloss. Zu einem Zeitpunkt, in dem die Gegner bei einem richtigen, politischen Verhalten der Deutschen vielleicht froh gewesen waeren, wenn sie irgend welche leisen Friedensneigungen aus dem Pulsschlag unseres Volkes haetten entnehmen koennen, schrien wir ihnen unsere Friedenssehnsucht geradezu in die Ohren. Die Redensarten, mit denen man das Wesen der Sache zu umkleiden versuchte, waren zu fadenscheinig, als dass sie irgend jemanden im feindlichen Lager haetten taeuschen koennen. So fand bei uns das Wort Clemenceaus "Ich fuehre Krieg!" das Echo: "Wir suchen Frieden!" Ich wandte mich damals gegen diese Friedensresolution nicht vom Standpunkte menschlichen Gefuehles sondern vom Standpunkte soldatischen Denkens. Ich sah voraus, was sie uns kosten wuerde, und kleidete das in die Worte: "Mindestens ein weiteres Kriegsjahr!" Ein weiteres Kriegsjahr in unserer eigenen und unserer Verbuendeten schweren Lage! VIERTER TEIL ENTSCHEIDUNGSKAMPF IM WESTEN Die Frage der Westoffensive Absichten und Aussichten fuer 1918 Angesichts der ernsten Schilderungen, mit denen ich den vorhergehenden Teil meiner Darlegungen abschloss, wird man wohl die berechtigte Frage an mich richten, welche Aussichten ich fuer eine guenstige Beendigung des Krieges durch eine letzte grosse Waffenentscheidung zu haben glaubte. Ich mache mich in der Antwort von politischen Gesichtspunkten frei und spreche lediglich vom Standpunkte des Soldaten, indem ich mich zunaechst zu den Verhaeltnissen bei unseren Bundesgenossen wende: Oesterreich-Ungarn glaubte ich angesichts der militaerischen Machtlosigkeit Russlands und Rumaeniens sowie der schweren Niederlage Italiens derartig militaerisch entlastet, dass es dem Donaureiche nicht schwer fallen konnte, die jetzige Kriegslage auf seinen Fronten zu ertragen. Bulgarien hielt ich fuer durchaus imstande, den Ententekraeften gegenueber in Mazedonien auszuhalten, um so mehr, als ja die bulgarischen Kampfkraefte, die noch gegen Russland und Rumaenien standen, in absehbarer Zeit vollstaendig fuer Mazedonien frei gemacht werden konnten. Auch die Tuerkei war durch den Zusammenbruch Russlands in Kleinasien ausreichend entlastet. Sie hatte dadurch, so weit ich beurteilen konnte, genuegend Kraefte frei, um ihre Armeen in Mesopotamien und Syrien wesentlich zu verstaerken. Nach meiner Anschauung hing demnach das weitere Durchhalten unserer Bundesgenossen, abgesehen von ihrem guten Willen, lediglich von der zweckmaessigen Verwendung der fuer ihre Aufgabe ausreichend vorhandenen Kampfmittel ab. Mehr als Durchhalten verlangte ich von keinem. Wir selbst wollten im Westen die Kriegsentscheidung erringen. Fuer eine solche bekamen wir nunmehr unsere Ostkraefte frei, oder hofften sie wenigstens bis zum Eintritt der besseren Jahreszeit frei zu bekommen. Mit Hilfe dieser Kraefte vermochten wir uns im Westen eine zahlenmaessige Ueberlegenheit zu schaffen. Zum ersten Male waehrend des ganzen Krieges auf einer unserer Fronten eine deutsche Ueberlegenheit! Sie konnte freilich nicht so gross sein, als es diejenige war, mit der England und Frankreich seit mehr als drei Jahren unsere Westfront vergeblich bestuermt hatten. Insbesondere reichten unsere Ostkraefte nicht hin, um die gewaltige Ueberlegenheit unserer Gegner an Artillerie- und Fliegerverbaenden auszugleichen. Immerhin waren wir aber jetzt imstande, an einem Punkte der Westfront eine gewaltige Macht zur Ueberwaeltigung der feindlichen Linien zu vereinigen, ohne dabei allzuviel auf anderen Teilen dieser Front aufs Spiel zu setzen. Leicht und einfach war der Entschluss zum Angriff im Westen aber auch unter diesen fuer uns guenstigeren Zahlenverhaeltnissen nicht. Die Bedenken, ob uns ein grosser Erfolg gelingen wuerde, blieben nicht gering. Im Verlauf und Ergebnis der bisherigen gegnerischen Angriffsschlachten konnte ich wahrlich keine Ermunterung zu einer Offensive finden. Was hatte der Gegner mit allen seinen zahlenmaessigen Ueberlegenheiten, mit seinen Millionen von Granaten und Wurfminen und endlich mit seinen Hekatomben von Menschenopfern schliesslich erreicht? Oertliche Gewinne von etlichen Kilometern Tiefe waren die Frucht monatelanger Anstrengungen. Auch wir hatten freilich als die Verteidiger schwere Verluste erlitten, es musste jedoch angenommen werden, dass diejenigen der Angreifer die unsern wesentlich uebertrafen. Mit blossen sogenannten Materialschlachten konnten wir ein entscheidendes Ziel nie erreichen. Wir hatten fuer die Fuehrung solcher Kaempfe weder die Kraefte noch auch die Zeit. Denn naeher und naeher rueckte der Augenblick, an welchem das noch vollkraeftige Amerika allmaehlich auf dem Plan erscheinen konnte. Wenn bis dahin unsere Unterseeboote nicht derartig wirkten, dass der Seetransport grosser Massen und ihrer Beduerfnisse in Frage gestellt war, dann musste unsere Lage ernst werden. Die Frage liegt nahe, was uns Anrecht fuer die Hoffnung auf einen oder mehrere durchgreifende Siege zu geben schien wie sie unseren Gegnern doch bisher stets versagt geblieben waren. Die Antwort ist leicht zu erteilen, aber schwer zu erklaeren; sie ist ausgesprochen in dem Worte: "Vertrauen". Nicht Vertrauen auf einen gluecklichen Stern, auf vage Hoffnungen, noch weniger das Vertrauen auf Zahlen und aeussere Staerken; es war das Vertrauen, mit dem der Fuehrer seine Truppen in das feindliche Feuer entlaesst, ueberzeugt, dass sie das Schwerste ertragen und das Unmoeglichscheinende moeglich machen werden. Es war das gleiche Vertrauen, das in mir lebte, als wir in den Jahren 1916 und 1917 unsere Westfront einer ungeheuren, fast uebermenschlichen Belastungsprobe aussetzten, um anderwaerts Angriffsfeldzuege zu fuehren, das gleiche Vertrauen, das uns wagen liess, mit Unterlegenheiten feindliche Uebermacht auf allen Kriegsschauplaetzen in Schach zu halten oder gar zu schlagen. Wenn die noetige zahlenmaessige Kraft vorhanden war, so schien mir auch der Wille zum guten Werke nirgends zu fehlen. Ich fuehlte foermlich die Sehnsucht der Truppen, herauszukommen aus dem Elend und der Last des Abwehrkampfes. Ich wusste, dass aus dem deutschen "Kaninchen", das der Spott eines unserer erbittertsten Gegner als "aus dem freien Felde in die Erdloecher vertrieben" der englischen Laecherlichkeit preisgeben zu duerfen glaubte, der deutsche Mann im Sturmhut werden wuerde, der mit seinem ganzen, maechtigen Zorne dem Schuetzengraben entsteigt, um die jahrelange Kampfqual der Verteidigung im Vorstuermen zu beenden. Darueber hinaus glaubte ich aber von dem Ruf zum Angriff noch groessere und weitergehende Folgen erwarten zu duerfen. Ich hoffte, dass mit unseren ersten siegreichen Schlaegen auch die Heimat emporgehoben wuerde aus ihrem dumpfen Brueten und Gruebeln ueber die Not der Zeit, ueber die Aussichtslosigkeit unseres Kampfes, ueber die Unmoeglichkeit, den Krieg noch anders zu beenden als mit der Unterwerfung unter den Urteilsspruch tyrannischer Gewalten. Faehrt erst das blitzende Schwert in die Hoehe, so reisst es die Herzen mit sich, so war es immer; sollte es diesmal anders sein? Und meine Hoffnungen flogen hinueber ueber die Grenzen des Heimatlandes. Unter den maechtigen Eindruecken grosser kriegerischer deutscher Erfolge dachte ich an eine Wiederbelebung des Kampfgeistes in dem so sehr bedrueckten Oesterreich-Ungarn, an das volle Aufflammen aller politischen und voelkischen Hoffnungen in Bulgarien und an das Erstarken des Willens zum Durchhalten selbst in entlegenen osmanischen Gebieten. Wie haette ich auf mein felsenfestes Vertrauen in das Gelingen unserer Sache verzichten duerfen, um meinem Kaiser gegenueber vor meinem Vaterland und meinem Gewissen eine Waffenstreckung zu empfehlen? "Waffenstreckung?" Ja gewiss! Es konnte keine Taeuschung darueber geben, dass unsere Gegner ihre Forderungen bis zu dieser Hoehe treiben wuerden. Gerieten wir nur erst einmal auf die abschuessige Bahn des Nachgebens, hoerte die straffe Spannung unserer Kraefte auf, dann war kein anderes Ende mehr abzusehen, als ein Ende mit Schrecken, es sei denn, dass wir vorher dem Gegner selbst die Arme und den Willen lahm geschlagen hatten. So waren unsere Aussichten schon 1917, so verwirklichten sie sich spaeter. Wir standen immer in der Wahl zwischen Kampf bis zum Siege oder Unterwerfung bis zur Selbstentsagung. Aeusserten sich jemals unsere Gegner in anderem Sinne? An mein Ohr drang niemals eine andere Stimme. Wenn eine solche also wirklich irgendwo friedensverheissender ertoent sein sollte, dann durchdrang sie nicht die Atmosphaere, die zwischen dem feindlichen Staatsmann und mir lag. Wir hatten nach meiner Ueberzeugung die noetige Staerke und den noetigen kriegerischen Geist zum Entscheidung suchenden letzten Waffengang. Wir hatten uns darueber schluessig zu werden, wie und wo wir ihn ausfechten wollten. Das "Wie" liess sich im allgemeinen mit den Worten ausdruecken: Vermeidung eines Festrennens in einer sogenannten Materialschlacht. Wir mussten einen grossen, wenn moeglich ueberraschenden Schlag anstreben. Gelang es uns nicht, auf einen Hieb den feindlichen Widerstand zum Zusammenbruch zu bringen, dann sollten diesem ersten Schlag weitere Schlaege an anderen Stellen der feindlichen Widerstandslinien folgen, bis unser Endziel erreicht war. Als kriegerisches Ideal schwebte mir natuerlich von vornherein ein voelliger Durchbruch der gegnerischen Linien vor, ein Durchbruch, der uns das Tor zu freien Operationen oeffnen wuerde. Dieses Tor sollte in der Linie Arras-Cambrai-St. Quentin-La Fere aufgeschlagen werden. Die Wahl der Angriffsfront war nicht durch politische Gesichtspunkte beeinflusst. Wir wollten dort nicht deswegen angreifen, weil uns Englaender in diesem Angriffsgebiet gegenueber standen. Ich sah freilich in England noch immer die Hauptstuetze des feindlichen Widerstandes, war mir aber zugleich darueber auch klar, dass in Frankreich der Wille, unser staatliches Dasein bis zur Vernichtung zu schaedigen, mindestens ebenso stark vertreten war, wie in England. Auch in militaerischer Beziehung war es von geringer Bedeutung, ob wir unseren ersten Angriff gegen Franzosen oder Englaender richteten. Der Englaender war zweifellos ungewandter im Gefecht als sein Waffengefaehrte. Er verstand nicht, rasch wechselnde Lagen zu beherrschen. Er arbeitete zu schematisch. Diese Maengel hatte er bisher im Angriffe gezeigt, und ich glaubte, dass das in der Verteidigung nicht anders sein wuerde. Derartige Erscheinungen waren fuer jeden Kenner soldatischer Erziehung ganz selbstverstaendlich. Sie hatten ihre Ursachen in dem Fehlen einer entsprechenden Friedensschulung. Auch ein mehrjaehriger Krieg konnte diese mangelnde Vorbereitung nicht voellig ersetzen. Was dem Englaender an Gefechtsgewandtheit fehlte, ersetzte er wenigstens teilweise durch seine Zaehigkeit im Festhalten seiner Aufgabe und seines Zieles, sowohl im Angriff wie in der Verteidigung. Die englischen Truppenverbaende waren von verschiedenem Werte. Die Elitetruppen entstammten den Kolonien, eine Erscheinung, die wohl darauf zurueckzufuehren ist, dass die dortige Bevoelkerung vorwiegend eine agrarische ist. Der Franzose war durchschnittlich gefechtsgewandter als sein englischer Bundesgenosse. Dafuer war er aber wohl weniger zaehe in der Verteidigung als dieser. In der franzoesischen Artillerie erblickten unsere Fuehrer wie Soldaten ihren gefaehrlichsten Feind, waehrend der franzoesische Infanterist in weniger grossem Ansehen stand. Doch waren in dieser Beziehung auch die franzoesischen Truppenverbaende je nach den Landesteilen, aus denen sie sich ergaenzten, verschieden. Trotz der augenscheinlich lockeren Befehlsgemeinschaft an der franzoesisch-englischen Front war bestimmt damit zu rechnen, dass jeder der Bundesgenossen dem anderen im Falle der Not zu Hilfe eilen wuerde. Dass dabei der Franzose rascher und rueckhaltloser handeln wuerde, wie der Englaender, betrachtete ich bei der politischen Abhaengigkeit Frankreichs vom englischen Willen und nach den bisherigen Kriegserfahrungen als selbstverstaendlich. Zur Zeit unseres Angriffsentschlusses stand das englische Heer seit der Flandernschlacht noch besonders stark auf dem noerdlichen Fluegel seiner sich vom Meere bis in die Gegend suedlich St. Quentin ausdehnenden Front massiert. Eine andere etwas schwaechere Kraeftegruppe schien aus der Schlacht bei Cambrai in dem dortigen Kampfgelaende verblieben zu sein. Im uebrigen waren die englischen Kraefte augenscheinlich ziemlich gleichmaessig verteilt; am schwaechsten besetzt zeigten sich die Stellungen suedlich der Gruppe von Cambrai. Der englische Einbruchsbogen in unsere Linien bei dieser Stadt war infolge unseres Gegenstosses vom 30. November 1917 nur noch flach; er war aber ausgesprochen genug, das Ansetzen einer, wie man sich ausdrueckte, taktischen Zange von Norden und Osten her zu gestatten. Durch eine solche wollten wir die dortigen englischen Kraefte zerdruecken. Es war allerdings fraglich, ob die englische Kraefteverteilung bis zum Beginn unseres Angriffes auch tatsaechlich in der geschilderten Weise bestehen bleiben wuerde. Dies hing wohl wesentlich davon ab, ob uns ein Verbergen unserer Angriffsabsichten moeglich sein wuerde. Eine bedeutungsvolle Frage! Alle unsere Erfahrungen liessen eigentlich eine solche Moeglichkeit, ja selbst Wahrscheinlichkeit zweifelhaft erscheinen. Wir selbst hatten die feindlichen Vorbereitungen fuer all die grossen Durchbruchsversuche gegen unsere Westfront bisher meist lange vor dem Beginn der eigentlichen Kaempfe erkannt. Fast regelmaessig waren wir imstande, sogar die Fluegelausdehnung der gegnerischen Angriffe festzustellen. Die monatelange Taetigkeit der Feinde war den Spaeheraugen unserer Erkundungsflieger nie entgangen. Aber auch unsere Erderkundung hatte sich zu einem ausserordentlich feinen Empfinden fuer jede Veraenderung auf gegnerischer Seite entwickelt. Der Gegner hatte offenbar bei seinen Grosskaempfen angesichts der scheinbaren Unmoeglichkeit, die ausgedehnten Vorbereitungsarbeiten und Truppenanhaeufungen zu verbergen, auf Ueberraschungsversuche absichtlich verzichtet. Trotz alledem glaubten wir, auf Ueberraschung ein ganz besonderes Gewicht legen zu muessen. Dieses Bestreben forderte natuerlich in gewissem Grade einen Verzicht auf eingehende technische Vorbereitungen. Wie weit hierin gegangen werden durfte, musste dem taktischen Gefuehle unserer Unterfuehrer und unserer Truppen ueberlassen werden. Unser Angriffskampf bedurfte aber nicht nur der materiellen Vorbereitung sondern auch der taktischen Schulung. Wie ein Jahr vorher fuer die Verteidigung, so wurden jetzt fuer den Angriff neue Grundsaetze festgelegt und in zusammenfassenden Vorschriften ausgegeben. Im Vertrauen auf den Geist der Truppe wurde der Schwerpunkt des Angriffes in duenne Schuetzenlinien gelegt, die durch massenhafte Verwendung von Maschinengewehren, durch unmittelbare Begleitung von Feldartillerie und Kampffliegern im hohen Grade feuerkraeftig gemacht wurden. Solche duenne Infanterielinien waren freilich nur dann angriffsfaehig, wenn ein starker Angriffswille sie durchdrang. Wir entsagten demnach voellig einer Taktik von Gewalthaufen, bei der der einzelne im Schutze der Leiber seiner Mitkaempfer den Angriffstrieb erhaelt, eine Taktik, wie wir sie von gegnerischer Seite im Osten reichlichst kennen gelernt hatten, und wie sie ab und zu auch im Westen gegen uns in die Erscheinung getreten war. Wenn die gegnerische Presse im Jahre 1918 der Welt von deutschen Massenstuermen berichtete, so bediente sie sich dieser Ausdruecke wohl in erster Linie, um Sensationsbeduerfnisse zu befriedigen, dann aber wohl auch, um die Schlachtbilder fuer die Masse ihrer Leser anschaulicher und die eingetretenen Ereignisse verstaendlicher zu machen. Woher haetten wir allein schon die Menschen zu solch einer Massentaktik und zu solchen Massenopfern nehmen sollen? Ausserdem hatten wir genuegende Erfahrung darin gemacht, wie nutzlos meist die kostbaren Kraefte vor unseren Linien hinsanken, wenn unsere Schnitter an der modernen Sense des Schlachtfeldes, am Maschinengewehr, sich der blutigen Ernte um so erfolgreicher widmen konnten, je dichter die Menschenhalme standen. Diese Ausfuehrungen, die sich mehr mit dem Geiste als der Technik unseres Kampfverfahrens beschaeftigen, duerften zur allgemeinen Kennzeichnung unserer Angriffsgrundsaetze genuegen. Der deutsche Infanterist trug natuerlich auch jetzt die Last des Kampfes. Seine Schwesterwaffen hatten aber die nicht weniger ruhm- und verlustreiche Aufgabe, dem braven Musketier die Arbeit zu erleichtern. Die Schwere des bevorstehenden grossen Waffenganges im Westen wurde von uns in ihrer ganzen Groesse gewuerdigt. Sie machte es uns zur selbstverstaendlichen Pflicht, alle brauchbaren Kraefte fuer das blutige Werk heranzuziehen, die wir irgendwie auf den uebrigen Kriegsschauplaetzen entbehrlich machen konnten. Der jetzige Stand und die weitere Entwicklung unserer politischen und wirtschaftlichen Verhaeltnisse legte der Durchfuehrung mancherlei Schwierigkeiten in den Weg, die wiederholt mein persoenliches Eingreifen noetig machten. Ich moechte diese wichtige Frage im Zusammenhang darstellen und beginne mit dem Osten: Am 15. Dezember war an der russischen Front der Waffenstillstand geschlossen worden. Angesichts der Zersetzung des russischen Heeres hatten wir schon vorher mit der Abbefoerderung eines grossen Teiles unserer Kampfverbaende von dort begonnen. Ein Teil der operations- und kampffaehigen Divisionen musste jedoch bis zur endgueltigen politischen Abrechnung mit Russland und Rumaenien zurueckbleiben. Unseren militaerischen Wuenschen wuerde es natuerlich durchaus entsprochen haben, wenn das Jahr 1918 im Osten mit Friedensglocken eingelaeutet worden waere. Statt ihrer toenten aus dem Verhandlungsraum in Brest-Litowsk die wildesten Agitationsreden umstuerzlerischer Doktrinaere. Die breiten Volksmassen aller Laender wurden von diesen politischen Hetzern aufgerufen, die auf ihnen lastende Knechtschaft durch Aufrichtung einer Herrschaft des Schreckens abzuschuetteln. Der Friede auf Erden sollte durch Massenmord am Buergertum gesichert werden. Die russischen Unterhaendler, allen voran Trotzki, wuerdigten den Verhandlungstisch, an dem die Versoehnung maechtiger Gegner sich vollziehen sollte, zum Rednerpult wuester Agitatoren herab. Unter diesen Umstaenden war es kein Wunder, wenn die Friedensverhandlungen keine Fortschritte machten. Nach meiner Auffassung trieben Lenin und Trotzki aktive Politik nicht wie Unterlegene, sondern wie Sieger, indem sie die politische Aufloesung in unserem Ruecken und in die Reihen unserer Heere tragen wollten. Der Friede drohte unter solchen Verhaeltnissen schlimmer zu werden als ein Waffenstillstand. Unsere Regierungsvertreter gaben sich bei der Behandlung der Friedensfragen darueber doch wohl einem falschen Optimismus hin. Die Oberste Heeresleitung darf fuer sich in Anspruch nehmen, dass sie die Gefahren erkannte und vor ihnen warnte. Die Schwierigkeiten, unter denen unsere deutsche Vertretung in Brest-Litowsk litt, mochten noch so gross sein, ich hatte jedenfalls die Pflicht, darauf zu dringen, dass mit Ruecksicht auf unsere beabsichtigen Operationen im Westen baldigst ein Friede im Osten erreicht wuerde. Die Angelegenheit kam aber erst dann richtig in Fluss, als Trotzki am 10. Februar die Unterzeichnung eines Friedensvertrages verweigerte, im uebrigen jedoch den Kriegszustand als beendet erklaerte. Ich konnte in diesem, allen voelkerrechtlichen Grundsaetzen hohnsprechenden Verhalten Trotzkis nur einen Versuch erblicken, die Lage im Osten dauernd in der Schwebe zu halten. Ob bei diesem Versuche auch Einfluesse der Entente wirksam waren, muss ich dahingestellt sein lassen. Jedenfalls war der damalige Zustand in militaerischer Beziehung unertraeglich. Der Reichskanzler Graf von Hertling schloss sich dieser Anschauung der Obersten Heeresleitung an. Seine Majestaet der Kaiser entschied am 13. Februar, dass die Feindseligkeiten im Osten am 18. wieder aufzunehmen seien. Die Durchfuehrung der Operation traf fast nirgends mehr auf ernstlichen feindlichen Widerstand. Die russische Regierung erkannte jetzt die ihr drohende Gefahr. Am 3. Maerz wurde in Brest-Litowsk der Friede zwischen dem Vierbund und Grossrussland unterzeichnet. Die russische militaerische Macht war damit auch rechtsgueltig aus dem Kriege ausgeschieden. Grosse Landesteile und Voelkerstaemme waren von dem bisherigen geschlossenen russischen Koerper abgesprengt, in dem eigentlichen Kernrussland ein tiefer Riss zwischen Grossrussland und der Ukraine entstanden. Die Abtrennung der Randstaaten vom frueheren Zarenreiche durch die Friedensbedingungen war fuer mich in erster Linie ein militaerischer Gewinn. Dadurch war ein, wenn ich mich so ausdruecken darf, weites Vorfeld jenseits unserer Grenzen gegen Russland geschaffen. Vom politischen Standpunkt aus begruesste ich die Befreiung der baltischen Provinzen, weil anzunehmen war, dass von jetzt ab das Deutschtum sich dort freier entwickeln und eine ausgedehnte deutsche Besiedelung jener Gebiete eintreten konnte. Ich brauche wohl nicht besonders zu versichern, dass die Verhandlungen mit einer russischen Schreckensregierung meinen politischen Ansichten aeusserst wenig entsprachen. Wir waren aber gezwungen gewesen, zunaechst einmal mit den jetzt in Grossrussland vorhandenen Machthabern zu einem abschliessenden Vertrag zu kommen. Im uebrigen war ja zurzeit dort alles in groesster Gaerung, und ich persoenlich glaubte nicht an eine laengere Dauer der Herrschaft des damaligen Terrors. Trotz des Friedensschlusses war es uns freilich auch jetzt nicht moeglich, alle unsere kampfbrauchbaren Truppen vom Osten abzubefoerdern. Wir konnten die besetzten Gebiete nicht einfach ihrem Schicksal ueberlassen. Schon allein das Ziehen einer Barriere zwischen den bolschewistischen Heeren und den von uns befreiten Laendern forderte gebieterisch das Belassen staerkerer deutscher Truppen im Osten. Auch waren unsere Operationen in der Ukraine noch nicht abgeschlossen. Wir mussten in dieses Land einmarschieren, um in die dortigen politischen Verhaeltnisse Ordnung zu bringen. Nur dann, wenn dieses gelang, hatten wir Aussicht, aus dem ukrainischen Gebiete Lebensmittel in erster Linie fuer Oesterreich-Ungarn, dann aber auch fuer unsere Heimat, ferner Rohstoffe fuer unsere Kriegsindustrie und Kriegsbeduerfnisse fuer unser Heer zu gewinnen. Politische Gesichtspunkte spielten bei diesen Unternehmungen fuer die Oberste Heeresleitung keine Rolle. Von einer wesentlich anderen Bedeutung war die militaerische Unterstuetzung, die wir im Fruehjahr des Jahres Finnland in seinem Freiheitskriege gegen die russische Gewaltherrschaft angedeihen liessen. Hatte doch die bolschewistische Regierung die uns zugesagte Raeumung des Landes nicht durchgefuehrt. Wir hofften ausserdem dadurch, dass wir Finnland auf unsere Seite zogen, der Entente eine militaerische Einwirkung auf die weitere Entwicklung der Verhaeltnisse in Grossrussland von Archangelsk und der Murmankueste her aufs aeusserste zu erschweren. Auch erreichten wir damit gleichzeitig eine Drohstellung nahe an Petersburg, die fuer den Fall wichtig wurde, dass das bolschewistische Russland auf unsere Ostfront erneute Angriffe versuchen sollte. Der geringe Kraefteaufwand, es handelte sich hierfuer um kaum eine Division, lohnte sich fuer uns jedenfalls reichlichst. Die aufrichtige Zuneigung, die ich dem Freiheitskampfe des finnischen Volkes entgegenbrachte, liess sich meiner Ansicht nach durchaus mit den Forderungen der militaerischen Lage in Einklang bringen. Die Kampftruppen, die wir gegen Rumaenien stehen hatten, wurden groesstenteils frei, als sich die Regierung dieses Landes angesichts unseres Friedensschlusses mit Russland genoetigt sah, auch ihrerseits zu einem friedlichen Abschluss mit uns zu kommen. Der dann noch im Osten bleibende Rest unserer fechtenden Truppen bildete fuer die Zukunft eine gewisse Kraftquelle zur Ergaenzung unseres Westheeres. Die Heranziehung der deutschen Divisionen, die wir im Feldzug gegen Italien eingesetzt hatten, konnte ohne weiteres schon im Verlauf des Winters durchgefuehrt werden. Oesterreich-Ungarn musste nach meiner Ansicht durchaus imstande sein, die Lage in Oberitalien fortan allein zu beherrschen. Eine wichtige Frage war, ob wir nicht an Oesterreich-Ungarn mit dem Ersuchen herantreten sollten, uns Teile seiner im Osten und in Italien frei werdenden Kraefte zum kommenden Entscheidungskampf zur Verfuegung zu stellen. Auf Grund von Berichten glaubte ich indessen, dass diese Kraefte sich in Italien besser verwerten liessen als bei unserem schweren Ringen im Westen. Gelang es Oesterreich-Ungarn, durch eindrucksvolle Bedrohung des Landes das gesamte italienische Heer, ja vielleicht auch die noch dort befindlichen Teile der englischen und franzoesischen Truppen zu binden oder gar Kraefte derselben durch erfolgreich Angriffe von der Entscheidungsfront abzuziehen, so war die Entlastung, die uns dadurch im Westen geschaffen wurde, vielleicht groesser, als ein Nutzen durch unmittelbare Unterstuetzung. Wir beschraenkten uns daher auf Heranziehung oesterreichisch-ungarischer Artillerie. Fuer mich bestand uebrigens kein Zweifel, dass General von Arz ein Ersuchen unsererseits um groessere oesterreichische Hilfe jederzeit und mit allen seinen Kraeften vertreten haette. Der oesterreichisch-ungarische Aussenminister hat in dieser Zeit in einer Rede darauf hingewiesen, dass die Kraefte der Donaumonarchie ebensowohl fuer Strassburg wie fuer Triest eingesetzt wuerden. Diese bundesfreundliche Aeusserung fand meinen vollsten Beifall. Erst nachtraeglich wurde mir bekannt, dass diese Worte des Grafen Czernin innerhalb nichtdeutscher Kreise der Donaumonarchie heftige Widersprueche hervorgerufen hatten. Diese politische Erregung uebte sonach auf meine militaerische Entscheidung ueber die Groesse der oesterreichisch-ungarischen Waffenhilfe auf unseren kuenftigen Schlachtfeldern im Westen keinen Einfluss. Es galt fuer mich als selbstverstaendlich, dass wir den Versuch machen mussten, auch diejenigen unserer Kampftruppen fuer unsere Westoffensive frei zu machen, die bisher in Bulgarien und der asiatischen Tuerkei verwendet waren. Ich habe schon darauf hingewiesen, wie gross die politischen Widerstaende gegen einen derartigen Gedanken in Bulgarien waren. General Jekoff war ein zu einsichtiger Soldat, um nicht die Richtigkeit unserer Forderungen anzuerkennen; er hielt jedoch augenscheinlich die deutschen Pickelhauben in Mazedonien fuer ebenso unentbehrlich wie sein Koenig. Die Zurueckziehung der deutschen Truppen von der mazedonischen Front kam infolgedessen nur recht allmaehlich in Fluss. Nur schwer entschloss sich General Jekoff auf unser wiederholtes Draengen, sie durch die bulgarischen Truppen aus der Dobrudscha abzuloesen. Ernste Mitteilungen unserer deutschen Kommandostellen an der mazedonischen Front ueber Stimmung und Haltung der dortigen bulgarischen Truppen veranlassten uns schliesslich, den Rest der deutschen Infanterie, drei Bataillone, und einen Teil der immer noch zahlreichen deutschen Artillerie noch weiter dort zu belassen. Ein aehnliches Ergebnis hatte unser gleiches Bemuehen in der Tuerkei. Unser Asienkorps war im Herbste 1917 mit den urspruenglich fuer den Feldzug nach Bagdad bestimmten tuerkischen Divisionen nach Syrien befoerdert worden. Die bedenkliche Lage an der dortigen Front zwang uns, bei Beginn des Jahres 1918 eine Verstaerkung dieses Korps auf etwa das Doppelte durchzufuehren. Die meisten der hierfuer bestimmten Truppen wurden unfern in Mazedonien stehenden Verbaenden entnommen. Bevor diese Verstaerkungen ihren neuen Bestimmungsort erreicht hatten, glaubten wir, eine wesentliche Besserung in der Lage an der syrischen Front feststellen zu koennen, und traten daher mit Enver Pascha wegen Zurueckziehung aller dortigen deutschen Truppen in Verbindung. Der Pascha gab sein Einverstaendnis. Dringende militaerische und politische Vorstellungen von seiten des deutschen Oberkommandos in Syrien sowie von seiten der durch dieses Oberkommando beeinflussten deutschen Reichsleitung veranlassten uns indessen, von dem Abruf Abstand zu nehmen. Zusammenfassend darf ich wohl behaupten, dass von unserer Seite nichts unterlassen wurde, um moeglichst alle unsere deutschen Kampfkraefte im Westen zur Entscheidung zu versammeln. Wenn dies nicht bis auf den letzten Mann gelang, so lag der Grund in Verhaeltnissen verschiedenster Art, in keinem Falle aber in einer Verkennung der Wichtigkeit dieser Frage von unserer Seite. So war im Winter 1917/18 endlich das erreicht, was ich vor drei Jahren so sehnsuechtig angestrebt hatte. Wir konnten uns mit freiem Ruecken dem Entscheidungskampf im Westen zuwenden, wir mussten jetzt zu diesem Waffengang schreiten. Ein solcher wuerde uns vielleicht erspart geblieben sein, wenn wir die Russen schon im Jahre 1915 endgueltig geschlagen haetten. Ich habe schon frueher darauf hingewiesen, wie viel schwerer jetzt, 1918, die Aufgabe fuer uns geworden war. Noch immer stand Frankreich als maechtiger Gegner auf dem Plan, mochte es gleich mehr geblutet haben als wir selbst. Ihm zur Seite ein englisches mehrfaches Millionenheer, voll geruestet, wohl geschult und kriegsgewohnt. Ein neuer Gegner, wirtschaftsgewaltig wie kein zweiter, alle Quellen der uns feindlichen Kriegfuehrung beherrschend, all unserer Feinde Hoffnung belebend und vor dem Niederbruch stuetzend, gewaltige Truppenmassen bereitstellend, die Vereinigten Staaten von Nordamerika, zeigte sich in drohender Naehe. Wird dieser noch zur rechten Zeit kommen, um uns den Siegeslorbeer aus den Haenden zu reissen? Darin lag die kriegsentscheidende Frage, und nur darin! Ich glaubte sie verneinen zu koennen! Der Ausgang unserer grossen Offensive im Westen hat die Frage aufwerfen lassen, ob es fuer uns nicht raetlich gewesen waere, auch im Jahre 1918 den Krieg an der Westfront, unter Stuetzung der bisher dort verwendeten Armeen mit starken Reserven, im wesentlichsten verteidigungsweise zu fuehren, alle uebrigen militaerischen und politischen Anstrengungen aber darauf zu vereinigen, im Osten geordnete staatliche und wirtschaftliche Verhaeltnisse zu schaffen und unsere Bundesgenossen bei ihren Kriegsaufgaben zu unterstuetzen. Es waere ein Irrtum, anzunehmen, dass mich derartige Gedanken nicht vor unseren Offensivplaenen beschaeftigt hatten. Ich wies sie nach reiflichster Ueberlegung zurueck. Gefuehlsmomente spielten dabei keine Rolle. Wie waere ein Ende des Krieges bei solcher Fuehrung abzusehen gewesen? Selbst wenn ich am Ende 1917 noch keine Veranlassung zu haben glaubte, an unserer deutschen Widerstandskraft ueber das kommende Jahr hinaus zu zweifeln, so konnte ich ueber dem bedenklichen Zerfall dieser Kraft bei unseren Bundesgenossen nicht im Unklaren sein. Wir mussten mit allen Mitteln zu einem erfolgreichen Ende zu kommen trachten. Das war die mehr oder minder laut ausgesprochene Forderung aller unserer Verbuendeten. Man kann dagegen nicht einwenden, dass auch unsere Gegner an den aeussersten Rand ihrer menschlichen und seelischen Leistungsfaehigkeit herankamen. Sie konnten, wenn wir sie nicht angriffen, den Krieg noch jahrelang hinziehen, und wer unter ihnen nicht haette mittun wollen, wuerde durch die anderen einfach gezwungen worden sein. Ein allmaehlicher Erschoepfungstod war, nachdem wir die Gegner nicht vor einen solchen stellen konnten, zweifellos unser Los. Auch wenn ich das jetzige Unglueck meines Vaterlandes vor Augen habe, trage ich die felsenfeste Ueberzeugung, dass ihm das Bewusstsein, die letzte Kraft an sein Dasein und seine Ehre gesetzt zu haben, mehr zu seinem inneren Aufbau nuetzen wird, als wenn der Krieg in einem allmaehlichen Ermatten bis zur Kraftlosigkeit geendet haette. Dem Schicksal, das es jetzt tragen muss, waere es doch nicht entgangen, wohl aber wuerde ihm der erhebende Gedanke an ein unvergleichliches Heldentum fehlen. Ich suche nach einem Beispiel in der Geschichte, und da finde ich, dass der Waffenruhm von Preussisch-Eylau, mochte er auch das Schicksal des alten Preussens nicht mehr haben wenden koennen, doch wie ein Stern in der lichtlosen Finsternis der Jahre 1807-1812 leuchtete. An seinem Glanze fand so mancher Erbauung und Belehrung. Sollte das deutsche Herz jetzt anders geworden sein? Mein preussisches schlaegt in diesen Bahnen! Spa und Avesnes In Genehmigung unseres Antrages wurde auf Befehl Seiner Majestaet des Kaisers am 8. Maerz das deutsche Grosse Hauptquartier nach Spa verlegt. Die Aenderung war durch die kommenden Operationen im Westen bedingt. Von dem neuen Hauptquartier aus konnten wir die nunmehr wichtigsten Teile unserer westlichen Heeresfront auf kuerzerem Wege erreichen als von Kreuznach. Da wir jedoch den kommenden Ereignissen in moeglichst unmittelbarer Naehe folgen wollten, so waehlten wir ausserdem Avesnes als eine Art von vorgeschobener Befehlsstelle der Obersten Heeresleitung. Dort trafen wir am 19. Maerz mit dem groessten Teil des Generalstabes ein und befanden uns damit in dem Mittelpunkte der Heeresgruppen- und Armee-Oberkommandos, die bei den bevorstehenden Entscheidungskaempfen die Hauptrolle zu spielen hatten. Das Bild der Stadt wird aeusserlich beherrscht durch den maechtigen, klotzigen Bau seiner alten Kirche. Teilweise verfallene oder nur in Teilen noch vorhandene Befestigungsanlagen erinnern daran, dass Avesnes in frueheren Zeiten eine kriegsgeschichtliche Rolle gespielt hatte. So weit mir erinnerlich, hatten sich 1815 Teile der preussischen Armee nach der Schlacht von Belle Alliance in den Besitz der damaligen Festung gesetzt und waren dann in Richtung auf Paris weitergezogen. Vom Kriege 1870/71 war die Gegend nicht betroffen worden. Die Stadt, ganz in gruene Umgebung gebettet, ist ein stiller Landort. Durch unsere Anwesenheit erhielt sie ein nur wenig lebhafteres Gepraege. Ich selbst befand mich dort nach 47 Jahren wieder fuer laengere Zeit unter franzoesischer Bevoelkerung. Die verschiedenen Strassentypen erschienen mir gegen die Zeit von 1870/71 so unveraendert, dass ich den zeitlichen Zwischenraum vergessen konnte. So sassen auch jetzt noch, wie damals, die Einwohner vor ihren Tueren, die Maenner meist still in Schauen vertieft, die Frauen lebhaft, die Unterhaltung beherrschend, die Kinder auf dem Ballplatz bei frohem Spiel und Gesang, wie mitten im tiefsten Frieden. Glueckliche Jugend! Unser langes Verbleiben in Avesnes bestaetigte mir im uebrigen die allgemeine Erfahrung, dass die franzoesische Bevoelkerung sich mit Wuerde in das harte Schicksal fuegte, das die lange Dauer des Krieges ueber sie verhaengt hatte. Wir waren nicht veranlasst, irgendwelche besondern Massregeln fuer Aufrechterhaltung der Ordnung oder gar unsern Schutz zu ergreifen, konnten uns vielmehr darauf beschraenken, die Ruhe fuer unsere Arbeit sicherzustellen. Seine Majestaet der Kaiser nahm in Avesnes nicht Unterkunft, sondern verweilte waehrend der Zeit der folgenden grossen Ereignisse in seinem Sonderzug. Dieser wurde je nach der Kriegslage verschoben. Der wochenlange Aufenthalt in den engen Raeumen des Zuges mag als Beweis fuer die Anspruchslosigkeit unseres Kriegsherrn dienen. Er lebte in diesen Zeiten voellig seinem Heer. Ruecksichten auf bestehende Gefahren, etwa durch feindliche Flieger, lagen ausserhalb der Gedankenreihe des Kaisers. Der Aufenthalt in Avesnes gab mir im Verlauf der naechsten Monate Gelegenheit, haeufiger als bisher mit unseren Heeresgruppen- und Armeefuehrern sowie sonstigen hoeheren Staeben in persoenliche Beruehrung zu kommen. Ganz besonders begruesste ich die Moeglichkeit, Truppenoffiziere bei mir zu sehen. Ihre Kriegserfahrungen und ihre sonstigen, meist mit ergreifend schlichten Worten vorgetragenen Kriegserlebnisse waren fuer mich nicht nur vom kriegerischen sondern auch vom allgemein menschlichen Standpunkt aus von hohem Interesse. Der gelegentlich ausgefuehrte Besuch bei dem masurischen Regiment, das meinen Namen trug, bei dem Garderegiment, in dessen Reihen ich als junger Offizier waehrend zweier Kriege gestanden, bei der Oldenburger Infanterie, die ich einst als Kommandeur befehligt hatte, war fuer mich eine ganz besondere Freude. Freilich war von den Friedensstaemmen nur noch wenig uebrig geblieben, aber im neuen Geschlechte fand ich den alten soldatischen Geist. Die meisten Offiziere und Mannschaften sah ich zum ersten und viele auch gleichzeitig zum letzten Male. Ehre ihrem Andenken! Unsere drei Angriffsschlachten Die "Grosse Schlacht" in Frankreich Noch vor unserer Abfahrt von Spa erliess Seine Majestaet der Kaiser den Befehl fuer die demnaechstige grosse Angriffsschlacht. Ich fuehre diesen Befehl in seinem wesentlichsten Inhalt woertlich an, um weitlaeufige Ausfuehrungen ueber unsere Kampfabsichten entbehrlich zu machen. Zur Erlaeuterung bemerke ich im voraus, dass die Vorarbeiten zu dieser grossen Schlacht mit dem Deckwort: "Michael" bezeichnet worden waren, und dass Angriffstag und Angriffsstunde erst eingefuegt wurden, als sich der Abschluss der Vorbereitungen einwandfrei uebersehen liess. Grosses Hauptquartier, 10. 3. 18. "Seine Majestaet befehlen: 1. Der Michaelangriff findet am 21. 3. statt. Einbruch in die erste feindliche Stellung 940 vormittags. 2. Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht schnuert dabei als erstes grosses taktisches Ziel den Englaender im Cambraibogen ab und gewinnt ... die Linie Croisilles (suedoestlich Arras)-Bapaume-Peronne. Bei guenstigem Fortschreiten des Angriffes des rechten Fluegels (17. Armee) ist dieser ueber Croisilles weiter vorzutragen. Weitere Aufgabe der Heeresgruppe ist, in Richtung Arras-Albert vorzustossen, mit linkem Fluegel die Somme bei Peronne festzuhalten und mit Schwerpunkt auf dem rechten Fluegel die englische Front auch vor der 6. Armee ins Wanken zu bringen und weitere deutsche Kraefte aus dem Stellungskriege fuer den Vormarsch frei zu machen ... 3. Heeresgruppe Deutscher Kronprinz gewinnt zunaechst suedlich des Omigonbaches (dieser muendet suedlich Peronne) die Somme und den Crosatkanal (westlich La Fere). Bei raschem Vorwaertskommen hat die 18. Armee (rechter Fluegel der Heeresgruppe Deutscher Kronprinz) die Uebergaenge ueber die Somme und die Kanaluebergaenge zu erkaempfen ..." Die Spannung, unter der wir am 18. Maerz abends Spa verlassen hatten, steigerte sich bei unserem Eintreffen auf der Befehlsstelle Avesnes. Das bisher herrliche, klare Vorfruehlingswetter war umgeschlagen. Heftige Regenboeen zogen ueber das Land. Sie machten dem Spottnamen, mit dem Avesnes und seine Umgebung von den Franzosen belegt war, alle Ehre. An sich konnten wir uns Wolken und Regen an diesen Tagen wohl gefallen lassen. Sie verschleierten vielleicht unsere letzten Angriffsvorbereitungen. Hatten wir aber wirklich noch berechtigte Hoffnung, dass der Gegner in unsere bisherigen Massnahmen noch keinen Einblick gewonnen hatte? Die feindliche Artillerie hatte sich in letzter Zeit ab und zu besonders aufmerksam und lebhaft gezeigt. Das Feuer war indessen immer wieder abgeflaut. Da und dort suchten feindliche Flieger waehrend der Nacht im Scheine von Leuchtkugeln einzelne unserer wichtigsten Vormarschstrassen ab und schossen mit Maschinengewehren auf alle wahrgenommenen Bewegungen. Aber all das gab noch keinen festen Anhalt fuer eine Antwort auf die Frage: "Kann unsere Ueberraschung gelingen?" Die Angriffsverstaerkungen rueckten in den letzten Naechten in ihre Ausgangsstellungen zum Sturme; die letzten Minenwerfer und Batterien wurden vorgezogen. Keine wesentliche Stoerung durch den Gegner! An einzelnen Stellen unternahm man es, schwere Geschuetze bis an die Hindernisse vorzuschieben und sie dort in Geschosstrichtern unterzubringen. Man glaubte Ueberkuehnes wagen zu sollen, um der stuermenden Infanterie die artilleristische Unterstuetzung waehrend ihres Durchbruches durch das ganze feindliche Stellungssystem zu gewaehrleisten. Keine feindliche Gegenmassregel verhinderte auch diese Vorbereitungen. Der groesste Teil des 20. Maerz verging in Sturm und Regen. Die Aussichten auf den 21. waren unsicher, oertlicher Nebel wahrscheinlich. Trotzdem entschieden wir uns am Mittag fuer den Beginn der Schlacht am Morgen des folgenden Tages. Die Fruehdaemmerung des 21. Maerz fand das noerdliche Frankreich von der Kueste bis zur Aisne unter einer Dunstschicht. Je hoeher die Sonne stieg, um so dichter wurde der Nebel auf den Erdboden gedrueckt. Er beschraenkte zeitweise den Blick bis auf wenige Meter Entfernung. Selbst die Schallwellen schienen sich in den grauen Schwaden zu verzehren. In Avesnes vernahm man nur fernes unbestimmtes Rollen von dem Schlachtfelde her, auf dem seit den ersten Tagesstunden Tausende von Geschuetzen jeden Kalibers im heftigsten Feuer standen. Ungesehen und selbst nicht sehend arbeitete unsere Artillerie. Nur die Gewissenhaftigkeit der Vorbereitungen konnte Gewaehr geben fuer die Wirkung unserer Batterien. Die Antwort des Gegners war oertlich und zeitlich von wechselnder Staerke. Sie war mehr ein Herumtasten nach einem unbekannten Gegner, als eine systematische Bekaempfung des laestigen Feindes. Also auch jetzt noch keine Gewissheit, ob nicht der Englaender in voller Abwehrbereitschaft unseren Angriff erwartete. Der Schleier, der ueber allem lag, lichtete sich nicht. In ihn hinein stuermte gegen 10 Uhr vormittags unsere brave Infanterie. Zunaechst kamen von ihr nur unklare Meldungen, Angaben ueber erreichte Ziele, Abaenderungen dieser Nachrichten, Widerrufe. Erst allmaehlich hob sich die Ungewissheit, und es liess sich ueberblicken, dass wir ueberall in die vordersten feindlichen Stellungen eingebrochen waren. Gegen Mittag begann der Nebel zu schwinden, die Sonne zu siegen. In den spaeten Abendstunden war ein Bild des Erreichten mit einiger Klarheit zu erkennen. Die rechte Fluegelarmee und die Mitte unserer Schlachtfront waren im wesentlichen vor der zweiten feindlichen Stellung zum Halten gekommen. Die linke Armee war ueber St. Quentin hinaus maechtig vorwaerts geschritten. Kein Zweifel, dass der rechte Fluegel den staerksten Widerstand vor sich hatte. Der Englaender spuerte die ihm aus noerdlicher Richtung drohende Gefahr, er warf ihr alle seine verfuegbaren Reserven entgegen. Der linke Fluegel dagegen hatte bei augenscheinlich weitgehender Ueberraschung die verhaeltnismaessig leichteste Kampfarbeit gehabt. Der Kraefteverbrauch war im Norden ueber unser Erwarten gross, sonst entsprach er unseren Voraussetzungen. Das Ergebnis des Tages schien mir befriedigend. In diesem Sinne sprachen sich auch unsere vom Schlachtfeld zurueckkehrenden Generalstabsoffiziere aus, die den Truppen in den Kampf gefolgt waren. Doch konnte erst der zweite Tag zeigen, ob nicht unser Angriff das Schicksal aller derjenigen teilte, die der Gegner seit Jahren gegen uns gefuehrt hatte, naemlich eine Versumpfung des Vorwaertsschreitens nach dem ersten gelungenen Einbruch. Der Abend dieses zweiten Tages sah unseren rechten Fluegel im Besitz der zweiten feindlichen Stellung. Unsere Mitte hatte auch die dritte feindliche Widerstandslinie genommen, waehrend die linke Armee im vollen Siegeslauf schon jetzt meilenweit nach Westen vorgedrungen war. Hunderte von feindlichen Geschuetzen, ungeheure Mengen Schiessbedarfs und sonstige Beute jeder Art lagen im Ruecken unserer vordersten Linien. Lange Gefangenenkolonnen marschierten nach Osten. Die Zertruemmerung der englischen Besatzung im Cambraibogen konnte jedoch nicht mehr gelingen, da unser rechter Fluegel entgegen unseren Erwartungen nicht weit und rasch genug vorwaerts gekommen war. Der dritte Kampftag veraenderte nicht das bisherige Bild des Schlachtenverlaufes: Schwerstes Ringen unseres rechten Fluegels, wo hoechstgespannte englische Zaehigkeit sich uns entgegenwirft und auch heute noch die dritte Verteidigungslinie behauptet. Dafuer weiterer grosser Gelaendegewinn in unserer Mitte und auch auf unserem linken Fluegel. Suedlich Peronne wurde schon an diesem Tage die Somme erreicht, an einem Punkte sogar ueberschritten. An diesem Tage, dem 23. Maerz, fallen die ersten Granaten in die feindliche Hauptstadt. Bei diesem glaenzenden Fortschreiten unseres Angriffes in westlicher Richtung, das alles in Schatten stellt, was seit Jahren auf der Westfront geleistet worden war, erscheint mir unser Durchdringen bis nach Amiens moeglich. Amiens ist der grosse Vereinigungspunkt der wichtigsten Bahnverbindungen zwischen dem durch die Somme scharf geschiedenen Kriegsgebiet des mittleren und noerdlichen Frankreichs, letzteres das hauptsaechliche Kampffeld Englands. Die Stadt ist also von groesstem strategischen Wert. Faellt sie in unsere Hand, oder gelingt es uns, wenigstens Amiens und Umgebung unter unser kraeftiges Artilleriefeuer zu bringen, so ist das gegnerische Operationsfeld in zwei Teile gesprengt, der taktische Durchbruch zum strategischen erweitert, England auf der einen, Frankreich auf der anderen Seite. Vielleicht lassen sich die verschiedenen politischen und strategischen Interessen beider Laender durch solch einen Erfolg trennen. Bezeichnen wir diese Interessen durch die beiden Namen "Calais" und "Paris". Darum vorwaerts gegen Amiens! Und in der Tat geht es auch weiter vorwaerts mit Riesenschritten. Fuer lebhafte Phantasien und heisse Wuensche freilich immer noch nicht rasch genug. Muss man doch befuerchten, dass auch der Gegner die ihm nunmehr drohende Gefahr erkennt, und dass er alles versuchen wird, ihr zu begegnen. Englische Reserven vom Nordfluegel, franzoesische Truppen aus ganz Mittelfrankreich werden jedenfalls Amiens und dessen Umgebung zustreben. Auch ist zu erwarten, dass die franzoesische Fuehrung sich unserem Vordraengen von Sueden her in die Flanke werfen wird. Der Abend des vierten Schlachttages sieht Bapaume in unseren Haenden. Peronne und die Sommelinie suedwaerts liegt schon hinter unseren vordern Divisionen. Wir haben das alte Schlachtfeld an der Somme wieder betreten; fuer manchen unserer Soldaten reich an stolzen, wenn auch ernsten Erinnerungen, fuer alle, die es zum ersten Male sahen, tiefergreifend durch die Sprache, die auch jetzt noch aus den Millionen von Granattrichtern, aus dem Gewirr halbverfallener und verwachsener Graeben, aus dem majestaetischen Schweigen ueber den veroedeten Flaechen und aus den Tausenden von Graebern an das menschliche Herz dringt. Starke Frontteile der Englaender sind voellig geschlagen und weichen ziemlich haltlos in Richtung auf Amiens zurueck. Zunaechst stockt aber nun das Vorschreiten unserer rechten Fluegelarmee. Um die Schlacht hier wieder in Fluss zu bringen, greifen wir das Hoehengelaende ostwaerts Arras mit neuen Kraeften an. Der Versuch gelingt indessen nur stellenweise. Das Unternehmen wird abgebrochen. Inzwischen nimmt die Mitte unseres Angriffes Albert. Der linke Fluegel stoesst am siebenten Schlachttage unter Deckung gegen franzoesische Angriffe aus suedlicher Richtung ueber Roye bis Montdidier vor. Die Entscheidung liegt also mehr als je in der Richtung auf Amiens. Dorthin scheinen wir augenblicklich noch gut vorwaerts zu kommen. Aber bald wird auch hier der Widerstand zaeher und zaeher, die Bewegung langsamer und langsamer. Die auf Amiens vorausgeflogenen Phantasien und Hoffnungen muessen zurueckgeholt werden. Die Tatsachen muessen so betrachtet werden, wie sie sind. Menschliche Arbeit bleibt Stueckwerk. Guenstige Gelegenheiten werden versaeumt, nicht ueberall wird mit gleicher Tatkraft zugegriffen, selbst da, wo ein glaenzendes Ziel in Aussicht steht. Man moechte es jedem einzelnen Soldaten zurufen: "Dringe vorwaerts auf Amiens, gib den letzten Rest deines Willens her! Vielleicht bedeutet Amiens den entscheidenden Sieg. Nimm wenigstens noch Villers-Bretonneux, damit wir von den dortigen Hoehen mit Massen schwerer Artillerie Amiens beherrschen koennen!" Vergebens, die Kraefte sind erlahmt. Der Gegner erkennt klar, was er mit Villers-Bretonneux verlieren wuerde. Er wirft der Stirnseite unseres Durchbruches alles entgegen, was er heranbringen kann. Der Franzose erscheint und rettet mit seinen Massenangriffen und seiner gefechtsgewandten Artillerie die Lage fuer den Verbuendeten und fuer sich selber. Bei uns fordert die menschliche Natur zwingend ihr Recht. Wir muessen Atem schoepfen. Die Infanterie braucht Ruhe, die Artillerie Munition. Ein Glueck war es, dass wir teilweise aus den reichen Vorraeten des geschlagenen Gegners leben konnten; wir haetten sonst die Somme wohl nicht ueberschreiten koennen, denn die im breiten Trichterfeld der zuerst genommenen feindlichen Stellungen verschuetteten Strassen koennen erst durch tagelange Arbeit wieder benutzbar gemacht werden. Noch aber geben wir die Hoffnung, Villers-Bretonneux zu gewinnen, nicht voellig auf. Am 4. April versuchen wir aufs neue, den Gegner von dort zu vertreiben. Verheissungsvoll lauten an diesem Tage zuerst die Nachrichten ueber das Vorschreiten unseres Angriffes. Der folgende 5. April aber bringt an diesem Punkte Rueckschlag und Enttaeuschung. Amiens bleibt in den Haenden der Gegner und wird nur von unserem Fernfeuer beruehrt, das die Verkehrsadern des Feindes zwar beunruhigen, aber nicht unterbinden kann. Die "Grosse Schlacht" in Frankreich ist zu Ende! Die Schlacht an der Lys Unter den Schlachtentwuerfen fuer den Beginn des Feldzugsjahres 1918 befand sich auch eine Bearbeitung des Angriffes auf die englische Stellung in Flandern. Bei dieser war von dem Gedanken ausgegangen, sich gegen den nach Osten vorspringenden englischen Nordfluegel beiderseits Armentieres zu wenden, um durch Vordringen in allgemeiner Richtung Hazebrouck den Zusammenbruch herbeizufuehren. Die Aussichten, die eine solche Operation im Falle guenstigen Vorschreitens bot, waren sehr verlockend, aber der Durchfuehrung des Angriffes standen sehr erhebliche Bedenken gegenueber. Zunaechst war es klar, dass wir es hier mit der staerksten englischen Kampfgruppe zu tun bekamen. Diese, auf verhaeltnismaessig engem Raum zusammengefasst, war wohl in der Lage, unsern Ansturm nach kurzem Vorschreiten zum Festrennen zu bringen. Wir begaben uns mit einer solchen Unternehmung demnach gerade in die Gefahr, die wir vermeiden wollten. Dazu kamen die Schwierigkeiten des Angriffsgelaendes beiderseits Armentieres. Da waren zunaechst die meilenbreiten Wiesengruende der Lys und dann dieser Fluss selbst zu ueberwinden. Im Winter waren die Niederungen auf weite Strecken ueberschwemmt, im Fruehjahr oft wochenlang versumpft, ein wahrer Schrecken fuer die Besatzung der dortigen Verteidigungsstellungen. Noerdlich der Lys stieg das Gelaende allmaehlich an und erhob sich dann schaerfer zu den gewaltigen Hoehenstellungen, die bei Kemmel und Cassel ihre maechtigsten Eckpfeiler hatten. Bevor die Lys-Niederung nicht einigermassen gangbar war, liess sich an die Durchfuehrung dieses Angriffes ueberhaupt nicht denken. Ein genuegendes Trockenwerden war bei gewoehnlichen Witterungsverhaeltnissen erst gegen Mitte April mit einiger Sicherheit zu erwarten. Wir glaubten indessen den Beginn des entscheidenden Ringens im Westen nicht so lange hinausschieben zu koennen. Mussten wir doch ununterbrochen die Moeglichkeit des Eingreifens von Nordamerika im Auge behalten. Ungeachtet der gegen den Angriff vorhandenen Bedenken liessen wir das Unternehmen wenigstens theoretisch vorbereiten. An seine Verwirklichung war fuer den Fall gedacht, dass unsere Operation bei St. Quentin die gegnerische Fuehrung veranlassen wuerde, starke Kraefte von der Gruppe in Flandern wegzuziehen, um sie unserem Durchbruch entgegenzuwerfen. Dieser Fall war Ende Maerz eingetreten. Sobald sich nun uebersehen liess, dass unser Angriff in Richtung nach Westen ins Stocken kommen musste, entschlossen wir uns daher, auf unsere Operation an der Lys-Front zurueckzugreifen. Eine Anfrage bei der Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht erhielt die Antwort: Der Angriff ueber die Lys-Niederung sei dank des trockenen Vorfruehlingswetters schon jetzt moeglich. Mit ausserordentlicher Tatkraft wurde nunmehr das Unternehmen von seiten der Armeefuehrungen und Truppen gefoerdert. Am 9. April, am Jahrestage der grossen Krisis von Arras, erhoben sich aus den verschlammten Stellungen an der Lys-Front von Armentieres bis La Bassee unsere sturmbereiten Truppen. Freilich nicht in breiten Angriffswellen sondern meist in kleinen Abteilungen und in schmalsten Kolonnen wateten sie durch einen von Granaten und Minen zerwuehlten Morast, zwischen tiefen, mit Wasser gefuellten Geschosstrichtern oder auf den wenigen einigermassen festen Gelaendestreifen den feindlichen Linien entgegen. Unter dem Feuerschutz unserer Artillerie und Minenwerfer gelang trotz aller natuerlichen und kuenstlichen Hindernisse das ueberraschende Vorgehen, an das anscheinend weder die Englaender noch die zwischen ihnen eingeschobenen Portugiesen geglaubt hatten. Die portugiesischen Truppen verliessen groesstenteils in haltloser Flucht das Schlachtfeld und verzichteten endgueltig zugunsten ihrer Bundesgenossen auf die Kampfarbeit. Unsere Ausnuetzung der Ueberraschung und des portugiesischen Versagens fand freilich in dem Gelaende die groessten Schwierigkeiten; nur mit Muehe konnten einzelne Geschuetze und Munitionswagen hinter der Infanterie nach vorwaerts gebracht werden. Doch wurde die Lys am Abend erreicht, an einer Stelle ueberschritten. Die Entscheidung lag also auch diesmal in dem Kampfverlauf der naechstfolgenden Tage. Die Aussichten blieben zunaechst guenstig. Der 10. April sieht Estaires in unserer Hand; auch wird besonders in der Gegend nordwestlich Armentieres Gelaende gewonnen. Am gleichen Tage wird unser Angriff bis in die Gegend von Wytschaete ausgedehnt. Die Truemmerstaetten des wiederholt umstrittenen Messines werden von uns wieder gestuermt. Auch der naechste Tag bringt uns neue Erfolge und neue Hoffnungen. Armentieres wird vom Gegner geraeumt, Merville von uns genommen. Wir naehern uns von Sueden her der ersten Stufe zu dem maechtigen Hoehengelaende, von dem aus der Blick und die Artillerie des Gegners unsern Angriff beherrschten. Die Fortschritte werden aber von jetzt ab immer geringer. Sie hoeren am linken Fluegel in westlicher Richtung bald ganz auf und ermatten bedenklich in Richtung auf Hazebrouck. In der Mitte nehmen wir in den naechsten Tagen noch Bailleul und setzen von Sueden her den Fuss auf das Huegelgelaende. Auch Wytschaete faellt in unsere Hand. Damit erschoepft sich jedoch dieser erste Schlag. Wie Ketten hatten sich die Schwierigkeiten der Verbindungen durch die Lys-Niederung an die Bewegungen unserer vom Sueden her angreifenden Truppen gelegt. Schiessbedarf kommt in nur ungenuegenden Mengen durch, und wir sind nur dank der Beute auf dem bis jetzt eroberten Kampffelde in der Lage, unsere Truppen ausreichend zu verpflegen. In dem Ringen gegen die feindlichen Maschinengewehrnester blutet unsere Infanterie ausserordentlich, ihre Erschoepfung droht, wenn wir nicht eine Zeitlang im Angriff innehalten. Andrerseits draengt die Lage zu einer Entscheidung. Wir waren in eine jener Krisen geraten, in denen der Angriff aeusserst schwierig, die Verteidigung bedenklich wird. Nicht im Durchhalten, nur im Vorwaertskommen konnte die Befreiung aus diesem Zustande liegen. Wir muessen den Kemmelberg stuermen. Wie ein Klotz liegt dieser Berg seit Jahren vor unseren Augen. Es ist damit zu rechnen, dass ihn der Gegner zum Kernpunkt seiner flandrischen Stellung ausgebaut hat. Die Lichtbilder unserer Flieger enthuellen wohl nur einen Teil der dort vorhandenen Feinheiten der Verteidigungsanlagen. Wir hoffen aber, dass der aeussere Eindruck des Berges staerker ist als sein wirklicher taktischer Wert. Solche Erfahrungen waren von uns ja schon an anderen Angriffsobjekten gemacht worden. Kerntruppen, die am Roten-Turmpass, bei den Kaempfen in den transsylvanischen Bergen, im serbisch-albanischen Gebirge und in den oberitalienischen Alpen ihren Willen gezeigt und ihre Kraft bewaehrt hatten, duerften vielleicht auch hier das scheinbar Unmoegliche moeglich machen. Voraussetzung fuer das Gelingen unseres weiteren Angriffes in Flandern ist, die franzoesische Fuehrung zu veranlassen, den englischen Bundesgenossen die Last des dortigen Kampfes allein tragen zu lassen. Wir greifen daher zunaechst am 24. April erneut bei Villers-Bretonneux an, hoffend, dass der franzoesischen Kriegsleitung die Sorge um Amiens naeherliegen wuerde als die Hilfeleistung fuer den schwer bedraengten englischen Freund in Flandern. Aber dieser unser neuer Angriff scheitert. Dagegen bricht am 25. April die englische Verteidigung auf dem Kemmelberge auf den ersten Anhieb zusammen. Der Verlust dieser Stuetze erschuettert die ganze feindliche Flandernfront. Der Gegner beginnt aus dem Ypernbogen zu weichen, den er in monatelangem Ringen im Jahre 1917 ausgeweitet hatte. An die letzte flandrische Stadt klammert er sich jedoch wie an ein Kleinod, das er aus politischen Ruecksichten nicht verlieren will. Doch nicht bei Ypern sondern von Suedosten her, in der Angriffsrichtung auf Cassel, liegt die Entscheidung in Flandern. Gelingt es uns, in dieser Richtung vorzukommen, dann muss die ganze englisch-belgische Flandernfront ins Rollen nach Westen kommen. Wie vor einem Monat im Gedanken an Amiens, so erweitern sich auch diesmal die Hoffnungen und eilen bis an die Kueste des Kanals. Ich glaube zu fuehlen, wie ganz England mit verhaltenem Atem dem Fortgang der flandrischen Schlacht folgt. Nachdem das Riesenbollwerk, der Kemmelberg, gefallen ist, haben wir keinen Grund, vor den Schwierigkeiten der weiteren Angriffe zurueckzuweichen. Freilich kommen Nachrichten ueber das Versagen einzelner unserer Truppen. Auch werden wieder Fehler auf dem Schlachtfelde gemacht, Versaeumnisse begangen. Doch solche Fehler und Versaeumnisse liegen in der menschlichen Natur. Wer die wenigsten macht, wird Herr des Schlachtfeldes bleiben. Wir waren bis jetzt die Herren und wollen es weiter sein. Erfolge, wie der am Kemmel, reissen nicht nur die Truppe empor, die solches geleistet hat, sie beleben ganze Armeen. Also weiter vor, zunaechst wenigstens bis Cassel! Von dort aus kann das Fernfeuer unserer schwersten Geschuetze Boulogne und Calais erreichen. Beide Staedte sind vollgepfropft mit englischen Kriegsvorraeten, sie sind ausserdem die hauptsaechlichsten Ausschiffhaefen der englischen Kriegsmacht. Diese englische Kriegsmacht hat bei dem Kampf am Kemmelberge ueberraschend versagt. Gelingt es uns, hier mit ihr allein abzurechnen, dann haben wir sicherlich Aussicht auf grossen Erfolg. Trifft keine franzoesische Hilfe ein, so ist England in Flandern vielleicht verloren. Doch diese Hilfe kommt wieder in Englands aeusserster Not. Mit verbissenem Zorne gegen den Freund, der den Kemmelberg preisgegeben hat, versuchen die eintreffenden franzoesischen Truppen, uns diesen Stuetzpunkt zu entreissen. Vergeblich! Aber auch unsere letzten grossen Anstuerme gegen die neuen franzoesisch-englischen Stellungen dringen Ende April nicht mehr durch. Am 1. Mai gehen wir in Flandern zur Verteidigung ueber, oder, wie wir damals hofften, zur einstweiligen Verteidigung. Die Schlacht bei Soissons und Reims Der von uns zur Erreichung unseres grossen Zieles eingeschlagene Weg wurde auch nach Beendigung der Kaempfe in Flandern eingehalten. Wir wollen auch weiterhin "durch eng zusammenhaengende Teilschlaege das feindliche Gebaeude derartig erschuettern, dass es gelegentlich doch einmal zusammenbricht". So kennzeichnete eine damals verfasste Niederschrift unsere Absichten. Zweimal war England in aeusserster Krisis durch Frankreich gerettet worden; vielleicht gelang es uns beim dritten Male, einen endgueltigen Sieg gegen diesen Gegner zu erringen. Der Angriff auf den englischen Nordfluegel blieb auch weiterhin der leitende Gesichtspunkt fuer unsere Operationen. In der gluecklichen Durchfuehrung dieses Angriffes lag nach meiner Ansicht die Entscheidung des Krieges. Gelangten wir an die Kueste des Kanals, so beruehrten wir die Lebensadern Englands unmittelbar. Wir kamen nicht nur in die denkbar guenstigste Lage fuer Bekaempfung seiner Seeverbindungen, sondern wir vermochten von dort aus mit unseren schwersten Geschuetzen sogar einen Teil von Britanniens Suedkueste unter Feuer zu nehmen. Das geheimnisvolle Wunder der Technik, das zur Zeit aus der Gegend von Laon seine Granaten bis in die franzoesische Hauptstadt schleudert, kann auch gegen England zur Wirkung gebracht werden. Nur noch eine geringe Vergroesserung dieses Wunders ist noetig, um das Herz des englischen Handels und Staates von der Kueste bei Calais aus unter Feuer zu nehmen. Ernste Aussichten fuer Grossbritannien damals, aber auch weiter fuer alle Zukunft! Man kann solche Wunder nach Kruppschen Gedanken nunmehr ueberall bauen. Ob in ihnen Friedensgarantien oder Kriegserreger gegeben sind, muss die Zukunft entscheiden. England hat wohl in weitsichtigen Gedanken und feinem Empfinden fuer die ihm drohenden Gefahren der Zukunft dies alles schon bedacht. Vielleicht hat auch Frankreich im geheimen schon die Folgerungen daraus gezogen. Dass man ueber solches Denken Schweigen bewahrt, ist zwischen Freunden selbstverstaendlich; doch fuehlt man wohl beiderseits die Waffe in der Tasche des anderen. Fuer uns handelte es sich im Mai 1918 zunaechst darum, die beiden jetzigen Freunde in Flandern wiederum zu trennen. England ist leichter zu schlagen, wenn Frankreich fern steht. Stellen wir demnach die Franzosen vor eine Krisis an ihrer Front, dann werden sie wohl die Divisionen wegziehen, die zurzeit in Flandern in den englischen Linien verwendet sind. Moeglichste Eile ist notwendig, sonst entreisst uns der wieder gestaerkte Gegner die Vorhand. Ein gefahrvoller Einbruch in unsere nicht sehr starken Verteidigungsfronten wuerde unsere Absichten empfindlich stoeren, ja unmoeglich machen. Der Franzose ist am empfindlichsten in der Richtung auf Paris. Dort ist die politische Atmosphaere gegenwaertig ziemlich stark geladen. Unsere Granaten und Fliegerbomben haben sie zwar bisher nicht zur Entladung gebracht, doch koennen wir hoffen, dass dies gelingt, wenn wir naeher an die Stadt heranruecken. In Richtung auf Soissons steht nach allem, was wir wissen, die franzoesische Verteidigung zahlenmaessig besonders schwach, doch gerade hier im angriffsschwierigsten Gelaende. Als ich am Beginn des Jahres 1917 bei meiner ersten Anwesenheit in Laon die Terrasse der Praefektur am Suedteil der eigenartig aufgebauten Felsenstadt betrat, lag die Gegend vor mir in der vollen Klarheit eines herrlichen Vorfruehlingtages. Eingefasst zwischen zwei Huegelrahmen im Westen und Osten erstreckte sich das Landschaftsbild nach Sueden, dort abgeschlossen durch einen maechtigen Wall, den Chemin des Dames. Vor 103 Jahren hatten Preussen und Russen unter Bluechers Fuehrung nach kampfheissen Tagen suedlich der Marne die Hoehen des Chemin des Dames von Sueden her ueberschritten und sich nach dem moerderischen Gefechte bei Craonne unmittelbar bei Laon zum Kampfe gegen den Korsen gestellt. Im Ostgelaende des steilen Laoner Felsens entschied sich in der Nacht vom 9. auf den 10. Maerz 1814 der Kampf zugunsten der Verbuendeten. An den Hoehen des Chemin des Dames war die franzoesische Fruehjahrsoffensive 1917 abgeprallt. Wochenlang hatte man damals mit wechselndem Erfolg um die dortige Stellung gerungen, dann war es still geworden. Im Oktober 1917 aber wurde der rechte Schulterpunkt dieser Stellung nordoestlich Soissons vom Gegner gestuermt, und wir waren gezwungen, den Chemin des Dames zu raeumen und unsere Verteidigung hinter die Ailette zurueckzulegen. Ueber die Steilhaenge des Chemin des Dames hinueber hatten unsere Truppen nunmehr aufs neue anzugreifen. Fast noch mehr als bei den bisherigen Angriffen hing das Gelingen dieses Unternehmens von der Ueberraschung ab. War eine solche nicht moeglich, dann scheiterte unser Angriff wohl schon an den noerdlichen Steilhaengen des Hoehenrueckens. Die Ueberraschung gelang jedoch vollstaendig. Eine eigenartige Erklaerung fuer diese Tatsache moechte ich hier anfuehren. Ein Offizier, der bei den Vorbereitungen an der Ailette taetig gewesen war, vertrat die Anschauung, dass der Laerm der quakenden Froesche in den Flussarmen und feuchten Wiesengruenden so stark gewesen sei, dass er selbst das Geraeusch unserer vorfahrenden Brueckenwagen uebertoente. Mag ein anderer ueber diese Mitteilung denken, wie er will, ich moechte nur versichern, dass ich den Erzaehler vorher durch Wiedergabe von Erlebnissen aus meinem Jaegerleben nicht gereizt hatte! Eine andere mir mehr einleuchtende Erklaerung fuer das Gelingen der Verschleierung unseres Angriffs entstammt dem Munde eines gefangenen feindlichen Offiziers. Zu diesem wurde am Tage vor Beginn unseres Angriffes ein preussischer Unteroffizier gebracht, der auf Erkundung gefangen war. Auf die Frage, ob er etwas ueber einen deutschen Angriff sagen koennte, gab dieser folgende Auskunft: "In den fruehesten Morgenstunden des 27. Mai wird ein maechtiges deutsches Artilleriefeuer losbrechen. Es dient aber nur Taeuschungszwecken, denn der anschliessende deutsche Infanterieangriff wird nur von wenigen Freiwilligenabteilungen ausgefuehrt werden. Die Moral der deutschen Truppen ist durch die furchtbaren Verluste bei St. Quentin und in Flandern so erschuettert, dass sich die Infanterie einem allgemeinen Angriffsbefehl offen widersetzt hat". Der Offizier gab offen zu, dass ihm diese Angaben den Eindruck voller Glaubwuerdigkeit gemacht haetten, und dass er deswegen am 27. Mai in voller Ruhe den Verlauf der Dinge abwarten zu koennen glaubte. Vielleicht kommen diese meine Erinnerungen dem braven deutschen Soldaten zur Kenntnis. Ich druecke ihm in Gedanken die Hand und danke ihm im Namen des ganzen Heeres, dem er einen so unschaetzbaren Dienst erwies, und im Namen von vielen Hunderten, ja vielleicht Tausenden braver Kameraden, deren Leben er durch seine Geistesgegenwart erhalten hat. Die Taeuschung des feindlichen Offiziers haette uebrigens nicht so gelingen koennen, wenn nicht die feindliche Propaganda durch die sinnlose Uebertreibung unserer bisherigen Verluste einen guenstigen Boden fuer die Glaubwuerdigkeit der Angaben des preussischen Unteroffiziers vorbereitet haette. So raechen sich hier und da propagandistische Unwahrheiten und Uebertreibungen. Die Schlacht begann am 27. Mai. Sie nahm einen glaenzenden Verlauf. Wir hatten urspruenglich damit rechnen zu muessen geglaubt, dass unser Angriff an der Linie der Aisne-Vesle zum Halten kommen wuerde, und wollten dann ueber diese Abschnitte hinaus nicht weiter vordringen. Wir waren daher nicht wenig ueberrascht, als wir schon am Nachmittage des ersten Schlachttages die Meldung erhielten, dass die deutschen Schrapnellwolken bereits auf dem Suedufer der Aisne liegen, und dass unsere Infanterie dorthin noch am gleichen Tage vorgehen wollte. Die Mitte unseres vollen taktischen Durchbruches erreichte in wenigen Tagen die Marne von Chateau-Thierry bis Dormans. Unsere Fluegel schwenkten nach Westen gegen Villers-Cotterets und nach Osten gegen Reims und das Hoehengelaende suedlich dieser Stadt ein. Die Beute war ungeheuer, das ganze Aufmarschgebiet der franzoesischen Fruehjahrsoffensive von 1917 mit seinen noch vorhandenen reichen Vorraeten aller Art war in unserem Besitz. Die Anlage neuer Strassen, Lagerbauten fuer viele Tausende von Mannschaften und anderes legten Zeugnis davon ab, in welch grosszuegiger Weise der Franzose damals seine Angriffe in mehrmonatiger Arbeit vorbereitet hatte. Wir hatten die Sache kuerzer gemacht! In diesen Tagen sah ich gelegentlich eines Besuches der Schlachtfelder Laon wieder. Wie hatte sich in der Zeit seit Winter 1917 der damals fast friedliche Charakter des dortigen Lebens gewandelt. Wenige Tage, nachdem unsere groessten Geschuetze aus den Waldungen bei Crepy, westlich Laon, das Feuer gegen Paris eroeffnet hatten, begannen naemlich feindliche Batterien aus dem Tale der Aisne das Feuer gegen die unglueckliche Stadt. Ich moechte damit nicht behaupten, dass die Gegner gegen das eigene Fleisch und Blut wueteten ohne verstaendlichen militaerischen Zweck. Sie nahmen wohl an, dass die Munitionszufuhr zu unseren Paris so laestigen Batterien ueber Laon gehen wuerde, ein begreiflicher Irrtum. Bei dem Feuer auf den Bahnhof fiel eine grosse Anzahl schwerer Geschosse in die noch dicht bevoelkerte Stadt, auch warfen nunmehr feindliche Flieger zu jeder Tageszeit Bomben dort nieder. Wer von den hart heimgesuchten Einwohnern sich von der mit Vernichtung bedrohten Heimstaette nicht losreissen konnte, musste in Kellern oder Erdraeumen leben, ein Bild unsagbaren Massenelends, wie wir es freilich aus aehnlichen Gruenden auch an anderen Stellen hinter unseren westlichen Verteidigungsfronten mit ansehen mussten, ohne etwas daran aendern zu koennen. Am ersten Angriffstage waren die feindlichen Fernfeuergeschuetze am Aisne-Tal erobert worden, und damit hatte die Beschiessung Laons ein Ende genommen. Ein Zugehoeriger dieser Batterien wurde gefangen durch die Stadt gefuehrt. Hier stellte er die Bitte, die beschossenen Haeuserviertel besuchen zu duerfen, da ihn die Lage der Schuesse seiner Geschuetze interessiere. Welch ueberraschender Tiefstand eines durch den Krieg versteinerten Herzens! Der Krieg wirkte freilich nicht immer derartig; auch bei unseren Gegnern fanden sich weiche Herzen nach hartem Maennerkampfe. Von den mir erzaehlten Beispielen moechte ich nur eines verzeichnen: Es war am 21. Maerz in dem noch immer mit schwerem englischen Feuer belegten St. Quentin. Dort stauen sich in den zerschossenen Strassen deutsche Kolonnen. Feindliche Gefangene, aus dem Kampfe kommend und Verwundete tragend, werden zum Halten gezwungen. Sie legen ihre Buerde nieder. Da hebt ein schwer verwundeter deutscher Soldat, dem Tode naeher als dem Leben, den ermattenden Arm suchend und stoehnt zu dem sich niederbeugenden Traeger: "Mutter, Mutter." Das englische Ohr versteht den deutschen Laut. Der Tommy kniet nieder an der Seite des Grenadiers, streichelt die erkaltende Hand und sagt: "_Mother, yes, mother is here!_" Auch ich selbst sah auf diesen Schlachtfeldern Bilder tiefen menschlichen Fuehlens. So wanderte ich Ende Mai an der Seite eines deutschen Generals ueber die kurz vorher erstuermten Hoehen westlich Craonne. Bei jedem der noch nicht bestatteten gegnerischen Gefallenen bueckt er sich und bedeckt das noch entbloesste Gesicht, eine Huldigung an die Majestaet des Todes. Er sorgt aber auch fuer lebende Feinde, labt aus eigenen Mitteln einige aus Schwaeche zurueckgebliebene Verwundete und veranlasst ihren bequemen Transport. Auch schon frueher hatte ich Gelegenheit, in das wahre Menschentum dieses Deutschen zu blicken. In den Maerztagen des Jahres fahre ich in der Gegend von St. Quentin an seiner Seite an Kolonnen gegnerischer Gefangener entlang, die sein ernstes Auge in tiefen Gedanken betrachtet. An der Spitze einer dieser Kolonnen laesst er Halt machen und spricht den dort vereinigten feindlichen Offizieren die Anerkennung fuer die tapfere Haltung ihrer Truppen aus, sie mit dem Hinweis troestend, dass das haerteste Los, das der Gefangenenschaft, oft den trifft, der am tapfersten ausgeharrt hat. Die Wirkung dieser Worte scheint gross. Am groessten bei einem jungen hochgewachsenen Offizier, der augenscheinlich schwer beruehrt bisher den Kopf wie aus Scham zu Boden senkte. Jetzt erhebt sich die schlanke Gestalt, wie die junge Tanne vom Schneedruck befreit, und ihr dankbarer Blick trifft das Auge - meines Kaisers. Zur Erweiterung unserer Erfolge hatten wir noch waehrend der Kaempfe in dem bis zur Marne aufspringenden Bogen den rechten Fluegel unseres Angriffes nach Westen hin bis zur Oise ausgedehnt. Der Angriff gelang nur unvollstaendig. Ein Angriff, den wir aus der Linie Montdidier-Noyon am 9. Juni in Richtung Compiegne fuehrten, drang nur bis halbwegs dieser Stadt vor. Auch unsere Versuche in der Richtung auf Villers-Cotterets gelangten zu keinem groesseren Ergebnis. Wir mussten uns davon ueberzeugen, dass wir in der Gegend von Compiegne-Villers-Cotterets die Hauptkraefte des feindlichen Widerstandes vor uns hatten, den zu brechen wir die Kraefte nicht besassen. Zusammenfassend moechte ich meine Bemerkungen ueber die Schlacht von Soissons-Reims damit schliessen, dass uns die Kaempfe viel weiter gefuehrt hatten, als es urspruenglich beabsichtigt war. Auch hier hatten sich aus unerwarteten Erfolgen neue Hoffnungen und neue Ziele ergeben. Dass diese schliesslich nicht voll erreicht wurden, lag in der allmaehlichen Erschoepfung der eingesetzten Kraefte begruendet. Unseren allgemeinen Absichten entsprach es jedoch nicht, noch mehr Divisionen fuer die Operation in der Marnegegend einzusetzen. Unsere Blicke richteten sich ununterbrochen nach Flandern. Rueckblick und Ausblick Ende Juni 1918 Das von uns in den drei grossen Schlachten Erreichte stellte vom kriegerischen Gesichtspunkte aus alles in den Schatten, was seit dem Herbste 1914 im Westen im Angriffskampfe geleistet worden war. Aus dem Gelaendegewinn, den Beutezahlen, den schweren blutigen Verlusten des Gegners sprach mit aller Deutlichkeit die Groesse der deutschen Erfolge. Wir hatten das Gefuege des feindlichen Widerstandes bis in seine Grundfesten erschuettert. Unsere Truppen hatten sich den grossen Anforderungen, die wir an sie stellten, voll gewachsen gezeigt. In den wochenlangen Angriffskaempfen hatte der deutsche Soldat bewiesen, dass der alte Geist durch die jahrelangen Verteidigungskaempfe nicht erstickt war, sondern sich unter dem Worte "Vorwaerts" bis zu der Hoehe des seelischen Schwunges des Jahres 1914 emporgehoben hatte. Der Sturmdrang unserer Infanterie hatte seine Wirkung auf den Gegner nicht verfehlt: "_What an admirable and gallant infanterie you have_", so sprach ein feindlicher Offizier sich gegenueber einem meiner Generalstabsoffiziere aus. Im engsten Anschluss an diese Infanterie hatten ihre Schwesterwaffen in allen Gefechtslagen in vorderster Linie gestanden. Ein maechtiger Einheitszug war durch das Ganze hindurch gegangen, durchgreifend bis zum letzten Mann am hintersten Munitionswagen. Wie hatten sie alle vorwaerts gestrebt, um teilzuhaben, mitzuwirken und mitzufuehlen an dem grossen Geschehen! Wie oft loeste sich da ein freudiger Jubel, ein erhebendes Singen, ein lautes dankbares Gebet. Auch ich hatte auf den Schlachtfeldern von jenem Geiste wieder genossen, der mich wie ein Herueberwehen aus meiner laengst vergangenen militaerischen Jugendzeit anmutete. Ein Menschenalter lag dazwischen, aber das Menschenherz, der deutsche Soldatengeist war unveraendert geblieben. So hatten unsere braven Jungens im alten blauen Rock in den Biwaks von Koeniggraetz und Sedan gesprochen und gesungen, wie die Feldgrauen jetzt wieder sprachen und sangen in den grossen Kaempfen um Dasein und Vaterland, fuer Kaiser und Reich. Aber all das, was geleistet worden war, hatte bisher nicht ausgereicht, den Gegner militaerisch und politisch in das Lebensmark zu treffen. Auf der gegnerischen Seite zeigte sich keine Spur von Nachgiebigkeit. Nach aussen hin schien im Gegenteil jede militaerische Niederlage den Vernichtungswillen des Feindes nur noch zu verstaerken. Dieser Eindruck wurde auch nicht dadurch abgeschwaecht, dass ab und zu im gegnerischen Lager Stimmen zur Maessigung rieten. Der diktatorische Druck der uns feindlichen Staatsgebaeude war im grossen und ganzen nirgends gelockert. Wie mit eisernen Klammern hielt er den Willen und die Kraft der Voelker zusammen und machte in mehr oder minder ausgesprochen gewaltsamer Form alle diejenigen unschaedlich, die in andrer Richtung zu denken wagten, als die jetzigen tyrannischen Machthaber. In dem Wirken dieser Gewalten lag fuer mich etwas sehr Eindrucksvolles. Sie stuetzten ihre eigenen Hoffnungen und verwiesen ihre Voelker in erster Linie auf das allmaehliche Ermatten unserer Kraft. Diese musste sich nach ihrer Anschauung allmaehlich verbrauchen. Der Hunger in der deutschen Heimat, der Kampf an der Front, das Gift der Propaganda, Bestechungsgelder, Flugschriften, innere staatliche Kaempfe hatten uns bisher nicht zu Fall zu bringen vermocht. Jetzt wurde ein neuer Faktor wirksam: die amerikanische Hilfe. Wir hatten ihre ersten kampfgeschulten Truppen bei Chateau-Thierry kennen gelernt. Sie traten uns dort entgegen, noch ungelenk aber von kraeftigem Willen gefuehrt. Sie wirkten auf unsere schwachen Verbaende ueberraschend durch ihre zahlenmaessige Ueberlegenheit. Mit dem Eingreifen der Amerikaner auf dem Schlachtfelde waren die so lange gehegten franzoesischen und englischen Hoffnungen endlich erfuellt. War es da ein Wunder, wenn die feindlichen Staatsmaenner jetzt weniger als je an einen friedlichen Ausgleich mit uns dachten? Die Vernichtung unseres staatlichen und wirtschaftlichen Daseins war von ihrer Seite seit langem beschlossen, mochten sie diese Absicht auch hinter fadenscheinigen, milden und sophistischen Redensarten verbergen wollen. Sie wandten solche Phrasen nur an, wenn diese ihren propagandistischen Zwecken entsprachen, sei es, um ihren eigenen Voelkern die auferlegte Blutsteuer ertraeglich erscheinen zu lassen, sei es, um die Kampflust unseres Volkes zu zermuerben. So war ein Ende des Krieges fuer uns nicht abzusehen. Mitte des Monats Juni hatte die allgemeine militaerische Lage fuer den Vierbund eine wesentliche Verschlechterung erfahren: Nach erfolgverheissenden Anfaengen war der Angriff Oesterreich-Ungarns in Italien gescheitert. Wenn auch unser dortiger Gegner nicht die Kraft besass, aus dem Misslingen des oesterreichisch-ungarischen Unternehmens groesseren Vorteil zu ziehen, so war doch das Scheitern des Angriffs von Folgen begleitet, die schlimmer waren, als sie aus einem Unterlassen des Angriffs haetten entstehen koennen. Das Missgeschick unseres Bundesgenossen war ein Unglueck auch fuer uns. Der Gegner wusste so gut wie wir, dass Oesterreich-Ungarn mit diesem Angriff seine letzten Gewichte in die Wagschale des Krieges geworfen hatte. Von jetzt ab hoerte die Donaumonarchie auf, eine Gefahr fuer Italien zu bedeuten. Ich glaubte, damit rechnen zu muessen, dass Italien sich nunmehr dem Draengen seiner Verbuendeten nicht mehr entziehen koennte und auch seinerseits Kraefte auf den alles entscheidenden westlichen Kriegsschauplatz werfen wuerde, nicht nur, um die feindliche politische Einheitsfront zu beweisen, sondern auch um bei den weiteren Kaempfen eine wirkungsvolle Rolle zu spielen. Sollte nicht auch diese neue Last auf unsere Schultern allein fallen, so mussten wir oesterreichisch-ungarische Divisionen an unsere Westfront heranzuholen versuchen. Das war der fuer uns massgebende Grund fuer das Ersuchen um nunmehrige unmittelbare oesterreichisch-ungarische Unterstuetzung. Grosse Wirkung konnten wir uns von dieser Unterstuetzung allerdings zunaechst nicht versprechen. Die Entscheidung ueber die Geschicke des gesamten Vierbundes hing jetzt mehr als je ab von Deutschlands Kraft. Die Frage war also, ob diese noch ausreichen wuerde, um ein siegreiches Ende des Krieges zu erzwingen. Ich habe weiter oben von den glaenzenden Leistungen unserer Truppen gesprochen; zur Beantwortung dieser Frage wende ich mich jetzt zu anderen, ernsteren Seiten: Bei aller Liebe und Anerkennung fuer unsere Soldaten durften wir doch die Augen vor den sich im Laufe des langen Krieges ergebenden Maengeln in dem Gefuege unserer Armee nicht verschliessen. Das Fehlen einer genuegenden Zahl langgeschulter Fuehrer der unteren Dienstgrade hatte sich bei unsern grossen Angriffsschlachten sehr fuehlbar gemacht. Die Gefechtsdisziplin war ab und zu bedenklich gelockert. Es war an sich verstaendlich, dass der Soldat sich inmitten der erbeuteten reichen Bestaende gegnerischer Depots dem Genusse lang entbehrter Lebens- und Genussmittel hingab. Aber es haette verhindert werden muessen, dass er sich auf diese Genuesse zur Unzeit stuerzte und dabei seine augenblickliche Pflicht vernachlaessigte. Ganz abgesehen von den aufloesenden Wirkungen derartigen Verhaltens auf den Geist der Truppe trat auch die Gefahr ein, dass uns guenstige Gefechtslagen ungenutzt verstrichen und sich wiederholt in das Gegenteil verwandelten. Die Kaempfe hatten weitere schwere, unausfuellbare Luecken in unsere Truppen gerissen. So manche Infanterie-Regimenter bedurften eines voellig neuen Aufbaues. Die Bausteine hierfuer waren dem alten Material moralisch meist nicht mehr gleichwertig. Die Schwaechen der heimatlichen Verhaeltnisse spiegelten sich vielfach in den Stimmungen wieder, die den ins Feld nachkommenden Ersatz durchdrangen. Unter dem Einfluss unserer kriegerischen Erfolge hatte sich zwar die Stimmung der Heimat in weiten Kreisen maechtig gehoben. Man folgte den Nachrichten aus dem Felde mit groesster Spannung und hoffte auf ein baldiges, glueckliches Ende des schweren Ringens. Hunger, Opfer, Sorge schienen nicht umsonst gewesen zu sein, und manches wurde vergessen, manches wurde auch weiter mannhaft ertragen, wenn nur ein gluecklicher Schluss des ungeheuern Duldens in greifbare Naehe gerueckt blieb. So bewirkten die Erfolge des Heeres vieles, was die politische Fuehrung versaeumte. Aber das vaterlandslose Empfinden einzelner Teile des deutschen Volkes, die von durch Eigennutz und Selbstsucht entarteten politischen Ideenrichtungen durchtraenkt waren, die bei ihrer Nervenzerruettung und sittlichen Verderbnis im Siege des Gegners das Glueck und den Frieden des Vaterlandes sahen, und die das Gute ausschliesslich im feindlichen Lager, das Boese ebenso ausschliesslich im eigenen Lande suchten und zu finden glaubten, bildete den Ausstrahlungspunkt fuer die Zersetzung, die unsern ganzen Volkskoerper verderben wollte. Wahrlich, Trotzki schien in Brest-Litowsk nicht in den Wind gesprochen zu haben. Seine politischen Irrlehren drangen ueber unsere Grenzpfaehle und fanden zahlreiche Anbeter in allen Berufsklassen und aus den verschiedensten Beweggruenden. Die feindliche Propaganda setzte ihre Einwirkung offen und im geheimen fort. Sie warf sich mit wechselnder Staerke auf alle Gebiete unseres Lebens. So drohte das Schwinden der Widerstandskraft in unserm Volk und Heer sich mit dem Vernichtungswillen des Gegners zu unserm Verderben zu verbinden. Kriegerische Erfolge schienen allein einen Ausweg aus dieser schweren Lage geben zu koennen. Mit ihrer Hilfe zu einem gluecklichen Ende zu kommen, war nicht nur mein bestimmter Wille, sondern auch meine sichere Hoffnung. Vorbedingung fuer solche Erfolge war, dass wir die Vorhand nicht verloren, das heisst im Angriff blieben. Wir gerieten sofort unter den Hammer, wenn wir ihn selbst aus der Hand gaben. Wir konnten uns durchkaempfen, wenn nur die Heimat uns weiter die koerperlichen und sittlichen Kraefte gab, ueber die sie noch verfuegte, wenn sie nicht den Mut und den Glauben an unsern Endsieg verlor, und wenn die Bundesgenossen nicht versagten. In diesen Gedanken und Empfindungen trat ich an die Fortfuehrung unseres bisherigen Gesamtplanes heran. Im Angriff gescheitert Der Plan zur Schlacht bei Reims Die Lage im Marnebogen nach dem Abschluss der Junikaempfe machte den Eindruck eines unvollendeten, nicht abgeschlossenen Werkes. So wie wir von Mitte Juni ab in diesem Bogen standen, konnten wir auf die Dauer nicht stehen bleiben. Die Zufuhrverhaeltnisse in den gewaltigen Halbkreis hinein waren mangelhaft. Sie genuegten knapp fuer den Zustand verhaeltnismaessiger Kampfruhe, drohten aber fuer den Fall eines ausbrechenden, laenger dauernden Grosskampfes bedenklich zu werden. Wir hatten nur eine, noch dazu wenig leistungsfaehige Bahnlinie als hauptsaechlichste Zufuhrstrasse fuer unsere grossen Truppenmassen auf dem im Verhaeltnis zu deren Staerke engen Raum zur Verfuegung. Dazu kam, dass der vorspringende Bogen den Gegner geradezu zu allseitigen Angriffen reizen musste. Die gruendliche Besserung der Versorgungsverhaeltnisse sowie der taktischen Lage war nur moeglich, wenn wir Reims in unseren Besitz brachten. Die Wegnahme dieser Stadt war im Zusammenhang mit den Mai-Junikaempfen nicht gelungen. Wir hatten damals unser Schwergewicht hauptsaechlich in westliche Richtung verlegt. Der Gewinn von Reims musste jetzt Aufgabe einer besonderen Operation werden. Die dadurch notwendige Schlacht fuegte sich aber auch in den Rahmen unserer gesamten Plaene ein. An frueherer Stelle habe ich schon betont, dass es nach Abbruch der Lys-Schlacht unser Ziel blieb, dem Englaender in Flandern nochmals einen entscheidenden Schlag zu versetzen. Unser Angriff bei Soissons hatte diesem Gedanken gedient, indem wir dadurch die gegnerische Oberste Fuehrung veranlassen wollten, den Englaendern in Flandern die franzoesischen Stuetzen wieder zu entziehen. Die Vorbereitungen fuer die neue Flandernschlacht waren in der Zwischenzeit fortgesetzt worden. Waehrend der Arbeiten an den zukuenftigen Angriffsfronten lagen unsere fuer die Durchfuehrung bestimmten Divisionen in Belgien und im noerdlichen Frankreich zur Erholung und Ausbildung in Unterkunft. Ich befuerchtete von englischer Seite einstweilen keine angriffsweisen Gegenmassregeln. Hatte auch der groesste Teil des englischen Heeres nunmehr seit Monaten Gelegenheit zur Wiederherstellung seiner schwer erschuetterten Kampfbrauchbarkeit gehabt, so schien es doch angesichts unserer drohenden Stellung in Flandern nicht wahrscheinlich, dass der Englaender zum Angriff uebergehen wuerde. Auf Grund unserer bisherigen Erfahrungen hoffte ich, dass wir mit den englischen Hauptkraeften in Flandern fertig werden wuerden, wenn es uns nur gelang, den Franzosen von dem dortigen Schlachtfeld dauernd fernzuhalten. Die Erneuerung unserer Angriffe bei Reims sollte also auch jetzt unserem groesseren und weiteren Zwecke, naemlich dem entscheidenden Kampf gegen die Masse des englischen Heeres, dienen. Die Lage an der franzoesischen Front zeigte Anfang Juli ungefaehr folgendes Bild: die Hauptmasse der Reserven des Generals Foch stand in der Gegend Compiegne-Villers-Cotterets. Sie befanden sich dort in einer strategisch sehr guenstigen Aufstellung. Sie waren einerseits bereit, einer Fortsetzung unserer Angriffe in Richtung auf die beiden eben genannten Staedte entgegenzutreten, und konnten andrerseits dank der ausserordentlich guenstigen Bahnverbindungen von ihrem jetzigen Aufstellungsraume rasch an jeden Teil der franzoesischen und englischen Front verschoben werden. Der Uebergang Fochs zu einer grossen Offensive schien mir vor dem Eintreffen starker amerikanischer Kraefte wenig wahrscheinlich, es sei denn, dass Foch zu einer solchen Offensive durch besonders guenstige oder zwingende Verhaeltnisse veranlasst wurde. Suedlich der Marne standen anscheinend keine sehr starken feindlichen Kraefte. Bei Reims und im Berggelaende suedlich davon befand sich dagegen zweifellos eine grosse gegnerische Kampfgruppe, die, abgesehen von Franzosen, auch aus Englaendern und Italienern gebildet war. An den uebrigen franzoesischen Fronten hatten sich die Verhaeltnisse im Vergleich mit der Zeit unserer Fruehjahrsangriffe nicht wesentlich veraendert. Mit dem staendigen Wechsel zwischen Stellungstruppen und verbrauchten Kampfdivisionen aenderte sich die Gesamtlage an diesen Fronten nicht wesentlich. Ueber das Eintreffen der amerikanischen Hilfe war eine erschoepfende Klarheit nicht gewonnen. Offenkundig aber war, dass die amerikanischen Massen sich nunmehr ununterbrochen nach Frankreich ergossen. Unsere Unterseeboote waren nicht imstande, diese Bewegungen zu verhindern oder abzuschwaechen, ebenso wenig wie ihre bisherige Wirkung ausgereicht hatte, den gegnerischen Schiffsraum derartig zu verringern, dass ein solcher Massentransport ueberhaupt nicht in Frage gekommen waere. Die Gegner stellten nunmehr angesichts der unbedingten Notwendigkeit einer raschen und umfassenden militaerischen Hilfe fuer Frankreich und England alle Ruecksichten auf Lebensmittelversorgung und Wirtschaftsbeduerfnisse ihrer Laender zurueck. Wir mussten uns mit dieser Tatsache abzufinden suchen. Brachten wir den beabsichtigten Angriff bei Reims in engen operativen Zusammenhang mit unsern Plaenen in Flandern, so blieb die Frage zu entscheiden, welche Ausdehnungen wir den Kaempfen bei Reims geben wollten und mussten. Wir hatten urspruenglich die Absicht, uns mit der Wegnahme der Stadt zu begnuegen. Ueber den Besitz von Reims entschied die Beherrschung des Huegelgelaendes zwischen Epernay und Reims. In der Wegnahme dieses Huegellandes lag somit das Schwergewicht unseres Angriffes. Zur Erleichterung unseres dortigen Vorgehens, das heisst zur Ausschaltung einer etwaigen flankierenden Wirkung des Gegners vom suedlichen Marneufer her, sollten staerkere Kraefte beiderseits Dormans auf das Suedufer dieses Flusses vorstossen und dann auch dort gegen Epernay vorgehen. Der Flussuebergang angesichts eines kampfbereiten Gegners war zweifellos ein kuehnes Unternehmen. In Anbetracht unserer immer wiederholten Erfahrungen bei den verschiedenen Fluss- und Stromuebergaengen hielten wir jedoch auch in diesem Falle ein solches Vorgehen nicht fuer zu bedenklich. Die Hauptschwierigkeiten lagen nicht in der unmittelbaren Bewaeltigung des Flussabschnittes sondern in der Fortfuehrung des Kampfes jenseits des Hindernisses. Die Nachfuehrung der Artillerie und aller Kampf- und Lebensbeduerfnisse fuer die Angriffstruppen war auf Kriegsbruecken angewiesen, die naturgemaess dankbare Ziele fuer das artilleristische Fernfeuer und fuer die Fliegerangriffe des Gegners boten. Ueber die anfaengliche Beschraenkung unseres Kampfes lediglich auf den Besitz von Reims hinaus erhielt unser Plan im Verlaufe verschiedener Besprechungen eine Ausdehnung nach Osten bis tief in die Champagne hinein. Die Anregung hierzu entstand einerseits aus unserer Absicht, Reims auch im Suedosten abzuschnueren, andererseits glaubten wir nach den letzten Erfahrungen unseren Angriff vielleicht bis Chalons-sur-Marne vortreiben zu koennen, verlockt durch die Aussichten auf grosse Beute an Gefangenen und Kriegsbeduerfnissen, wenn das Unternehmen in diesem Umfange gelang. Wir nahmen damit allerdings die Gefahr in Kauf, zugunsten einer grossen Angriffsbreite unsere Kraft an den entscheidenden Stellen zu schwaechen. An dem baldigen Beginn unserer neuen Operation hatten wir natuerlich ein grosses Interesse. Angesichts der eintreffenden amerikanischen Verstaerkungen arbeitete die Zeit nicht fuer sondern gegen uns. Das richtige Ausmass zwischen der Notwendigkeit der Vorbereitungen und der Forderung der gesamten Kriegslage zu finden, war unsere ganz besondere Aufgabe und wahrlich nicht der leichteste Teil unserer Entscheidungen. Ganz abgesehen von den rein taktischen Vorbereitungen, wie zum Beispiel dem Heranbringen und Vorfuehren der Kampfmittel an die Angriffsstellen, durften wir bei allem Draengen der Gesamtlage nicht uebersehen, welche Schwierigkeiten die jedesmalige Auffrischung unserer Truppen fuer neue Kampfaufgaben in sich schloss. So konnten wir in vorliegendem Falle den Angriff erst am 15. Juli beginnen lassen. Die Schlacht bei Reims In den ersten Tagesstunden des 15. Juli beginnt unsere tausendstimmige Artillerie an der neuen Angriffsfront ihre Schlachtweise zu spielen. Gleichzeitig wird es an der Marne auf unserer Seite lebendig. Die Gegenwirkung des Feindes ist anfangs nicht besonders lebhaft, nimmt aber allmaehlich zu. Wir hatten keinerlei Anzeichen fuer eine Verstaerkung der gegnerischen Front oder fuer besondere Abwehrmassregeln des Feindes bemerkt. Unserer Infanterie gelingt es, auf das suedliche Marneufer ueberzusetzen. Feindliche Maschinengewehrnester werden ausgehoben, die Hoehen jenseits des Flusses erstiegen, Geschuetze erobert. Die Nachricht von diesen ersten Vorgaengen erreicht uns in Avesnes schon sehr fruehzeitig. Sie loest die begreifliche Spannung und verstaerkt unsere Hoffnung. Wie an der Marne, so entbrennt der Kampf im weiten Umkreis auch um Reims, ohne sich freilich gegen diese Stadt und deren unmittelbare Umgegend zu richten, sollte die Stadt doch durch beiderseitige Abschnuerung zu Fall gebracht werden. In der Champagne, bis gegen die Argonnen hin, wird das erste gegnerische Verteidigungssystem durch unsere Artillerie und Minenwerfer zertruemmert. Hinter den vorderen Linien des Feindes befindet sich aus den frueheren Kaempfen noch ein ausgedehntes Grabengewirr. Niemand kann angeben, ob oder welche Teile davon besetzt sind. Der Gegner besitzt in ihnen jedenfalls zahllose Stuetzpunkte, und es bedarf kaum einer besonderen Arbeit, um diese wieder verteidigungsfaehig zu machen und neue veraenderte Verteidigungsmoeglichkeiten zu schaffen. Andererseits scheint der Gegner hier in der Champagne nach den ersten Eindruecken am wenigsten auf Widerstand vorbereitet zu sein. Seine Artillerie antwortet nicht sehr stark, sie steht augenscheinlich ziemlich locker und in auffallend tiefer Gruppierung. Nach Zusammenfassung unserer schweren Feuerkraft auf die erste feindliche Stellung beginnt, wie in unseren bisherigen Angriffskaempfen, diese zusammengeballte Wetterwolke ihren verderbenbringenden Marsch ueber die gegnerische Verteidigung. Unsere Infanterie folgt ihr. Die erste feindliche Stellung wird auf der ganzen Linie nahezu widerstandslos gestuermt, dann will man den Angriff fortsetzen. Als aber unsere Feuerwalze die weiteren Sturmziele verlaesst, um sie der Infanterie freizugeben, da erhebt sich unerwartet heftiger feindlicher Widerstand. Die Artillerie des Gegners beginnt ihr Feuer aufs aeusserste zu steigern. Unsere Truppen versuchen trotzdem, vorwaerts zu kommen. Vergeblich! Die Begleitbatterien werden herangeholt. Geschuetzweise und von Menschen gezogen treffen sie ein, denn in dem Trichterfelde versagen groesstenteils die Pferde. Kaum sind die Geschuetze in Stellung gebracht, so liegen sie auch schon zertruemmert am Boden. Der Gegner hat offensichtlich die Hauptabwehr in die zweite Stellung verlegt. Unser wirkungsvollstes Vorbereitungsfeuer war meistenteils ohne Nutzen verpufft. Ein neues feindliches Verteidigungsverfahren ist der vernichtenden Gewalt unserer artilleristischen Massenwirkung gegenueber angeordnet und angewendet worden auf Grund begangenen deutschen Verrates, wie der Gegner spaeter selbst der ganzen Welt jubelnd verkuendet. Die Kampfverhaeltnisse in der Champagne bleiben bis zum Abend des ersten Tages unveraendert. Einen guenstigeren Verlauf nehmen unsere Kaempfe suedwestlich Reims und beiderseits der Marne. Suedlich des Flusses dringt unsere Infanterie auf fast eine Wegstunde vorwaerts, mit dem Hauptdruck laengs des Flusses in Richtung auf Epernay. Ein Drittel der Strecke dorthin wird bis zum Abend in erbittertem Kampfe zurueckgelegt. Auch noerdlich des Flusses ist unser Angriff im Vorschreiten. Maechtiger wie die Kalkhaenge des Chemin des Dames erhebt sich hier das Reimser Berggelaende, von tiefen Schluchten zerklueftete Hoehen, deren flachgewoelbte Kuppen grossenteils von dichtem Walde bestanden sind. Das ganze Gelaende ist fuer zaeheste Verteidigung hervorragend geeignet, da es dem Angreifer im hoechsten Grade eine Zusammenfassung seiner artilleristischen Kraefte auf ausgesprochene Ziele erschwert. Trotzdem kommt unsere Infanterie vorwaerts. Sie trifft hier zum ersten Male an der Westfront auf italienische Truppen, die sich anscheinend auf franzoesischem Boden mit geringer Begeisterung schlagen. Am Abend des 15. Juli haben wir auf der gesamten Angriffsfront etwa 50 Geschuetze erbeutet. 14.000 Gefangene werden gemeldet. Das Ergebnis entspricht freilich nicht unseren hoeheren Hoffnungen. Doch erwarten wir mehr von dem folgenden Tag. Der Vormittag des 16. Juli verlaeuft in der Champagne, ohne dass unsere Truppen noch irgendwo merklich vorwaerts kommen. Wir stehen vor der schweren Frage, hier den Kampf abzubrechen oder mit der ohnehin nicht sehr tief gegliederten Angriffskraft die weitere Entscheidung zu versuchen. Die Gefahr besteht, dass die Truppe sich umsonst verblutet, oder dass sie selbst im guenstigen Falle so schwere Verluste erleidet, dass sie kaum mehr befaehigt sein wird, die errungenen Vorteile gruendlichst auszunutzen. Das Ziel Chalons ist also in unsichere Ferne gerueckt. Aus diesen Gruenden gebe ich meine Zustimmung zum Uebergang in die Verteidigung an dieser Stelle. Dagegen bleibt es bei der Fortfuehrung unserer Angriffe suedlich der Marne und in dem Reimser Berggelaende. Jenseits des Flusses werden wir aber im Verlauf des Tages immer mehr und mehr in die Verteidigung gezwungen. Der Feind wirft uns starke Kraefte im Angriff entgegen. Dicht beiderseits des Flusses, in Richtung Epernay, gewinnen wir dagegen noch weiter Boden. Wir stehen am Abend des Tages etwa halbwegs der Stadt, 10 km von ihr entfernt. Auch im Berggelaende naehern wir uns der Strasse Epernay-Reims trotz verzweifelter Gegenstoesse des Feindes mehr und mehr. Das Schicksal von Reims scheint an einem Faden zu haengen. Wenngleich die uebrige Operation jetzt schon als gescheitert angesehen werden muss, so soll doch wenigstens Reims fallen. Die Stadt ist ein bedeutendes militaerisches Wertobjekt fuer uns, das den Einsatz lohnt; ihr Gewinn bleibt vielleicht nicht ohne tiefen Eindruck auf den Gegner. Am 17. Juli verstummt der Kampf in der Champagne. Suedlich der Marne beginnen die Verhaeltnisse sich mehr und mehr zu unsern Ungunsten zu gestalten. Wir behaupten zwar das gewonnene Gelaende gegen erbitterte feindliche Angriffe, aber unsere Aufstellung ist dem Fluss so nahe, hat also so wenig Tiefe, dass jeder Rueckschlag zum Verhaengnis werden kann. Hinzu kommt, dass die Kriegsbruecken ueber die Marne durch das Fernfeuer feindlicher Artillerie und durch franzoesische Fliegerbomben immer mehr gefaehrdet werden. Wir muessen also wieder nach Norden zurueck, da wir nach Sueden keinen weiteren Raum mehr gewinnen koennen. Ich ordne daher das Zuruecknehmen der Truppen auf das noerdliche Marne-Ufer an, so schwer es mir wird. In der Nacht vom 20. zum 21. Juli soll diese Bewegung durchgefuehrt werden. Im Berggelaende setzen am 17. Juli die feindlichen Angriffe mit vollster Wucht ein. Sie werden abgewiesen. Aber auch von unserer Seite ist weiteres Vordringen einstweilen undenkbar. Ein solches bedarf erneuter gruendlicher Vorbereitung. Von all dem Erstrebten bleibt nur noch wenig uebrig. Das Unternehmen scheint gescheitert und bringt daher der franzoesischen Front gegenueber keine positiven Gewinne. Doch damit ist seine Auswertung fuer unseren Angriff auf der Flandernfront nicht ausgeschlossen. Wenn von allen Zielen auch nur das Fernhalten der franzoesischen Kraefte von der englischen Verteidigung erreicht ist, so sind die Kaempfe nicht vergebens gewesen. In diesem Gedankengang begibt sich General Ludendorff am Abend des 17. Juli zur Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht, um dort wegen des Angriffsbeginnes gegen den englischen Nordfluegel das Naehere zu besprechen. Vorbedingung fuer die Durchfuehrung unserer Angriffe bei Reims war, dass der nach Westen gerichtete Teil unseres bis an die Marne vorspringenden Bogens zwischen Soissons und Chateau-Thierry feststand. Es war vorauszusehen, dass unser Angriff eine Gegenwirkung der um Compiegne und Villers-Cotterets versammelten franzoesischen Kraefte geradezu herausforderte. War General Foch auch nur einigermassen zu einer aktiven Taetigkeit imstande, so musste er aus seiner bisherigen passiven Haltung heraustreten, sobald sich unser Angriff ueber die Marne und auf Reims aussprach. Ich habe schon gesagt, dass der franzoesische Fuehrer fruehzeitig von unseren Plaenen erfuhr und ausreichend Zeit fand, diesen zu begegnen. Die Aufgabe unserer Truppen zwischen Aisne und Marne gegen einen franzoesischen Angriff aus der allgemeinen Richtung von Villers-Cotterets her war daher nicht einfach. Wir hatten deshalb hinter den Truppen der vordersten Verteidigungslinien eine Anzahl von Eingreifdivisionen bereitgestellt, und glaubten daher, mit vollem Vertrauen an den eben geschilderten grossen Angriff auf Reims herangehen zu koennen. Freilich waren die zwischen Soissons und Chateau-Thierry stehenden Truppen nicht alle frisch, aber sie hatten sich in den vorausgegangenen Kaempfen so glaenzend geschlagen, dass ich sie ihrer jetzigen lediglich defensiven Aufgabe fuer durchaus gewachsen hielt. Hauptsache schien mir zu sein, dass auch alle Teile unserer dortigen Verteidigung die Wahrscheinlichkeit eines starken feindlichen Angriffs ununterbrochen nicht aus den Augen liessen. Ob in dieser Beziehung an der Front Soissons-Chateau-Thierry Versaeumnisse vorgekommen sind, bleibt vielleicht immer eine Streitfrage. Ich selbst glaube auf Grund spaeterer Mitteilungen, dass der anfaenglich guenstige Verlauf der Ereignisse an der Marne und bei Reims vom 15. bis 17. Juli die Truppen an der Front Soissons-Chateau-Thierry an einigen Stellen den Ernst der Lage vor ihren eigenen Linien verkennen liess. Man hoert dort waehrend dieser Tage den Kanonendonner aus der Angriffsschlacht herueberschallen, man erfaehrt unser anfaenglich Erfolg versprechendes Vorgehen ueber die Marne; Uebertreibungen der erreichten Erfolge kommen, wie so oft, auf ungeprueftem Wege zu den Truppen. Man erzaehlt sich von der Eroberung von Reims, von grossen Siegen in der Champagne. Vor der eigenen Front bleibt es aber drei Tage lang still, fuer einen sachlichen Beobachter unheimlich still, fuer jemand, der ohne naehere Kenntnis der Lage dem Gefuehle nachgibt, beruhigend still. Beobachtungen in der Richtung auf Villers-Cotterets, die am 15. Juli noch volle Aufmerksamkeit finden, werden am 17. Juli nicht mehr entsprechend gewuerdigt. Meldungen, die bei Beginn unseres Unternehmens sofort alle Fernsprechleitungen durchfliegen, bleiben am 3. Kampftage irgendwo an einer Zwischenstelle stecken. Das Gefuehl fuer die Lage ist eben teilweise abgestumpft, die erste Spannung hat nachgelassen. Am Morgen des 18. Juli gehen Teile der nicht in den Verteidigungsstellungen liegenden Kampftruppen zur Erntearbeit in die Kornfelder. Sie sind ueberrascht, als ploetzlich ein heftiger Granathagel in das Gelaende schlaegt. - Ein Feuerueberfall? - Die eigene Artillerie antwortet nicht sehr stark, anscheinend deswegen, weil ziemlich dichter Nebel alles verschleiert. Das Knattern der Maschinengewehre beginnt auf breiter Front und zeigt, dass es sich um mehr handelt, als um einen Feuerueberfall. Ehe man sich darueber voellig klar wird, tauchen in den hohen Kornfeldern feindliche Panzerwagen auf. Der Gegner ist auf der ganzen Front zwischen Aisne und Marne im entscheidenden Angriff. Unsere vorderen Linien sind schon stellenweise durchbrochen; die groesste Gefahr scheint zwischen der Ourq und Soissons eingetreten zu sein. Waehrend dort die uebriggebliebenen Teile der zertruemmerten und versprengten Truppen vorderster Linie einen Verzweiflungskampf fuehren, versuchen die rueckwaerts befindlichen Unterstuetzungen einen neuen Widerstand zu bilden und auszuhalten, bis die Divisionen zweiten Treffens zum Gegenstoss herankommen. Manche Heldentat wird vollbracht. In voruebergehend wieder genommenen Stellungen finden unsere Eingreiftruppen deutsche Maschinengewehrnester, in denen die Bedienung bis zum letzten Mann verblutet liegt, umgeben von ganzen Reihen gefallener Gegner. Doch dieser Heldenmut vermag die Lage nicht mehr wiederherzustellen, er rettet uns nur vor einer vollen Katastrophe. In der Richtung auf Soissons und weiter suedlich ist der Gegner besonders tief eingedrungen, also gerade an unserer empfindlichsten Stelle, naemlich an dem westlichen Ansatzpunkt unseres Marnebogens suedlich der Aisne. Aber von hier aus drueckt der Feind auf die ganze uebrige bis Chateau-Thierry reichende Verteidigungsfront. Ja noch mehr, er drueckt auch auf unsere einzige in den Marnebogen hineinfuehrende Bahnverbindung gerade dort, wo sie sich oestlich Soissons aus dem Aisnetal nach Sueden in die Mitte unseres gewaltigen Halbkreises wendet. Unsere Lage ist daher vom ersten Augenblick an nicht unbedenklich. Sie droht zur Katastrophe zu werden, wenn es uns nicht gelingt, sie in der frueheren Weise wiederherzustellen, oder sie wenigstens in ihrem jetzigen Zustand zuverlaessig zu festigen. Meinen Wuenschen und Absichten haette es entsprochen, den feindlichen Einbruch von Norden her ueber die Aisne bei Soissons flankierend zu fassen um den Gegner dadurch zu zermalmen. Der Aufmarsch hierfuer haette jedoch zu viel Zeit gekostet, und so musste ich den Gegengruenden nachgeben, die zunaechst eine voellige Sicherung unserer angegriffenen Frontteile forderten, damit wir dadurch wieder Herren unserer Entschluesse wurden. Was also an Truppen verfuegbar ist, wird zu diesem Zwecke eingesetzt. Damit ist leider die Krisis nicht ueberwunden, sondern nur hinausgeschoben. Neue Einbrueche des Gegners verschaerfen die Lage in dem Marnebogen. Was hilft es, wenn suedlich der Ourq die feindlichen Anstuerme in der Hauptsache scheitern, wenn besonders bei Chateau-Thierry die starken, aber ungeuebt gefuehrten amerikanischen Angriffe vor unseren schwachen Linien zerschellen? Wir koennen und duerfen die Lage nicht dauernd in dieser bedenklichen Schwebe lassen. Das waere Tollkuehnheit. Wir loesen daher unseren linken Fluegel von Chateau-Thierry los und weichen zunaechst ein Stueck weiter nach Osten, behalten aber noch die Anlehnung an die Marne. Vom Suedufer dieses Flusses sind wir in Ausfuehrung unseres Entschlusses vom 17. Juli nach schweren Kaempfen rechtzeitig zurueckgewichen. Die treffliche Haltung unserer Truppen, an der alle franzoesischen Angriffe scheitern, hat uns die gefaehrliche Lage dort gluecklich ueberdauern lassen. Das Zurueckgehen gelingt ueber Erwarten gut. Der Gegner erstuermt erst am 21. Juli nach gewaltiger Feuervorbereitung, Panzerwagen voran, gefolgt von starken Kolonnen, unsere schon geraeumten Stellungen. Unsere Truppen beobachten dieses Schauspiel vom Nordufer der Marne aus. Die Kampffuehrung in der noch immer tiefen Bogenstellung wird durch den gegnerischen Feuerdruck von allen Seiten her aufs aeusserste erschwert. Die gegnerische Artillerie nimmt die empfindliche Bahnstrecke oestlich von Soissons unter Feuer. Ein wahrer Hagel feindlicher Fliegerbomben faellt bei Tag und bei Nacht dort nieder. Wir sind gezwungen, die Ausladungen neu eintreffender Verstaerkungen und Kampfabloesungen weit ausserhalb des Bogens in die Gegend von Laon zu verlegen. In tagelangen Gewaltmaerschen werden sie von da auf das Schlachtfeld vorgefuehrt. Sie erreichen ihre Bestimmung manchmal gerade noch rechtzeitig, um die ernste Kampflage vor dem Zusammenbrechen aus den Haenden der ermatteten Kameraden zu uebernehmen. So kann und darf der Zustand nicht lange dauern. Die Schlacht droht alle unsere Kraefte zu verzehren. Wir muessen aus dem Bogen heraus, uns von der Marne trennen. Ein schwerer Entschluss, nicht vom Standpunkte kriegerischer Einsicht, aber von demjenigen soldatischen Empfindens. Wie wird der Gegner jubeln, wenn sich zum zweiten Male mit dem Namen: "Marne" ein Umschwung der Kriegslage verbindet! Wie wird Paris, ganz Frankreich aufatmen; wie wird diese Nachricht auf die ganze Welt wirken! Man denke daran, wie viele Augen und Herzen uns folgen mit Neid, mit Hass, mit Hoffnung. Aber jetzt darf nur die militaerische Einsicht sprechen. Ihre Forderung lautet klar und einfach: Heraus aus dieser Lage! Zur Ueberstuerzung der Massregel ist kein Grund. Wohl wirft General Foch alle seine Kraefte und von allen Seiten auf uns, aber nur selten gelingt ihm jetzt noch ein tiefer greifender Einbruch. So koennen wir Schritt um Schritt weichen. Wir koennen unser kostbares Kriegsgeraet dem Feinde entziehen, in Ordnung in die neue Verteidigungslinie ruecken, die uns die Natur in dem Abschnitt der Aisne und Vesle bietet. Diese Bewegung ist in den ersten Tagen des August vollzogen. Sie ist eine Meisterleistung von Fuehrung und Truppe. Nicht die Waffengewalt des Feindes presste uns aus dem Marnebogen heraus sondern die Unertraeglichkeit der dortigen Lage, eine Folge der Schwierigkeiten der Verbindungen im Ruecken unserer nach drei Seiten kaempfenden Truppen. General Foch hatte diese Schwierigkeiten klar erkannt. Ein hohes Ziel lag ihm vor Augen. Dies zu erreichen, verhinderte ihn die treffliche Haltung unserer Truppen. Sie hatten sich nach der ersten Ueberraschung glaenzend geschlagen. Was von Menschen gefordert werden konnte, wurde hier geleistet. So kam es, dass unsere Infanterie aus diesem Kampfe keineswegs mit dem Gefuehle einer verlorenen Schlacht wich. Ihr stolzes Selbstbewusstsein war zum Teil auf die Beobachtung gegruendet, dass ihre Gegner ohne den Schutz oder die moralische Stuetze der Panzerwagen vielfach im Angriff versagten. Wo Panzerwagen fehlten, hatte der Gegner uns schwarze Wellen entgegengetrieben, Wellen aus afrikanischen Menschenleibern. Wehe, wenn diese in unsere Linien einbrachen und die Wehrlosen mordeten, oder was schlimmer war, marterten. Nicht gegen die Schwarzen, die solche Scheusslichkeiten begingen, wendet sich menschliche Empoerung und Anklage, sondern gegen die, die solche Horden angeblich zum Kampf um Ehre, Freiheit und Recht auf europaeischen Boden heranholten. Zu Tausenden wurden diese Schwarzen auf die Schlachtbank gefuehrt. Mochten Englaender, Amerikaner, Italiener, Franzosen mit allen ihren Hilfsvoelkern unserm Infanteristen entgegentreten, kam es nur erst zum Kampfe Mann gegen Mann, dann fuehlte und zeigte sich damals noch unser Soldat als Herr des Schlachtfeldes. Auch das Gefuehl persoenlicher Machtlosigkeit gegenueber den feindlichen Panzerwagen war teilweise ueberwunden. In tollkuehnen Unternehmungen hatte man vielfach versucht, sich dieser laestigen Gegner zu entledigen, kraeftigst unterstuetzt durch die eigene Artillerie. Die schwersten Kampfkrisen brachte ueber unsere Truppen auch diesmal wieder die franzoesische Artillerie. Den stunden-, ja tagelangen Wirkungen dieser Vernichtungswaffe im freien Felde ausgesetzt, nicht einmal in einem Trichterfelde Deckung findend, wurden die Linien unserer Infanterie zerrissen, ihr Nervenhalt auf die aeusserste Probe gestellt. Das Antreten der feindlichen Sturmtruppen ward oft wie eine Erloesung aus einem Drucke wehrloser Zermuerbung empfunden. Die Truppen hatten das aeusserste leisten muessen, nicht nur im Kampfe, sondern auch in ruhelosen Bereitschaften, in Maerschen und Entbehrungen. Ihr Kraefteverbrauch war gross, ihr Nervenverbrauch noch groesser. Ich sprach Soldaten aus diesen letzten Schlachten. Ihre schlichten und einfachen Antworten und Erzaehlungen redeten deutlicher als ganze Buecher von dem, was sie erlebt hatten, und von dem kraftvoll sittlichen Werte, der in ihnen steckte. Wie sollte man an diesen praechtigen Menschen verzweifeln koennen! Sie waren freilich muede, bedurften der koerperlichen Ruhe und der seelischen Entspannung. Wir waren besten Willens, ihnen all das zu gewaehren; es war aber fraglich, ob der Gegner uns die Zeit dafuer liess. Wenn wir in den Kaempfen im Marnebogen auch dem Verderben, das uns der Gegner zufuegen wollte, entgangen waren, so durften wir uns doch ueber die weitreichende Rueckwirkung dieser Schlacht und unseres Rueckzuges keiner Taeuschung hingeben. Militaerisch war fuer uns von der groessten und folgenschwersten Bedeutung, dass wir die Vorhand an den Gegner verloren hatten, und dass wir zunaechst keine Kraft besassen, sie wieder an uns zu reissen. Wir waren gezwungen gewesen, starke Teile von jenen Kraeften zum Kampfe heranzuziehen, die wir zum Angriff in Flandern bereitgestellt hatten. Dafuer entfiel fuer uns die Moeglichkeit, den lang geplanten entscheidenden Schlag gegen das englische Heer durchfuehren zu koennen. Die gegnerische Fuehrung war dadurch von dem Druck befreit, der durch diese drohende Offensive auf ihre Massnahmen ausgeuebt wurde. Auch Englands Kraefte waren durch die Schlacht in dem Marnebogen aus dem Banne geloest, in dem wir sie monatelang gehalten hatten. Es war zu erwarten, dass eine tatkraeftige gegnerische Fuehrung diesen Umschwung der Lage, der ihr nicht entgehen konnte, ausnutzte, soweit sie irgendwie Kraefte hierfuer verfuegbar machen konnte. Guenstige Aussichten mussten sich hier bieten, da unsere Verteidigungsfronten vielfach nicht stark und nicht mit voll kampfkraeftigen Truppen besetzt sein konnten. Zudem hatten diese Fronten seit dem Fruehjahr wesentlich an Ausdehnung zugenommen und waren strategisch empfindlicher geworden. Es war freilich anzunehmen, dass auch der Gegner durch die letzten Kaempfe schwer gelitten hatte. 74 feindliche Divisionen, darunter 60 franzoesische, hatten vom 15. Juli bis 4. August geblutet. Waren hierbei zwar die englischen Kraefte in der Hauptsache seit Monaten geschont geblieben, so musste doch der andauernde Zustrom amerikanischer Hilfe unter diesen Umstaenden fuer den Gegner aeusserst wertvoll sein. Mochte diese Hilfe auch in militaerischer Beziehung nicht voll auf der Hoehe neuzeitlicher Anforderungen stehen, jetzt, wo unsere Verbaende so schwer gelitten hatten, wirkte mehr als je die blosse zahlenmaessige Ueberlegenheit. Schwerer noch als dies wog nach den ersten Eindruecken die Wirkung unseres Missgeschickes auf Heimat und Verbuendete. Wie viele in den letzten Monaten aufgelebte Hoffnungen brachen vielleicht zusammen! Wie manche Berechnung wurde zerstoert! Konnten wir jedoch wieder Herren der militaerischen Lage werden, so war auch die Wiederherstellung des politischen Gleichgewichts mit Bestimmtheit zu erwarten. FUeNFTER TEIL UeBER UNSERE KRAFT In die Verteidigung geworfen Der 8. August Unsere Truppen hatten ihre neuen Stellungen an der Aisne-Vesle eingenommen. Die letzten Wogen des feindlichen Angriffes prallten heran und prallten ab; stellenweise flackerte der Kampfeifer hier und da wieder auf. Zahlreiche unserer Divisionen, abgekaempft, der Auffrischung beduerftig, wurden hinter unsere Verteidigungslinien in Unterkunft gebracht. Auch um Avesnes herum lagen sie in Quartieren. Ich konnte mich davon ueberzeugen, wie rasch sich unser Soldat erholte. Durfte er ein paar Tage gruendlich ausschlafen, konnte man ihn geregelt verpflegen und ruhen lassen, so schien er schnell ueber all das Schwere, das er durchgemacht hatte, auch seelisch hinwegzukommen. Freilich bedurfte er hierfuer der wirklichen Ruhe, ungestoert von feindlichen Granaten und Bombenabwuerfen und, wenn moeglich, auch entfernt aus dem Hoerbereiche des Donners der Geschuetze. Aber wie wenig und wie selten haben unsere Truppen in den langjaehrigen Kaempfen eine solche Ruhe gefunden! Von Kriegsschauplatz zu Kriegsschauplatz, von Schlachtfeld zu Schlachtfeld geworfen, waren sie fast ruhelos in koerperlicher und seelischer Spannung geblieben. In dieser Tatsache liegt der gewaltigste Unterschied zwischen den Leistungen unserer Soldaten und denjenigen aller unserer Gegner. Nach Avesnes war der Geschuetzdonner aus den Schlachten im Marnebogen wie ein ununterbrochenes Rollen schweren Gewitters bald lauter, bald undeutlicher gedrungen. Jetzt war es fast still geworden. Am 8. August morgens wurde diese Ruhe jaehlings unterbrochen; von Suedwesten her droehnte auffallend starker Gefechtslaerm. Die ersten Meldungen - sie kamen vom Armee-Oberkommando aus der Gegend von Peronne - lauteten ernst. Der Gegner war mit maechtigen Tankgeschwadern beiderseits der Strasse Amiens-St. Quentin in unsere Linien eingedrungen. Naeheres liess sich vorlaeufig nicht feststellen. Die Ungewissheit wurde jedoch in den naechsten Stunden behoben, wenn auch die Verbindungen vielfach zerrissen waren. Kein Zweifel, der Gegner war tief in unsere Stellung hineingestossen, Batterien waren verloren. Unsere Befehle ergingen, sie wieder zu nehmen, die Lage ueberhaupt durch sofortigen Gegenangriff wieder herzustellen. Wir entsandten Offiziere, um die Vorgaenge klarzulegen und vollen Einklang zwischen unserem Willen und den Verfuegungen der Kommandostellen an der augenblicklich erschuetterten Front zu schaffen. Was war geschehen? Im dichtesten Nebel war ein starker englischer Tankangriff erfolgt. Die Panzerwagen hatten auf ihrer Fahrt fast nirgends besondere Hindernisse, nicht natuerliche und leider auch nicht kuenstliche, getroffen. Man hatte an dieser Front wohl etwas zu viel an Fortsetzung des Angriffes gedacht, zu wenig an Verteidigung. Allerdings war es verlustreiche Arbeit, dicht am Gegner zu schanzen und Hindernisse zu bauen. Denn wo immer die gegnerischen Beobachter irgend eine Bewegung, und sei es auch nur von einzelnen Leuten, wahrnahmen, dorthin lenkten sie das Feuer ihrer Artillerie. Es schien das beste zu sein, sich im hohen Getreide still zu verhalten, zwar ohne Schutz gegen feindliche Granaten aber ungesehen durch feindliche Fernglaeser. Man schonte auf diese Weise waehrend der Zeit des Stilleliegens augenscheinlich viel Leben, lief aber Gefahr, mit einem Schlage noch viel mehr zu verlieren. Nicht nur in den vordersten Linien war die Arbeit gering, an den rueckwaertigen war sie fast noch geringer; nur einzelne Grabenstuecke, verstreute Stuetzpunkte, waren vorhanden. Die Truppen waren an diesen sogenannten ruhigen Fronten fuer ausgedehnte Schanzarbeiten nur duenn gesaet. Wir brauchten die Massen anderwaerts zu den grossen Angriffsschlachten. An diesem 8. August mussten wir handeln, wie wir schon so oft in gleich drohenden Lagen gehandelt hatten. Gegnerische Anfangserfolge waren fuer uns ja keine befremdenden Erscheinungen. Wir kannten sie von 1916/17, von Verdun, Arras, Wytschaete, Cambrai her. Wir hatten sie erst juengst wieder bei Soissons kennen und ueberwinden gelernt. In dem jetzt vorliegenden Falle war die Lage freilich ganz besonders ernst. Der breite Tankeinbruch des Gegners war gleichzeitig ueberraschend tief erfolgt. Die Panzerwagen, schneller wie bisher, ueberfielen Divisionsstaebe in ihrer Unterkunft, zerrissen die Fernsprechverbindungen, die von dort zu den kaempfenden Truppen fuehrten. Die hoeheren Kommandobehoerden werden dadurch ausgeschaltet; die vorderen Linien bleiben ohne Befehl. An diesem Tage ist es ganz besonders bedenklich, da der dichte Nebel jede Uebersicht verhindert. Die bereitgestellten Tankabwehrkanonen schiessen zwar in die Richtungen, aus denen Motorgeraeusche und Kettengerassel hoerbar sind, werden aber vielfach durch Stahlkolosse ueberrascht, die aus anderer Richtung ploetzlich auftauchen. Wirre Geruechte beginnen sich in unsern Kampflinien zu verbreiten. Es wird behauptet, dass englische Kavalleriemassen schon weit im Ruecken der vordersten deutschen Infanterie sich befinden. Man wird vorn bedenklich, verlaesst die Stellungen, aus denen heraus man soeben noch starke feindliche Angriffe in der Front abgewiesen hat, man sucht nach rueckwaerts den verlorenen Anschluss. Die Phantasie zaubert Wahngebilde hervor und sieht in ihnen wirkliche Gefahren. Alles, was da geschah, was uns zum ersten grossen Unheil werden sollte, ist ja menschlich begreiflich. Der alte, schlachtenerprobte Soldat bleibt in solchen Lagen ruhig; er phantasiert nicht, er denkt! Aber diese alten Soldaten sind eben in verschwindender Minderheit; ihr Einfluss ist auch nicht allerorts mehr der beherrschende. Es zeigen sich andere Einfluesse. Der Missmut und die Enttaeuschung, dass trotz aller Siege der Krieg fuer uns kein Ende nehmen will, hat auch so manchen unserer braven Soldaten verdorben. Im Felde Gefahren und Arbeit, Kampf und Ruhelosigkeit, aus der Heimat Klagen ueber wirkliche, manchmal auch eingebildete Lebensnot. Das zermuerbt allmaehlich, besonders, wenn man sich kein Ende vorstellen kann. Der Gegner sagt und schreibt in seinen massenhaft von Fliegern abgeworfenen Flugblaettern, dass er es nicht so schlimm mit uns meine, wir muessten nur vernuenftig sein und vielleicht auch auf dies und jenes, was wir erobert haben, verzichten. Dann wuerde alles rasch wieder gut werden. Und wir koennten in Frieden weiter leben, im ewigen Frieden der Voelker. Fuer den Frieden im Innern der Heimat wuerden dann neue Maenner, neue Regierungen sorgen. Auch das wuerde ein segensreicher Frieden nach all den jetzigen Kaempfen werden. Das weitere Ringen sei also zwecklos. Solches liest und bespricht man; der Soldat meint, dass der Gegner doch nicht all das erluegen kann, laesst sich vergiften und vergiftet andere. Unsere Befehle zum Gegenstoss koennen an diesem 8. August nicht mehr ausgefuehrt werden. Es fehlt an Truppen, es fehlt besonders an Geschuetzen zur Vorbereitung eines solchen Angriffes, denn an den Einbruchsstellen sind die meisten Batterien verloren. Frische Infanterie- und neue Artillerieverbaende muessen erst herangeholt werden, und zwar auf Kraftwagen und Eisenbahnen. Der Gegner erkennt die ausschlaggebende Wichtigkeit, die in dieser Lage die Eisenbahnen fuer uns besitzen. Weithin in unsern Ruecken feuern seine schweren und schwersten Geschuetze. Auf einzelne Eisenbahnpunkte, wie beispielsweise Peronne, regnet es zeitweise Bomben feindlicher Flieger, die in nie gesehenen Schwaermen ueber Stadt und Bahnhof kreisen. Nutzt aber der Gegner auf diese Weise die Schwierigkeiten im Ruecken unserer Armee aus, so verkennt er zu unserm Gluecke die ganze Groesse seines ersten taktischen Erfolges. Er stoesst an diesem Tage nicht bis an die Somme vor, obwohl ihm auf diesem Wege von unserer Seite kaum noch nennenswerte Kraefte haetten entgegengestellt werden koennen. Dem verhaengnisvollen Vormittage des 8. August folgte ein verhaeltnismaessig ruhiger Nachmittag und eine noch ruhigere Nacht. Waehrend dieser rollen unsere ersten Verstaerkungen heran. Die Lage ist bereits zu unguenstig, als dass wir von dem anfaenglich geforderten Gegenangriff die Wiedergewinnung der alten Kampffront erwarten koennen. Der Gegenstoss haette laengerer Vorbereitung und staerkerer Truppen, als am Morgen des 9. August zur Hand sein koennen, bedurft. Daher soll und darf nichts ueberstuerzt werden. Die Ungeduld an der Kampffront glaubt jedoch, nicht warten zu koennen. Man meint, guenstige Gelegenheiten zu versaeumen, und stuerzt sich in unbezwingliche Schwierigkeiten. So geht ein Teil der herangebrachten kostbaren, frischen Infanteriekraft in oertlich begrenzten Erfolgen verloren, ohne der Lage im grossen zu nutzen. Der Angriff am 8. August war durch den rechten englischen Fluegel unternommen worden. Die suedlich anschliessenden franzoesischen Truppen hatten sich nur in geringem Umfange am Kampfe beteiligt. Es war aber zu erwarten, dass die grossen britischen Erfolge nunmehr auch die franzoesischen Linien in Bewegung bringen wuerden. Gelang dem Franzosen ein rasches Durchdringen in der Richtung auf Nesle, so musste unsere Lage in dem weit nach Suedwesten vorspringenden Verteidigungsbogen verhaengnisvoll werden. Wir befehlen daher die Raeumung unserer bisherigen ersten Stellungen suedwestlich Roye und weichen in die Gegend dieser Stadt zurueck. Die Folgen des 8. August und die Fortsetzung unserer Kaempfe im Westen bis Ende September Ueber die politischen Wirkungen unserer Niederlage am 8. August gab ich mich keinen Taeuschungen hin. Unsere Kaempfe vom 15. Juli bis 4. August konnten im Ausland wie in der Heimat als die Folge einer nicht geglueckten, kuehnen Unternehmung angesehen werden, wie solches sich in jedem Kriege ereignet. Das Missgeschick am 8. August stellte sich dagegen vor aller Augen dar als die Folgen einer offenkundigen Schwaeche. Es war etwas ganz anderes, ob wir in einem Angriff scheiterten, oder ob wir in einer Verteidigungsschlacht besiegt wurden. Die Beutezahlen, die unsere Gegner der Welt bekanntgeben konnten, sprachen eine deutliche Sprache. Heimat und Verbuendete mussten aengstlich aufhorchen. Um so mehr war es unsere Aufgabe, die Ruhe zu behalten und die Verhaeltnisse zwar ohne Selbsttaeuschung, aber auch ohne uebertriebenen Pessimismus zu betrachten. Die militaerische Lage war freilich ernst geworden. Die Gefechtslage auf der angegriffenen Verteidigungsfront konnte allerdings wiederhergestellt, das verlorene Kriegsgeraet wieder ergaenzt, neue Kraefte konnten herangefuehrt werden. Damit war jedoch die Wirkung der Niederlage nicht aufgehoben. Es war zu erwarten, dass der Gegner, durch seinen grossen Erfolg angeregt, solche Angriffe nunmehr auch an anderen Stellen unternehmen wuerde. Er hatte jetzt die Erfahrung gemacht, dass sich in unserem Verteidigungssystem dem des Jahres 1917 gegenueber mancherlei Maengel befanden. Zunaechst in technischer Beziehung. Auf den seit dem Fruehjahr 1918 neu gewonnenen Linien war von unseren Truppen im allgemeinen nur wenig geschanzt worden. Es wurde, wie in der Gegend oestlich Amiens, so auch an anderen Stellen der Front, zu viel von Fortsetzung der Angriffe, zu wenig von der Notwendigkeit der Verteidigung gesprochen. Dazu kam, dass die Haltung eines grossen Teiles unserer Truppen im Gefecht den Gegner ueberzeugt haben musste, dass an unseren Verteidigungsfronten der zaehe Widerstandswille von 1917 nicht mehr durchgehends vorhanden war. Der Feind hatte ferner seit dem Fruehjahr von uns gelernt. Er hatte in den letzten Operationen diejenige Taktik gegen uns angewendet, mit der wir ihn wiederholt gruendlich geschlagen hatten. Er war auf unsere Linien gefallen, nicht mehr nach monatelangen Angriffsvorbereitungen, auch hatte er die Entscheidung nicht mehr in dem Hineintreiben eines Keiles in unsere Verteidigung gesucht, sondern er hatte uns in breiten Anstuermen ueberrascht. Er wagte nunmehr diese unsere Taktik, weil er die Schwaechen unserer Verteidigungsfront erkannt hatte. Wiederholte der Gegner diese Angriffe mit gleicher Wucht, so entbehrte er bei der nunmehrigen Verfassung unseres Heeres nicht voellig der Aussicht, unsere Widerstandskraft allmaehlich zu laehmen. Andererseits schoepfte ich aber aus dem Umstande, dass der Feind aus seinen grossen Anfangserfolgen auch dieses Mal nicht die Vorteile eingeheimst hatte, die ihm haetten werden koennen, wieder die Hoffnung, dass wir weitere Krisen ueberwinden wuerden. Aus diesem Gedankengang heraus glaubte ich, mich am 13. August der Reichsleitung gegenueber in einer politischen Beratung in Spa ueber die militaerische Lage dahin aussprechen zu muessen, dass diese zwar ernst sei, dass aber nicht vergessen werden duerfe, dass wir noch immer tief in Feindesland staenden. Ich trug diese Auffassung am folgenden Tag auch meinem Kaiser vor, indem ich nach einer laengeren gemeinsamen Sitzung das Schlusswort ergriff. Ich hatte auch nichts einzuwenden gegen die Auffassung des Reichskanzlers Graf Hertling, dass mit einem wirklich offiziellen Friedensschritt unsererseits gewartet werden sollte, bis eine Besserung in unserer damaligen militaerischen Lage eintreten wuerde. Von dieser hing es dann ab, inwieweit wir auf unsere bisherigen politischen Ziele wuerden verzichten muessen. Die Zeit, an einem befriedigenden Abschluss des Krieges zu zweifeln, hielt ich demnach Mitte August noch nicht fuer gekommen. Ich hoffte bestimmt, dass die Armee, trotz betruebender Einzelerscheinungen auf dem letzten Schlachtfelde, imstande sein wuerde, zunaechst einmal auszuhalten. Auch hatte ich das Vertrauen auf die Heimat, dass sie Kraft genug haette, auch diese jetzige Krisis zu ueberwinden. Ich erkannte dabei durchaus an, was die Heimat an Opfern und Entbehrungen bisher ertragen hatte, und was sie vielleicht noch weiter ertragen musste. Hatte nicht Frankreich, auf dessen Boden der Krieg seit nunmehr vier Jahren tobte, weit mehr zu leiden? War dieses Land waehrend dieser ganzen Zeit jemals unter Misserfolgen verzagt; war es verzweifelt, als unsere Granaten seine Hauptstadt erreichten? Das, so dachte ich, wuerde sich in dieser schweren Krisis auch die Heimat vor Augen halten und standhaft bleiben, wenn nur wir an der Front standhaft blieben. Gelang das, so konnte nach meiner Ansicht die Wirkung auf unsere Verbuendeten nicht ausbleiben. Ihre militaerische Aufgabe war ja, soweit sie Oesterreich-Ungarn und Bulgarien betraf, eine leichte. Bei diesen meinen Erwaegungen spielte die Sorge um Erhaltung unserer Waffenehre keine ausschlaggebende Rolle. Unser Heer hatte diese Ehre in den vier Kriegsjahren so fest begruendet, dass diese uns, mochte kommen was wollte, vom Gegner nicht mehr entrissen werden konnte. Ausschlaggebend fuer meine Entschluesse und Vorschlaege blieb einzig und allein die Ruecksicht auf das Wohl des Vaterlandes. Konnten wir auch den Gegner durch Siege auf dem Schlachtfeld nicht mehr zu einem Frieden zwingen, der uns alles das gab, was unsere deutsche Zukunft endgueltig sicher stellte, so konnten wir es doch wenigstens dahin bringen, dass die gegnerischen Kraefte im Kampfe erlahmten. Auch dann retteten wir voraussichtlich ein ertraegliches staatliches Dasein. General Foch hat nach Beendigung der Schlacht im Marnebogen wohl erkannt, dass die errungenen Erfolge ihm wieder verloren gehen wuerden, wenn unseren Truppen die Zeit zur Erholung gelassen wuerde. Ich hatte das Gefuehl, dass die gegnerische Fuehrung nunmehr glaubte, alles auf eine Karte setzen zu muessen. Am 20. August schreiten die Franzosen zwischen Oise und Aisne in der Richtung auf Chauny zum Angriff. Sie werfen uns in dreitaegigen Kaempfen auf diesen Punkt zurueck. Am 21. August und in den ihm folgenden Tagen verbreitern die Englaender ihre Angriffsfront vom 8. August in noerdlicher Richtung bis nordwestlich Bapaume. Wiederholte feindliche Einbrueche zwingen uns auch hier zum allmaehlichen Zuruecknehmen unserer Linien. Am 26. August wirft sich der Englaender beiderseits Arras in der Richtung auf Cambrai auf unsere Stellungen. Er bricht durch, wird aber schliesslich aufgehalten. Da ueberrennt ein neuer feindlicher Ansturm am 2. September endgueltig unsere Linien an der grossen Strasse Arras-Cambrai und zwingt uns, die gesamte Front in die Siegfriedstellung zurueckzunehmen. Zur Kraefteersparnis raeumen wir gleichzeitig den weit ueber den Kemmel-Berg und Merville vorspringenden Bogen noerdlich der Lys. Alles schwere Entschluesse, die bis zum Ende der ersten Septemberwoche ausgefuehrt werden. Die erhoffte Erleichterung der Lage bringen sie nicht. Der Gegner draengt ueberall sofort nach, und die Spannung dauert an. Am 12. September setzen die Kaempfe an der bisher ruhigen Front suedoestlich Verdun und bei Pont-a-Mousson ein. Wir standen hier in der Stellung, in der unsere Angriffe im Herbste 1914 erstarrt waren, ein taktisches Missgebilde, das den Gegner zu einem grossen Schlag einladen konnte. Es ist nicht recht verstaendlich, warum uns der Franzose jahrelang in diesem grossen Dreieck stehen liess, das in seine Gesamtfront hineinsprang. Durchstiess er dieses in maechtigem Schlage an der Basis, so war eine schwere Krisis fuer uns unausbleiblich. Man wird uns vielleicht als einen Fehler anrechnen, dass wir diese Lage nicht schon laengst, spaetestens mit dem Einstellen unseres Angriffes auf Verdun, aufgaben. Allein wir uebten gerade durch diese Stellung einen im hohen Grade wichtigen Druck auf die Bewegungsfreiheit des Gegners um Verdun aus und sperrten das ihm so wichtige Maastal suedlich der Festung. Erst Anfang September, als es zwischen Maas und Mosel auf feindlicher Seite lebhafter wurde, beschlossen wir, diese Stellung zu raeumen und auf die schon lange vorbereitete Basisstellung zurueckzugehen. Bevor die Bewegung vollendet wurde, griffen uns aber die Franzosen und Amerikaner an und brachten uns eine ernste Niederlage bei. Im uebrigen gelang es, den feindlichen Angriffen gegenueber unsere Front im wesentlichen zu halten. Die Ausdehnung der gegnerischen Angriffe auf die Champagne am 26. September aenderte die Lage von der Kueste bis zu den Argonnen zunaechst wenig. Dagegen drang der Amerikaner an diesem Tage zwischen Argonnen und Maas in unsere Linien ein. Damit machte sich die nordamerikanische Macht auf den Schlachtfeldern des Schlusskampfes in einer selbstaendigen Armee zum ersten Male entscheidend geltend. Unsere Westfront war, wenn auch infolge feindlicher Einbrueche wiederholt zurueckgenommen, nicht durchbrochen. Sie wankte, aber sie fiel nicht. Um diese Zeit wurde jedoch in unsere gesamte Kriegsfront eine breite Luecke gerissen. Bulgarien brach zusammen. Der Kampf unserer Bundesgenossen Bulgariens Zusammenbruch Die Lage im Innern Bulgariens hatte sich auch im Jahre 1918 nicht wesentlich geaendert. Sie blieb ernst. Die aeussere Politik des Landes schien jedoch darunter nicht zu leiden. Ab und zu gelangten freilich Mitteilungen ueber Verhandlungen bulgarischer unverantwortlicher Persoenlichkeiten mit der Entente auf neutralem schweizerischen Boden zu uns. Auch war in der amerikanischen Gesandtschaft in Sofia zweifellos eine Brutstaette von uns verderblichen Plaenen vorhanden. Wir machten den vergeblichen Versuch, sie zu beseitigen. Die Politik forderte Samthandschuhe in der eisernen Wirklichkeit des Krieges. Die Kampfwut zwischen den politischen Parteien des Landes dauerte an. Die Armee wurde auch weiterhin davon beruehrt. Der Sturz Radoslawows war endlich im Fruehjahr von seinen Gegnern erreicht. Die neuen Maenner versicherten uns ihres treuen Festhaltens an dem Buendnis. Das war fuer uns das Entscheidende. Die Kriegsunlust im bulgarischen Volke nahm indessen stark zu. Die Lebensmittelversorgung machte immer groessere Schwierigkeiten. Unter diesen litt besonders die Armee, das heisst, man liess sie darunter leiden. Der Soldat musste zeitweise geradezu hungern, ja mehr noch, er wurde auch so elend gekleidet, dass ihm eine Zeitlang das Noetigste fehlte. Meutereien fanden statt, wurden uns gegenueber aber meistens vertuscht. Die Armee wurde durchsetzt mit voelkisch fremden Elementen. Man stellte aus den besetzten Gebieten gepresste Mannschaften ein, um die Truppenstaerken in der Hoehe zu halten. Das Ueberlaufen nahm daher einen ausserordentlichen Umfang an. War es ein Wunder, dass unter allen diesen Umstaenden der Geist der Truppe zerfiel? Er erreichte anscheinend im Fruehjahr seinen Tiefstand. Die bulgarische Oberste Heeresleitung hatte damals auf Anregung des deutschen Heeresgruppenkommandos einen Angriff auf albanischem Boden, westlich des Ochridasees, vorbereitet. Man erhoffte von seinem Gelingen eine wirkungsvolle Sperrung der fuer den Gegner so wichtigen Strasse Santa Quaranti-Korca, sowie eine guenstige Rueckwirkung auf die Stimmung von Heer und Volk. Die Durchfuehrung des Unternehmens erwies sich schliesslich als unmoeglich, da nach Erklaerungen bulgarischer Offiziere die Truppe den Angriff verweigern wuerde. Noch bedenklichere Zustaende zeigten sich, als im Monat Mai die bulgarischen Truppen den Angriff der Griechen und Franzosen in der Mitte der mazedonischen Front nicht aushielten und ihre Stellung fast kampflos verliessen. Die zum Gegenangriff bestimmte Division meuterte groesstenteils. Die Zustaende innerhalb des Heeres schienen sich jedoch im Verlauf des Sommers wieder zu bessern. Wir halfen aus, wo wir konnten, gaben von unseren Lebensmittelvorraeten und schickten Bekleidungsstuecke. Auch loesten unsere damaligen Erfolge an der Westfront in der bulgarischen Armee grosse Begeisterung aus. Es war aber klar, dass diese gehobene Stimmung rasch wieder in sich zusammenbrechen wuerde, wenn auf unserer Seite Rueckschlaege erfolgten. Darueber konnten uns auch bessere Stimmungsberichte Ende Juli nicht im Zweifel lassen. Die gegenseitigen Staerkeverhaeltnisse an der mazedonischen Front schienen sich im Laufe des Jahres 1918 nicht wesentlich verschoben zu haben. Nach dem schliesslichen Ausgleich mit Rumaenien war Bulgarien imstande, alle seine Kraefte auf einer Front zu versammeln. Dieser Verstaerkung gegenueber kam das Wegziehen einiger deutscher Bataillone aus Mazedonien zahlenmaessig gar nicht in Betracht. Eine englische Division war nach Syrien abbefoerdert worden; die franzoesischen Truppen hatten ihre juengsten Jahrgaenge nach der Heimat abgegeben; die neu mobilisierten sogenannten koeniglich griechischen Divisionen zeigten sich wenig kampflustig. Anscheinend aus diesem Grunde wurde letzteren die Verteidigung des Struma-Abschnittes uebertragen. Nach Mitteilungen von Ueberlaeufern war der groesste Teil dieser Truppen bereit, sich uns anzuschliessen, wenn deutsche Truppen vor der Struma-Front eingesetzt wuerden. Wir schickten daher etliche Bataillone, die in den Hauptkampffronten des Westens nicht verwendbar waren, nach Mazedonien. Sie trafen an ihrem Bestimmungsort in dem Augenblick ein, als die Entscheidung des Krieges fuer Bulgarien fiel. Am 15. September abends erhielten wir die erste Nachricht vom Beginn des Angriffes der Ententearmeen in Mazedonien. Dieses Datum war auffallend. Hatten doch bulgarische Soldaten schon im Fruehjahr erklaert, dass sie an diesem Tage die Stellungen verlassen wuerden, sofern der Krieg bis dahin nicht beendet waere. Nicht weniger auffallend war es andererseits, dass sich der Gegner zu einem Angriff eine Stelle mitten im wildesten Berglande waehlte, an der bei einigem Widerstandswillen der bulgarischen Truppe und ihrer niederen Fuehrung das Durchdringen die allergroessten Schwierigkeiten bieten musste. Wir glaubten daher dem Ausgang dieses Kampfes mit Vertrauen entgegensehen zu koennen, und erwarteten den schwereren und entscheidenden Angriff des Gegners im Wardartal. Dort und in der Gegend des Doiransees waren seit laengerer Zeit schon Angriffsvorbereitungen der Englaender erkannt worden. Auch hier bestand angesichts der ganz ausserordentlichen Staerke der Verteidigungsstellungen unseres Erachtens keine Gefahr, sofern man einer solchen von bulgarischer Seite entsprechend entgegentreten wollte. Ueber die zahlenmaessigen Kraefte verfuegte die bulgarische Oberste Heeresleitung ganz gewiss. Die zuerst eintreffenden Meldungen ueber den Verlauf der Kaempfe am 15. September gaben zu Besorgnissen keinen Anlass. Die vordersten Stellungen waren freilich verloren gegangen. Ein solcher Verlauf hatte nichts ungewoehnliches an sich. Die Hauptsache war, dass dem Gegner der glatte Durchbruch am ersten Tage nicht gelungen war. Spaetere Nachrichten lauteten bedenklicher. Die Bulgaren waren weiter nach Norden gedraengt, als man zuerst annehmen konnte. Die zunaechst am Kampfe beteiligten Truppen hatten anscheinend wenig Kampfkraft, noch weniger Kampfwillen gezeigt. Die Reserven, die herankamen oder herankommen sollten, zeigten keine Neigung, sich dem feindlichen Feuer auszusetzen. Sie zogen es anscheinend vor, dem Gegner das Kampffeld zu ueberlassen, und das an einer Stelle, die dem wichtigsten Knotenpunkt aller Verbindungen des mazedonischen Kriegsschauplatzes, naemlich Gradsko, bedenklich nahe lag. Faellt Gradsko, oder kann es der Gegner mit seinen Geschuetzen erreichen, so ist die rechte bulgarische Armee in der Gegend von Monastir der wichtigsten Verbindung beraubt, ihre Versorgung in der jetzigen Stellung fuer die Dauer unmoeglich. Aber auch die mittlere bulgarische Armee beiderseits des Wardartales ist dann von jeder Bahnverbindung mit der Heimat abgeschnitten. Es erscheint unbegreiflich, dass die bulgarischen Fuehrer diese drohende Gefahr nicht erkennen sollten, dass sie nicht alles daran setzen wuerden, ein namenloses Unheil fuer die Masse des Heeres abzuwenden. Im Gegensatz zu den bulgarischen Armeen suedlich von Gradsko kaempfen die bulgarischen Truppen zwischen dem Wardar und dem Doiransee seit dem 18. September mit groesster Erbitterung. Vergeblich versuchen die Englaender, sich hier Bahn zu brechen. Nochmals zeigt sich bulgarischer Mut und zaeher Wille in glaenzendem Licht. Aber was nuetzt der Heldenmut am Doiransee, wenn in der Richtung auf Gradsko Mutlosigkeit herrscht, ja vielleicht noch Schlimmeres als Mutlosigkeit. Vergeblich versucht die deutsche Fuehrung mit deutschen Truppen die Lage in der Mitte des bulgarischen Heeres zu retten. Was helfen die schwachen kleinen deutschen Gruppen, wenn rechts und links der Bulgare das Feld raeumt? Den gegen den Feind marschierenden deutschen Bataillonen stroemen ganze bulgarische Regimenter entgegen, die den Kampf offen verweigern. Ein eigenartiges Bild. Und noch eigenartiger die Erklaerung der bulgarischen Mannschaften: Sie ziehen in die Heimat zu Weib und Kind, wollen wieder einmal Haus und Hof sehen und ihre Felder bestellen. Sie lassen vielfach ihre Offiziere unbelaestigt. Gehen diese mit ihnen nach Hause, so sind sie willkommen, wollen sie zurueckbleiben auf dem Felde der Ehre, so sollen sie das allein tun. Der Bulgare springt bereitwillig zu, wenn im Gedraenge ein Deutscher, der gegen den Feind marschiert, in Bedraengnis kommt, er hilft den deutschen Geschuetzen beim Marsch auf das Gefechtsfeld ueber schlechte Wegestrecken fort. Den Kampf indessen ueberlaesst er den Deutschen. Mazedonien wird auf diese Weise freilich fuer Bulgarien verloren gehen. Aber der bulgarische Bauer sagt sich, dass er in der Heimat Land genug habe; also zieht er in die Heimat und ueberlaesst die Sorge und den Kampf um Mazedonien und die bisherigen Grossmachtsplaene anderen Menschen. Die deutsche Fuehrung, die vom Ochridasee bis zum Doiransee das verantwortliche Kommando hat, sieht sich angesichts dieser Verhaeltnisse vor einer unendlich schwierigen Lage. Was an deutschen Truppen, an Etappenmannschaften, Landsturm und Rekruten vorhanden ist, wird zusammengerafft, um die bulgarische Mitte zu stuetzen und Gradsko zu retten. Die Aussichten, dass dieses gelingt, werden immer geringer. Bei der Haltlosigkeit der bulgarischen Mitte bleibt sonach als einzigste Rettung, die Fluegel des Heeres zurueckzunehmen. Eine solche Bewegung wuerde an sich nur geringe taktische Nachteile verursachen, denn in Mazedonien liegt eine gewaltige Verteidigungsstellung hinter der anderen und je weiter der Gegner nach Norden kommt, um so schwieriger werden seine rueckwaertigen Verbindungen. Freilich mit der Preisgabe des Wardartales verschlechtern sich auch die rueckwaertigen Verbindungen der Bulgaren. Aber es scheint wenigstens moeglich, durch diese Massnahme die Masse des Heeres zu retten. Dem Entschluss des deutschen Heeresgruppenkommandos stellen die bulgarischen Fuehrer die ernstesten Bedenken entgegen. Sie glauben, dass ihre Truppen in den jetzigen Stellungen noch zusammenhalten, ja sogar kaempfen wuerden. Dagegen sind sie der Anschauung, dass die Armeen sich voellig aufloesen wuerden, wenn man ihnen den Rueckzugsbefehl gaebe. Eine wahrhaft verzweiflungsvolle Lage, verzweiflungsvoll fuer alle Beteiligten. Die Bulgaren klagen, dass nicht genug deutsche Truppen zur Stelle sind, dass man die frueher vorhandenen zum Teil entfernt haette. Was aber haetten ein paar deutsche Bataillone mehr in diesem allgemeinen Zusammenbruch genutzt? Wie viele deutsche Divisionen haette man schicken muessen, um die mazedonische Front zu verteidigen? Deutschland kann nicht im Westen die Entscheidung suchen und seine Divisionen nach Bulgarien schicken wollen. Der Bulgare will nicht einsehen, dass die deutsche Kraft auch zu erschoepfen ist. Die bulgarische ist an sich noch lange nicht erschoepft, erschoepft ist nur der bulgarische Kriegswille. Auch wir im Grossen Hauptquartier stehen vor verhaengnisvollen Fragen. Wir muessen wenigstens versuchen, in Bulgarien zu retten, was zu retten ist. Wir muessen also doch Unterstuetzungen schicken und zwar sofort, so schwer uns das werden mag. Es ist der 18. September, als sich diese Notwendigkeit in vollem Umfange auspraegt. Man denke daran, wie schwer der Kampf zu dieser Zeit an unserer Westfront tobt. Wenige Tage vorher hatten die Amerikaner ihren grossen Erfolg zwischen Maas und Mosel errungen, und eine weitere Ausdehnung der Angriffe steht dort noch bevor. Die erste Unterstuetzung, die wir freimachen koennen, sind Truppen, eine gemischte Brigade, die fuer Transkaukasien bestimmt waren und eben ueber das Schwarze Meer befoerdert werden. Sie werden durch Funkspruch abgedreht und sollen ueber Varna-Sofia herankommen. Diese Kraefte genuegen jedoch nicht. An unserer Ostfront koennen wohl noch einige Divisionen entbehrlich gemacht werden. Wir wollten sie an eine ruhige Front des Westens bringen. Doch was sind das fuer Truppen? Kein Mann unter 35 Jahren, und alle Vollkraeftigen schon nach dem Westen geholt! Kann von ihnen noch eine besondere Leistung erwartet werden? Sie moegen den besten Willen mitbringen, aber in diesem Klima und ohne Ausruestung fuer den Krieg in einem gebirgigen Lande sind sie an der mazedonischen Front nur bedingt brauchbar. Doch es muss sein, denn nicht nur die bulgarische Armee, auch die bulgarische Regierung und der Zar muessen in dieser schwersten Gefahr deutsche Hilfe erhalten. Auch vom Westen her schicken wir Unterstuetzung. Unser Alpenkorps, eben erst aus schwerstem Kampfe gezogen, wird zur Fahrt nach Nisch auf die Bahn gesetzt. Ebenso beteiligt sich Oesterreich-Ungarn an dem Versuch, Bulgarien zu helfen, und stellt mehrere Divisionen hierfuer zur Verfuegung. Wir verzichten daher auf weitere oesterreichisch-ungarische Unterstuetzung an unserer Westfront. Bis diese deutsche und oesterreichische Hilfe eintreffen kann, muss versucht werden, wenigstens die Masse des bulgarischen Heeres zu retten. Trotz aller bulgarischen Bedenken wird deshalb von dem deutschen Heeresgruppenkommando der Befehl zum Rueckzug an die rechte und mittlere bulgarische Armee gegeben. Die Stellungen auf der Belasiza, noerdlich des Doiransees, sollen den Drehpunkt der ganzen Bewegung bilden. Die linke bulgarische Armee wird waehrend dieser ganzen Zeit nicht angegriffen. Ihre Stellungen auf der Belasiza und hinter der Struma sind von groesster Staerke. Wenige Maschinengewehre und Batterien genuegen fuer ihre Verteidigung. Trotzdem verbreitet sich auch in dieser Armee Verwirrung; Mut und ruhige Ueberlegung schwinden. Der Fuehrer haelt seine Lage fuer unhaltbar und beschwoert den Zaren, sofort Waffenstillstand zu schliessen. Der Zar antwortet: "Gehen Sie in den Stellungen, die Sie innehaben, zu Grunde." Das Wort beweist, dass der Zar Herr der Lage ist, und dass ich mich nicht in ihm taeuschte. Auch Kronprinz Boris befindet sich auf der Hoehe seiner Aufgabe. Er eilt an die Front, um dort zu retten, was zu retten ist. Was vermag jedoch ein einzelner, auch wenn er von der Liebe vieler, und von der Achtung aller getragen wird, in solcher allgemeinen Kopflosigkeit und in solchem Schwinden des Willens? Die mittlere Armee beginnt am 20. September befehlsgemaess den Rueckzug. Dieser wird zur Aufloesung; ungeschickte Anordnungen vervollstaendigen die Verwirrung. Die Staebe versagen, am gruendlichsten der Armeestab. Hier ist nur ein ganzer Mann vorhanden, klar blickend und von bestem Wollen beseelt, naemlich der Fuehrer. Die rechte Armee hat eine schwierige Aufgabe. Ihre Hauptrueckzugsstrasse fuehrt ueber Prilep auf Veles. Da der Gegner schon vor Gradsko steht, ist diese Strasse aeusserst bedroht. Ein anderer Weg fuehrt aus dem Seengebiete und dem Gebiete von Monastir weiter im Westen mitten durch das wilde Albaner-Gebirge auf Kalkandelen. Er vereinigt sich mit demjenigen ueber Veles bei Ueskueb. Dieser Weg durch das Albaner-Gebirge ist gesichert, aber sehr schwierig, und es ist zweifelhaft, ob groessere Truppenmassen in diesen Gebieten die noetige Verpflegung finden. Trotz dieser Bedenken muessen starke Teile auf ihn verwiesen werden. Noch staerkere werden dorthin gedraengt, als der Feind Gradsko nimmt und nunmehr gegen das Strassenstueck Prilep-Veles von Suedosten her vorrueckt. Gradsko faellt schon am 21. September. Aus einem elenden Ort war es im Laufe des Krieges zu einer foermlichen Lagerstatt geworden, die in ihrer Anlage und Groesse an eine amerikanische Neugruendung erinnert. Ungeheuere Vorraete sind hier aufgespeichert, ausreichend fuer einen ganzen Feldzug. In den dortigen Depots merkt man nichts davon, dass die bulgarischen Armeen an der Front irgend etwas entbehren mussten. Jetzt faellt alles der bulgarischen Vernichtung anheim oder wird Beute des Feindes. Nicht nur in Gradsko sondern auch anderwaerts verfuegt Bulgarien noch ueber reiche Bestaende. Sie ruhten bisher im Verborgenen, behuetet von der einseitigen Sorge bureaukratischer Wirtschaft, die auch in Bulgarien wie eine Kruste das Volksleben ueberzieht, trotz liberalster Gesetze und freiheitlichem Parlament. Bulgarien kann also den Krieg noch weiter fuehren, wenn es ihn nur nicht selbst fuer verloren haelt oder halten will. Unser Plan, der auch die Zustimmung der bulgarischen Obersten Heeresleitung findet, ist folgender: Die mittlere Armee soll an die altbulgarische Grenze zurueckschwenken. Die rechte Armee soll sich bei Ueskueb oder weiter noerdlich versammeln; sie wird verstaerkt durch die anrollenden deutschen und oesterreichischen Divisionen. Diese Kraefte bei Ueskueb werden reichlichst genuegen, um die Lage zu halten; ja es ist bei einiger Brauchbarkeit der bulgarischen Verbaende damit zu rechnen, dass wir von Ueskueb aus bald wieder zu einem Angriff in suedlicher Richtung vorgehen koennen. Es scheint ausgeschlossen, dass der Gegner ohne Rast mit starken Massen bis Ueskueb und bis an die altbulgarische Grenze nachdraengt. Wie sollte er seinen Nachschub regeln, da wir die Bahnen und Strassen gruendlich zerstoert haben? Wir hoffen auch, dass in den bulgarischen Truppen bei Beruehrung mit dem heimatlichen Boden sich wieder Kraft und Verantwortungsgefuehl zusammenfinden. Die vorgeschlagene Operation ist nur moeglich, wenn Ueskueb so lange gehalten wird, bis die bulgarischen Truppen ueber Kalkandelen herankommen. Diese Aufgabe erscheint leicht, denn der Gegner folgt in der Tat ueber Gradsko hinaus mit nur verhaeltnismaessig schwachen Kraeften. Waehrend dieser Vorgaenge bleibt Sofia auffallend ruhig. Unsere dort eintreffenden Bataillone, die der Bevoelkerung zur Beruhigung, der Regierung zum Schutz und zur Stuetze dienen sollen, finden nichts von der gefuerchteten Aufregung. Das Leben macht freilich einen eigenartigen Eindruck, hervorgerufen durch die Scharen von Soldaten, die ausserhalb ihrer Verbaende durch die Stadt der Heimat zuziehen. Die Mannschaften liefern ihre Gewehre in die Waffendepots ab, verabschieden sich von Kameraden und Vorgesetzten, versichern sogar teilweise, dass sie wiederkommen wuerden, wenn sie nur erst einmal ihre Felder bestellt haetten. Ein eigenartiges Bild, ein merkwuerdiger Seelenzustand. Oder ein abgekartetes Spiel? Wir haben aber keinen Grund, ein solches bei den Soldaten vorauszusetzen. Dass es in dieser Aufloesung nicht ueberall friedlich zugeht, ist klar. Die Geruechte von schweren Ausschreitungen erweisen sich aber meist als uebertrieben. An der Front aendert sich die Lage nicht. Der Rueckzug der bulgarischen Massen dauert ununterbrochen an. Er ist auch gegen die schwachen Kraefte des verfolgenden Feindes nicht dauernd zum Halten zu bringen. Vergeblich versucht man einzelne Haufen, von geschlossenen Truppen kann man kaum noch sprechen, dazu zu bringen, die Front wieder gegen den Feind zu nehmen und wenigstens stellenweise einen geregelten Widerstand zu ordnen. Kommt der Gegner heran, so verlassen die Bulgaren schon nach wenigen Schuessen ihre Stellungen. Deutsche Truppen sind nicht mehr imstande, dem bulgarischen Widerstand einen Halt zu geben. Ebenso vergeblich ist das Bemuehen deutscher und bulgarischer Offiziere, mit dem Gewehre in der Hand durch ihr Beispiel auf die haltlose gleichgueltige Masse zu wirken. So naehert sich der Gegner Ueskueb, bevor neue deutsche und oesterreichisch-ungarische Truppen dort eintreffen koennen. Am 29. September treten aber starke Teile der rechten bulgarischen Armee bei Kalkandelen aus dem Gebirge. Sie brauchen von da nur noch auf guter Strasse nach Ueskueb zu ruecken. Die Truppen sind, wie uns gemeldet wird, durchaus kampffaehig. Die schwerste Krisis scheint demnach ueberwunden zu sein. Militaerisch mochte das der Fall sein, aber moralisch ist die Sache endgueltig verloren. Daran war bald nicht mehr zu zweifeln. Schwache serbische Kraefte haben Ueskueb besetzt. Die Truppen bei Kalkandelen versagen: sie kapitulieren. Am 29. September abends schliesst Bulgarien Waffenstillstand. Der Sturz der tuerkischen Macht in Asien Der Anfang des Jahres 1918 brachte einen kuehnen Aufschwung des osmanischen Kriegswillens. Die Tuerkei schritt, ehe noch der Winter im armenischen Hochlande zu Ende ging, zum Angriff gegen die dortigen russischen Armeen. Die russische Macht erwies sich in diesen Gebieten nur noch als Phantom. Die Masse der Truppen hatte sich bereits voellig aufgeloest. Der Vormarsch der Tuerken fand daher nur noch Widerstand bei armenischen Banden. Schwieriger als dessen Beseitigung war die Ueberwindung der Hindernisse, die in dieser Jahreszeit die Hochlandnatur den Tuerken in den Weg legte. Dass der Vormarsch trotzdem gelang, war eine jener merkwuerdigen Erscheinungen aufwallender Lebenskraft des osmanischen Staatswesens. Die Tuerkei warf sich ueber die Grenzen des osmanischen Armeniens hinaus auf die Gebiete Transkaukasiens, angetrieben durch verschiedene Beweggruende: Panislamitische Traeumereien, Rachegedanken, Hoffnung auf Entschaedigungen fuer bis jetzt verlorene Landesteile und Erwartung von Beute. Dazu kam noch ein weiteres, naemlich die Suche nach Menschenkraeften. Das Land, in erster Linie die Siedlungsgebiete der praechtigen Anatolier, ist in bezug auf Menschenkraefte voellig erschoepft. Im transkaukasischen Aserbeidschan und unter den kaukasischen Mohammedanern scheinen sich neue grosse Quellen zu eroeffnen. Russland hat diese Mohammedaner zu dem regelmaessigen Militaerdienst nicht herangezogen, nun sollen sie unter dem Halbmond fechten. Die Zahlen der voraussichtlichen Freiwilligen, die uns mitgeteilt werden, zeigen die Ueppigkeit der orientalischen Phantasie. Auch muesste man, wenn man den osmanischen Mitteilungen glauben sollte, annehmen, dass die mohammedanischen Voelker Russlands seit langem keine hoehere Sehnsucht gekannt haetten, als mit dem tuerkischen Reiche zusammen ein einiges grosses geschlossenes Glaubensland zu bilden. Immerhin ist der Gedanke nicht von der Hand zu weisen, dass die Tuerkei sich in diesen Gebieten neue Kraefte erschliesst, und dass England sich gezwungen sehen wird, der Entwicklung dieser Vorgaenge sein besonderes Augenmerk zuzuwenden. Einstweilen ist es aber gut, mit nuechterner Wirklichkeit zu rechnen. Wir versuchen daher, auf die hochgehenden Wogen osmanischer Hoffnungen beruhigend einzuwirken, freilich nicht mit dem wuenschenswerten Erfolg. Man stimmt uns bei, dass die Hauptaufgabe der Tuerkei im Rahmen des Gesamtkrieges weit mehr in der Richtung auf Syrien und Mesopotamien zu suchen ist, als in derjenigen auf den Kaukasus und das Kaspische Meer. Was helfen aber Versprechungen und guter Wille in Konstantinopel, wenn die Fuehrer auf den entlegenen Kriegsschauplaetzen ihre eigenen Wege gehen! Um wenigstens einen Anteil an den reichen Vorraeten von Kriegsrohstoffen in Transkaukasien fuer die allgemeine Kriegfuehrung zu retten, senden wir Truppen nach Georgien. Wir hoffen, der dortigen Regierung den Aufbau eines geordneten Wirtschaftslebens zu ermoeglichen. Aber der Panislamismus und der Kriegswucher in Konstantinopel ruhen nicht eher, als bis Baku auch in die Hand der Tuerken faellt, und zwar zu einer Zeit, in der sich der Zusammenbruch der alten asiatischen Herrschaft der Tuerkei vollzieht. Auch die Absicht, ueber Transkaukasien in Persien entscheidenden Einfluss zu gewinnen, fuehrte die Tuerkei so weit in oestlicher Richtung vor. Man will durch Persien hindurch den englischen Operationen in Mesopotamien in die Flanke fallen, ein Plan, der an sich gut ist, dessen Durchfuehrung aber Zeit braucht. Es ist freilich zweifelhaft, ob wir diese Zeit finden werden. Vielleicht aber binden schon die ersten tuerkischen Bewegungen im noerdlichen Persien englische Kraefte und retten dadurch Mesopotamien fuer die Tuerkei. Wie durch das Weisse Meer ueber Archangelsk, so scheint England auch ueber das Kaspische Meer und ueber Baku sich einen Einfluss in Russland sichern zu wollen. Aus diesen Gruenden liegt die Durchfuehrung der osmanischen Plaene in Persien und in Transkaukasien auch in unserem Interesse. Nur haette demgegenueber die Verteidigung in Mesopotamien und besonders in Syrien nicht vernachlaessigt werden duerfen. Die Aufstellung einer verwendungsbereiten tuerkischen Reservearmee in der Gegend von Aleppo waere jedenfalls mit Ruecksicht auf alle operativen Moeglichkeiten des Englaenders suedlich des Taurus von mehr Wert gewesen, als groessere Operationen in Persien. In Mesopotamien ist die Lage seit dem Herbst 1917 nach der Karte betrachtet unveraendert geblieben. In Wirklichkeit hat sich aber in den Gegenden suedlich von Mosul fuer die tuerkischen Armeen eine Katastrophe vollzogen, freilich nicht unter Geschuetzdonner. Wie im armenischen Hochlande im Winter 1916/17, so gingen in der mesopotamischen Ebene im Winter 1917/18 die tuerkischen Soldaten in grosser Zahl zugrunde. Man spricht von 17.000, die in dortigen Stellungen verhungerten oder an den Folgen dieses Elendes starben. Ob die Zahl richtig ist, vermoegen wir nicht nachzupruefen. "Auch wer verhungert, stirbt den Heldentod", so versicherte uns ein Tuerke, nicht im Zynismus, sondern aus innerer ehrlichster Ueberzeugung. Nur noch Reste der ehemaligen tuerkischen Armee ueberleben in Mesopotamien das Fruehjahr. Es ist zweifelhaft, ob sie je wieder zu gefechtsfaehiger Staerke gebracht werden koennen. Man fragt sich, warum greift England in Mesopotamien nicht an? Oder besser gesagt, warum marschiert es nicht einfach vorwaerts? Genuegen die Schatten dieser osmanischen Macht, um ihren Gegner zur Innehaltung seines Programms kolonialer Kriegfuehrung zu veranlassen? Die englische Fuehrung mag fuer diese Vorsicht ihrer Operationen alle moeglichen Gruende anfuehren koennen, nur einen hat sie nicht, naemlich die Staerke des Gegners. Waehrend im armenischen Hochlande die tuerkische Wehrmacht nochmals einen Triumph feierte, hatten die Kaempfe in Syrien nicht geruht. Wiederholt kam es an der syrischen Front zu frontalen englischen Angriffen, ohne dass hierdurch die Lage wesentlich geaendert wurde. Im Fruehjahr 1918 schien die englische Kriegfuehrung dieses ewigen Einerleis endlich muede zu werden. Sie raffte sich zu einem neuen Gedanken auf und brach ueber Jericho in das Ostjordanland ein. Man nahm an, dass die Araberstaemme in diesem Gebiete das Auftreten ihrer Befreier vom tuerkischen Joch nur erwarteten, um sofort den osmanischen Armeen in den Ruecken zu fallen. Das Unternehmen scheiterte jedoch ziemlich ruhmlos vor geringen deutschen und tuerkischen Kraeften dank ausgezeichneter osmanischer Fuehrung. Die Lage an der syrischen Front wurde hierdurch in den Sommer hinein gerettet. In dieser Jahreszeit pflegte in jenen glutheissen Gebieten allgemeine Ruhe einzutreten. Es war jedoch mit Sicherheit zu erwarten, dass der Englaender im Herbste seine Angriffe in irgend einer Richtung wiederholen wuerde. Wir glaubten, dass die Zwischenzeit genuegend sei, um die Lage an der syrischen Front durch Zufuehrung neuer tuerkischer Kraefte zu festigen. Die inneren Schwierigkeiten im tuerkischen Staate dauerten auch im Jahre 1918 an. Der Tod des Sultans uebte nach aussen hin zunaechst keinen sichtbaren Einfluss aus. Im Innern begann allmaehlich eine Bewegung zur Besserung einzusetzen. Der neue Sultan war augenscheinlich ein Mann der Tat. Er zeigte den besten Willen, sich von der bisherigen Bevormundung durch das Komitee freizumachen und den schweren Staatsschaeden entgegenzutreten. Er waehlte die Maenner seiner Umgebung aus den Kreisen, die sich den alttuerkischen Richtungen zuneigten. Ich hatte den neuen Padischa als Thronfolger in Kreuznach kennen gelernt. Damals hatte ich die Ehre, ihn als meinen Gast zu sehen. Bei den Schwierigkeiten unmittelbaren sprachlichen Verkehrs, der Sultan sprach nur tuerkisch, war unsere Unterhaltung durch Dolmetscher im wesentlichen auf den Austausch von Ansprachen beschraenkt. Die Erwiderung des Thronfolgers auf meine Anrede trug einen sehr bundesfreundlichen Charakter. Diesem entsprach auch seine Haltung nach der Thronbesteigung. Der Sultan hatte vornehmlich die Absicht, auf das Heerwesen einen persoenlichen Einfluss auszuueben. Er wollte auch die Armeen in den entfernten Provinzen aufsuchen. Ob hierdurch wesentliche Maengel haetten beseitigt werden koennen, wage ich nicht zu entscheiden. Das Land war durch den Kriegszustand voellig erschoepft. Es konnte dem Heere kaum noch irgend welche neuen Kraefte bieten. So gelang es auch waehrend des Sommers nicht, die Verhaeltnisse an der syrischen Front wesentlich zu staerken. Es ist schwer zu entscheiden, inwieweit bei den geradezu klaeglichen Verbindungen dorthin ausreichenderes haette geleistet werden koennen. Die Zustaende in der Versorgung der Armee blieben schlecht. Die Truppe verhungerte nicht, aber sie lebte nahezu bestaendig in ungestilltem Hunger dahin, koerperlich muede, seelisch empfindungslos. Wie ich schon frueher anfuehrte, mussten wir auf das Wegziehen der deutschen Truppen aus der syrischen Front verzichten. Die dortige deutsche Fuehrung glaubte nur mit deutscher Hilfe die Lage als gesichert betrachten zu koennen. Man schaetzte freilich den Angriffsgeist der gegenueberstehenden englisch-indischen Armee besonders auf Grund von Aussagen mohammedanisch-indischer Ueberlaeufer nicht sehr hoch ein. Auch waren die bisherigen Leistungen der englischen Fuehrung so wenig eindrucksvoll, dass man sich zu der Hoffnung berechtigt fuehlte, mit den vorhandenen geringen Kraeften dem Feinde wenigstens die Moeglichkeit eines weiteren Widerstandes vortaeuschen zu koennen. Wie lange eine solche Taeuschung vorhielt, hing lediglich davon ab, ob sich der Gegner endlich einmal zu einer kraftvollen, geschlossenen Gefechtshandlung aufraffen und damit das Geruest des tuerkischen Widerstandes mit seinen schwachen deutschen Stuetzen umwerfen wuerde oder nicht. Am 19. September griff der Englaender ueberraschend den rechten tuerkischen Heeresfluegel in den Kuestenebenen an. Er durchbrach fast widerstandslos die dortigen Linien. Die Niederlage der beiden tuerkischen Armeen an der syrischen Front wurde durch das rasche Vordringen der indisch-australischen Reitergeschwader besiegelt. In diesen Tagen wurde die Tuerkei durch den bulgarischen Zusammenbruch ihres bisherigen Landschutzes in Europa beraubt. Konstantinopel war dadurch im ersten Augenblick auf der europaeischen Landseite voellig schutzlos. Die tuerkischen Truppen an den Dardanellen waren im Verlaufe der letzten Zeiten dauernd schlechter geworden. Aus ihnen holten die Armeen der entlegenen Provinzen alles heraus, was noch an Gefechtswert in ihnen steckte. Thrazien war mit Ausnahme einer schwachen kaum gefechtsfaehigen Kuestenbesatzung ungeschuetzt. Die Befestigungen der beruehmten Tschataldschalinie bestanden nur aus zerfallenen Schuetzengraeben, wie sie nach den Kaempfen der Jahre 1912/13 von den tuerkischen Truppen verlassen waren. Alles uebrige war nur in der Phantasie oder auf truegerischen Plaenen vorhanden. Man mag ueber diese Zustaende nachtraeglich den Kopf schuetteln, letzten Endes offenbart sich in ihnen doch der grosse Wille, alle vorhandenen Kraefte auf den entscheidenden Aussenposten zu verwenden. Wehe dann freilich, wenn der aeussere Schutzwall durchbrochen wurde, und sich die feindlichen Fluten in das Innere des Landes ergossen. Solch eine Flut bedrohte nunmehr das Herz des ganzen Landes. Unter den Eindruecken der ersten Nachrichten vom drohenden bulgarischen Zusammenbruch wurden aus Konstantinopel heraus einzelne rasch zusammengestellte Formationen an die Tschataldschalinie geworfen. Ein nennenswerter Widerstand waere jedoch mit ihnen nicht zu leisten gewesen. Mehr der moralischen als der praktischen Wirkung wegen ordneten wir die sofortige Ueberfuehrung von deutschen Landwehrformationen aus dem suedlichen Russland nach Konstantinopel an. Auch entschloss sich die Tuerkei dazu, alle aus Transkaukasien zurueckgerufenen Divisionen zunaechst nach Thrazien zu werfen. Bis jedoch nennenswerte Kraefte Konstantinopel erreichen konnten, musste geraume Zeit vergehen. Warum der Gegner diese Zeit nicht ausnutzte, um sich der Hauptstadt zu bemaechtigen, laesst sich nach den bis jetzt vorhandenen Quellen nicht feststellen. Nochmals blieb die Tuerkei vor einer unmittelbaren Katastrophe bewahrt. Der Eintritt einer solchen schien aber Ende September doch nur eine Frage von wenigen Tagen. Militaerisches und Politisches aus Oesterreich-Ungarn Nach den vergeblichen Angriffen des oesterreichisch-ungarischen Heeres in Oberitalien zeigte sich immer mehr, dass die Donaumonarchie ihre letzte und beste Staerke an dieses Unternehmen gesetzt hatte. Sie hatte nicht mehr so viel zahlenmaessige und sittliche Kraefte, um einen solchen Angriff wiederholen zu koennen. Die Verhaeltnisse dieses Heeres traten uns so recht deutlich in der Beschaffenheit der Divisionen vor Augen, die zu unserer Unterstuetzung an die Westfront geschickt wurden. Ihr sofortiger Einsatz war unmoeglich, wenn man spaeter groessere Kampfleistungen von ihnen verlangen wollte. Sie bedurften der Erholung, Schulung und besonders auch der Ausruestung. Diese Tatsachen wurden innerhalb der eintreffenden Truppen ebenso rueckhaltslos anerkannt wie von seiten des k. u. k. Armee-Oberkommandos. Alle oesterreichisch-ungarischen Befehlsstellen gaben sich die groesste Muehe, die im Westen verwendeten k. u. k. Truppen in verhaeltnismaessig kurzer Zeit ihrer kommenden Aufgabe entsprechend leistungsfaehig zu machen. Wenn das Ziel nicht voll und ganz erreicht wurde, so lag es wahrlich nicht an mangelnder Taetigkeit und Einsicht der Offiziere. Auch die Mannschaften zeigten sich in hohem Grade willig. Die grossen Verluste der oesterreichisch-ungarischen Wehrmacht in Italien, die mangelhaften Ersatzverhaeltnisse, die politische Unzuverlaessigkeit einzelner Truppenteile, die unsicheren Zustaende im Innern des Landes machten eine wirklich grosse und ausschlaggebende Unterstuetzung unserer Westfront leider unmoeglich. General von Arz musste sich angesichts dieser Verhaeltnisse in des Wortes vollster Bedeutung jede einzelne Division, die er uns schicken wollte, von der Seele reissen. Er selbst war von der grossen Bedeutung dieser Hilfe durchaus ueberzeugt. Ich vermag nicht zu sagen, ob man in allen oesterreichisch-ungarischen Kreisen von der gleichen Hilfsbereitschaft durchdrungen war, ob man ueberall die gleiche Dankesschuld uns gegenueber empfand, wie General von Arz. An den oesterreichisch-ungarischen Heeresfronten ereignete sich im Verlauf des Sommers nichts wesentliches. Die einzige bemerkenswerte kriegerische Leistung vollzog sich in diesem Zeitraume auf albanischem Boden. Dort hatte man sich jahrelang eigentlich tatenlos gegenuebergestanden, die Italiener, etwa ein verstaerktes Armeekorps, um Valona und oestlich, die Oesterreicher im noerdlichen Albanien. Der Kriegsschauplatz waere ohne jede militaerische Bedeutung gewesen, wenn er nicht einen Zusammenhang mit den mazedonischen Fronten gehabt haette. Bulgarien befuerchtete bestaendig, dass durch ein feindliches Vordringen westlich des Ochridasees die rechte Flanke seiner Heeresfront umfasst werden koennte. Militaerisch waere einem solchen feindlichen Unternehmen leicht durch Zuruecknahme des bulgarischen Westfluegels aus dem Gebiete von Ochrida in nordoestlicher Richtung zu begegnen gewesen. Allein die innerpolitischen Verhaeltnisse Bulgariens machten, wie ich das schon erwaehnt habe, damals jedes Zurueckziehen bulgarischer Truppen aus diesem besetzten Lande unmoeglich. Dazu kamen bulgarisch-oesterreichische Eifersuechteleien in Albanien, die mit Muehe von uns ausgeglichen worden waren. Man hat wiederholt die Frage gestellt, warum die Oesterreicher ihre italienischen Gegner nicht aus Valona vertrieben haben. Die ausserordentliche Wichtigkeit dieses Flottenstuetzpunktes als zweiter Torfluegel zur Sperrung der Adria war mit den Haenden zu greifen. Fuer eine solche Operation fehlte jedoch fuer Oesterreich-Ungarn die erste Voraussetzung, naemlich die entsprechende leistungsfaehige, rueckwaertige Verbindung in das Kampfgebiet an der Vojusa. Auf die See konnte ein solches Unternehmen nicht basiert werden, Landverbindungen waren aber in dem oeden albanischen Berglande vor dem Kriege nicht vorhanden, und Oesterreich-Ungarn konnte sie im Verlauf des Krieges dort nicht in genuegendem Umfang schaffen. Die oesterreichisch-ungarischen Operationen in Albanien befanden sich in einer Art von Dornroeschenschlaf, in dem sie nur zeitweise durch gegenseitige Unternehmungen geringeren Umfanges und noch geringerer Tatkraft gestoert wurden. Einen groesseren Ernst nahm die Lage in Albanien erst an, als die Italiener im Sommer 1918 zu einem breit entwickelten Angriff von der Meereskueste bis in die Gegend des Ochridasees schritten. Die schwachen, teilweise auch sehr vernachlaessigten oesterreichisch-ungarischen Verbaende wurden nach Norden zurueckgedrueckt. Sogleich erhob sich die bulgarische Sorge in Sofia und an der mazedonischen Grenze und verlangte unser Eingreifen als Oberste Kriegsleitung. Dieses Eingreifen vollzog sich in der Form eines Ersuchens an das k. u. k. Armee-Oberkommando, die oesterreichischen Kraefte in Albanien zu verstaerken, um auch weiterhin den Schutz der mazedonischen Flanke durchfuehren zu koennen. Die oesterreichisch-ungarische Heeresleitung entschloss sich darueber hinausgehend in Albanien zu einem Gegenangriff. Die Italiener wurden wieder zurueckgeschlagen. Es ist nicht klar zu erkennen, ob diese italienische Offensive irgend welche weiter gesteckten politischen und militaerischen Ziele im Auge hatte. Besonders muss ich die Frage offen lassen, ob sie mit dem spaeter einsetzenden Angriff der Entente gegen die Mitte der mazedonischen Front in irgendwelchem inneren Zusammenhang stand. Der oesterreichische Gegenangriff stellte angesichts der ganz ausserordentlichen Schwierigkeiten in den albanischen Gelaendeverhaeltnissen und der feindlichen zahlenmaessigen Ueberlegenheit eine sehr beachtenswerte Leistung dar. Sie verdient durchaus, von seiten unserer Bundesgenossen als solche gefeiert zu werden. Die inneren Verhaeltnisse Oesterreich-Ungarns hatten sich im Laufe des Jahres 1918 in der frueher erwaehnten bedenklichen Richtung weiter entwickelt. Die ungewoehnlichen Schwierigkeiten in der Volksernaehrung bedrohten Wien zeitweise geradezu mit einer Katastrophe. Da war es kein Wunder, dass die oesterreichisch-ungarischen Behoerden in dem Zusammenraffen greifbarer Verpflegungsbestaende, sei es in Rumaenien, sei es in der Ukraine, zu Massnahmen griffen, die unseren eigenen Interessen im hoechsten Grade entgegengesetzt waren. Unter den trueben politischen Verhaeltnissen Oesterreich-Ungarns war es nicht weiter erstaunlich, wenn uns von dort immer wieder erklaert wurde, dass eine Weiterfuehrung des Krieges ueber das Jahr 1918 hinaus von seiten der Donaumonarchie ausgeschlossen waere. Der Drang nach Abschluss der Feindseligkeiten aeusserte sich immer haeufiger und immer staerker. Ob dabei, wie behauptet wurde, auch der Ehrgeiz, die Rolle des Friedensbringers zu spielen, bei irgendwem einen wirklich ausschlaggebenden Einfluss ausuebte, lasse ich dahingestellt sein. Im Sommer erfolgte der Ruecktritt des Grafen Czernin von seinem Posten als Aussenminister. Als Grund gab der Graf selbst an, dass die von seinem Kaiser an den Prinzen Sixtus von Parma gerichteten Briefe einen unueberbrueckbaren Gegensatz zwischen ihm und seinem Herrn geschaffen haetten. Mir war der Graf nicht unsympathisch, trotz der mancherlei Gegensaetze, die zwischen seinen politischen Anschauungen und den meinigen bestanden, und die er uns gegenueber ebenso offen vertrat, wie wir die unserigen. Fuer mich war Graf Czernin der typische Vertreter der oesterreichisch-ungarischen Aussenpolitik. Er war klug und von scharfem Erkennen der Schwierigkeiten unserer gemeinsamen Lage sowie von zutreffender, rueckhaltsloser Kritik der Schwaechen des von ihm vertretenen Staatswesens. Seine politischen Plaene bewegten sich dabei aber weit mehr im Bestreben, ein Unheil zu vermeiden als unsere Erfolge auszunutzen. Fuer die Interessen seines Vaterlandes hatte der Graf zwar immer ein offenes Auge und ein weitem Herz, doch im auffallenden Gegensatz hierzu sah er in der Beurteilung unserer Gesamtlage das rettende Heil meist im Verzicht. Aus diesen Widerspruechen kam es, dass er fuer die Doppelmonarchie Erweiterung ihrer Machtsphaere anzustreben nicht aufhoerte, auch wenn er gleichzeitig uns Deutschen grosse Opfer fuer die Interessen der verbuendeten Gemeinschaft zumutete. Graf Czernin unterschaetzte, wie alle oesterreichisch-ungarischen Staatsmaenner dieser Zeit, die Leistungsfaehigkeit seines Vaterlandes. Sonst haette er nicht im Fruehjahr 1917 kurz nach seiner Amtsuebernahme von der Unmoeglichkeit weiteren Durchhaltens sprechen duerfen, obwohl die oesterreichisch-ungarische Kraft noch laenger ausreichte und auch bei der Geschaeftsniederlegung des Grafen noch keineswegs bei dem Erschoepfungstod angelangt war. Es lag in den Gedankenverbindungen des Grafen Czernin eine Art von Sichselbstaufgeben. Ob er dabei nicht imstande war, den Friedensbestrebungen seines Kaisers Widerstand zu leisten, oder ob er diese vielleicht in innerster Ueberzeugung unterstuetzte, vermochte ich waehrend seiner Amtsfuehrung nicht klar zu durchschauen. Jedenfalls verkannte der Graf die Gefahren, die in einer uebertriebenen und ganz besonders zu oft wiederholten Betonung der Friedensbereitschaft solchen Feinden wie den unserigen gegenueber enthalten waren. Nur so wird es verstaendlich, dass er in einer Zeit des scheinbar beginnenden Heranreifens unserer Unterseebooterfolge, des Misserfolges der feindlichen Fruehjahrsoffensive und der Rueckwirkung der staatlichen Aufloesung in Russland auf unsere Feinde die politische Ruhe verlor und die Friedensresolution im Deutschen Reichstage anregte. Ich war der Meinung, dass es Graf Czernin an der bundesbruederlichen Gesinnung uns gegenueber nicht fehlen lassen wollte, selbst als er uns bei den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk und Bukarest vor mancherlei Ueberraschungen stellte. Er befuerchtete damals wohl, dass die Donaumonarchie ein etwaiges Scheitern dieser Verhandlungen nicht ueberwinden koennte, und dass der Schrei nach Brot in Wien unbedingt eine baldige Vereinbarung mit der Ukraine forderte. Unter der aussenpolitischen Leitung Czernins fand die polnische Frage zwischen uns und Oesterreich-Ungarn keinen Abschluss. Eine Preisgabe ganz Polens an die Doppelmonarchie war und blieb aus den schon frueher beruehrten Gruenden fuer uns unannehmbar. Der Nachfolger des Grafen Czernin, Graf Burian, war mir aus seiner Taetigkeit als Aussenminister der vorczerninschen Zeit schon in Pless bekannt geworden. Bei der Umstaendlichkeit Burians, die bei allen wichtigeren Fragen zutage trat, konnte ich eine Erledigung des polnischen Problems in absehbarer Zeit nicht erhoffen. Ich muss auch offen eingestehen, dass meine Gedanken in der nunmehr folgenden Zeit von entscheidenderen Dingen in Anspruch genommen wurden als von so langwierigen, unfruchtbaren Verhandlungen. Bei seiner Wiederberufung als Aussenminister hatte Graf Burian das begreifliche Bestreben, moeglichst bald einen Ausweg aus unserer politischen Lage zu finden. Es war menschlich verstaendlich, dass er unter dem Eindruck der sich im besten verschlimmernden Kriegslage mit groesster Hartnaeckigkeit zum Frieden draengte. Nach meiner Anschauung sollte indessen keiner der verbuendeten Staaten aus dem Rahmen der politischen Einheitsfront heraustreten und dem Gegner Friedensangebote machen. Es war ein Irrtum, zu glauben, dass dadurch jetzt noch wesentliches fuer einen Einzelstaat oder fuer unsere Gesamtheit gebessert werden koenne. Der tuerkische Grosswesir, der in der ersten Septemberhaelfte in Spa weilte, beurteilte die Lage ganz ebenso wie wir. Auch Zar Ferdinand sprach noch zu gleichem Zeitpunkt davon, dass Friedensbestrebungen seines Landes ausserhalb des gemeinsamen Bundes nicht in Frage kommen koennten. Vielleicht ahnte der Zar damals aber schon, welch eine geringe Rolle Bulgarien als Machtfaktor in den gegnerischen Berechnungen nur noch spielte. Aus den angefuehrten Gruenden heraus fuehlte ich mich nicht veranlasst, den oesterreichisch-ungarischen Versuch, Mitte September mit der Entente einseitig einen friedlichen Vergleich anzuregen, fuer gluecklich zu halten. Die Gegner verhielten sich diesem Schritte gegenueber in der Tat auch voellig ablehnend. Sie uebersahen unsere damalige Lage schon zu klar, als dass sie sich auf Anbahnung eines Verhandlungsfriedens einlassen wollten. Die Frage weiterer Menschenopfer spielte fuer sie keine Rolle. Die Befuerchtung, dass wir Deutschen uns rasch wieder erholen koennten, wenn uns auch nur ein Augenblick der Ruhe gelassen wuerde, beherrschte voellig den feindlichen Gedankenkreis. So gewaltig war der Eindruck, den unsere Leistungen auf unsere Gegner gemacht hatten und vielleicht jetzt noch machten. Fuer uns ein stolzes Gefuehl mitten in alledem, was um uns zurzeit vorging und noch vorgehen sollte! Dem Ende entgegen Vom 29. September zum 26. Oktober Waere in dem Buch des grossen Krieges das Kapitel ueber das Heldentum des deutschen Heeres nicht schon laengst geschrieben gewesen, so wuerde es in dem letzten furchtbaren Ringen mit dem Blute unserer Soehne in ewig unausloeschlicher Schrift geschehen sein. Welch ungeheure Anforderungen wurden in diesen Wochen an die Koerper- und Seelenkraefte von Offizieren und Mannschaften aller Staebe und Truppenteile gestellt! Die Truppen mussten auch jetzt wieder von einem Kampf in den anderen geworfen, von einem Schlachtfeld auf das andere gefuehrt werden. Kaum, dass die sogenannten Ruhetage ausreichten, die zerschossenen oder zersprengten Verbaende neu zu ordnen, ihnen Ersatz zuzufuehren, die Bestaende aufgeloester Divisionen in die Truppenteile anderer einzuordnen. Offiziere wie Mannschaften begannen wohl zu ermatten, aber sie rissen sich immer wieder empor, wenn es galt, den feindlichen Anstuermen Halt zu gebieten. Offiziere aller Dienstgrade bis zu den hoeheren Staeben hinauf wurden Mitkaempfer in den vordersten Linien, teilweise mit dem Gewehr in der Hand. Zu befehlen gab es ja vielfach nichts anderes mehr als: "Aushalten bis zum Aeussersten." Ja: "Aushalten!" Welch eine Entsagung nach so vielen ruhmreichen Tagen glaenzender Erfolge. Fuer mich kann der Anblick solch todesmutigen Kaempfens nicht beeintraechtigt werden durch einzelne Bilder des Verzagens und des Versagens. In einem solchen entsagungsvollen Ringen, in dem jeder Aufschwung siegreichen Kraftgefuehles fehlt, muessen menschliche Schwaechen staerker zur Geltung kommen als sonstwo. Fuer zusammenhaengende Linien fehlte es an Kraeften. In Gruppen und Grueppchen leistet man Widerstand. Erfolgreich ist solcher nur, weil auch der Gegner sichtbar ermattet. Wo seine Panzerwagen nicht Bahn brechen, wo seine Artillerie nicht alles deutsche Kampfleben ertoetet hat, da schreitet er nur selten noch zu grossen Gefechtshandlungen. Er stuermt nicht auf unsern Widerstand los, er schleicht sich allmaehlich ein in unsere lueckenreichen, zerschmetterten Kampflinien. An dieser Tatsache hatte sich meine Hoffnung immer wieder aufgerichtet, die Hoffnung, aushalten zu koennen bis zur Erlahmung des Gegners. Wir haben keine neue Kraft mehr einzusetzen wie der Feind. Statt eines frischen Amerikas haben wir nur ermattete Bundesgenossen, und auch diese stehen hart vor dem Zusammenbruch. Wie lange wird unsere Front diese ungeheure Belastung noch zu tragen vermoegend? Ich stehe vor der Frage, vor der schwersten aller Fragen: "Wann muessen wir zu einem Ende kommen?" Wendet man sich in solchen Faellen an die grosse Lehrmeisterin der Menschheit, an die Geschichte, so ermahnt sie nicht zur Vorsicht, sondern zur Kuehnheit. Richte ich meine Blicke auf die Gestalt unseres groessten Koenigs, so erhalte ich die Antwort: "Durchhalten!" Gewiss, die Zeiten sind anders geworden, als sie es fast 160 Jahre frueher waren. Nicht ein geworbenes Heer, sondern das ganze Volk fuehrt den Krieg, ist in ihn hineingerissen, blutet und leidet. Aber die Menschheit ist im Grunde genommen die gleiche geblieben mit ihren Staerken und Schwaechen. Und wehe dem, der vorzeitig schwach wird. Alles vermag ich zu verantworten, dieses niemals! So tobt mit dem Kampf auf dem Schlachtfeld gleichzeitig ein anderer Kampf. Sein Schauplatz liegt in unserem Innern. Auch in diesem Kampfe stehen wir allein. Niemand raet uns als die eigene Ueberzeugung und das Gewissen. Nichts haelt uns aufrecht, als die Hoffnung und der Glaube. Sie bleiben in mir stark genug, um auch noch andere zu stuetzen. Aber immer dunkler wird es um uns! Mag auch der deutsche Mut an der Westfront dem Gegner noch immer den entscheidenden Durchbruch wehren, moegen Frankreich und England sichtlich ermatten, mag Amerikas erdrueckende Ueberlegenheit an einem Tage tausendfach ergebnislos bluten, so nehmen doch unsere Kraefte sichtlich ab. Sie werden um so frueher versagen, je bedrueckender die Nachrichten aus dem fernen Osten auf sie wirken. Wer schliesst die Luecke, wenn Bulgarien endgueltig zusammenbricht? Manches koennen wir wohl noch leisten, aber wir vermoegen nicht eine neue Front aufzubauen. Eine neue Armee ist freilich in Serbien in Bildung begriffen, aber wie schwach sind diese Truppen! Unser Alpenkorps hat kaum noch gefechtsfaehige Verbaende; eine der anrollenden oesterreichisch-ungarischen Divisionen wird fuer voellig unbrauchbar erklaert; sie besteht aus Tschechen, die voraussichtlich den Kampf verweigern. Liegt auch der Schauplatz in Syrien weit ab von der Entscheidung des Krieges, so zermuerbt die dortige Niederlage doch zweifellos den treuen tuerkischen Genossen, der nun auch in Europa wieder bedroht wird. Wie wird Rumaenien sich verhalten, was werden die grossen Truemmer Russlands tun? Alles dies draengt auf mich ein und erzwingt den Entschluss, nun doch ein Ende zu suchen, das heisst ein Ende in Ehren. Niemand wird sagen: "Zu frueh." In solchen Gedanken und mit dem gereiften Entschluss trifft mich mein Erster Generalquartiermeister am spaeten Nachmittag des 28. September. Ich sehe ihm an, was ihn zu mir fuehrt. Wie so oft seit dem 23. August 1914 fanden sich unsere Gedanken auch heute, bevor sie zu Worten geworden sind. Unser schwerster Entschluss wird auf gleicher Ueberzeugung gefasst. In den Vormittagsstunden des 29. September erfolgt unsere Beratung mit dem Staatssekretaer des Auswaertigen Amtes. Die Lage nach aussen wird von ihm mit wenig Worten gekennzeichnet: Bis jetzt alle Versuche eines friedlichen Ausgleichs mit den Gegnern gescheitert und keine Aussicht, durch Verhandlungen unter Vermittlung neutraler Maechte irgend eine Annaeherung an die feindlichen Staatslenker zu erreichen. Der Staatssekretaer bespricht dann die innere Lage der Heimat: die Revolution stehe vor der Tuere, man habe die Wahl, ihr mit Diktatur oder Nachgiebigkeit entgegenzutreten; parlamentarische Regierung sei das beste Abwehrmittel. Wirklich das beste? Wir wissen, welch gewaltige Belastungen wir der Heimat gerade jetzt durch unseren Schritt zum Waffenstillstand und Frieden auferlegen muessen, ein Schritt, der dort begreiflicherweise schwere Sorgen ueber die Lage an der Front und ueber unsere Zukunft ausloesen wird. In diesem Augenblick, wo so viele Hoffnung zu Grabe getragen, wo bitterste Enttaeuschung sich mit tiefster Erbitterung mengen wird, wo jeder nach einem festen Halt im Staatswesen blickt, sollen die politischen Leidenschaften in hoehere Wallung versetzt werden? In welcher Richtung werden sie ausschlagen? Sicherlich nicht in der Richtung der Erhaltung sondern in derjenigen der weiteren Zerstoerung. Die das Unkraut in unsere Saat gesaeet haben, werden die Zeit der Ernte fuer gekommen erachten. Wir beginnen, zu gleiten. Glaubt man durch Nachgiebigkeiten im eigenen Heim einen Gegner milder stimmen zu koennen, der sich durch das Schwert nicht zwingen liess? Fragt diejenigen unserer Soldaten, die im Vertrauen auf die feindlichen Verlockungen leider freiwillig die Waffen aus der Hand legten! Die feindliche Maske fiel gleichzeitig mit der deutschen Waffe. Die verblendeten Deutschen wurden nicht um ein Haar menschenwuerdiger behandelt als ihre sich bis zur letzten Kraft wehrenden Kameraden. Dies Bild im Kleinen wird sich im Grossen, ja im Groessten wiederholen. Wir muessen auch befuerchten, dass die Bildung einer neuen Regierung den Schritt, den wir so lange als moeglich hinausschoben, noch weiter verzoegern wird. Zu bald haben wir ihn wahrlich nicht getan. Soll er durch die staatliche Neuordnung verspaetet werden? Das sind meine Sorgen; sie gleichen denjenigen des Generals Ludendorff. Auf Grund unserer Beratung unterbreiten wir Seiner Majestaet dem Kaiser unseren Vorschlag zum Friedensschritt. Mir obliegt es, dem Allerhoechsten Kriegsherrn zur Begruendung des politischen Aktes die militaerische Lage zu schildern, deren jetziger Ernst dem Kaiser nicht unbekannt ist. Seine Majestaet billigt, was wir vortragen, mit festem, starkem Herzen. Wie immer bisher, so vermischen sich auch jetzt unsere Sorgen um das Heer mit denen um die Heimat. Kann das Eine nicht standhalten, so bricht auch das Andere zusammen. In dem gegenwaertigen Augenblick, mehr wie in jedem anderen vorher, muss sich dies beweisen. Mein Allerhoechster Kriegsherr kehrt in die Heimat zurueck, wohin ich ihm am 1. Oktober folge. Ich moechte dem Kaiser nahe sein, wenn er in diesen Tagen meiner beduerfen sollte. Politische Einwirkungen ausueben zu wollen, lag mir fern. Zu Aufschluessen fuer die sich neubildende Regierung war ich bereit und beantwortete ihre Anfragen, soweit dies nach meiner Ueberzeugung moeglich war. Ich hoffte, Pessimismus zu bekaempfen und Vertrauen wieder aufzurichten. Die innern Erschuetterungen erwiesen sich aber bereits als zu schwere, um diesen Zweck noch erreichen zu koennen. Ich selbst hatte auch damals noch die feste Zuversicht, dass wir dem Gegner trotz des Abnehmens unserer Kraefte das Betreten unseres vaterlaendischen Bodens monatelang verwehren konnten. Gelang dies, so war auch die politische Lage nicht hoffnungslos. Stillschweigende Voraussetzung war freilich hierbei, dass unsere Landesgrenzen nicht etwa von Osten oder Sueden bedroht wuerden, und dass die Heimat in ihrem Innern feststand. In der Nacht vom 4. auf den 5. Oktober erging unser Angebot an den Praesidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Die von ihm im Januar dieses Jahres aufgestellten Grundlinien fuer einen "gerechten Frieden" waren von uns angenommen worden. Uns selbst blieb zunaechst nur die Fortsetzung des Kampfes. Das Nachlassen der Spannkraft der Truppe, das Schwinden der Kaempferzahlen, die wiederholten Einbrueche des Gegners zwangen uns an der Westfront zu weiterem allmaehlichen Ausweichen in kuerzere Linien. Was ich der Reichsleitung am 3. Oktober erklaert hatte, wurde ausgefuehrt: Wir klammerten uns so viel wie moeglich an den feindlichen Boden. Die Bewegungen und Schlachten behielten den gleichen Charakter, wie seit Mitte August. Der Abnahme unserer Kampfkraft entsprach auch weiterhin eine gleiche Abnahme gegnerischer Angriffslust. Irrten sich die Feinde in dem Glauben, dass wir ganz zusammenbrechen, so irrten wir uns andererseits in der Hoffnung, dass die Gegner voellig erlahmen wuerden. So war der endgueltige Ausgang des Kampfes nicht mehr zu aendern, wenn es uns nicht gelang, ein Aufgebot letzter heimatlicher Kraft zustande zu bringen. Eine Massenerhebung des Volkes wuerde den Eindruck auf den Gegner und unser eigenes Heer nicht verfehlt haben. War aber eine solche brauchbare Lebensstaerke und opferwillige Masse noch vorhanden? Jedenfalls war unser Versuch, eine solche in die Front zu bringen, vergeblich. Die Heimat erlahmte frueher als das Heer. Unter diesen Umstaenden vermochten wir dem immer haerter werdenden Druck des Praesidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika keinen eindrucksvollen Widerstand entgegenzusetzen. Unsere Regierung gab nach in der Hoffnung auf Milde und Gerechtigkeit. Der deutsche Soldat und der deutsche Staatsmann gingen in verschiedenen Richtungen. Der eingetretene Riss wurde nicht mehr beseitigt. Mein letzter Versuch, zu einem vereinten Schlagen ergibt sich aus folgendem Brief an den Reichskanzler vom 24. Oktober 1918: "Euerer Grossherzoglichen Hoheit darf ich nicht verhehlen, dass ich in den letzten Reichstagsreden einen warmen Aufruf zu Gunsten und fuer die Armee schmerzlich vermisst habe. Ich habe von der neuen Regierung erhofft, dass sie alle Kraefte des gesamten Volkes in den Dienst der vaterlaendischen Verteidigung sammeln wuerde. Das ist nicht geschehen. Im Gegenteil, es ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur von Versoehnung, nicht aber von Bekaempfung des dem Vaterlande drohenden Feindes gesprochen. Dies hat auf die Armee erst niederdrueckend, dann erschuetternd gewirkt. Ernste Anzeichen beweisen dies. Zur Fuehrung der nationalen Verteidigung braucht die Armee nicht nur Menschen sondern den Geist der Ueberzeugung fuer die Notwendigkeit, zu kaempfen, und den seelischen Schwung fuer diese hohe Aufgabe. Euere Grossherzogliche Hoheit werden mit mir ueberzeugt sein, dass, in Anerkennung der durchschlagenden Bedeutung der Moral des Volkes in Waffen, Regierung und Volksvertretung solchen Geist in Heer und Volk hineintragen und erhalten muessen. An Euere Grossherzogliche Hoheit als das Haupt der neuen Regierung richte ich den ernsten Ruf, dieser heiligen Aufgabe zu entsprechen." Es war zu spaet. Die Politik forderte ihre Opfer; das erste wurde am 26. Oktober gebracht. Am Abend dieses Tages fuhr ich von der Reichshauptstadt, wohin ich mich mit meinem Ersten Generalquartiermeister zum Vortrag bei unserem Allerhoechsten Kriegsherrn begeben hatte, nach dem Grossen Hauptquartier zurueck. Ich war allein. Seine Majestaet hatte dem General Ludendorff den erbetenen Abschied bewilligt, meine gleiche Bitte abgeschlagen. Am folgenden Tage betrat ich die bisher gemeinsamen Arbeitsraeume wieder. Mir war zumute, wie wenn ich von der Beerdigung eines mir besonders teuren Toten in die veroedete Wohnung zurueckkehrte. Bis zum heutigen Tage, ich schreibe dies im September 1919, habe ich meinen vieljaehrigen treuen Gehilfen und Berater nicht wieder gesehen. Ich habe ihn in meinen Gedanken viel tausendmal gesucht und in meinem dankerfuellten Herzen stets gefunden! Vom 26. Oktober zum 9. November Mein Allerhoechster Kriegsherr verfuegte auf meine Bitte die Ernennung des Generals Groener zum Ersten Generalquartiermeister. Der General war mir aus seinen frueheren Kriegsverwendungen wohlbekannt. Ich wusste, dass er eine vortreffliche organisatorische Begabung und eine gruendliche Kenntnis der inneren Verhaeltnisse unseres Vaterlandes besass. Die kommenden gemeinsamen Zeiten brachten mir den reichlichen Beweis dafuer, dass ich mich in meinem neuen Mitarbeiter nicht getaeuscht hatte. Die Aufgaben, die des Generals harrten, waren ebenso schwierig als undankbar. Sie forderten eine rastlose Taetigkeit, eine volle Selbstentsagung und jeden Verzicht auf einen anderen Ruhm, als denjenigen hingebendster Pflichterfuellung, und auf jede andere Anerkennung, als diejenige seiner augenblicklichen Mitarbeiter. Wir alle kannten die Groesse und die Schwierigkeiten des Werkes, das seiner harrte. Unsere gesamte Lage begann sich immer weiter zu verschlechtern. Ich moechte sie nur in Streiflichtern beleuchten: Im Orient brach der letzte Widerstand des osmanisch-asiatischen Reiches zusammen. Mosul wie Aleppo fielen fast widerstandslos in die Haende der Gegner. Die mesopotamische wie die syrische Armee hatten aufgehoert, zu bestehen. Georgien musste von uns geraeumt werden, nicht weil wir militaerisch dazu gezwungen waren, sondern weil unsere wirtschaftlichen Plaene dort unausfuehrbar wurden oder wenigstens nicht mehr gewinnbringend gemacht werden konnten. Auch die Truppen, die wir zur Stuetze der Verteidigung Konstantinopels abgeschickt hatten, wurden zurueckgeholt. Die Entente griff aber Thrazien nicht an. Stambul sollte nicht fallen durch kuehne Heldentaten und eindrucksvolle Machtentfaltung. Der Grund hierfuer ist unbekannt. Er mag in sachlich fuer uns damals nicht verstaendlichen militaerischen Bedenken liegen; es koennen aber auch politische Erwaegungen hierbei fuer die Entente ausschlaggebend gewesen sein. Unsere deutsche Hilfe, die sonst noch in der Tuerkei stand, wurde in Richtung auf Konstantinopel zusammengezogen. Sie schied aus dem gemeinsam verteidigten Land, geachtet vom ritterlichen Osmanentum, dem wir in seinem Ringen auf Leben und Tod beigestanden hatten. Was sich dort jetzt gegen uns wandte, entsprang jenen Kreisen, die nunmehr ihren Weizen bluehen sahen, und die sich durch Hassesaeusserungen einen Vorschuss auf die Zuneigung der Neuankommenden zu erwerben suchten. Der eigentliche Osmane wusste, dass wir nicht nur zum jetzigen Kampfe, sondern auch zum spaeteren Neubau seines Staates hilfsbereit gewesen waren. Enver und Talaat Pascha traten von dem Schauplatz ihrer Taetigkeit ab, von ihren Gegnern beschimpft, sonst unbescholten. Aus Bulgarien waren unsere letzten Truppen abgerueckt. Auch ihnen folgte so manches dankbare Gefuehl und ehrliches Gedenken, am lebhaftesten ausgesprochen in einem Briefe, den der ehemalige Fuehrer des bulgarischen Heeres an mich in dieser Zeit richtete. Ich konnte mich des Eindruckes nicht erwehren, als ob aus den Zeilen das sprach, was ich so manchmal in den Aeusserungen dieses ehrlichen Offiziers zu fuehlen glaubte: "Waere ich politisch frei gewesen, so haette ich militaerisch anders gehandelt." Die Einsicht kam wohl zu spaet, bei ihm wie an anderen Stellen. Oesterreich-Ungarn loeste sich in seinem politischen Bestande wie in seiner Wehrkraft auf. Es gab nicht nur sich selbst, sondern auch unsere Landesgrenzen preis. In Ungarn erhob sich die Revolution im Hasse gegen die Deutschen. Konnte das ueberraschend wirken? Gehoerte dieser Hass nicht zum Stolze des Magyaren? Im Kriege hatte man freilich im Ungarlande anders empfunden, wenn der Russe an die Grenze pochte. Ein wiederholtes gewaltiges Pochen! Mit welchem Jubel waren die deutschen Truppen auch begruesst, mit welcher Hingebung verpflegt, selbst verwoehnt worden, als es sich darum handelte, Serbien niederzuschlagen. Welch eine Begeisterung empfing uns, als wir zur Wiedereroberung Siebenbuergens erschienen! Dankesbetaetigung ist im menschlichen Dasein selten, im staatlichen Leben noch weit seltener. Dagegen fanden wir in Rumaenien mehrfach offenen Dank. Man sah dort ein, dass ohne Zertruemmerung Russlands ein freies rumaenisches Leben sich nicht haette verwirklichen lassen. Wenn jetzt in Deutschland einzelne Kreise auf den Hass ehemaliger Bundesgenossen gegen uns hinweisen und darin einen Beweis unserer verfehlten politischen und militaerischen Haltung erblicken, so uebersehen sie dabei wohl, dass Ausbrueche des Hasses aus Freundesmund auch im feindlichen Lager ertoenten. Ballten sich doch Faeuste franzoesischer Soldaten vor unseren Augen unter Schimpfworten gegen den englischen Bundesgenossen. Riefen doch franzoesische Stimmen zu uns herueber: "Heute mit England gegen Euch, morgen mit Euch gegen England!" Schrie doch ein franzoesischer Soldat im Maerz des Jahres 1918, hinweisend auf die Truemmer des Domes von St. Quentin, seinen englischen mit ihm gefangenen Waffengenossen zornesbebend zu: "Das waret Ihr!" Ich hoffe, dass die Aeusserungen des Missverstehens zwischen uns und unsern ehemaligen Verbuendeten mehr und mehr verstummen werden, wenn die duestern Nebel sich verziehen, die die Wahrheit verhuellen, und die unsern bisherigen Kampfgenossen zur Zeit den freien Blick auf die gemeinsamen Ruhmesfelder nehmen, auf denen das deutsche Leben zur Verwirklichung auch ihrer Plaene und Traeume eingesetzt wurde. Der Zusammenbruch zeigt sich von Ende Oktober ab ueberall; nur an der Westfront wussten wir ihn immer noch zu verhindern. Schwaecher wurde dort der feindliche Andrang, matter aber freilich auch unser Widerstand. Immer kleiner wurde die Zahl der deutschen Truppen, immer groesser wurden die freien Luecken in den Verteidigungsstellungen. Nur wenige frische deutsche Divisionen, und Grosses haette geleistet werden koennen. Vergebliche Wuensche, eitle Hoffnungen! Wir sinken, denn die Heimat sinkt. Sie kann uns kein neues frisches Leben mehr geben, ihre Kraft ist verbraucht! General Groener begibt sich am 1. November zur Front. Das Zuruecknehmen unserer Verteidigung in die Stellung Antwerpen-Maas ist unsere demnaechstige Sorge. Der Entschluss ist einfach, die Ausfuehrung schwer. Kostbarstes Kampfmaterial liegt noch feindwaerts in dieser Linie, doch kostbarer als dessen Rettung ist fuer uns die Zurueckfuehrung von 80.000 Verwundeten in den vorwaerts befindlichen Lazaretten. So wird die Durchfuehrung des Entschlusses aus Dankesgefuehlen, die wir unseren blutenden Kameraden schulden, verzoegert. Dauernd kann freilich die jetzige Lage nicht mehr gehalten werden. Dazu sind unsere Kraefte nunmehr zu schwach und zu muede geworden. Dazu ist der Druck zu stark, der von den frischen amerikanischen Massen auf unsere empfindlichste Stelle im Maasgebiet ausgeuebt wird. Der Kampf dieser Massen wird aber die Vereinigten Staaten fuer die Zukunft belehrt haben, dass das Kriegshandwerk nicht in wenigen Monaten zu erlernen ist, dass die Unkenntnis dieses Handwerkes im Ernstfalle Stroeme von Blut kostet. Mit der deutschen Kampflinie haelt damals auch noch die Etappe, der Lebensnerv, der zur Heimat fuehrt. Duestere Bilder zeigen sich freilich hier und da, aber in der Gesamtheit ist noch innerer Halt. Lange wird es indessen nicht mehr dauern koennen. Die Spannung ist auf das aeusserste gestiegen. Erfolgt irgend wo eine Erschuetterung, sei es in Heimat oder Heer, so ist der Zusammenbruch unvermeidlich. Das sind meine Eindruecke in den ersten Tagen des November. Die befuerchtete Erschuetterung kuendigt sich an. In der Heimat regt es sich mit Gewalt. Der Umsturz beginnt. Noch am 5. November eilt General Groener in die Reichshauptstadt, da er voraussieht, was kommen muss, wenn man jetzt in den letzten Stunden nicht zusammenhaelt. Er tritt fuer seinen Kaiser ein und schildert die Folgen, wenn man dem Heere sein Haupt nimmt. Umsonst! Der Umsturz ist schon in unaufhaltsamem Marsche, und nur durch Zufall entgeht der General auf der Rueckreise ins Hauptquartier den Haenden der Revolutionaere. Das ist am Abend des 6. November. Ein Fieber beginnt nunmehr den ganzen Volkskoerper zu schuetteln. Ruhiges Ueberlegen schwindet. Man denkt nicht mehr an die Folgen fuer das Ganze, sondern nur noch an das Durchsetzen eigener Leidenschaften. Diese machen nicht mehr Halt vor den wahnwitzigsten Plaenen. Denn gibt es einen wahnwitzigeren, als den, dem Heere das weitere Leben unmoeglich zu machen? War je ein groesseres Verbrechen menschlichem Denken und menschlichem Hasse entsprungen? Der Koerper wird nach aussen machtlos; zwar schlaegt er noch um sich, aber er stirbt. Ist es ueberraschend, dass der Gegner mit solch einem Koerper macht, was er will, dass er seine harten Bedingungen noch haerter auslegt, als er sie geschrieben hat? Alle Versprechungen, die die gegnerische Propaganda uns verkuendet hatte, sind verstummt. Die Rache tritt in ihrer nackten Gestalt auf: "Wehe dem Besiegten!" Ein Wort, das aber nicht nur dem Hasse sondern auch der Furcht entspringt. So ist die Lage am 9. November. Das Drama schliesst an diesem Tage nicht, erhaelt aber eine neue Farbe. Der Umsturz siegt. Verweilen wir nicht bei seinen Gruenden. Er trifft zunaechst vernichtend die Stuetze des Heeres, den deutschen Offizier. Er reisst ihm, wie ein Fremdlaender sagt, den verdienten Lorbeer vom Haupte und drueckt ihm die Dornenkrone des Martyriums auf die blutende Stirne. Der Vergleich ist ergreifend in seiner Wahrheit. Moege er jedem Deutschen zum Herzen sprechen! Das aeussere Zeichen des Sieges der neuen Gewalt ist der Sturz der Throne. Auch das deutsche Kaisertum faellt. Man verkuendet im Vaterlande die Thronentsagung seines Kaisers und Koenigs, ehe der Entschluss dazu von diesem gefasst ist. Auf dunklem Wege vollzieht sich so manches in diesen Tagen und Stunden, was dem Lichte der Geschichte hoffentlich dereinst nicht entgehen wird. Der Gedanke wird erwogen, mit unseren Fronttruppen in der Heimat Ordnung zu schaffen. Jedoch zahlreiche Kommandeure, Maenner, wuerdig des groessten Vertrauens und faehig des tiefsten Einblickes, erklaeren, dass unsere Truppen zwar noch die Front nach dem Feinde behalten werden, dass sie aber die Front gegen die Heimat nicht nehmen wuerden. Ich bin meinem Allerhoechsten Kriegsherrn in jenen Stunden zur Seite. Er uebertraegt mir die Aufgabe, das Heer in die Heimat zurueckzufuehren. Als ich am Nachmittag des 9. November meinen Kaiser verlasse, sollte ich ihn nicht mehr wiedersehen! Er war gegangen, um dem Vaterlande neue Opfer zu ersparen, um ihm guenstigere Friedensbedingungen zu schaffen. Mitten in dieser gewaltigsten kriegerischen und politischen Spannung verlor das deutsche Heer seinen innersten Halt. Fuer hunderttausende getreuer Offiziere und Soldaten wankte damit der Untergrund ihres Fuehlens und Denkens. Schwerste innere Konflikte bahnten sich an. Ich glaubte, vielen der Besten die Loesung dieser Konflikte zu erleichtern, wenn ich voranschritte auf dem Wege, den mir der Wille meines Kaisers, meine Liebe zu Vaterland und Heer und mein Pflichtgefuehl wiesen. Ich blieb auf meinem Posten. Mein Abschied Wir waren am Ende! Wie Siegfried unter dem hinterlistigen Speerwurf des grimmen Hagen, so stuerzte unsere ermattete Front; vergebens hatte sie versucht, aus dem versiegenden Quell der heimatlichen Kraft neues Leben zu trinken. Unsere Aufgabe war es nunmehr, das Dasein der uebriggebliebenen Kraefte unseres Heeres fuer den spaetern Aufbau des Vaterlandes zu retten. Die Gegenwart war verloren. So blieb nur die Hoffnung auf die Zukunft. Heran an die Arbeit! Ich verstehe den Gedanken an Weltflucht, der sich vieler Offiziere angesichts des Zusammenbruches alles dessen, was ihnen lieb und teuer war, bemaechtigte. Die Sehnsucht, "nichts mehr wissen zu wollen" von einer Welt, in der die aufgewuehlten Leidenschaften den wahren Wertkern unseres Volkes bis zur Unkenntlichkeit entstellten, ist menschlich begreiflich und doch - ich muss es offen aussprechen, wie ich denke: Kameraden der einst so grossen, stolzen deutschen Armee! Koenntet ihr vom Verzagen sprechen? Denkt an die Maenner, die uns vor mehr als hundert Jahren ein innerlich neues Vaterland schufen. Ihre Religion war der Glaube an sich selbst und an die Heiligkeit ihrer Sache. Sie schufen das neue Vaterland, nicht es gruendend auf eine uns wesensfremde Doktrinwut, sondern es aufbauend auf den Grundlagen freier Entwicklung des einzelnen in dem Rahmen und in der Verpflichtung des Gesamtwohles! Diesen selben Weg wird auch Deutschland wieder gehen, wenn es nur erst einmal wieder zu gehen vermag. Ich habe die feste Zuversicht, dass auch diesmal, wie in jenen Zeiten, der Zusammenhang mit unserer grossen reichen Vergangenheit gewahrt, und wo er vernichtet wurde, wieder hergestellt wird. Der alte deutsche Geist wird sich wieder durchsetzen, wenn auch erst nach den schwersten Laeuterungen in dem Glutofen von Leiden und Leidenschaften. Unsere Gegner kannten die Kraft dieses Geistes; sie bewunderten und hassten ihn in der Werktaetigkeit des Friedens, sie staunten ihn an und fuerchteten ihn auf den Schlachtfeldern des grossen Krieges. Sie suchten unsere Staerke mit dem leeren Worte "Organisation" ihren Voelkern begreiflich zu machen. Den Geist, der sich diese Huelle schuf, in ihr lebte und wirkte, den verschwiegen sie ihnen. Mit diesem Geiste und in ihm wollen wir aber aufs neue mutvoll wieder aufbauen. Deutschland, das Aufnahme- und Ausstrahlungszentrum so vieler unerschoepflicher Werte menschlicher Zivilisation und Kultur, wird so lange nicht zu Grunde gehen, als es den Glauben behaelt an seine grosse weltgeschichtliche Sendung. Ich habe das sichere Vertrauen, dass es der Gedankentiefe und der Gedankenstaerke der Besten unseres Vaterlandes gelingen wird, neue Ideen mit den kostbaren Schaetzen der frueheren Zeit zu verschmelzen und aus ihnen vereint dauernde Werte zu praegen, zum Heile unseres Vaterlandes. Das ist die felsenfeste Ueberzeugung, mit der ich die blutige Wahlstatt des Voelkerkampfes verliess. Ich habe das Heldenringen meines Vaterlandes gesehen und glaube nie und nimmermehr, dass es sein Todesringen gewesen ist. Man hat mir die Frage gestellt, worauf ich in den schwersten Stunden des Krieges meine Hoffnung auf unseren Endsieg stuetzte. Ich konnte nur auf meinen Glauben an die Gerechtigkeit unserer Sache, auf mein Vertrauen zu Vaterland und Heer hinweisen. Die ernsten Stunden dieses jahrelangen Kampfes und seiner Folgezeit bestand ich in Gedanken und Gefuehlen, fuer die ich nirgends einen besseren Ausdruck finde, als in den Worten, die der nachmalige preussische Kriegsminister, Generalfeldmarschall Herrmann v. Boyen, im Jahre 1811, inmitten der groessten politischen und militaerischen Noete unseres geknechteten Heimatlandes, an seinen Koenig schrieb: "Ich uebersehe das Gefahrvolle unserer Lage keineswegs, aber da, wo nur zwischen Unterjochung oder Ehre zu waehlen sein duerfte, da gibt mir die Religion Kraft, alles das zu tun, was das Recht und die Pflicht fordert. Niemals kann der Mensch mit Gewissheit den Ausgang eines begonnenen Unternehmens vorhersehen, aber der, der nach hoeherer Ueberzeugung nur seinen Pflichten lebt, traegt einen Schild um sich, der in jeder Lage des Lebens, es komme auch, wie es wolle, ihm Beruhigung gibt und auch oft selbst zu einem gluecklichen Ausgang fuehrt. Es ist dies nicht die Sprache aufgeregter Schwaermerei, sondern der Ausdruck eines religioesen Gefuehles, das ich meinen Erziehern danke, die mich frueh schon Koenig und Vaterland als das Heiligste auf Erden lieben lehrten." Gegenwaertig hat eine Sturmflut wilder politischer Leidenschaften und toenender Redensarten unsere ganze fruehere staatliche Auffassung unter sich vergraben, anscheinend alle heiligen Ueberlieferungen vernichtet. Aber diese Flut wird sich wieder verlaufen. Dann wird aus dem ewig bewegten Meere voelkischen Lebens jener Felsen wieder auftauchen, an den sich einst die Hoffnung unserer Vaeter geklammert hat, und auf dem vor fast einem halben Jahrhundert durch unsere Kraft des Vaterlandes Zukunft vertrauensvoll begruendet wurde: Das deutsche Kaisertum! Ist so erst der nationale Gedanke, das nationale Bewusstsein wieder erstanden, dann werden fuer uns aus dem grossen Kriege, auf den kein Volk mit berechtigterem Stolz und reinerem Gewissen zurueckblicken kann als das unsere, so lange es treu war, sowie auch aus dem bitteren Ernst der jetzigen Tage sittlich wertvolle Fruechte reifen. Das Blut aller derer, die im Glauben an Deutschlands Groesse gefallen sind, ist dann nicht vergeblich geflossen. In dieser Zuversicht lege ich die Feder aus der Hand und baue fest auf Dich - Du deutsche Jugend! PERSONENVERZEICHNIS _Albrecht von Preussen_, Prinz 28. _Alexander von Preussen_, Prinz 49. 54. _Anton von Hohenzollern_, Prinz 24. 25. _Arz_, von, General 236. 309. 384. _August von Wuerttemberg_, Prinz 33. _Augusta Victoria_, Deutsche Kaiserin 61. _Bartenwerffer_, von, Oberst 52. _Bazaine_, Marschall 30. _Below_, von, General 87. _Bernhardi_, von, General der Kavallerie 43. 49. _Bernstorff_, Graf 214. 230. 232. _Bethmann Hollweg_, von, Reichskanzler 131. 147. 211. 233. 284. 285. _Bismarck_, Otto, Fuerst 39. 45. 74. 200. 201. 215. _Bluecher_, General 27. 77. 110. 234. 328. _Blumenthal_, von, General 21. _Boelcke_, Hauptmann 175. _Boris_, Kronprinz von Bulgarien 162. 374. _Bothmer_, Graf, General 143. _Boyen_, Herrmann von 405. _Bronsart_, von, General 57. _Brussilow_, General 142. 249. _Buelow_, von, Generalfeldmarschall 49. 62. _Burian_, Baron, Minister 210. 388. _Cadorna_, General 261. 262. _Canrobert_, Marschall 33. _Clausewitz_, General 101. 234. _Clemenceau_, Ministerpraesident 293. _Conrad von Hoetzendorf_, Generaloberst 123. 163. 180. 224. 225. 236. 261. _Czernin_, Graf, Minister 309. 386. 387. 388. _Duncker_, Geheimrat, Historiker 49. _Eichhorn_, Generalfeldmarschall 49. 123. _Elisabeth_, Koenigin 13. -, Grossherzogin von Oldenburg 59. _Enver Pascha_, Generalissimus 154. 159. 164. 165. 180. 188. 190. 207. 208. 270. 272. 275. 310. 398. _Escherich_, Forstmeister 133. _Ewert_, Generaladjutant 139. _Falkenhayn_, von, General 148. 183. 184. 185. 203. 273. 276. _Ferdinand_, Zar von Bulgarien 162. 206. 275. 374. 389. _Fichte_, Philosoph 176. _Foch_, General 340. 341. 347. 351. 364. _Francois_, von, General 86. 88. 90. _Franz Joseph I._, Kaiser von Oesterreich 163. _Freytag-Loringhoven_, von, General 57. _Friedrich II._, Erbgrossherzog von Baden 60. _Friedrich August II._, Grossherzog von Oldenburg 59. _Friedrich Karl_, Prinz 20. 54. 55. _Friedrich Wilhelm I._, Koenig von Preussen 281. _Friedrich der Grosse_ 17. 234. _Friedrich Wilhelm IV._, Koenig von Preussen 13. _Friedrich III._, Deutscher Kaiser 13. 21. 56. _Gallwitz_, von, General 128. _Gneisenau_, General 27. 77. 110. _Goltz_, von der, General 99. _Groeben_, von der 5. _Groener_, General 397. 400. 401. _Hakki_, Ismail, Generalintendant 279. _Hann von Weyherrn_, General 51. _Helldorff_, von, Major 31. -, von, Leutnant (Sohn des Majors) 31. _Hertling_, Graf, Reichskanzler 286. 306. 363. _Hintze_, Staatssekretaer 393. _Hutier_, von, General 57. 137. _Jekoff_, General 165. 177. 180. 182. 189. 206. 309. 398. _Joseph II._, Deutscher Kaiser 26. _Kaemmerer_, Major 172. _Kerenski_, Minister 249. 250. 251. 254. _Kessler_, Oberst 49. _Kobelt_, Lehrer 7. _Koenig_, Kapitaen 175. _Krupp_, Grossindustrieller 327. _Lansdowne_, Lord 290. _Lauenstein_, von, General 57. _Lenin_, Minister 305. _Leopold von Bayern_, Prinz 61. _Linsingen_, von, Hauptmann 172. 173. _Ludendorff_, General 75. 76. 77. 78. 102. 112. 122. 128. 131. 133. 147. 169. 170. 171. 197. 215. 242. 347. 392. 394. 396. 397. _Ludwig III._, Koenig von Bayern 286. _Luitpold_, Prinzregent von Bayern 62. _Luettwitz_, von, General 57. _Mac Mahon_, Marschall 37. _Mackensen_, Feldmarschall 87. 90. 109. 110. 112. 180. 182. 183. 185. 256. _Massenbach_, von, Rittergutsbesitzer 8. _Michaelis_, Dr., Reichskanzler 285. _Miroslawski_, polnischer Fuehrer 7. _Moltke_, Graf, Feldmarschall 39. 49. 54. 55. 56. 74. 200. -, von, Generaloberst, Generalstabschef 75. 76. _Napoleon I._, Kaiser 4. 234. _Napoleon III._, Kaiser 37. 40. _Nikolaij-Nikolaijewitsch_, Grossfuerst 107. _Nikolaus II._, Zar von Russland 246. _Nivelle_, Feldmarschall 241. 242. _Pape_, von, Generalleutnant 35. _Petersdorff_, von, Oberst 51. _Pless_, von, Fuerst 235. _Radoslawow_, Ministerpraesident 167. 205. 282. 367. _Rappard_, von, Frau 8. _Rennenkampf_, General 76. 80. 81. 82. 83. 85. 86. 87. 88. 90. 91. 93. 94. 95. 97. 98. 100. 101. _Richter_, Professor, Historiker 49. _Richthofen_, von, Rittmeister 175. _Roon_, von, Generalfeldmarschall 56. _Samsonoff_, General 76. 80. 81. 82. 85. 87. 88. 89. 90. 92. 94. _Sarrail_, General 149. 177. 178. 182. 187. _Schakir Bey_, Generalstabsoffizier 57. _Scharnhorst_, General 27. 275. _Schlieffen_, Graf von, General 53. _Scholtz_, von, General 86. 88. _Schwerin_, Graf, Feldmarschall 26. _Schwickart_, Generalarzt 5. _Seegenberg_, von, Major 29. _Seel_, von, Major 29. 36. _Sievers_, General 124. _Sixtus von Parma_, Prinz 386. _Skobeleff_, General 51. _Sperling_, von, General 51. _Stein_, von, General 57. _Steinmetz_, von, General 20. _Sven Hedin_, Forschungsreisender 131. _Talaat Pascha_, Grosswesir 166. 167. 208. 389. 398. _Tewfyk Effendi_, Generalstabsoffizier 57. _Tirpitz_, von, Grossadmiral 131. 132. _Tisza_, Graf, Minister 173. _Trotzki_, Minister 305. 306. 338. _Verdy du Vernois_, von, General und Kriegsminister 52. 58. _Villaume_, Hauptmann 49. _Vogel von Falckenstein_, General 54. 60. _Waldersee_, Graf, Major 24. -, General 51. 54. _Wartensleben_, Graf, General 62. _Wilhelm I._, Deutscher Kaiser 7. 13. 215. _Wilhelm II._, Deutscher Kaiser 54. 57. 90. 112. 124. 144. 147. 161. 170. 187. 194. 197. 211. 236. 237. 259. 273. 306. 312. 314. 315. 333. 394. 396. 397. 402. _Wilhelm_, Deutscher Kronprinz 196. _Wilson_, Praesident der Vereinigten Staaten 132. 211. 212. 213. 214. 231. 232. 395. _Winterfeldt_, von, General 54. 55. _Wittich_, von, Oberstleutnant 11. 12. 49. _Woyrsch_, von, Feldmarschall 24. 113. _York_, General 9. _Zeppelin_, Graf 175. _Zingler_, von, Oberstleutnant 51. Gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei; Papier von H. H. Ullstein; Einband von H. Fikentscher, Julius Hager, Huebel & Denck, Leipziger Buchbinderei A.-G. vorm. G. Fritzsche und Spamersche Buchbinderei, saemtliche in Leipzig. Druckaufsicht und Einbandentwurf von _Walter Tiemann_ Verlag von S. Hirzel in Leipzig --------------------------------------------------- Heinrich von Treitschke: Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert Fuenf Baende 10. Auflage Gebunden 190 Mark ------------------------------------------------------------------ Briefe Herausgegeben von Max Cornicelius Drei Baende 2. Auflage Gebunden 112,80 Mark ------------------------------------------------------------------ Politik Vorlesungen, gehalten an der Universitaet Berlin Herausgegeben von Max Cornicelius Zwei Baende 4. Auflage Gebunden 47 Mark ------------------------------------------------------------------ Historische und Politische Aufsaetze Vier Baende 8. Auflage Gebunden 81,60 Mark ------------------------------------------------------------------ Im Sommer 1920 liegt vollstaendig vor: Eine Weltreise 1911/1912 und Der Zusammenbruch Deutschlands Eindruecke und Betrachtungen aus den Jahren 1911-1914 mit einem Nachwort aus dem Jahre 1919 von Friedrich von Bernhardi General der Kavallerie z. D. * Drei Baende ------------------------------------------------------------------ Im Sommer 1920 erscheint: Freiherr vom Stein von Professor Dr. Max Lehmann Geheimer Regierungsrat * Volksausgabe in einem Bande BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr roemische Zahlen (in der elektronischen Fassung ohne Hervorhebung wiedergegeben, ebenso die Abkuerzung "km") und einzelne Woerter aus fremden Sprachen (hier durch Unterstrich [_] gekennzeichnet). Gesperrt gesetzt sind die zweite Hierarchieebene im Inhaltsverzeichnis (hier ohne Hervorhebung wiedergegeben) und die Namen im Personenverzeichnis (hier durch Unterstrich gekennzeichnet). Fuenf- und sechsstellige Zahlen sind im Original durch schmales Spatium untergliedert, das hier durch einen Punkt ersetzt ist. In der Originalausgabe sind laengere Zitate in den meisten Faellen mit Anfuehrungszeichen am Beginn jeder Zeile versehen. In der elektronischen Fassung sind sie stattdessen durch Einrueckung gekennzeichnet. Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern: Seite IX: "139" in "140" geaendert (zweimal) Seite IX: "Befehlbereichs" in "Befehlsbereichs" geaendert Seite 8: "derem" in "deren" geaendert (eventuell kein Druckfehler, sondern sprachliche Ungenauigkeit des Verfassers) Seite 24: "hin" in "hin-" geaendert Seite 59: "frohen" in "frohe" geaendert Seite 148: Punkt ergaenzt (nach "aufgegeben") Seite 189: "1916" in "1917" geaendert Seite 193: "uberwunden" in "ueberwunden" geaendert Seite 202: Punkt ergaenzt (nach "fuer uns in sich") Seite 398: "Talaat-Pascha" in "Talaat Pascha" geaendert Seite 407: Komma ergaenzt (vor "Grossherzogin von Oldenburg") Seite 408: Punkt ergaenzt (nach "110") Nicht vereinheitlicht wurden Variationen in der Schreibweise wie "San-Muendung" und "Sanmuendung", "Doiran-See" und "Doiransee", "Padischa" und "Padischah", "Gefangenschaft" und "Gefangenenschaft", "Entwicklung" und "Entwickelung". Die deutsche Form "infanterie" in einem englischen Zitat (S. 334) wurde nicht korrigiert, ebensowenig die alphabetische Einordnung von Sven Hedin im Personenverzeichnis unter "S". ***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM LEBEN*** CREDITS December 17, 2009 Project Gutenberg TEI edition 1 Produced by Norbert H. Langkau, Stefan Cramme, and the Online Distributed Proofreading Team at . A WORD FROM PROJECT GUTENBERG This file should be named 30695.txt or 30695.zip. This and all associated files of various formats will be found in: http://www.gutenberg.org/dirs/3/0/6/9/30695/ Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be renamed. Creating the works from public domain print editions means that no one owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United States without permission and without paying copyright royalties. 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To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit 501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws. The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information can be found at the Foundation's web site and official page at http://www.pglaf.org For additional contact information: Dr. Gregory B. Newby Chief Executive and Director gbnewby@pglaf.org Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread public support and donations to carry out its mission of increasing the number of public domain and licensed works that can be freely distributed in machine readable form accessible by the widest array of equipment including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS. The Foundation is committed to complying with the laws regulating charities and charitable donations in all 50 states of the United States. Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these requirements. We do not solicit donations in locations where we have not received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate While we cannot and do not solicit contributions from states where we have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us with offers to donate. International donations are gratefully accepted, but we cannot make any statements concerning tax treatment of donations received from outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate Section 5. General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept of a library of electronic works that could be freely shared with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks with only a loose network of volunteer support. Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper edition. Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed (zipped), HTML and others. Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the old filename and etext number. The replaced older file is renamed. _Versions_ based on separate sources are treated as new eBooks receiving new filenames and etext numbers. Most people start at our Web site which has the main PG search facility: http://www.gutenberg.org This Web site includes information about Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}, including how to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. ***FINIS***