The Project Gutenberg EBook of Das heilige Donnerwetter. Ein Bluecherroman by Adolf Paul This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at http://www.gutenberg.org/license Title: Das heilige Donnerwetter. Ein Bluecherroman Author: Adolf Paul Release Date: May 7, 2012 [Ebook #39650] Language: German Character set encoding: US-ASCII ***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS HEILIGE DONNERWETTER. EIN BLUeCHERROMAN*** [Illustration: Titelseite] _ADOLF PAUL_ *Das heilige* *Donnerwetter* Ein Bluecherroman _Berlin_ Deutsche Buch-Gemeinschaft G.m.b.H. Copyright 1918 by Albert Langen, Munich Alle Rechte, insbesondere der Uebersetzung und Dramatisierung, vorbehalten! _Printed in Germany_ INHALT 1. Im Adlernest 2. Erster Flugversuch 3. Der alte Adler 4. Im Schatten 5. Aus dem Nest heraus 6. Der Solofaenger Nummer Eins 7. Vulkans Schmiede 8. "Prueske Dickkoeppe" 9. Jena 10. Zwei Welten 11. Zwischen den Schlachten 12. Das heilige Donnerwetter 13. Das Fell des Loewen 14. Der groesste Sieg Bemerkungen zur Textgestalt 1 IM ADLERNEST In schnellem Flug huschte dann und wann der schneeweisse Koerper einer Moewe vorueber und leuchtete grell gegen das von keinen Wolken bedeckte Blau des Himmels auf. Aber keiner von den drei jungen Leuten, die nebeneinander auf den zusammengerafften Segeln im Boote lagen, drehte auch nur den Kopf, um die Kunststuecke des gewandten Luftseglers zu beachten. Sie starrten unentwegt nach dem kleinen dunklen Punkt, der, kaum noch wahrnehmbar, sich hoch in den Lueften bewegte. "Aufgepasst!" rief der eine halblaut, "seine Kreise werden enger! Er sieht Beute!" "Er zielt!" rief der zweite. "Er faellt!" Der schwarze Punkt wurde schnell groesser, breitete sich zur Flaeche aus, gliederte sich, wurde zum Koerper, dessen Kopf, Rumpf, Fluegel und Schwanz sich scharf von der klaren Luft abzeichneten. Dann schoss er rasch tiefer, hielt jaeh an und stuerzte pfeilschnell kopfueber in den See. Mit einem Ruck schnellten die drei jungen Leute empor, standen da kerzengerade im Boot und blickten dem goldbraunen Koerper des Raubvogels nach, der ins Wasser hineinschoss, dass der Schaum hoch aufspritzte. Bald kam er wieder zum Vorschein, hob sich zum Flug und steuerte mit ruhigen, kraftvollen Schlaegen seiner maechtigen Schwingen in flacher Bahn der Kueste zu, einen grossen, silberweissen Fisch in den Krallen mit sich fuehrend. "Der Adler von gestern!" rief der laengste von den dreien. "Ich kenne ihn genau! Die gleiche Groesse und Zeichnung! Nicht zu verkennen!" "Er wird wohl hier in der Gegend nisten!" "Sicherlich! Denn als er gestern drueben bei Hiddensee fischte, stieg er mit seinem Raub jaeh in die Hoehe und flog nach Nordost, hierher. Jetzt steuert er flach gegen das Land. Dort auf den Kreidefelsen wird es sein!" "Schauen wir nach!" Im Nu sassen zwei an den Riemen, der dritte am Steuer, und von kraeftigen Schlaegen getrieben, glitt das Boot dem Ufer zu, wo hoch oben auf dem weiss leuchtenden Kreidefelsen ein paar uralte Kiefern wie vorweltliche Riesen ihre knorrigen Kronen aus der saftig gruenen Masse des Laubwaldes emporhoben. Auf diese Baeume setzten sie Kurs. Und lange dauerte es nicht, bis das braungeteerte Boot sich am Geroell des Ufers scheuerte. Bald war es an Land gezogen, Segel und Ruder versteckt, und die drei Freunde sprangen von Stein zu Stein auf das Gemengsel von Sand, Schlemmkreide und Feuersteinen hinauf, aus dem der schmale Uferstreifen gebildet war, der den Felsenrand vom Wasser trennte. "In einer der alten Kiefern da oben wird er sein Nest haben!" "Klettern wir hinauf!" "Wozu klettern? Weiter nach links weiss ich einen Pfad, der bequem zu steigen ist!" "Der gerade Weg ist der beste!" antwortete der, der zuerst geredet hatte - ein lang aufgeschossener Juengling mit Adlernase und dunklen, blauen Augen. Und ohne sich um die anderen zu kuemmern, nahm er entschlossen Anlauf, packte mit kraeftigem Griff den naechsten Busch, stemmte die Fuesse gegen die Spalten und Vorspruenge des Felsens, nahm im ersten Ansturm die halbe Hoehe und blieb da auf einem breiteren Vorsprung stehen und blickte hinauf. "Da ist er wieder!" schrie er und zeigte auf den Adler, der in raschem Flug wieder seewaerts steuerte. "Was sagte ich? Sein Nest ist hier!" "Vorwaerts nur!" Ein paar kraeftige Klimmzuege, ein Keuchen und Fluchen, wenn der Fuss einmal ausglitt und Steine und Sand prasselnd in die Tiefe schickte, dann waren sie oben und fanden da den Dritten im Bunde lachend vor. Denn der bequemere, wenn auch laengere Pfad hatte ihn doch zuerst ans Ziel gefuehrt. "Lache nur!" rief der Lange. "Hier waerest du nimmermehr heraufgelangt!" "Wozu denn Waende hochsteigen, wenn es auch so geht?" antwortete der andere, ohne sich aus der guten Laune bringen zu lassen. "Um auf dem geraden Weg zu bleiben! Umwege sind Abwege!" Damit drang er den anderen voran durch den Laubwald nach der Anhoehe, wo in einsamer Majestaet eine alte Kiefer thronte. Das Adlernest hatte er bald herausgefunden. Aber wie hinaufkommen? Der riesige, mannsdicke Baum, der es trug, hob sich wie eine Saeule zu maechtiger Hoehe. Sein von Wind und Wetter glattpolierter Stamm bot dem Kletternden fast gar keine Stuetzpunkte. "Wo du da einen bequemeren Umweg finden willst, moechte ich nur wissen!" rief der Lange. "Freund Diercks klettert auf die Baeume wie ein Affe, Bruder!" antwortete der zweite der beiden Bergsteiger. Und Diercks, der seine Kraefte vorhin geschont hatte, spuckte in die Haende, packte den Baumstamm, umschlang ihn mit Armen und Beinen und schob sich so langsam daran hoch, jede Muskel des staemmigen Koerpers auf das Aeusserste anspannend. Endlos schien es den Untenstehenden, bis sie ihn den Arm ueber den ersten Ast der Krone schieben sahen, um mit Aufbietung der letzten Kraft den Koerper hinaufzuziehen. Einen Augenblick blieb er sitzen, um Atem zu schoepfen, dann ging es weiter von Ast zu Ast, bis an das Adlernest heran. Ein Blick hinein, ein Aufschrei! "Gebhard! Siegfried! Ein ausgewachsener Adler!" "Schon fluegge?" "Sicher! Aber er scheint noch keine Ahnung davon zu haben! Er liegt ganz still!" "Wirf ihn herunter!" Einen Augenblick wurde es still da oben. Dann kam ein Aufschrei: "Verflucht! Den Schnabel weiss er schon zu brauchen!" Dann hoerte man nichts mehr als das Geraeusch eines zaehen Kampfes. Trockenes Reisig und Grasbueschel flogen aus dem Neste zu den Wartenden hinunter, und zuletzt sauste, mit kraeftigem Schwung geschleudert, ein fast ausgewachsener junger Adler herab. Zunaechst fiel er in schwindelnder Fahrt, dann auf einmal breitete er mit gellendem Aufschrei die Fluegel aus, und zum ersten Male trugen sie den Koerper in sanftem Flug hinunter und landeten ihn unweit der unten Harrenden. Einen Augenblick blieb er betaeubt liegen, dann wurde er von vier kraeftigen Faeusten gepackt und ihm eine Kappe ueber den Kopf gezogen. Sein Bezwinger war unterdessen heruntergerutscht und kam jetzt heran. "Den Vogel nehme ich mit nach Hause!" sagte er. "Da ich ihn fing, ist es nur billig, dass ich ihn behalte!" "Wo willst du ihn bei euch hintun?" "In den Huehnerstall, bis ich ihm einen Kaefig gebaut habe!" "Einen Adler in den Huehnerstall tun?" rief Gebhard, der laengere von den beiden Bruedern, entruestet. "Das geschieht nie und nimmer!" Und ehe die anderen es sich versehen konnten, riss er die Kappe vom Kopf des Adlers fort und warf den Vogel in die Luft. "Gebrauche deine Fluegel, jetzt wo du weisst, wozu sie taugen!" rief er. Der Adler machte ein paar ungelenke Bewegungen mit den Schwingen und setzte sich in einiger Entfernung wieder auf den Rasen, nahm aber dann, von seiner Angst getrieben, noch einmal Anlauf. Zwei, drei Schlaege nur mit den Fluegeln, und die Unsicherheit war verschwunden, er wagte den Flug und schraubte sich in sanftem Bogen um den Baum herum, bis er ins Nest hineinblicken konnte. Dann war er mit einer schnellen Bewegung darueber und liess sich rasch hineinsinken. "So!" sagte Gebhard und zog seine frei gewordene Kappe wieder ueber die Locken. "Vor dem Huehnerstall waeren wir bewahrt!" "Du bist nur neidisch," murrte sein Freund, "weil du ihn nicht selbst fangen konntest!" "Dafuer konnte ich ihm die Freiheit geben!" sagte Gebhard, und es wetterleuchtete vor trotzigem Stolz in seinen dunklen Augen. "Frei wie die Luft, die er atmet, muss der Koenig der Luefte sein! Ich musste ihm da helfen. Und ich taete es nochmals, ob's dir passt oder nicht! Da" - er zeigte landwaerts auf die Wiese unterhalb des Berges -, "da fliegen andere Voegel, die nicht dem Himmel so nahe kommen. Fang' dir die ein!" "Die schwedischen Husaren!" rief Diercks und vergass ueber dem Anblick den Adler und seinen Aerger ueber Gebhards eigenmaechtigen Eingriff in seine wohlerworbenen Rechte. Er jauchzte laut den blaugelben Reitersleuten zu, die aus dem Wald heraufsprengten, um in wildem Galopp ueber die Ebene hinwegzusausen. "Den Flug machen wir mit!" rief er. "Die holen wir noch ein! Rasch, fangen wir ein paar von Vaters Pferden unten auf der Wiese ein und setzen wir ihnen nach!" Gesagt, getan! Die drei unternehmungslustigen jungen Leute hatten sich bald je ein Pferd eingefangen und ritten, statt den Reitern auf dem grossen Fahrwege ueber Altenkirchen zu folgen, auf ihren ungesattelten Pferden querfeldein nach der Wittower Faehre hin, wo sie gleichzeitig mit den Husaren anlangten. Diercks fand unter ihnen seinen Bruder vor, der bei den Schweden diente, und viele Bekannte und Freunde ausserdem. Ueber den Zweck des Streifzuges: nach dem Gang der Aushebung auf Ruegen zu sehen, wurde er gleich aufgeklaert, und bald plauderten sie ueber die Aussichten Schwedens, seine pommerschen Grenzen im Kriege gegen Preussen zu verbessern. Denn als Schirmherr des Westfaelischen Friedens hatte Schweden sich den Feinden Friedrichs des Grossen angeschlossen, die ihn an seinem kuehnen Unternehmen hindern wollten, die Landkarte fuer sich bequemer zu gestalten. Er hob also auch in seinen deutschen Provinzen Kriegsvolk aus. Und da waren die drei waghalsigen Reiter kein unwillkommener Zuzug zu der Schar, durften sich also ohne weiteres anschliessen, und trabten vergnuegt mit auf dem Wege nach Bergen, bis Venz in Sicht kam. Dort verabschiedeten sich die beiden Brueder von den anderen und ritten nach dem Gutshof hinauf, wo sie bei ihrem Schwager zu Gast waren. Ihr Freund dagegen folgte den Husaren, nicht ohne den lebhaften Neid seiner beiden Gespielen zu erregen, die gern noch weiter mitgeritten waeren. "Weiss Gott," sagte der juengste, "mir ist's, als gehoerte ich zu dem Kriegsvolk und muesste mit, gleichviel wohin! Waere ich schon siebzehn, wie du, ich liesse mich anwerben!" "Ich besorg's dir, Gebhard und mir auch!" "Die Schulbank zu druecken habe ich satt! Wozu auch, wo's Pferde gibt? Aber nichts dem Schwager verraten!" "Ich werde mich hueten! Der schickt mich dann gleich zurueck nach der Schweriner Pagenschule, auf dass ich bei den Mecklenburgern graue Haare kriege, ehe ich ein Offizierspatent bekomme! Da moechte ich nicht dienen!" "Ich auch nicht!" "Bei den Preussen aber noch weniger! Ich danke fuer die Fuchtel Fritzens!" "Ich auch!" "Bei den Schweden reitet sich's viel freier und lustiger!" "Gehen wir zu den Schweden!" Nachdem sie so im Fluge mit echt jugendlicher Sorglosigkeit diese nicht ganz unwichtige Lebensfrage erledigt hatten, sprangen sie von den Pferden, trieben sie wieder auf die Weide und gingen zum Gutshof hinauf, um den Rest des Tages irgendwie totzuschlagen. * In der darauffolgenden Nacht hatte Gebhard einen sonderbaren Traum. Von scharfen Krallen an der Brust gepackt, wurde er ploetzlich von der Erde gehoben und hoch durch die Luefte getragen. Schwindelnd schloss er die Augen, sein Atem stockte, sein Herz schlug immer staerker und staerker. Schliesslich ging die Aufwaertsbewegung in ein langsames Sinken ueber, die Krallen liessen ihn los; er fiel, stiess sanft auf den Boden auf, oeffnete die Augen und sah ueber sich den grossen Adler kreisen, hoerte dessen gellende Schreie, die zu Worten wurden. Und die Worte wiederholten kurz, schneidend, immer wieder seine beiden Vornamen: Gebhard Lebrecht, aber in verkehrter Weise. "Leb-hart! Geb-recht! Leb-hart! Geb-recht!" so kreischte es aus der Hoehe. Und der Adler zog immer weitere Kreise, stieg immer hoeher und verschwand schliesslich im tiefen klaren Blau des Himmels, das sich ueber ihm woelbte, von rotbraunen, knorrigen Aesten und blassgruenen Kiefernadelbuescheln umkraenzt. Er atmete befreit auf, streckte sich auf dem Lager aus und fand es ganz wie es sein sollte, dass er da oben im Adlernest auf trocknem Gras und Reisig ruhte, statt in seinem Bett. Dann setzte er sich auf und blickte neugierig ueber den Rand des Nestes hinaus, sah unter sich wogende Laubkronen, Felder und Wiesen, schneeweisse Kreidefelsen und weit in der Ferne, mit dem Himmel zusammenfliessend, das endlose blaue Meer. Und der Baum wuchs und schob seine Krone mit dem Adlernest immer hoeher in die schimmernde, klare Luft hinauf. Immer weiter wurde der Rundblick, die Insel ringsumher immer kleiner und kleiner. Frei und unbehindert sah Gebhard ueber das jenseitige Land hinaus, sah Staedte, Burgen, Haefen, Waelder, Felder und Wiesen, Fluesse und Kanaele und weit in der Ferne schneeige Gipfel in Sonnenlicht gebadet. Sein Herz schwoll im starken Gluecksgefuehl, mit dieser ganzen Herrlichkeit eins zu sein und fest in diesem Boden zu wurzeln. Wonnetrunken liess er die Blicke immer weiter schweifen, gen Morgen, ueber das Meer hinaus, wo maechtige Knaeuel leuchtenden Dunstes, zu einer gewaltigen Wolkenwand zusammengeballt, in den Strahlen der sinkenden Sonne goldrot aufleuchteten, waehrend von Westen her ein stickiger, schwarzer Nebel langsam herankroch und die ganze strahlende Herrlichkeit zu verdecken begann. Immer mehr verschlang der Nebel von den gesegneten Gestaden, an deren Anblick er sich soeben ergoetzt hatte. Bald wuerde er den Baum erreichen und sein Adlernest und ihn selbst mit einer undurchdringlichen Nebelkappe ueberziehn. Eine quaelende Angst beschlich ihn. Er blickte hinauf, mit der letzten Kraft seiner Augen das schwindende Licht trinkend. Da sah er den Adler heransausen, hoerte wieder sein gellendes Gekreisch: "Geb-recht! Leb-hart! Geb-recht! Leb-hart!" Und der junge Adler, dem er die Freiheit wiedergegeben hatte, war auch dabei. Er tummelte sich in den Lueften, in stolzem Bewusstsein, ganz wie der Alte seine Schwingen gebrauchen zu koennen, und schrie vor Gier danach, seinen Hunger zu stillen. Mit Windeseile schossen sie auf den im Neste Liegenden herab und gruben ihre Schnaebel in seine Brust. An sein Herz wollten sie heran! Ein mutiges Herz war die rechte Speise fuer den Koenig der Luefte! Das Herz wehrte sich aber und flog wie ein gefangener Vogel zwischen den Staeben seines Rippengehaeuses hin und her, um sich dem Griff des scharfen Adlerschnabels zu entziehen. Aber das Raubtier liess nicht von seiner Beute! Immer tiefer wuehlte sich sein Schnabel zwischen die Rippen hinein und versuchte das Herz aus seinem Kaefig zu reissen. Das Herz aber war tapfer, krampfte sich zusammen und zog den Kopf des jungen Adlers immer tiefer hinein. So kaempfte sein Herz mit dem Raubtier, staehlte sich am Kampfe und wurde kraeftiger und staerker, bis es ihm schliesslich gelang, mit einem gewaltigen Ruck den jungen Adler zwischen die Rippen hineinzuziehen. Und da sass er nun im Brustkorb gefangen wie hinter dem Gitter eines Kaefigs, an Stelle des Herzens, das er mit letzter Anstrengung verschlungen hatte. Das Herz pulsierte wohl noch voller Sehnsucht wie vorhin. Aber seine Sehnsucht hatte jetzt die Schwingen des Adlers bekommen und Kraft, ihn hoch ueber alle Erdenschwere hinauszutragen. Er brauchte nur zu wollen. Und im naechsten Augenblick stand er drueben auf der gewitterschwangeren Wolkenwand, die sich immer noch hoch ueber Land und Meer und ueber allen quaelenden Nebeln erhob. Mit Riesenkraeften packte er sie und presste sie zusammen; Blitze zuckten, die Donner grollten, und vom Feuer des Himmels verzehrt, loeste sich der schwarze Nebel auf, der schon die Herrlichkeit des ganzen Landes bedeckt hatte, und alles lag wieder im stillen Glanz, befreit da, von der Abendroete umglutet. - - Aber hoch ueber ihm, dem es im Traum gegeben wurde, die Blitze des Himmels zu schleudern, kreiste der Aar, dessen Junges ihm ans Herz gewachsen und zum zweiten Herzen geworden war. Und gellend wie die Kriegstrompete schmetterte er sein Gekreisch in die Luefte hinaus: "Leb-hart! Geb-recht! Leb-hart! Geb-recht!" -------------------------------------------------------------------------- Er erwachte jaeh und lag noch lange, ehe es ihm klar wurde, dass es nur ein Traum gewesen war und dass er in seinem Bette lag in seiner Schwester Haus zu Venz auf Ruegen und nicht im Adlernest draussen auf den Felsen von Stubbenkammer. Und er starrte seinen Bruder Siegfried fragend an, der lange draussen seinen Namen gerufen hatte und jetzt mit Freund Diercks hereinstuermte, um ihn aus dem Schlafe aufzuruetteln. "Auf!" riefen sie, "heraus aus dem Nest! Heute fangen wir den jungen Adler wieder ein!" "Den Adler?" fragte Gebhard und rieb sich die Augen und griff sich an die Brust, wo er ihn hineingetraeumt hatte. "Meine Muetze zieht ihr ihm aber nicht mehr ueber den Kopf! Das gibt dann wieder Traeume, wenn ich sie aufsetze!" Er sprang aus dem Bett, schluepfte in die Kleider, gab sich kaum noch Zeit, den bereitstehenden Morgentrunk zu schluerfen, sagte seiner Schwester rasch guten Morgen und war eben im Begriff, den anderen auf neue Abenteuer zu folgen, als sein Schwager, der Kammerjunker von Krackwitz, ihn aus dem Fenster seines Arbeitszimmers rief. "Ihr muesst euch heute ohne Gebhard behelfen", sagte er, ohne ihren langen Gesichtern Beachtung zu schenken. "Ich brauche ihn hier!" Dagegen war nichts zu wollen. Gebhard musste mit sehnsuechtigen Augen die anderen abziehen sehen und ging dann zu seinem Schwager hinein. Der Kammerjunker war ein solider, ehrenfester Mann, ohne jeglichen Hang zu abenteuerlichen Traeumereien, stand mit beiden Fuessen fest auf dem Boden realer Tatsachen und packte das Leben von der nuetzlichen Seite an, wie sich's fuer einen Mann von Grundsaetzen gehoert. Nach gebuehrender Hervorhebung des Umstandes, dass er gewissermassen an Vaters Stelle stuende, nachdem er Gebhard in seinem Hause aufgenommen hatte, fuehrte er dem jungen Schwager zu Gemuet, er duerfe das Leben nicht zu sehr auf die leichte Achsel nehmen. Er sei bereits sechzehn, also in einem Alter, wo der Ernst des Lebens zu beginnen und das Spiel aufzuhoeren haette! Ob er sich schon Gedanken ueber die Zukunft gemacht habe? Und was er wohl zu werden gedenke? "Soldat wie der Vater und die Brueder!" Das waere ja alles gut und schoen! Aber - wo er der Juengste unter sieben Bruedern sei, die alle dienten! Und bei dem beschraenkten Einkommen seines Vaters? Ohne Zuschuss vom Vater koenne er nicht daran denken, auf der Offizierslaufbahn vorwaerts zu kommen! "So hilf du mir!" Dem waere er wohl nicht abgeneigt! Aber gegen die militaerische Laufbahn haette er seine Bedenken! Erstens gehoere Ruegen zu Schweden. Er waere also Schwede und koennte ihn wohl durch seinen Einfluss in schwedischen Diensten vorwaertsbringen! Aber - das haette seine zwei Seiten! Mit der schwedischen Macht ginge es abwaerts. Lange wuerden die Schweden ihre deutschen Besitzungen nicht mehr behaupten koennen! Eines Tages kaeme man unter andere Herrschaft, und er haette dann von vorne anzufangen. Denn lieber gar nicht! Lieber Landwirt werden! Da koenne er besser helfen! Er wuerde ihn in allen Stuecken unterrichten und ihm dann helfen, eine eintraegliche Pachtung zu bekommen, damit er auf eigene Beine kaeme im Leben! Das waere doch die Hauptsache! Und haette er dann noch das Glueck, eine Frau zu finden, die auch nicht mit leeren Haenden kaeme, dann waere er sein eigener Herr. Und dann - wenn's nicht anders ginge, und wenn die Lust in ihm uebermaechtig werden wuerde -, dann waere es immer noch Zeit, zur Fahne zu gehen! - Bei der Rede des Schwagers wurde es ihm zumute wie gestern, als er die Gespielen davon sprechen hoerte, den jungen Adler in den Huehnerstall zu sperren. Alles in seinem Innern lehnte sich dagegen auf. Die graue Alltaeglichkeit eines unbemerkten Schicksals sagte ihm wenig zu. Im Spiele mit den Rostocker Buergerssoehnen war er stets der Fuehrer gewesen, der sie alle anfeuerte, allen voranstuermte und die Palmen des Sieges an sich riss! Nur so und nicht anders konnte er sich das Leben denken! Aber tagaus, tagein hinter dem Pfluge torkeln, das sagte ihm ganz und gar nicht zu. Er antwortete nicht. Und der Schwager, der sah, wie schwer ihm die Entscheidung wurde, drang nicht weiter in ihn, sondern machte ihm nur den Vorschlag, vorlaeufig auf seinem Gute alles zu erlernen. Er setzte ihm sogar ein Gehalt aus, sobald er sich eingearbeitet haben wuerde, und lud ihn zu einem Ritt durch die Felder ein, um erst alles in Augenschein zu nehmen. Gebhard folgte ihm schweigend. Kaum sass er aber im Sattel, so war die Missstimmung verflogen. In der Phantasie trabte er jetzt nicht aus, um die Erdarbeiter zu inspizieren, sondern stuermte an der Spitze einer Schar Reiter auf den Feind los. Und der Schwager hatte Muehe, ihm zu folgen. Als sie nach einem erfrischenden Ritt zurueckkehrten, strahlten Gebhards Augen wieder in voller Lebenslust, seine Stirn war klar. Er tat sich guetlich bei einem reichlichen Mittagsmahl und empfing so den von der Adlerjagd zurueckkehrenden Bruder. Der hatte geholfen, den jungen Adler wieder einzufangen. Und Freund Diercks hatte den Wildvogel geradeswegs nach Gagern gebracht, damit Gebhard ihm nicht wieder die Freiheit gaebe! Abends aber, als sie zu Bett gingen, fluesterte ihm der Bruder etwas zu, das sein Blut in Bewegung brachte. "Morgen in aller Frueh', ehe der Schwager munter wird, geht's nach Bergen!" "Nach Bergen?" "Ja, zu den Husaren! Ich lasse mich bei den Schweden einstellen! Du auch!" "Ist es denn moeglich?" "Diercks hat es mit mir ausgemacht. Er will auch selbst Handgeld nehmen, wie sein Bruder!" "Was wird der Vater sagen?" "Gar nichts! Und wenn schon -, sobald wir Handgeld genommen haben, nuetzt es ihm nichts!" "Aber der Schwager?" "Der wird schon aufbegehren! Aber das geht uns nichts an! Mit dem werden wir schon fertig!" "Denkst du, dass man uns nimmt? Bin ich nicht zu jung?" "Keinesfalls! Auf das Koerpermass kommt es an, und das hast du! Ich weiss ausserdem, dass man uns will!" "Ganz gewiss?" "Ganz bestimmt! Gestern, als wir uns von den Husaren trennten und nach dem Gasthof galoppierten, da sagte der Hauptmann zu Diercks: 'Die beiden Jungen hole ich mir noch! Sie reiten ja wie die Deibel!' Und er musste ihm versprechen, uns morgen zu ihm nach Bergen zu bringen! Ich gehe auf alle Faelle hin!" Gebhard sagte nichts. Er ging anscheinend ruhig zu Bett. Aber er vermochte kein Auge zuzutun. Er war jetzt am Scheideweg, wo es galt, entweder den breiten gesicherten Weg zu waehlen, den ihm der Schwager wies, oder den Weg seiner Traeume, deren Ziel er noch nicht sah, auf den es ihn aber mit aller Macht hintrieb. Lange lag er da und sann. Ploetzlich setzte er sich im Bett auf. "Was ist aus dem Adler geworden?" fragte er. "Der Adler?" antwortete der Bruder halb im Schlaf. "Den wollte Diercks mit einer Kette an einem Pfahl im Garten anschliessen, bis sein Kaefig fertig wird!" Und damit schlief er ein. Als Gebhard aber den Bruder fest schlafen hoerte, stand er auf, zog sich rasch an, schlich leise aus der Kammer hinaus, die Treppe hinunter, durch den Garten und auf den Weg nach Gagern. Dort schwang er sich ueber den Gartenzaun und fand schnell den Pfahl, an den der Adler gefesselt war. Mit einer mitgefuehrten Kneifzange hatte er bald das Fusseisen durchschnitten, ergriff den Vogel, warf ihn in die Luft und sah, wie er auf maechtigen Schwingen durch die Nacht davonschwebte. Unbemerkt, wie er gekommen, ging er dann wieder nach Hause, schluepfte rasch ins Bett und schlief bald ebenso fest wie der Bruder - jetzt aber ohne zu traeumen. 2 ERSTER FLUGVERSUCH "Blitz und Donner!" fluchte der Wachposten am Eingang zum Zeltlager, das sich am Waldessaum breitete. "Hier kann einer tagaus, tagein sich mit dem saudummen Postenstehen die Beine in den Leib treten! Himmeldonnerwetter! Wer endlich einmal dreinhauen duerfte! Zu denken, was ich alles an Beute gemacht haette - von den Gefangenen nicht zu reden! Leutnant haette ich schon sein koennen - Rittmeister sogar - wer weiss, vielleicht bald General! Man hat's gesehen!" "Sachte, sachte!" mahnte ein alter Graubart, der am Schilderhaus lehnte, nahm die Pfeife aus dem Mund und klopfte sie an der Stiefelsohle aus. "Als ich dereinst ins Feld zog, da hatte ich wohl auch wie du den Marschallsstab im Tornister, obwohl ich bloss ein Trommlerjunge war. Und so muss es sein. Die wenigsten erwischen ihn aber! Mir gelang's schon! Dass ich aber auf meinen alten Tag nur Futtermarschall beim Regiment werden sollte - darauf haette ich damals nicht schwoeren moegen!" Er schwieg ploetzlich, hielt die Hand vors Auge und blickte ueber die Felder hinaus, zwischen denen sich die Landstrasse heranschlaengelte. Ein ploetzliches Klappern von eilenden Hufen hatte seine Aufmerksamkeit geweckt. Der Wachposten hielt in seinem Hin- und Hertrotten inne und blickte auch hin. "Ein durchgegangenes Pferd!" "Wenn der sich nicht das Genick bricht!" "Himmelsakra! Hecke und Graben im Flug genommen! Ratsch ueber die Wiese!" "Jetzt klabastert's schon auf der Landstrasse! Das weiss den Weg nach deiner Futterkiste!" "Dann wird's auch wissen, wie leer sie ist! Heissa! Hussassah!" schrie der Alte und trat zur Seite. Denn jetzt sauste es heran mit rasender Schnelligkeit. Dann: ein Ruck - alle viere in die Erde gestemmt - den Reiter in elegantem Bogen abgeschleudert und - war's Zufall, war's Instinkt - still stand es gerade vor dem Futtermarschall, zitternd, schaumbedeckt und leise wiehernd, als ahne es dessen nahe Beziehung zum Hafertrog. Die beiden Husaren hielten sich die Seiten vor Lachen. "Habt Ihr's aber eilig, junger Herr!" sagte der Alte. "Ich habe nur Eure Fahne gegruesst!" sagte Gebhard, der schon wieder auf den Beinen war, und zeigte auf das blaugelbe Tuch, das ueber ihren Haeuptern flatterte. Denn er und kein anderer war's, der in dieser uebereilten Weise das schwedische Lager gestuermt hatte. "Die anderen sind aber gehoerig nachgeblieben!" fuegte er hinzu und blickte ueber den Weg hinaus. "Sie haben's nicht gemerkt, als ich ihnen ausgerueckt bin. Der Adebar auf der Wiese, der passte aber auf, liess dicht hinter mir ein Klappern steigen, und mein Brauner legte gleich los wie gestochen!" Er versetzte dem Pferd einen Klaps auf die Lende, ging dann herum, fasste es beim Kopf und blies ihm beruhigend in die Nuestern. "Ein Angsthuhn bist du", gab er ihm kosend seinen Denkzettel und wandte sich dann an den Alten mit einer Frage nach der Regimentsschreiberei. "Ihr wollt Euch als Rekrut bei uns eintragen lassen?" "Das stimmt! Zeige mir nur den Weg!" "Kehrt lieber um! Oder, meinetwegen, geht zu den Preussen! Bei uns ist fuer Euch kein Fortkommen! Das heisst, wenn Ihr vorwaerts wollt! Rueckwaerts reiten wir schon!" "Halt's Maul!" rief der junge Husar aergerlich. "Und pass auf, was du redest! Wer wird sein eigenes Nest beschmutzen!" "Ich nicht! Durch mich wurde es nicht beschmutzt! Durch dich auch nicht, obwohl du auch weidlich schimpfst!" "Ich?!" "Eben du! Und solange ich dich kenne! Bist Husar, bist ein Reitersmann und hast kein Pferd, wie so viele vom Regiment! Und du kriegst auch keins, wie brav du auch schimpfst! Und - wie schaut's mit der Montierung aus?" "Kann ich dafuer, dass die Offiziere das Geld fuer die Ausruestung am Spieltisch vertun?" "Nein! Aber du kannst deinen Schnabel halten, statt von deinen Vorgesetzten schlecht zu reden!" "Wie redest denn du?!" "Mein Reden ist eines Mannes Rede! Aber du, Lausbub, hast das Maul nicht so weit aufzureissen! Erst etwas mitmachen und dann reden! Ich," - der Alte richtete sich auf und schlug sich auf die Brust, "ich war mit bei Narwa, bei Riga, bei Clissow und Holofzin - leider aber auch bei Pultawa! Als Trommlerjunge zog ich aus mit Koenig Karl dem Zwoelften, Gott hab' ihn selig" - er zog ehrfurchtsvoll den Hut bei Nennung des Koenigs. "Mit ihm zog ich aus, um den Moskowiter zu verpruegeln, und machte das ganze tolle Abenteuer mit bis zum Kalabalik in Bender. Der grosse Krieg mit dem Moskowiter und dann mit den Polacken, das war der Anfang vom Ende. Dir wuensche ich, dass du den Schluss nicht sehen musst. Denn er wird uns wenig Ehre bringen!" Der Wachtposten machte achselzuckend kehrt und fing wieder sein Hin- und Herwandeln an. "Kann ich dafuer, dass die Offiziere das Geld fuer die Ausruestung am Spieltisch vertun?" Gerhard stand da, das Pferd am Zuegel, und fragte nochmals ungeduldig: "Der Weg nach der Regimentsschreiberei?" Der Alte beachtete die Frage kaum, setzte sich gemaechlich auf einem Feldstein zurecht, zog den Tabaksbeutel, stopfte die Pfeife, schlug Feuer, setzte sie in Brand und zeigte auf die Fahne, deren tiefblaues Tuch sich in wogenden Wellenlinien warf. Sie breitete sich aus, liess ihr gelbes Kreuz in der Sonne aufleuchten und sank dann in sanft weichenden Buchten zurueck, um wieder Wind zu fangen und von neuem das Spiel zu beginnen. "Die Fahne," sagte der Futtermarschall, "die kann sich schon sehen lassen! Auf die koennt Ihr stolz sein, aber nicht auf die Regierung, die heute ihre Ehre so maessig schirmt! Einst - so vor hundertundfuenfzig Jahren war's wohl -, da flatterten die blauen Fahnen mit dem gelben Kreuz lustig uebers Meer hinaus. Nach allen Richtungen hin flogen sie, als wollten sie den schaeumenden Fluten Eystrasalts zurufen: 'Fortan seid ihr schwedisch - die ganze Ostsee ist von jetzt ab ein schwedischer Binnensee!' Als ich mit dem hochseligen Koenig Karl" - er zog wieder den Hut - "in den Krieg zog, da hielten wir noch das ganze Land um die Ostsee herum. Als wir aber nach achtzehn Jahren wieder geschunden nach Hause zurueckkehrten - da wagte die blaugelbe Fahne sich kaum noch im Baltikum zu zeigen, die moskowitischen Mordbrenner verheerten aber lustig die schwedischen Kuesten, und rein aus Gnaden liess man uns beim faulen Friedensschluss das bisschen Pommern und die Insel. Und die sollen wir jetzt auch noch verlieren! Zu dem Zweck ziehen wir jetzt mit leeren Kriegskassen, auf lahmen Pferden hinaus in den Krieg! Und das wollt Ihr, junger Herr, noch mitmachen?!" "Den Weg nach der Regimentsschreiberei will ich wissen, weiter nichts!" rief Gebhard nochmals ungeduldig und schlang die Zuegel um das Handgelenk. "Ich werde Euch schon den Weg zeigen! Aber wisst Ihr auch, warum Ihr ihn gehen werdet?" "Warum denn sonst! Um mich bei euch Schweden als Kaempfer anwerben zu lassen!" "Als Kaempfer wofuer?" "Fuer die Krone Schwedens -" "Fuer die kaempfen wir Schweden laengst schon nicht mehr! Wir fuehren nur noch die Kriege der anderen Maechte - bald Englands, bald Russlands, bald Frankreichs, je nachdem - und tun es auch jetzt, nachdem jene Maechte unseren Reichsrat gekauft haben, und ziehen gegen Preussen und gegen den Schwager unseres Koenigs, weil - nun eben weil unser Koenig eine Schlafmuetze ist!" "Du sollst wider die Majestaet unseres allergnaedigsten Herrn nichts sagen!" rief die Schildwache aergerlich und blieb vor dem Futtermarschall stehen. Der aber liess sich nicht dreinreden. "Ich pfeife auf solche Herrschaft", rief er. "Das ganze Land lacht ueber den dicken Holstein-Gottorper, dem die Zarin unsere Koenigskrone ueber die Nachtmuetze stuelpte, weil er ihr Neffe war!" "Halt's Maul!" "Den Weg nach der Regimentsschreiberei?" rief Gebhard immer ungeduldiger. "Wartet lieber ab, bis unsere Regimentsschreiberei in Preussen steht!" murrte eigensinnig der Alte, "denn so wird's bald kommen!" "So wird's _nicht_ kommen! Himmelkreuzdonnerwetter noch einmal!" schrie der junge Husar wuetend. "Sorgt nur fuer gute Pferde, setzt uns Jungen in den Sattel und gebt uns Leute an die Spitze, die reiten koennen, dann sollt Ihr was erleben! Mordselement, Herr! Hoert nicht auf den Ungluecksraben! Geht nur immer in die Regimentsschreiberei! Geradeaus geht der Weg, dann links in die erste Gasse gebogen, und dann fragt Euch vor! Und Gott befohlen!" Gebhard hoerte den Abschiedsgruss nicht mehr. Er sass schon im Sattel und galoppierte ins Zeltlager hinein, gerade als sein Bruder und sein Freund unten auf der Landstrasse zum Vorschein kamen, ihren Pferden die Sporen gaben und ihm in vollem Trab nachsetzten, ohne sich um den Anruf der Torwache zu kuemmern. * War das eine Jagd! Ueber Felder und Wiesen flogen die Sturmvoegel des Alten Fritzen - seine schwarzen Husaren, mit dem Totenkopf an der Stirn - auf die Landstrasse zu, um die Schweden abzuschneiden, ehe sie zur Bruecke gelangten. Eine kleine Patrouille der Blaugelben nur war es, aber gut beritten. Wie die Teufel pfefferten sie los, dass die Satteltaschen flogen, allen voran ein baumlanger, schlanker Kornett, der die Kameraden durch nie ermuedendes Zurufen anfeuerte. Vorwaerts ging es ueber Stock und Stein. Aber die Schwarzen waren nicht schlechter beritten. Dicht vor der Bruecke gerieten die Gegner aneinander, mit einer Wucht, dass alles sich zu einem unentwirrbaren Knaeuel von wild um sich schlagenden Pferdeleibern und dreinhauenden Reitersleuten verwickelte. Die Saebel blitzten, Kommandorufe schmetterten, Schimpfwoerter flogen hin und her. "Warum traegst du deine Rippen draussen auf dem Rock, statt im Busen, wie sich's gehoert?" rief der Kornett und ritzte mit dem Saebel die gelbe Verschnuerung seines Gegners auf. "Und den Totenkopf traegst du auf dem Tschako, statt im Schaedel! Hast wohl nichts als Haecksel drinnen!? Wie? Wollen mal nachschauen!" Und er versetzte dem Gegner einen gewaltigen Hieb nach dem Kopf. Aber der war nicht saumselig. Er parierte mit einer Doppelterz, dass Gebhard der Saebel aus der Hand flog und seine Kopfbedeckung denselben Weg nahm. "Die Muetze her!" schrie Gebhard zornesrot, gab seinem Pferd die Sporen, flog dem Frechen an die Gurgel, packte mit eisernem Griff sein Handgelenk, als dieser zum toedlichen Streich ausholte, riss ihm den Saebel aus der Hand, die Muetze vom Kopf, hieb ihn vom Pferd herunter, stuelpte sich die Muetze auf und - heissa, hussassa! - eine Gasse durch die sich balgende Rotte gebahnt, ueber die Bruecke gesprengt! Und dann frei wie ein Vogel weitergesaust nach dem Quartier, um Meldung zu erstatten. Die anderen folgten. "Ich haette gern die ganze Uniform zum Ansehen mitgebracht! Und den Kerl, der drin steckte, auch!" sagte Gebhard, als er vor dem Rittmeister stand und ihm den eroberten Tschako zeigte. "Es ist eine ganz neue Sorte von Gegnern, schwarz mit gruenen Aufschlaegen, gruenem Kragen, gelber Verschnuerung und diesem Tschako! Ich sehe die Uniform zum ersten Male!" "Ich nicht", sagte der Rittmeister. "Aber als Gegner erst heute! Es sind die Bellingschen Husaren! Der Preussenkoenig hat Verstaerkungen geschickt, wie es scheint! Von seinen besten Reitern! Wir werden zu tun bekommen!" "Gott geb's!" sagte Gebhard. "Der Oberst Belling ist ein ganzer Kerl! Ich sah ihn einst bei Eurem Schwager! Beim Krackwitzen auf Ruegen, mit dem er verwandt sein soll. Er wird uns zu schaffen machen!" "Wir ihm auch!" trotzte Gebhard. "Die Muetze moechte ich behalten! Bald hole ich mir den Rest von der Uniform!" "Das tut nur!" lachte der Rittmeister und verabschiedete ihn. Er tat's auch binnen kurzem. Aber in anderer Weise, als er's sich dachte. * "Ihr reitet zu toll, junger Herr", sagte der alte Futtermarschall und streichelte das Pferd, als Gebhard sich einige Tage spaeter in den Sattel schwang. "Man braucht nicht gleich wie'n Gewitter dreinzusausen und das Pferd zuschanden zu reiten. Die Feinde laufen auch so!" "Wer ein Blitzpferd zwischen den Schenkeln hat -", lachte Gebhard. "Dem geht es frueher oder spaeter durch! Das hat man gesehen!" "Jetzt bleibe ich im Sattel! Jetzt bin ich drin!" "Das wart Ihr auch, als Ihr in unser Lager auf Ruegen hineingaloppiertet! Und wurdet doch abgeworfen!" "Halt's Maul!" rief Gebhard aergerlich, gab seinem Pferd die Sporen und folgte den anderen, denen er bald weit voraus war. Die Schweden waren dabei, einen Vorstoss in die Uckermark zu machen und tasteten sich durch den Kavelpass, an der pommerschen und mecklenburgischen Grenze vorwaerts, die Preussen vor sich hertreibend. Gebhard, der mit seinen Leuten immer den anderen voran war, um aufzuklaeren, hatte Glueck. Denn durch das schneidige Vorgehen der Sparreschen Husaren wurden eben seine grimmigsten Gegner, die schwarzen Bellingschen Husaren, abgeschnitten. Aber sie schlugen sich durch. Und als die Schweden wieder zurueckgingen, um Quartiere zu suchen, waren jene gleich hinterher wie ein Schwarm Hornissen und waren aus Verfolgten Verfolger geworden. Gebhard, dem es mehr zusagte, den Feind zu suchen als vor ihm zurueckzugehen, blieb ihm mit der Nachhut fest an der Klinge. "Bischt zurueckbliewe, Buebele?" rief ihm ein huenenhafter Kerl von den Bellingschen zu, mit dem er oft Hieb und Schimpfwoerter gewechselt hatte. "Eil' dich! Sonst fange dir die andere den Fisch aus der Ostsee vor der Nas' weg!" "Erst schlachte ich mir ein paar von euch schwaebischen Kraehen zum Angelfrass!" lachte Gebhard und zog vom Leder. "I werd' di scho' schlachte, Buebele!" rief der Lange und ritt auf ihn zu. Gebhard warf aber sein Pferd herum und entging so mit knapper Not der Gefahr, umgeritten zu werden. "Hast wohl das Reiten auf der Schulbank gelernt?" hoehnte Gebhard. "I bring di noch auf die Schulbank! I schaff' dir noch Maniere!" rief der Lange, feuerte seine Pistole auf das Pferd Gebhards ab, dass es sich baeumte und den Reiter abwarf, fing dann mit geschicktem Schwung den Fallenden auf, zog ihn quer ueber seinen Sattel und sprengte davon. Und Gebhard liess es zu. Im Augenblick des Fallens ging mit ihm eine sonderbare Veraenderung vor. Er war aus der Wirklichkeit jaeh wieder in seinen Traum versetzt, fuehlte sich wieder, von den Adlerkrallen gepackt, im weiten Flug durch die Luefte fortgetragen, schloss die Augen und erwartete nun, im Adlernest zu landen. So lebhaft war die Vorstellung, dass alles andere um ihn schwand und er wie gelaehmt dalag und sich ohne Widerstand fortfuehren liess. Er sah nichts, hoerte nichts und wusste nicht, was mit ihm geschah. Durch die ohnmachtaehnliche Laehmung aller Sinne drangen ins Bewusstsein nur die Worte des alten Futtermarschalls, die er ihm zurief, als er heute zu Pferde stieg: "Wie's anfaengt, so hoert's auch auf." Das war also das Ende! Der Oberst Belling, ein wuerdiger, freundlich dreinblickender Herr mit geroetetem Gesicht und ergrautem Schnurrbart, liess den gefangenen schwedischen Kornett vorfuehren. Er betrachtete wohlgefaellig die jugendliche, schlanke Gestalt und das bartlose Gesicht, aus dem Jugendfrische und trotziger Wagemut hervorleuchteten. "Name?" "Bluecher!" "Vorname?" "Gebhard Leberecht!" "Vater?" "Christian von Bluecher, Rittmeister in der hessischen Armee!" "Geboren wo?" "In Rostock, zweiundvierzig!" "Also achtzehn Jahre! Er ist zu jung, um schon Kornett zu sein. Was hat sich Sein Vater dabei gedacht?" "Ich habe ihn gar nicht danach gefragt!" "So ist Er hinter dessen Ruecken zum Militaer gegangen!" "Ich und mein Bruder auch!" "Hat es denn so gebrannt?" "Das freie Leben wollt' ich - wollte ein Pferd zwischen den Schenkeln, hatte es satt, die Schulbank zu reiten! Mir brummt noch der Schaedel von all dem Latein!" "Schon gut! Aber warum denn gleich in auslaendischen Dienst? Warum zu den Schweden? Gab's fuer einen Mecklenburger nichts Naeherliegendes - wenn's schon Ausland sein musste? Preussen zum Beispiel?" "Bei den Preussen dienen schon zwei meiner Brueder. Und was sie zu melden wussten, verlockte mich nicht." "Bei uns Preussen gibt's eben Disziplin!" "Bei den Schweden auch, Herr Oberst!" versetzte Gebhard, und seine Haltung straffte sich. "Das schwedische Regiment lag uebrigens gerade auf Ruegen, wo ich zu Besuch war!" "Und da war das die naechste Gelegenheit, von der Schulbank fortzukommen", lachte der alte Herr. "Denn das war wohl dabei die Hauptsache! Wo war Er denn auf Ruegen?" "Beim Kammerherrn von Krackwitz, der mein Schwager ist." "Da sind wir ja in Familie miteinander", rief der Oberst. "Der ist auch mein Verwandter! Dann bleibe Er nur bei mir! Da werde ich schon fuer Ihn sorgen, damit Er ein rasches Fortkommen findet! Will Er in mein Husarenregiment eintreten? Zunaechst als Kornett?" "Dem Koenig von Schweden habe ich den Fahneneid geschworen!" "Der schwedische Koenig kann Ihn vom Eid entbinden, und wird es auch tun, wenn Er darum nachsucht und gute Gruende gibt. Versteht Er: gute Gruende." Gebhard schuettelte den Kopf. "So hoere Er einmal und denke Er darueber nach! Was fesselt Ihn an die Schweden? Doch nicht die Aussicht, nach jahrelanger Kriegsgefangenschaft bei mir, als Kornett zu ihnen zurueckzukehren? Tritt Er bei mir ein, ist Er in kurzer Zeit Leutnant und, wer weiss, vielleicht bald Rittmeister! Das kann bei den Schweden lange dauern! Ich dagegen werde demnaechst ein zweites Bataillon meines Regiments, im ganzen fuenf Schwadronen, anwerben, und lange dauert's nicht, dann schaffe ich noch ein drittes Bataillon. Wer bei mir Offizier ist, hat also schnelle Befoerderung zu gewaertigen. Schlage Er nur ein!" "Ich bin an meinen Eid gebunden, Herr Oberst!" "Ich will Ihn gewiss nicht dazu verfuehren, gegen Ehre und Gewissen zu handeln. Ich will Ihm aber etwas sagen. Ich werde in aller Form bei den Schweden um Abschied fuer Ihn einkommen. Ich werde erboetig sein, ihnen einen gefangenen Offizier fuer Ihn freizugeben. Und ausserdem schreibe ich dem Koenig von Preussen und schlage Ihn als Kornett bei meinen Husaren vor. Dann sitzet Er wieder frei im Sattel und kann drauflosreiten, was Ihm wohl doch die Hauptsache zu sein scheint. Sonst kann Er lange die Pritschen in den Kasematten druecken, und die sind bei uns Preussen weit unbequemer als die Rostocker Schulbaenke! Fuer ein gutes Pferd will ich ueberdies Sorge tragen! Lass Er mich nur machen, dann kommt alles auf die beste Art in Ordnung, Sein Gewissen bleibt unberuehrt, und der Koenig von Preussen hat einen Offizier mehr nach seinem Sinn! Einverstanden?" Er hielt seine Hand hin. Gebhard schlug ein, und so kam er endlich auf den rechten Pfad im Leben. Als er nach kurzer Verhandlung seinen Abschied aus dem schwedischen Dienst hatte - als die Bestaetigung des Alten Fritz als Kornett bei den Bellingschen Husaren eingegangen war, und er, in seinem Quartier, vor dem Spiegel stand, da trat ihm da ein baumlanger, spindelduerrer, bartloser Husar entgegen, den er sich erst genau besehen musste, um mit ihm auf vertrauten Fuss zu kommen. Ein schwarzer Pelz mit gruenen Aufschlaegen, gelbe Schnuere ueber der Brust, auf dem Kopf den Tschako mit dem Totenschaedel - das war ein ganz anderer Kerl als der blaugelbe, den er soeben ausgezogen hatte. "Allezeit bereit, soll das heissen! Das merke dir!" nickte er seinem Gegenueber zu und tippte leicht auf den Totenschaedel! "Hast alles, was du brauchst: die noetige Laenge, den forschen Blick! Fehlt nichts, als dass dir der Himmel einen Schnurrbart ins Gesicht pflanzt!" Sein Spiegelbild machte ein Gesicht, als wollte es sagen: "Was soll ich mit der Pflanzung?" "Du nichts! Aber die holden Maegdelein, denen sie auf die Lippen faellt! Die werden es schon wissen!" 3 DER ALTE ADLER Den dreieckigen Hut mit der zerrissenen Tresse verkehrt auf dem Kopf, den blauen, verschlissenen Waffenrock mit den roten Aufschlaegen halboffen um den hageren Leib, Schnupftabak ueber der gelben Weste, Puder auf der Schulter, die schwarzen Samthosen in den hohen Stiefeln verschwindend, die Rechte schwer auf dem Krueckstock ruhend, den schweren Kopf mit den vorquellenden Augen vorgestreckt, so stand der Grosse Koenig, einem alten Raubvogel mit zerzaustem Gefieder nicht unaehnlich, im Kreise seiner vierbeinigen Lieblinge und hielt Musterung. Durch die offene Tuer zum Arbeitszimmer sah er seine Kabinettsraete mit ihren Schreibtafeln warten, um die Fortsetzung seines Diktats aufzunehmen. Der Kammerdiener meldete den General von Loelhoeffel, Inspekteur der Kavallerie, der zur Audienz befohlen war. "Warte Er, Loelhoeffel!" rief der Koenig hinaus, ohne zur Tuer zu gehen. "Erst muss ich bei meinen Hunden nach dem Rechten sehen. Dann kann Er mir von den Kavalleriepferden mitsamt ihren Reitern referieren, so Er mir etwas Erbauliches zu melden weiss." Die allerhoechsten Hunde waren eben dabei, hoechstihro Mahlzeit einzunehmen, von betressten Lakaien mit Mundtuechern ueber den Arm alleruntertaenigst assistiert. Nichts auf dieser Welt vermochte sonst den Gebieter Preussens von seiner Arbeit abzulenken, ausser der Sorge um das Wohlbefinden seiner vierbeinigen Familienmitglieder. Fuer sie hatte er immer einige Minuten uebrig. Auf die Meldung hin, dass das Diner der hohen Vierfuessler aufgetragen sei, erhob er sich denn auch mitten im Diktat eines Briefes und verfuegte sich ins Schlafzimmer, um die Haupt- und Staatsaktion der Abfuetterung in hoechsteigener Person zu ueberwachen. Er hatte befohlen, ihnen heute einen Extraleckerbissen von gebratenem und gesottenem Huehnerfleisch zu geben, und passte genau auf, dass jedes Vieh sein ihm zugedachtes Teil ordnungsgemaess erhielt und dass keins uebervorteilt wurde. Kosenamen fuer die Hunde, Scheltworte und gelegentlich auch Stockschlaege fuer die Lakaien halfen da aus. Zwischendurch, wenn die Koeter sich gelegentlich so ins Abnagen der Knochen vertieften, dass sie Ruhe hielten, setzte der Koenig durch die offene Tuer sein Diktat fort. Aber ohne die Hunde aus den Augen zu verlieren. "Schreibe Er also weiter, wo wir aufhoerten!" rief er hinein. Und die Kabinettsraete senkten die Griffel auf ihre Schreibtafeln. Der Koenig diktierte: "Die Einfuhr von Kaffee ist, wie befohlen, tunlichst zu beschraenken. - Hat Er das?" "Zu Befehl!" Der Koenig nahm bedaechtig eine Prise Schnupftabak aus der Dose, die er nebst dem Krueckstock in der Rechten hielt, pfropfte sich die Nase damit voll und meditierte dabei halblaut vor sich hin: "Jeder Lump will heutzutage Kaffee trinken! Der pure Uebermut! Biersuppe tut's ebensogut! Die trank ich selbst, als ich jung war! Das ist weit gesuender! Und das Geld geht nicht ausser Landes! - - _Tu beau_, Alceste!" rief er einem der Windspiele zu. "Goenne den anderen auch das Leben! - - Weiterschreiben!" Die Kabinettsraete gaben acht, und der Koenig diktierte weiter. "Den Beuchower Gemeindeaeltesten wird auf ihre Eingabe beschieden, der Invalide Faber bleibet im Amte! Fuer die Volksschule dorten ist er gut genug! Es genueget uns vollauf, wenn auf dem platten Lande die Kinder Lesen und Schreiben lernen! Wissen sie zuviel, so laufen sie in die Staedte und wollen Sekretaers werden und so etwas. Das ist nichts! Der Invalide Faber bleibet ihnen! Die sollten sich was schaemen, Leute, die fuers Vaterland alles geopfert, nicht versorgt wissen zu wollen! Wo er sich ueberdies nuetzlich macht, den Leuten das Vieh huetet und auch den Nachtwaechterdienst versieht, so haben die Beuchower alles moegliche Gute von ihm und haben nichts mehr zu wollen! - - Der Alkmene laesst du den Knochen! Ich komme dir sonst!" Wieder drohte er einem der Lieblinge mit seinem Krueckstock und wandte sich dann zur Tuer. "Macht also die Briefe zur Unterschrift fertig!" verabschiedete er die Kabinettsraete, die sich verneigten und gingen. "Lass Er jetzt hoeren, Loelhoeffel! Was bringt Er mir heute?" Der General von Loelhoeffel trat naeher an die Tuer heran und blickte in das Schlafzimmer hinein. "Melde gehorsamst, Majestaet! Zunaechst haette ich das Abschiedsgesuch des Rittmeisters von Bluecher von den Bellinghusaren Allerhoechstdero Entscheidung zu unterbreiten!" "Der Rittmeister bleibet in Dienst!" "Der Rittmeister besteht aber instaendigst auf seine Entlassung!" Der Koenig blickte den General scharf an. "Ist der Kerl noch nicht muerbe? Wie lange sitzet er schon?" "Zu Befehl", sagte Loelhoeffel und salutierte. "Der Rittmeister hat bereits mehr denn dreiviertel Jahr strengen Arrest gehabt!" "Viel zu wenig fuer einen Offizier, der sich unterfaengt, seinem Koenig despektierlich zu kommen! Die Offiziers sollen lernen sonder Raesonieren, Ordres zu parieren! Sie haben sich nicht in meine Politik zu melieren!" "Melde gehorsamst: von politischer Wuehlerei steht in der Konduite des Rittmeisters von Bluecher nichts!" "Dann schreibe Er das hinein!" "Zu Befehl!" Der Koenig blickte seinen General an. "Er muckst wohl mit mir? Wer mein General sein will, muss auf Subordination halten!" "Zu Befehl!" "Nun, hatte ich meinen Truppen in Polen befohlen, die Polacken milde zu behandeln, oder hatte ich es nicht befohlen? Antworte Er!" "Zu Befehl! Es sollte alles vermieden werden, was die Krone Preussen bei der polnischen Bevoelkerung verhasst machen koennte!" "Sehe Er, so war das! Das hatten wir, die wir wissen, was wir wollen, bei der Besetzung des polnischen Landes ausdruecklich befohlen! Und da muss mir jener Sausewind mit dem Kopf durch die Wand wollen und setzet mir alles in Feuer und Flammen! Er hat ueberdies noch die Keckheit, ob seines Ungehorsams avancieren zu wollen! Und will noch meinen Rock ausziehen, weil ihm das nicht gelang! Lassen wir ihn nur ruhig weiterbrummen, bis Er ein Einsehen hat! Ihm schadet's nicht, und der Dienst gewinnt!" Loelhoeffel raeusperte sich, salutierte nochmals und wagte eine Entgegnung. "Es ist meine Pflicht als Inspekteur der pommerschen Kavallerie, Eure Majestaet darauf aufmerksam zu machen, dass der Rittmeister von Bluecher immerdar ein eifriger und meritierter Offizier war!" "Davon muesste ich doch wissen!" "Er hatte im letzten Kriege nicht das Glueck, unter den Augen Eurer Majestaet zu kaempfen!" "Das hat mit meinem Wissen nichts zu schaffen! Wir pflegen uns auch so nicht all die jungen Leutnants zu merken, die uns einmal an der Nase vorbeilaufen! Und wissen doch in der Armee Bescheid! - - Halte Hektor zurueck, du dummer Esel!" fuhr er ploetzlich den hinter ihm stehenden Lakaien an. "Er ueberfrisst sich sonst! - - Musst dir mehr Zeit nehmen, du gutes Tier!" Er kraute den Liebling und streichelte ihn zaertlich. Seine Augen leuchteten auf einmal freundlich, und er wandte sich bedeutend weniger kratzbuerstig dem General zu. "Immerhin lese Er mir des Rittmeisters von Bluecher Konduite vor!" Loelhoeffel suchte unter den Papieren in seinem Portefeuille ein Dokument heraus, hielt es militaerisch steif vor sich hin und las mit lauter Stimme vor: "Trat mit achtzehn Jahren von den Schweden ueber, erhielt die koenigliche Bestallung als Kornett im Husarenregiment von Belling, wurde am 4. Januar 1761 Sekondeleutnant, am 11. Juli 61 Premierleutnant, focht 62 in der Armee des Prinzen Heinrich, Koenigliche Hoheit, Korps Seydlitz, als die Bellingschen die Reichsarmee bis Hof in Bayern zuruecktrieben, machte da, bei Auerbach, 500 Gefangene, wurde mit nur 60 Mann bei Libkowitz von 200 Oesterreichern angegriffen, machte 60 Gefangene, wurde in der Schlacht bei Freiberg verwundet -" "Ein braver Offizier," sagte der Koenig, "ich erinnere das alles jetzt ganz gut! Soll aber ein gar wuester Spieler und Duellant sein und auch hinter den Weiberschuerzen her - wie alle von den Bellingschen! Ein Zigeunerregiment ist das immer gewesen und keine Husaren!" Er stiess mit dem Krueckstock hart auf dem Boden auf. "Gib doch dem Hund zu trinken," schrie er dem Lakaien zu, "du siehst ja, dass er erstickt!" Dem Hund wurde Wasser gegeben, seine Schnauze und Pfoten mit Servietten abgewischt. Schweifwedelnd schlich er an den Koenig heran und leckte ihm die Haende. "Ein wuester Duellant - ein Raufbruder!" wiederholte der Koenig. "Er sieht, ich kenne meine Leute!" "Zu Befehl! Der Saebel sass ihm stets locker in der Scheide", sagte Loelhoeffel trocken und blickte in sein Dokument. "Hier steht noch angefuehret, dass der Regimentsadjutant Bluecher wegen Herausforderung seines Chefs, des Obristen Belling, strafversetzt werden musste!" "Was sagte ich!" knurrte der Koenig gallig. "Ein aufruehrerischer Krabat! An seinen Chef wollte er heran! Und nun moechte er gar an uns selbst sein Muetchen kuehlen! Ich werde ihn schon Mores lehren!" Er erhob den Stock und schlug auf den Tisch. "Keinen Pardon vor ihm! Keinen Pardon! Und den Abschied auch nicht!" "Wollen Majestaet gnaedigst verstatten? Hier steht noch von einer oeffentlichen Belobigung des gedachten Rittmeisters aus Allerhoechstdero eigenem Munde!" Loelhoeffel zeigte auf sein Dokument. "Wo hatte ich? Wann haette ich?" "Bei einer Revue in Stargard Anno siebenzig!" "In Stargard? Lass Er sehen!" Der Koenig blieb stehen und dachte nach. "Recht hat Er - der von Bluecher war's! Der hatte mit einer Handvoll Leute dreihundert konfoederierte Polacken angegriffen, vier Rittmeisters und achtzig Mann gefangengenommen! Und Er selbst, Loelhoeffel, musste ihn, auf meinen Befehl, vor der Front loben! So war's! Sehe Er, unser Gedaechtnis pariert Ordres noch besser, als unsere Offiziere es manchmal tun! - Ein braver Mann! Ein tapferer Mann! Koennen solche Leute immer gut gebrauchen! Der Rittmeister bekommt seinen Abschied nicht!" "Sein Chef, der General von Lossow, befuerwortet die Entlassung!" "Der von Lossow ist ein Besserwisser und ein Streber. Der soll mir nichts weismachen wollen. Weswegen mag er den Rittmeister nicht leiden?" Loelhoeffel las in seinem Papier nach und blickte dann den Koenig an. "Zu Befehl! Eben wegen der Verfehlung, die Majestaet soeben Hoechstselbst an ihm zu ruegen geruhte! Weil er entgegen des Allerhoechsten Verbots die Polacken durch sein allzu forsches Zugreifen aufreizte, als er eine seiner Postierungen ermordet vorfand!" "Mir sind die Einzelheiten der Geschichte entfallen!" sagte der Koenig. "Wir haben so viel und weit Schlimmeres im Leben erfahren! Erzaehle er mir! Wo hatte der Bluecher zugegriffen? Wen hatte er -?" "Einen polnischen Landgeistlichen in der Gegend von Kalisch, den er als Anstifter in Verdacht hatte. - Er liess ihn aufheben und, da er nicht bekennen wollte, _sans facon_ vor eine frisch aufgeworfene Grube stellen, die Augen verbinden und eine Salve ueber seinen Kopf abfeuern!" "Das wird dem huebsch in die Glieder gefahren sein!" "Vor Schreck ist er fast ums Leben gekommen!" "Gross waere der Schaden nicht gewesen! Unrecht ist ihm sicherlich auch nicht geschehen!" "Zu Befehl! Seine Schuld war mit grosser Wahrscheinlichkeit anzunehmen! Nur nachweisen liess sich nichts!" "Der Rittmeister tat gegen Befehl, dafuer gebuehrte ihm Strafe. Er handelte aber ansonsten brav! Das wollen wir ihm lohnen! Sage Er einmal, Loelhoeffel, wieso kommt jener Brausekopf dazu, mir einen despektierlichen Brief zu schreiben?" "Er fand sich unverdienterweise uebergangen! Er glaubte als aeltester Stabsrittmeister ein Anrecht auf die erledigte Schwadron des abgehenden Majors von Zuelow zu haben, die einem anderen gegeben wurde!" "Was heisst Anrecht? Die Schwadrons vergebe ich! Ein Anrecht ausser Unserer Entschliessung gibt's nicht! Und wider Unsere Entschliessung hat niemand aufzubegehren. Der Rittmeister war ungehorsam - dafuer wurde er im Avancement mit Recht uebergangen! Er schrieb uns einen despektierlichen Brief, dafuer sitzet er in Arrest! So er sich aber demuetiget, wollen wir ihn begnadigen und ihn befoerdern. Schreibe Er: der Rittmeister von Bluecher wird zum Major befoerdert! - - - Nein, noch nicht! Erst soll er abbitten! Sonst denkt er, er haette es uns abgetrotzt!" Loelhoeffel raeusperte sich, blickte den Koenig unsicher an und wagte dann doch noch der Gnaden des Koenigs anheimzustellen, dem Rittmeister, der trotz seines Eigensinnes und seines jaehzornig aufbrausenden Temperaments ein verdienter, tapferer Soldat sei, die ersehnte und erflehte Befoerderung zum Major zuteil werden zu lassen. Um so eher, da gedachter von Bluecher im Begriff sei, zu heiraten und einen Hausstand zu begruenden - - Damit kam er an den Unrechten. "Heiraten will er?" schrie der Koenig ausser sich und stiess mit seinem Stock mehrfach auf den Boden auf. - "Was erzaehlt Er mir da fuer Raeubergeschichten, Loelhoeffel? Weiss Er nicht, dass es sich vor die Husaren nicht schickt, wenn sie Weibers nehmen? Dass sie dann keinen Schuss Pulvers mehr wert sind?! Weiss Er nicht, dass ich vor alle derartigen Mariagen einen greulichen Abscheu habe? Wie kann Er indizieren, dass wir einen Menschen von solcher Fermete noch befoerdern? Er ist wohl des Teufels?!" Der Koenig redete sich immer mehr in die Wut hinein und schrie, dass die Hunde aengstlich wurden, ihm winselnd um die Beine liefen und den General gar auch noch anknurrten, weil er den Zorn ihres Herrn geweckt und ihre Ruhe gestoert hatte! "Ruhe, ihr Biester! Oder wollt ihr etwa auch _mariage_ tun?" schrie der Koenig und schlug nach seinen Lieblingen, zum masslosen Staunen der Lakaien. "Ruhe, Mene! _Tu beau_ Alceste! Wo hat Er das Gesuch des Rittmeisters, Loelhoeffel? Geb Er den Wisch her!" Und er riss dem General das Papier aus der Hand, humpelte, so gut es ging, auf seinen alten gichtischen Beinen an ihm vorbei ins Arbeitszimmer hinein, warf das Papier auf die schraege Tischplatte, ergriff einen Federkiel, stiess ihn mit Wucht in die Tinte, dass sie weit herumspritzte, kratzte dann mit zitteriger Hand eiligst ein paar Worte unter das Gesuch und sprach sie, wie immer, beim Schreiben laut vor sich hin. "Der Rittmeister von Bluecher kann sich zum Teufel scheren!" Er warf den Federkiel fort. "Mag er sich in des Teufels Namen kopulieren lassen, soviel er will! Aber unter meine Husaren fuehret er keine Schuerzenwirtschaft ein! Basta!" Dann liess er den General stehen, eilte mit gehobenem Stock wieder ins Schlafzimmer hinein, wo die Hunde nur mit Muehe von den Lakaien gebaendigt werden konnten, und hieb - nicht die Hunde - aber die Diener durch, die so schlecht aufpassten, dass ihm heute keine Ruhe zum Regieren blieb! Und Loelhoeffel zog mit langem Gesicht ab. Es war ein schnoeder Abschied fuer einen langgedienten, braven Offizier wie Bluecher. Aber mit der Despektierlichkeit durfte man dem Alten Fritz nur vorsichtig nahen! Und mit der _mariage_ nimmermehr! 4 IM SCHATTEN "Haette ich noch den schwarzen Dolman angehabt," sagte der Rittmeister Bluecher und hieb Treff-As auf den Tisch, dass er zitterte, "weiss der Deibel, ich haette mir vielleicht doch noch die Sache ueberlegt! Denn den hatte ich mir sozusagen mit der Waffe in der Hand erobert und in Ehren getragen! Im roten Dolman hatte ich immer das Gefuehl: den ziehst du bald wieder aus! Gemuetlich war's ja nicht, drin zu stecken, nachdem der Alte Fritz die von Gersdorffschen aufgeloest hatte und uns kommandierte, in ihre entehrte Pelle zu schluepfen! Trotzdem ziehe ich sie mit Wonne wieder an, wenn's endlich so weit gediehen ist mit der koeniglichen Gnade! Kinder!" rief er, schob seinen Stuhl zurueck und fuellte die Glaeser, waehrend der Postmeister die Karten mischte und der Apotheker Gewinn und Verlust der letzten Runde getreulich buchte. "Mit keinem Koenig moechte ich tauschen, so vergnuegt bin ich heute!" "Nun ja," schmunzelte der Postmeister, "du hast auch alle Ursache! Reiten, jagen, das Maedchen gekuesst, die Karte in froehlicher Runde gebogen, was willst du mehr?" "Gewinnen!" antwortete fuer ihn der Apotheker, der jetzt mit seiner Rechnung im reinen war. "Gewinnen will er!" "Gewinnen, verlieren, gleichviel!" lachte Bluecher. "Nur nicht sein Leben lang hinter dem Ofen hocken, oder die Nase ueber die Schmoeker haengen und Kriegsgeschichte oder so 'n Zeug pauken! Kriegsgeschichte, pfui Deibel! Als Soldat mache ich Kriegsgeschichte und schreibe sie in Blut oder beschreibe sie beim Rotspon! Die Tinte lasse ich die Federfuchser saufen!" "Nun, die Kriegsgeschichte wird dir wohl nicht allzu laestig, seitdem du des Koenigs Rock auszogst!" versetzte der Apotheker. "Wenn ich auch den Rock auszog, mit Leib und Seele blieb ich doch Soldat! Sollst sehen, bald reite ich wieder an der Spitze meiner Schwadron, die mir von Rechts wegen zukommt!" "Sei froh, solange du's nicht noetig hast! Geniesse dein Leben! Hast ja alles, was der Mensch sich wuenschen kann: eine brave, liebe Gattin, praechtige Kinder, giltst als einer unserer besten Landwirte hier in Pommern - was willst du mehr?" "Red' keinen Schwefel!" "Na, hoere einmal!" sagte der Apotheker, "um nichts gab dir wohl der Koenig neuntausendfuenfhundertfuenfzig Taler Meliorationsgelder fuer dein Gut?" "Neuntausendfuenfhundertfuenfzig, ja! Das war so recht der Alte Fritz! Zehntausend voll haette er mir ruhig geben koennen. Aber nein, er musste noch etwas davon abstreichen, um seinen Sparsinn zu befriedigen! Sonst haette ihm die ganze Sache keinen Spass gemacht! Und nun muss ich mich hier am Spieltisch mit euch abrackern, um die Summe wieder abzurunden!" "Das tust du auch redlich!" lachte der Apotheker. "Aber nach unten hin scheint's mir!" "Verliere ich, so gewinne ich auch - das Geld wie das Majorspatent, und sitze im Sattel, ehe ihr's ahnt!" rief Bluecher uebermuetig. "Dieser Haufen Taler auf Pik-Dame gesetzt, dass es so kommt!" Er nahm eine Handvoll Talerstuecke aus einem auf einem Stuhl neben ihm stehenden, mit Geld gefuellten Suppenteller, setzte auf die Karte und verlor. "Verflucht! Die Dirne ging mir durch die Lappen mit dem Geld! Die Schwarzen waren mir niemals hold! Eine Blonde her! Coeur-Dame gewinnt! Coeur-Dame war mir stets gewogen! Siehst du, was sagte ich? Hab' Dank, holde Schoene! Her mit dem Geld! Kinder, ich koennte die ganze Welt in Truemmer schlagen, so vergnuegt bin ich! Eine Kraft ist in mir! Himmeldonnerwetter! - Ein Schwert in der Faust, einen Gaul unter mir, Feinde genug zum Dreinhauen, was brauche ich mehr?!" "Glueck im Spiel!" "In der Liebe, du Giftmischer! Ich pfeife auf alles andere!" "Nun", sagte der Apotheker und strich wieder den Einsatz ein. "Das haettest du erreicht!" "Noch einmal zur Attacke auf Fortuna, das Luderchen!" rief der Rittmeister, "Karten her! Und hier der Rest!" Er leerte seinen Suppenteller auf den Tisch, nahm neue Karten und verlor noch einmal. "Blasen wir die Reserve heran!" sagte er, ohne darum seine gute Laune zu verlieren. "Ich hole Sukkurs!" Er stand auf, ging ins Nebenzimmer, oeffnete die Ofentuer, steckte die Hand hinein, zog sie aber gleich wieder leer heraus und machte ein langes Gesicht. Kniete dann nieder und blickte in den Ofen. "Da soll mir der Donner dreinschlagen!" fluchte er. "Drei Suppenteller voll Geld stellte ich drinnen parat, zwei nahm ich heraus, wo zum Kuckuck blieb der dritte?" "Haben Panje Rittmeister etwas verloren?" floetete hinter ihm ploetzlich die Stimme seiner alten polnischen Wirtschafterin. Er schnellte empor. "Hast du etwas gefunden, Sonja?" "Kann sein!" schmunzelte die Alte. "Etwa einen Teller -?" "Einen Suppenteller - -" "Mit -?" "Mit etwas drauf, was hier im Hause nicht lange darauf zu bleiben pflegt! Etwas, was Panje Rittmeister und seine buergerlichen Freunde meistens zum Spass zum Fenster hinaus zu werfen pflegen!" "Zum Spass?! I, du dummes Luder, das geschieht gewiss nicht zum Spass! Das werfen wir zum Fenster hinaus, damit es zum Schornstein wieder hereinkommt! Verstehst du?" "Ach so! Dazu stellen Panje Rittmeister die Suppenteller in den Ofen?" "Ja! Ging dir jetzt ein Licht auf? Damit das Geld doppelt und dreifach wieder hereinfliegt - dazu schmeissen wir's zum Fenster hinaus! Denn unterwegs jungt es - verstehst du wohl? Und den Teller stellen wir in den Ofen, damit es nicht in die Asche faellt! Und nun sage mir, mein Taeubchen, wo du den Teller mit dem Gelde hingetan hast." "Oben ins Schlafzimmer, auf der gnaedigen Frau ihr Bett! Nachher, wenn Panje Rittmeister schlafen geht, wird er sich freuen, noch so viel Geld im Hause zu haben!" "Sofort holst du es wieder herunter!" "Die gnaedige Frau Rittmeister schlafen doch! Sie schliefen schon, als ich das Geld hintat!" "Hol es rasch her! Und dass du sie mir nicht dabei weckst!" "Lassen wir das Geld ruhig auf der gnaedigen Frau ihrem Bett! Am Ende jungt's da noch besser!" "Nee!" lachte Bluecher, "da jungt ganz was anderes!" "Die heilige Jungfer bewahre!" rief die Alte erschreckt. "Es ist laengst mehr als genug! Die kleine und zarte Person, und schon sechs Kinder! Sechs habe ich schon auf meinen Armen getragen! Panje Rittmeister, nichts fuer ungut! Die Liebe ist eine schoene Sache! Aber, was zuviel ist, ist zuviel! Und so viel Liebe hetzt den Menschen ins fruehe Grab! Sechs Kinder, bedenket doch, Panje, was das fuer eine Frau heisst! Und dreie deckt schon der gruene Rasen! Da liegen die kleinen Engelchen und rufen nach der Mutter! Und die Mutter will zu ihnen und wird mit jedem Tag immer blasser!" "Red' nicht!" sagte Bluecher kurz und drehte seinen Schnurrbart. Es kam etwas Feuchtes in seine Augen. "Immer blasser wird sie! Und wie sollte sie auch nicht, bei dem tollen Leben hier, wo der Postmeister und der Apotheker ihr Unwesen treiben, und das Spiel und das Pokulieren nimmermehr aufhoert! Ich hab's auch nicht leicht, wenn ich den Kindern Rede und Antwort stehen muss. Sie fragen mich alles moegliche ueber den Papa - wo er seine Soldaten hat und wieso er keinen bunten Rock wie die andern Offiziere traegt -" "Himmelkreuzelement! Halt's Maul!" "Ja, das ist immer das Ende vom Lied: halt's Maul! Ich haette man das Maul halten sollen, vor zehn Jahren, als meine kleine Herrin mir von dem tollen preussischen Offizier vorschwaermte, der ihr den Hof machte! Ich haette das Maul halten sollen, vor vier Jahren, als Panje Rittmeister das schoene Polen verliess und hierher nach Pommern zog! Ich haette sagen sollen: nein, ich gehe nicht mit. Dann haette ich nicht sehen muessen, wie meine kleine Herrin vor Gram elend umkommen muss! Sie, die Enkelin eines grossen Herrn, des Starosten von Gnesen, des erlauchten Herrn von Bojanovsky selbst! Das edelste polnische Blut! Einen Grafen haette sie haben koennen! Einen Fuersten sogar! Sie hatte es nicht noetig, einen kassierten Offizier zu nehmen, der sich mit niedrigen Buergersleuten gemein macht!" Mit dem kassierten Offizier wagte sie sich aber erst dann heraus, als Bluecher laengst nicht mehr im Zimmer war. Er hatte sie einfach stehenlassen, als sie anfing, ihm ihre gewohnte Litanei vorzuleiern, war die Treppe nach dem oberen Stock hinaufgeeilt, oeffnete leise die Tuer des Schlafzimmers und schlich auf den Fussspitzen hinein. Seine Frau schlief. Zu ihren Fuessen, auf dem Federbett, stand der Teller mit dem Gelde. Einen Augenblick stand er noch da und lauschte auf ihren Atem. "Dass du das Geld bei dir hast, bringt Glueck!" sagte er, nahm den Teller, ohne sie zu wecken, und ging leise, wie er gekommen war, zu seinen Gaesten hinunter, setzte den Teller auf die Karte, die soeben ausgeschlagen wurde, und rief: "Das Ganze! Das Ganze gewagt!" Und er gewann. "Noch einmal!" rief er, schob den Teller nochmals hin und gewann abermals. "So!" sagte er. "Nun ist's genug. Jetzt habe ich die Summe des Alten Fritzen wohl genuegend abgerundet! Ich hatte also Glueck mit dem Gelde! Das Glueck in der Liebe brachte mir auch Glueck im Spiel! Das hat wohl denn auch gute Vorbedeutung fuer mein Gnadengesuch an den Koenig." "Du hast wieder -" "Ich habe dem Koenig fuer das mir geliehene Geld gedankt und die Gelegenheit benutzt, um Wiedereinstellung als Major zu bitten, und zwar mit Anciennitaet vom Tage meines Abschieds ab! Einmal hat er's mir abgeschlagen. Das war vor vier Jahren! Jetzt wird er wohl ein Einsehen haben!" "Alle Wetter!" sagte der Postmeister. "Gut, dass du von der Sache sprichst. Vorhin kam eben ein amtliches Schreiben an den Herrn Deputierten des Pommerschen Landschaftsrates von Bluecher an. Vom Koeniglichen Kabinett, scheint's mir! Ich nahm das Ding mit. Ihr machtet aber gleich einen Laerm, dass ich nicht zu Worte kommen konnte, und dann hab ich's verschwitzt, als es mit dem Spiel losging! Nun, aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Da nimm!" Er reichte Bluecher einen Brief mit dem koeniglichen Siegel. Bluecher nahm ihn, machte ihn schnell auf, flog den Inhalt durch, wurde ploetzlich ernst und nahm sein Glas. "Auf das Wohl Seiner Koeniglichen Majestaet!" sagte er kurz. "Er soll leben! Und wir auch - wofern wir nicht fuer ihn sterben duerfen!" "Abgelehnt?" fragte der Postmeister zoegernd. "Abgelehnt!" sagte Bluecher kurz. "Abgelehnt zum zweiten Male! Das bedeutet weiter nichts, als dass ich nochmals bei Seiner Majestaet mit meinem Gnadengesuch vorstellig werde, und dann nochmals und dann nochmals, bis ich damit durchdringe und er mich wieder einstellt. Ich lasse nicht locker! Ist er eigensinnig - bin ich es noch zehnmal mehr! Jetzt kommt aber; es wird schwuel hier drinnen! Draussen im Garten atmet sich's leichter! Ich lasse eine Bowle ansetzen, die euch munden wird wie den Kindern Israels das Manna in der Wueste!" Er setzte den Hut auf, fasste den Postmeister unter den Arm und ging hinaus, von den beiden anderen gefolgt. 5 AUS DEM NEST HERAUS "Enten waren da, die Masse", sagte der Rittmeister und zwirbelte seinen Schnurrbart. "Aber sie hatten Glueck! Der Nebel wollte nicht weichen, die Sonne machte sich's bequem! Und der Hund taugte auch nichts! Weiss der Teufel, was ihm in die Nase gefahren war! Der Nebel hatte ihm wohl den Riecher genommen! Denn er stiess direkt mit der Nase auf den Vogel, ehe er ihn gewahr wurde! Der schoss dann wie ein Pfeil davon, und der dumme Koeter stand da und glotzte in sein Kielwasser, wie es lustig durch das Schilf rieselte, bis es zu spaet wurde und der Vogel untergetaucht war. Keinen einzigen Aufflug brachte er zustande! Keine Moeglichkeit, zum Schuss zu kommen! Da musste ich selbst den Hund machen! Beim naechsten Vogel, den wir aufstoeberten, sprang ich ins Wasser und machte ein alles andere denn weidmannsgerechtes Hallo, um ihn zum Aufflug zu bringen! Das gelang nun schon nach Wunsch! Aber alles, was ich vom Vogel bekam, war weiter nichts als sein hoehnisches Schnattern und das Rauschen seiner Fluegel und, wo er aufflog, eine sonderbare Bewegung im Nebel, die im Daemmerlicht der aufgehenden Sonne Gestalt annahm und zu etwas Menschenaehnlichem wurde!" "Etwas Menschenaehnlichem?!" wiederholte die Frau Rittmeisterin und blickte von ihrer Handarbeit auf. "Ja, eine menschenaehnliche Gestalt, eine Nixe, die mich hold anlaechelte und die Arme gegen mich ausstreckte. Deine Zuege hatte sie!" "Geh!" "Auf Ehre! Sie hatte es! Und ich, nicht faul, gleich hinterher, ohne an den morastigen Boden zu denken! Und ploetzlich, ehe ich's mich versah, gab der Grund unter meinen Fuessen nach, und im Nu stand ich bis zum Hals im Sumpf!" "Das geschah dir recht! Warum jagst du Nixen nach!" "Deine Zuege hatte sie!" "Wer's glaubt. Dann haettest du's sicher nicht so eilig gehabt!" "So eilig sogar, dass es mir fast das Leben kostete!" "Dein Leben achtetest du stets gering!" "In dem Augenblick nicht! Ich gab gehoerig Hals! Und zum Glueck war der Foerster nicht weit!" "Der Hasse?" "Ja! Im letzten Augenblick kam er hinzu, reichte mir seinen Flintenlauf, und daran konnte ich mich dann so allmaehlich aus dem Schlamm herausholen! Es haette aber schief gehen koennen!" "Ja, da siehst du, wohin der Uebereifer dich fuehrt! Immer musst du Leben und Gesundheit aufs Spiel setzen, und sei's nur um eine Wildente - oder, meinetwegen, um eine Nixe zu erwischen!" "So ist's! Immer aufs Ganze! Nur so erreicht man etwas!" "Wenn man nicht das Genick dabei bricht!" "Darum brauchst du nicht zu bangen! Ich komme nicht um! Ich bin fest ueberzeugt, dass mir gegeben wurde, im Leben etwas Besonderes zu leisten! Das macht fest gegen Schuss und Hieb! Wenn ich auch manchmal etwas abgekriegt habe -, das Leben hat's noch nicht gekostet! Zum Krueppel wurde ich auch nicht! Und heute, wo ich bis zum Hals versank und mich kaum noch bewegen konnte, auch heute verliess mich die Zuversicht nicht, sondern ich dachte: 'Habe ich etwas im Leben zu tun, so bleibe ich wohl am Leben!' Und ich blieb! Die rettende Hand war gleich zur Stelle! Das gibt mir Zuversicht. Denn so wie auf der heutigen Jagd, so war mein ganzes bisheriges Leben, seitdem ich den Dienst quittierte. Bis zum Hals im Schlamm versunken, ohne Moeglichkeit, mich zu bewegen, wenn nicht bald die Hilfe kommt, mich aus dem Sumpf herausbringt, mich wieder als Soldat einstellt und mich mittun und mitleben laesst! Denn so wie jetzt geht's nicht weiter! So komme ich um! So versumpfe ich ganz und gar!" "Warst du denn so ungluecklich mit mir?" "Wie kannst du nur fragen? Saumaessig wohl war's mir die ganze Zeit! Ein stolzes Gefuehl, als freier Herr auf eigenem Grund und Boden zu schalten und zu walten und zu sehen, wie wir vorwaertskamen und uns wohl dabei standen! Ich trug schon die Nase gehoerig hoch bei all der Anerkennung, die mir von allen Seiten zuteil wurde! Das leugne ich gewiss nicht! Aber das ist gewesen, und das soll mich von nichts mehr abhalten duerfen! Alles hat seine Zeit! Das musste auch erlebt sein, und das habe ich erlebt! Das genuegt aber nicht! Das erfuellt mein Leben nicht! So schlafe ich ein, geistig wie leiblich. Und das darf nicht sein! Ich habe den Trieb, mich weit darueber hinaus zu betaetigen, und wenn's mir das Leben kosten sollte! Vorwaertsstuermen aufs Unmoegliche los, um es moeglich zu machen und auch andere dazu treiben! Das habe ich! Das kann ich! Ob's der Abenteurer ist, der mir im Blute liegt - ob's weiter nichts ist als purer Leichtsinn -, jener Trieb muss befriedigt werden, oder ich krepiere!" Die Frau Rittmeisterin blickte auf. "Man soll das Leben nur fuer etwas einsetzen, was des Lebens wert ist!" "Wer nicht bereit ist, es stets und immerdar fuer seine Sache einzusetzen, wie gering sie auch anderen scheinen mag, der ist nicht wert, zu leben!" "Du wirfst es aber hin, wie wenn du Geld auf eine Karte setzest." "Und gewinne es zehnfach wieder!" "Wenn du nicht Pech hast, wie meistens - Pech beim Spiel, Pech auf der Jagd, Pech in der Liebe -" "Wie kannst du das sagen?" "Wieso nicht?! Wo du mit einer Frau leben musstest, die dir weiter keine Empfindungen eingeben konnte als das Gefuehl, an ihrer Seite im Sumpf zu versinken!" "Verdrehe meine Worte nicht! Versteh mich recht: ich fuehle mich zurueckgesetzt, ausgestossen, zu nichts nutz! Bloss als Brotverdiener auf der Welt und weiter nichts! Mein Leben geht dahin, und ich leiste nichts! Die Zeit schwindet, und ich stapfe noch immer auf demselben Fleck! Wenn ich sehe, wie weit es meine ehemaligen Kameraden inzwischen gebracht haben - -" "Da solltest du dem Himmel danken, dass du des Koenigs Rock beizeiten auszogst! Denn das machte dich zum freien Mann und erhielt deinen Sinn unabhaengig! Gott behuete, dass du heute da stehen solltest, wo deine Kameraden jetzt sind. Keinen Schritt koenntest du machen ohne Befehl -, keine Bewegung ausser der reglementierten! Das kannst du aber jetzt -" "Das kann ich jetzt erst recht nicht, wo ich die Ruecksicht auf die Familie und auf unser taeglich Brot ueber alles andere stellen muss. Ich ziehe jedenfalls das soldatische Reglement dem der Ehe vor! Verzeihe mir, aber es musste einmal klar und deutlich ausgesprochen werden." "Ich glaube," sagte die Frau Rittmeisterin, ohne die geringste Bewegung zu verraten, "ich glaube, dass unsere Ehe dir genug Bewegungsfreiheit fuer deine persoenlichen Neigungen liess. Jedenfalls nahmst du sie dir mehr als reichlich!" "Das tat ich! Und das haette ich auch als Offizier getan. Ich war dumm, als ich den Dienst quittierte!" "Du warst weder dumm noch klug, du warst ein aufrechter Mann. Und niemals habe ich dich mehr geliebt als in dem Augenblick, wo du Manns genug warst, deine Wuerde zu wahren. Denn Unrecht geschah dir, als ein Fuerstensproessling dir vorgezogen wurde, der dir sowohl an Meriten wie an Dienstjahren nachstand. Und du tatest recht, als du dem Koenig daraufhin deinen Degen vor die Fuesse warfst! Jetzt aber, wo du jahraus, jahrein dem Koenig schreibst und ihn um Wiedereinstellung als Offizier anbettelst, jetzt schaeme ich mich deiner! An die zehnmal schriebst du ihm! An die zehnmal gab er dir den Fusstritt, der dir ob solchen klaeglichen Gewinsels gebuehrte!" "Hoer auf!" "Hoertest du wohl auf mit deinen Bettelbriefen? Schriebst du nicht unter jeden Brief: 'in allertiefster Devotion ersterbend, Eurer Koeniglichen Majestaet alleruntertaenigst gehorsamer Knecht'? -" "Phrasen, weiter nichts!" "Habe ich einen Phrasendrescher zum Mann genommen? Habe ich einem alleruntertaenigst gehorsamen Knecht die Hand gegeben, der 'in allertiefster Devotion erstirbt'? Oder war's ein Mann, der aus Ehrgefuehl zum Rebellen werden konnte?" Er nahm sie in seine Arme und kuesste sie herzlich. "Halte dich nicht ueber Aeusserlichkeiten auf. Der althergebrachten, von der Gewohnheit, oder sagen wir: vom Zeremoniell geheiligten Form muss ein jeder genuegen, hoch oder niedrig, der sich dem Traeger der Krone naht! Das ist weiter nichts als eine Redensart!" "Mag sein! Aber eine Redensart, die entwuerdigt. Ich wuerde mich schaemen, sie zu gebrauchen!" "Und ich -, ich schreibe sie ihm nochmals und nochmals, bis er nachgibt und mir meinen Willen tut. Wenn ich bloss ans Ziel komme, wenn ich erreiche, taetig sein zu koennen, was kuemmert's mich, wie ich dazu komme? Jeder Weg ist mir da recht! Und waere er noch so holperig, ich gehe ihn doch ohne Zoegern! Das ist nichts als einfache Pflicht, der Macht gegenueber, die mir anheimgab, eine Aufgabe ueber das Alltaegliche zu suchen! Und daran hindert mich nichts - deine Verachtung nicht, und erst recht nicht dein Schelten! In einem gebe ich dir aber jetzt recht: das Schreiben von Bittgesuchen war dumm! Das werde ich kuenftig lassen. Es gibt andere und bessere Wege! Wo ich Deputierter der Landschaft bin, kann ich auch so an den Koenig heran. Das naechste Mal, wenn er hier Revue abhaelt, sorge ich dafuer, dass ich die Landschaft vertrete. Da bedarf es keines Audienzgesuches! Und das Weitere wird sich ergeben. Aber von meinem Vorhaben lasse ich nicht ab. Soldat bin ich mit Leib und Seele, und Soldat bleibe ich! Du sollst es schon sehen: eher als du denkst, wirst du als Frau Majorin aufwachen!" "Gott verhuete es! Dann muesste ich unser schoenes Gross-Raddow verlassen und in der Garnisonsstadt leben!" "Das schon!" "Das waere mein Tod! Das kann ich nicht! Ich wuerde ersticken. Ich wuerde ohne Licht und Luft zugrunde gehen! Bin ich dir denn kein Opfer wert? Ist dir der Traum, dem du nachjagst, mehr als eine ruhige, gesicherte Wirklichkeit an meiner Seite? Wozu jetzt noch einmal dein altes Leben von vorne anfangen? Vierzehn Jahre warst du schon ausser Dienst, und du bist nicht mehr der Juengste, hast nicht mehr das Ungestuem der Jugend, das vorwaerts ueber alle Hemmnisse hinwegtreibt. Du wirst nur Enttaeuschung ueber Enttaeuschung erleben und bitter bereuen, unser Glueck um ein Hirngespinst geopfert zu haben. Du hast ja ohnehin Taetigkeit uebergenug! Hast ja die Gueter - unser schoenes Gross-Raddow und Sassenhagen, das du eben angekauft hast! Ein ganzes Leben brauchst du, um die hochzubringen. Wie kannst du nur daran denken, daneben noch als Offizier zu dienen? Entweder die Gueter werden vernachlaessigt, oder der Dienst wird es!" "Dann lieber die Gueter", dachte der Rittmeister. "Die kann man ja verkaufen, wenn sie im Wege sein sollten!" Aber er sagte es nicht laut. Er sah, wie sie mit ganzer Seele daran hing, ihr Leben in der bisherigen Weise weiterleben zu koennen, dachte an ihre zunehmende Kraenklichkeit, fuehlte ein menschliches Ruehren, wurde grossmuetig, opferbereit und schwang sich sogar auf, den Verzicht auszusprechen. Das beruhigte sie. Aber er selbst fuehlte, als haette er seiner ureigensten Natur Gewalt angetan und das Heiligste verleugnet. Ein brennendes, fieberndes Verlangen nach dem grossen Abenteuer seines Lebens, das er haben musste, wenn er nicht elendiglich verkuemmern sollte, bemaechtigte sich seiner ungestuemer denn je und liess ihm keine Ruhe mehr. * In Sanssouci endete zu gleicher Zeit ein einsamer Mann, von Arbeit ermuedet, von Krankheit zerruettet und von aller Welt verlassen. Ein Leben erlosch, das Kampf gewesen war, Kampf und Sieg gegen eine ganze Welt - ein Leben voll treuester Pflichterfuellung und Strenge gegen sich selbst und alle anderen. Der alte Adler starb und schloss seine Augen fuer immer. Ein Aufatmen -, ein Gefuehl der Erleichterung ging durch das ganze Volk. Die wenigsten gedachten bei der Todesbotschaft der grossen Lebensleistung, deren Zeugen sie gewesen waren. Die erlittene Bedrueckung zitterte noch bei allen nach. Auch nach Pommern drang rasch die Kunde des grossen Ereignisses. Hier wie dort im ersten Augenblick ein Aufjauchzen, das die Groesse dessen, der zu Grabe getragen wurde, total verwischte. Auch Bluecher ging es nicht anders. Aber zugleich fuehlte er etwas wie ein Rauschen grosser Fluegel um sein Haupt und wurde von einer seltsamen Empfindung beschlichen, als sei ihm ein Erbe ueberkommen. "Jetzt ist's vorbei mit dem schmaehlichen Beiseitestehenmuessen! Jetzt ist meine Zeit da!" So jauchzte er auf bei der Trauerkunde. Und seine Frau schwieg. Sie sah es ein, dass er nicht mehr zu halten sein wuerde. Der stille Verbuendete, den sie in dem alten Koenig gegen ihn gehabt hatte, war nicht mehr! Keine Macht gab's mehr auf Erden, die seinen Tatendrang, der stets ihr Eheglueck sprengen wollte, eindaemmen konnte! Sie musste es ueber sich ergehen lassen, wie es auch kommen wuerde! Und Traenen der Wehmut, nicht des Stolzes, waren in ihren Augen, als sie beim darauffolgenden Durchzug des neuen Koenigs durch Stargard ihren Mann, hoch zu Ross, in der kleidsamen Uniform der pommerschen Landschaft, dem koeniglichen Wagen voraussprengen sah. Und auch als er siegestrunken zurueckkehrte und ihr vom Gelingen seines Unternehmens und von der Audienz beim Koenige erzaehlte, sowie von dessen gnaediger Zusage, ihn bei Gelegenheit mit voller Anciennitaet als Major in sein altes Regiment wiedereinstellen zu wollen - auch dann vermochte sie nur mit Muehe die qualvollen Seufzer niederzuhalten, die sich ihrer Brust entringen wollten. * Einige Jahre spaeter stand er vor ihr in ihrer kleinen Wohnung im pommerschen Staedtchen Rummelsburg, hatte den Feldzug in Holland hinter sich, hatte den Verdienstorden um den Hals und war im Begriff, sich wieder von ihr zu verabschieden, um in den Krieg gegen Oesterreich zu ziehen. Er sah ihre bleichen Wangen, ihr abgezehrtes Gesicht, ihren mueden Blick, sah mutlose Resignation in ihrer ganzen Art, sich zu geben, und sein Herz schnuerte sich zusammen. Seinem Beruf zuliebe hatte sie auf das Landleben verzichtet. Ihre Gueter, an denen sie hing, die aber aus der Entfernung nicht bewirtschaftet werden konnten, waren verkauft. - Gross war das Opfer, das er von ihr verlangt hatte - er sah es ein. Aber er hatte nicht anders handeln koennen. Und jetzt galt es wieder Abschied nehmen. "Diesmal wohl fuer immer", sagte sie wehmuetig laechelnd. "Ich dachte es schon damals, als du in den hollaendischen Feldzug gingst. Und einmal muss es ja sein! Es ist ja auch besser so. Ich sehe es ein - ich bin dir im Wege und muss fort. Ich beklage mich nicht. Du warst immer gut, immer lieb zu mir. Du kannst wohl aber nicht aus deiner Haut heraus. Dein Beruf muss dir ja ueber alles gehen, und mir kommt es zu, ihn nach Kraeften zu foerdern. Ich gehe also hinueber zu den Kindern! Es muss auch nach ihnen geschaut werden! Sie rufen mich schon oft, viel lauter als die Lebendigen. Bleib du denen ein guter Vater. Und hab' Dank fuer alles. Es war schoen mit dir. Und wenn ich nochmals mein Leben anfangen koennte, ich wuerde dich wieder nehmen!" Er schloss sie in seine Arme und kuesste sie. Seine Traenen mischten sich mit den ihren. Dann riss er sich los, eilte hinaus, stieg in den Sattel und zog an der Spitze seines Regiments sang- und klanglos zur Stadt hinaus. "Wenn i kumm, wenn i kumm, wenn i wiederum kumm - -" summte er dabei leise das alte Lied. Als er aber wiederum kam - da war die Hochzeit gewesen. Ein anderer Freier, der nirgends ungehoert anzuklopfen pflegt, hatte ihr das Brautbett geruestet und sein Liebstes in kuehler Erde zur letzten Ruhe gebettet. Die Kinder kamen zu den Grosseltern, und nichts war mehr da, was ihn fesselte. Der junge Adler war aus dem Nest heraus und hob seine Schwingen zum Flug. 6 DER SOLOFAeNGER NUMMER EINS Der Sachse Haeberlein von der Schwadron des Majors von Planitzer nahm im ganzen Regiment der roten Husaren so etwas wie die Stellung eines Orakels ein. Er konnte lesen wie ein Schriftgelehrter, er schrieb und rechnete wie der geriebenste Kriegskommissar und gehoerte auch nicht zu jenen Zaghaften, die ihr Licht unter den Scheffel stellen! Der Strom seiner Rede war wie ein brausender Wasserfall, seine Gier nach Neuigkeiten hoerte nimmer auf - mit allem, was sich auf Erden zutrug oder zutragen konnte, wusste er besser Bescheid als ein Bataillon von Klatschbasen. Wo das Regiment auch biwakierte, spuerte er sofort das Platzorakel oder wenigstens eine Zeitung auf und war sofort ueber die politische Konstellation des Tages unterrichtet. Haette er die Faeden der hohen Diplomatie in Haenden gehabt, Europa haette anders ausgesehen, und das Koenigreich Sachsen erst recht. Nun hatte er leider Gottes nur die Gesamtdiplomatie seiner Schwadron zu fuehren, und er tat es mit einer Geduld und einem Opfersinn, der nur von seiner unersaettlichen Neugier uebertroffen werden konnte. Zu dieser Geheimdiplomatie gehoerte vor allem die heikle Aufgabe, den des Schreibens Unkundigen - und sie waren in der Mehrzahl - die Briefschaften ihrer Familienangehoerigen zu entziffern und sie, gegen ein geringes Entgelt fuer Tinte und Papier, nach den Wuenschen der von solchem Ereignis Betroffenen zu beantworten. Insbesondere profitierte von diesen seinen unschaetzbaren Eigenschaften sein Nebenmann rechts, der Wasserpole Gajewsky, der in jedem Nest, wo die Schwadron durchkam, eine Braut sitzen hatte, die auf das hehre Eheglueck polnisches mit ihm wartete und entsprechend vertroestet werden musste. Ohne Dolmetscher war aber auch er ausserstande, diesen Trost zu spenden. Denn er war aus edelstem Schlachtschitzenblut, hatte Ahnen bis ins Blaue hinein und entstammte einem uralten polnischen Hause, das einst, in den Tagen des Glanzes, ueber Tausende von Seelen geherrscht hatte, jetzt aber kaum noch der eigenen Seele Herr war. Denn dessen Mitglieder, ueber sotane Kuenste erhaben, liessen sich nimmermehr herab, sich mit Lesen oder Schreiben oder irgendeiner Art von Buchgelehrsamkeit abzugeben - was ja in besseren Haeusern stets zu den dienstlichen Obliegenheiten eines Beichtvaters zu gehoeren pflegte. Als Edelmann hatte er ja alle Haende voll zu tun, die Herzen zu brechen; am Spieltische wurde nicht gerechnet; war die Tasche leer - und sie war es meistens -, so hatte er die glaenzendsten Revenuen aus den im Monde gelegenen Stammguetern zu erwarten, pumpte darauflos, solange sich glaeubige Seelen fanden, leerte den Becher, solange der Wein floss, liess die Wuerfel rasseln, kuesste die schoenen polnischen Weiber und was ihm da noch von anderen Rassen mit unterlief, und balgte sich nach Herzenslust mit den Nebenbuhlern herum. Heute zwirbelte er melancholisch seinen blonden Schnurrbart und hoerte kaum auf das, was der brave Sachse ihm vorschwefelte. Man hatte ihn gewaltsam aus den Armen der Liebe gerissen, die im letzten Kantonnement besonders weich und wohlig gewesen waren - hatte ihn in Marsch gesetzt, mit der gesamten Schwadron hierher in den Hinterhalt gelegt, wo sie in aller Herrgottsfruehe aufmarschieren und immer noch auf Befehl zur Attacke warten mussten. Noch brannte der letzte Kuss auf seinen Lippen, die nicht einmal Zeit gehabt hatten, mit dem ueblichen Schwur ewiger Treue im Augenblick der Trennung zu quittieren. "Is sich nichts als purer Niddertracht, Panje Bluecherr seiniges", knurrte er verdriesslich. "Ruft sich aus Quarrthier der Hund, ech sich hat der Hahn gegackert!" "Is ae Sauerei, der kanze Griech!" pflichtete der Sachse bei. "Denk ich: Mordio, will sich gebben Monsieur Ohnehos Rendezvous zeitiges cheute! Werrd ich lerrnen ihm fallen Husar polnisches unter Kuesse seinige! Hat sich gerufen: pascholl! In die Sattel! Tatarata! Und dann Nitschewo! Ahles nix! Nix Feind! Nix dreinhauen! Nix Kuesse! Betrug hundsgemeines!" "Eja, freilich!" kraehte der Sachse. "Nichts als ae unnuetze Lauferei, der kanze Griech! Mir siechen und siechen und siechen! Mir naehmen dem Franzosen Ganohnen, Kefangene, Pakasche, - alles! Mir hauen ihm in die Pfanne! Gaum aber looft er, da loofen mir egal ooch! Aber nich hinterher, nee, zuruecke loofen mir und gucken in den Rhein, wie sein Wasser ooch davonlooft, und freien uns dann gechenseitig, - der Vater Rhein und mir! Wie mir aber mit der Medode nach Baris gommen dhun, wees der Gugguk!" "Bischt ebens a Subalterner!" fiel ihm sein Nebenmann, der wortkarge Schlesier Landeck, in die Rede. "Host nischts zu wissen! Maul holten, dreinhauen, ist oalles, woas du noetig host!" "Dreinhauen, jawohl! Aber 's Maul halten, nee, nu aeben nich! Und morgen ooch nich! Duht's unser Pliecher etwa? Haelt der 's Maul? Reisst er's nicht uff wie 'n Nilpferd, verdonnert die schockschwerenotverdammten Oesterreicher, die uns egal immer unsere Fikdorien versauen, dass es eine Schande ist?! Pakasche! Schweinebande, hundsmiserable! Egal raeumen sie irgendwo eine Lienje, und mir muessen mit! Gaum hamm mir uns irgendwo recht scheene einkerichtet, da muessen mir wieder raus!" Der Schlesier tat wieder sein Maul auf. "Host auf die Oesterreicher nich zu schimpfe! Bischt aus Sachsen; schimpf auf die Preussen, bei dena du dienscht!" "Die Preussen, eja, freilich! Die gennen mir ooch was! Da haetten mir ooch die Nase dicke voll von!" "Is sich blasiert derr Preuss!" warf der Pole ein und zwirbelte seinen Schnurbart hoch. "Frisst sich zu vill - liebbt sich zu wennig! Wird sich faul und dumm!" "Und pequem!" eifert der Sachse. "Guck ae mal bloss die meerschten von den Offiziers an! Ih, du Kieticher, ist das een Fuhrwerken, eh so 'n oller dicker Major in den Sattel gommt! Und sitzt er endlich mal drinne, dann schreits: 'Mei Guechenwaachen!' und das ist nun allemal das erschte. 'Wo ist mein Guechenwaachen, Ginner? Wo steckt er bloss? Goennt ihr ihn nicht saehn?' Da muss unserm Pliecher so 'ne Arche Noah von einem Guechenwaachen bloss in die Quere gommen! Der versteht's! 'Ausspannen! In den Graben werfen! Pferde vor die Ganohnen!' Der schafft's! Mordselement!" "Ja, der hot's! Aso a Teiwelskerl is dos!" stimmte der Schlesier bei. "Heut fiel er wieder vom Faerd!" fluesterte der Sachse. "Basst ae mal uff, Ginner, des giebt wieder eene Sache! Wenn der vom Faerd faellt und wieder hochgommt, da setzt's allemal Schlaege fuer den Feind und Fikdoria fuer uns! So ist's immer kewaesen, da goennt ihr Kift druff naehmen, und des stimmt, als wie zwee mal zwee is finfe!" Der Pole machte runde Augen. "Fill sich vom Ferrd, der Panje Bluechherr, saggst du?" "Kopfieper runterkesaust!" "Habb ich nicht gesehhen!" "Siehst aeben bloss, wo die Weibsbilder fallen!" Der Pole laechelte martialisch. "Hatt sich gebrochen Genick seiniges, der Panje Bluechherr?" fragte er. "Wo wird er wohl?!" "Nu, wo werrd ich denn sehhen? Weiss ich doch: hat sich ein Schweineglueck, der Panje Obberst!" "Ein Schweineglueck", wiederholte der Sachse. "Haettest ihn saehn sollen, wie sein Faerd ruecklings in den Kraben trat! Wie 'ne Stahlfeder schnellte er aus dem Sattel auf den Weech rauf! Wie 'ne Gerze stand er vor der Front ohne eene eenzige Schramme - wo er doch von Rechts wegen mit gaputte Gnochen unterm Faerd liegen musste!" "Er is gefeit", sagte der Schlesier kurz und buendig. "Oof ihn beesst kee Stich, kee Hieb. Die Kugeln biegen vor ihm aus. Und wenn a faellt, faellt a imma hinoof. Faellt a as Oberscht, kommt a as General hoch! Faellt a as General, kommt a as Feldmarschall wieder in den Sattel!" "Nu aeben!" lachte Haeberlein. "Warum nicht ooch? Wenn der Schlaesier sein Maul uffdhut, da nimmt er's allemal dicke voll!" Der Schlesier sagte nichts. Er sass nur da, wieder wie eine Statue, ohne eine Miene zu verziehen, und blickte geradeaus. "Unheimliches Kerl!" dachte der Pole froestelnd. Denn es war noch frueh im Mai und das Gruseln leicht. Bum, schossen drueben die Franzosen. Bum, Bum! Ihr Feuer lag links auf Neustadt zu, wo die Hauptmasse der Bluecherschen Truppen jetzt herauskam und auch zu kanonieren anfing. Aber eine Kugel fand auch den Weg nach rechts, ueber den Wald, wo die Planitzer lagen, warf Steine und Sand ueber die Reiter und dem Sachsen ins Maul, da er's eben auftat. Er aber geschwind die Bescherung ausgespuckt. Und hinterher brauste seiner Rede Strom mit doppelter Gewalt. "Nu saacht ae mal bloss: Was hat wohl der Alte mit uns vor? Mir stampfen hier egal uff eenem Fleck und lassen uns mit Dreck schmeissen! Warum naehmen mir nich dem Kroppzeug drueben die Ganohnen wech? Die schiessen ja wie die Schweine! Am Ende treffen die ooch noch! Und dann ade reiten! Een, zwee!" fing er an, die Schuesse zu zaehlen. "Des reene Salutschiessen! Akrat wie in Billnitz, wo wir mit den Rekruten durchkamen und die Maschestaeden ooch da waren! Eja, des war scheen! Der Geenich von Sachsen, der Geenich von Preissen und der Gaiser Leopold ooch noch, Gott hab ihn saelig! Und hinter ihnen her der ganze Schwanz von hohen Herren und Gonfusionsraeden! Die machten nu fix een Gollech um den gruenen Disch rum, zogen die Schlafmuetzen feste ieper die Ohren runter und taten damit dicke, wie sie den lieben Gott wieder in Frankreich einsetzen wollten und den Geenich Lurwich ooch! - Und des war nu nichts als wie 'n Schpadziergang, und des hamm sie nun verbrieft und besiegelt und begossen und waren noch lange nicht mit der Beschaerung fertig - da hat der Franzos die Frechheit und erklaert uns den Griech und haut seinem Lurwig den Doeskopp ab und ist ieper die Krenze, ehe die Gonfusionsraede wach wurden! Nich ae mal ae Griechserklaerung hamm sie fertig gebracht - nicht mal im Traum! _Die_ gennen nu die Franzosen wieder alleen rausschmeissen - die Gonfusionsraede! Mir dhuns nimmer mehr, wenn mir so weiter siechen!" "Is sich ein Schweinewirtschaft hundsmiserables!" stimmte der Pole bei. "Mir Roten sind schon parat - daran fehlt's nicht! Da ist schon unser Oberst hinterher wie der Deibel! Bei den Hufschmieden, in den Gammern, auf den Futterboeden - ieperall hat er hineingerochen! Mundierung und Sattelzeug, Pulver und Blei - nach allem hat er gesaehn, und dass die Glingen scharf geschliffen sind, war ihm allemal die Hauptsache! Mir sind parat! Aber die anderen! Die Raede und - nun, ich will nichts gesagt haben - _der Geenich ist ja een kuter Mann_ - een seelenkuter Herr! Wo er aber zu schpaet Geenich wurde - nachher steht ooch alles andere im Lande zu schpaet auf! Beim Gaiser Leopold ooch! Na, nu ist er ja tot, und dakechen ist nichts zu sagen! Aber sein Laeben lang dachte der nicht daran, Gaiser zu werden - der steckte dicke drinne im fetten toskanschen Getreidegeschaeft und war een kuter Mann! Da stirbt der Bruder, und er muss auf den Thron! Na, nu ist er das Aelend ooch los, und sein Sohn kann seine Leute mit Mehlspeis und Backhaendl fuettern, bis ihnen die Baeuche platzen! Haettest drueben bei den Oesterreichern bleiben sollen, Schlaesier, wo du schon warst!" "Mei Atzung find' ich ieberall!" entgegnete der Schlesier. "Nun wenn schon - warum suchst du sie denn gerade hier bei den Preissen, bei den Hungerleidern?" "Was suchen die Sachsen und die Polen dahier? Am Ende wollte ich nur sehen, wie mir der rote Dolman sitzt, wo ich doch dahier im selbichen Rechiment schonn den schwarzen trug!" "Nun schlag einer lang hin! Wo _mir_ schwarz waren, bist du ooch mit kewaesen?" Der Schlesier sass da wieder wie in Erz gegossen und antwortete nicht! Bum! schossen die Franzosen vor Kirrweiler. Bum! sekundierte eine andere Kolonne, die mehr rechts, durch Edenkoben herauszukommen begann. Die Kugeln kamen jetzt von rechts und von links. Die Leute wurden unruhig, die Pferde tanzten hin und her. "Is sich ein verdammtes Schissen!" knurrte der Pole. "Waer' ich Obberst, haett' ich gebben laengst Siggnall!" "Ihr Polen habt's immer eilig mit dem Ueberlaufen!" sagte der Sachse anzueglich. "Ihr liebt den Franzmann! Wenn ihr mit ihm Hiebe tauscht, denkt man, es sind Gomplimente!" Der Pole wollte antworten. Da bliesen endlich die Trompeten zur Attacke, die Roten sausten aus ihrem Hinterhalt heraus und begriffen jetzt, warum ihr Oberst sie so lange hatte warten lassen. In die Flanke der Kolonne, die ueber Kirrweiler vorgedrungen war, ging es mit schwindelnder Fahrt. Hier riss eine Kanonenkugel eine breite Bahn durch die vorstuermende Masse - dort sank mancher Reiter, von einer wohlgezielten Flintenkugel getroffen, aus dem Sattel. Aber die Luecken klafften nur einen Augenblick, dann schlossen sich die Glieder, vorwaerts fliegend, und die Roten waren drueben und droschen mit ihren Saebeln auf die Koepfe der "Ohnehosen", dass es nur so eine Art hatte. Der Schlesier, der Sachse und der Pole wetteiferten mit den anderen im blutigen Handwerk und hieben und stachen und bekamen manche Schramme ab. Es war ein Gewuehl, ein Gedraenge, ein Stampfen, ein Wiehern, ein Roecheln der Sterbenden, ein Fluchen und Schreien, ein Schmettern der Trompeten. Lange waehrte es nicht, da war der Widerstand gebrochen, die Kanonen genommen, die Franzosen in voller Flucht und die Roten hinterher - wie die Apokalyptischen Reiter, Tod und Verderben in die Reihen der Fliehenden saeend. Durch das Dorf Kirrweiler ging es auf Frischlingen zu, wohin alles in voller Aufloesung floh. Die wilde Jagd folgte - allen voran Bluecher selbst, alles anfeuernd und vorwaerts draengend. Mit ihm noch mehrere Zuege brauner Husaren, die jetzt ihren roten Kameraden halfen, den Sieg zu vollenden. Dann sauste Bluecher mit ein paar Schwadronen noch rasch nach rechts gegen Edenkoben hin, um der darueber hinaus vorgestossenen franzoesischen Kolonne in die Flanke zu fallen und auch ihr die Kanonen abzunehmen. Es gelang nach heftigem Kampf mit der feindlichen Infanterie. Die Franzosen wurden auch da in das Dorf zurueckgeworfen und in den engen Gassen, wo sich alles staute, kurz und klein gehauen. Das Schlachtfeld war weit und breit mit gefallenen und verwundeten Feinden besaet. Bluecher triumphierte. Am Morgen, als ihm das Anruecken der Franzosen gemeldet worden war und jene ihre Tirailleursketten ausschwaermen liessen und mit der Kanonade anfingen, da war sein General und Prinz Hohenlohe zu ihm geritten, hatte ihm geraten, sich lieber vor der Uebermacht auf Neustadt zurueckzuziehen, ihm aber freie Hand gegeben. Bluecher, dem der rechte Flankenschutz der preussischen Armee oblag, dachte nicht einen Augenblick daran, zu retirieren, sondern nahm den Kampf mit der Uebermacht auf. Und das Glueck war ihm hold. Mit Kavallerie allein gewann er einen glaenzenden Sieg ueber ein ganzes Armeekorps, schlug es entscheidend, nahm ihm Kanonen, Munition, Gefangene und Pferde ab, und verbesserte so nicht nur seine eigene Stellung, sondern auch die der ganzen preussischen Armee. Die Belohnung blieb nicht aus. Nach kurzer Zeit traf seine Befoerderung zum Generalmajor ein. Und zugleich wurde er Chef des Roten Husarenregiments, des frueheren Bellingschen, in dessen Reihen sein ganzer Aufstieg erfolgt war, und das von nun an nach ihm benannt werden sollte. Als frischgebackener General nahm er dann seinem Regiment die Parade ab. In langer Front standen seine Braven, Schwadron an Schwadron - die Pferde mit den Koepfen wie nach der Schnur aneinandergereiht, in steter Bewegung und ungeduldig auf die Trensen beissend, dass der schneeweisse Schaum im Winde flog. Praechtig leuchteten die roten Dolmans gegen das helle Vorsommergruen. Und als auf Kommando die Saebel aus den Scheiden flogen, um den Chef zu salutieren, zuengelte ein tausendfacher Blitz ueber das Feld. Es war ein praechtiger Anblick, und wohl dazu angetan, das Herz eines rechten Soldaten zu erfreuen. Dann kam der neue Chef heran in vollem Galopp, schlank wie ein Juengling, stolz wie ein Sieger. Spielend leicht lenkte er sein Pferd mit gewaltigem Sprung ueber die das Feld umschliessende Hecke und hielt jaeh an, gerade vor der Schwadron des Majors von Planitzer, wo auch der gute Sachse Haeberlein seinen Kopf noch aufrecht hielt, aber von unzaehligen Binden zu einem dicken weissen Knaeuel verunstaltet, durch den sein sonst so ruehriges Mundwerk zur Untaetigkeit verdammt wurde. Die dunkelblauen Augen Bluechers blitzten vor Freude, als sie die Reihen seiner kriegserprobten Kaempfer ueberflogen. "Guten Morgen, Husaren!" rief er mit weithin schallendem Bass. "Guten Morgen, Exzellenz!" kam es aus den Reihen zurueck, dass es nur so donnerte. "Ich freue mich, euch zu sehen!" setzte er die Rede fort. "Ihr habt euch immer brav gehalten! Ich habe mich auch gefreut, Seiner Majestaet melden zu koennen, dass ihr unter meiner Leitung schon elf Kanonen, sieben Munitionswagen und fuenf Fahnen erobert und einen Generalleutnant, hundertsiebenunddreissig Offiziere, dreitausenddreihundertsiebenundzwanzig Mann, elfhundertvierunddreissig Pferde gefangen habt, sowie, dass kein Offizier des Regiments in Gefangenschaft geriet und kein Unteroffizier gefallen ist. Seine Majestaet haben daraufhin geruht, mir selber zu schreiben, haben mir den Roten Adler verliehen, mich zum Generalmajor und zum Inhaber des Regiments gemacht, ausserdem mich beauftragt, euch seine Allerhoechste Zufriedenheit auszusprechen. Eurer Tapferkeit und eurem unwiderstehlichen Mut verdanke ich diese Ehrungen, die euch allen in meiner Person zuteil werden. Kinder, ihr habt euch einen guten Namen gemacht! In der ganzen Armee achtet man die Roten Husaren, und der Feind fuerchtet sie! Ich bin stolz auf euch und freue mich, dass das Regiment von jetzt ab meinen Namen fuehren soll! Das eine merkt euch aber: ein Bluecherscher Husar _stirbt_, aber er _kapituliert nicht_! Seine Parole ist: _immer vorwaerts_ und _nimmer zurueck_! Sein hoechster Stolz: Blut und Leben fuer Koenig und Vaterland opfern zu duerfen! So wollen wir's halten, und das geloben wir, indem wir rufen: Seine Majestaet, unser allergnaedigster Koenig und Herr, er lebe hoch!" Donnernd brausten die Hochrufe ueber das Feld, die Fahnen senkten sich, die Tambours schlugen den Generalmarsch. Der rangaelteste Offizier schickte sich eben an, im Namen des Regiments zu danken und Glueck zu wuenschen. - Da loeste sich aus dem ersten Gliede der Schwadron von Planitzer eine Gestalt und kam langsam und feierlich auf den General zugeritten. Er scherte sich nicht das geringste um das Entsetzen der Offiziere und Mannschaften, schreckte auch nicht vor dem zornigen Blick zurueck, der ihm aus den Augen Bluechers entgegenblitzte, er zuckte mit keiner Miene, ritt bis dicht vor den General heran, salutierte mit dem Saebel und sprach ohne das geringste Zittern in seiner Stimme: "Holten zu Gnaden, Exzellenz, wenn ich vorwitzig bin und mich vor Dero Antlitz dervorwage! Wo aber Dero Exzellenz heut eene geworden sind, und ich an de Sache nich aso ganz unschuldich bin, mecht ich alleruntertaenichst melden, dass ich ooch meine ganz besondere Freide an Dero Erhebung habe!" "Wieso, mein Sohn? Was meinst du damit? Sprich aus, was du auf dem Herzen hast!" antwortete Bluecher, dessen Augen anfingen, schelmisch zu leuchten. Sonst von unerbittlicher Strenge beim geringsten Verstoss gegen die Disziplin, war er heute gern gesonnen, ein Auge zuzudruecken, wenn keine Boeswilligkeit vorlaege. Und der Bursche, der einen ernsten, soliden Eindruck machte, hatte wohl einen besonderen Grund zu seiner Dreistigkeit. "Wieso meinst du, dass du an der Sache nicht unschuldig bist?" fragte der General nochmals. "Weil Dero Exzellenz ohne mei Derzwischenkumma nich General geworden waeren!" "Sieh nur! Sieh nur! Du hast denn wohl beim Koenige eine Fuerbitte fuer mich getan?" "Zu Befehl nein, Exzellenz! Ich hob den Keenig aber daderzu derholfen, aus dem Oberschten Bluecher oanen General zu mache!" "Da soll der Donner dreimal dreinschlagen! Du bist dreist, Bursche!" "Ich sage nur die Wahrheet: Und die Wahrheet is, dass der Keenig, ohne den Oberschten Bluecher zu hoben, ooch nicht haette aus ihm a General mache kenna!" "Da hast du recht, mein Sohn! Nun hatte er mich aber -" "Nun ja, das hatte er! Und das hat er ebens mir zu danke!" Bluecher blickte ihn gross an. Er fing an, zu begreifen. "Erinnern Dero Exzellenz noch das Gefecht am Kavelpass? Exzellenz waren dazemal a schwedischer Junker, und ich wie itzt Reiter im Regiment. Den Junker _fing ich_! Ich hoab's getan! Und aso bekam der Keenig von Preussen den Mann, den er heute zum General machte und wohl noch heeher steigen lassen wird, so Gott will!" "So Gott will - das war ein gutes Wort!" sagte Bluecher. "Denn daran liegt's, und so war's auch am Kavelpass, denk' ich! Er wird's gewollt haben und nicht du!" Er rieb sich die Nase. "Dein Name?" fragte er. "Landeck!" "Landsmann?" "Aus Esterreisch'-Schlasien!" Bluecher betrachtete ihn forschend. "An dein Gesicht kann ich mich nicht erinnern! Es ist ja auch lange her. Und bei der bewussten Gelegenheit wird mir wohl der Schaedel von den vielen Hieben gehoerig gebrummt haben! Aber das weiss ich, und darauf kann ich schwoeren: ein Husar war's sicher, der mich fing! Und wo du ein Husar bist und wo du behauptest, derjenige zu sein, so bist du's wohl auch gewesen, dem ich mein Glueck zu verdanken habe! Nun erklaere mir aber eins, mein Sohn - denn ein wenig daemmert's mir doch noch von der Begebenheit -, spricht man noch heute - in Schlesien - _so gut Schwaebisch_ wie damals?" Der Husar blickte ihn an, ohne zu begreifen. "Der, der mich fing, mein Sohn, der schwaebelte naemlich ganz gehoerig, das habe ich mir gemerkt! Nicht nur sein Saebel, auch sein Schwaebisch schlug mir boes um die Ohren!" Landeck kratzte sich hinter dem Ohr. "Exzellenz," sagte er dann keck, "ob ich dazemal schwabbelte, ich weess es nicht mehr! Das aber weess ich: ooch in Schlasien gab's dazemal Schwabben die Masse - nich blossich in Preussen. Und es gibbt se halt noch, und aso leechte wird se halt nich los, wer se hoat!" Bluecher lachte. "Gut geantwortet, mein Sohn", sagte er. "Sei's drum! Du bist mir der Richtige! Du wirst heute mittag einen Loeffel Suppe bei mir essen! Und nachher wollen wir miteinander auf den schwedischen Junker anstossen, den du leben liessest! Den preussischen General koennen wir dann auch leben lassen! Und nun, mein Herr Solofaenger, marsch auf deinen Platz! Und dass du mir nicht noch einmal ohne Befehl aus der Reihe heraus reitest! Sonst brummst du bei Wasser und Brot, und wenn du mich zehnmal gefangen haettest!" Gesagt - - der Schlesier warf sein Pferd herum und sass im naechsten Augenblick wieder wie vorhin, unbeweglich wie eine Statue und salutierte mit den anderen, dass die Sonnenblitze von den Saebeln nur so uebers Feld zuengelten, als der neue Chef und Inhaber des Regiments, von seiner Suite gefolgt, die Front abritt. 7 VULKANS SCHMIEDE Es war in Emmerich am Rhein. Der General Bluecher hatte, wie gewoehnlich, seinen Abendspaziergang gemacht, um bei seinem vertrauten Freunde, dem Obersten von Pletz, eine Pfeife zu rauchen. Sie sassen unter der Linde am Pfarrhofe, wo der Oberst in Quartier war, schmauchten ihren Knaster in aller Ruhe und Gemuetlichkeit, labten sich dann und wann aus den grossen Roemern mit Rheinwein, lauschten bisweilen auf das Jauchzen der spielenden Dorfjugend und spannen dabei gemaechlich ihre Unterhaltung weiter. "Dein Glueck war's", sagte der Oberst schmunzelnd. "Du fingst schon an alt zu werden." "Da schlage der Donner drein!" "Na, nun bist du ja wieder jung - nun sieht man dir wieder die siebzehn Jahre an, trotz der grauen Schlaefen. Aber fast waer's schief gegangen! Warst schon dicht dran, in die verkehrte Tonne zu springen!" "Ins verkehrte Ehebett, sag's nur gerade heraus!" "Nun ja! Viel hat nicht gefehlt, da waere es so verrueckt gekommen! Weisst du noch, wie du brummtest und fluchtest, als du den Korb von deiner reichen Witwe heimtrugst?" "Halt's Maul!" "Nun - der bist du ja gluecklich entgangen! Aber geflucht hast du! Und gescheit hast du gesprochen - zum Kotzen gescheit - rein niedertraechtig brav - von deinen armen Kindern, denen mit Gewalt eine Mutter besorgt werden muesste, obwohl sie schon erwachsen waren! 'Opfern' wolltest du dich -" Der Oberst schlug auf den Tisch; er ereiferte sich immer mehr zum Ergoetzen Bluechers. "Man heiratet doch nicht wegen der Kinder, die man schon _hat_," schrie er, "sondern wegen denen, die man erst kriegen will! Man nimmt eine Frau, um selbst von ihr gepaeppelt und verhaetschelt zu werden, nicht aber damit sie anderer Frauen Kinder bemuttern soll! Man fragt nicht nach dem Geschaeft, zum Donnerwetter! Man heiratet entweder gar nicht, oder man heiratet eine, in die man so verliebt ist, dass man es _doch_ tut!" "Hab' ich das etwa nicht getan?" lachte Bluecher. "Das ist es eben!" rief Pletz zum grossen Gaudium seines Gegenuebers. "Das ist es gerade! Du haettest verdient, die alte Witwe heimzufuehren, und jetzt hast du - ganz unverdienterweise hast du das grosse Los gezogen!" "Trink, alter Brummbaer! Noergler du, hundsgemeiner! Auf die Frauen!" Bluecher erhob sein Glas. "Auf deine Frau!" antwortete der Oberst, trank aus und machte die Nagelprobe. "Auf dein unverdientes Glueck!" "Glueck wird eben nicht verdient!" sagte Bluecher und stellte sein Glas fort. "Man hat's oder hat's nicht, je nachdem ob man es zu packen versteht!" "Nun ja - das konntest du meistens. Aber sonderbar ist es doch, dass du gerade _sie_ - -" "Nun ja, es _ist_ sonderbar. Und ich kann auch heute noch nicht begreifen, wie so'n junges Ding, das meine Tochter sein koennte - wie sie mich so in ihre Gewalt bekam, wie sie mich im Handumdrehen umkrempeln und zum ordentlichen Menschen machen konnte!" "Das wollen wir nicht hoffen! Das liegt dir nun gar nicht. Du bist und bleibst schon derselbe Windhund, als den ich dich immer kannte, und daran hat auch sie nichts aendern koennen. Aber sie gab ihre Jugend her, und das verjuengt. Das ist der einzige wahre Jugendbrunnen fuer uns alte Leute. Ich verstehe bloss nicht, wie du dazu kamst!" "Ich auch nicht. Ich war eben zum Mittagessen in ihrem Vaterhause geladen. Und sie sass mir gegenueber am Tisch. Das war alles! Anfangs sah ich sie nicht und blickte kaum hin. Man hatte vorzuegliche Speisen und Weine aufgetragen - ich hatte einen Mordshunger und hieb auf die Schuesseln ein, wie sich's fuer einen rechten Husaren gehoert. Eben war ich dabei, den Fluegel eines Kapauns abzunagen, und genoss es so recht von Herzen, da blickte ich so aus Zufall auf und sah gerade in ein Paar grosse lachende Augen. Ich sah ein Paar Lippen von feinsten geschwungenen Korallen, um die es schelmisch zuckte, die aber verteufelt ernst wurden, als sie sich von meinen Blicken beruehrt fuehlten. Mir wurde es auf einmal, als waere ich in der Kirche, als woelbe sich ein himmelhoher gotischer Dom hoch ueber meinem Haupte - als blicke vom Altar die heilige Mutter Gottes liebreich auf mich Suender nieder. Ich wurde auf einmal so klein, alles, was mich bisher erfuellt hatte, so nichtig! - Wie ein Verbrecher kam ich mir vor, der, von gieriger Lust getrieben, eben im Begriff war, ihren Altar zu berauben! - Vor boesem Gewissen vergingen mir Hunger und Durst - ich dachte an nichts als nur daran: wie ich alles wieder gutmachen sollte! - Ich betete sie an - nein, ich schwaermte, hol' mich der Teufel, ich glaube, ich hab's ihr sogar gleich ins Gesicht gesagt und ihr auf der Stelle einen Antrag gemacht! Was ich gesagt habe - wie ich's sagte, das wusste ich im naechsten Augenblick nicht mehr, und heute noch weniger. Ich sah nur, wie man ihrer Verlegenheit zu Hilfe zu kommen suchte und sie scherzhaft sofort meine Braut nannte. Aber - wer aus dem Scherz schnell Ernst machte - das war ich. Denn ich war verliebt wie des Kuesters Kater. Keine vier Wochen dauerte es, dann war sie mein und die Hochzeit gefeiert!" "So war's recht! Gleich die Festung stuermen! Nur keine lange Belagerung!" "Ja, so hab' ich's immer gehalten: Immer gleich losschlagen, und nicht erst lange kalkulieren! Wo wuerden wir hinkommen, wenn wir immer erst auf Befehle warten sollten von Leuten, die sich's erst zehnmal ueberlegen und dann noch nichts wagen! Wo alles auf dem Spiel steht - wo's das Leben gilt, wo's darauf ankommt, die Sekunde auszunuetzen, da - hol' mich der Deibel - wenn ich da nicht zuschlage! Wenn ich aber die zaghaften Kerls sehe, die den Entschluss fuer das Ganze zu fassen haben, wie die sich erst aengstlich nach allen Seiten nach Sicherung umgucken und darueber das feste Ziel aus dem Auge verlieren, da wird mir bange um den naechsten Krieg. Die, die vierundneunzig alles so brav vertroedelten, sie sind seitdem nicht juenger geworden! - Und was an Jugend heranwuchs, kam meistens nicht auf den rechten Platz. Auch nicht da ganz oben! Unser junger Herr -" "Der wird noch gehoerig Lehrgeld zahlen muessen!" "Und wir mit ihm. Es war ein Jammer, dass der zweite Friedrich Wilhelm so frueh sterben musste!" "Na, du hast ihm ja vieles zu verdanken. Aber der war auch kein Draufgaenger -" "Sage man, was man will, unter ihm wurde Preussen immerhin verdoppelt. Wir koennten es auch jetzt gut haben, aber dazu gehoert vor allem da oben mehr Wagemut, mehr jugendlicher Leichtsinn! Geradeheraus: dazu gehoert ein ganz anderer Kerl!" "Prinz Louis Ferdinand zum Beispiel?" "Ja, das ist ein Kerl, der hat das rechte Zeug! Ein Held wie wenige, und Glueck hat er auch! Wer so wie er die Kugeln verachtet, vor dem biegen sie auch aus. Wenn der nur auf den rechten Platz kaeme!" "Das wuerde dann schon zu spaet sein. Leute wie er verludern leicht, wenn sie daneben geraten und sich immer nur ducken muessen!" "Sage einmal," sagte der Oberst und klopfte seine Pfeife am Stiefelabsatz aus, "ist das nicht deine Frau, die dort unten den Weg heraufkommt und dem jungen Offizier an ihrer Seite so schoene Augen macht?" Bluecher fuhr auf und blickte hin. "Ja, das ist sie, und - alle Wetter!" - Er schnallte rasch den Saebelgurt um und stuelpte die Muetze auf. "Wenn man den Teufel nennt, kommt er schon gerennt. Auf Wiedersehen, Pletz, ich muss eilen! Wir haben hohen Besuch!" Damit eilte er den Weg hinunter und den Kommenden entgegen. Ein schoeneres Paar als die maedchenhafte, liebreizende junge Frau und den stattlichen, schlanken, uebermuetigen jungen Offizier an ihrer Seite konnte man kaum sehen. Lachend und scherzend gingen die zwei ihres Weges und waren in ihre Unterhaltung so vertieft, dass sie Bluecher erst bemerkten, als er vor ihnen stand. "Koenigliche Hoheit hier in Emmerich?" fragte Bluecher salutierend. "Wie Sie sehen", antwortete Prinz Louis Ferdinand, denn er war es. "Ich benutze meine freie Zeit, um den Rhein hinunterzureisen, und habe nicht die gute Gelegenheit versaeumen wollen, der Generalin Bluecher meine Verehrung zu Fuessen zu legen. So habe ich auch das Vergnuegen, Sie zu sehen, lieber General!" "Das Vergnuegen ist ganz auf meiner Seite!" antwortete Bluecher, gab seiner Frau den Arm und wandte sich wieder zum Prinzen. "Hoheit reisen doch nicht mutterseelenallein?" "Leider nicht! Fuer ein paar Stunden bin ich aber frei. Mein Adjutant ist voraus, um Quartier zu bereiten und fuer morgen ein Schiff zu besorgen. Er wird mich abends bei Ihnen abholen, solange muessen Sie mich schon behalten." "Wenn Hoheit nur vorliebnehmen wollen mit dem, was mein Haus -" "Machen wir keine Redensarten! Es wird alles gut sein! Uebrigens, wenn Sie's wissen wollen - nur zum Vergnuegen reise ich nicht den Rhein entlang. Seitdem wir den dummen Luneviller Frieden haben und der Kaiser es so schoen eingerichtet hat, dass alles drueben, auf der linken Rheinseite, nun Frankreich sein soll, sehe ich mir ueberall am Fluss die Grenze daraufhin an, wo wir's am besten anpacken koennen, wenn wir darangehen, sie wieder nach Westen hin zu verruecken. Denn das kommt frueher oder spaeter!" "Sicher!" sagte Bluecher. "Und hoffentlich recht bald. Denn wir brennen alle darauf." "Die drueben im Rheinland auch, nach allem, was ich gesehen habe. Unsere ehemaligen Landsleute sind nicht zufrieden. Sie sind aber zu beneiden." "Wieso denn?" "Statt hundert Herren haben sie jetzt _eine_ Regierung - statt hundert Landesgesetzen _eins_! Leibeigenschaft, Feudallasten, Kirchenzehnten, Zunft- und Bannrechte sind sie los, Handel, Verkehr und Gewerbe sind frei, die Gedanken auch! Kurz: die ganze neue Zeit, der wir uns so aengstlich verschliessen, ist ihnen zuteil geworden." "Dafuer muessen sie die Republik nach Belieben Rekruten ausheben lassen, und zahlen Steuern bis ueber den Kirchturm. Dafuer muessen sie franzoesisch denken und fuehlen und sich ihre deutsche Seele verwelschen lassen!" "Das ist eben gut!" "Der Teufel auch!" "Denn je mehr sie leiden muessen, je mehr Hass sie gegen die Gewalthaber aufbringen, die ihnen die neue Ordnung aufzwingen, um so eher haben wir sie wieder. Und die neue Ordnung auch. Die haben wir bitter noetig. - Aber leider koennen wir sie nur von draussen bekommen. Von selbst bringen wir nicht die Entschlusskraft auf, das Alte und Ueberlebte abzustreifen. Sehen Sie bloss auf die Armee hier und drueben. Was hat aus den lumpigen 'Ohnehosen' im Handumdrehen eine Armee gemacht, von deren Ruhm die ganze Welt widerhallt? Was gab ihnen die Kraft? Sind sie etwa besser als wir? Haben _sie_ die groessere Ausdauer, die besseren Knochen oder mehr Mut und Tapferkeit und Todesverachtung?" "Nein, zum Kuckuck!" rief Bluecher. "Den moechte ich sehen, der das zu behaupten wagt!" "Ich auch", sagte der Prinz. "Und doch sind sie uns voran. Weil sie das Soeldnertum abgestreift und die allgemeine Wehrpflicht eingefuehrt haben. Wie sieht's dagegen bei uns aus? Mannschaften, zum grossen Teil aus der Hefe aller Welt aufgelesen, Gauner und lose Leute, die nur mit Gewalt und entehrenden Strafen zusammengehalten werden, immer dem Volk fremd bleiben und ihm feindlich gegenueberstehen muessen! Offiziere, die mehr Unternehmer als Diener des Staates sind - die aus ihren Bataillonen und Regimentern grosse Einnahmen herauswirtschaften wollen und das nur koennen, wenn ihre Leute beurlaubt sind und sie ihre Loehnung in die eigene Tasche stecken koennen. Die brauchen den Frieden wie das liebe Brot! Solchen Kriegern ist der Krieg das groesste Unglueck. Wir koennen heilfroh sein, wenn wir keinen ernsthaften Kampf zu bestehen haben werden, ehe diese Zustaende mit Stumpf und Stiel ausgerottet sind. Und dazu koennen wir, Sie und ich, nichts tun, als immer wieder die Stimme erheben - um _nicht_ gehoert zu werden. Die Widerstaende sind zu gross. Wir haben, wenn nicht die Revolution, so doch zum mindesten ein grosses Unglueck noetig, um diese Leute und Zustaende, die nicht mehr taugen, fortzufegen!" "Nee, nee!" rief Bluecher eifrig. "Wir brauchen keine Revolution, die alles kaputt macht. Das Gute, was sich bewaehrt hat, muss bleiben - und viel Gutes steckt in unserer Armee! Das Schlechte muss zum Teufel! Dazu haben wir bloss ein paar richtige Kerls an richtiger Stelle noetig. - Ein paar Donnerkerls am Kommando, mit klaren Augen und derben Faeusten, die zupacken koennen. Und dann bloss ein bisschen mehr Entschlusskraft da oben! Das Weitere besorgt schon die preussische Armee. Die nimmt's noch mit jedem auf. Noch hat sie ihren alten Ruhm. Der wiegt mehr, als mancher hier zu Hause denkt - weit mehr als der ganze welsche Kram. Sorgen Hoheit nur dafuer, dass wir nicht immer mit Ketten am Fussgelenk marschieren muessen, dann ist auch kein weiterer Grund zur Schwarzseherei. Ausser fuer den Franzmann!" "Haette ich die Entscheidung," sagte der Prinz, und es blitzte in seinen blauen Augen auf, "dann koennte es schon morgen losgehen. Darueber hatte ich mich uebrigens schon mit Frau Gemahlin geeinigt", fuegte er hinzu, sie galant ins Gespraech hineinziehend. "Du willst doch nicht auch -?" drohte ihr Bluecher scherzhaft. "Die Frau Generalin ist ganz fuer die Kriegspartei gewonnen, lieber Bluecher. Da hilft Ihnen kein Straeuben!" "Aber Malchen! Da haben wir am Ende schon den haeuslichen Krieg?" "Hoffentlich!" lachte der Prinz. "In mir werden Frau Generalin jedenfalls dabei einen stets kampfbereiten Bundesgenossen haben." "Sieh nur, sieh nur! Der Bund waere denn wohl bereits geschlossen?" fragte ihr Mann. "Ja, sieh dich nur vor!" drohte sie. "Alle Tage schneien einem die Maerchenprinzen nicht ins Haus!" "Nun - ich nehme immer den Kampf auf!" lachte Bluecher. "Fahre du auf, was du in Kueche und Keller an Munition hast - ein paar Batterien vom besten Rheinwein lassen wir spielen -, wollen sehen, Koenigliche Hoheit, wer von uns zuerst ins Gras beisst!" "Topp!" sagte der Prinz. Er kuesste leicht ihre Hand und empfing als Gegengabe einen dankbaren Blick. Bluecher laechelte. Aber ein schlauer, hinterlistiger Zug zuckte irgendwo hinter dem Schnauzbart, und seine Augen leuchteten hart auf wie beim Jaeger, wenn er das Wild gestellt hat und das Gewehr anlegt. "Hoheit haben sich wohl bei der Rheinfahrt auch die Entschaedigungen angesehen, die wir diesseits des Flusses fuer Preussen herausholen werden, fuer das, was uns der faule Friede drueben geraubt hat?" fragte Bluecher dann im Weitergehen. "Das war mit ein Hauptziel meiner Reise", antwortete der Prinz. "Und nur um das zu verdecken, mache ich noch einen Abstecher ins Hollaendische hinein. Ich spiele ja am Hofe die Rolle des ungebetenen Mahners, den man nicht gern in der Naehe wissen moechte, wo grosse Entschluesse zu fassen sind! Man hat mich gern ziehen sehen! Ich komme aber wieder. Und nachher sitze ich den koeniglichen Kabinettsraeten, wie immer, feste im Nacken! Und mein Vetter, der Koenig, wird auch keine Ruhe vor mir haben! Es steht aber auch viel auf dem Spiel - es gilt, rasch zuzugreifen!" "Das meine ich auch! Das Bistum Muenster ist wohl das wenigste, was wir verlangen koennen, und dann -" "Hannover", sagte der Prinz und senkte die Stimme. "Die Frucht ist laengst reif. Wenn ich nur zu befehlen haette! Aber es sieht wieder aus, als wuerde die gute Gelegenheit verpasst werden, wie schon sooft bei uns." "Ein Wort nur," rief Bluecher, "und ich nehm's! Ich laure ja nur darauf! Hannover muessen wir haben. Die Englaender koennen's nicht halten, und nehmen wir's nicht, so nehmen's die Franzosen. Und die koennen wir nicht ein paar Tagemaersche von Berlin gebrauchen!" "Nein, das koennen wir nicht!" rief der Prinz. "Wenn Sie und ich und noch ein paar solche Leute, die das und vieles andere einsehen, auch freie Hand haetten, dann waere es im Handumdrehen besorgt! Aber bei uns geht alles nach der Schablone! Was alt und verknoechert ist, sitzt oben und gebietet, nur weil es von alters her Tradition war. Und Jugend und Wagemut muessen die Zaehne zusammenbeissen und tatenlos beiseitestehen. Herrgottsakrament!" platzte er mit einem Soldateneid heraus, ohne an die Anwesenheit der jungen Frau zu denken. "Ich liebe die Franzosen nicht. Aber auf die Kerls bin ich doch neidisch! Es war ja scheusslich, wie sie in den acht Jahren der Revolution das Oberste zu unterst kehrten, wieviel Wertvolles und Unersetzliches sie in Truemmer schlugen und im Sumpf und Blut erstickten. Aber das hat manche tuechtige Kraft zum Wohl der Gesamtheit auf den rechten Platz im Staate gestellt! Denken Sie nur an den Advokatensohn von Korsika, der heute als Erster Konsul gebietet. Was hat er nicht in den paar Jahren geleistet, seit wir zum erstenmal den Namen Bonaparte hoerten! Glauben Sie aber nicht, _wir_, Bluecher, Sie und ich, haetten das Zeug zu gleich Grossem, haetten wir nur die Gelegenheit?" "Die Gelegenheit ist da, zum Greifen nahe! Sie war immer da! Nur wagt man nicht, sie auszunuetzen! Man verwehrt uns das Losschlagen! Hier stehe ich schon, Gott weiss wie lange, auf demselben Fleck in Emmerich auf Vorposten und fluche und schmoeke meinen Knaster und blicke ueber den Rhein, ob nicht der Franzmann mir bald den Gefallen tun wird, in Schussweite zu kommen! Statt uebers Wasser zu setzen, in Frankreich hineinzumarschieren, den Parisern _bon jour_ zu sagen und dem Herrn Bonaparte zu zeigen, dass Preussen noch auf der Welt ist! Der haette dann anderes zu tun gehabt, als ueber die Alpen zu kraxeln und sich bei Marengo billige oesterreichische Lorbeeren zu kaufen! Dafuer haette ich gesorgt! Das kommt aber noch, und das ist meine feste Ueberzeugung!" Der Prinz antwortete nicht. Sie waren jetzt vor dem in einem Garten gelegenen Wohnhause des Generals angekommen. Der hohe Gast wurde durchs Haus gefuehrt, alle Raeume wurden ihm gezeigt - auch die Wohnraeume der jungen Frau. Denn in einer Zeit, wo das schoene Geschlecht noch im Bett zu empfangen pflegte, weil es die Sitte so gebot, war ihr Allerheiligstes ein Raum, auf den jeder Gast, der nicht unwillkommen erscheinen wollte, ein Anrecht hatte. Und der Prinz liess es sich auch nicht nehmen, ihrem wohlverhaengten Bett seine Huldigung darzubringen. Die junge Frau am Arm, wanderte er so, von dem vorangehenden Hausherrn geleitet, leicht plaudernd, von Raum zu Raum. Im Zimmer des Generals bewunderte er mit Kennerblicken dessen reichhaltige Waffensammlung, liess es zu, dass Bluecher, bei Vorzeigung seiner Schaetze, seine unvermeidliche kurze Pfeife ansteckte, scherzte nur ueber den Qualm, den er produzierte, und meinte, es kaeme ihm vor, als ob er in Vulkans Schmiede zu Gast waere, um im Rauch und Qualm der unterirdischen Gewoelbe Waffen, Ruestungen und andere kostbare Erzeugnisse seiner kunstfertigen Hand zu bewundern! "Um so eher," sagte er, galant der jungen Frau die Hand kuessend, "da es mir wie dem Kriegsgotte Mars ergeht, als er in der gleichen Lage war." "Wie denn?" fragte die Generalin laechelnd. "Ihm schwanden auf einmal die soeben angestaunten Schaetze. Das Gold verlor seinen Glanz, die Edelsteine erloschen, die Blitze der blanken Waffen trafen nicht mehr, sondern verpufften ihre Funken umsonst!- Alles verblasste, denn aus dem innersten Gewoelbe trat ihm Vulkans hehrster Schatz entgegen: die Goettin Venus selbst, lebendigen Leibes - und er war geblendet." "Aber - wie's scheint - doch nicht stumm!" lachte Bluecher und liess sich's gefallen, dass sein Malchen, ihre Verlegenheit durch einen ploetzlichen Hustenanfall verbergend, ihm die Pfeife aus dem Munde riss. "Pfui, du verqualmst uns ja das ganze Haus! Kommen Sie, Hoheit - gehen wir aus diesem Raum hinaus, wo er allein zu gebieten hat! - Ich fuehre Sie in _mein_ Reich!" Und sie zog ihn mit. Bluecher folgte. Und der Prinz, jetzt schon wie zu Hause, forderte sie, draussen im Salon, auf, gleich den Tanzboden mit ihm zu probieren. Freudig willigte sie ein und liess sich von ihm die neueste Tour der Gavotte zeigen, die man jetzt am Hofe der Koenigin Luise so gern zu tanzen pflegte, damit sie nicht unwissend sei, wenn sie einmal zu Hofe kaeme! Die Tour wurde durchgenommen - der Prinz sang die Melodie dazu. Und Bluecher, der auch ein gewaltiger Taenzer war, wurde gleich Feuer und Flamme, revanchierte sich sofort mit einem polnischen Tanz, den er beim letzten Feldzug in Polen gelernt hatte, komplimentierte den Prinzen ans Spinett, traellerte ihm selbst die Melodie vor, bis er sie spielen konnte, und tanzte ihm dann mit seiner Frau einen feurigen Krakowiak vor, dass die Dielen droehnten und die junge Frau nur so durch die Luft schwirrte. Im Tanzen stand er noch seinen Mann. Als der Prinz aber in voller Begeisterung ein wahres Feuerwerk von Komplimenten ueber die junge Frau losliess, machte Bluecher dem rasch ein Ende, schickte sie fort, um nach den Anordnungen fuer die Mahlzeit zu sehen, und fuehrte seinen Gast solange durch den Garten. "Zur Abkuehlung!" wie er nicht ohne einen Nebengeschmack von Ironie sagte. Statt der schoenen Frau musste der gute Prinz also die Pferde des Generals bewundern, die aber auch erstklassig waren und es gleichfalls verdienten, vor einer Koeniglichen Hoheit Gnade zu finden. Bluecher versaeumte es nicht, dabei in den Sattel zu steigen, um ihre Vorzuege recht anschaulich zu machen, aber auch um zu zeigen, wie gut sie, trotz ihrer Wildheit, ihm doch parierten, wenn auch sie, wie er nicht ohne Ironie beifuegte, bisweilen mannstolle Spruenge versuchten. Dann ging's durch den Garten, an den Fernblick ueber den Rhein, und zuletzt um das Haus herum, wobei der Prinz sich genau nach allem erkundigte und besonders von dem Efeu entzueckt schien, dessen armdicke Staemme sich an der Wand emporschlaengelten, um mit dunklem Gruen die Fenster zu umrahmen. Er zeigte hinauf nach dem Fenster der jungen Frau - denn wo das war, hatte er gleich heraus - und fragte leicht, den Efeu mit der Hand pruefend umfassend: "Daran klettern Sie wohl manchmal hinauf, Bluecher, wenn Sie's eilig haben?" "Das wohl nicht, Hoheit", lachte der General. "Denn ich pflege nicht den Schluessel zu vergessen, wenn ich abends aus bin. Aber - zu machen waere es wohl!" Und gewandt wie ein Juengling, packte der hohe Fuenfziger den Stamm des Efeus und kletterte halbwegs hinauf. Da kam die junge Frau eben auf die Treppe heraus, um zu sagen, dass alles zum Essen bereit sei, sah die lange Gestalt ihres Herrn und Gebieters zwischen Himmel und Erde schweben und schrie leicht auf. "Hat keine Gefahr, Malchen," rief Bluecher herunter, "mach' man ja kein Geschrei!" "Ihr Herr Gemahl ist ein liebenswuerdiger Hausherr!" lachte der Prinz. "Er zeigt seinen Gaesten den naechsten Weg ins Allerheiligste!" "Ich zeige hoechstens - wie sie herunterkommen, wenn sie den Kletterversuch unternehmen!" bekam er zur Antwort, und Bluecher sauste herunter und zeigte dann lachend seinem Gast den Weg in den Speisesaal. Man nahm um den runden Tisch am offenen Fenster Platz, durch das man ueber den Rhein hinausblicken konnte, liess sich die Gerichte der Frau Gemahlin gut schmecken, begoss sie mit goldigem Rebensaft aus den Kellern des Generals und war bald froh und guter Dinge. Der General trank seinem hohen Gast zu und vergass auch nicht, ihm einen Trinkspruch zu widmen, da er ja gern und ausgiebig zu reden pflegte und man das also wohl von ihm erwarten mochte. "Hoheit gestatten?" sagte er, seinen Roemer ergreifend. "Ich erhebe mein Glas auf den alten, guten, preussischen Offensivgeist, dessen glanzvollster jugendlicher Vertreter uns die Ehre antut, heute unser Gast zu sein. Selten habe ich jenen Geist des Drauflosgehens mit solcher Lust walten sehen, wie eines schoenen Julitages vor sechs Jahren - bei Edesheim war es -, Hoheit wissen noch! Und selten wurde ich trotzdem so enttaeuscht wie nach jenem Vorfall! Meine braven Leute hatten sich den ganzen Tag wacker geschlagen und in den Weinbergen einem an Menschen und Artillerie vielfach ueberlegenen Feind standgehalten. Sie fingen schon an, muede und marode zu werden, und ich musste schon zweifeln, ob sie bis zur Dunkelheit noch aushalten wuerden. Da kam _soutien_! Ein paar frische Bataillone Infanterie, an ihrer Spitze ein junger Offizier, mit dem ich sofort einig wurde, dem Feind gleich auf die Pelle zu ruecken. Entschluss und Tat waren bei ihm eins. Kaum gesprochen, war er sofort vom Pferd herunter und stuermte allein voran auf den Feind los, der sich schon Sieger glaubte. Es war eine Augenweide zu sehen. Und meine Roten saeumten auch nicht, einzugreifen, den Erfolg auszunuetzen und alles zusammenzuhauen, was da kreuchte und fleuchte. Da - kaum dass wir gesiegt hatten - kam der Befehl, zurueckzugehen, alles war umsonst gewesen! Denn anderswo lief nicht derselbe Feuergeist an der Spitze! Da hatten sich die Oesterreicher abdraengen lassen, und da half uns kein Fluchen. Heute aber, wo jener junge Held mein Gast ist, heute moechte ich mit ihm mein Glas darauf leeren, dass der Offensivgeist und die Entschlussfreudigkeit, die uns beide damals beseelten, immer mehr massgebend werden und nimmermehr in so schmachvolle Abhaengigkeit kommen moegen!" Sie stiessen an und tranken. Der Prinz dankte, schlug aber ab, fuer seine Person irgendeine Ehrung zu empfangen. Die gebuehre der Vertreterin des schoenen Geschlechts. Er brachte dann auch _a tempo_ einen Trinkspruch auf sie aus, so glutvoll und stuermisch, dass ihr das Blut in die Schlaefen trat, und ihr Mann, um abzulenken, wieder das Wort nahm. "Es ist ja zu verstehen," sagte er, ruhig laechelnd, "dass ein junger Mann in seiner Huldigung der holden Weiblichkeit sich in Lobspruechen ihrer koerperlichen und geistigen Vorzuege ergehen und den ganzen Wortschatz der Galanterie aufbieten muss, um ihres Liebreizes Herr zu werden. Es gibt aber Augenblicke, wo die Huldigung vor einer Frau _keine_ Worte findet - wo sie uns, durch ihr blosses Dasein, derartig in den Staub vor ihrer Hoheit zwingt, dass wir verstummen muessen. Wer einmal sein eigenes Kind an der Brust der Mutter sah - wer erblicken durfte, wie es gesaettigt, still daliegt, ihre Brust mit seiner kleinen Hand sanft streichelt und sie dankbar anlaechelt, mit einem Blick voll tiefster Verehrung -, wer einmal diese Weihe empfinden durfte -" "Der scheint doch auch Worte dafuer zu finden", sagte der Prinz rasch, dem General ins Wort fallend. Denn er wusste, dass dessen jetzige Ehe kinderlos war, und sah einen Schatten ueber das Gesicht der jungen Frau huschen. Ein dankbarer Blick aus ihren Augen lohnte es ihm. Der General sah es und verstand wohl, wie sehr er sich in Nachteil gesetzt hatte. Er liess sich aber nichts merken, schenkte die Glaeser voll, trank seinem Gast zu, und so allmaehlich fing man wieder an, alles rosenrot zu sehen, vergass alle wirklichen und eingebildeten Sorgen, lachte, scherzte und freute sich wie ein Kind ueber jede Kleinigkeit. Und als die Sonne schon im Westen sank und man sich anschickte, auf die Terrasse zu gehen, um sie hinter den Huegeln drueben verschwinden zu sehen, da war's dem Prinzen so gegangen, wie seinem Gastgeber selbst bei dem denkwuerdigen Essen im Hause seiner nachmaligen Schwiegereltern - er hatte zu tief in die grossen Augen der jungen Frau geblickt. Ihr Laecheln hatte es auch ihm schon angetan. Und - als die letzten Strahlen der Sonne die leichten Abendwolken zu vergolden anfingen und den Himmel in Brand setzten, da loderte sein leicht entzuendbares Herz schon lichterloh. Er wurde blind und taub, sah nicht die finsteren Blicke seines Gastgebers, hoerte nicht den verhaltenen Unmut, der, trotz allen schuldigen Respekts, in seiner Stimme zitterte. Er fluesterte ihr zaertliche Worte zu, verliebte Blicke flogen hin und her. - Denn die Maerchenprinzen waren nicht allzu haeufige Gaeste, und die gute Erziehung gebietet Hoeflichkeit! Komplimente aus hohem Munde werden also selten anders als mit dankbarer Ruehrung empfangen. Kurz, der Prinz war auf dem besten Wege, seine kurz vorher so beredt dargelegte Absicht auch praktisch zu bestaetigen, dass er's schon verstehen wuerde eine Gelegenheit auszunuetzen - sobald er sie haette! Schliesslich merkte die junge Frau an den Blicken ihres Mannes, dass sie das Spiel zu weit hatte gehen lassen. Schnell suchte sie der Unterhaltung eine andere Richtung zu geben und erbat sich vom Prinzen die Gnade, sich an seiner weit und breit geruehmten Fertigkeit im Klavierspiel ergoetzen zu duerfen. Der Prinz, dem die Lebenslust schon weit erlesenere Freuden vorgaukelte, sagte leicht seufzend zu, und man ging in den Salon. Er setzte sich ans Spinett und liess sein Ungestuem ueber die Saiten dahinbrausen. Die Spannung legte sich. Die fiebernde Unruhe wich aus den Gemuetern. Langsam sanken die Menschenkinder aus den rosenroten Wolken, in denen sie soeben hoch ueber allem Erdgebundenen geweilt hatten, zurueck zur Alltagserde. Der Prinz merkte es. Die Gelegenheit war nahe daran, ihm aus den Haenden zu schluepfen. Das durfte nicht sein. Er schloss mitten im Stueck, sprang auf und setzte sich der Generalin zu Fuessen. "Hier ist der einzige Platz, von dem aus man Ihnen Ritterdienste widmen darf!" sagte er feurig. "Ihnen zu Fuessen, Ihnen zu Ehren, Ihnen zuliebe singen und dichten, um aus Ihrer Hand den Saengerpreis zu empfangen." "Hoheit bringen mich in Verlegenheit!" "Sie waren ebenso grausam, _mich_ in die groesste Verlegenheit zu bringen! Denn so befangen war ich noch nie. Meine Haende spielten - mein Herz nicht! - Mein Herz lag hier vor Ihnen im Staube - und hat mir meinen Platz gezeigt! Hier habe ich wieder die Macht ueber mich gewonnen - hier singt wieder alles in mir. Und wenn Sie befehlen, flechte ich aus meinen Gefuehlen fuer Sie einen Kranz, ziere ihn mit Reimen und biete ihn Ihnen auf den Knien als eine Gabe der Hochachtung dar. Genehmigen Sie's gnaedigst?" "Sag' du ruhig ja, Malchen, geniere dich nicht und danke fuer die Gnade", fiel ihm Bluecher in die Rede. "Dichtung ist Dichtung und hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun!" "Sagen Sie das nicht, General", antwortete der Prinz. "Die Dichtung fuehrt manchmal die Wirklichkeit herbei - auch wenn sie ihr noch nicht entnommen werden koennte! Seien Sie nur nicht sicher!" Er laechelte uebermuetig und trommelte dabei wie suchend einen Rhythmus auf der Erde vor sich hin. "Hoeren Sie erst, und dann entscheiden Sie! Darf ich anfangen?" wandte er sich an die junge Frau. "Ich bitte darum, Hoheit!" Der Prinz blickte verstohlen laechelnd zu Bluecher hin, wandte sich dann an sie. "Hier in Vulkans Schmiede kann man ja nur von Mars und Venus singen", sagte er und fing an: "Mars, von Siegen uebersaettigt, kehrt in Venus' Liebesgarten ein, der Goettin aufzuwarten. Auf die Frage: Was berechtigt Ihn, hier einzudringen? gibt er die Antwort: weil er liebt - nach dem blutigen Entsetzen andrer Kaempfe - das Ergoetzen! Liebt zu sehn, wie kleine Fuesse kunstvoll sich im Tanze winden, Netze knuepfend, die ihn binden, - Fessel, die mit ganzer Suesse den Gefangenen bedrueckt, wonneschauernd ihn beglueckt, laesst in Liebesbanden schmachten ihn, den grossen Herrn der Schlachten! Amorinen, schnell geschaeftig, muehn sich um des Gottes Waffen, salben seine Glieder, schaffen Labung, deren er beduerftig, schnell herbei mit vielem Fleiss, bringen ihm den Siegespreis, winden um sein Haupt die Myrten, helfen alles loser guerten. So geruestet tritt der Heros an der Goettin Lager, - findet sie in Traenen. Klagend windet sich der zarte Leib, und Eros, sonst ihr Helfer, abseits steht, blind und taub, wie sie auch fleht, ihre Fessel schnell zu brechen, eilt nicht, ihre Schmach zu raechen. Mars, behende, packt mit schnellen Griffen zu, die Fesseln fallen, sausen durch die weiten Hallen, an den Felsen sie zerschellen. Ihrem Retter sittig dankt, sich erhebend, Venus, wankt auf ihn zu, reicht, lieblich floetend, ihm die Haende, sanft erroetend. Eros rasch nach seinen Pfeilen greift. Er zielt, und hinterruecklings trifft den Helden er - - -" "Um Vergebung, Hoheit, wenn ich unterbreche", fiel ihm Bluecher hier ploetzlich in die Rede. "Bitte!" sagte der Prinz etwas nervoes und hoerte jaeh mit der Improvisation auf. Auch die junge Frau schien nicht besonders erbaut von der Stoerung zu sein. Bluecher aber fuhr unentwegt fort: "Ich wuerde mich schon sehr dafuer interessieren, zu hoeren, welchen wunderbaren Reim Hoheit auf das haessliche Wort 'hinterruecklings' finden wuerden -", sagte er. "Warum haesslich?" warf der Prinz gestochen ein. "Weil mir alles zuwider ist, was nicht offener Kampf Auge in Auge ist! Aber davon wollte ich nicht reden! Ich wollte nur, ehe wir - im Gedicht - so weit wie bis zur Untreue kommen, mir erlauben, an einen Umstand zu erinnern -" "Welchen?" "Die holde Dame, Venus, hatte doch bekanntlich einen Gatten." "Gewiss!" "Dass er seinen Liebesgarten so schlecht bewachen wuerde, dass ihm der erste beste Buschklepper ins Gehege fallen konnte, erscheint mir doch sonderbar! Wo mag er wohl bei der Gelegenheit geweilt haben?" "Was weiss ich? Nehmen wir an, er war damit beschaeftigt, dem Kriegsgott Waffen zu schmieden!" "Sehr wohl. Als alter Schmied seines Glueckes hatte er aber sicher gelernt, sich nicht vom Laerm der Schmiede sein Gehoer so betaeuben zu lassen, dass er nicht merkte, wenn fremde Voegel in seinem Neste Liebeslieder sangen." "Ich denke auch nicht. Die Fabel belehrt uns ja darueber. Vulkan wartete, bis er die beiden Verliebten _in flagranti_ ertappen konnte, fesselte sie dann in einem kunstvoll geknuepften Netz und zeigte sie so aller Welt. Ob auf ihre oder seine Kosten gelacht wurde, meldet die Fabel nicht. Ich nehme aber das letztere an." "Wenn er es so weit gehen liess, dass er ueberhaupt noetig hatte, seine Geschicklichkeit im Knuepfen von Netzen zu zeigen, so verdiente er allenfalls, ausgelacht zu werden", sagte Bluecher ruhig. "Ich haette diesen Ehrgeiz nicht!" "Von dir ist doch nicht die Rede", fiel die junge Frau ein, der es bei dem Rededuell sonderbar zumute wurde. "Hoffentlich nicht!" antwortete ihr Mann. "Von mir wuerde _in dem Sinne_ nicht die Rede sein koennen. Denn ich ziehe es fuer gewoehnlich vor, vorzubeugen - _ohne_ mit meiner Geschicklichkeit darin zu prahlen. Ich habe nur den Ehrgeiz, in der Sache selbst obzusiegen und lade nicht ein, darueber zu lachen oder zu schwatzen." "Sie sind eben sehr ruecksichtsvoll, lieber Bluecher", sagte der Prinz und sprang von seinem Platz zu ihren Fuessen auf. "Mir scheint aber, mein Wagen faehrt jetzt vor. Es wird Zeit, an den Aufbruch zu denken!" Die beiden Gatten erhoben sich. Die Tuer oeffnete sich fuer den Adjutanten des Prinzen, der sich zur Stelle meldete. Der Prinz kuesste galant die Hand der Frau Generalin, nahm Saebel und Muetze von seinem Adjutanten entgegen und wandte sich seinem Gastgeber zu. "Fahren Sie ein Stueck mit, General, so plaudern wir noch ein wenig und stechen bei mir eine Flasche aus?" "Vielen Dank, Hoheit. Der Dienst ruft. Ich muss noch heute abend die Posten inspizieren!" "Nun denn, auf Wiedersehen!" Noch ein Gruss der gnaedigen Frau, und er ging, von Bluecher bis an den Wagen geleitet. "Ich bringe Ihrer Frau noch eine Rose fuer das unterbrochene Gedicht!" sagte er, indem er sich in den Wagen setzte. "Das wird meine Rache Ihnen gegenueber sein, General! Es muss alles seine Ordnung und seinen gehoerigen Abschluss haben!" Lachend und gnaedigst gruessend fuhr er ab. An einer Biegung des Weges, als sie schon ausser Sicht vom Hause des Generals waren, liess der Prinz halten, sprang aus dem Wagen, befahl dem Adjutanten, weiterzufahren und erklaerte, allein durch die Felder nach Hause gehen zu wollen. Der Wagen fuhr weiter, der Prinz streckte sich hinter einem dichten Gebuesch aus und blickte hinaus in die blaue Sommernacht. Vom Wege toente lauter Gesang einer Maennerstimme zu ihm herauf und das Geraeusch von sich naehernden Schritten. "Wir haben ihn aufs Haupt geschlagen und taeten ihn aus dem Felde jagen, der Schimpf, der wird sich ma-achen. Mit Gottes Hilf' und unserm Schwert ihm teuer gemacht sein La-achen, ja Lachen." Der Saenger war jetzt gerade vor ihm. Der Prinz erhob vorsichtig sein Haupt und blickte auf den Weg hinunter. Es war Bluecher. Die kurze Pfeife im Mundwinkel blieb er, den Ruecken zugekehrt, einen Augenblick stehen und blickte ueber den Fluss hinaus. Nahm dann die Pfeife in die Hand und setzte den Weg fort, weitersingend. "Es gab ein blutig Retirad, dabei auch noch gar mancher hat sein jung frisch Leben verloren, den nun sein Muetterlein beweint, die ihn mit Schmerzen geboren, ja geboren." "Inspiziere du ruhig deine Posten", sagte der Prinz halblaut. "Inzwischen bringe ich mein unterbrochenes Gedicht zu Ende!" Mit einem Sprung war er auf dem Weg, eilte schnell wie der Wind zurueck nach dem im Halbdunkel liegenden Hause des Generals, riss eine der schoensten Rosen an sich und schlich um das Haus herum nach der Seite, wo er das Fenster der jungen Frau wusste. Das Fenster stand offen. Schnell entschlossen packte er den Stamm des Efeus und enterte hoch, die Rose im Mund. Eine Manneslaenge trennte ihn noch vom Fenster, da hoerte er unter sich ein Fluchen und Wettern. "Da schlage doch der Donner drein! Wer klettert mir da an der Wand. Schockschwerenot, herunter oder -" Es war Bluecher, der, von seltsamer Unruhe ergriffen, seine Inspektion hatte fahren lassen und umgekehrt war. Der Prinz fand sich sofort in die Situation, hielt sich mit einer Hand in seiner schwebenden Lage fest, nahm mit der anderen die Rose aus dem Mund und winkte. "Seien Sie still, Bluecher, wecken Sie Ihre Frau nicht - ich will ihr nur die versprochene Rose durchs Fenster werfen! Gnaedige Frau!" sagte er entschuldigend zur Generalin, die jetzt am Fenster erschien. "Genehmigen Sie huldvollst diesen duftenden Gruss als angemessenen Abschluss unseres unterbrochenen Gedichtes!" Noch ein paar Klimmzuege, und er war so weit oben, dass er die Rose ueberreichen konnte. Die junge Frau nahm sie. "Hierher die Rose!" kam es scharf von unten. Die Blume flog gehorsamst Bluecher zu Fuessen. Fast ebenso schnell war auch der Prinz unten, stand aufrecht vor ihm und blickte ihn herausfordernd an. "So schnell geht's abwaerts, wenn ich dabei mitwirke!" sagte Bluecher, jetzt vollkommen ruhig. "Darf ich bitten, die Rose!" Er reichte dem Prinzen die Blume. "Sie hat sich als Wegweiser vortrefflich bewaehrt!" Der Prinz machte eine abwehrende Handbewegung. "Machen wir uns nicht laecherlich!" "Ich sorge nur fuer mich", sagte Bluecher und steckte sich in aller Seelenruhe die Rose ins Knopfloch. "Guten Abend, General!" sagte der Prinz kurz, machte kehrt und verschwand mit raschen Schritten in dem immer mehr zunehmenden Dunkel des Abends. Bluecher wandte sich zu seiner Frau, die jetzt herauskam und ihre Hand auf seinen Arm legte. "Hier hast du die prinzliche Rose, Malchen", sagte er launig und steckte sie ihr an den Busen. "Behalt' sie nur. Ich nehm's dir nicht krumm, wenn dir ihr Duft ein wenig zu Kopfe steigt. So muss es ja sein: alles muss dir zu Fuessen liegen, alles in dich verrueckt sein. Fuersten und Koenige muessen um deine Gunst buhlen und ihre Knochen riskieren um einen Blick deiner Augen. Nimm du's ruhig an. Dass sie dir nicht zu nahe kommen - _dafuer sorge ich schon_, wie du siehst! In _dem_ Kriegshandwerk nehme ich's auch mit jedem auf. Ich war selbst kein Kostveraechter, als ich jung war!" Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und blickte zu ihm auf. "Du haettest das von dem Kinde nicht vor ihm sagen muessen", sagte sie leise vorwurfsvoll. "Werd' nur nicht sentimental, Malchen", sagte er und gab ihr einen herzhaften Kuss. "Das steht dir nicht, und ich mag's nicht leiden. Meine Tochter nehme ich jetzt ins Haus, da bist du nicht allein. Viel juenger wie du ist sie nicht, ihr werdet euch gut anfreunden, denke ich! Und so kriege ich sie von ihren Grosseltern fort. Die verziehen sie mir nur. Und ich kann fuer meinen Tod nicht all diese welsche Erziehung der jungen Weiber leiden, wie sie nur Franzoesisch parlieren und sich mythologisch vorschwaermen lassen koennen. Die Rike musst _du_ in Behandlung nehmen, Malchen, wenn sie kommt, und ihr das Welsche gehoerig wieder austreiben! Versprich mir das! Und wenn sie auch franzoesisch frisiert sein sollte, wofuer sie der Deibel holen soll, so kaemm's ihr nur schleunigst aus! Kaemm's aus, Malchen, sonst lasse ich mich von dir scheiden!" Damit nahm er sie unter den Arm und ging mit ihr ins Haus hinein. 8 "PRUeSKE DICKKOePPE" Franz Joseph Gall, Anatom und Phrenolog, war auf seiner Rundreise durch die groesseren Staedte Deutschlands auch nach Muenster gekommen, wo Bluecher, nach der Besetzung des Muensterlandes, als preussischer Gouverneur residierte. Er las dort Glaeubigen und Unglaeubigen ein Kolleg ueber Dickschaedel, Hohlschaedel und andere kraniologische Kuriosa vor. An der Hand eines menschlichen Kraniums entwickelte er seine ebenso neue wie aufsehenerregende Lehre, in der er es unternahm, nach der Gestaltung der Schaedeldecke auf das Geistesvermoegen eines Menschen zu schliessen. Das war im "Staate der Heiligen", wie Bluecher sie nannte, nichts denn ein tollkuehnes Beginnen und ein Greuel vor dem Herrn! Zum Entsetzen aller Strengglaeubigen unternahm der Herr Physikus ja nichts mehr und nichts weniger als die Seele - die bis jetzt alleinige Domaene der heiligen Kirche - zum Objekt einer profanen Wissenschaft erniedrigen zu wollen! Man hatte sich wohl, durch die vor kurzem begonnenen Saekularisationen, an vieles gewoehnen muessen! Man hatte gesehen, wie der Kirche Laendereien und Viehherden entzogen worden waren! Man staunte ueber nichts mehr! Aber eine Lehre, die die Decke eines ehrsamen Buergerschaedels und bisherige bevorzugte Abladestelle kirchlichen Segens auf die Geheimnisse des darunter gehorsamst schlafenden Seelenlebens untersuchen wollte - die dessen Huegel und Talmulden zum Forschungsgebiet einer ganz gemeinen Neugier erniedrigte und den Geist sozusagen mit den Fingern betasten wollte, die ginge doch, und nicht nur figuerlich, ueber die Hutschnur! Fuer Bluecher war die Phrenologie ein gefundenes Fressen und eine Belustigung besonderer Art. Als alter Husar hatte er wohl stets seinen Kopf fuer sich gehabt und sich wenig darum gekuemmert, ob oder inwiefern er ins System der anderen hineinpasste. Als Gouverneur musste er ihn aber von Amts wegen taeglich mit so vielen andersgearteten Querkoepfen karambolieren lassen, dass er freudig jeden Versuch begruesste, eine Art Topographie des menschlichen Schaedelgelaendes zu schaffen. Es brachte immerhin ein bisschen Ordnung in die Sache hinein und wuerde am Ende doch noch dazu beitragen, den amtlichen Geschaeftsgang zu vereinfachen! Wenn der Herr Gouverneur sich auch nicht verhehlen konnte, dass amtliche Konfusionen mit ueberfluessigen "Rueckfragen" und anderem verfaenglichen Geschreibsel, als Ausfluss hoechster Beschraenktheit, durch nichts mehr zu beschraenken seien! - Immerhin verdiente der Versuch behoerdliche Beachtung! Der Herr Gouverneur zaehlte also zu den eifrigsten und aufmerksamsten Besuchern der Gallschen Vorlesungen, was in der guten Stiftsstadt sehr bemerkt wurde und zu allerlei Vermutungen und Auslegungen Anlass gab. Mit ehrfuerchtigem Staunen blickten die guten Muensterianer scheu zu seiner hohen Gestalt hinueber, die, in der ersten Stuhlreihe sitzend, alle ueberragte, und mindestens ebensosehr die Aufmerksamkeit auf sich zog wie die ketzerischen Ausfuehrungen des gelahrten Herrn Physikus. Weder das noch die wortlose Entruestung eines ehrsamen Auditoriums entgingen seiner Aufmerksamkeit. Mit liebkosender Schaerfe musterten seine Blicke die Sammlung erlesener Schaedel, die sich hier ein Stelldichein gegeben hatten, wie um als unfreiwillige Demonstrationsobjekte zu dienen. Seine Augen leuchteten vor diebischer Freude auf, und es zuckte spitzbuebisch schlau um die Mundwinkel hinter dem herabhaengenden Schnauzbart, wenn er einen besonders leckeren "Ball" entdeckte. Am haeufigsten schielte er zum Nachbar links hin, dessen kurze staemmige Gestalt den geraden Gegensatz zu ihm selbst ausmachte. Wie Raubvoegel umkreisten seine Adlerblicke den gewaltigen Kopf, aus dessen Gesicht, unter buschigen Brauen, eine maechtige Hakennase gebietend hervorsprang. Schmunzelnd wie ein Gourmet, dem sein Leibgericht aufgetragen wird, sass er mausestill da, stellte aus naechster Naehe seine Untersuchungen an und schien zu ganz merkwuerdigen Schluessen zu kommen. Indessen sein Opfer, in Gedanken versunken, den Vorlesungen kaum zuzuhoeren schien und noch weniger die Aufmerksamkeit beachtete, deren Gegenstand es war. Endlich war der Anatomus mit seinen Ausfuehrungen zu Ende, nahm sein Kranium unter den Arm, rollte sein Manuskript zusammen, verneigte sich wuerdevoll, ging und liess sein kopfschuettelndes Auditorium sitzen. Bluecher stand auf, und sein Nachbar ebenso, den er jetzt, im Stehen, um Haupteslaenge ueberragte. "Wissen Sie was, Baron?" fragte er laechelnd und strich seinen langen Schnurrbart hoch. "Als der Physikus soeben den Totenschaedel aufhob, da dachte ich: 'Nun geht das Kegelschieben los! Nun schmeisst er ihn nach den anderen Koepfen!' Die wackelten auch schon bedenklich! Die waeren durcheinandergekollert, dass es eine Lust waere! An seiner Stelle haette ich den Wurf getan! So 'ne Sammlung Doeskoeppe war noch nicht da! Sehen Sie sie nur an!" fluesterte er. "Ausschaun tun sie wie ein Haufen 'Marterln' von allen moeglichen Stoppelfeldern hierherverpflanzt! Und statt der gewohnten Kraehen und Dohlen schwirren ihnen lauter funkelnagelneue Gedanken um die Koepfe, dass sie nicht mehr wissen, woran sie sind, und der Herr Physikus noch weniger. Keine Ahnung hat er - keine Ahnung! Was er da schwefelt, mag vor die Franzosen gut genug sein, ihnen die Wuermer aus der Nase und das Geld aus den Taschen zu ziehen - was ich uebrigens den Geizhaelsen goenne! Aber so'n richtiger preussischer Dickkopp, wie ich einer bin, und Sie erst recht, Baron, der wird nimmermehr zugeben, dass man den Schaedel erst befuehlen muss, um zu wissen, ob einer lange Finger hat oder nicht. Der wird nicht sein 'Bekaempfungsvermoegen', wie die Ochsen, mit dem Schaedel dartun, sondern mit blanken Hieben und derben Maulschellen, wenn's not tut. Und was das 'Eigentumsvermoegen' betrifft, das er auch vom Schaedel ablesen will - -" "Da", lachte der Baron, "setzen Sie sich an den Spieltisch und verlieren Sie und weisen es so - negativ nach!" "Ich gewinne auch, mein Verehrtester, und nicht zu knapp! Und das liegt bei den Karten und hat mit dem Schaedel nichts zu tun!" "Soweit ich ihn verstanden habe," sagte der Baron, "gingen seine Ausfuehrungen auch nicht so weit auf das Gebiet des praktischen Lebens ein. Er wollte, meines Erachtens, nur rein theoretisch dartun, wie eine geistige Faehigkeit mit den Hirnpartien, in denen sie ihren Sitz hat, ab- oder zunimmt, und nachher durch die dadurch entstehenden Unebenheiten des Schaedels nachzuweisen ist." "Das ist eben falsch", sagte Bluecher bestimmt. "Die Erhoehungen des Schaedels besagen gar nichts - bei den meisten Menschen jedenfalls nicht mehr als: 'Hier ist beim gewoehnlichen Rindvieh der Platz fuer die Hoerner!' - Da koennen Sie sich auf _mich_, als alten Landwirt, verlassen! Sehen Sie sich nur in den Spiegel, Baron!" Der Baron blickte ihn an. "Ich moechte doch sehr bitten!" sagte er scharf. "Sehen Sie sich nur in den Spiegel!" lachte Bluecher. "Nach den Theorien Galls muessten Sie ein gutmuetiger, braver Spiesser sein - sanft, fromm und nachgiebig - das Muster eines Familienvaters! Nach _meinen_ dagegen - und ich verstehe etwas von Koeppen - ich habe mein Lebtag so ville eingeseift - nach _meinen_ Theorien also, und wenn ich nicht wuesste, dass Sie der Reichsfreiherr vom Stein sind und Oberpraesident der Westfaelischen Domaenenkammer - da wuerde ich sagen: das ist ein Raufbold schlimmster Sorte!" "Um Gottes willen!" "Oder zum mindesten ein geheimer Raubmoerder!" "Das auch noch!" "Gestehen Sie's nur, Sie haben so etwas auf dem Kerbholz!" "Nicht einmal im Traum!" "Sie werden doch unter Ihren reichsritterlichen Ahnen wenigstens einen von der Sorte haben?" "Kann schon sein!" "Nun, sehen Sie! Da werden Sie von ihm ebensoviel geerbt haben, wie ich von dem meinigen, und mit mir eines Sinnes sein und eine Schaedellehre haben, und die ist nun die naemliche: wenn all die Dickkoeppe und Strohkoeppe und Hohlkoeppe und Doeskoeppe und Schafskoeppe und Quasselkoeppe, von denen der Schaedelgelehrte da nichts wusste, obwohl wir hier im Lande einen Ueberfluss daran haben - wenn _die_ alle im Staate mitreden sollten, wie Sie es wollen, oder sich gar zu einem Parlament zusammentun duerften, um Geschrei und allerlei Konfusion zu machen - wie drueben in Paris -, das waere weit schlimmer als eine allgemeine Kopflosigkeit! Da hilft nur _ein_ Mittel dagegen, und das ist nun das naemliche, was die Jakobiner so gut zu handhaben wussten, naemlich: die Guillotine! Aber auf die richtige Art angewandt - an den Jakobinern selbst. Runter mit dem Salat, das hilft! Nachher wird kein unnuetz Stroh gedroschen!" "Der Meinung bin ich nun nicht!" antwortete der Baron energisch. "Es schadet nicht, dass die Leute ihr Stroh dreschen, wenn sie nur mittun und mitempfinden lernen. Nur wenn sie sich auch verantwortlich fuehlen, nur dann wird das eingeschlafene Gefuehl der Zusammengehoerigkeit mit dem Vaterland wieder wachgeruettelt. Und kein Fremder darf dann wagen, an deutsche Gaue Hand legen zu wollen, wie er es jetzt wieder versucht!" Sie waren inzwischen aus der Akademie herausgekommen und gingen langsam durch die Strassen der alten Stadt nach Hause. Auf dem Domhof kam ihnen eine goldstrotzende Prozession entgegen mit wehenden Fahnen, Blumen und Weihrauch und der gesamten Geistlichkeit in prachtvollen Gewaendern. "Was nuetzt uns das Wachruetteln," sagte Bluecher, "wenn die da die Macht haben, die Geister wieder einzuschlaefern?" Der Freiherr zog seinen Hut, und Bluecher salutierte, bis die Prozession vorbei war. "Haben Sie gesehen, wie boes die Kerle mich anschielten?" fragte er dann den Baron. "Die giften sich gewaltig, weil ich hier die Freimaurerloge wieder aufgemacht habe. Een 'pruesken Windbuedel' - een 'lutherschen Dickkopp' haben sie mich genannt. Der Windbuedel setzt ihnen aber noch ganz was anderes als die Loge auf die Nase!" "Da drueben haelt eine andere Prozession", sagte der Freiherr und zeigte auf drei Soldaten, die einen gefangenen Deserteur transportierten und ebenfalls von der Prozession aufgehalten worden waren. Sie blieben noch stehen, um den General zu salutieren. "Antreten! Melden!" rief Bluecher sogleich, als er sie sah. Und die Leute kamen ueber die Strasse, gruessten ihn nochmals und gaben ihren Rapport ab. Bluecher blickte den Gefangenen unwillig an. Er war ein junger, kraeftiger Bursche. Die Haende waren ihm auf dem Ruecken gefesselt. "Schaemst du dich nicht, Bursche?" rief Bluecher ihm zu. "Siehst, wie der Franzos ueberall in der Welt haust und wie er seine langen Finger nach immer mehr deutscher Erde ausstreckt - hast zwei kraeftige Arme zum Dreschen und willst dich druecken, willst nicht helfen, deine Heimat von den Schuften zu saeubern?! Abfuehren!" rief er, und die Leute salutierten und zogen mit ihrem Gefangenen ab. "Vaterlandsloser Gesell!" kam es noch verdriesslich aus dem Gehege seiner Zaehne hervor. "Das ist er wohl. Aber nicht durch eigene Schuld!" sagte Stein energisch. "Und das duerfen Sie ihm darum auch nicht vorwerfen!" "Das waere wohl auch!" "Der, wie die meisten seinesgleichen, hat kein Vaterland! Der hat nur einen Herrn, der von ihm moeglichst viel Steuern herauspresst und ihn womoeglich noch zum Kriegsdienst aushebt. Und hat er nicht den einen Herrn, so hat er den andern. _Wer_'s ist, ist ihm gleich - ob Preusse, ob Franzose, was schert das ihn, wenn er ihn nur moeglichst wenig bedrueckt! Das vaterlaendische Gefuehl ist eben ueberall bei uns im Aussterben. Ich sagte es ja schon, und auch, wie es zu bessern waere, wenn nicht zu spaet damit angefangen wird!" "Ein Glueck, dass die Fahnenfluechtigen unter _meine_ Gerichtsbarkeit fallen! Denn wenn Sie, Herr Praesident, ihn abzuurteilen haetten -" "Ich wuerde in dem Falle versucht sein, Milde walten zu lassen - ich gestehe es! Uebrigens werde ich bald hier nichts mehr zu richten haben!" "Sie sind schon amtsmuede? Nach kaum zwei Jahren?" "Das nicht! Man hat mich nach Berlin in die Regierung berufen. Ich soll Minister werden." "Und Sie? Haben Sie angenommen?" "Ich habe - _bedingt_ angenommen. Ich moechte mir wohl die Gelegenheit nicht entgehen lassen, zum Besten meines Vaterlandes taetig zu sein. Aber - ich moechte sie auch gehoerig ausnutzen koennen!" "Das traue ich Ihnen schon zu. Der Koenig liebt es aber nicht, wenn man ihm Bedingungen stellt!" "Ist mir gleich!" "Was hat er denn geantwortet?" "Er hat - _bedingt_ zugestimmt!" "Das ist bei ihm schon viel! Mehr erreichen Sie sicher nicht!" "Das genuegt mir aber nicht. Entweder ich bekomme die Befugnisse, die ich brauche, um etwas leisten zu koennen, oder ich gebe mich mit dem ganzen Kram nicht ab!" "Was haben Sie denn verlangt?" Der Freiherr blieb stehen, fasste Bluecher an einem Rockknopf und zwang ihn so, auch stehenzubleiben. Ohne sich um die Blicke der Voruebergehenden zu kuemmern, fing er dann an, seine Plaene zu entwickeln, durch die er dem alten Schlendrian den Garaus zu machen gedachte und das alte Preussen von Grund aus umgestalten wollte. Erst den Beamtenkoerper neuordnen, die ganze Verwaltung vereinfachen, die eigene Jurisdiktion und Finanzverwaltung der Provinzen aufheben und einschlaegige Fachminister fuer das ganze Land einsetzen, so dem Reich den fast foederativen Charakter nehmen und seine Teile zu einem Ganzen verschmelzen - die Regierung vereinfachen; statt Generaldirektion und Justizministerium und dem allein mit der Person des Koenigs verkehrenden "Kabinettsministerium" ein Konseil einfuehren, dessen Mitglieder saemtlich direkt mit dem Koenig verkehren koennten - dann durch Staedte- und Landgemeindeordnungen Rechte und Pflichten der Buerger und der Landbevoelkerung festlegen, ihnen Selbstverwaltung geben, das Gewerbe frei machen, den Besitz ebenso, die Fessel des Handels beseitigen, die Armee neuordnen auf Grund der allgemeinen Wehrpflicht, so dass das Werbesystem abgeschafft wuerde und ein jeder es als eine Ehre statt als einen Zwang empfaende, das Vaterland zu verteidigen. Zuletzt eine Volksvertretung einsetzen, mit gesetzgebender Gewalt, die die Haushaltung des ganzen Staates zu regeln haben wuerde - -" "Das ist schlau von Ihnen, Baron, die Volksvertretung zuletzt zu nennen", sagte Bluecher. "Ich hatte schon Angst, Sie wuerden damit den Anfang machen wollen! Die Jakobiner und ihr Gequassel haetten wir sowieso frueh genug! Wenn die bei Ihren Reformplaenen mitreden sollten - Sie wuerden sich wundern, was dabei alles herauskaeme! - Sie wuerden Ihr eigenes Kind nicht mehr wiedererkennen und all Ihre schoenen Plaene ins Wasser fallen sehen! Am besten lassen Sie die Redebude ganz fahren. Die vertroedelt bloss die Zeit, weiter nichts! Wozu denn! Machen Sie's lieber ganz allein! Machen Sie's mit der koeniglichen Verordnung - die schafft's, wenn der richtige Mann sie handhabt. Das sah man beim Alten Fritzen! Beschliessen - befehlen, und die Sache ist da! Und ist sie gut und ist sie richtig gemacht, _dann erst_ lassen Sie die Leute reden, wenn's durchaus sein muss! Da aendert an einer rechten Sache auch ein ganzes Parlament von Hohlkoepfen nichts!" "Das Volk muss," sagte der Freiherr energisch, "und das ist das allerwichtigste und davon gehe ich nicht ab - das Volk muss wissen, dass es in seinen eigenen Lebensangelegenheiten mitzureden hat! - Es muss fuehlen, dass es nicht nur dazu da ist, um ausgebeutet zu werden. So wie jetzt, ist es ganz teilnahmlos. Wenn heute alles zugrunde ginge - es wuerde sich nicht im geringsten dafuer interessieren. Denn der Staat ist sein Feind - oder er ist ihm zum mindesten gleichgueltig! Das Volk empfindet nicht, dass es selbst der Staat ist! Gelingt es nicht, ihm das zum Bewusstsein zu Dingen, so sind wir als Staat verloren und als Volk erst recht." "Verehrter Freund," antwortete Bluecher, "es kann sein, dass Sie recht haben! Wir haben aber keine Zeit, kostspielige Versuche zu machen. Die Welt brennt jetzt an allen Ecken und Enden - sollen wir da Kinder und unerfahrene Leute mit dem Feuer spielen und unser eigenes Dach in Brand setzen lassen? Was sagte ich vorhin - den reinen Verbrecherkopf, den reinen Verbrecherkopf haben Sie!" Stein lachte. Aber Bluecher fasste ihn beim Arm und zeigte auf den Turm der Lambertikirche. "Sehen Sie da hinauf", sagte er. "Da oben baumelten vor etlichen Jahrhunderten - wie viele ist mir Wurst - zwischen Himmel und Erde, in den drei eisernen Kaefigen, je ein solcher Neuerer wie Sie! Sie wissen: der Schneidermeister und Koenig vom 'Neuen Zion', Johann von Leiden, Knipperdolling, sein Kanzler und Henker, und Krechting - denn so hiess wohl der Dritte im Bunde! Die hingen da, bis die Voegel des Himmels ihnen das Fleisch von den Knochen gerissen hatten. Und das waren Leute, die auch - in ihrer Weise - das Volk 'frei' machten, das Alte, Bewaehrte in Truemmer schlugen, mit Feuer und Schwert vertilgten und 'das Neue Reich' auf dem Schutthaufen aufrichteten. Vergessen Sie nicht: wir stehen hier auf dem klassischen Boden solcher Revolutionen, mitten im ehemaligen Reiche der Wiedertaeufer." "Fuer blutige Revolutionen," sagte der Baron ruhig, "wie damals die der Wiedertaeufer und heute die Franzoesische, ist hier bei uns kein dauernder Boden. Die Methode fuehrt bei uns zu weiter nichts, als zu staerkster Gegenwirkung. _Wir_ muessen das anders machen, wenn wir uns verbessern wollen - und das moechte ich eben versuchen." "Das tun Sie nur, Baron. Gehen Sie nach Berlin! Ich behielte Sie wohl am liebsten hier, aber da sind Sie uns viel noetiger! Gehen Sie nach Berlin - - seien Sie frech -!" "Frech nicht, aber entschieden!" laechelte der Baron. "Das ist bei mir ein und dieselbe Chose!" sagte Bluecher, nahm ihn beim Arm und zog ihn weiter mit. "Eins bitte ich nur aber aus", sagte er dann im Gehen. "Wenn Sie dabei sind, alles neu zu machen - von der Armee lassen Sie die Finger! Die besorgen wir vom Bau besser!" "Ihr vom Bau haengt zu sehr am Althergebrachten, um Neuerungen die rechte Unbefangenheit entgegenzubringen!" "Man muss wohl, wie Sie, unabhaengiger Reichsritter gewesen sein, keine Armee zu kommandieren und kein Land zu regieren gehabt haben, um beides besser zu verstehen - nicht wahr?" lachte Bluecher. "Ganz gewiss. Da behaelt man eben den Kopf frei, hat keine Scheuklappen vor den Augen und ist an nichts gebunden als an sein gesundes, natuerliches Urteil!" "Sehen Sie - das gefaellt mir bei Ihnen, Baron! Aber trotzdem mag ich nicht, dass die Zivilisten an der preussischen Armee herummaekeln! Es ist ja viel daran zu bessern, das stimmt. Aber es steckt ein guter Kern darin, der erhalten zu werden verdient -" "Eben weil der Kern in der preussischen Volkskraft ruht", sagte der Freiherr. "Aber nur _wir_ Eingeweihte empfinden das. Das Volk muesste sich dessen auch bewusst werden, damit es an unserer Wehr mitschafft und so seine Kraft verdoppelt!" "Wer wuerde das nicht wuenschen? Sie wollen aber alles wegwerfen und von Grund aus neu aufbauen." "Auf _altem_ Grund neu - -" "Das geht zu weit. Was gut und wertvoll ist vom alten Gemaeuer, das muessen wir mit hinuebernehmen - wie unsere Vorfahren bei ihren Kirchenbauten. Die fingen oft romanisch an - sehen Sie nur die alten Kirchen im Lande an - und bauten ruhig gotisch weiter, sobald die Zeit es verlangte, und schlugen so in _einem_ Bau Bruecken von Zeitalter zu Zeitalter. So eine Bruecke ist unsere Armee. Werft sie ab - und drueben bleibt der Geist der Ordnung, der Tapferkeit und des unbeugsamen Mutes, der sie immer auszeichnete, und kann nicht zu uns herueber." "Der braucht nicht herueberzukommen, denn er ist da, wie er immer in unserem Volke da war. Er wird uns taeglich neu geboren!" "Aber auch taeglich wieder totgeschlagen", erwiderte Bluecher ernst. "Und das eben moechte ich vermieden wissen! Solch einen Totschlag am Geist der Ordnung und Tapferkeit wollt ihr Herren vom Zivil eben begehen, wenn ihr die Haende nach dem preussischen Heere ausstreckt! Ihr sollt mir aber die preussische Armee nicht kaputt machen wollen. Ich habe mit in ihren Reihen gekaempft im Siebenjaehrigen Kriege - ich war mit ihr in Polen, in den Niederlanden, am Rhein Anno dreiundneunzig und vierundneunzig -, ich habe gesehen, was der preussische Soldat kann, wenn die Fuehrung taugt. Ich verstehe etwas von der Sache und weiss, solch eine Waffe wirft man nicht ohne weiteres fort! Schwerenot! Wenn ich einen guten, scharfgeschliffenen Saebel habe, der mir gut in der Hand liegt und mir vertraut ist, den werf' ich nicht zum alten Eisen und hole mir einen neuen, der mir am Ende weniger zusagt, sondern ich hau' feste zu! Aufs Dreinhauen kommt's heute noch an wie immer! Der richtige Kerl muss nur da sein, der die Waffe der Vaeter zu fuehren versteht, dann taugt sie auch!" "Das weiss ich ebensogut wie Sie!" versetzte der Freiherr ein wenig gereizt. "Nun, was wollen Sie denn!" rief Bluecher nicht weniger heftig. "Wenn Sie das wissen, da muessten Sie sich auch sagen, dass unsere Waffe nicht verrosten kann! Da muessten Sie doch sehen, dass heute, wie immer, Leute genug dabei sind, sie frisch zu polieren, den Geist und die Bildung beim Offizier zu heben, das Untaugliche hinauszuwerfen und mit dem Schlendrian reinen Tisch zu machen! Und auch, dass uns nichts fehlt als der Befehl zu rascher Tat!" "Das alles sehe ich wohl!" sagte der Baron. "Aber auch das viele Ueberlebte, das leider Gottes die Macht hat, jede Entwicklung zum Besten aufzuhalten. Da hilft nicht allein der Mann, der befehlen kann - denn was nuetzen mir Befehle, wo der Gehorsam fehlt?! Der Geist, der sich bereitwillig dem Ganzen unterordnet, der fehlt oben wie unten! Erst muss da Wandel geschaffen - erst muss von Grund aus alles neu geordnet werden. Und der Grund kann nur die allgemeine Wehrpflicht sein, die jedem Staatsbuerger das Recht, aber auch die Ehrenpflicht gibt, das Land zu verteidigen, und jede Anwerbung von auslaendischem Gesindel ausschliesst! _Da_ muessten die Leute den Hebel ansetzen, die, wie Sie sagen, auch in der Armee dabei sind, mit dem alten Schlendrian aufzuraeumen -" "Am Ende haben sie's laengst getan!" rief Bluecher und blickte den Freiherrn schalkhaft an. "Passen Sie nur auf, Baron! Sie werden noch von denen ueberholt!" "Das wuerde mich der Sache wegen freuen", antwortete Stein ruhig. "Nach allem, was ich bis jetzt gesehen habe und nach dem, was ich zu meinem Erstaunen soeben auch von Ihnen hoeren musste, glaube ich aber nicht recht daran." Bluecher laechelte. "Sehen Sie sich nur die jungen Leute an, wenn Sie nach Berlin kommen! Da werden Sie gleich am Hofe einen finden, der nach Ihrem Sinne ist - ein junger Kerl, der beim Prinzen August Adjutant ist -, Clausewitz heisst er - kein Windhund, leider, aber sonst ganz mein Fall! Ein Gesicht hat er, das nach sehr gutem Rotspon aussieht - geht nicht aus sich heraus, ausser wenn's eine Sache gilt, dann aber auch gehoerig! Den nehmen Sie sich vor! Sagen Sie ihm weiter nichts als das eine Wort: 'Scharnhorst', da sollen Sie sehen, wie er wie eine Pulvermine auffliegt und gleich Feuer und Flamme ist. Auf den Scharnhorst schwoeren sie, all die jungen Leute, die er bei der Kriegsschule ausgebildet hat. Und recht haben sie. Denn er taugt was, er kann was, und er weiss, was er will. Aber ehe es so weit ist, dass man allerhoechsten Ortes auf ihn hoert, da wird er wohl auch steinalt sein und nichts mehr wollen koennen! Es ist leider Gottes nicht allen gegeben, ihr Leben lang siebzehn Jahre alt zu bleiben." "Deshalb sollen die, denen es gegeben wird," sagte der Baron mit Betonung, "sich nicht dagegen straeuben, vorzugehen, wo es not tut!" "Straeube ich mich etwa?" rief Bluecher lebhaft. "Wissen Sie, ob ich nicht schon eine Denkschrift in der Sache fertig habe?" "Bei Ihrer Aversion gegen alles Geschreibsel?" laechelte der Baron. "Nun - wenn die Armee so heruntergekommen ist, wie Sie sagen, warum sollten die Generaele dann nicht auch zur Feder greifen und Tinte verspritzen statt Blut? Taugen wir weiter nichts - dazu taugen wir sicher! Da stehen wir auch unseren Mann, besser als die meisten von den Herren Diplomatikern!" Und ohne die Entgegnung des Barons abzuwarten, zeigte er auf das Rathaus, an dem sie jetzt vorbeigingen, und fragte ploetzlich: "Waren Sie drin?" "Wiederholt!" "Haben Sie den Friedenssaal gesehen, wo der Westfaelische Friede gemacht wurde?" "Ich war drin!" "Haben Sie sich die Bilder von all den Gesandten genau angesehen, die jenen sauberen Frieden gemacht haben, deren Namen laengst vergessen sind? Die haengen da mit Recht zur ewigen Schande der Zunft. Weil sie unser armes, verwuestetes, entvoelkertes und ausgepluendertes Deutschland beim Friedensschluss noch mehr zerstueckelten und dem Fremden verschacherten, damit er es auf Jahrhunderte hinaus als Tummelplatz fuer seine Kriegsvoelker gebrauchen konnte. Haben Sie sie gesehen?" "Man zeigte sie mir!" "Nun - haben Sie jemals so 'ne Sammlung Schafskoepfe beisammen gesehen? Diplomatiker, wie nur wir sie noch heute haben - Schlauberger ihrer eigenen Meinung nach, die so gut wissen, wie alles verkehrt gemacht werden muss, nachdem die Welt sich verblutet hat! Und nachher muessen wir wiederum bluten - weil die so ueberschlau waren, so saudumm zu sein! Sehen Sie sich die noch einmal an! Und nachher gehen Sie nach Berlin, und lassen Sie sich zum Minister machen! - Raeumen Sie mit dem Gesindel auf, rotten Sie's mit Stumpf und Stiel aus! Da rennen Sie mit Ihrem harten Verbrecherschaedel das ein, was zuerst herunter soll! Da haben Sie morsches Gemaeuer genug fuer Ihren Bedarf! Kreuzelement, was die Leute bloss alles anrichten! Was die an guten Gelegenheiten voruebergehen lassen - wie die uns allmaehlich von allen Freunden trennen und die ganze Welt gegen uns aufbringen! - Weil das Schlappschwaenze sind, muessen wir auch dafuer gelten! Ihretwegen wagt man sich an uns heran! Da muesste schleunigst einer an die Spitze - ein ganzer Kerl, der nichts versteht als nur das eine: die Wut loszulassen, die in uns allen kocht, dass wir endlich einmal wie das heilige Donnerwetter dreinsausen koennen und reinen Tisch machen! Wie wuerden wir dann in der Welt dastehen! Ich muesste da vierundzwanzig Stunden zu befehlen haben! Vierundzwanzig Stunden nur!" "Ja, wenn Sie nur nicht zu jung waeren", sagte der Baron, ueber den Eifer Bluechers schmunzelnd. "Zu jung?! Sechzig durch!" "Werden Sie erst siebzig - toben Sie sich erst aus! Sonst werden Sie uns mit Ihrem jugendlichen Ungestuem alles kaputt machen, wenn Sie das Heft in die Hand bekommen!" "Davor brauchen Sie keine Angst zu haben. Man ist allerhoechsten Ortes nicht so schlau, mich als Berater zu nehmen! Sonst wuerden wir nicht alle Tage Sachen erleben, bei denen einem Dutzende von Laeusen ueber die Leber kriechen! Schwerenot, wenn ich bloss an das Letzte denke, wie wir nun gluecklich nach vielem Hin und Her die Franzosen doch in Hannover stehen haben - alles, weil unsere klugen Herren da oben wieder so schlau waren und so gerne moechten und doch nicht zuzugreifen wagten! Himmeldonnerwetter, wie war's mir, als ich davon Wind bekam! Ich bin kopfueber nach Berlin gereist, ich habe gefleht, ich habe geflucht - nichts hat geholfen! 'Gehen Sie nach Muenster, General', war alles, was man mir antwortete. 'Dort haben Sie Ihr Kommando!' Und ich ging - und - an der hannoverschen Grenze in Diepholz, da empfingen mich schon franzoesische Gendarmen und scharwenzelten und parlierten und machten die Honneurs, als waeren sie dort zu Hause! Und Herr Mortier troff von Freundlichkeit und falschem gallischen Gemuet ueber! Hol' ihn der Teufel! Wenn ich den nur wieder herausschmeissen darf! Jetzt sieht's der Koenig schon ein! Jetzt moechte er auch gern die Parlezvous wieder heraus haben! Aber statt mir den Befehl zu geben, sie zum Teufel zu jagen, betraut er seine Diplomatiker damit, und da wird's noch gute Weile haben. Die Leute muesste man dem Physikus Gall in Behandlung geben. Der muesste ihnen die Schaedel ordentlich befingern!" "Ich moechte gern," sagte Stein und lachte in sich hinein, "ich moechte gern wissen, was Sie sagen wuerden, wenn Sie, als ganz Unbeteiligter, Ihren eigenen Kopf in die Finger bekaemen, um ihn auf seine Faehigkeiten zu untersuchen! Ob Sie wohl wie ich denken wuerden?" "Wie denn?" "Lauter Gegensaetze! Schlau und gerissen - und ein Dickkopf erster Guete! Feuer und Flamme fuer alles lebensfaehige Neue - und doch zaeh am Althergebrachten festhaltend! Allen voranstuermend, wenn es eine Sache gilt, aber mit einem Ungestuem, das Sie oft aus dem Sattel wirft! Pech im Kleinen, Glueck im Grossen - nicht wahr, so wuerde die Rechnung lauten?" "Wie sie lauten wuerde, weiss ich nicht. Das weiss ich aber: ich gaebe gern meinen Kopf darum, dass da oben, auf der entscheidenden Stelle, der richtige Kopf zwischen den richtigen Schultern saesse!" Der Baron schwieg. Er blickte zum Residenzschloss auf, vor dem sie jetzt standen und in dessen einem Fluegel er residierte, in dem anderen Bluecher. "Hier trennen sich unsere Wege, General", sagte er. "Sie sind die militaere Macht - ich die zivile. Wir wollen voneinander nichts wissen - wir wohnen jeder in seinem eigenen Fluegel des gemeinsamen Baues. In der Mitte sind die Raeume der Krone!" "Und da," sagte Bluecher gallig, "da drin koennen Sie vor leeren Waenden reden! Denn da wohnt fuer gewoehnlich - niemand! Statt einem, der einigend ueber uns beiden steht und uns manchmal zu gemeinsamer Beratung zu sich einlaedt - ein leerer Raum, der uns trennt!" "Das stimmt", sagte der Baron. "Dafuer einigen wir uns aber - im Kuechengarten! Den haben wir gemeinsam, trotz der getrennten Magen!" "Die Jagd habe ich allein", nickte Bluecher. "Und geben mir doch manchen Braten ab!" "Nun, in der Magenfrage begegnen sich eben verstaendige Leute!" Stein antwortete nicht. Er bueckte sich nur, nahm ein paar Fallaepfel auf und reichte Bluecher einen. "Da - beissen Sie in den sauren Apfel, General!" "Det ist von Ihren Appelbaeumen, Baron! Drueben stehen meine - dort gibt's saure Aepfel genug." "Ich seh's! Ich werde mich auch nicht von Ihnen noetigen lassen - wenn wir drueben bei Ihnen sind. Sie aber machen ein Gesicht, als waere ich die Schlange im Paradiese!" "Die stelle ich mir, aufrichtig gesagt, anders vor! Zum Suendenfall gehoert uebrigens auch eine Eva. Ohne sie hat die Schlange im Paradiese keine Bedeutung. Immerhin - geben Sie den Appel her! Ich bin keen Kostveraechter!" "Essen Sie ruhig - wenn er auch sauer sein sollte. Der Baum ist gut!" sagte der Baron und biss selbst gierig in seinen Apfel hinein. Den Mund voll, nickten sie einander zu und gingen so ein jeder in seinen Fluegel des gemeinsamen Baues hinein - Bluecher lang, schlank und ruestig ausschreitend -, Stein vierschroetig, breit und behaebig segelnd wie ein weitbauchiger, vollbeladener Koff, dem keine Sturzwelle das Gleichgewicht nehmen kann, der nicht stampft und schlingert oder zickzack kreuzt, sondern, ohne auch nur einen Zoll auszubiegen, gerade auf das Ziel zusteuert und wenn er darum auf Grund setzen muesste. "Ein verfluchter Querkopf", brummte Bluecher, an dem freiherrlichen Apfel kauend. "Ein kreuzverdammter, eigensinniger Dickschaedel! Hol' ihn der Teufel! Aber ein ganzer Kerl! Der taete uns bitter not, da oben, in der Konfusionsbude! Aber von der Armee soll er mir die Finger gefaelligst lassen! Ja, _wenn der Kerl nur nicht recht haette_! Aber so! Und so'n Zivilist! Das geht nicht! Das geht im Leben nicht! Da muessen wir sehen, ihm beizeiten das Wasser abzugraben!" Und schmunzelnd, als plante er wieder einen rechten Husarenstreich, riss er die Tuer seines Dienstzimmers auf und stuermte hinein. "Schumann!" rief er sein Faktotum mit Donnerstimme. "Schumann, alte Schreiberseele, bring' mir Tinte und Papier! Heute sollst du deine Freude an mir haben! Heute sollst du etwas erleben! Nee - keene Briefbogen - Kanzleipapier! Jawoll! Oogen machste?! Schneid' mir den Gaensekiel zurecht und glotz' nicht! Weh, wenn er kratzt oder gar spritzt! So! Her mit dem Mordinstrument! Kehrt! Marsch! Himmeldonnerwetter, Kerl! Feixt der auch noch?! Raus!" Und der alte Wachtmeister Schumann, der sonst die ganze verpoente Schreibarbeit allein besorgen musste, eilte still in sich hineinlachend hinaus, nachdem er dem General alles Verlangte zurechtgelegt hatte. Bluecher nahm den Federkiel, kratzte sich bedaechtig damit hinters Ohr, stiess ihn ins Tintenfass, rueckte einen Bogen Papier zurecht, setzte an und ritzte in seiner scharfen, eckigen Handschrift Zeile um Zeile nieder. Zuerst, wie sich's gebuehrt, den Titel: "Gedanken ueber Formulierung einer deutschen Nationalarmee." "_Die_ Gedanken habe ich zu haben und die anderen Offiziers auch!" brummte er im Schreiben. "Aber so'n Quasselkopp von einem Diplomatiker! So'n Satanskerl! Wie kann er nur auf den rebellischen Gedanken kommen, da mitplaerren zu wollen? So'n Kerl, der nicht einmal in sein eigenes System hineinpasst! - So'n Reichsfreiherr, der keinem untertan war und keinen Herrn hatte! Der und Rebellion! Und gar eine unblutige! Ich werde ihm schon zeigen, wie das gemacht wird!" In kurzen, knappen Saetzen und in der merkwuerdigsten Orthographie von der Welt legte er dann seine Anschauung nieder, wie er sich die allgemeine Wehrpflicht dachte, verlangte eine kuerzere Dienstzeit, groessere Loehnung, bessere Behandlung der Soldaten - - "Mir wird ganz fade im Hals von all dem ekelhaften Geschleime!" brummte er dabei, als er bei der "besseren Behandlung" anlangte, rauchte dabei wie ein Schornstein, spuckte, fluchte, kratzte sich den Kopf und stampfte auf den Boden. "Wie 'ne Fastnachtspredigt schaut's aus! Verdamm' mich, sobald einer mit Tinte schreibt, statt mit Blut, wie's sein soll - da ist's aus - da - hol' mich der Teufel - ich glaube, da waechst mir schon der Heiligenschein zum Kopfe 'raus!" Er flog auf und packte seinen Kopf mit beiden Haenden. "Ich reisse dich noch los und fange mit dir das Kegelschieben an! Ich werfe noch 'alle neune' mit dir, schmeisse dich dem Koenig mitten in die Visage, dass er umfaellt und det ganze Bataillon mit - det ganze Bataillon! Aber Schreiben - dazu bringst du mich nicht nochmals, oller Doeskopp!" Er lachte laut auf - rief schleunigst seinen getreuen Wachtmeister Schumann wieder herbei, drueckte ihn auf den Stuhl und steckte ihm den Gaensekiel in die Hand. "So," sagte er, "mach' du das Gekritzel fertig, mein Sohn! Aber aufgepasst, dass du mir kein X fuer ein U machst! Det besorge ick alleene! Vorwaerts!" Und mit grossen Schritten ging er auf und ab und diktierte, und Schumann bemuehte sich nach Kraeften, gleichen Schritt mit ihm zu halten beim Sturm auf den alten Schlendrian. 9 JENA Es war bei der Auffuehrung von Wallensteins Lager im Koeniglichen Theater zu Berlin. Auf der Buehne stimmte der Kuerassier sein Lied an: "Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd! Ins Feld, in die Freiheit gezogen! Im Felde, da ist der Mann noch was wert, da wird das Herz noch gewogen! Da tritt kein anderer fuer ihn ein! Auf sich selber steht er da ganz allein!" So sang er, und die umstehenden Kameraden stimmten mit vorschriftsmaessiger Begeisterung ein! Gegen Sitte und Brauch liessen sich aber auch aus dem hintersten Parkett etliche ruestige Maennerstimmen hoeren, die mit Nachdruck und Ueberzeugung den Kehrreim ueber die Koepfe der ahnungslosen Zuschauer herausbruellten. Es waren Leute vom Unterbefehl des Kuerassierregiments Gensd'armes, dessen Offiziere heute aussergewoehnlich zahlreich anwesend waren und Logen und Raenge fuellten. Sie wurden Feuer und Flamme bei den frischen Soldatenszenen des beliebten Schillerschen Stueckes, beneideten die Musketiere, Jaeger und Kuerassiere auf der Buehne und lebten in Gedanken das lustige Lagerleben mit, das so grell vom heutigen Kasernengetriebe abstach. Sie sangen mit und machten ihrem Herzen Luft. Das Publikum horchte auf. Kein Ton des Missfallens wurde laut, und das gab den noch Zaghaften unter den Marssoehnen Mut. Beim naechsten Vers stimmte schon das ganze hintere Parkett in den Kehrreim ein: "Der dem Tod ins Angesicht schauen kann, der Soldat allein ist der freie Mann!" So sangen sie mit, dass es im Hause droehnte. Und die eleganten Damen in den Logen und Raengen blickten zu den jungen Offizieren hinueber, ihre Augen gluehten, ihr Atem ging schneller; hin und her wogte es warm von Sinn zu Sinn! Und als der dritte Vers stieg, da schlossen sie die Augen und sogen begierig durch halboffene Lippen den Odem ein, der heiss ueber sie hinbrauste, als ueberall im Theater die jungen Krieger einstimmten und das Lied laut in den Saal hinausschmetterten: "Der Reiter und sein geschwindes Ross, sie sind gefuerchtete Gaeste. Es flimmern die Lampen im Hochzeitsschloss, ungeladen kommt er zum Feste. Er wirbt nicht lange, er zeigt nicht Gold, im Sturm erringt er den Minnesold!" Als aber auf der Buehne die Soldaten sich die Haende gaben, einen grossen Kreis bildeten und gemeinsam die Schlussstrophe anstimmten, in die das Lied wie in einem grossen erhebenden Aufschrei ausklingt, da hielt nichts mehr das angefeuerte Publikum zurueck. Die Aufregung, in der man gelebt hatte, seit der letzte Uebergriff der Franzosen bekannt geworden war - die Entruestung ueber sein freches Unterfangen, preussische Gebiete zu besetzen und seine eigenen, vertraglich festgelegten Zugestaendnisse an Preussen zu ignorieren -, der ganze beleidigte Nationalstolz, der auf einmal erwacht war, musste Luft haben, musste sich ausschreien und austoben, irgendwo und irgendwie! Und da war das Schillersche Soldatenstueck mit seinem frisch pulsierenden Blut und seinem heissen, vorwaertsstuermenden Atem wie geschaffen dazu, die Kinder des kuehlen Nordens in rauschende Begeisterung zu versetzen. Im Taumel der Gefuehle erhob sich das ganze Haus von den Plaetzen, die jungen Offiziere eilten an die Bruestung, zueckten die Schwerter, liessen die Klingen im Takt mit dem Gesang aufeinanderschlagen und sangen mit, von dem uebrigen Publikum durch Zurufe und Winke mit den Tuechern angefeuert. "Drum frisch, Kameraden, den Rappen gezaeunt, die Brust im Gefechte gelueftet! Die Jugend brauset, das Leben schaeumt! Frisch auf! Eh der Geist noch verdueftet. Und setzt ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein!" "Und setzt ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein!" So sang das ganze Haus mit, und der Vorhang fiel und erhob sich immer wieder vor nie enden wollenden Beifallsstuermen. Das Tuecherschwenken und Winken galt aber den Soldaten draussen im Theater noch mehr, als denen auf der Buehne. Und als ein junger Offizier an die Bruestung trat und den Koenig hochleben liess, da stimmte alles begeistert ein, und es dauerte geraume Zeit, ehe sich das Haus leerte. Vor dem Theater aber staute sich die Masse der draussen Wartenden mit dem durch die vielen Ausgaenge herausstroemenden Publikum zu einem undurchdringlichen Knaeuel, in dessen Mitte sich allmaehlich die Offiziere als fester Kern zusammenfanden. Ein junger Brausekopf sprang auf die Freitreppe hinauf und hielt eine feurige Rede, in der er in derber Soldatenweise dartat, wie sehr es an der Zeit waere, dass die Jugend jetzt das Heft in die Hand naehme und gutmachte, was das Alter aus Bequemlichkeit und Zaghaftigkeit gesuendigt haette! Endlich wollte man den Franzosen zeigen, dass Preussen noch da sei und in der Welt mitzureden habe! Mit dem feigen Zurueckweichen vor welscher Anmassung habe es jetzt sein Bewenden! Das Schwert muesse jetzt gutmachen, was die Feder unfaehiger Staatsmaenner gesuendigt! Die Tage der Schmach haetten jetzt ein Ende, und ein Hundsfott waere, wer sich da noch feige um die Pflicht herumdruecke, Leben und Blut fuer die beleidigte Nationalehre einzusetzen, oder wer gar noch daran daechte, den Franzosen die Hand zur Versoehnung zu bieten! - "Nieder mit den Franzosen!" schrien sie alle. "Nach der Botschaft! Nach der franzoesischen Botschaft!" Wie von einem Gedanken getrieben, stuerzten sie vorwaerts, lehnten sich mit unwiderstehlicher Gewalt eine Gasse durch die angesammelte Menschenmenge und eilten, die gezueckten Waffen ueber den Koepfen schwingend, auf das Haus der franzoesischen Botschaft zu. Und hinter ihnen her waelzte sich eine tausendkoepfige Masse, schreiend, tobend, jauchzend, johlend und alles was lebte und ihr in den Weg kam, vor sich herfegend. Das Haus der Botschaft lag in tiefem Dunkel. Als die schreiende Menge, die jungen Offiziere mit den blitzenden Waffen voran, auf das Haus zustuermte und den ganzen Platz davor fuellte - da huschten rasch ein paar Schatten auf den Balkon hinaus und bogen sich ueber das Gelaender, blickten herab und zogen sich dann schnell zurueck. Kein Schlag gegen das Haustor droehnte, kein Zeichen von Gewalt war zu bemerken. Einzig ein schneidendes, kreischendes Geraeusch, wie wenn Hunderte von Schleifsteinen gleichzeitig gegen harten Stahl gestrichen werden, war alles, was die oben atemlos Lauschenden von unten vernahmen, und dann die Stille, in die das wueste Laermen allmaehlich ueberging. Wieder huschten sie vor und blickten hinunter. Da an der Treppe knieten die jungen Offiziere Mann an Mann und wetzten ihre Saebel an den steinernen Stufen vom Hause Frankreichs. Als sie fertig waren, sprangen sie auf, schwangen wieder einmal drohend ihre Waffen gegen die franzoesische Fahne da oben am Mast und riefen wie aus einem Munde: "Hie Preussen allewege! Tod den Franzosen!" Und jubelnd stimmte die tausendkoepfige Menge in den Ruf ein: "Tod den Franzosen!" Niemand antwortete von den oben Harrenden! Aber die dreifarbige Fahne flatterte stolz und breitete und blaehte sich im Winde. * Koenig Friedrich Wilhelm III., lang, robust und soldatisch steif, ging mit ungelenken Bewegungen in seinem Arbeitszimmer auf und ab. Er schien aergerlich ueber irgendeine Begebenheit, von der er ueberrascht worden war, und die ihn jaeh vor die Notwendigkeit stellte, einen Entschluss zu fassen. Am liebsten ueberliess er das seinen Ministern, weniger aus Bequemlichkeit, als aus uebergrosser Bescheidenheit und einer jugendlichen Befangenheit, die ihn, trotz seiner siebenunddreissig Jahre, noch beherrschte. Jetzt aber galt es, durch einen persoenlichen Akt die Wuerde seiner Stellung zu wahren und mit einer Kundgebung seines Willens dem Geist der Beunruhigung entgegenzutreten, den die jungen Offiziere durch ihre disziplinwidrige Kundgebung entfesselt hatten! Die Revolte gegen die koenigliche Autoritaet - denn nur so fasste sie der Koenig auf - musste schnell im Keime erstickt werden, ehe sie von Berlin auf das uebrige Land uebergreifen konnte! Den Kopf steifnackig in den hohen, goldgestickten Kragen zurueckgedrueckt - das reiche blonde Haar aus der Stirn nach der Seite gestrichen - die vollen Lippen vom kurzen Schnurrbart maessig beschattet - die Wangen vom Backenbart eng umrahmt - die Augen trueb melancholisch blickend, so schritt er bedaechtig einmal durchs Zimmer und dann noch einmal - blieb vor dem Arbeitstisch stehen und blickte zum Kabinettsrat Beyme hinueber, der mit devoter Haltung, in gemessener Entfernung vom allerhoechsten Schreibtisch, das Resultat der koeniglichen Erwaegungen abwartete. Ein Zucken durchfuhr die kleine dicke Gestalt, als er die Augen des Koenigs auf sich gerichtet fand. Beflissen streckte er den Kopf vor, nahm die Hacken zusammen, dass seine krummen Beine ein erstauntes O bildeten; seine kohlschwarzen Augen quollen achtunggebend aus ihren Hoehlen hervor, bereit, dem gnaedigen Herrn und Gebieter jeden Wunsch vom Gesichte abzulesen und ihn so der Muehe zu ueberheben, ihm Worte zu verleihen. Der Koenig sah es, liess die Finger seiner Rechten einen zaghaften Appell auf der Tischdecke trommeln, blickte dann steif vor sich hin, ohne Beyme anzusehen, und sagte mit sichtbarer Muehe: "Junge Offiziers massregeln! Beispiel statuieren! Widersetzlichkeit ausrotten! Haben Befehle gegeben! Er, Beyme, hat fuer strikte Durchfuehrung und fuer Beruhigung der Stadt zu sorgen!" Der Kabinettsrat verbeugte sich schweigend. Der Koenig wartete, um irgendein Wort der Entgegnung von seinem Getreuen zu hoeren, nahm dann ein bereitliegendes Dokument vom Tisch und reichte es ihm, sichtlich dadurch belaestigt, allein reden zu muessen. "Lesen!" befahl er. Schnell wie ein Wiesel eilte der Kabinettsrat auf seinen krummen Beinen vor, nahm mit tiefer Verbeugung das Papier entgegen, hielt es dicht ans Gesicht und rollte mit seinen Blicken geschwind die Tintenspuren bis zu den Unterschriften ab. Dort blieben sie haengen, unter emporgezogenen Brauen, waehrend die Lippen sich muehten, den erstaunten Kreis der Beine nachzubilden. "Nun?" fragte der Koenig ungeduldig, endlich eine andere Stimme zu hoeren. Beyme liess das Dokument bis zur Hoehe seines Bauches sinken, zuckte fast unmerklich mit den Schultern, wiegte den Kopf einmal nach rechts, dann einmal nach links, tat die Lippen auf - schloss sie aber wieder, senkte die Blicke und blieb stumm stehen, mit der Miene der verkannten Unschuld. "Man verlangt von Uns seine Entlassung, Beyme!" sagte der Koenig ungeduldig, da er immer noch keine Antwort bekam. Beyme blickte auf mit einem ruehrenden Augenaufschlag, seufzte aus der Tiefe eines gekraenkten Herzens und senkte die Blicke wieder, so alleruntertaenigst andeutend, dass er sich in das Unabwendbare finden wuerde, wenn's sein muesste. Aber er erwiderte keine Silbe. "Den Kabinettsrat Lombard sollen Wir auch fortschicken - Unseren Minister Haugwitz auch! Sage Er doch seine Meinung!" "Majestaet!" sagte der Angeredete mit einem gequaelten Seufzer. "Dero alleruntertaenigstem Knecht wuerde es wenig ziemen, irgendeine Meinung ueber ein Dokument zu verlautbaren, unter dem die erlauchten Namen fuenfer Prinzen des koeniglichen Hauses stehen - der beiden Prinzen Brueder, des Prinzen Oranien Hoheit sowie der Prinzen Louis Ferdinand und August!" "Da stehen auch andere Namen!" "Namen von Maennern, die sich des allerhoechsten Vertrauens erfreuen duerfen, als welche die Generaele Ruechel und Pfuhl wohl zu bezeichnen sind, und auch seine Exzellenz der Finanzminister Freiherr vom Stein -" "Seine Unterschrift ist Uns allein hier massgebend", sagte der Koenig langsam. "Die Prinzen und die Generaele sind nichts als Mitlaeufer. So meint Er doch auch?" Beyme hob das Dokument wieder zur Hoehe seiner Augen und rollte es noch einmal rasch mit den Blicken ab. "Wenn ich meine Ansicht alleruntertaenigst vorbringen darf, so zeigt das Schriftstueck allerdings den Minister von Stein als Urheber an. Ganz seine Art, gerade und ohne Umschweife auf die Sache loszusteuern, ganz seine Verachtung einer jeglichen hoefischen Form! - Auch Seine Koenigliche Hoheit, der Prinz Louis Ferdinand, wuerde wohl nicht ermangeln, seine Geringschaetzung fuer das Althergebrachte darzutun - jedoch mit mehr Eleganz und nicht ganz so unverhohlen und schroff." "Dass der Freiherr vom Stein das Schriftstueck abgefasst hat, daran zweifeln Wir nicht und halten es auch fuer sehr wahrscheinlich, dass er es geradezu veranlasst hat", sagte der Koenig langsam. "Das ist aber nichts denn Meuterei!" rief er dann ploetzlich mit erhobener Stimme und schlug so heftig auf den Tisch, dass der kleine Kabinettsrat zitternd zurueckwich. In gemessener Ferne blieb er stehen und starrte erschreckt, aber mit unverhohlener Neugier, seinen Herrn und Gebieter an, der unbeweglich vor dem Schreibtisch stand und wieder truebe ins Leere blickte. "Haben den Baron hierherbefohlen, um Uns Rede zu stehen!" sagte der Koenig schliesslich und zeigte auf die Tuer. Der Kabinettsrat eilte zur Tuer und winkte hinaus. Ein Adjutant erschien und machte die Meldung. Seine Exzellenz, der Minister Freiherr vom Stein waere zur befohlenen Audienz erschienen. "Vorlassen!" beschied ihn der Koenig und wandte sich zum Kabinettsrat, der inzwischen das Dokument auf den Schreibtisch zurueckgelegt hatte. "In der Naehe bleiben!" befahl er diesem kurz und reichte ihm einen Brief. "Brief des Generalleutnants von Bluecher! Lesen! Antwort entwerfen!" Beyme nahm den Brief, verbeugte sich ehrerbietigst und zog sich mit seinem Portefeuille in ein Nebenzimmer zurueck. Der Koenig ging langsam durchs Zimmer, stellte sich mit dem Ruecken gegen den Kamin, blieb dort in soldatischer Haltung stehen, die Haende gerade an den Seiten haengend, den Blick auf die Tuer des Audienzzimmers gerichtet. Die Tuer oeffnete sich und die breite, gedrungene Gestalt Steins erschien auf der Schwelle. Mit einer kaum merkbaren Bewegung des Kopfes beantwortete der Koenig den ehrerbietigen Gruss des Freiherrn. Eine kurze Handbewegung deutete auf das auf dem Schreibtisch liegende Dokument. "Haben gelesen!" sagte er muerrisch. "Er hat sich Freiheiten genommen. Er ist Unser Minister fuer Zoll-, Manufaktur- und Kommerzwesen, Unser Praezeptor aber nicht. Wer Uns zu dienen hat, entscheiden Wir. Unsere Brueder und Vettern haben da nicht mitzureden. Unsere Minister und Generaele noch weniger! Es sei denn, dass Wir sie um ihre Ansicht gebeten haben!" "Majestaet wollen gnaedigst gestatten -", fing der Freiherr an. "Aufruehrerische Gesinnung und meuterisches Gebaren dulden Wir nicht. Er ist an der ganzen Sache schuld. Er hat das geschrieben! - Er hat die Prinzen und Generaele veranlasst, ihre Namen darunterzusetzen. Gestehe Er!" "Das Memorandum habe ich nicht geschrieben. Ich komme aber fuer jedes Wort darin auf, als haette ich es getan!" sagte Stein bestimmt. "Es enthaelt nichts, was nicht durch vorherige Besprechung mit den Unterzeichnern vereinbart wurde. Die darin zum Ausdruck gelangten Ansichten geben nur die Befuerchtungen wieder, die jeden vaterlaendisch gesinnten Mann heute bewegen: dass die Politik der Kabinettsraete und vor allem des Grafen Haugwitz uns an den Rand des Abgrunds bringt, wenn nicht schleunigst Abstand davon genommen wird." "Die Kabinettsraete fuehren nur Unseren Willen aus! Haugwitz hat grosse Verdienste um die Krone und hat ueberdies viele Geschicklichkeit bewiesen. Dass er Neider hat, wissen Wir. Es wird denen nicht gelingen, Unser Vertrauen zu ihm wankend zu machen. Was hat Er gegen den Grafen? Sage Er offen seine Meinung!" "In der Tat", sagte Stein und richtete sich auf, so weit es seine kurze Gestalt erlaubte. "Ich wuerde schlecht mein Amt als Berater der Krone versehen, wenn ich die Frage nicht offen beantwortete! Der Graf Haugwitz verdient in keinem Falle das grosse in ihn gesetzte allerhoechste Vertrauen. Er treibt hinter dem Ruecken Eurer Majestaet seine eigene Politik, fuer die die Krone nachher die Verantwortung tragen muss. Eurer Majestaet bestimmten Befehl an ihn, sofort dem Kaiser der Franzosen Allerhoechstdero Kriegserklaerung zu ueberbringen, fuehrte er nicht aus, zoegerte erst drei Wochen, ehe er ins franzoesische Hauptquartier fuhr, und brachte uns dann statt des Krieges den Buendnisvertrag mit Napoleon zurueck!" "Zwischen seine Ausreise und seine Heimreise fiel die Niederlage unserer Verbuendeten bei Austerlitz!" "Oesterreich und Russland hatten sich wohl eben nichts Erspriessliches vom Buendnis mit uns erwarten koennen. Sonst haetten sie lieber auf uns gewartet, als zu frueh loszuschlagen und sich die Niederlage zu holen! Haugwitzens feige, unentschlossene Neutralitaetspolitik hat die Krone Preussens so allmaehlich um alles Ansehen bei den anderen Maechten gebracht und hat das Land nach allen Seiten isoliert. Man traut uns nicht, weder Freund noch Feind. Und so muessen wir jetzt, wo wir um unserer Ehre willen das Schwert ziehen, allein und ohne Freunde und Bundesgenossen dastehen. Wir werden einer sicheren Niederlage entgegengehen, wenn nicht Eure Majestaet schleunigst Leute wie Haugwitz, deren Saumseligkeit und Ungeschicklichkeit alles Unheil verschuldet hat, von der Leitung entfernen." "Meine Armee wird ihm die gebuehrende Antwort darauf geben!" "Ich befuerchte nein. Denn wie sind wir fuer den Kampf geruestet? Ohne Geld, mit veralteten Gewehren und mit Waffenfabriken, die nicht den zehnten Teil vom Bedarf leisten. Wir haben es versaeumt, uns beizeiten aus England und Oesterreich neue Gewehre zu kaufen. Unser Heer mit allen seinen Vorzuegen besteht zum groessten Teil aus Veteranen, die durch lange Beurlaubung dem Kriegsdienst entfremdet wurden. Es wird von Greisen gefuehrt, die bei aller Ruestigkeit doch nicht ueber die Erfordernisse des Paradeplatzes hinaus etwas verstehen. Wie wir damit den kriegsgewohnten Truppen Frankreichs standhalten wollen, ist unerfindlich. Was geschehen muss, muss also schnell geschehen. Deshalb haben wir uns entschlossen, Eure Majestaet um eine Entscheidung zu bitten, die Allerhoechstdieselbe doch frueher oder spaeter treffen muessen. Wir bitten also um Entlassung des Grafen Haugwitz, wir verlangen die Entfernung der Kabinettsraete Lombard und Beyme, die sich zwischen die Krone und ihre Berater gedraengt haben und die nur verhindern, dass Eure Majestaet von der wahren Sachlage der Geschaefte gebuehrend unterrichtet werden!" "Wenn Er, mein Herr Minister, die Unentbehrlichkeit der Kabinettsraete dartun wollte, Er haette es nicht besser tun koennen als durch das, was Er soeben vorbrachte. Fuerwahr, es wird Uns schwer, ein ruhiges Urteil zu gewinnen, wenn Uns in solch ungebuehrlicher Weise, wie jetzt von Ihm, Wuensche, Bitten und Vorschlaege vorgebracht werden. Allein zu dem Zweck tut es not, treue Diener zu haben, die es verstehen, Uns in geziemender Weise zu nahen. So muessen Wir es ablehnen, Ihm irgendwie auf seine Vorstellungen etwas zu erwidern. Wir verweisen Ihn auf seinen Platz, Wir verbitten Uns jede unaufgeforderte Einmischung seinerseits in die Rechte der Krone, die Wir allein wahrzunehmen haben und auch wahrnehmen werden, ob es unseren Untertanen in den Kram passt oder nicht. Er hat sich zu fuegen und Uns zu vertrauen. Weder Unsere Minister noch Unsere Offiziere haben sich um Unsere Entschliessungen zu kuemmern. Und wagen sie's, offen dagegen zu revoltieren und gar, wie es zu Unserer Betruebnis vorgekommen ist, auf offener Strasse dagegen zu demonstrieren, so werden Wir es verstehen, Unsere Autoritaet zu wahren!" "Wollen Eure Majestaet in Gnaden verstatten? Das, was die jungen Offiziere sich erlaubt haben, das mag ungewoehnlich sein, eine Revolte ist es aber nie und nimmer gewesen, auch in keiner Weise ein Versuch, gegen des Koenigs Majestaet irgendwie aufzubegehren. Dem Feind allein galt jene Kundgebung. Sie erfolgte spontan und aus dem unwiderstehlichen Beduerfnis, die Ehre des Landes zu wahren!" "Die Ehre des Landes wahrt der Koenig!" "Der Koenig _und das Volk_. So muss es sein. So wird es kommen. Und dass _die_ Erkenntnis zuerst hier in Eurer Majestaet Hauptstadt zum erhebenden Ausdruck kam, dazu ist Eure Majestaet zu beglueckwuenschen. Ich flehe zum Himmel, dass sich dieses Erwachen des Volkes nicht nur auf Berlin beschraenken moechte. An jene Kundgebung muessen Eure Majestaet anknuepfen, von da aus alles umgestalten, dann sind wir unwiderstehlich, dann kann uns nichts mehr etwas anhaben. Wie war es aber bis jetzt. Ich habe mich geschaemt, als die Franzosen Hannover ueberfielen und das hannoversche Volk den Aufruf zur Rettung des Vaterlandes sich um die Fahnen zu scharen damit beantwortete, dass es alle waffenfaehige Jugend ausser Landes schickte. Und ueberdies der eigenen Armee den Unterhalt verweigerte, wenn sie nicht schleunigst Kanonen und Ausruestung dem Feind ueberlieferte, damit der Krieg nur aufhoere. Waren das Deutsche, die so handelten? Ich habe mir immer wieder die Frage vorgelegt - und immer wieder antworten muessen - _ja, es waren Deutsche_ - aber _deutsche Knechte_, denen jedes Gefuehl der Teilnahme fuer das Geschick des Vaterlandes abhanden gekommen ist, und die ihre Knechtschaft verdienen, wenn sie nicht lernen, sich selbst zu befreien! Deshalb habe ich gestern, im Theater, laut mitgejubelt und mitgesungen, als das grosse, heilige Gefuehl, fuer die Ehre des Landes das Letzte herzugeben, so hell und klar aufloderte. Denn ich war dabei, und werde immer dabei sein, wo es gilt! Keinesfalls aber gebe ich mich dazu her, eine Politik der Knechtung des Volkes und der Kriecherei vor den Franzosen, wie sie Haugwitz und Lombard wollen, mitzumachen. Noch weniger lasse ich mir den Mund verbieten, wenn ich Maengel und Schaeden im Staate sehe und die Pflicht und das Amt habe, nach bestem Gewissen zur Besserung beizutragen. Wird das ungnaedig aufgenommen und gar als Ungebuehr geruegt, so bleibt mir nichts, als entweder volles Vertrauen zu verlangen oder um meinen Abschied zu bitten!" Der Koenig hatte schweigend, ohne sich vom Kamin zu bewegen und ohne eine Miene zu verziehen, der Rede Steins zugehoert. Er mochte nicht zeigen, wie sehr die eindringliche Art des Freiherrn auf ihn gewirkt hatte, mochte auch nicht das, was er als Ungebuehr bezeichnen musste, dadurch sanktionieren, dass er irgendwie auf dessen Ausfuehrungen einging. Er ging langsam und steif einmal durchs Zimmer, kehrte dann zum Kamin zurueck und sagte, ohne Stein anzusehen und ohne die Stimme irgendwie zu erhoehen oder im geringsten von seiner gemessenen Art zu sprechen abzuweichen: "Werden Ihm Unsere Entscheidung bezueglich seines Abschiedsgesuchs zukommen lassen!" Eine kurze Handbewegung, und die Audienz war beendet. Der Freiherr verbeugte sich steif und nicht mehr als noetig, machte kehrt und ging. "Beyme!" rief der Koenig, und der kleine Kabinettsrat kugelte aus dem Nebenzimmer herein, den Brief Bluechers und das Antwortschreiben in der Hand. "Hergeben!" sagte der Koenig und setzte sich an den Schreibtisch. Er liess sich den Antwortsentwurf von Beyme vortragen, nahm dann, ohne ein Wort des Beifalls oder Missfallens zu aeussern, Bluechers Brief vom Schreibtisch und las ihn, noch einmal pruefend, durch. Der General schrieb unter anderem: "aufgefordert durch die taeglich immer bedenklichere Lage und gefaehrlicher werdenden Schritte, welche Frankreich sich in militaerischer Ruecksicht hier gegen Eurer Koenigl. Majestaet Grenzen erlaubt, muss ich endlich mein Herz zu Fuessen des Koenigs, meines Herrn, ausschuetten; muss ich als treuer und grau gewordener Diener von Hoechstdero erhabenem Hause meine Ansichten unserer Lage Frankreich gegenueber zum ersten und zum letzten Male Euer Majestaet zu Fuessen legen. - - - - - Frankreich meint es mit keiner Puissance redlich und gut, am allerwenigsten mit Euer Koenigl. Majestaet, als der einzigen Macht, die seinem Eroberungs- und Unterjochungssystem in Deutschland noch allein im Wege steht. Es verbirgt sogar seine Ansicht nicht; denn wenngleich es mitunter suesse Vorspiegelungen macht, so widersprechen alle seine Handlungen gegen Eure Majestaet diesen geradezu. Die Invasion von Hannover, der letzte gewaltsame Durchmarsch durchs Ansbachsche, und die raeuberische Besetzung von Essen und Werden, sowie der ganze arrogante Ton, den der franzoesische Monarch sich erlaubt, beweisen Euer Koenigl. Majestaet mehr als genug, was ich zuvor gesagt habe. Alle treuen Untertanen Eurer Koenigl. Majestaet, alle echten Preussen, und die Armee besonders, haben das Herabwuerdigende dieser franzoesischen Demarchen tief empfunden, und fuehlen es noch, und alles wuenscht die gekraenkte Nationalehre bald - recht bald - blutig zu raechen. Wer das Betragen Euer Koeniglichen Majestaet aus einem anderen Gesichtspunkt darstellt - -" Der Koenig sah bei diesem Passus vom Briefe auf und blickte Beyme lange an. Dann las er weiter: "- - wer Eurer Koeniglichen Majestaet zu fortwaehrendem Nachgeben, zum Frieden mit dieser Nation raet, der ist entweder sehr, sehr gutmuetig, sehr kurzsichtig, oder er ist mit franzoesischem Golde gekauft -" Hier unterbrach der Koenig das Lesen und warf den Brief auf den Tisch. Er nahm dann das Antwortschreiben Beymes aus dessen Haenden entgegen, zerriss es, ohne es zu lesen, langsam und bedaechtig, zum Entsetzen des Kabinettsrats und liess die Fetzen in den Papierkorb fallen. "Wollen dem verdienten General nicht seine soldatische Offenheit strafen! Wollen aber auch ihm keine unerbetene Einmischung verstatten - ziehen es vor, ihn ohne Antwort zu lassen." Beyme verbeugte sich schweigend. "Hoerte Er vorhin, was der Freiherr vom Stein Uns zu erzaehlen wusste?" "Der Baron war sehr laut - -" "Er hat Uns seinen Abschied nahegelegt!" Der Koenig blickte Beyme fragend an. Und dieser glaubte aus der veraenderten Absicht des Koenigs dem General Bluecher gegenueber schliessen zu duerfen, dass er doch nicht mehr so unempfindlich gegen die Vorstellungen Steins war, wie vorhin. Er fand es also klueger, einzulenken und demnach zu raten. "Der Freiherr verdient zweifelsohne eine Massregelung ob seines dreisten Tones", sagte er zoegernd. "Er hat aber im Amte viel Eifer und Tuechtigkeit bewiesen. Will er jetzt zuruecktreten, so tut er es nur, um sich der Verantwortung zu entziehen - wenn das Unglueck, das er prophezeit, wirklich eintreten sollte! Und da verdient er eben seinen Abschied _nicht_ zu bekommen!" Der Koenig merkte wohl, worauf sein lieber Beyme hinauswollte, sagte aber nichts, sondern blieb sitzen wie vorhin und blickte geradeaus. Ein Minister, der mit seinem Ruecktritt drohte - das war ihm neu! Sonst pflegten diese Herren an ihren Aemtern zu kleben. Neun Zehntel ihres Strebens ging darauf aus, sich die Gunst zu erhalten. Sie waren fleissig, enthielten sich eines jeden Widerspruchs, machten ihre Dummheiten mit groesster Diskretion, glatt, delikat unter Wahrung der Form, blieben trotz etwaiger Fusstritte auf ihrem Platz, massten sich keine Verantwortung zu, die ihnen nicht zukam, und belaestigten niemals mit Ansichten und unerbetenen Ratschlaegen! Und nun dieser Stein! Ein ausgezeichneter Verwaltungsbeamter, ein fleissiger Arbeiter, aber schroff, steifnackig, eigenwillig, geradeheraus und herrisch! Er stellte gar Bedingungen! Entweder du tust meinen Willen oder ich gehe! Das ginge nicht! Das duerfte nicht sein! Er sollte bleiben! Er muesse sich aber ducken, muesse sich an die Trense gewoehnen. Nachher liesse sich schon gut mit ihm fahren! Der Koenig blickte Beyme an, der noch in gespannter Aufmerksamkeit wartete. "Wollen Uns die Sache noch ueberlegen!" sagte er kurz. "Seinen Verweis hat der Freiherr! Die anderen werden ihrem Teil auch nicht entgehen! Er aber sorge dafuer, dass uns der Strassenpoebel mit aufruehrerischen Kundgebungen nicht noch einmal inkommodiere! Dulden Wir das, so steht das ganze Volk auf und will mitregieren!" "Gestatten, Majestaet - auf der Strasse gibt es immer Leute, die mitschreien, wo es zu schreien gibt. Sie sind nicht das Volk. Das Volk ist froh und zufrieden, eine weise Regierung zu haben, die ihm den Frieden sichert, damit es in Ruhe seinem Erwerb nachgehen kann. Die Neutralitaetspolitik von Euer Majestaet Regierung hat das bewirkt und einen noch nicht dagewesenen Wohlstand erzeugt. Man ist uebergluecklich und zittert nur vor dem einen: in den allgemeinen Kriegsstrudel hineingezogen zu werden. Man will den Krieg nicht -" "Aber man schreit auf den Strassen und sucht ihn zu provozieren. Ob Krieg oder Friede, haben Wir nach Unserem Ermessen zu entscheiden. Wir wollen den Krieg nicht. Das merke Er sich, Beyme. Er kann gehen!" Der Kabinettsrat verbeugte sich, so tief es seine kugelrunde Statur erlaubte, und ging. Der Koenig rief seinen Generaladjutanten und Kabinettsrat fuer militaerische Angelegenheiten, den Oberst von Kleist, und verfuegte kurz: "Den koeniglichen Prinzen ist zu befehlen, sich sofort zur Armee, zu ihren respektiven Truppenteilen zu verfuegen. Haben zuviel Freiheit gehabt, muessen sich wieder an Disziplin gewoehnen!" * Der korsische wilde Jaeger liess seine Meute los. In der Urheimat der alten Germanen, im Thueringer Wald, fing die Hetze an. Anfangs lauerte die Meute weit auseinander zerstreut in Sueddeutschland, von Passau und Memmingen, suedlich der Donau, ueber Ansbach und Wuerzburg bis Frankfurt am Main. Dann nahmen sie die Faehrte auf und stoeberten vorwaerts aus allen den verschiedenen Richtungen gegen den einen Punkt, wo Erzgebirge und Fichtelgebirge einerseits mit dem Thueringer Wald, andererseits in stumpfem Winkel zusammenstossen, sich wie eine schuetzende Barriere vor Norddeutschland legen und nur durch einige Paesse im Quellengebiet der Saale bequemen Durchlass gewaehren. Dort wollte der wilde Jaeger seine Meute vorbrechen lassen, sie auf dem rechten Saaleufer vorwaerts treiben und so die preussische Armee, die sich noerdlich vom Thueringer Wald aufgestellt hatte, ueberfluegeln und von ihren rueckwaertigen Verbindungen abschneiden. - Inzwischen tastete die preussische Armee zaghaft bald rechts, bald links um den Thueringer Wald herum, unsicher, ob sie den Feind abschneiden, ihm frontal entgegentreten oder, in der Defensive verharrend, ihn mit verwandter Front, in der Flankenstellung hinter der schuetzenden Saale erwarten sollte. Ihr Hauptquartier hatte sie in Erfurt. Erfurt, bis vor zwei Jahren eine stille Stadt in den Landen des Kurfuersten von Mainz und Grosskanzlers des jetzt zertruemmerten Heiligen Roemisch-Deutschen Reiches, bekam somit nachdruecklich zu wissen, dass es zum Range einer Hauptfestung des grossmaechtigen Koenigreichs Preussen erhoben worden war. Die Stadt schien in ein wahres Feldlager verwandelt zu sein. Tag und Nacht herrschte in den Strassen ein reges Treiben. Kanonen, Munitionswagen und Fahrzeuge aller Art rollten droehnend ueber das Pflaster, dass die Hauswaende zitterten und die Scheiben klirrten. Taktfeste Tritte von marschierenden Truppen, Pferdegetrampel, Trompetengeschmetter, Trommelschlag, Pfeifenklang, Schreien, Lachen, Schelten, Kommandoworte, Geraeusche aller Art schwirrten durch die Luft. In den Strassen und auf den Plaetzen draengten sich Neugierige jeden Standes und Alters, rannten sich die Rippen ein und zertraten sich fluchend die Huehneraugen. Stafetten und Kuriere aller Waffengattungen durcheilten mit Windesschnelle die Stadt in allen Richtungen. Uniformen der beruehmtesten preussischen Regimenter zeigten sich ueberall, auf dem Anger, im Karthaeusergarten und in den Laeden auf der "Kraemerbruecke". Zopf und Schnauzbart dominierten und wurden allseitig angestaunt. In den engen Strassen der Altstadt war ein Gedraenge und Getriebe wie seit Menschengedenken nicht. Und wackere Kriegerburschen pirschten die Gaesschen ums Augustinerkloster nach holder Weiblichkeit ab und blickten wohl auch nebenbei staunend zu den Klostermauern hinauf, hinter denen vor dreihundert Jahren der hochgelahrte Herr Dr. Martinus Lutherus selbst das Keuschheitsgeluebde abgelegt hatte, als er dorten als Moench eintrat. Saechsisch, Schlesisch, Rheinisch, Platt und unverfaelschtes "Balinsch" kaempften in babylonischer Verbiesterung um den Vorrang im Konzert. Bis endlich die Kanonen der Zitadelle Petersburg mit dem koeniglichen Salut einsetzten und die Glocken all der vielen Kirchen, vor allem die altberuehmte "Maria gloriosa" des Domes mit ehernen Stimmen die Majestaet des Koenigs von Preussen begruessten und so Preussen ueber alles zur Losung machten und als Sturmzentrum alles Geschehens proklamierten, von dem aus es deutsch nach allen deutschen Gauen, Widerhall heischend, schallen konnte. Am fuenften Oktober sollte beim Koenig Kriegsrat abgehalten werden. Kriegsrat, das heisst fuer gewoehnlich Bestaetigung und Vermehrung der Ratlosigkeit bei der Fuehrung. So war es auch hier in Erfurt. Da sollten ein Dutzend oder mehr Koepfe das Unmoegliche vollbringen, sich um einen Entschluss zu einigen, den der Oberbefehlshaber trotz seiner Machtvollkommenheit nicht allein zu fassen wagte, sei's aus Alters- oder Charakterschwaeche, aus hoefischen Ruecksichten oder um sich einer ihm laestigen Verantwortlichkeit zu entziehen. Tuechtigkeit und besondere Befaehigung allein sind leider nicht immer bei Besetzung eines Amtes an dieser Stelle massgebend. Es gibt hoefische Ruecksichten, die da mitreden, Ruecksichten auf Familie, Verwandtschaft, Dienstalter, Rang und Namen, die oft den weniger Geeigneten, zum Schaden der Sache, an fuehrende Stelle verhelfen und verhindern, dass die rechte Person auf den rechten Platz kommt. So kam es, dass der Herzog von Braunschweig, als aeltester Feldmarschall und beruehmtester Heerfuehrer Preussens, mit dem Oberbefehl betraut wurde. Seine siebzig Jahre waren kein Hindernis. Aber - auch der General Fuerst Hohenlohe-Ingelfingen hatte Ansprueche auf ein selbstaendiges Kommando, und man hatte geglaubt, ihm mindestens die Fuehrung einer Armee geben zu muessen. Man schuf also, statt einer einheitlichen, zwei Hauptarmeen, nominell mit dem Herzog von Braunschweig als gemeinsamen Oberbefehlshaber, aber doch voneinander ziemlich unabhaengig. Denn der Herzog, voll weltmaennischer Courtoisie, nahm jede Ruecksicht und liess dem Fuersten Hohenlohe seinen Kopf fuer sich. Dieser Kopf Hohenlohes hiess von Massenbach, Oberst und Generalquartiermeister-Leutnant bei seinem Armeekommando. Der Fuerst selbst war mehr zum Gehorchen als zum Befehlen veranlagt. Er gehorchte also dem, der ihm in geeignetster Weise befehlen konnte. Und da das nicht der Herzog war - gehorchte er also, wenn auch unbewusst, seinem Generalstabschef Massenbach. Dieser war ein Genie. Aber eins von jener Sorte, die besser als alle anderen wissen wollen, wie man reiten soll, aber selbst nicht reiten koennen. Er hatte Ideen - strahlende Ideen - tiefe Ideen - unfassbar geniale Ideen, die alles bisher Dagewesene in Schatten stellten. Er war von seiner Vollkommenheit ebenso fest ueberzeugt, wie von der gaenzlichen Bedeutungslosigkeit aller anderen Generalstaebler. Er war aus Schwaben, war apoplektisch, kahlkoepfig, hatte rosige, bluehende Wangen und redete wie ein Wasserfall. Wenn er seine kleinen, runden, braunen Augen aufsperrte, sein Auditorium fest anblickte und dabei ein Brillantfeuerwerk von gut gespitzten Argumenten und Widerlegungen in endlosen Wortschlangen ueber die nimmermueden Lippen herausliess, dann betaeubte er sein Auditorium - aber auch sich selbst, so dass er jeden auch noch so begruendeten Einwand ueberhoerte. Denn er ueberzeugte weder, noch liess er sich ueberzeugen. Er konnte nur sich selbst reden hoeren und behielt, seiner Meinung nach, deshalb stets das letzte Wort. Er hatte also recht, war masslos erstaunt und ungehalten, wenn man doch gegen seine Meinung zu handeln wagte, und tat alles, um es zu hintertreiben. Also ein unbequemer Untergebener, der an keine Stelle hinpasst wo es grosse Entschliessungen zu fassen galt, dem aber trotzdem ein viel zu weitgehender Einfluss eingeraeumt worden war. Beim Kriegsrat wurde das merkbar. Man zankte sich dort um die verschiedenen Offensivplaene der verschiedenen Armeeleitungen - obwohl der Herzog von Braunschweig, als Oberbefehlshaber, aus eigener Machtvollkommenheit den Angriffsplan entwerfen und, ohne Befragung anderer, ins Werk setzen konnte und musste. Seine Idee war von Anfang an: sofort mit zehn Divisionen in sechs Kolonnen den Thueringer Wald zu ueberschreiten, sich bei Meiningen und Hildburghausen zu vereinigen und von dort aus anzugreifen, eine Division im Bayreuthischen zu postieren, um die Paesse zu besetzen und zu verteidigen, und drei Divisionen rechts vom Thueringer Wald auf der Strasse nach Frankfurt vorgehen zu lassen, um dort das Korps Angereau festzuhalten. Waere dieser Plan sofort ohne Zaghaftigkeit als Ueberfall ausgefuehrt worden, dann haette man auch sicherlich mit ihm Erfolg gehabt. Auch wenn die Ueberrumpelung nicht gelang - wenn der Feind schneller sein wuerde und der Bewegung der preussischen Armee zuvorkaeme, dann vereinfachte dieser Plan doch die Verteidigung. Denn durch die konzentrierte Aufstellung bei Erfurt und Weimar war man imstande, dem Feind frontal entgegenzutreten, wenn er ueber den Thueringer Wald oder von der Frankfurter Strasse kaeme, und waere durch die Saale geschuetzt, wenn er durchs Bayreuthische gegen die deutsche linke Flanke vorginge. So haette man die Rueckzugslinie auf Magdeburg und Wittenberg gewahrt und unter allen Umstaenden die Elblinie und Berlin gedeckt. Der Befehlshaber der zweiten Hauptarmee, Fuerst Hohenlohe, hatte sich aber von seinem uebergenialen Generalstabschef Massenbach einen ganz anderen Plan auskluegeln lassen, ueberwaeltigend, versteht sich, aber verwirklicht, unklar und unpraktisch. In der Hauptsache ging der Plan darauf aus, eine Offensive auf dem rechten Saaleufer vorzunehmen unter gleichzeitiger Entsendung kleiner Detachements auf der Eisenacher Strasse und Patrouillen durch den Thueringer Wald. Unter gaenzlicher Umgehung des Oberbefehlshabers und hinter dessen Ruecken unterbreiteten Hohenlohe und Massenbach dem Koenig diesen Plan. Es gelang ihnen wohl nicht, dessen foermliche Annahme durchzusetzen. Aber sie stifteten durch ihre Vorstellungen und Mahnungen immerhin allerhand Verwirrung an, verursachten Zeitverlust, machten den ohnehin durch Alter geschwaechten Oberbefehlshaber unsicher - und verschafften so dem Gegner noch mehr Zeit, die er gut zu benutzen verstand. Als der Koenig dann bei der Armee ankam, griff der Herzog begierig die Gelegenheit auf, ihm die Verantwortung aufzubuerden, zog sich selbst auf die zweite Stelle zurueck und veranlasste Zusammenberufung eines Kriegsrates, der also den endgueltigen Entschluss fassen sollte, zu dem er allein nicht mehr die noetige Entschlossenheit hatte. Zum Kriegsrat waren erschienen, ausser dem alten, immer noch weltmaennisch eleganten Herzog von Braunschweig und dem Fuersten Hohenlohe, der achtzigjaehrige, stattliche und ungemein beruehmte Feldmarschall von Moellendorf, in jeder Beziehung dekorativ und eine Zierde jeder Versammlung, und der Kommandierende der dritten Armeegruppe, der kleine feurige Draufgaenger General von Ruechel, mit blitzenden Augen unter krausem weissen Haar, entschieden, polternd, herrisch und ein wenig martialisch sich bruestend. In seinen eigenen und anderer Augen war er der gegebene Oberbefehlshaber, wenn nicht hoefische und andere Ruecksichten die Prinzen ihm vorgezogen haetten. Jedenfalls sah er in sich den berufenen Hueter der friderizianischen taktischen Tradition, wie sie noch auf den Paradeplaetzen mit Eifer und Gewissenhaftigkeit geuebt wurde. Ferner waren anwesend die drei Generalquartiermeister-Leutnants Phull, Massenbach und Scharnhorst, die berufen waren, unter Fuehrung des Generalquartiermeisters und Kriegsministers Gensau, gemeinsam den Generalstab zu leiten. Verschiedenartigere Leute als diese drei zogen noch nie an einem Strang. Phull war unberechenbar, eigenwillig, schrullenhaft, Scharnhorst ruhig, sicher und methodisch und Massenbach uebersprudelnd von gelehrten Schlagwoertern und von Gruenden, gegen die nicht aufzukommen war. Phulls Strategie ging von der Lage der Magazine aus, hatte sich eins von diesen Magenzentren ausstrahlendes "Radialsystem" zurechtgelegt und kam darueber nicht hinaus. Massenbach wiederum klebte am Terrain und vergass darueber die Truppe. Wogegen Scharnhorst, mit sicherer Intuition fuer die Bedeutung der Individualitaet und deren Schulung, alles darauf legte, offene Augen, einen klaren Kopf und schnelle Entschlussfaehigkeit zu schaffen, diese durch kriegsgeschichtliche Studien zu foerdern und so einen Stab um sich zu scharen, der, von keiner vorgefassten Theorie behindert, jeder der tausend wechselnden Situationen im Kriege gerecht werden konnte. Diese drei Systeme fuehrten miteinander Krieg und fuehrten ihn so mit dem Feind. Der kleine, oberflaechliche und verbindliche Minister des Aeusseren, Graf Haugwitz, chevaleresk, hinterhaeltig, glatt, poliert und leichtfertig wie immer, war auch dabei. Ihm zur Seite sein Adlatus, der fruehere Botschafter in Paris, Marquis Luchesini. Der Diplomatie dieses Braven verdankte Preussen den Pariser Vertrag, durch den es zum Vasallenstaat Napoleons degradiert werden sollte. Anwesend war ferner, wenn auch ohne Sitz und Stimme im Kriegsrat, die rechte Hand des Koenigs, der Kabinettsrat Lombard, der einflussreichste Mann am Hofe und im Lande verhasst wie kein zweiter. In einer Zeit, in der die Friseure als Anekdotenerzaehler und Neuigkeitskraemer ebenso geschaetzt waren wie als Kuenstler, und ihre vornehmste Obliegenheit _die_ war: der feinen Welt die letzte Tournure zu geben - da waren es nur Leute von Esprit, Witz und tadellosen Manieren, die es auf dieser Laufbahn zu etwas bringen konnten. Sie waren gewissermassen Hueter und Traeger des guten Geschmacks und dessen berufenste Vertreter und waren in Reinkultur, was der hohe Adel erst durch die Kunst ihrer Haende wurde. Sie fertigten die mondaene Attrappe an, die den Inhalt, das uebliche suendige Fleisch und Blut, mit Anstand verdeckte. Als Sohn eines Perueckenmachers hatte Lombard also in dieser Beziehung Ahnen erster Guete, auf die er sich berufen konnte. - Er war auch wohlgebildet, gefaellig, weltmaennisch geschliffen, aalglatt und falsch, von der Ueberlegenheit der franzoesischen Kultur vollkommen ueberzeugt, und also auch der eifrigste Verfechter einer franzosenfreundlichen Politik. - Er war Traeger der Tradition von der Unumstoesslichkeit und Machtvollkommenheit einer Kabinettsregierung, wie sie am preussischen Hofe noch in Reinkultur bestand. - Er war ohne Ministerportefeuille maechtiger als saemtliche Minister der drei Koenige, denen er gedient hatte, und war ohne Sitz und Stimme in der Regierung doch massgebend, weil stets in persoenlicher Beruehrung mit dem Koenig. Des weiteren nahmen an der Beratung teil: der wuerdige General von Koeckritz, der Generaladjutant Oberst von Kleist, und eine Unzahl Raete und Schreibersleute! Prinz Louis Ferdinand war nicht einmal als Zuhoerer geladen und wartete mit Bluecher im Quartier des Generals von Ruechel auf Nachricht vom Verlauf der Konferenz. Das grosse Wort bei der Beratung fuehrte natuerlich Oberst von Massenbach, der in langen und wortreichen Ausfuehrungen zu beweisen versuchte, dass alles Heil nur darin zu suchen waere, mit beiden Hauptarmeen links ueber die Saale abzumarschieren, die feindliche Armee auf dem Marsche anzugreifen, die Rueckzugslinie auf Dresden zu nehmen und so auch Schlesien, das ohnehin durch Boehmen gedeckt war, noch mehr zu schuetzen. Ruechel wuerde inzwischen mit seiner Armee irgendwo auf der rechten Flanke rekognoszieren. Oberst von Scharnhorst dagegen, ruhig klar und ueberlegt wie immer, bestand auf dem hauptsaechlich von ihm entworfenen Offensiv- und Defensivplan des Herzogs von Braunschweig, freilich ohne den wortreichen Massenbach dadurch niederkaempfen zu koennen, und im Bewusstsein, dass man durch das Zoegern wohl schon den rechten Zeitpunkt verpasst hatte. Man entschied sich endlich weder fuer das eine noch fuer das andere, beliess die Hauptarmee als Zentrum bei Erfurt, stellte die Armee Hohenlohe, unter gleichzeitiger Besetzung der Saalepaesse, als linken Fluegel bei Blankenhain auf und den rechten Fluegel unter Ruechel bei Craula. Nebenbei sollte rekognosziert werden. Der wankelmuetige Oberbefehlshaber hoffte noch im geheimen auf Napoleon. Wenn nur nicht zur Offensive geschritten wurde, wuerde dieser wohl auch vermeiden wollen, als Angreifer zu scheinen, wodurch womoeglich noch in letzter Stunde der ganze Krieg vermieden werden koennte. In dieser Utopie wurde er allerdings bestaerkt durch einen soeben beim Koenig eingegangenen versoehnlich gehaltenen Brief Napoleons! Prinz Louis Ferdinand lachte laut auf, als ihm General Ruechel nachher den Verlauf der Konferenz schilderte. "Unser Oberbefehl erinnert mich taeuschend an ein russisches Dreigespann, eine richtige Troika", sagte er. "Das mittlere Pferd laeuft da, wie Sie wissen, in stetem, ruhigem Trab - die beiden Seitenpferde in Galopp! Alle ziehen aber in einer Richtung vorwaerts. Wogegen beim Oberkommando die drei Pferde - unsere drei Generalquartiermeister-Leutnants - alle woanders hin wollen! Scharnhorst in der Mitte haelt den beiden andern, Phull und Massenbach, die Stange, so gut er kann! Aber der Fahrer auf dem Bock, der Herzog, gibt ihm nicht den noetigen Rueckhalt! Er faehrt unsicher, ist zu liebenswuerdig und zuvorkommend, laesst jeden, der behauptet, ein Anrecht darauf zu haben, zu sich auf den Bock, duldet, dass diese unerbetenen Mitfahrer ihm noch in die Zuegel fallen und laesst das Fahrzeug bald nach links, bald nach rechts schwenken, je nachdem sie ihm zurufen: 'Achtung Stein! Aufgepasst eine Grube!' Im Wagen aber, unter der Krone, sitzt mein Vetter, der Koenig, behauptet die Wuerde und laesst sich von den auf dem Steg mitschaukelnden beamteten Ohrenblaesern Lombard und Haugwitz schoene Vortraege halten ueber die herrliche Aussicht, die man haben koennte, wenn's nicht so neblig waere, und uebersieht darueber das schlechte Fahren des Kutschers! Hinten aber, auf dem aufgestapelten Gepaeck, sitzt der Kriegsminister Gensau, klein, dick und dumm, haelt seine Akten zusammen und schreibt und rechnet und rechnet und schreibt und ordnet immer wieder die Gepaeckstuecke, deren ueberfluessigstes er selbst ist, je nachdem wie sie, bei der Fahrt auf dem holprigen Weg, durcheinandergeworfen werden." "Gensau," sagte Ruechel, "von dem hoerte ich eben ein entzueckendes Geschichtchen, als ich vorgestern meine Armee verliess, um zum Kriegsrat hierherzukommen. Die Geschichte ist charakteristisch fuer das System und buesst nichts dadurch ein, dass sie wahr ist. Ich stiess naemlich ploetzlich mit dem alten 'Isegrim', Yorck, zusammen. Hoheit kennen ihn? - Nein?! - Klein, duerr, knarrig, Querkopf erster Guete, sieht ueberdies aus wie eine schlechte Karikatur vom Alten Fritzen! - Er stand also da und schimpfte und fluchte und wetterte ueber die Schweinewirtschaft im Generalstabe, ueber die Kopflosigkeit und die Unordnung und die Liederlichkeit bei der Quartiermachung, kurz ueber Gott und alle Welt! 'Da steh' ich,' sagte er, 'und glaube nach beendigtem Tagesmarsch meine wohlverdiente Ruhe haben zu koennen, und ploetzlich meldet sich zu nachtschlafender Zeit einer meiner Offiziere bei mir. 'Was will Er?' hab' ich gefragt. 'Meldung vom feindlichen Anruecken?' 'Zu Befehl, nichts vom Feind zu sehen!' 'Was treibt Er sich denn herum? Hat Er nicht seine Befehle?' frage ich. 'Zu Befehl, die hab' ich!' sagte er. 'Ich habe Order Quartiere zu beziehen. - Wir finden aber die Quartiere nicht!' 'Soll ich Ihm helfen?' frage ich. 'Hat ein Oberst und Regimentskommandeur nichts Wichtigeres zu tun, als Kinderfrauendienst bei den Majors und Leutnants zu versehen? Wo ist Sein Quartierzettel? Zeige Er her!' Und ich nehme den Zettel und lese ihn vor, denn da stand deutlich und klar der Name des Dorfes, wo er Quartier nehmen sollte. Und ich wasche ihm noch gruendlich den Kopf und werfe ihm den Wisch wieder hin. Da sagt er ganz ruhig: 'Lesen kann ich auch! Und was drauf auf dem Zettel steht, weiss ich ebensogut zu deuten, wie der Herr Oberst selbst. Aber mit Erlaubnis zu sagen - ich moechte das Dorf nicht nur angewiesen haben, ich moechte es auch tatsaechlich haben!' Das ging denn doch zu weit. - 'Soll ich Ihm den Weg zeigen? Schere Er sich! Was zum Kuckuck behelligt Er mich mit dergleichen?' schreie ich ihn an und kriege einen roten Kopf und gebe ihm noch einmal einen Denkzettel, der sich gewaschen hat. Der Kerl ruehrt sich aber nicht vom Flecke! Er geht nicht! Er steht nur da und hoert in aller Ruhe zu, wie ich ihm mit Schweinerei und saumaessigem Dienst und dergleichen um die Ohren werfe, und feixt auch noch und sagt dann endlich: 'Wenn das Dorf zu finden waere - ich haette es schon gefunden! Wir haben die ganze Gegend abgesucht! Aber nichts zu sehen! Die Nachbardoerfer, ja, _die_ waren da, aber unser Dorf nicht! Kein Mensch wusste etwas vom ganzen Dorf! Endlich haben wir einen uralten Kuester vor der Tuer seines Hauses gefunden - der sagte uns Bescheid. 'Das Dorf,' sagte er, 'war einst das groesste und reichste hier in der Gegend - bis der Dreissigjaehrige Krieg kam! Der liess aber keinen Stein auf dem anderen, der vertilgte das Dorf mitsamt den Bewohnern spurlos vom Erdboden!' - So sagte der Kuester. Aber auf der Karte des Generalstabes steht das Dorf immer noch verzeichnet - in den Quartierlisten der Armee auch! Und da drinnen, in dem Dorfe sollen wir nun wohnen!' So eine Sauwirtschaft ist nur unter dem alten Gensau moeglich', sagte Yorck und fluchte und trug mir in drei Teufels Namen auf, die Sache gelegentlich des Kriegsrats vorzubringen, was ich auch mit Wonne besorgt habe! Das war meine Zutat zur heutigen Beratung! Mehr praktische Arbeit wurde von mir weder geleistet noch verlangt, und von den meisten anderen 'Beratern' auch nicht!" Der Prinz lachte noch toller. Bluecher aber, aergerlich ueber die lange Dauer der Beratung, schimpfte gleich los. Ruechel haette von Rechts wegen das Oberkommando haben muessen - der Prinz hier mindestens ein Armeekorps statt einer Division, und er, Bluecher selbst, muesste die ganze Kavallerie unter sich haben, dann stuende man jetzt nicht noch hier! Dann haette man laengst die Franzosen auseinandergejagt, den Rheinbund gesprengt und den sauberen Koenigen von Napoleons Gnaden, den von Bayern und den von Wuerttemberg mitsamt ihrem badischen Bundesbruder gezeigt, wo man im deutschen Vaterlande von Gottes Gnaden zu Fuersten ausersehen waere! Eine Schmach war's, dass sie, obwohl Deutsche, gegen Deutsche kaempfen wollten! Ein Bloedsinn aber von der preussischen Regierung, zu glauben, diese Abtruennigen nur dadurch vom Kampf abhalten zu koennen, dass Napoleon sie nicht angriffe! Denn, ob er als Angreifer oder Angegriffener dastuende, gleichviel! Die dreiundsechzigtausend Mann Bayerns, Schwabens und Hessen-Darmstadts wuerden doch gegen Preussen marschieren und helfen es einzuengen! Dagegen waere nur eins am Platze gewesen: schnell wie der Wind dazwischenfahren! Und wenn ein paar von den Zaunkoenigen Napoleons dabei vom Ast gefallen waeren - schaden taete das der deutschen Sache nicht! Solche Fuersten koennte man entbehren! Die Armeeleitung wusste aber nicht mehr, was sie wollte. Sie liess jede gute Gelegenheit, dem Feind einen Streich zu spielen, voruebergehen und schien nur zu dem einen entschlossen zu sein: stets zu spaet zu kommen. So hatte man erst jetzt, wo man sicher sein konnte, dass die franzoesischen Korps ihren Standort laengst verlassen hatten, den grossen Entschluss gefasst, ihnen mit einem kuehnen Husarenstreich in die Quartiere, wo sie nicht mehr lagen, zu fallen, um ihren natuerlich laengst stattgefundenen Aufmarsch zu stoeren! Und statt sich damit zu begnuegen, sich mit ein paar Schwadronen bei diesem nachtraeglich mutigen Unternehmen zu blamieren, wollte man die ganze Vorhut unter dem Herzog von Weimar quer durch den Thueringer Wald, zu ebendiesem Zweck schicken! - Ganze zwoelftausend Mann, die bei der Hauptarmee viel noetiger waren, aber jetzt todsicher dort fehlen wuerden, wenn's zur Entscheidung kaeme! Und das waren von den besten Truppen Preussens! Da waren darunter das beruehmte Regiment Kuhnheim, das aelteste der Armee - das Regiment Braunschweig-Oels, das seinerzeit den Sieg bei Turin entschied - das Regiment von Borck, das unter Bluechers eigenen Augen bei Kaiserslautern in Schritt und Richtung wie auf dem Paradeplatz marschierend die franzoesischen Linien durchbrach - da waren das seit Zorndorf, Kollin und Prag beruehmte Pommernregiment Owstien, das Grenadierbataillon Graf Wedel, die Yorckschen Jaeger, die Husarenregimenter von Pletz und von Zieten - naechst seinen eigenen "Roten", auf die er nichts kommen liesse, die besten der Armee! - Lauter Kerntruppen, auf die ein Verlass sei! Und die liess man ziehen! Man war doch ohnehin viel zu schwach! Durch Stockung der Anwerbung, durch Desertionen und durch die vielen Invaliden, die beim Ausmarsch zurueckbleiben mussten, waren die Truppenteile sowieso weit unter den Bestand gesunken, den sie haben sollten! Viele Tausende waren so verlorengegangen! Und die ostpreussischen Truppen waren ueberhaupt nicht ausgerueckt! - Das waren ueber zwanzigtausend Mann. Fast fuenfzehntausend hatte man aus Angst vor den lieben Polen im Herzogtum Warschau und zur Verstaerkung der Garnisonen in den nicht bedrohten schlesischen Festungen gelassen! In Westfalen fuehlte man sich auch der Bevoelkerung nicht sicher und liess dort fast ebensoviel stehen! - Von den westpreussischen Truppen hatte man, daemlicherweise, eine "strategische Reserve" gebildet, die irgendwo in der Luft hing und sicherlich erst zum Vorschein kommen wuerde, wenn's zu spaet waere und die anderen Truppen abgekaempft waren - sicherlich aber nicht, wenn sie benoetigt wuerde! Von der ganzen beruehmten preussischen Armee, von zweihundertundzwanzigtausend Mann, war nur die Haelfte zur Stelle, ausser den achtzehntausend Sachsen, die nicht zaehlten! Ueberhaupt die Bundesgenossen! Die haetten ganz anders angepackt werden muessen! Kurz und gut erklaeren: Entweder du marschierst mit und schlaegst dich, wo es eine deutsche Sache gilt, oder ich verschlucke dich! Sonderinteressen gibt's nicht! Was war das nun wieder fuer eine Schlappschwaenzigkeit der preussischen Diplomatiker gewesen, all den kleinen Fuersten Neutralitaet zuzugestehen?! Mecklenburg, Anhalt, die Schwarzburg, die Lippe, die saechsischen Herzoege, den Herzog von Braunschweig, alle liess man neutral bleiben - und Kurhessen durfte gar abwarten, bis es saehe, auf welcher Seite es zum Sieg kaeme, ehe es sich entschloesse einzugreifen! Kursachsen schickte bloss seine halbe Armee, Weimar ein - sage und schreibe - ein Bataillon Jaeger! "Das sind alles in allem fuenfzigtausend Mann, die wir haetten _mehr_ haben koennen, wenn wir nur den Mut gehabt haetten, einmal gegen diese Herrschaften bestimmt aufzutreten! Aber das wagten wir nimmermehr! Was heisst das, von Kurhessen eine derartige Niedertracht zu dulden! Das liebaeugelt mit dem Korsen und will sich seinem Rheinbund anschliessen und ihm die Stiefelsohlen lecken, wenn er ihm bloss gestattet, Darmhessen zu schlucken! Und rutscht auf dem Bauch vor Preussen und macht auch den Norddeutschen Bund mit, wenn wir ihm zugestehen, die angrenzenden kleinen Standesherrschaften zu annektieren! Und schmeisst uns den ganzen Bund um, weil wir dazu nur 'nein' sagten statt den Kurfuersten fest am Genick zu packen und ihn auf die Knie zu zwingen! Himmeldonnerwetter, haette man mir nur freie Hand gelassen, als ich auf dem Weg hierher durch Kassel kam. Ich haette den guten Kurfuersten schon beim Schlafittchen genommen! Ich haette uns die hessische Armee, mir nichts dir nichts, angegliedert! Und mitgegangen waere sie! Aber da kamen wieder die beruehmten Kontraorders vom Kabinett, und nun koennen wir sehen, wie wir's machen! Ich wuerde kein Wort darueber verlieren, wenn es nur sonst ein Ende naehme mit dieser bodenlosen Unentschlossenheit und diesem Hin und Her ohne Reim und Raeson! So geht's ja nie und nimmer mit zwei kommandierenden Generalen und drei Quatiermeistern, die alle woanders stehen und alle was anderes wollen, und kreuz und quer kommandieren und nachher, jeder fuer sich, die Entscheidung vom Koenig holen, der selbst nicht weiss, ob er alles oder gar nichts will! Dabei ist die Armee noch in der Umbildung, hat die Einteilung in Divisionen kaum durchgefuehrt, geschweige denn jemals im Ernstfall ausprobiert! Wenn die Leute, die uns heute kommandieren, uns da nicht eine grosse Schweinerei bescheren, will ich gehaengt sein! Ich bin gespannt, was schliesslich bei dem Kriegsrat herauskommt!" "Ich nicht!" sagte der Prinz, dem das Schimpfen des alten Haudegen sichtbar grosses Vergnuegen bereitete. "Wenn mein Vetter gescheit waere, wuerde er tun wie unser gemeinsamer Ahnherr, der grosse Friedrich, und rundweg jeden Kriegsrat verbieten. Er wuerde die ratlosen Herrschaften nach Hause schicken und Ruechel und Sie, Bluecher, und mich zu sich rufen und sagen: 'Jetzt macht die Sache, ihr drei! Macht sie schnell, macht sie gut, sucht den Feind auf und schlagt ihn!' Das tut er aber nicht, er ruft Herrn Beyme, er ruft Herrn Lombard! Und Lombard, der ergraute, parfuemierte Friseurjuengling - der Allerweltscharmeur, der blasierte, lebensmuede Genussmensch - Lombard kommt taenzelnd herbei und lispelt delizioes: '_Sire, vous voulez la guerre? Quelle horreur!_ Wossu _la guerre_? Man verstaendigt sich - schliesst einen Kompromiss - beseitigt die Differenzen - reicht sich die Haende! Unter Leuten von Welt das Leichteste, das Einfachste was sich denken laesst! Jener Parvenu - jener Kaiser von Poebels Gnaden - er ist noch zu neu in seiner Wuerde, er hat noch keine Manieren! Gehen wir ihm mit gutem Beispiel voran!' Und dann setzt sich der Herr Lombard an den Schreibtisch, streift die Spitzenmanschette zurueck, taucht mit Grazie seinen Federkiel in franzoesisch parfuemierte Tinte und schreibt soigniert, formvollendet, ohne den geringsten Verstoss gegen die laengst abgestorbene Etikette, in tadellosem Franzoesisch, aber im Namen des Koenigs von Preussen - ein Manifest, als einzige Antwort auf die Unverschaemtheit Napoleons, unser Ansbach zu besetzen! Und der Koenig laesst gehorsamst das Elaborat seinen Weg in den Papierkorb des Korsen, statt in den seinigen nehmen! Er befiehlt uns nicht, sofort wie der Blitz dreinzusausen und mit blanken Hieben im eigenem Blute des Unverschaemten die einzige ihm gebuehrende Antwort zu schreiben! Das haette unverzueglich und unverzagt schon vor Wochen getan werden muessen! Da haetten wir die Franzosen zum Teufel gejagt! Aber jetzt - -" "Eine Schmach ist es!" rief Bluecher, "eine Schmach und Schande, wenn man bedenkt, welcher Sprache sich jener kleine Kerl unseren Fuersten gegenueber erfrecht! Schockschwerenot! Setzt der uns unten am Rhein seinen Schwager auf die Nase, jenen Baeckerjungen aus Cahors, den Seiltaenzer Murat! Den macht er zum Herzog von Berg, laesst ihn unsere Abteien Essen, Eltern und Werden nehmen und dehnt so seinen Rheinbund immer weiter nordwaerts aus, engt uns immer dichter ein - sucht Sachsen und Hessen auch heranzulocken und laesst uns dann gnaedigst wissen, wenn wir uns darueber beschweren, dass er so den Norddeutschen Bund hintertreibt: _Er_, Napoleon, haette die Unabhaengigkeit aller deutschen Fuersten garantiert, _er_ werde keinen Oberherrn unter ihnen dulden! _Das_ muss sich ein Koenig von Preussen ins Gesicht sagen lassen! Und zieht nicht gleich vom Leder, ruft nicht alles, was deutsch spricht, unter die Fahnen zum Kampf gegen den Frechling, sondern ueberlegt's noch, macht einen Schritt vorwaerts, zwei Schritte rueckwaerts und bloss halb mobil, zaudert und ueberlegt und fragt: 'Soll ich, soll ich nicht? - Liebt er mich? Liebt er mich nicht?' Wo es doch sonnenklar ist, dass er uns absichtlich auf die Huehneraugen treten wollte!" "Der Koenig hofft noch den Frieden zu bewahren - er hofft im letzten Augenblick den Krieg abzuwenden", sagte der Prinz. "Und leider ist das ganze Oberkommando ebenso vertrauensselig und tut nichts, um seine Zweifel zu entkraeftigen! Ein Glueck ist es, dass ich die Vorhut der zweiten Armee habe, und dass Sie, Bluecher, die von der Hauptarmee jetzt uebernehmen! Wir werden uns da nichts entgehen lassen, nicht wahr?" "Nein, hol' mich der Teufel, da soll mich nichts zurueckhalten!" "Die erste Gelegenheit, mit den Franzosen handgemein zu werden, nutze ich aus! - Sie sollen's sehen, ich mach's, und das wird eine Sache, von der man reden wird! Und dann _gibt's kein Zurueck_! Fuer die Ehre Preussens, Bluecher, fuer den Ruhm der preussischen Armee, dafuer setze ich mein Leben ein! Das schwoere ich!" "Ich auch, bis zum letzten Blutstropfen!" Sie gaben sich die Haende, und Ruechel, als Dritter im Bunde, legte auch den feierlichen Schwur ab, gab dann Bluecher die Befehle, auf die er wartete, und hiess ihn sich auf seinen Posten begeben. Prinz Louis Ferdinand holte sich noch vom Prinzen Hohenlohe Instruktionen und sass kurz darauf im Sattel, um seine Division in Rudolstadt aufzusuchen. * Im Schlosse zu Jena dampften die Schuesseln auf der Tafel des kommandierenden Generals. Man hatte im Oberkommando der Hohenloheschen Armee einen Mordshunger. Seit drei Tagen war man zu keinem rechten Mittagsmahl gekommen, immer trafen gerade zur Tischzeit Hiobsposten ein, die getroffene Dispositionen ueber den Haufen warfen und ohne Verzug neue verlangten. Im Salon warteten die Mittagsgaeste des Fuersten, der General Sanitz, der fuer den erkrankten General von Prittwitz die in Jena stehenden Reserven kommandierte, die beiden Adjutanten, Major von der Marwitz und Major Loucey, und einige Stabsoffiziere. Die Stimmung war gedrueckt. Ein Teil der Avantgarde unter Tauentzien war von Bernadotte besiegt - der Rest unter Louis Ferdinand bei Saalfeld geschlagen, der Prinz selbst gefallen! Man war zur Unterhaltung wenig geneigt. Jeder der Anwesenden hatte seinen guten Teil Zweifel und Ungewissheit zu tragen und zoegerte, ihm Worte zu verleihen. Und schliesslich war man, wie gesagt, hungrig und entschlossen, sich wenigstens heute nicht stoeren zu lassen, sondern erst auf die Schuesseln einzuhauen und dann auf den Feind. Der Fuerst liess auf sich warten. Er beriet noch im Arbeitszimmer mit seinem getreuen Massenbach und diktierte verschiedene sofort zu erledigende Dispositionen. Der Hunger setzte ihm wohl ebensosehr zu wie seinen Gaesten, die draussen warteten. Aber erst kommt der Dienst, und der verlangte heute schnellen Entschluss! Dann wuerde die Suppe um so besser munden, und man haette, nach dem Essen, auch ein Viertelstuendchen Zeit zum Ausruhen - was bei einem Sechziger, dem die Strapazen des Hoflebens gelaeufiger waren als die im Lager, nicht ganz ohne Bedeutung zu sein pflegt. Die ersten Donnerschlaege des Korsen waren gefallen, der Nebel, der seine Absichten bis jetzt verhuellte, hatte sich fuer einen Augenblick verzogen; man erkannte, aus welcher Richtung das Gewitter nahte, sah, was man versaeumt oder falsch gemacht hatte, und traf Massnahmen, der ersten Verwirrung zu begegnen und die Dinge der neuen Sachlage gemaess zu ordnen. Massenbach, sonst nicht gewohnt bei seinem fuer gewoehnlich gutmuetigen und gefuegigen Herrn Widerspruch zu finden, hatte heute einen schweren Stand. Der Fuerst hatte schliesslich auch seine eigene Haut zu Markte zu tragen. Er war nervoes und ungehalten, die Verantwortung fuer Fehlschlaege auf sich nehmen zu muessen, die der uebereifrige Eigensinn seines Generalquartiermeisters verschuldet hatte. Er warf ihm vor, absichtlich unklare und zweideutige Instruktionen an die Unterbefehlshaber gegeben zu haben, wodurch jeder von ihnen sozusagen einen Freibrief auf eigenmaechtiges Vorgehen erhalten und auch, zum Schaden des Ganzen, davon Gebrauch gemacht hatte. "Es geht nicht," sagte der Fuerst, "wenn man einen Befehl erteilt, gleichzeitig anzudeuten, dass man die Sache vielleicht doch lieber anders gemacht haben moechte! Ich habe mir unsere an den Prinzen Louis Ferdinand ergangenen Befehle vorlegen lassen. Der Prinz musste nach ihnen glauben, das Wohl der ganzen Armee hinge davon ab, uns den Flussuebergang bei Saalfeld zu sichern. Deshalb warf er sich mit seiner einen Division dem ganzen Korps Lannes entgegen und nahm einen aussichtslosen Kampf mit dem Feind auf, statt sich, wie befohlen, in Ordnung zurueckzuziehen und nur in Fuehlung mit ihm zu bleiben! Und da haben wir die Niederlage! Seine Division in alle Winde zersprengt, die Stimmung bei der uebrigen Armee verdorben und die Siegeszuversicht der Soldaten aufs schwerste erschuettert!" Das waere keineswegs der Fall, meinte Massenbach, zog schleunigst alle Schleusen seiner Beredsamkeit auf und ueberschwemmte den Fuersten mit einer Schwallwoge von guten Gruenden. - Kleine Fehlschlaege - und nur um einen solchen handelte es sich in diesem Fall -, kleine Fehlschlaege kaemen stets im Kriege vor; damit muesse man rechnen, wie schmerzlich sie auch seien! - Die Schlappe bei Saalfeld wuerde keinesfalls die Stimmung bei den Truppen verderben! Was Prinz Louis Ferdinand in der Beziehung gefaehrdet haette, hatte er durch seinen Heldentod wieder gutgemacht! Hier nahm Massenbach den Mund recht voll, gab im breitesten Schwaebisch eine begeisterte Lobeshymne altpreussischen Heldengeistes zum besten, liess die kriegerische Tugend des echten Hohenzollernsprossen in den hehrsten Farben schillern, beschrieb, wie der Prinz, als er seine fliehenden Reiter zum Stehen bringen wollte, im Strudel mitgerissen wurde und vergebens dagegen ankaempfte - wie er, als sein Pferd beim Uebersetzen eines Gartenzaunes haengenblieb, von den Franzosen eingeholt wurde -, wie er sich dann mit Loewenmut gewehrt, Pardon weder gegeben noch genommen hatte, vielmehr den Stern des Schwarzen Adlers auf seiner Brust mit dem Hut bedeckt, um nicht als Prinz erkannt und geschont zu werden, und wie er so lieber mit dem Tod als mit der Schmach der Gefangenschaft seine Niederlage besiegelte! Sonst war Massenbach des Eindrucks seiner Beredsamkeit auf den Fuersten sicher. Heute aber versagte sie total! Keine Ruehrung, kein Seufzer, keine Traene! Auch kein einziges Zeichen des Beifalls, als er die Nachricht hinzufuegte, die Truemmer der Division Louis Ferdinand seien von General Grawert, der ihnen von Orlamuende aus nach Rudolstadt entgegenrueckte, aufgenommen und neu geordnet worden! "Die Schlappe bei Saalfeld war schon der zweite Donnerschlag, der uns traf! Tauentzien bescherte uns den ersten bei Schleiz!" sagte der Fuerst aergerlich. "Und Sie haben alles mit verschuldet, Massenbach! Haetten Sie nur Ihren Plan: mit Gewalt das Hauptgewicht der Operationen auf das rechte Saaleufer zu verlegen, zurueckgesteckt und strikte die Order des Hauptquartiers befolgt! Nun wissen die Generaele nicht aus noch ein! Ein jeder handelt fuer sich - meine Armee steht ueberall zerstreut! - Keine Sammlung, keine Einheit! Wenn's _jetzt_ zum Schlagen kaeme, sind wir beim ersten Anstoss in alle Winde zerstreut!" - Auch gegen _die_ Besorgnis hatte Massenbach ein beruhigendes Pflaster bereit. - Er haette, wie der Fuerst ihm schon vorher in weiser Voraussicht bedeutet hatte, Stafetten mit Marschorders ueberallhin ausgesandt, und aus allen Richtungen strebten schon die zerstreuten Teile der Armee zum linken Saaleufer hin! Verschiedene Truppen waeren schon angelangt! Die saechsischen Regimenter zoegen sogar in dieser Minute durch die Stadt! Nachmittags wolle er, Massenbach, selbst hinauf nach dem Landgrafenberg und dahinter, an der Schnecke und am Kapellendorf, wie befohlen, das Lager ausstecken. Es waere sogar hoechste Eile damit, um fertig zu werden, ehe die Truppen einrueckten! - Ob nicht in Anbetracht dessen Seine Durchlaucht die Gnade haben moechten, zu befehlen, dass aufgetragen werde? Die Suppe wuerde sonst kalt werden! - Da kam ihm der Fuerst mit dem dritten Donnerschlag von dem mit Windeseile ueber den Thueringer Wald hinaufziehenden napoleonischen Gewitter und teilte ihm die soeben eingegangene Nachricht mit, Naumburg mit seinen reichen Vorraeten und Magazinen waere gefallen! "Naumburg?" fluesterte Massenbach und wurde ganz still. "Ja," sagte der Fuerst, "und das haben wir auch durch unsere unklare Befehlsgebung, an der Sie nicht so ganz unbeteiligt sind, verschuldet! Derlei unliebsame Ueberraschungen, wie jetzt mit Naumburg, setzt man sich nicht aus! Ich hatte bestimmte Befehle gegeben, die dem vorgebeugt haetten, wenn sie befolgt worden waeren. Ich hatte, wie Sie wohl wissen, unseren am weitesten nach Osten stehenden vorgeschobenen Postierungen befohlen, gegebenenfalls sich _ohne Kampf_, aber in steter Fuehlung mit dem Feind, von Hof ueber Schleiz nach Naumburg zurueckzuziehen und uns stets _a jour_ mit allem zu halten! Der Graf Tauentzien aber verwechselte, von Ihnen angesteckt, seinen Posten als Kommandant der Avantgarde mit der Stellung eines Oberkommandierenden! Er disponierte selbst, schlug sich gegen Befehl und wurde, wie sie wissen, von Bernadotte aufs Haupt geschlagen! Damit fing's an! Das war das _Horsd'oeuvre_! Weil Tauentzien sich statt auf Naumburg nun so allmaehlich hierher, nach Jena, mit dem Rest seiner Truppen zurueckziehen musste, fehlte mir seit Tagen jede Nachricht ueber die Fortschritte der Franzosen auf dem Wege nach Leipzig! Die haetten wir laengst haben muessen und unsere Gegenmassnahmen beizeiten treffen koennen, staende Graf Tauentzien heute wie befohlen in Naumburg, statt bei uns zu dinieren!" "Der Graf hat abgesagt! Dienstlich verhindert!" beeilte sich Massenbach einzuwerfen, wagte dann noch eine schuechterne Erinnerung an die wohl laengst erkaltete Suppe vorzubringen und fand diesmal bei seinem Herrn ein geneigteres Ohr. Denn der durchlauchtige Magen fing immer gebieterischer an, sich Geltung zu verschaffen. Man verfuegte sich also in den Speisesaal, trat an den reichgedeckten Tisch, die Diener schoben die Stuehle zurueck, die Tafeldecker hoben die Deckel von den Schuesseln, appetitlich duftende Daempfe reizten die Gaumen, das Vorgefuehl kulinarischer Genuesse erheiterte die Stimmung - man wurde gespraechig, fing an, alles in Rosenrot zu sehen, liess Vergangenes Vergangenes sein, loeffelte vergnuegt die delikate Suppe aus und sah schon den Madeira in den Glaesern funkeln. Da stuerzte atemlos, unter gaenzlicher Missachtung einer jeglichen Etikette, der Kammerdiener des Fuersten herein. "Die Franzosen sind in der Stadt!" schrie er leichenblass, und all die erhobenen Suppenloeffel blieben auf halbem Wege zu den aufgesperrten Maeulern stehen, um sich dann langsam wieder auf die Teller zu senken. "Die Franzosen?" sagte der Fuerst unglaeubig. "Unsinn! Sie koennen nicht fliegen!" Und er loeffelte wieder seine Suppe, kaltbluetig, wie's sich einem erprobten Kriegshelden geziemt. Aber einige von den Stabsoffizieren meinten, es waere doch wohl moeglich! Sie haetten den Feind am Tage zuvor gesehen, als sie den Vorposten Befehl ueberbrachten, und es waere schon anzunehmen, dass er heute seine Streifzuege bis nach Jena ausgedehnt haette! Die Adjutanten eilten hinaus, um sichere Nachricht zu verschaffen. Massenbach aber ass fuer drei, in beschleunigtem Tempo, und der Fuerst, der sich auch nicht gern beim Essen stoeren liess, befahl den Fisch zu servieren. Er schnalzte vor Wohlbehagen beim Anblick der leckeren Forellen, die sich graublau und mattsilbern unter hellgelben Zitronenscheiben auf den glaenzenden Schuesseln behaglich rekelten. Er liess sich ein paar auf den Teller geben, nahm reichlich Butter dazu und fing schon an, die groesste zu zerlegen. Da ging draussen ein Geschrei und ein Getoese los, als waere das Juengste Gericht ploetzlich ueber das Land Thueringen hereingebrochen - ein Laufen war's, ein Fahren, ein Fluchen, ein Poltern! Der Fuerst liess Messer und Gabel sinken, liess Forelle Forelle sein, erhob sich vom Tisch, befahl, die Pferde vorzufuehren, liess sich Hut und Degen geben und ging aus dem Speisesaal hinaus, von allen Anwesenden gefolgt, mit Ausnahme von Massenbach. Der hatte sich fest vorgenommen, sich heute durch nichts von der Stillung seines Appetits stoeren zu lassen, weder vom Kaiser Napoleon noch von irgendeinem anderen Engel des Gerichts! Er nahm also ruhig seinen Platz wieder ein und gab dem Hofmeister einen Wink - die Lakaien traten mit gefuellten Schuesseln an, und der Herr Generalquartiermeister nahm ihnen die Parade ab, revidierte aufs gruendlichste, was sie an Proviant noch vorraetig hatten, und verschonte auch nicht die Batterie von Flaschen, die aufgefahren war! Indessen auf den Strassen der Laerm wuchs und den Ohren des schmausenden Helden das geeignete kriegerische Tafelkonzert lieferte. Draussen sah es wuest aus. Der Markt war uebersaet mit fortgeworfenen Gewehren und Patronentaschen, deren sich die durchmarschierenden saechsischen Regimenter, von wilder Panik ergriffen, entledigt hatten. Auf der Saalebruecke war ein wirrer Knaeuel von festgefahrener Artillerie und Munitionswagen, ein Schreien und Fluchen, um loszukommen, und schliesslich ein rasches Davongaloppieren der Gespannpferde, nachdem die Fahrer die Straenge durchschnitten und sich in die Saettel geschwungen hatten. Durch alle Tore stroemten Soldaten in die Stadt hinein, um durchs naechste wieder hinauszufluten; die Jenenser, von der allgemeinen Angst ergriffen, sperrten sich in ihre Haeuser ein und gaben auch manchen von den wackeren Vaterlandsverteidigern einen Unterschlupf - liessen aber dafuer die bei ihnen in Quartier liegenden Offiziere nicht hinein, um ihr Gepaeck und ihre Pferde zu holen. Alles schien den Kopf total verloren zu haben. Einzig ein paar Regimenter der unter Tauentzien stehenden geschlagenen Avantgarde, die von Hof ueber Roda nach Jena gekommen waren, nachdem sie mit dem Feind handgemein gewesen waren und also wussten, wo er war und was sie an ihm hatten - einzig sie behielten die Fassung. An ihrer Spitze umritt denn Hohenlohe die Stadt, um die Friedensstoerer, falls sie wirklich noch da waren, zu stellen und zu schlagen. Da, wo er hinkam, war aber nichts zu sehen. Einige Leute wollten Franzosen auf den Bergen um die Stadt herum bemerkt haben. Und da der Fuerst, bei naeherem Nachsehen, ein paar Uniformen zwischen den Bueschen dort oben bemerkte, so schickte er Patrouillen hinauf, um nach dem Rechten zu sehen. Sie kamen zurueck und brachten als Gefangene - einige Verwundete von der bei Saalfeld versprengten Division des Prinzen Louis Ferdinand mit, die weder in Lazaretten noch in Buergerhaeusern Unterkunft gefunden hatten, die auch, wie fast die ganze durch Gewaltmaersche gehetzte Hohenlohesche Armee, in den letzten drei Tagen nichts gegessen hatten und nun, um ihren Hunger zu stillen, dort oben in den Feldern nach Kartoffeln gruben. Fuer ihre Entbehrungen hatte ja auch die bekanntlich puenktlich waltende Nemesis der Weltgeschichte den Fuersten durch ebenso haeufige Stoerungen seiner Mahlzeiten gestraft, da ja _er_ die Verantwortung zu tragen hatte und sein Generalquartiermeister nur zu suendigen brauchte! Diese armen Leute waren es, die den Schrecken ueber Stadt und Land losgelassen und so vielen tapferen Leuten eine schmaehliche Niederlage bereitet hatten. Ein paar Hasenfuesse von der Strasse hatten sie gesehen und "die Franzosen kommen!" geschrien. Und gleich war der Teufel los, Laerm wurde geschlagen, Besinnung, Mut und Ordnung waren hin, und eine Schlacht ging verloren, in der es nur Besiegte, aber keinen Angreifer und also auch keinen Sieger gab! Der Fuerst kehrte an der Spitze seiner Tapferen in die Stadt zurueck, befahl die ineinandergefahrene Artillerie auseinanderzubringen und die Fahrer, die die Straenge durchgeschnitten hatten und geflohen waren, festzunehmen und mit aller Strenge der Kriegsgesetze zu bestrafen - eine Aufgabe, die die saechsische Generalitaet guetigst uebernahm und auch puenktlich - - bis auf die Bestrafung - durchfuehrte! So konnte sich der Fuerst endlich wieder zu Tisch setzen und in den inzwischen bei der Verwirrung gruendlich geleerten Schuesseln Nachschau halten. Viel fand er nicht mehr vor, die Forellen waren laengst in andere Gewaesser hineingeschwommen, die Lakaien hatten vor Schrecken in ihren Verstecken weder sehen noch hoeren koennen, und der Herr Generalquartiermeister war auf die Berge geklettert, um das Lager auszustecken, das noch vor Sonnenaufgang bezogen werden sollte. So endete der erste Tag der fuer die Franzosen so glorreichen Schlacht bei Jena. Aber mancher tapfere Bursche knirschte vor Wut mit den Zaehnen, als er von der Panik hoerte, und schwur hoch und heilig, wenn es wirklich zum Kampf kaeme, die Schmach mit dem Blute der Franzosen abzuwaschen oder selbst dabei ins Gras zu beissen! Am naechsten Tag kamen der Koenig und der Herzog von Braunschweig von Weimar heruebergeritten. Sie wollten mit Hohenlohe die auf Grund der erlittenen Niederlage Tauentziens und Louis Ferdinands veraenderte Sachlage beraten und beschliessen, was nun zu tun waere, um sich der nach dem Fall Naumburgs drohenden Ueberfluegelung zu entziehen und aus der Falle hinter der Saale wieder herauszukommen. Das Resultat der Beratung wurde, dass das Hauptheer von Weimar ueber Auerstedt auf die Unstrut zu in Marsch gesetzt werden sollte. Ruechel, der mit seiner Armee in Erfurt stand, sollte folgen, zunaechst nach Weimar - der Herzog von Weimar sollte von seinem "Husarenstreich" nach Franken zurueckberufen werden, Hohenlohe die Saaleuebergaenge bei Jena, Dornburg und Camburg besetzen, um den Flankenmarsch der Armee zu schuetzen und dann nachkommen. In Sachsen wollte man sich mit der Reservearmee unter dem Herzog von Wuerttemberg treffen und so vereint dem Feind entgegentreten. Der Rand des Saaleplateaus, vorzueglich der Landgrafenberg, sollte besetzt, aber kein Angriff unternommen werden. Man trennte sich wieder. Der Fuerst, der sich bestimmt vorgenommen hatte, wenigstens heute zu Mittag zu essen, wollte sich eben zu Tisch setzen, als ihm wieder zwischen Lipp' und Bechersrand eine Probe gegeben wurde, wie sehr die Disziplin in seiner Armee gelockert war und wie wenig er sich auf sie verlassen konnte. Zunaechst wurde er durch die Nachricht gestoert, dass der Feind die dicht bei Jena stehende Feldwache angegriffen hatte - was ja an sich keine Katastrophe bedeutet haette, wenn jene Nachricht ihm nicht durch den Chef jener Feldwache selbst ueberbracht worden waere, der auch gleich, vorsichtshalber, sein ganzes Wachkommando nach der Stadt mitgenommen und also dem Feind offene Bahn gelassen hatte. Das musste schleunigst in Ordnung gebracht werden und wurde auch durch den Adjutanten des Fuersten, Major Loucey, mit einem Bataillon eines der in Jena stehenden Regimenter Tauentziens besorgt. Ausserdem bekam der saechsische General Senft, der zwischen Jena und Dornburg stand, Befehl, mit seinen Dragonern die neue Feldwache zu unterstuetzen, die Saaleufer zwischen Dornburg und Jena zu beobachten, Dornburg zu besetzen und auch mit einigen Eskadrons nach Camburg zu gehen, um die dort befindliche Bruecke, die in die Haende der Franzosen gefallen war, zu nehmen. Der General tat das alles aeusserst saumselig, wofern er es ueberhaupt tat, dirigierte eine Eskadron halbwegs nach Camburg und setzte sich mit dem Rest seiner Dragoner irgendwo zur Ruhe. Der Fuerst wusste aber davon nichts. Es stand jedoch in den Sternen geschrieben, dass der gute Fuerst, der sosehr die Freuden der Tafel liebte, gerade in dieser Beziehung seines Lebens nicht froh werden sollte! Mit Entbehrungen seines durchlauchtigen Bauches musste er die Suenden seines Kommissariats vergelten, das so schlecht fuer das leibliche Wohl seiner Soldaten sorgte. _Nolens volens_ musste er die Qualen des Hungers selbst leiden fuer alles, was die braven Soldaten entbehren mussten! Und gar noch fuer die Sachsen, obwohl diese ein eigenes Oberkommando, eigene Verpflegung und eigenen Generalstab hatten und ihn in dieser Hinsicht gar nichts angingen! Das hinderte sie aber nicht, einen Kriegsrat ihres Verpflegungsdepartements, mitsamt dem Adjutanten der kommandierenden saechsischen Exzellenz, zum Fuersten zu schicken, mit der kategorischen Mitteilung: Wenn die Preussen ihnen nicht sofort zu essen gaeben, wuerden sie, die Sachsen, sogleich abmarschieren und den Krieg Krieg sein lassen! Der Fuerst verzog keine Miene bei der wenig erfreulichen Tatsache, dass seine halbe Armee angesichts des Feindes mit Rebellion drohte. Er versprach alles und schickte sofort seinen braven Massenbach spornstreichs nach Weimar zum Koenig, um Brot fuer die Sachsen zu erbitten. Denn er war davon ueberzeugt, wo kein anderer etwas Essbares verschaffen koennte, da wuerde Massenbach bewirken, dass die Steine zu Brot werden wuerden. Aber leer kaeme er nicht zurueck! - Nachdem der Fuerst diese Anordnungen getroffen hatte, setzte er sich nicht noch einmal zu Tisch, denn das hatte er sich schon abgewoehnt und als aussichtslos aufgegeben! Sondern er bestieg sein Pferd und begab sich ins Lager, liess die Truppen aus den Zelten hervortreten und ritt die Front ab. Es wurde eine lange Inspektion. Er ritt die preussischen und schlesischen Bataillone ab, beim rechten Fluegel der Aufstellung anfangend, fragte sie nach allem - ob und wie und mit was sie versorgt waren -, was sie bekommen und was sie nicht bekommen hatten? Er redete mit ihnen von den alten Feldzuegen, die sie gemeinsam mit ihm durchgemacht hatten, sprach wie ein Kamerad, sprach auch wie ein Vorgesetzter, schoen und markig, von altpreussischem Geist, von ruhmgekroenten Fahnen und altbewaehrter Waffentuechtigkeit, von Treue und Pflicht, von Koenig und Vaterland - entflammte so den Mut und den nimmermueden guten Willen der Braven und bekam gleich Gelegenheit, ihn auf die Probe zu stellen. Denn noch hatte er den linken Fluegel nicht abgeritten, da knatterte und ratterte es links herum am Rande des Saaletales los, und die Nachricht wurde ihm gebracht: Jena waere geraeumt und auch evakuiert - die Franzosen waeren drin, und Tauentzien, der die Avantgarde befehligte, waere auf den Landgrafenberg heraufgekommen! Leider aber fast gleichzeitig mit ihm die an Zahl weit ueberlegenen Franzosen, so dass er sich vom Talrand kaempfend zurueckziehen musste! Da war kein Zweifel mehr, was zu tun war! Als alter erprobter Kriegsmann liess der Fuerst sofort Fuesiliere und Jaeger tiraillierend vorgehen und den Feind aus dem naechsten Forst, wo er sich festgesetzt hatte, wieder hinauswerfen. Er setzte dann preussische Grenadiere und reitende Artillerie in Marsch, um die Franzosen, die noch nicht in allzu grosser Staerke auf dem Plateau sein konnten, wieder in das Saaletal hinunterzuwerfen, von dem sie, bei weniger Schlamperei und besserem Aufpassen der Vorposten, niemals haetten heraufkommen duerfen! Alles jubelte ihm zu und war des Sieges gewiss. Der Fuerst wollte auch seine Tapferen in hoechsteigener Person anfuehren und war schon im Begriff, den Befehl zum Angriff zu geben. Da kam Massenbach, den ein ungnaediger Himmel nicht unterwegs das Genick hatte brechen lassen - da kam dieser Ungluecksmensch spornstracks aus Weimar zurueckgesprengt, wohin ihn ein missguenstiges Geschick in ueberfluessiger Sorge um den Magen der guten Sachsen entsendet hatte! Da kam er atemlos an und brachte als erstes den strikten Befehl des Koenigs: unter keinen Umstaenden irgendeinen Angriff zu unternehmen. Der Fuerst wuetete und schlug sich zornig mit der Reitgerte auf den Stiefel, als waere der Stiefel Massenbach. Er fluchte und wetterte und beteuerte: Wenn der Koenig hier waere, wuerde er selbst zum Angriff blasen lassen! Die Gelegenheit waere guenstig, es galt die Sicherheit, ja die Existenz der ganzen Armee. Man muesse den Franzosen schnell wieder vom Plateau hinunterwerfen! Nach einigen Stunden waere er zu stark, da waere es zu spaet! Also keine Zeit, erst aus Weimar Befehle einzuholen! - Massenbach zuckte mit den Schultern, sperrte seine runden braunen Guckloecher auf, blickte dem Fuersten unverzagt ins Gesicht und wiederholte, mit vor Ehrfurcht zitternder Stimme, den koeniglichen Befehl, hier keinen Angriff zu wagen, aber sofort nach Dornburg zu gehen, um die dort verlorengegangene Bruecke zurueckzunehmen, damit der Abmarsch der Hauptarmee ungestoert vor sich gehen konnte. Befehl ist Befehl. Zaehneknirschend fuegte sich der Fuerst, befahl seinen Braven, statt vorwaerts auf den Feind zu gehen, links abzuschwenken und nach Dornburg zu ziehen, setzte sich selbst an die Spitze, da er nun schon das Kommando uebernommen hatte, liess die Franzosen auf dem Plateaurand bleiben und ueberliess es dem General Tauentzien, mit der Avantgarde die Hauptstellung zu bewachen. Diese Stellung, vom Lager bei Kapellendorf bestimmt, war von dem uebergenialen Massenbach fast mit dem Ruecken gegen den Feind gewaehlt. Ob er es tat, um wieder einmal etwas anders und origineller als gewoehnliche Leute zu sein - um dem Feind recht nachdruecklich seine Verachtung zu zeigen -, oder aus uebergrosser Hoeflichkeit, um es ihm recht bequem zu machen, der preussischen Armee in den Ruecken zu fallen, das mag dahingestellt bleiben! Massenbachs Genie reichte aber nicht so weit, anzunehmen, dass der Feind sich gewiss nicht um des Koenigs von Preussen Verbot, zu kaempfen, kuemmern wuerde! Da man aber den Gehorsam so weit trieb, sich auch kopflos aller Vorteile einer starken Stellung zu begeben - da man also die Saale nicht einmal so lange verteidigte, dass man die Absichten des Feindes erriet - da die Bruecke ueber den Fluss nicht abgebrochen, die Stadt Jena geraeumt wurde - da der Talrand ohne Widerstand dem Feind ueberlassen und ihm gar Zeit und Raum gegeben wurde, dort, auf den beherrschenden Hoehen festen Fuss zu fassen, so waere wohl vorauszusehen gewesen, dass man, ungeachtet aller Verbote, doch gezwungen werden wuerde, eine Schlacht anzunehmen. Man haette sich also ebenso gern gleich, ohne jene Fehler zu begehen, unter unverhaeltnismaessig guenstigeren Bedingungen schlagen koennen und muessen. Statt spaeter eine Schlacht in offenem Gelaende gegen vielfache Uebermacht liefern zu muessen, haette man sich auf ein aussichtsreiches Nachhutgefecht in vorzueglichen Stellungen beschraenken und mit dem Gros der Hauptarmee nachziehen koennen. Durch den Kadavergehorsam seines Generalquartiermeisters Befehlen gegenueber, die der Befehlende selbst, nach Kenntnisnahme der veraenderten Sachlage, sicherlich sofort zurueckgenommen haette, und durch seine eigene Machtlosigkeit gegen diesen seinen boesen Geist, verlor Hohenlohe so die Schlacht, schon ehe sie geschlagen war. * Am Nachmittag desselben Tages kletterte ein kleiner Mann in grauem Rock, den dreieckigen Hut auf dem Kopfe, den Abhang des Landgrafenberges hinauf, stellte sich da oben auf den hoechsten Auslug, die Arme ueber der Brust verschraenkt, und blickte ueber die Gegend aus. Ein paar kurz hingeworfene Worte von ihm genuegten, und gleich flogen Kuriere nach allen Richtungen hinaus mit Befehlen fuer die kaiserlichen Marschaelle, schleunigst, wo sie auch waren, auf Jena zu marschieren, wo man allem Anschein nach die preussische Hauptarmee gestellt hatte. Inzwischen zog aber die preussische Hauptarmee ganz woanders in aller Gemuetsruhe weiter an der schuetzenden Saale entlang. Auf dem Landgrafenberge bei Jena bereitete sich das Gewitter vor. Aus allen Schluchten, die rundherum zur Kuppe hinauffuehrten - aus dem Rauhtal, dem Muehltal, aus der Eule und dem Steiger, fluteten in endlosem Strom nach und nach an die hunderttausend Mann hinauf mit Ross und Wagen, mit Rohren und Protzkaesten! Wie ein Gewimmel geschaeftiger Ameisen, so kribbelte und krabbelte es von kleinen nervigen, schnellfuessigen Kerls gegen den einen Punkt hin, wo der kleine Mann im grauen Rock stand. Baeume wurden gefaellt, Wege mit Geistergeschwindigkeit hervorgezaubert, und laengs der so gewonnenen Bahnen glitten immer neue Reihen von Kanonen, Protzkaesten und Pulverkarren hinauf. Und von oben keine Stoerung, kein einziger Schuss, kein ueberraschender Angriff der preussisch-saechsischen Armee, die, teils im Lager bei Kapellendorf, teils um Dornburg herum in weitlaeufige Quartiere gelegt, an alles andere eher dachte als daran, den unerbetenen Gast wieder in die Schluchten hinabzuwerfen. Der kleine Mann stand da unbeweglich als ruhender Punkt und Richtzeichen in all dem Getriebe, das auf ihn zustrebte, um nachher, von seiner Hand zusammengefasst, sich wieder strahlenfoermig, wie aus einem Faecher heraus, ueber die Gegend zu ergiessen und die preussische Armee zu umfassen, sobald der Augenblick dazu da waere. Der Wind spielte mit den Schoessen seines langen grauen Mantels. In der zunehmenden Daemmerung verwob sich ihr Flattern mit den aus den Schluchten der Saale aufsteigenden Duensten, die immerfort zunahmen, als ginge der Nebel von den grauen Rockschoessen aus. Immer dichter wurden die Duenste, schon fuellten sie die Taeler und die Schluchten und liessen einzelne Kuppen nur noch als uebriggebliebene Inseln aus der Ueberschwemmung herausragen, bis auch sie versanken und das Wolkenmeer sich vom Thueringer Wald, ueber die Unstrut, bis weit nach der Elbe hin ausbreitete, Staedte und Gehoefte verschlang und alles Leben vom Erdboden vertilgte. Im Schutz dieses Nebels fing der kleine graue Mann an, seine Netze zu legen und seine Fallen zu stellen, schnell, behende, sicher und leise schleichend wie das Unheil selbst. Sorglos ruhte das Wild. Nur weit in der Ferne und ausser Bereich des Waltens jenes unheilschwangeren Geistes wachte ein Wille, von boesen Ahnungen getrieben - ein Wille, der die Macht des Zauberers brechen wollte. Aber er war noch unfrei, noch von den Fesseln blinden Gehorsams gebunden. Bluecher - denn er war es - ging da, von quaelender Unruhe getrieben, rauchte sein kurzes Pfeifchen, schnupperte nach allen Windrichtungen hin, raeusperte sich, hustete die sauverfluchten Nebeldaempfe aus, spuckte und fluchte ueber den drueckenden Dunst, der das Atmen behinderte und den Ausblick versperrte! Er dachte daran, wie er einst im Traum den Wolken des Himmels Blitze entriss und die Nebel verscheuchte. Ja, das waere so etwas, frei zu fliegen, die Augen offen, alles sehen, im Fluge das Notwendige gleich erfassen und blitzschnell zur Tat werden lassen, statt wie jetzt, am Gaengelbande eines anderen, Befehle auszufuehren, die der erste beste Stabsoffizier ebensogut bewaeltigen koennte! Als ihn heute unterwegs der Befehl des Koenigs erreichte, sofort seine Truppen zu verlassen, um zu ihm ins Hauptquartier zu kommen, da dachte er: jetzt ist deine Zeit da, jetzt braucht man dich zu etwas, was nur du leisten kannst! Er ritt schnell wie der Wind hin und kam abgehetzt an - nur um die Nachricht zu empfangen, der Koenig schliefe und wuensche ihn erst am naechsten Morgen zu sehen. Eiliger war's also nicht! Aergerlich suchte er sich Nachtquartier in einer Scheune und ging nun davor auf und ab und lauschte auf die tausend verschiedenen Laute, die, wie Hilferufe Ertrinkender, von allen Seiten aus dem Nebel herausdrangen. Alles Leben schien von dem feuchten, klebrigen Dunst verschlungen. Fort war die stolze preussische Armee, fort die strammen Grenadiere mit ihren steif gedrehten Zoepfen und stolzen Schnauzbaerten, fort die bunten Roecke der Husaren, die Harnische der Kuerassiere, die wehenden Helmbuesche und blitzenden Seitengewehre! Alles war fort, alles versunken in den wogenden Nebelschwaden, aus denen das Rollen der Raeder, das Wiehern der Pferde, das Rufen und Pfeifen und Trommeln immer gedaempfter herausdrang, um schliesslich zu verstummen, je nachdem wie die marschierenden Gruppen ihre Biwake einnahmen. Keine Muedigkeit vermochte aber den einsamen Mann dazu zu bringen, sich auch zur Ruhe zu begeben. Am liebsten haette er sich an die Spitze seiner "Roten" gesetzt, waere, auch ohne Befehl, aufs Geratewohl in den Nebel hineingaloppiert, haette die Gegend bis zur Saale nach Franzosen abgepirscht, haette das Kroppzeug gestellt, und, wie schon sooft, mit dem preussischen Husarensaebel traktiert. Aber, es wollte hier alles befohlen sein! Und die Kunst des Befehlens war den wenigsten gegeben! Der Teufel mochte auch wissen, wo seine "Roten" biwakierten und wie weit sie zurueckgeblieben waren! Ohne sie gelaenge kein Streich! Die anderen von der Kavallerie, das waren eben die anderen! Stunde um Stunde verging; die Duenste begannen allmaehlich eine hellere Faerbung anzunehmen; irgendwo im Osten wuehlte etwas Gelbliches sich muehsam Weg durch die Nebel. Hoch und hoeher stieg es, ohne mehr zu erreichen, als die Dichtigkeit der Dunstschleier noch anschaulicher zu machen. Ein fahles Licht war alles, was bis zur Erde durchsickern konnte, so dass man zur Not noch die Hand vor den Augen sah! Rundherum fing es aber an zu heulen und zu rufen, als zoegen die alten Recken der Urzeit wiederum zur Jagd auf den Thueringer Wald, waehrend die Raeder ihrer Streitwagen ratterten, die Pferde wieherten und die Sippen folgten, unter Geschrei und Gejohle, um die erlegte Beute zu zerteilen und fortzubringen. Das Getoese nahm zu und schwoll, vom Nebel zusammengefasst, immer unheimlicher an. Jetzt zogen die alten Heidengoetter zum Ragnaroek aus; die Midgardsschlange ringelte ihren Leib um die Welt; der Fenriswolf sperrte seinen Rachen auf; alles eilte dem Endkampf entgegen - die Goetterdaemmerung war da! Und er musste hier auf Befehle warten, statt sie selbst wie zuendende Funken in den Tumult hineinzuschmettern! Er hielt's nicht laenger aus. Er befahl, das Pferd vorzufuehren, liess seine Adjutanten wecken - seinen Sohn, den Rittmeister von Bluecher und den Rittmeister Graf von der Goltz - und ritt, von ihnen gefolgt, um sich beim Koenige zu melden. Der Koenig war schon zu Pferd. Er liess Bluecher wissen, dass bei Koesen Franzosen ueber die Saale gegangen waren, und dass er gegen sie vorgehen muesse. Befehle moege er sich beim Oberkommandierenden, dem Herzog von Braunschweig, holen. Der Herzog gab Bluecher, da die "Roten" noch nicht angelangt waren, von der Division Schmettau mit, was von den Heisingschen Kuerassieren und vom Dragonerregiment Koenigin da war. General Schmettau, der seine Kavallerie selbst gut gebrauchen konnte, nahm das gewaltig krumm, ohne es indessen aendern zu koennen. Bluecher selbst, nicht gerade froh, seine eigenen Leute nicht um sich zu wissen, liess aber fuenf gerade sein, liess zum Sammeln blasen, setzte sich an die Spitze der Regimenter und galoppierte in den Nebel hinein! Auf dem Landgrafenberg bei Jena aber war sein Widersacher, der kleine Mann im grauen Rock, nicht muessig gewesen. Ihm hatte keiner etwas zu befehlen. Und das Glueck war mit ihm. Kein Feind stoerte sein waghalsiges Unterfangen, seine ganze Armee die Schluchten nach dem Berg hinaufklimmen zu lassen - kein ueberraschender Angriff beim Aufmarsch -, kein ploetzliches Hineinkartaetschen in die marschierenden Massen. Alles ging wie am Schnuerchen. Und er selbst biwakierte inmitten seiner Garden auf der hoechsten Kuppe so ruhig, als schliefe er in seinem Bett in den Tuilerien. Nichts konnte seinen Schlaf stoeren, weder truebe Ahnungen noch der aus allen Schluchten des Saaletales hervordraengende Laerm, der die ganze Nacht anhielt, bis seine stolze Armee oben und nach allen Seiten hin in die vorbezeichneten Stellungen aufmarschiert war! Selbst hatte er schon die Stellungen der preussischen Armee rekognosziert und war bisweilen so nahe an sie herangekommen, dass er Feuer bekam und sich schnell niederwerfen musste. Dann fing er, vom Nebel beguenstigt, an, seine Truppen wie Schachfiguren hin und her zu schieben, schob Davoust mit seinem Korps weit ueber Naumburg hinaus, um die preussische Armee von ihren Verbindungen abzuschneiden, zog selbst alles Erreichbare von dem anderen Korps an sich heran und stand zum Losschlagen bereit. Gegen Morgen fing es dann an im Nebel zu rattern und zu knattern. Das zeitweilige Aufblitzen des Muendungsfeuers aus den Gewehren und Geschuetzen gab zu erkennen, wo Freund und Feind waren, liess aber keinen Schluss auf die Menge oder die Art der kaempfenden Truppen zu. Die Preussen griffen an. Graf Tauentzien hatte die Bataillone Erichsen, Pelet und Rosen bei Closewitz-Luetzeroda und im Issenstedter Forst aufgestellt und ging selbst von Dornburg aus mit mehreren saechsischen Bataillonen vor. Gegen sich aber hatte er die drei Divisionen des Marschalls Lannes mit vielem Geschuetz. Ganze Regimenter loeste dieser als Tirailleurs auf, die Tauentziens kleine Schar so heftig bedraengten, dass er sie auf Vierzehnheiligen und Altengoenne zuruecknehmen und hinter den Divisionen des Generals Grawert in Aufnahmestellung fuehren musste. Dieser hatte den Nachteil von Massenbachs dumm gewaehltem Lager nach Moeglichkeit wieder gutzumachen gesucht. Er hatte seinen linken Fluegel linksherum auf Klein-Romstedt geworfen, bekam so die Front auf Vierzehnheiligen und kehrte, wie sich's gehoerte, dem Feinde das Gesicht zu, statt den Ruecken, was ihm nachtraeglich gar das Lob eines grossen Feldherrn eingebracht hat. Gegen Grawert schwaermten nun die franzoesischen Tirailleurs wie die Grasmuecken aus und fuellten die ganze Gegend. Ihnen war auch Artillerie beigegeben, so dass der Aufmarsch der Division Grawert im heftigsten Feuer stattfinden musste. Trotzdem avancierten die Grenadiere so ruhig, als waeren sie auf dem Exerzierplatz. Mit klingendem Spiel ging's im Geschwindschritt vorwaerts, so dass die Infanterie dicht hinter der auf Linien auseinandergezogenen Kavallerie blieb. Fast bis zu Vierzehnheiligen heran kamen sie. Dann liess Hohenlohe haltmachen, um das Fallen des Nebels abzuwarten. Der Feind indessen wartete nicht, sondern schoss wacker hinein in die wie Schiessscheiben dastehenden Reihen und lichtete sie nach Kraeften. Er selbst war nicht zu sehen. Hinter jeder Unebenheit des Bodens nahm er Deckung und hatte seine Kanonen so gut eingegraben, dass vom Rohre nichts zu sehen war. Da sowohl Infanterie wie Kavallerie durch diese ununterbrochene Belaestigung unruhig wurden, war ja nichts natuerlicher, als die letztere gleich zur Attacke anzusetzen, sie zwischen die tiraillierenden Monsieurs hineinsausen zu lassen und diese auf die preussische Infanterie zuzutreiben. Aber der Gedanke fand bei der Fuehrung keine Gegenliebe, die Kavallerie blieb weiter auf dem Flecke als Zielscheibe und durfte ihre Saebel nicht gebrauchen. Endlich fiel der Nebel, und vor den Augen der Tapferen tauchten die franzoesischen Linien auf, wie sie mit klingendem Spiel zum Angriff vorgingen und weit ueber die beiden Fluegel der Preussen hinauslangten. Hinter ihnen standen ganze Kolonnen, von denen immer mehr Leute in die Linien einschwenkten, je nachdem, wie sie sich dehnten und Luecken entstanden. Vor der drohenden Ueberfluegelung wankte und wich bei den Preussen alles zurueck. Und wo's zurueckgeht, ist's vorbei mit Vertrauen und Zuversicht. Hier und dort riss Unordnung ein, die Unordnung artete zur Flucht aus. Und der Franzose, nicht faul, liess seine Kavallerie los, wo er die geringste Verwirrung witterte. Wie die Affen sausten die kleinen betrunkenen Kerls drein, fuchtelnd und schreiend, und ritten alles nieder, schon weil sie ihre eigenen Pferde nicht halten konnten. Manch preussischer Kavallerist biss vor Wut die Zaehne zusammen oder fluchte laut ueber die unfaehige Leitung, die es gar nicht zum Dreinhauen kommen liess! Sie raubte so den Preussen ihre beste Waffe, setzte sie falsch ein, zog sie in Linien aus, liess sie im Kartaetschenfeuer stehen oder nur schleichend vorruecken - etwas, was weder Leute noch Pferde aushielten. Voll Neid schielten sie zu den Sachsen hinueber deren Kavallerie, obwohl nicht besser, weit mehr leistete, weil sie besser gefuehrt war. Immer mehr rueckte die Front der Franzosen vor, unter Trommelschlag und schmetternden Fanfaren, drueckte die Mitte gegen das Dorf Vierzehnheiligen, bog den rechten Fluegel um die preussische Linie herum - schob seinen linken Fluegel weit ueber die nach Weimar fuehrende Chaussee hinaus und umfasste den preussischen rechten. Der Rueckzug artete in Flucht aus. Die saechsischen Bataillone Maximilian, Rechten und Winkel nahmen dabei mechanisch die Faehrte auf die naechste Chaussee auf, gleichviel wohin sie fuehrte, und kamen so gen Weimar, was ganz verkehrt war. Und die Naechststehenden folgten in gleicher Richtung. Auf dem linken Fluegel dagegen gingen Tauentzien und Holtzendorf auf Apolda zurueck. Die Armee wurde dadurch in zwei Teile gerissen, und der Feind, nicht saumselig, schob nach, was er konnte, und foerderte so nach Kraeften die Trennung. Die Ankunft des Generals Ruechel mit seinen fuenfzehn Bataillonen aenderte an der Niederlage nichts. Gegen die Uebermacht konnte seine Armee ebensowenig an wie die Hohenlohes, der seine Soldaten keinesfalls an Tapferkeit nachstanden. Er liess sie in Treffen geordnet, staffelweise - "_en echelons_" - vorruecken. Sie schlugen sich brav, solange es ging, wankten dann, wichen und flohen. Er selbst wurde auch, wie alle anderen Befehlshaber, verwundet und vom Strudel der Fliehenden mitgerissen. Sein ganzes Vorgehen hielt den doppelt ueberlegenen Feind nicht von der Verfolgung ab - es war bloss eine Einzelhandlung mehr in dieser aus lauter Teilkaempfen bestehenden Schlacht, in der grosszuegige Fuehrung nur auf seiten Napoleons zu finden war. Waehrend dies alles sich bei Jena zutrug, war weiter noerdlich auf dem Plateau hinter der Saale, bei Koesen, Bluecher mit der Avantgarde in den Nebel hineingaloppiert. Er stiess dann ploetzlich auf etwas, das er fuer eine Hecke ansah, bald aber als feindliche Infanterie erkennen musste. Er segnete den Nebel, der es ihm so ermoeglicht hatte, in den Ruecken der feindlichen Aufstellung zu kommen, fluchte aber, weil er nicht daran gedacht hatte, den Oberbefehlshaber gleich um mehr Truppen zu bitten, und schickte den Grafen von der Goltz spornstracks zurueck, um Infanterie und reitende Artillerie zu holen. Dann wuerde er versuchen, die feindliche Aufstellung aufzurollen, und es waere ihm auch gelungen. Aber sein Adjutant kam nicht zurueck, sein Sohn, den er nachschickte, kam wohl wieder, aber ohne Bescheid. Weder Infanterie noch Artillerie wurden ihm geschickt, dafuer fuhr eine Batterie die Chaussee nach Hassenhausen in Karriere hinauf und wurde vom Feind in der Fahrt genommen. Bluecher gab dann seinen Eskadrons Befehl zur Attacke, um auch so die feindliche Infanterie zu durchbrechen. Sie erhielten zwar von links starkes Kartaetschenfeuer, gingen aber trotzdem erfolgreich vor, bis auf einmal, durch irgendeine Schlamperei, bei irgendeiner Schwadron "Kehrt" geblasen wurde, und infolgedessen alles stockte und zurueckwich. Bluecher stellte die Ordnung wieder her und erneute den Angriff. Um das Mass der Unordnung vollzumachen, wurde er aber dabei im Ruecken von der eigenen Artillerie beschossen, und da war es aus! Die Kavallerie, die sich umzingelt glaubte, wich, und als Bluechers Pferd erschossen wurde und man den General selbst fallen sah, wandte sich alles zur Flucht, und er selbst, auf dem Pferd eines Trompeters nacheilend, wurde vom Strom der Fliehenden mitgerissen. Vergebens stellte er sich mit einer Standarte in der Hand den Leuten entgegen, und bat und beschwor sie, stehenzubleiben, - sie waren nicht zu halten. Inzwischen waren die Divisionen von Schmettau und Wartensleben rechts und links von der von Auerstedt nach Hassenhausen fuehrenden Chaussee aufmarschiert und zum Angriff vorgegangen, um dem Feind diesen seinen einzigen Stuetzpunkt diesseits der Saale zu entreissen. Ihre altgewohnte Taktik aus der friderizianischen Zeit - das Avancieren _en echelons_ -, Bataillonssalven abzugeben und mit dem Bajonett den Rest zu erledigen, kam trotz aller Tapferkeit nicht gegen die neue Kampfart des Gegners auf. Sie litten entsetzlich im Tirailleurfeuer der behenden Franzosen, deren Kartaetschen grosse Gassen in ihre wie Zielscheiben dastehenden Glieder rissen. Gleich zu Anfang der Schlacht wurde General Schmettau erschossen. Der Herzog schickte darauf seinen Generalquartiermeister Scharnhorst nach dem linken Fluegel, um die Ordnung wiederherzustellen und dort zu befehlen. Als er aber selbst kurz darauf durch die Augen geschossen wurde, da fehlte Scharnhorst, der ja die Befehlsausgabe fuer das Ganze zu ordnen hatte, an der entscheidenden Stelle, und die Preussen waren ohne Fuehrung. Feldmarschall Moellendorf war da, war aber schon zu alt und versagte voellig. Der Koenig war zu unerfahren und auch zu unentschlossen. Die Schlacht war, wenn sie weiterging, trotz aller anfaenglichen Misserfolge gewonnen. Allein man ahnte es nicht. Man haette wohl wissen koennen und muessen, dass man hoechstens ein einziges franzoesisches Korps sich gegenueber hatte -, dass man also ueber eine erdrueckende Uebermacht verfuegte! Davoust hatte mehr gelitten als die Preussen und hatte keine Reserven mehr. Aber die preussischen Reserven unter Kalckreuth waren noch intakt. Bluecher ahnte, wie die Sache stand. Er bat den Koenig um Kavallerie, um noch einmal den Versuch zu machen, eine Entscheidung herbeizufuehren. Er erhielt sie auch, aber, gerade als er zur Attacke blasen lassen wollte, auch den unausbleiblichen Gegenbefehl. Er solle es lieber bleibenlassen. Es nuetze doch nichts mehr. Die Kavallerie hatte es ja heute schon einmal schlecht gemacht. Und die Reserven, die bei Eckartsberga standen und untaetig zusahen, wie sich ihre Kameraden verbluteten -, die wollte der Koenig nicht auch noch opfern! Er glaubte nicht an den Sieg und siegte infolgedessen nicht. Er begnuegte sich damit, zu befehlen, die Schlacht abzubrechen und einen allgemeinen Rueckzug auf Weimar zu nehmen, um sich dort mit Hohenlohe zu vereinigen. * Bluecher war tobend und fluchend fortgeritten, als der Koenig ihm seine Zustimmung versagte, noch einmal mit der Kavallerie die Schlacht wiederherzustellen. Der Koenig, der seinen alten Haudegen kannte und ihm nicht recht traute, schickte ihm gleich einen Adjutanten nach mit dem Befehl, zurueckzukehren und bei seiner Person zu bleiben. Sonst waere es nicht sicher, dass nicht Bluecher auf eigene Faust hin doch noch etwas unternaehme! Der Alte kam, meldete sich steif und korrekt zur Stelle, nahm seinen Platz im Gefolge ein, wurde vom Koenig ins Gespraech gezogen, ritt gehorsamst heran, salutierte, antwortete kurz: "Zu Befehl, ja - zu Befehl, nein!" auf alle Fragen, die der Koenig an ihn richtete, und kam aus der Einsilbigkeit gar nicht heraus. Der Koenig liess sich aber nichts merken. Er tat, als waere alles in bester Ordnung, und sprach weiter auf Bluecher ein, ohne seine schlechte Laune zu beachten. Und das passte Bluecher nun ganz und gar nicht in den Kram. Als der Koenig ihm seine Ansichten ueber die Ereignisse des Tages mit einer fuer ihn sehr ungewoehnlichen Gespraechigkeit auseinandergesetzt hatte und eine Pause machte, in der Erwartung, nun Bluechers Meinung zu hoeren zu bekommen, da schwieg Bluecher steifnackig weiter. Der Koenig konnte dann nicht umhin, ein wenig die Majestaet herauszukehren. Er hielt sein Pferd an, was eine Stockung in der Vorwaertsbewegung des ganzen Gefolges bewirkte, blickte auf Bluecher, dessen Pferd auch gehorsamst und alleruntertaenigst stehenblieb und sagte ein wenig ungeduldig: "Nun? - Endlich Meinung hoeren lassen!" "Zu Befehl, Majestaet, meine Meinung ist _die_, wir reiten in verkehrter Richtung!" "Was heisst das?" "Wir kehren dem Feind den Ruecken -, das ist immer verkehrt! Die Richtung vorwaerts ist mir lieber!" "Uns auch! Wenn aber unsere Leute zurueckgehen!" "Hasenfuesse gibt's in jeder Armee. Es sind aber genug tapfere Maenner dabei gewesen!" "Wir waren ueberfluegelt!" "Die Ueberfluegelung haette ich abgestossen, so Eure Majestaet mich haette gewaehren lassen!" "Es waere Ihm ebenso schlecht gegangen wie bei Seiner ersten Attacke!" "Die erste Attacke waere auch gut gegangen, haette uns die eigene Artillerie nicht mit Kartaetschen beworfen! Der Feind war schon erschuettert! Er hatte keine Reserven! Unsere Reserven waren nicht zum Kampf gekommen. Die Schlacht stand schon. Ein kleiner Stoss noch, und sie wandte sich zu unseren Gunsten! Wir haetten Davoust vernichtet und uns freie Bahn in der alten Marschrichtung erkaempft! Majestaet wollen's mir zu Gnaden halten, aber fuer so etwas habe ich Nase!" "Und wenn's doch anders gekommen waere, als Er denkt, und das waere gewiss der Fall gewesen - wir haetten nur unnuetz das Blut unserer Leute verspritzt!" "Majestaet halten zu Gnaden, aber dazu sind wir alle da! Wenn's gilt, Koenig und Volk zu retten, ist kein Leben zu teuer!" Der Koenig schwieg. Eine Weile ritten sie in Gedanken heiter. Er fing schon an zu dunkeln. Ploetzlich hielt der Koenig wieder sein Pferd an und richtete sich straff auf; seine hohe Gestalt zeichnete sich kraeftig gegen den Oktoberhimmel ab. "Nun haben wir ihn!" dachte Bluecher. "Jetzt gibt er klein bei. Jetzt gibt er den Befehl zur Umkehr und laesst uns die Schlacht erneuern!" Er hatte sich getaeuscht. Der Koenig seufzte nur, blickte ihn dann an und sagte trocken: "Er haette das Spiel nicht gewonnen, Bluecher!" "Ich habe wohl dann und wann ein Spiel verloren, Majestaet - aber noch oefter eins gewonnen! Und das nur, weil ich das Spiel _gewagt_ habe!" Der Koenig hatte schon eine derbe Antwort bereit. Da knatterte es ploetzlich irgendwo auf der rechten Seite los, Bluecher gab seinem Pferd die Sporen, sprengte hin, um zu sehen, was los war, und kam zurueck mit der Meldung, man haette ein paar naseweise Chasseurs zum Teufel gejagt. "Werden uns noch durchschlagen muessen!" sagte der Koenig eintoenig und setzte den Weg fort. Bluecher ritt voraus und untersuchte das Terrain, war bald hier, bald dort und kehrte bisweilen zum Koenig zurueck mit der Meldung ueber seine Wahrnehmungen, wurde fuer seine Fuersorge bedankt, aber sonst nicht weiter ins Gespraech gezogen. Auf einmal, dicht vor Buttstedt, erhob sich an der Spitze der zurueckgehenden Kolonnen ein grosses Geschrei. Herannahen von Truppen wurde gemeldet. "Die Franzosen sind da!" schrie alles. "Wir sind abgeschnitten!" Und gleichzeitig knallte es rechts und links im Gebuesch los. Alles stockte. Patrouillen gingen vor und kamen zurueck mit der Nachricht, Teile der Armee Hohenlohe zoegen aus entgegengesetzter Richtung heran. Man haette heute bei Jena gekaempft, der Fuerst waere geschlagen und gefluechtet - man wisse nicht wohin - Grawert und Ruechel waeren vernichtet, die Sachsen gefangen - die Franzosen verfolgten gegen Weimar die dorthin Geflohenen, man haette auch hier bald mit ihrem Erscheinen zu rechnen! Alles stuerzte vor, um selbst zu sehen und zu hoeren und von den Anrueckenden naehere Kunde zu bekommen. Jede Ordnung hoerte auf. Die Verbaende wurden zerrissen, alles eilte in wirren Haufen durcheinander, schreiend, fluchend, tobend, ohne zu wissen wohin, ohne auf das Kommando zu hoeren, nur vorwaerts auf dem naechsten Weg. Und ging's nicht schnell genug auf den von der Bagage verstopften Chausseen, dann wurde einfach gepluendert, die Regimentskassen verteilt, die Proviantwagen geleert und in die Graeben geworfen. Und wo es etwas Trinkbares zu fassen gab, wurde sofort ein allgemeines Gelage veranstaltet. Die Trunkenheit nahm bei den durch langen Hunger entkraefteten Soldaten reissend zu. Wueste Schmaehreden auf die Offiziere, die das ganze Unglueck verschuldet hatten, wurden laut, die unflaetigsten Schimpfwoerter schwirrten durch die Luft, vermischt mit dem kreischenden Gesang der betrunkenen Polen, die mit Sack und Pack abzogen und sich laut damit bruesteten, dass sie nun zu den Franzosen uebergingen. Die Offiziere, die Ordnung zu schaffen suchten, wurden groeblichst insultiert. Die Quaelgeister unter ihnen ernteten jetzt die Frucht lange keimenden Missvergnuegens, wurden geschlagen, geschmaeht und ihnen ins Gesicht gespuckt. - Die Mannschaften rissen ihre Abzeichen ab, warfen Knoepfe, Achselklappen, Packung und Gewehre in den Kot, dass die Landstrasse weithin mit den fortgeworfenen Gegenstaenden besaet wurde. "Mit Preussen ist's jetzt aus!" schrien sie, "Preussen ist hin! Unseres Diensteides sind wir ledig!" Der Koenig war gleich nach Empfang der Ungluecksbotschaft von Jena mit seinem Gefolge weitergeritten. Er nahm den Weg, statt nach Weimar, nordwestlich gen Soemmerda, um von dort nach Sondershausen zu kommen, welchen Ort er als neuen Treffpunkt und Sammelstelle fuer die Armee angab. Sein Befehl an die Truppen, ihm dorthin zu folgen, wurde nur von einem Teil befolgt. Ein grosser Teil unter Moellendorf und Oranien war schon dicht vor Weimar angelangt und zog von dort weiter nach Erfurt. Der Koenig nahm in Soemmerda Quartier und begab sich gleich zur Ruhe. Am folgenden Tag setzten ihm die Generaele zu, er moechte schnellstens vorreisen, um im Hinterlande den Widerstand zu organisieren. Er waere jetzt da viel noetiger als hier. Er weigerte sich aber standhaft, die Armee zu verlassen. Bluecher schwieg sich anfangs zu der Sache aus. Er ueberlegte es sich so: Als Heerfuehrer ist der Koenig ebenso unerprobt und unfertig, wie die hohen Generaele untauglich. Ist der Vorteil, die Autoritaet des Koenigs im Bedarfsfalle zur Stelle zu haben, groesser als der Nachteil, selbst moeglicherweise vor ihr zurueckweichen zu muessen? Die Sache schien ihm unsicher. Allein wuerde er am Ende mit den Generaelen am besten fertig. Da brauchte er kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Entschlossen setzte auch er dem Koenig zu und brach dessen Widerstand. In liebenswuerdigster Weise bedankte sich der Koenig bei Bluecher fuer dessen umsichtige Fuehrung bei dem gefahrvollen Nachtritt und entband ihn von der Pflicht, ihn weiter zu begleiten, da die Armee seine Kraft anderswo besser benoetige. Aber von den roten Husaren naehme er gern die Eskorte fuer die Weiterfahrt nach Sondershausen an. Bluechers Augen leuchteten vor Freude, als er das hoerte. Die noetigen Befehle waren schnell gegeben. Aus den Reihen seines stark zusammengeschmolzenen Regiments suchte er selbst die sichersten und erprobtesten Leute aus, und bald zog da eine kleine Schar von fuenfzig Husaren vor dem Quartier des Koenigs auf, unter dem Befehl des Rittmeisters von Wolky, dem des Generals zweiter Sohn, der Leutnant von Bluecher, beigegeben war. Die "Roten" waren sehr ungehalten ueber den Rueckzug, gerade wo sie die Hoffnung gehabt hatten, gegen den Feind gefuehrt zu werden, und zwar von ihrem Alten selbst, den sie in der Schlacht schmerzlich vermisst hatten. "Der Feind brauchte nicht viele Schlaege mehr," meinte einer, "warum wurde nicht die Reserve eingesetzt?" "Der alte Kalckreuth ist schon schlapp!" antwortete ein anderer. "Er hatte schon laengst einen Knacks, und nun geht ihm wohl vollends die Puste aus!" "Wir haetten bei unserem Alten sein muessen, als er zur Attacke blasen liess!" sagte noch einer. "Da waer's ein anderer Tanz geworden! Wir haetten ihn nicht aufsitzen lassen! Dunnerslag - so davonzulaufen vor den paar Chasseurs! Eine Schmach war's und eine Schande! Aber die Koenigindragoner - - und die Reitzensteinkuerassiere - und gar die von Heising! Die denken nur an ihren Magen! Ihre besten Leute fouragierten, als es zur Schlacht gehen sollte, und die anderen, nun, die sind eben nur bei den Paraden zu gebrauchen! Na, nun werden wir ja - - - Kinder - das Regiment kommt zu Ehren!" "Man gut, dass wir zusammenblieben und hierherkamen. Ich war schon entschlossen, mich in den Busch zu schlagen und zu sehen, wie ich durchkaeme, als der Kuddelmuddel unterwegs losging und alles davon redete, sich dem Franzmann zu ergeben! Und haette ich unseren Alten nicht gesehen - ich waere laengst ueber alle Berge!" Da kommandierte der Rittmeister: "Achtung!" Die Glieder richteten sich; die Leute sassen wie angegossen in den Saetteln; auf Kommando flogen die Saebel aus den Scheiden und salutierten. Denn Bluecher erschien jetzt auf der Freitreppe, von zwei Lakaien mit brennenden Armleuchtern begleitet. Wie er so dastand in der Oktobernacht, hoch, schlank und elastisch wie eine Stahlfeder, das Gesicht mit dem grauen Schnurrbart frisch geroetet, die dunkelblauen Augen vor innerer Glut funkelnd, da war's jedem der unten Harrenden, als traete er ihnen heute zum erstenmal vor Augen als der Herr und Gebieter, dessen Wort ein jeder sich zu fuegen hatte, und wenn's geradeswegs in den Tod ginge! Ein Gefuehl von Sicherheit und Zutrauen kam sofort ueber sie; die Haltung straffte sich, die Faust krampfte sich staehlern um den Saebelgriff, die Schenkel griffen fester um den Sattel, so dass Reiter und Pferd miteinander verwachsen schienen. Und als Bluecher vortrat, und mit seiner sonoren, weithin schallenden Bassstimme ihnen zurief: der Koenig habe dem Regiment die Gnade erwiesen und von ihm eine Eskorte angenommen, und er, Bluecher, erwarte von jedem einzelnen unter ihnen, dass er sich der hohen Ehre wuerdig zeige und sein Aeusserstes hergebe, um die geheiligte Person des Monarchen gluecklich durch alle Faehrnisse hindurchzubringen, da bedurfte es nicht noch der Drohung, mit der er glaubte seinen Worten weiteren Nachdruck geben zu muessen, als er die Worte hinzusetzte: "Und das sage ich euch, Kinder, wer von euch nach einem etwaigen Unglueck mir noch lebendig unter die Augen zu treten wagen sollte, den wuerde ich mit eigenem Haenden in Stuecke hauen!" Eisenhart klang das, und eisenhart stand der Alte da, wie ein Engel des Gerichts, die Hand auf dem Saebel. Nicht seinen lieben Roten galten diese drohenden Worte, das wussten sie alle! Sie wussten, dass er sie wohl kannte und keinen Zweifel an ihnen hatte. Er war ihr Vater und sie seine Kinder, Fleisch seines Fleisches, Blut seines Blutes! Wie er fuer sie und mit ihnen, so wuerden sie alle freudig auf seinen geringsten Wink in den Tod reiten - dazu bedurfte es weiter keiner Mahnung und beileibe keiner Drohung! Die Worte soeben, die hatten den anderen gegolten, die gestern so schlecht geritten waren und ihren Alten im Stich gelassen hatten, statt ihm zum Sieg zu folgen! _Denen_ waren sie ein gerechter Vorwurf, und die trafen sie auch - an den Roten vorbei, die dabei stolz blickten und mit begeisterten Zurufen seine Ansprache beantworteten. Dann rief Bluecher den Rittmeister von Wolky und seinen Sohn zu sich, sagte ihnen, er haette befohlen, dass das Husarenregiment von Schimmelpfennig und das Dragonerregiment von Kraft rechts und links von der Chaussee marschieren sollten, um die Reise des Koenigs zu sichern - befahl ihnen aeusserste Wachsamkeit und ging dann hinein, um dem Koenig zu melden, dass alles bereit sei. Der Koenig wartete schon. Er bat die Generaele, sich vorlaeufig auf keine Kampfhandlungen einzulassen, da er dem Kaiser Napoleon geschrieben haette und Waffenstillstandsverhandlungen in Aussicht staenden. Dann verabschiedete er sich vom General von Kalckreuth, dem er den Oberbefehl ueber saemtliche in Soemmerda stehenden Truppen uebertrug, verbat sich das Geleit des alten, todmueden Herrn, liess sich von Bluecher hinausbegleiten, stieg mit seinem Gefolge zu Pferde und trabte davon. Bluecher, von stolzer Genugtuung erfuellt, blieb stehen, solange er noch die wogenden Reihen seiner roten "Kinder" sehen konnte. Dann machte er kehrt und ging zum General Kalckreuth hinein, um die weiteren Massnahmen zu besprechen. Er fand den alten Herrn gaenzlich gebrochen vor. Im Lehnstuhl zusammengesunken, kaum noch atmend, sass er da und starrte wie entgeistert ins Leere hinaus. An der Tuer wartete ein eben angekommener Kurier. Mit einer schwachen Handbewegung zeigte Kalckreuth auf den Boten und sagte tonlos: "Erfurt kapituliert! Moellendorf und Oranien mit zehntausend Mann unserer besten Truppen haben sich kampflos Murat ergeben! Die Zitadelle Petersberg auch!" "Die Zitadelle auch?!" Bluecher schlug auf den Tisch, dass der alte Kalckreuth vor Schrecken fast vom Stuhle gefallen waere. Er schrie, dass alles zusammenlief und bestuerzt ins Zimmer draengte, denkend, die Generaele waeren vom Feind ueberfallen worden - obwohl der Feind doch nicht, wie der leibhaftige Gottseibeiuns, durch den Schornstein zu kommen pflegte! "Himmeldonnerwetter!" schrie Bluecher, "schlag diese Schufte tausend Millionen Klafter in die Erde hinein, die Koenig und Land verraten - diese Memmen, die nicht den Mut finden, lieber zu sterben, als ewige Schande auf sich zu laden - diese hundsmiserablen Mummelgreise, die zu weiter nichts taugen, als alt und ueberfluessig zu werden und im Wege zu stehen! Ich hab's kommen sehen! Ich hab's gewusst! Da soll aber nur noch einer versuchen das Maul aufzutun, um von Kapitulation zu reden! Wer's wagt, den erwuerge ich mit diesen Haenden. Und wenn mich darob der Teufel lebendigen Leibes dreimal holen wuerde - ich tu's!" Der alte Kalckreuth erhob sich auf zitternden Beinen bei der fuerchterlichen Drohung. Bleich, abgehetzt, todmuede von dem Nachtmarsch und der vorhergehenden Schlacht, stand er da, die lebendige Illustration zu dem Worte Kapitulation, und sah schon halb erwuergt aus. Er oeffnete die Lippen - aber ehe er noch etwas entgegnen konnte, meldete sich ein eben eingetroffener Kurier Hohenlohes, rapportierte, der Fuerst sei wohlbehalten in Vippach und erbaete sich vom Koenig Befehle. "In Vippach!" rief Bluecher. "Geb Gott, er waere ganz woanders, wo's recht heiss ist! Geb Gott, er waere in der Hoelle mitsamt seinem Massenbach, und kaeme nie wieder auf deutscher Erde zum Vorschein! Sonst erleben wir womoeglich noch groessere Schweinereien als die, die er uns in Jena bescherte! Was will der Fuerst noch Befehle, wo er ihnen doch nicht gehorcht?!" Kalckreuth stand mit offenem Munde und unausgesprochener Antwort und blickte ihn entsetzt an. Schliesslich winkte er den Boten naeher heran und gab ihm mit tonloser Stimme den Bescheid: er moege seinem Herrn bestellen, der Koenig waere in Sondershausen, und der Fuerst wuerde gut tun, sich auch dorthin zu begeben und sich dort Befehle zu holen. Dann schrumpfte er in dem Stuhl zu einem leblosen Haufen mueder Menschlichkeit zusammen und schlief auf der Stelle ein. Bluecher aber liess sich ein kraeftiges Fruehstueck kommen und war bald wieder bereit, es mit jedem Schicksal aufzunehmen. * Die von Bluecher befehligte Arrieregarde war auf dem Rueckzug bis in die Gegend von Weissensee gekommen, als ploetzlich Prinz August, der ein Bataillon im Regiment Koenig befehligte, in voller Karriere an Bluecher heransprengte und ihm schon aus der Ferne laut zurief: "Die Hundsfoetter! Die Hundsfoetter! Kommen Sie rasch mit, General, wenn Sie das Unglueck noch verhindern wollen, sonst haben wir im naechsten Augenblick die Kapitulation!" "Da soll doch der Donner dreinschlagen!" rief Bluecher, hochrot im Gesicht. "Sind die Leute denn alle alte Weiber geworden?" Er gab seinem Pferd die Sporen und sprengte nach dem Standort des Kalckreuthschen Oberkommandos, wo der alte General eben im Begriff war, sich zur Unterredung mit dem Marschall Soult zu begeben. "Wer redet hier von Kapitulation?" schrie Bluecher ihn an. "Da kann doch keine Rede davon sein, dass wir kapitulieren muessen! Wir schlagen uns durch, wenn's sein muss - aber uns ergeben? Nee! Das geschieht nie und nimmer!" Kalckreuth setzte ihm lang und breit die Verhaeltnisse auseinander, die ihn zwangen, besondere Ruecksichten zu nehmen: die koeniglichen Prinzen, die in seiner Armee standen - die Garden, die er dem Koenig unversehrt erhalten muesse, und schliesslich, aber nicht zuletzt, des Koenigs Verbot, sich in einen Kampf einzulassen. - "Was die Prinzen betrifft," antwortete Bluecher, "so sind sie selbst sicherlich die letzten zu verlangen, dass hier kapitulieret wird, damit ihre Haut heil bleibt. Sie werden sich fuer die Ehre bedanken. Und der Kopf eines Gardisten ist nicht einen roten Heller mehr wert als der eines gemeinen Soldaten. Der Koenig hat Kampfhandlungen verboten, sehr wohl! Aber er hat uns nicht befohlen, seine Truppen dem Feind auszuliefern. Noch weniger hat er uns untersagt, uns zu wehren, wenn wir angegriffen werden, oder den Franzmann zu werfen, wenn er sich uns in den Weg legt. Pulver und Blei haben wir genug, scharfe Saebel auch; sowie Leute, die dem Franzmann damit dienen koennen. Wer wird so daemlich sein, dem Franzmann da etwas anderes als blanke Hiebe zu geben?!" Kalckreuth wollte noch etwas entgegnen. Ehe er aber dazu kam, erhob zum masslosen Staunen Bluechers der Oberst von Massenbach seine Stimme - Massenbach, der bei Jena von seinem Opfer, Hohenlohe, getrennt worden war und jetzt ploetzlich im Hauptquartier Kalckreuths zum Vorschein kam. Dieser Ungluecksmensch tat also sein wortreiches Maul auf und uebersprudelte gleich von Gruenden und Gegengruenden und grosszuegigen Projekten, die gaenzlich in den Wolken hingen. Die Nutzlosigkeit jedes weiteren Kampfes staende ohne weiteres fest, die brauche er nicht noch darzutun nach den Niederlagen, von denen die preussische Armee betroffen worden war. "Wozu noch mehr vergebliche Blutopfer! Wenn man unter den obwaltenden Umstaenden kapituliert, dann nimmt man nicht dem Koenig eine Armee, sondern erhaelt sie ihm!" sagte er dann und beantwortete die entruesteten und erstaunten Ausrufe, die diese verblueffende Bemerkung begleiteten, mit einem selbstgefaelligen und ueberlegenen Laecheln. "Kapitulieren wir - ich wiederhole es -, dann erhalten wir dem Koenig seine Armee! Denn der Kaiser Napoleon ist gross; er ist erhaben und edeldenkend; er ist nicht nur ein grosser Feldherr und ein wahrhaft grosser Mensch, sondern vor allem ein politisches Genie. Er will uns nicht vernichten, er will ein starkes, mit ihm verbuendetes Preussen. Er wird, nach meiner festen Ueberzeugung, dem Koenig seine Armee voellig intakt wiedergeben, wenn er nur weiss, dass sie nachher gemeinsam mit ihm gegen Russland kaempft. Freilich waere es dazu notwendig, dass wir uns jetzt erst politisch anders einrichten!" "Herr, was redet Er da fuer einen Kohl?" fiel ihm Bluecher in die Rede. Aber Massenbach reckte seine kleine Gestalt auf, setzte die Stumpfnase hoch und versuchte auf den viel laengeren Bluecher veraechtlich herabzusehen. "Ich _deklariere_," sagte er mit Nachdruck, "die Allianz mit Russland ist unser sicheres Verderben. Wer dem Staat redlich dienen will, muss den Koenig daran zu hindern suchen. Rettung fuer den Staat ist nur noch in einer Allianz mit den Franzosen zu finden!" Damit kam er aber bei Bluecher schlecht an. "So'n Sauverfluchter - so'n Schwerenotverdammter! Das muessen _wir_ uns sagen lassen! So'n Gewaesch wagt er uns zu bieten!? Wo _wir_ allezeit bereit waren und bereit sind, den letzten Hauch herzugeben, um den Franzmann aus dem Lande herauszujagen, da wollen _Sie_ ihm Tuer und Tor oeffnen und ihn gar noch in die Arme schliessen! Das ist Verrat - das ist - -" Er kam in solche Aufregung, dass er nicht weitersprechen konnte, und es waere Massenbach sicherlich sehr uebel ergangen, waere nicht im selben Augenblick ein Parlamentaer vom Marschall Soult angekommen, der den Oberbefehlshaber zu einer weiteren Besprechung einlud. Das nahm sofort seine ganze Aufmerksamkeit gefangen, und Massenbach wurde vergessen. Als man aber nachher zum Verhandlungsort ritt, da ritt Massenbach mit. Denn er musste ja ueberall dabei sein und sein dickes Fell zu Markte tragen. Soult und die begleitenden Offiziere waren nicht besonders liebenswuerdig. Sie kehrten recht deutlich den Sieger heraus und fuehrten die Unterhandlung in so hochfahrender Weise, als sei es eine Gnade von ihnen, ueberhaupt darauf zu verzichten, die Preussen kurz und klein zu schlagen und zu Brei zu treten. Bluecher sprach kein Franzoesisch. Er glaubte aber trotzdem aus der langen Unterhaltung Kalckreuths mit den Franzosen ein paarmal das Wort "Kapitulation" heraushoeren zu koennen. Und als das im Anschluss daran einsetzende Gefluester nicht aufhoerte, riss ihm schliesslich die Geduld. Er ging zum Marschall Soult hin und rief ihm laut und ohne Umschweife zu: "Kapitulation hin, Kapitulation her! Als Soldat bin ich in Ehren grau geworden. Als ehrlicher Soldat lasse ich mich jederzeit zusammenhauen, wenn's nicht anders ist! Aber kapitulieren, nein! Die Feigheit duerfen Sie nimmermehr von mir verlangen!" Dabei schlug er auf die Saebelscheide, dass es klirrte. Bei den Franzosen ging dann ein Geschnatter los. Wer jener Monsieur sei, der so aufgeregt tat! - Ob er oder _le comte_ Kalckreuth das Kommando haette? Man liesse sich einen derartigen Affront nicht bieten, man waere schockiert, konsterniert und wer weiss was noch! - Man stampfte auf den Boden, liess die Aeuglein zornig blitzen und wetterte und zeterte, dass die Stimmen sich ueberschlugen. Bluecher fand das hoechst ergoetzlich und lachte ihnen aus vollem Halse ins Gesicht. "Wenn die Herren einen Wettkampf im Kraehen veranstalten wollen, ich habe nichts dagegen!" sagte er. "Aber dazu bedarf es meiner Gegenwart nicht!" Worauf er ihnen den Ruecken kehrte, in den Sattel sprang und davongaloppierte. Die Franzosen taten das gleiche. Und die Herren Kalckreuth und Massenbach kehrten betruebt zu den Truppen zurueck. In bester Ordnung wurde denn, trotz dem Feuer der Franzosen, weiter marschiert bis nach Sondershausen. Dort legte Kalckreuth sein Kommando nieder, nahm Urlaub und reiste von der Armee fort, was Bluecher aufs hoechste erfreut haette - wenn der Koenig nicht dem Fuersten Hohenlohe das Oberkommando ueber die ganze Armee gegeben haette. "Nun geht die Unordnung erst recht los!" fluchte er. "Fuer einen lahmen Gaul tauschen wir einen blinden ein. Himmelsakrament, wo findet sich ein Kerl, der alles in Ordnung bringt und mir hilft, diese Bangbuexen und Stuemper zu Paaren zu treiben?! Wo find' ich den?" Da oeffnete sich die Tuer, und auf der Schwelle stand ein unscheinbarer Mann in etwas gebueckter Haltung, die Augen muede und truebe blickend, als waeren sie von Arbeit ueberanstrengt; das Gesicht von tiefen Furchen durchwuehlt. Mit nachlaessigen Bewegungen kam er herein, gruesste, strich sich die wirren Haare aus der Stirn und blieb vor Bluecher stehen. "Scharnhorst!" schrie dieser. "Sie kommen wie gerufen! _Sie_ fehlten mir gerade! Ich bin nichts als Gift und Galle, nach all der Feigheit und Miesepeterei hier. Erzaehlen _Sie_ mir wenigstens eine gute Neuigkeit!" Scharnhorst schuettelte muede den Kopf. "General," sagte er, "das geht nimmermehr, wenn Fuerst Hohenlohe jetzt den Oberbefehl haben soll und Massenbach alles wieder verfahren darf!" "Ob das geht!" rief Bluecher, gallig auflachend. "Geradeswegs zum Teufel geht's, darauf koennen Sie Gift nehmen." "Dann tun _wir_ beide wenigstens, was wir koennen, um den Schaden zu vermindern! Retten wir die schwere Artillerie! Die laesst sich nun und nimmer ueber den Harz bringen, wo der Fuerst sich jetzt mit der Armee durchschleichen will. Sie bleibt auf den schweren Wegen stecken. Wenn Sie, General, den Befehl ueber die Kolonne nehmen und mich alles anordnen lassen, dann bringen wir die Artillerie viel sicherer und ebenso schnell auf dem Umweg um den Harz herum ans Ziel. Wir ziehen ueber Osterode, Braunschweig und bei Sandau ueber die Elbe. Ich lasse ueberall im voraus Gespanne requirieren und bei den Haltepunkten bereitstellen, damit die Artilleriepferde, die total abgetrieben sind, geschont werden koennen. Ich sorge auch dafuer, dass wir sofort bei Sandau Faehrgelegenheit haben. Das ist alles zu machen, wenn nur ein Mann wie Sie das Kommando nimmt, damit gut aufgepasst, schnell und energisch im Falle der Gefahr durchgegriffen und ohne Zaudern vorwaertsgegangen wird! Wollen Sie?" "Sofort!" sagte Bluecher. "Das schaffen wir zusammen! Wir wollen den anderen zeigen, Oberst, was zwei aufrechte Kerle vermoegen, wo andere die Koepfe haengen lassen. Wie viele Rohre sind das?" "Einunddreissig. Und ein Bataillon Infanterie als Bedeckung." "Das genuegt! Wir nehmen noch an die sechshundert Pferde von meinem Regiment! Kommen Sie, gehen wir gleich zum Fuersten und bringen es ins reine, und dann los!" Sie schuettelten sich die Haende. Beide hatten gefunden, was sie suchten. Der Generalquartiermeister das starke aktive Temperament Bluechers, das keine Hindernisse kannte und Autoritaet genug hatte, alles mit sich fortzureissen - Bluecher den klugen, sicher und kuehl berechnenden Kopf Scharnhorsts, den trefflichen Organisator, den unermuedlichen Arbeiter, den vorausschauenden Blick, der schnell die Grenzen des Moeglichen erfasste und nicht die geringste Kleinigkeit dem Zufall ueberliess, der die Notwendigkeit des wagehalsigen Temperaments eines Spielers fuer die Durchfuehrung einer Sache vollauf einsah, ihm aber auch im Bedarfsfalle einen Daempfer aufzusetzen verstand. Sie taten sich zusammen, um ein paar Kanonen zu retten, und daraus wurde ein Bund zur Rettung des ganzen Vaterlandes. Ein Bund ohne feierlichen Schwur, ohne Verbrieftes und Gesiegeltes - "vom Zufall herbeigefuehrt", wuerde der Skeptiker sagen - "mit Notwendigkeit - aus Schicksal", wie der Fatalist es deuten wuerde. Kurz und gut, es _wurde_. Und der Bund hielt. Sie schritten also zur Ausfuehrung ihrer ersten gemeinsamen Tat und zogen mit dem Artilleriepark ab. Inzwischen fuehrte Hohenlohe die Armee auf den vielfach verschlungenen Wegen durch den Harz und machte in Quedlinburg halt. Dort wurde zur Abwechslung wieder einmal Kriegsrat gehalten. Hohenlohe, der seine Niederlage bei Jena so schnell mit dem Oberbefehl ueber die ganze Armee belohnt sah, hatte naemlich nichts Eiligeres zu tun gehabt, als seinen lieben Massenbach wieder hoch in Ehren einzusetzen, und da war guter Rat teuer. Bei der Beratung erhoben sich Stimmen dagegen, dass von allen Seiten die Truppen nach Magdeburg hinstrebten und so die Festung verstopften. Der Hauptmann von dem Knesebeck schlug entschlossen vor, davon gaenzlich abzusehen. Es waere, so meinte er, zweckmaessiger, nur die Versprengten nach Magdeburg laufen zu lassen, um sie dort neuzuordnen. Die armierten und formierten Truppen dagegen koennte man weit vorteilhafter nach Hameln werfen, sich dort mit dem noch intakten Korps des Herzogs von Weimar vereinigen lassen. Dann mit diesem, mit den westfaelischen Truppen Lecoqs, und mit Bluechers Artillerie zusammen, Hessen und Westfalen insurgieren, den Feind von Berlin und von der weiteren Verfolgung der aufgeloesten Truppen abhalten, und dem Koenig Zeit geben, eine neue Armee zu bilden und, vereinigt mit den Russen, heranzufuehren. Der Plan, der das Gute an sich hatte, wieder die Aktivitaet der Truppen zu beleben und ihre Unternehmungslust neu zu entfachen, fand allseitigen Beifall. Er hatte aber den einen und unverzeihlichen Fehler, nicht von Massenbach zu stammen. Und damit war er erledigt. Oberst Massenbachs Geist durfte sich nie und nimmer in den Bahnen eines anderen bewegen. Und ihn gar der Unbequemlichkeit unterwerfen, sich mit der Pruefung von Gedanken anderer Leute abzugeben, das ging ihm wieder die Natur! Er entschied also kurz: Die Idee des Hauptmanns von dem Knesebeck waere gut, sie waere sogar ausgezeichnet, aber sie liesse sich leider nicht verwirklichen. Unter den obwaltenden Umstaenden muesse an dem Plan, hinter die Oder zu gehen, festgehalten und die Richtung auf Magdeburg eingehalten werden. Das waere seine unverfaengliche Meinung. Gruende gab er nicht an. Soweit durfte er seine Autoritaet nicht aufs Spiel setzen. Er hatte es auch nicht noetig. Denn der Fuerst, muede, gelassen und kurzsichtig wie immer, sagte zu seinen Ausfuehrungen ja und amen, ohne nach Gruenden zu fragen. Und so bewegte sich alles im alten Trott. In und um Magdeburg sammelte sich denn so allmaehlich der Rest der stolzen preussischen Armee - alles in allem fuenfundvierzigtausend Mann -, um von den kunsterfahrenen Haenden Massenbachs in neue Unordnung geordnet zu werden. In der Stadt hielt der jetzt allmaechtige Herr Hof, liess Offiziere und Adjutanten, die nunmehr von ihm allein ihre Befehle erhielten, antichambrieren und war nicht zu sprechen, kraenkelte an allen Ecken und Enden, hatte seelische Depressionszustaende, bedurfte sehr der Schonung, schrie und tobte ueber den Fuersten und alle Welt, die ihn mit allerlei Drecksachen plagten, _ihn_, dessen Kopf von gigantischen, weltbeglueckenden Problemen brannte! Man solle ihn in des Teufels Namen in Ruhe lassen! Er beduerfe keines Rates; er wuesste schon am besten, was zu tun waere! Und uebrigens waere er muede und muesse erst ausschlafen, um ueberhaupt denken zu koennen! So ungefaehr lauteten die "Befehle", die der Herr Generalquartiermeister zu erteilen geruhte. Und so geschah es, dass das ganze Festungsglacis von Packwagen und allerlei Tross derartig vollgefahren wurde, dass die Artillerie der Bastionen im Ernstfalle nie und nimmer haette feuern koennen, ohne erst die eigene Bagage zusammenzuschiessen - die Strassen waren von festgefahrenen Fahrzeugen verstopft, die Soldaten langten an, kamen und gingen planlos, statt sofort gefasst und auf ihre Truppenteile gebracht zu werden. Und, als man schliesslich mit der Haelfte der Armee aufbrach, wurden die verkehrtesten Massnahmen fuer den Weitermarsch getroffen. In grossem Bogen strebte man auf Umwegen dem Ziele, Stettin, zu, liess dem Feind den kuerzeren und bequemeren, geraden Weg nach Berlin offen, ueberliess ihm also kampflos die dortigen reichen Vorraete, bis auf die Kassen, die der Minister von Stein heimtueckischerweise vor der allerseits einreissenden Schlamperei zu retten wusste. Dafuer sorgte Massenbach in noch nicht dagewesener Weise fuer das leibliche Wohl der marschierenden Truppen, so dass sie niemals zur Ruhe kamen und stets hungrig blieben. Der Weg nach dem jeweiligen Marschziel wurde mit groesster Sorgfalt so gewaehlt, dass man sich selbst auf dem Bogen und der Feind sich auf der Sehne bewegen konnte, damit man ja nicht vor den charmanten Franzosen ans Ziel kaeme. Die Marschordnung wurde so eingerichtet, dass nicht zuviel Kavallerie die dem Feinde zugekehrte Flanke der marschierenden Kolonne schuetzte, dagegen die linke ungefaehrdete Flanke von der Masse der Kavallerie bedeckt war - wohl zu merken, in Tagesmarschabstand, damit ihr Chef, der alte Bluecher, nicht zu unbequem oder vorlaut werden konnte. Fuer Nachtquartier, fuer Brot und Branntwein und anderes Essen wurde getreulich gesorgt. Aber auch dafuer, dass man todsicher anderswohin marschierte, wo nichts bereitstand und auch nichts aufgetrieben werden konnte. Der Umwege gab es noch lange nicht genug! Es mussten immer neue, immer andere gefunden werden! Den Anlass zum Suchen gab das ewige Schiessen der eigenen Marodeure, ueberall, wohin man kam. Da witterte Massenbach Franzosen die Masse! - Im Geiste sah er seine Lieben von ihnen abgeschnitten oder umzingelt, erlaubte sich auch keinesfalls auf den ketzerischen Gedanken zu kommen, zu kaempfen oder sich durchzuschlagen, und teilte seine Mutlosigkeit und seine Ueberzeugung von der Nutzlosigkeit eines jeden ferneren Widerstandes den Truppen mit. So brachte er die Armee, bis auf die Haelfte zusammengeschmolzen, ausgehungert und durch unnuetze Nachtmaersche bis auf den Tod ermuedet, _aber kampflos_, bis in die Gegend von Prenzlau, wo sie fast gleichzeitig mit den Spitzen von Murats Kavallerie, am 21. Oktober, ankam, nachdem bei Wichmannsdorf, an dem Boitzenburger See, der Rest des beruehmten Regiments Gens'darmes abgeschnitten, gefangen und zur Verherrlichung des Einzugs Napoleons nach Berlin abgeschoben worden war. Die von Bluecher und Scharnhorst vollstaendig gerettete und der Armee wieder zugefuehrte Artillerie ging selbstverstaendlich fast gleichzeitig ebenso vollzaehlig wieder verloren, sobald sie in andere, weniger geschickte Haende gekommen war. * Tram - tararam, tram, tram. Tram - tararam, tram, tram - Die Trommler schlugen drein, die Trompeten schallten, im Lustgarten schoss man kaiserlichen Salut, die Glocken bimmelten aus saemtlichen Kirchen, franzoesische Fahnen flatterten ueberall leicht, grazioes und kokett bestrickend von allen Schloessern und Staatsgebaeuden und besonders reich vom Brandenburger Tor, durch das der Einzug genommen werden sollte. Der sterbende Oktober gab noch seinen schoensten Altweibersommertag her, um dem Fest die richtige Weihe zu geben. Franzoesische Grenadiere saeumten die Strassen ein. Bis weit hinaus auf die Charlottenburger Chaussee sah man die schnauzbaertigen Kerle mit ihren doppelten Bandelieren, in schnurgeraden Linien ueber der Brust gekreuzt, Gewehr praesentieren und sich martialisch bruesten. Und dahinter draengte sich alles, was in einer Stadt wie Berlin kreucht und fleucht, reckte sich die Haelse lang, stiess sich die Rippen ein, zertrat sich die Fuesse, fluchte, lachte, johlte und schrie vor Aufregung, jenes apokalyptische Ungeheuer, das die ganze alte Welt in Truemmer geworfen hatte, endlich einmal mit Augen zu sehen. Tram - tararam, tram, tram! Tram - tararam, tram, tram! - Die Tambours schlugen ihre Wirbel mit Macht, die Blaeser bliesen aus vollen Backen, immer naeher kam's, immer lauter schmetterten Posaunen und Trompeten, die Pikkolofloeten wieherten, der Wind wehte die Klaenge immer naeher, man vernahm schon die Melodie. "_Allons enfants de la patri-i-e_", sang gleich ein blasser Aesthetenjuengling mit interessanten dunklen Stirnlocken laut irgendwo hinter dem Ruecken der anderen mit - mit einer Vehemenz dass sich seine duenne Fistelstimme noch vor Ruehrung ueberschlug. "Das Lied - _das_ Lied ist's, das die Welt erobert! Ueberall entflammt es die Herzen, ueberall entfacht es die Begeisterung! Und wenn sie's hoeren, empfangen die geknechteten Voelker dankbar ihre Freiheit aus der Hand des Befreiers!" "Halt's Maul, Aff' verfluchter!" rief ihm ein dicker Fleischerbursche zu, und versetzte ihm einen Bauchstoss, dass ihm das Singen verging. "Au, meine Hiehneroogen!" kreischte schrill eine Stimme. Eine andere gab zur Antwort: "Wennde schon Oogen in de Stiebeln hast, denn guck dir doch unten besser vor, Rindvieh!" "Bei ihm guckt bloss de jrosse Zeeh raus, und die hat keene Oogen nich! Die is blind!" lachte ein dritter. "Wat der uns woll noch an Steuern abknoeppen wird!" knurrte ein dicker Budiker, stiess seinen Nachbar in die Seite und zeigte auf "seinen" Gerichtsvollzieher, der sich eben an ihm vorbeidraengelte. "Nu wat denn?" antwortete der Angeredete. "Der wird dir schon janz eklig kommen und nich zu knapp! Denn wat dem sein neuer Herr und Jebieter is - det Napolibum - det soll jerissener sind wie ville Jerichtsvollzieher! Det jehoert woll ooch zum Jeschlecht derer von Nimm!" Immer lauter wurde das Geschrei der Leute. Die Einzelgespraeche versanken in dem allgemeinen Trubel, die Marseillaise, von droehnenden Trommelwirbeln rhythmisch gehoben und vorwaerts getragen, schwoll immer machtvoller an und erfuellte mit ihren Klaengen die Luft, die Posaunen spien ganze Massen von Fanfaren aus, als gaelte es die Mauern Jerichos umzublasen. - Immer naeher und naeher schob sich das Ereignis; ein Wald von silber- und goldgestickten Fahnen schaukelte langsam und feierlich vorwaerts auf das Tor zu, durch dessen mittleren Bogen hindurch und auf die "Linden" hinein. Wo aber der Zug der Fahnen vorbeikam, verstummte der Laerm, die Koepfe senkten sich, die Gesichter wurden ernst, zornige Worte pressten sich ueber zusammengekniffene Lippen, die Faeuste ballten sich, die Augen wurden feucht. Es waren - _preussische Fahnen_, vor allem die Feldzeichen der preussischen Garderegimenter, von Siegen schwer, von Ehren bekraenzt, die in den Schlachten des Grossen Friedrich einst ihre Bluttaufe erhalten hatten und jetzt, von achtzig franzoesischen Grenadieren getragen, auf der altgewohnten Strasse ihrer einstigen Triumphe dem Besieger Preussens in seiner Hauptstadt voranflattern mussten. "Hol' der Teufel die Schufte, die sie so schlecht verteidigt haben!" fluchte ein alter Veteran zwischen den Zaehnen. "Nie wieder!" schrie ein anderer und vergass sich so weit, dass er die Faust drohend gegen die franzoesischen Soldaten schuettelte. "Nie wieder wird euch das hier im Lande vergessen werden, solange die Welt noch steht!" "_Silence messieurs! Silence donc ici!_" wetterte es prompt aus der Reihe der spalierbildenden Soldaten, und ein paar derbe Kolbenstoesse unterstuetzten die Mahnung. Indessen verstummte die Marseillaise ploetzlich, und der Zug hielt an. Der Kaiser Napoleon, hoch zu Pferd und umgeben von den Marschaellen Berthier, Davoust, Angereau, Bessieres und Lefebvre, hielt jetzt am Tor an, um die programmgemaesse offizielle Begruessung entgegenzunehmen. Eine Gruppe der angesehensten Buerger Berlins, an ihrer Spitze der Zivilgouverneur Fuerst von Hatzfeld selbst, trat vor, um dem Kaiser die Schluessel der Stadt feierlichst zu ueberreichen. Der Fuerst hielt seine Ansprache; der Sieger von Marengo, Austerlitz und Jena dankte mit seiner melodischen Stimme in leicht singendem Tonfall, die Worte mit absichtlicher Feierlichkeit dehnend und fast skandierend. Er liess dann die Schluessel der Stadt vom neuernannten Gouverneur in Empfang nehmen, blickte auf das Tor hinauf zur bronzenen Viktoria, die ihm mit ihrem Viergespann leichtgeschuerzt entgegengesaust kam, laechelte bedeutsam und sagte dann, ohne seine Worte an irgendeinen zu richten: "Die Dame faehrt in verkehrter Richtung. Der Sieg kommt heute aus Westen, Messieurs, die Siegesgoettin also auch! Wir wollen ihr auf den rechten Weg helfen!" Ein Zeichen seiner Hand - die Musik fiel ein, die Trommeln schlugen, die Blaeser prusteten, und durchs Siegestor der Hohenzollern zog die glaenzende kaiserliche Kavalkade ein, strotzend von Orden und goldenem Schmuck, mit wehenden Federbueschen, prachtvollen Gewaendern, von fuerstlich aufgeschirrten Pferden getragen. Allen voran Napoleon selbst im grauen Mantel, den schwarzen dreieckigen Hut auf dem Haupte. "_Vive l'empereur!_" riefen vorschriftsmaessig die Garden. Vereinzelte Hurrarufe aus der Menge wurden laut. "'t is ja een janz kleener Mann!" quiekte ploetzlich eine Stimme. "'n janz kleener!" brummte eine Bassstimme Antwort. "Det meen ick ooch! Und det will nu janz wat Jrosset sind?! So'n Quatsch!" "Fif Langperoehr!" johlten ein paar strebsame Gassenjungen. Und dann brach ein Sturm los, wie er selten auf der Feststrasse Berlins getobt hatte. Der Clou des Festzuges kam, die Ueberraschung, die Napoleon den Berlinern als Angebinde bot, indem er gleichzeitig seine eigene verletzte Eitelkeit in der raffiniertesten Weise raechte. Hinter dem Festzug her wurde der Stolz der Berliner, ihr feinstes Regiment, das Regiment Gens'darmes, wie eine Viehherde ueber die Linden getrieben, durcheinandergeworfen, mit abgerissenen Uniformen, ohne Waffen, ausgehungert und zu Tode gehetzt, um nicht beim Triumphe seines Besiegers zu fehlen. Eben _die_ Offiziere, die einst so mutvoll an den Stufen der franzoesischen Gesandtschaft ihre Saebel gewetzt hatten, eben die mussten jetzt, dieser Saebel beraubt, an dem Ort ihrer Tat gefangen vorueberziehen, um so ihren einstigen Uebermut zu suehnen. Und derselbe Poebel, der ihnen damals zujauchzte und noch lauter als sie Frankreich verwuenschte - derselbe Poebel pfiff sie jetzt aus, beschimpfte sie, verlachte sie, bewarf sie mit Kot aus dem Rinnstein und mit unflaetigen Zurufen, und gab ihnen die Schuld an dem Krieg und an der Niederlage und an der ganzen Schmach, die ueber das Vaterland hereingebrochen war. Er haette sie in Stuecke gerissen, haetten nicht die franzoesischen Grenadiere in der Aufrechterhaltung der Ordnung eine geuebte Hand gehabt. Man erhob sich zum Richter, vergass darueber, wie sooft, die eigene Schuld, und machte sich dadurch erst recht mitschuldig! - Der Sieger aber, der die Geschmacklosigkeit gehabt hatte, die in ehrlichem Kampfe ueberwundenen Feinde wie eine Herde gefangener Barbaren im Triumphzuge der Caesaren mitzuschleppen, er zog weiter nach dem Schloss, empfing dort die sogenannte "Intelligenz", charmierte, poussierte, kokettierte mit dem Allerweltsbuergertum, das auch hier in Berlin seine ueppigsten Blueten trieb, alles bewitzelte, alles verspottete, und vor allem jedes patriotische Gebaren ins Laecherliche zog. Er teilte Auszeichnungen aus, er ordnete die Verwaltung der Stadt, ernannte Gouverneure, Kommandanten, Richter und Polizeichef, empfing Deputationen und hervorragende Persoenlichkeiten der Literatur, der Kunst und der Geldaristokratie, lauter franzoeselnde Weltbuerger und hypergebildete Kulturfexe, amuesierte sich ueber ihre plumpen Schmeicheleien, liess sich ruhig anhimmeln und quittierte fuer die Kriecherei, indem er dem besiegten Vaterland jener Vaterlandslosen eine sofort zu entrichtende Kriegskontribution von hundertneunundfuenfzig Millionen Mark auferlegte und ruecksichtslos einzutreiben befahl. Er verstand den Spass und wusste eben, was Siegen heisst! * "Sagen Sie mal, Herr Kamerad," sagte der Major von der Marwitz, der Adjutant Hohenlohes, zum Kapitaen von Tippelskirch vom Generalstab, gerade als dieser den Fuss in den Steigbuegel setzen wollte, "sagen Sie mal, ist es Ihnen nicht aufgefallen, dass die kleinsten Ursachen oft die groessten Wirkungen haben, und dass, insbesondere in der Weltgeschichte, Begebenheiten von den weittragendsten Folgen, von denen das Schicksal von Nationen abhaengt, meistens durch ganz nebensaechliche und sonst gleichgueltige Umstaende herbeigefuehrt werden?" "Ich gebe zu, ich habe schon manchmal darueber nachgedacht!" "Dann werden Sie sich nicht wundern, dass ich jetzt behaupte: wenn wir hier kapitulieren muessen, und ich sehe es schon kommen - -" "_Ich_ kapituliere nicht - ich reite dann eher davon!" rief der Kapitaen lebhaft. "Recht tun Sie, Herr Kamerad! Und waere ich nicht als Adjutant an die Person des Fuersten gebunden, so wuerde ich es auch so halten. Ich wollte auch nur dartun, dass wir, wenn wir hier kapitulieren muessen, in diese Zwangslage durch den Umstand versetzt worden sind, dass Herr Oberst von Massenbach eine so ueberaus empfindliche Milz hat." Der Kapitaen von Tippelskirch lachte. "Es ist mein Ernst, Kamerad", sagte der Major. "Mit der Milz ist nicht zu spassen - mit Massenbachs am allerwenigsten! Wozu das Ding eigentlich da ist, darueber stritten sich von jeher die Gelehrten und streiten sich immer noch. Bei Massenbach ist sie aber ganz bestimmt dazu da, um den guten Oberst zu quaelen!" "Da geschieht ihm nur sein Recht!" "Sie koennen ueberzeugt sein, Herr Kamerad, dass ich ihm noch groessere Qualen goennen wuerde, wenn wir nur nicht so sehr davon in Mitleidenschaft gezogen wuerden." "Wieso denn?" "Nun eben weil jenes merkwuerdige Kluempchen Fleisch, das man Milz nennt, dem Herrn Massenbach total das Reiten verleidet." "Ach so!" "Kaum sitzt er im Sattel und schlaegt ein rascheres Tempo ein, sofort versetzt ihm seine Milz einen Stich, dass er den Atem verliert und nicht weiter kann. Da hilft ihm nichts als der gewoehnliche langsame Trott, oder, am liebsten, dass er im Wagen weiterfahren kann. Galopp oder Trab ist ihm unmoeglich auszuhalten. Und dabei soll der Mann rekognoszieren." "Wie das ausfaellt, laesst sich denken!" "Ja, aber nur denken! Denn er nimmt die letzte Zeit auf seine Patrouillenritte niemand mit! Er rekognosziert immer allein. Und wissen Sie warum?" "Nun?" "Um ohne Zeugen zu sein! Ich habe die Ueberzeugung gewonnen - und ich moechte beinahe darauf schwoeren, dass es sich so verhaelt -, ich habe also die Ueberzeugung: er unterschlaegt wegen der Schmerzen in der Milz den ganzen Ritt, setzt sich irgendwo im Gebuesch hin und kommt dann nach einer Weile wieder mit den wahnsinnigsten Rapporten! Nur so habe ich mir all die merkwuerdigen Beobachtungen erklaeren koennen, die er gemacht haben will. _Er hat sie eben nicht_ gemacht. Er hat sich gesagt: 'Es _koennte_ so sein, es koennte aber _auch so_ sein! Nehmen wir also das '_auch so_' fuer sicher! Warum sollte ich mit meinem Scharfblick nicht eine Entfernung ohne Vermessen einschaetzen koennen? Brauche ich eine Bruecke, ein Defilee, einen Pass zu sehen, um zu wissen, dass sie da sind? Und was den Feind betrifft, dass der hinter uns her und vor uns und ueberall ist - wer wuerde wagen, _das_ von den Franzosen zu bezweifeln? Um _das_ festzustellen, dazu brauche ich keinen Ritt zu machen! Das weiss man auch so! Wer kontrolliert's mir uebrigens? Keiner! Und wenn schon - der Fuerst glaubt mir aufs Wort! Die anderen Kerls koennen mir was! Wozu sich schinden?' So wird er raesoniert haben!" "Das hat allerdings etwas fuer sich", sagte der Kapitaen von Tippelskirch und schlug sich mit der Reitgerte auf den Stiefel. "Mir war es auch merkwuerdig, wie er so gar nicht mehr die Entfernungen einschaetzen konnte! Denn der Kerl ist nicht dumm! Und kann er auf einmal nicht mehr rechts von links unterscheiden, so liegt's nicht am Sehvermoegen, auch wird er nicht so ganz auf den Kopf gefallen sein. Schliesslich muss er doch auch als Generalquartiermeister die Karten kennen. Ich kann mir nicht helfen, aber ich sehe da so etwas wie boesen Willen walten! Der Kerl hat etwas vor!" "Wissen Sie, Herr Kamerad," sagte von der Marwitz zoegernd, "ich mag ihn auch ganz und gar nicht. Aber Gerechtigkeit muss sein. An bewussten Verrat glaube ich nicht. Dazu waere er meines Erachtens auch dann nicht imstande, wenn er die Neigung haette, denn er ist zu feige. Er ist ein unbedeutender Kopf, der zu Einfluss gelangt und uebergeschnappt ist, so dass er sich nur noch mit grossen weltbewegenden Plaenen abgibt, die er weder fassen noch bewaeltigen kann. Da passiert es ihm eben, so in Gedanken zu sein, dass er rechts und links verwechselt, falsche Rapporte bringt und verkehrt disponiert. Wir haben's dann auszufressen, sitzen in der Klemme und muessen verhandeln." "Das muessen wir eben nicht! Und wenn ich sehe, dass das losgeht, dann reite ich davon. Wenn Sie mitkommen, soll es mir lieb sein." "Ich ueberlege es mir noch!" Der Kapitaen sprang in den Sattel und legte die Zuegel in der Hand zurecht. "Er ist aber doch ein ausgemachter Franzosenfreund", sagte er aergerlich. "Sie haben doch selbst gehoert, wie er gegen das Buendnis mit Russland wetterte. Sie waren doch dabei, als er erklaerte: In dem Augenblick, wo wir uns mit Russland alliieren, verlaesst er die preussischen Dienste und geht ins Franzoesische!" "Ich weiss. Ich habe ja selbst im ersten Aerger dem Fuersten gesagt, er muesse wegen dieser Aeusserung erschossen werden. Aber der Fuerst hat mich ausgelacht. Massenbach waere nicht ernst zu nehmen, sagte er. Und dabei nimmt er ihn selbst verteufelt ernst und laesst sich von ihm total beherrschen." Der Kapitaen beugte sich vom Pferde herunter. "Wissen Sie was, Kamerad, der eine von den beiden ist ein Schuft, der andere ein Schwachkopf! Das meine Meinung! Wenn es ihre Privatangelegenheit waere, wuerde ich keinen Ton sagen. Aber wenn Tausende von Leben von ihren Schrullen abhaengen, wenn das ganze Land darunter zu leiden haben wird, dass solche Leute zu befehlen haben - - Na -, wie gesagt, ich reite meines Weges! Wenn's soweit ist, pfeife ich Ihnen!" Er gruesste, gab seinem Pferd die Sporen und ritt davon. Major von der Marwitz stieg auch in den Sattel und schloss sich dem Fuersten Hohenlohe und Massenbach an, die sich jetzt zu einer Unterredung mit den Franzosen begaben. Auf einer niedrigen Wiese kamen sie ihnen entgegengaloppiert, versteht sich, auf guten, erbeuteten preussischen Kavalleriepferden, um recht niederschmetternd zu wirken. Murat selbst ritt das bei Saalfeld erbeutete Pferd Louis Ferdinands; sein Gefolge hatte sich beim Regiment Gens'darmes beritten gemacht. "Dieser freche Gaskogner - dieser Naseweis von einem Baeckerjungen!" sagte von der Marwitz laut, als er den blaurotgolden herausgeputzten napoleonischen Reitergeneral sah, wie er sich unter der reichen Verschnuerung bruestete und blaehte, die gelockten Haare schuettelte und gleich anfing in einer Weise zu schwadronieren, gegen die Massenbachs Zungengelaeufigkeit das reine Kinderspiel war. Der war auch stumm wie ein Fisch und tat das Maul nicht einmal auf. Er starrte nur, wie der Fuerst, entsetzt auf Murat, als dieser anfing, nach rechts und links, nach Nord und Sued in die leere Landschaft hineinzuzeigen, und ploetzlich vor seiner erstaunten Phantasie die ganze franzoesische Armee aus dem Aermel schuettelte. "_Voila le corps du marechal Lannes! Voila le corps du marechal Bernadotte! Voila le corps du marechal Soult!_" Soult, der hinter der Elbe stand! - "_Je vous donne ma parole d'honneur, que vous etes cernes par cent mille hommes! Je me trouve ici avec cent mille hommes, messieurs!_" Und dabei hatte der Gauner nicht mehr als tausend Mann und sechs Kanonen! Es waere ein leichtes gewesen, sie zum Teufel zu jagen, wenn man auch nur den Gedanken eines Widerstandes zu hegen gewagt, und wenn nicht Massenbach so liederlich rekognosziert haette. Wen der Himmel aber verderben will, den schlaegt er mit Blindheit. Und so sah der Fuerst Hohenlohe im Geiste nichts als diese fuerchterlichen Truppenmassen von allen Seiten draeuen, sah desgleichen das Herz seines geliebten Massenbach immer tiefer in die Hosen sinken und hoerte kaum noch hin, als von der Marwitz ihn bat, doch von dieser tiefgelegenen Wiese auf die Chaussee heraufreiten und selbst Umschau halten zu wollen, oder noch besser, ihn mit einer Patrouille auszusenden, ehe er seinen Entschluss fasse. Massenbach hatte rapportiert! Massenbach hatte all das auch gesehen! - Das genuegte! Das war der Kehrreim vom Lied - das Gesetz, gegen das es keinen Einspruch gab! Und vollends, damit nichts am Grotesken fehlte: als in der Ferne, auf dem Wege von Stettin, einer von den eignen Pulverwagen aufflog und eine kugelfoermige Wolke hochging, die in der Luft eine Weile haengenblieb, als dann alles verbluefft hinschaute, und man sich gegenseitig fragte, was das wohl sein koenne, da fiel man zum Ueberfluss noch auf den Bluff eines der laechelnden Herren Franzosen herein, der mit frecher Stirn ganz ruhig erklaerte: "Das ist das Signal von Marschall Soult, dass er Sie von Stettin abgeschnitten hat! Sie sind umzingelt, Messieurs!" Der Chef der Artillerie, Oberst Hueser, kam dann noch mit der wenig erfreulichen Nachricht hinzu: es fehle den Soldaten an Taschenmunition, und er selbst haette nur noch fuenf Schuss pro Kanone uebrig. Und da war es aus. Da willigte Fuerst Hohenlohe ein und kapitulierte mit zehntausend Mann und dreissig Kanonen vor Murats tausend Leuten und vor seinen sechs fuerchterlichen Rohren! Alles, weil der Herr Generalquartiermeister Oberst von Massenbach eine Milz hatte und diese ihn am getreulichen Rekognoszieren behinderte! Und auch, weil der Artilleriechef nichts davon wusste oder wissen wollte, dass einzelne seiner Batterien noch ueber mehr als tausend Schuss verfuegten! Inzwischen balgten sich Bluecher und seine Leute sechs Meilen davon nach Herzenslust mit Bernadotte herum. Bei Lychen wurden sie handgemein. Bluechers "Rote" hieben brav drein, die anderen Truppen taten auch ihr Bestes, schlugen den Franzmann gehoerig aufs Haupt, bekamen wieder Mut und Selbstbewusstsein und _sangen_ wieder zum ersten Male, seitdem der Rueckzug angefangen hatte. Da brachte man ein paar Deserteure von der Hohenloheschen Armee ein, die der Kapitulation entflohen waren, weil sie keine Lust hatten, unnuetz eine Reise nach Frankreich zu machen. Und von ihnen erhielt man Kunde von dem Ereignisse. Das wirkte wie ein Donnerschlag. Laute Rufe des hoechsten Zorns wurden bei den Offizieren hoerbar, und Bluecher fluchte und tobte, wie nur er es konnte! In der Siegesstimmung, in der er war, wollte er gleich dreinhauen, zum Angriff vorgehen, sich nach Stettin durchschlagen und, wenn's sein musste, bis zum letzten Mann kaempfen, um wenigstens so die von Hohenlohe und Massenbach geschaendete preussische Waffenehre wiederherzustellen! Er liess Scharnhorst rufen und beratschlagte die Lage mit ihm. Scharnhorst, auch jetzt ruhig und besonnen wie immer, verstand es gut, die Draufgaengernatur Bluechers zu baendigen, und fand auch gleich heraus, was zu tun waere, um dem Ganzen am besten zu nuetzen. Und da sein Plan immerhin einiges von einem Husarenstuecklein an sich hatte, so war Bluecher nicht schwer zu ueberzeugen und willigte sofort ein. Was Knesebeck beim Kriegsrat in Quedlinburg mit der ganzen Armee tun wollte und nicht durfte, das unternahm jetzt Scharnhorst mit dem Bluecherschen Korps. Statt also nach der Oder durchzubrechen, wollte er lieber umkehren, auf die Elbe zurueckgehen, Magdeburg gewinnen oder Hamburg, wenn's nicht anders ging. - Die Hauptsache dabei war, die Franzosen von der Oder abzuziehen, damit der Koenig Zeit bekaeme, sein Heer zu sammeln und die Festungen zu verproviantieren. Waehrend der Beratung hatte sich aber die Kunde von der Kapitulation unter den Regimentern verbreitet. Und da es ueberall einige unsichere Kantonisten gibt, so gab's auch hier verschiedentlich Aufregung, und Rufe wurden laut, es sei am besten, wenn hier gleichfalls kapituliert wuerde, damit die ewige Hetze endlich einmal ein Ende naehme! Als aber die Leute das muntere, hoffnungsvolle Gesicht Bluechers sahen, wie er mit Scharnhorst herauskam, und schmunzelnd versicherte: er wolle ihnen bald wieder Gelegenheit zu manch gutem Husarenstuecklein geben, da fassten sie sich wieder ein Herz. "Wo ich etwas zu sagen habe, da soll kein preussischer Soldat Schande haben! Das glauben Sie _mich_!" So schloss er seine Ansprache. Die kleine Neigung zur Meuterei war sofort verflogen. Man zog in westlicher Richtung ab, vereinigte sich bald mit dem jetzt von Winning befehligten Korps des Herzogs von Weimar und hatte die Genugtuung, die drei franzoesischen Korps Lannes, Bernadotte und Soult von der Oder ab und auf sich zu ziehen. Aber auch die Muehseligkeit, von ihnen scharf verfolgt zu werden. * Massige Kirchen mit erzgruenen Daechern - ragende Tuerme mit Zinnen und Zacken - ringsum in leuchtendem Rot ein Meer von Ziegeldaechern und Treppengiebeln, von breiten Stroemen sanft umschlungen und tiefen Graeben mit stillen Gewaessern. - Kein draeuender Schlund auf Waellen und Mauern, kein Waechter im Turm, kein wehrhafter Streiter. - Auf hohen Waellen rauschen die Baeume, geheimnisvoll raunt es von alten Stuermen, von Streit und Orlog in fernen Zeiten, ehe alles im Dornroeschenschlaf versank, die Tat vertraeumte und weltfremd wurde. Da naht ein Ritter - mit rauher Faust er reisst im Gestruepp eine Gasse. Krachend saust aufs verschlossene Tor der Knauf seines Schwertes, bricht Schloss und Riegel, die Schlaege droehnen, die Bohlen bersten, das Tor springt auf; - - - schrill schmettert sein Streitruf hinein in die Stadt, verscheucht den Schlaf; aus rosigem, sonnigem Traum erwachend, blickt alles froh dem Leben entgegen. Da stuermt der Tod durchs Tor hinein, durch alle Gassen in alle Haeuser, mit Mord und Notzucht, pluendernd, sengend; in Rauch und Flammen und Stroemen von Blut sinkt alles hin. Sitte, Brauch und Gesetze der Vaeter und heimische Wahrzeichen weichen den Welschen. Statt Ordnung und Recht Erpressung, Gewalt, Guillotine! -------------------------------------------------------------------------- Im Rathause zu Luebeck, im Audienzsaal des Senats zu ebener Erde, hinter den in Hufeisenform gestellten gruengedeckten Tischen, sassen vollzaehlig versammelt, auf langen Sofas, die Mitglieder eines Hohen Senats, in altspanischer schwarzsamtener Hoftracht mit breiten Halskrausen, die die markigen Koepfe wie auf Praesentiertellern darboten. Hinter der Balustrade, mitten im Saal, die ragende Gestalt Bluechers, den langen Reitermantel ueber die Schulter zurueckgeschlagen, das graue Haar sich wirr tuermend ueber der hohen Stirn. Wie ein alter, von stuermischem Flug zerzauster Adler, wie ein Recke der Vorzeit, so mutete er an. Hoheit strahlte seine ungebeugte Gestalt aus. Ehrfurcht floesste sie jedem ein, auch den gestrengen Herren auf den Ratsbaenken, die versammelt waren, um wider ihn die Rechte einer Freien Reichs- und Hansestadt zu wahren. "Luebeck hoch in Ehren!" sagte Bluecher und erhob gruessend die Hand. "Dem Haupt der Hansa - der altberuehmten Reichsstadt meinen ehrerbietigsten Gruss! Es tut mir leid, als ungebetener Gast vor einem Hohen Senat erscheinen zu muessen, und ich bedauere sehr, dass das Stadttor von uns mit Gewalt geoeffnet werden musste. Aber herein mussten wir. - Not kennt kein Gebot. Wir wurden von der Elbe ab- und hierhergedraengt. So gezwungen, einige Tage hier zu bleiben, um meine Truppen ruhen zu lassen und mit dem Noetigsten zu versehen, sichere ich einem Hohen Senat und der Buergerschaft Luebecks die strengste Manneszucht zu und Schutz fuer Leben und Eigentum jedes einzelnen. Einen Hohen Senat aber bitte ich um Gottes willen zur Verpflegung und Ausruestung meiner Truppen, um Lieferung von fuenftausend Dukaten, achtzigtausend Broten, viertausend Pfund Fleisch, dreissigtausend Flaschen Wein und Branntwein und Schuhe und Futter fuer fuenftausend Pferde!" Die Senatoren blickten sich ernst an. Der praesidierende Buergermeister, Dr. Plessing, nahm dann das Wort und erinnerte in gemessener und wohlgesetzter Rede an die allseits anerkannte Neutralitaet Luebecks, die durch seine Besetzung von der preussischen Armee jetzt auf das groeblichste verletzt worden war, wogegen er, _in optima forma_, den entschiedensten Protest hiermit einlegen wollte. Er bedaure aufs tiefste die tapfere preussische Armee und gaebe die Notlage zu, wolle sich auch nicht der Darstellung derselben durch ihren beruehmten General verschliessen, koenne aber dessenungeachtet keinesfalls eine Verpflichtung zur Lieferung seitens der Freien Reichsstadt Luebeck anerkennen und erklaerte, indem er sie doch nach Moeglichkeit in Aussicht stellte, dass man nur der Gewalt weiche. Bluecher erhob bei den Worten sein Haupt. "In welcher Form die Labung gegeben wird, ist mir gleich, wenn ich nur die Gewissheit habe, ohne zum Aeussersten schreiten zu muessen, meine Leute hier erquicken zu koennen. Eins moechte ich aber doch Eurer Magnifizenz zu Gemuete fuehren: wenn das Nachbarhaus brennt, da hilft's mir nicht, mich vor _mein_ Haus hinzustellen und dem Feuer zuzurufen: 'Dies Haus ist neutral! Da hast du nichts zu suchen, da darfst du beileibe nicht zuenden!' - Das Feuer brennt, wo der Wind es hintreibt, und den fliegenden Funken kuemmert kein Menschengebot. Ist der Krieg entfesselt, so zieht er seine Bahn. Wenn Fieber den Koerper schuettelt, da nuetzt es nicht, der Krankheit zu sagen: 'Die rechte Hand lass mir in Ruhe, den Kopf auch - sie sind neutral -, da darfst du nicht toben!' Nein - _da fiebert eben alles mit_, ob's will oder nicht! Das ist _hoehere Gewalt_, meine Herren! _Die Gewalt_ war's, die mich zwang, Ihre Neutralitaet zu verletzen, und allein _die_ Gewalt wird es wohl sein, der Sie, meine Herren, hier weichen muessen. So moechte ich es jedenfalls verstanden haben! Denn ich tue hier nichts denn meine Pflicht gegen Koenig und Vaterland, wenn ich versuche, seine Armee zu retten und seinen Feinden moeglichst lange unbequem zu werden! Und nun mit Gott!" Er gruesste und ging. Im Gasthaus Zum Goldenen Engel, dem Rathause gegenueber, war das Hauptquartier aufgeschlagen. Dort sassen Scharnhorst und der Hauptmann von Mueffling mit Gehilfen in emsigster Arbeit, die Verteidigung der Stadt zu ordnen. Die Mauern standen ja noch, waren jedoch verfallen, die Waelle mit hohen Baeumen bestanden, Artillerie war nicht vorhanden. Luebeck war also eine offene Stadt, aber leicht zu verteidigen, weil von zwei Seiten von Wasser umgeben, ueber das nur durch die vier Tore Zugang war. Gegen drei von ihnen, gegen das Burgtor, das Huextertor und das Muehlentor, zog jetzt der Feind heran. Durch das Holstentor ging Bluechers Rueckzugsstrasse, auf der er schon Kavallerie und Tross nach Ratkau vorangeschickt hatte, waehrend die Trave, bis in die Gegend von Israelsdorf, durch hinter dem Fluss aufgestellte Regimenter gesichert war, und die Armee so hier vor Ueberfluegelung geschuetzt wurde. Am Burgtor kommandierte der Herzog von Braunschweig-Oels. Sowohl Bluecher wie Scharnhorst hatten bei ihrer Besichtigung dort viel zu erinnern gefunden. Die Truppen vor dem Tor und auch die Artillerie waren unzweckmaessig aufgestellt. Sie suchten, so gut es ging, die schlimmsten Missstaende abzustellen, ermahnten den Herzog, sein Fussvolk beizeiten zurueckzuziehen, damit der Feind nicht gleichzeitig mit ihm durchs Tor eindraengen koennte, und kehrten ins Hauptquartier zurueck. Dort fanden sie den Leutnant von Eisenhart, der soeben aus Muenster mit der geretteten westfaelischen Landeskasse eingetroffen war, um sie ueber See weiter in Sicherheit zu bringen. Bei der Geldknappheit Bluechers war er hoechst willkommen, da er ihm so ueber die schlimmste Not hinweghalf. Nach Abgabe einiger Faesser mit harten Talern wurde Eisenhart sogleich mit seiner Geldfuhre nach dem Holstentor vorausgeschickt, um fuer alle Faelle rasch damit entschluepfen zu koennen, falls der Feind doch unerwartet in die Stadt eindringen sollte. Scharnhorst fing an verschiedene eilige Angelegenheiten mit Bluecher zu besprechen. Da trat ploetzlich ein untersetzter, duerrer Offizier mit graemlichem Gesicht, den Arm in der Binde, auf krummen Beinen durch die Tuer herein - ging auf Bluecher zu und fing zu dessen Verblueffung an, ihn in kurzem, knarrigem Ton zu schurigeln. "Ich haette mir von Ihnen eine bessere Fuehrung erwartet, General!" sagte er. "Allerdings, Ihre Attacke bei Auerstedt war nicht beruehmt! Und ich war vom Grossherzog von Weimar, meinem vorigen Chef, nicht gerade verwoehnt, obwohl er fuer einen Prinzen ganz annehmbar funktionierte. Aber _Sie_ lassen uns laufen und laufen ohne Ende! Unsere Leute werden marode; Tausende ueber Tausende sind uns bei den Gewaltmaerschen der letzten drei Tage verlorengegangen. - Von meinen Jaegern allein, von denen jeder Mann unersetzlich ist, vermisse ich ueber vierhundert!" "Alle Wetter!" sagte Bluecher, bei Erwaehnung der Jaeger aufhorchend, "da sind Sie wohl der Oberst Yorck?" und kam auf ihn zu, und betrachtete ihn mit unverhohlener Neugier, aber auch mit Wohlgefallen. Den Obersten hatte er, bei seiner Vereinigung mit dem Korps Weimar, unter seinen Befehl bekommen. Er schaetzte ihn ungemein wegen seiner Tapferkeit und der geschickten Fuehrung seiner Jaeger, hatte ihm gleich den Befehl ueber die Nachhut ueberlassen und war deshalb bis jetzt nicht in persoenliche Beruehrung mit ihm gekommen. "Ich freue mich, Sie endlich einmal zu sehen, Herr Oberst!" sagte Bluecher und reichte ihm die Hand. "Nun, wenn Sie nicht immer so schnell weitergezogen waeren, General, so haette das frueher sein koennen!" antwortete Yorck, ohne die ausgestreckte Hand zu bemerken. "Der Oberst von Yorck meldet sich zur Stelle", sagte Bluecher belustigt und blickte Scharnhorst augenzwinkernd an. "Ich merke es!" antwortete dieser. "Ich haette das frueher besorgt," sagte Yorck noch kratzbuerstiger, "haetten Sie es nur nicht so eilig gehabt. So kann ich also erst heute meine Meinung vorbringen. Und die ist die: eine verlorene Schlacht waere weniger moerderisch gewesen als diese Lauferei vor dem Feind. Sie haetten die Schlacht in unserer Position bei Gadebusch ruhig annehmen sollen. Da hatte ich meine Jaeger noch alle beisammen, und Sie Ihre Leute auch, General. Munition hatten wir genug, und die Leute waren frischer. Da brauchten wir uns nicht von unserem Wege abdraengen lassen wie jetzt. Der Marsch auf Luebeck war ein Fehler. Hier muessen wir uns doch schlagen, aber lange nicht in so guenstiger Verfassung wie dort. Sie haben sich eben von Ihren vielen gelehrten Offizieren" - er zeigte veraechtlich auf Scharnhorst und Mueffling - "gruendlich nasfuehren lassen! Das meine Meinung!" - Gesagt, die Hand an die Krempe seines Huts gelegt, kehrtgemacht und abmarschiert. Bluecher lachte. "Zum Kuessen ist er! So'n bissiger alter Dachs! Und recht hat er auch! Hundertmal juckte es mich auch unterwegs danach, gehoerig dreinzuhauen! Und waeren Sie Massenbach gewesen und nicht Scharnhorst, ich haette mich den Teufel um Ihren Einspruch gekuemmert! Sie haben aber immer so gute Gruende, Sie verfluchter Kerl, Sie! Und die schlechte Gewohnheit, immer recht zu kriegen! Da haben Sie nun den Salat!" Weiter kam er nicht, da wurde er durch heftiges Schiessen unterbrochen. "Man schiesst am Burgtor! Kommen Sie, Mueffling, schauen wir nach." Der Hauptmann von Mueffling stand auf, bereit, Bluecher gleich zu folgen. Scharnhorst aber erhob energisch Einspruch. An allen Toren wuerde heute gleichmaessig geschossen, das haette nichts zu sagen! Wichtiger waere jetzt die Befehlsausgabe! Bluecher wuerde unbedingt im Hauptquartier benoetigt! Da kam das Schiessen immer naeher; man ritt im Galopp draussen auf der Strasse. Franzoesische Kommandorufe wurden laut. Bluecher blickte hinaus - "Franzoesische Dragoner mitten in der Stadt! Ich werde mich wohl hier wie in einem Sack fangen lassen! Der Teufel auch!" Er lief die Treppe hinunter, von Mueffling und seinem Sohn gefolgt. Auf dem Hof standen die Pferde bereit. In den Sattel gesprungen, die Plempe gezogen, dem Pferde die Sporen gegeben, durchs Haustor hinaus, und dann los, wie toll um sich hauend, so kam der Alte auf den Markt hinaus, wo die Reserve stand. Yorck, der ein paar Haeuser weiter wohnte, kam auch heraus, steckte seine Jaeger in die Haeuser und auf die Boeden, von wo aus sie die Strassen bestreichen konnten. Die anderen Truppen, von Bluecher angefeuert, gingen in der Breiten Strasse vor. Wiederholt trieb man die Franzosen zurueck. Da gelang es diesen, Artillerie auf dem Koberg in Stellung zu bringen. Von dort aus konnten sie in die Koenigsstrasse und in die Breite Strasse hineinschiessen. Ihre Kugeln schlugen weite Gassen in die Reihen der Verteidiger. Als einer der ersten sank, schwer getroffen, Yorck um. Bluecher trieb die Seinen an, den Oberst zu retten und die franzoesischen Kanonen zu nehmen. Man kaempfte erbittert auf beiden Seiten. Da traf die Meldung ein, die Franzosen gingen laengs der Trave auf das Holstentor zu und waeren im Begriff, die einzige Rueckzugsstrasse abzuschneiden. Wollte er sich nicht gefangennehmen lassen, so war es jetzt hoechste Zeit, seine Truppen aus der Stadt zu fuehren. Mit allem, was in der Naehe war, zog er rasch ab und brachte sie noch gluecklich durch das Tor hinaus. Nach vergeblichen Versuchen, noch mehr von seinen Tapferen herauszuhauen, zog er dann weiter nach Schwartau, legte das Fussvolk dort in Quartier und nahm selbst Wohnung in Ratkau, wo die Ueberbleibsel seiner Kavallerie standen. In Luebeck aber hausten die Franzosen in der barbarischsten Weise mit Mord und Brand, Pluenderung und Notzucht und respektierten so die Neutralitaet in der ihnen eigenen Art. In ihren eigenen Chroniken, wo sie sich ihrer sonstigen Kulturtaten ruehmen, steht nichts davon. In den Rechenschaftsbuechern eines Hohen Senats zu Luebeck aber stehen noch verzeichnet die Unsummen an Kriegskontributionen und erpressten "Geschenken", die Bernadotte, Soult und Murat nebst Gehilfen zu ergattern wussten. Wogegen dort, auf der Schuldseite, der Name jenes Mannes laengst geloescht wurde, der in einer Zeit, als alles den Kopf verlor und starke Festungen ohne Widerstand kapitulierten, wenigstens den Versuch machte, sich mannhaft zu wehren, und zwar in einer offenen Stadt. Er brachte der Stadt wohl Leid dadurch. Aber das kittete sie nur um so fester an das Ganze. * Auf seinem Lager im Pfarrhofe zu Ratkau lag der General Bluecher hingestreckt. Er fieberte. Es war Mitternacht. Der Herzog von Braunschweig-Oels hatte ihn soeben mit einem Unterhaendler des Marschalls Bernadotte verlassen, der ihm Kapitulation zu ehrenhaften Bedingungen angeboten hatte. Kapitulation - dieses in den Annalen der preussischen Armee nur in bezug auf den Feind gebraeuchliche Wort, hatte ihn unablaessig verfolgt seit dem Unglueckstage bei Auerstedt! Haette vorher im Ernst jemand gewagt, ihm Preussen und Kapitulation in einem Atemzuge zu nennen, er haette ihn ausgelacht, ihm den Ruecken gekehrt und ihn keiner Antwort gewuerdigt! Seitdem er aber bei Auerstedt und anderswo die Unfaehigkeit der Armeefuehrer gesehen hatte - seitdem klang ihm immer jenes fatale Wort in den Ohren, Tag und Nacht! Wo er konnte, hatte er alles getan, um zu verhindern, dass der preussischen Armee diese Schmach angetan wuerde! Und wo er noch in letzter Stunde hinzukam, war es ihm auch gelungen. Freilich - ueberall hatte er nicht anwesend sein koennen! Die Schmach bei Prenzlau, wo Hohenlohe mit der Hauptarmee die Waffen streckte - diese unerhoerte Schandtat waere nie und nimmer geschehen, waere er nur dabei gewesen! Haette er nur eine Ahnung davon gehabt, er waere hingeritten wie der Blitz, haette den Fuersten und jeden, der nur ein Wort von Kapitulation zu sprechen wagte, vor den Kopf geschossen! Aber geschehen waere es nicht! Denn das gab das Signal zu all den anderen Kapitulationen! Wenn der Oberbefehlshaber selbst mit der Hauptarmee sich ergab - was Wunder denn, dass die anderen folgten? Die Kavallerie bei Pasewalk, Bila bei Anklam, und dann: Stettin, Kuestrin, Spandau! Wie reife Fruechte beim ersten Windstoss vom Baume fallen, so fielen sie, die eine Festung nach der anderen, die eine Armee nach der anderen! Und jetzt war er selbst in der schmachvollen Lage, jenes Wort - jenes verhasste Wort fuer immer und ewig seinem eigenen Namen anhaengen zu muessen! Es war ja noch nicht soweit! Er hatte es ja abgelehnt, vor Tagesanbruch in irgendwelche Verhandlungen zu treten! Bis dahin koennte noch manches passieren! Freilich war nicht viel Hoffnung da! Travemuende, wohin er mit dem Rest seiner Truppen ziehen wollte, war bereits gefallen; Geschuetz und Gepaeck auf dem Wege dorthin verloren, keine Munition mehr, seine Leute ohne Nahrung, frierend und hungernd! Da bliebe ihm nur - - Er zwang seine Gedanken davon fort. Der Braunschweiger hatte ihm auch ausfuehrlich vom Einzug Napoleons in Berlin erzaehlt. Man hatte ja schon in Luebeck verschiedenes davon zu munkeln gewusst - und der Unterhaendler Bernadottes hatte es sich jetzt noch angelegen sein lassen, die Begebenheit in moeglichst grellen Farben zu malen, um ihn gefuegig zu stimmen! Er schloss die Augen, und sah es so deutlich vor sich, als haette er es miterlebt, hoerte die droehnenden Trommelwirbel und das Schmettern der Trompeten, die das Nahen des Siegers verkuendeten. Und dann ritt der kleine Kerl an der Spitze seiner Garden durchs Brandenburger Tor hinein, vor ihm die erbeuteten preussischen Fahnen, und dann hinterher - wie eine Viehherde, die zur Schlachtbank getrieben wird - die gefangenen preussischen Offiziere. Auch das hatte nicht an seinem Triumph fehlen duerfen! Und der Poebel auch nicht, der dem Triumphator huldigte und seine Opfer auspfiff! - - Er stoehnte laut auf, als er an die Szene dachte. Die Haende krallten sich vor Wut zusammen beim Gedanken an all den Raub, den der Sieger in Berlin gemacht hatte, und all die Schmach und Schande, die er dafuer aufs Haupt der Besiegten haeufte! Er lachte laut auf. "So ist's recht!" rief er gallig, sich im Bett aufsetzend, und schlug mit der Faust auf den Bettrand. "So ist's recht! Nur zu, nur zu! Tritt sie mit Fuessen - tritt nach Herzenslust! Die Deutschen trittst du nimmer tot! Aber du trittst sie zu _einer_ Masse zusammen! Nur so werden sie's, nur die aeusserste Gewalt kann das bewirken! Tritt sie - ihnen zum Heil und dir zum Schaden, wenn sie sich dann endlich gemeinsam gegen dich erheben!" Er sank wieder zurueck und lag da lange mit geschlossenen Augen, heftig atmend, die Wangen von Fieberglut geroetet. Gestalten tauchten vor seinem inneren Gesicht auf, Gefaehrten der letzten Kaempfe, der Flucht und des klaeglichen Rueckzugs! Zunaechst Massenbach! Den hatte er auf dem Strich, seit Greussen, wo dieser Schuft sich unterfangen hatte, _sein_, Bluechers, Ehrenwort aufs Spiel zu setzen durch falsche Verdolmetschung seiner Weigerung, es abzugeben! Den hatte er seitdem nicht aus den Augen gelassen! Bei Jena war die Memme nicht zum Vorschein gekommen, wie ueberhaupt nirgends, wo es Ernst wurde! Da verduftete er gleich, um erst, wenn alles gluecklich oder ungluecklich vorbei war, wieder aufzutauchen und neues Unheil anzustiften! Jetzt hatte er sich aber fuer immer und ewig unmoeglich gemacht! Und das war das Gute bei diesem unerhoerten Unglueck, dass es die Spreu von dem Weizen sonderte, Schaedlingen wie Massenbach die Larve vom Gesicht riss und unfaehige Leute von den Fuehrerposten entfernte, um die, die sich bewaehrt hatten, zum Heil des Ganzen an die Spitze zu bringen! So wurden dem Wiederaufbau wenigstens von Haus aus keine Hindernisse mehr in den Weg gestellt! - Er fuhr auf. "Er sagte doch -", fing er laut an, und die Stimme bebte vor Zorn - "er sagte doch - -" Er lachte laut auf. "_Kapitulieren_, um dem Koenig eine Armee zu erhalten! So'n Wahnsinn! Und darauf fallen gescheite Leute herein! So'n Wahnsinn! So'n gottverfluchter Wahnsinn!" Er sank wieder hin, wickelte sich in die Decke und lag wieder still da. Im Kopfe brauste und brummte es von tausend Gedanken. Erlebtes und Erlauschtes trat da wieder in Erscheinung und schoss in bunten Bildern durchs Gehirn. Aus dem brodelnden Chaos tauchte bald dieses, bald jenes wohlbekannte Gesicht auf, als haetten sich die Geister zur Heerschau um das Lager des alten Helden versammelt, um zu raten, zu tadeln und ihm ueber das Bitterste hinwegzuhelfen. Er sann und sann nach einem Ausweg aus seiner Lage. Koennte er dem Koenig wenigstens _seinen_ Arm und Kopf retten! Nur nicht kapitulieren muessen, jetzt, wo jeder, der etwas taugte, benoetigt wurde! Und doch, es war nicht zu vermeiden! - Was sonst aber taugte, das sollte wenigstens dem Koenige erhalten werden! Scharnhorst! Da liesse er nicht nach - der musste sofort ausgewechselt werden - das waere Bedingung! Der gehoerte an fuehrenderer Stelle! - Das wollte er dem Koenig gehoerig unter die Nase reiben! - Da waere kein Wort des Lobes zuviel! Dieser Kerl - Donnerwetter, was fuer ein Glueck, dass er den gefunden hatte! Er hatte einen Mann in dieser Welt, auf den zu bauen war, hatte ihn ausprobieren koennen und das reine lautere Gold an ihm gefunden! Wie hatte er sich nicht bei der Kunde von Hohenlohes Kapitulation benommen! Wo sonst alles den Kopf verlor, blieb er ruhig, bestimmt, zielbewusst, und war sofort und ohne viel Gerede im klaren damit, was getan werden musste! Ohne viel Gerede, das war die Hauptsache. Und _den_ hatten die Franzosen nun gefangengenommen! Und Yorck auch, den Braven, der sich wie ein Loewe schlug! Ob der wohl mit dem Leben davongekommen war? Das musste er wissen! Dann sollte auch der auf die Liste der sofort auszuwechselnden Offiziere. Der alte Isegrim, der mit seinen Jaegern waehrend des Rueckzuges so viele glaenzende Proben von Heldenmut und aussergewoehnlichen Fuehrereigenschaften gegeben hatte - bei Altenzaun, wo er dem Korps Weimar den Elbuebergang deckte - auf der Nossentiner Heide, wo er stundenlang mit der Nachhut dem Feind den Weg verlegte und ihm derartig an die Kehle sprang, dass er von der Verfolgung an dem Tag genug hatte - auch der Yorck musste dem Koenig erhalten werden, waere er nur noch am Leben! Der Koenig, der wuerde wohl endlich gelernt haben, solche Leute zu schaetzen! Er hatte wohl jetzt gesehen, was an denen war, die bis jetzt sein Vertrauen genossen hatten! Es war eine harte Schule fuer ihn gewesen! Er hatte sich aber brav gehalten! Zum erstenmal im Feuer! Gar nicht schlecht! Freilich, er haette nicht die Schlacht abzubrechen brauchen! Aber er war noch jung, unerfahren, und hatte nicht den rechten wagemutigen Leichtsinn, wenn's galt, das unbedingt Noetige aufs Spiel zu setzen! Das war aber die Hauptsache, zum Donnerwetter! Auf die Waghalsigkeit des Spielers kommt es eben an! Von ihr haengt oft das Schicksal von Tausenden ab! Es kann _so_ gehen - es kann auch so gehen! Man weiss es nicht im voraus! Und doch muss es gewagt werden! "Wagemut, Wagemut, sengt mir das Blut!" traellerte er ploetzlich laut vor sich hin. Und mit dem Gedanken, dass _er_ als Prinzenerzieher zuallererst ihnen die Lust beibringen wuerde, die Karte zu biegen, damit sie nicht in den Ernstfaellen zauderten, sondern nach rechter Mannesart fest zupackten - mit dem Gedanken schlief er ein und schnarchte bald, dass die Balken sich bogen. Kaum war der Tag angebrochen, so wurde er mit der Kunde geweckt, zwei franzoesische Generaele haetten sich als Abgesandte Bernadottes eingefunden, um die Kapitulation abzuschliessen. "Hol' der Teufel die Kapitulation!" schrie er heiser den Hauptmann von Mueffling an, der, nach der Gefangennahme Scharnhorsts, das Amt des Quartiermeisters versehen musste. "Haben die Kerls keine Nachricht von Yorck gebracht? Lebt er noch?" Der Jubel, als die Frage bejaht wurde! "Der Isegrim lebt! Der alte Dachs hat nicht ins Gras gebissen! Das dachte ich! Das wusste ich! So was Garstiges, so was Widerborstiges kriegen nicht einmal wir selbst klein! Geschweige denn die Ohnehosen mit ihren Kaesemessern! Papier her - Papier und Tinte her!" Das Fieber war fort, der Alte wie verwandelt! Das Glueck im Unglueck wirkte besser als alle Medikamente. Er riss Feder und Papier an sich und kratzte in dem unmoeglichsten, aber von innigstem, burschikosem Humor durchtraenkten Deutsch rasch ein paar Zeilen zusammen und reichte dem Hauptmann das Papier. "Da nimm's, mein Sohn, gibt's den Franzosen! Das sollen sie fuer Yorck mitnehmen! Der alte Kerl soll wissen, dass ich ihn liebe, obwohl er mir so grob kam! - Er soll fuehlen, dass noch einer da ist, der gute derbe Hiebe einschaetzen kann, und der den Teufel nach Hoeflichkeit in solchen Dingen fragt, wenn der Hieb nur sitzt! - Und auch, dass ich an ihn denke, fuer ihn sorge und von seinen Taten dem Koenig genau berichten und sie ins beste Licht ruecken werde!" Mueffling verbeugte sich, versprach alles getreulich zu besorgen und wagte dann an den eigentlichen Zweck seines Kommens zu erinnern - an die Kapitulation - - Bluecher blickte ihn giftig an. Es galt also doch in den sauren Apfel zu beissen. Er spuckte dreimal verflucht aus und schrie, so gut es ging - denn er war ganz heiser von dem vielen Kommandieren der vorhergehenden Kampftage -, schrie seinen guten Hauptmann Mueffling an und sagte ihm, er moege in des Teufels Namen denn das Dokument mit den Parlezvous' abfassen! Aber deutsch, das baete er sich aus! Denn er unterschreibe nur, was er lesen koenne, und die gaskognischen Gauner und welschen Windhunde koennten ihm die Schuhsohlen lecken - er sagte etwas Schlimmeres -, sie koennten ihn dreiteilen, wenn sie wollten, und in kleine Stuecke backen, aber er unterschreibe nichts, wenn nicht hoch und heilig und ehrenwoertlich drin vom franzoesischen Marschall verbrieft und gesiegelt wuerde, dass der Oberst von Scharnhorst und der Oberst von Yorck - denn er lebte noch -, dass also die zwei sofort ausgewechselt werden wuerden und gehen koennten, wohin sie wollten! Und wohin _die_ wollten, das wuesste er schon - aber das ginge den Franzmann nichts an! Ohne das unterschriebe er also nicht! Und unterschriebe _auch_ so nicht, wenn er nicht auch die Gruende angeben koenne, warum in drei Millionen Teufels Namen er kapitulieren musste! Denn dass er das nicht gutwillig taete - dass er kein solcher Schweinehund waere, das zu tun, solange er noch ein Koernchen Pulver auf der Pfanne haette, das brauche er ihm wohl nicht erst zu sagen?! Und freies Geleit bedinge er sich fuer sein Gepaeck aus. Denn da waere die westfaelische Landeskasse mit drin. Die waere keine Kriegskasse und wuerde nicht von der Kapitulation betroffen. Die Franzosen koennten sich den Mund danach lecken. Und eine Eskorte fuer sie sollten sie auch noch stellen. Und nun solle er sich scheren, Musje Mueffling, und ihm seine Ruhe lassen! Und er baete sich aus, durch keinerlei Rueckfragen behelligt zu werden! Er haette jetzt seine Orders - er wuesste Bescheid, er solle es gut machen - basta! - Damit wickelte er sich in seine Decke, drehte dem Quartiermeister den Ruecken und schnarchte weiter. Nach stundenlangem Hin und Her hatten die Unterhaendler endlich das schicksalsschwere Aktenstueck fertig, durch das der letzte Rest des Bluecherschen Korps die Waffen streckte. Von sechzehn Bataillonen hatte Bluecher nur vier aus Luebeck retten koennen, als die Stadt fiel, und zwei Kanonen von zweiundfuenfzig! Diese vier Bataillone sollten nun die Waffen strecken - aber mit allen Kriegsehren. Mit Seitenwaffen und Kanonen, mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel sollten sie vor dem franzoesischen Heere vorueberziehen, und die Offiziere sollten ihre Degen behalten duerfen. Auf die weiteren Bedingungen Bluechers waren die franzoesischen Unterhaendler auch eingegangen. Nur - die Angabe der Gruende zur Kapitulation wollten sie ihm nicht zugestehen. Das waere gegen allen Brauch - das duerfe er nicht beanspruchen, und was sie da noch an Gegengruenden vorzubringen wussten! - "Was bei so'ner niedertraechtigen Sache Brauch ist oder nicht, ist mir schnuppe!" sagte Bluecher, als ihm Mueffling das verdolmetschte. "Das Kapitulieren ist ueberhaupt nicht bei mir Brauch und soll, hol' mich der Teufel, nie wieder bei mir vorkommen! Und was ich beanspruchen darf, weiss ich selbst am besten und brauche mir das von so'n paar hergelaufenen Gruenschnaebeln von Franzosen nicht weismachen zu lassen! Die sollen mich den Buckel herunterrutschen, aber unterschreiben tue ich nach _meinem_, nicht nach ihrem Kopf! Und wollen sie das nicht, sollen sie sich zum Teufel scheren!" Die Franzosen guckten den alten kratzbuerstigen Herrn erstaunt an, der sie so von seinem Lager aus mit heiserer Stimme anschrie. Sie blickten sich an, zuckten die Schultern, blickten Mueffling an, steckten mit diesem dann die Koepfe zusammen und fluesterten in bedauerndem Tone ein paar freundliche Phrasen, von denen Bluecher nur die Worte auffing: "_monsieur le general - - encore tres malade!_" Dann nickten sie endlich wohlwollend zustimmend. Mueffling nahm das Dokument, tauchte den Federkiel ein, legte ein dickes Buch unter und gab das Ganze an Bluecher, der, auf den linken Ellbogen gestuetzt, nach der Wand gedreht, und ohne den Siegern sein Gesicht zu zeigen, rasch ein paar Worte hinkritzelte. Dann reichte er Mueffling, ohne sich umzudrehen, Dokument und Federkiel, legte sich wieder hin, nach der Wand gekehrt, und liess die Franzosen Franzosen sein. Sie blickten sich wieder an, blickten Mueffling an, schuettelten die Koepfe, blickten in das Dokument hinein und buchstabierten laut: "Ik kapitueliaer nuer, wei' ik kaenn Brott uen kann Muenissiong mehr 'abe - Bluchere -" Sie falteten das Dokument zusammen, legten die Finger an ihre Kaeppis und salutierten mit ausgesuchter Hoeflichkeit die ihnen reichlich gezeigte Hinterfassade des alten Haudegens, laechelten sich an, schuettelten die Koepfe, rollten ihre kleinen Rattenaugen, dass sie lustig funkelten, drehten die Schnurrbaerte spitz in die Hoehe, und verliessen dann mit Grazie die Hoehle des Loewen, ohne von ihm eines Blickes gewuerdigt zu werden. * Bluecher begab sich zunaechst als Kriegsgefangener nach Hamburg und hatte die Genugtuung, nach einigen Tagen Scharnhorst dem Koenig senden zu koennen. Er versaeumte nicht, ihn dem Monarchen angelegentlichst zu empfehlen und die Verdienste seines Generalquartiermeisters waehrend des Rueckzuges im hellsten Lichte strahlen zu lassen. Der Einfluss Scharnhorsts zeigte sich bald. Der Koenig hatte im Zeitraum von kaum drei Monaten so viele Schlaege auf sein Land niedersausen sehen wie kein anderer preussischer Koenig vor ihm. Ausser den Kapitulationen im freien Felde hatten die Festungen Erfurt, Spandau, Stettin, Kuestrin, Magdeburg, Czenstochau, Hameln, Fort Plessenburg bei Kulmbach sich ergeben, und Glogau und Breslau wuerden, nach allem zu schliessen, bald folgen. Trotzdem war der Koenig noch ungebeugt. Er hatte gesehen, was morsch und baufaellig in seinem Staate war, aber auch, dass noch frische und unverbrauchte Kraefte vorhanden waren. Das hatte ihm den Mut gegeben, ungesaeumt an den Aufbau seines in Truemmer sinkenden Staates zu gehen. Zunaechst fing er da an, wo der Schaden am offenkundigsten zutage getreten war, bei der Armee. Die Armee hatte es beim Volke verspielt! Preussischer Offizier zu sein, war eine Schande geworden! Alle Welt fand sich befugt und berechtigt, die Offiziere zu verhoehnen und zu beschimpfen! Der lang verhaltene Neid ueber ihre bevorzugte Stellung kam jetzt elementar zum Ausbruch und machte sich in der gehaessigsten Form Luft, durch Pamphlete, in den Zeitungen, durch oeffentliche Insulten! Es galt also, der Armee die Stellung in der allgemeinen Achtung wiederzugeben, die sie als erste und unentbehrlichste Dienerin des Staates haben musste, um ihres Amtes mit Erfolg walten zu koennen. Es galt, ihr vor allem das Vertrauen zu sich selbst wiederzugeben! Es galt, sie zu reinigen! Und das konnte wiederum nur der Offizier selbst tun. Der Offizier sollte selbst den Offizier richten! Jedes Regiment sollte ein Tribunal einsetzen, vor dem ein jeder Offizier, der sich im Felde irgend etwas hatte zuschulden kommen lassen, sich zu verantworten haben wuerde! Die Gutachten dieser Tribunale sollten alle an eine Immediatkommission gehen, die schliesslich die Urteile nebst Begruendung und genauem Bericht dem Koenig unterbreiten muesste. Am 1. Dezember 1806 erliess der Koenig von Ortelsburg aus, waehrend alles um ihn wankte, sein ewig denkwuerdiges "_Publikandum wegen Abstellung verschiedener Missbraeuche bei der Armee_". Von dem Tage der Veroeffentlichung dieses Aktenstueckes an datiert die Neuschoepfung der preussischen Armee, die sie zu der ersten der Welt gemacht hat. Das Publikandum Friedrich Wilhelms des Dritten war der erste Baustein in der Grundmauer, auf der sich sein Reich zum Heile Deutschlands wieder neu aufbauen sollte. Und Bluecher hatte da geholfen, die richtigen Mitarbeiter zu finden. Wie der Magnet das Eisen, so zog der alte Haudegen alles Tuechtige an sich, sonderte es so von allem Untauglichen und brachte es an den Tag. Und das war schliesslich nicht das am wenigsten Wichtige in seiner Lebensleistung! 10 ZWEI WELTEN "Nun, Monsieur Roustan, wenn man Ihnen von der Redaktion des _Courrier francais_ wieder einen Interviewer schickt, um Ihre Ansichten ueber das Stueck Langeweile zu erforschen, das wir hier in den polnischen Suempfen auffuehren, was wuerden Sie antworten?" Roustan, der Leibmameluck des Kaisers, pflanzte sich breitbeinig mitten im Zimmer auf, steckte die Haende in die Taschen seiner weiten Pumphosen, warf sein turbanverziertes Haupt zurueck, gaehnte, als wollte er den Kronleuchter verschlucken, drueckte dann sein glattrasiertes Kinn in das Halstuch hinein und bohrte seine Blicke veraechtlich in sein Gegenueber. "Ich wuerde," sagte er, "dem Herrn vom _Courrier francais_ genau das gleiche antworten wie Ihnen, Monsieur Constant, dass man hier in diesem verfluchten Nest ueberhaupt keine vernuenftigen Ansichten haben kann!" "Sie sind eben verwoehnt, Monsieur Roustan!" sagte Constant und drehte seine schlanke Figur vor dem Spiegel, schlug ein paar Staubkoerner vom Aermel seines gruenen, goldgestickten Rockes, zupfte das Spitzenjabot ueber der weissen Weste zurecht, nahm aus der Tasche seiner schwarzen Atlashose eine Handvoll Goldstuecke, liess sie von einer Hand in die andere rieseln und steckte sie wieder ein. "Sie verlangen Opern, Schauspiele, Hoffeste, Sie wollen Ihre taegliche Suite von Bittstellern, die durch Sie an den Kaiser heranzukommen hoffen, Sie wollen Ihre goldene Ernte, Ihre Geschenke - -! Sie koennen aber nicht verlangen, in jedem polnischen Nest ein Paris zu finden! Sie koennen nicht erwarten, taeglich hier von Malern um Sitzungen bestuermt - oder von Frauen um Rendezvous - oder von Fremden als groesste Sehenswuerdigkeit der Residenz angestaunt zu werden! Das strengt schliesslich auch an, wenn es auch ein huebsches Stueck Geld einbringt! Sie muessten froh sein, ein paar Monate mit dem Betrieb aussetzen zu koennen! - Oder gehoert es zu Ihren unumgaenglichen taeglichen Lebensbeduerfnissen, jeden Morgen im _Courrier francais_ 'Roustans Eindruecke' von den Tagesereignissen zu lesen? Glauben Sie, wir koennen Europa nicht erobern, ohne dass Sie Ihren journalistischen Senf dazugeben?" "Sie sind neidisch, Constant", erwiderte Roustan. "Sie wissen, dass ich fuer Journalisten nicht zu sprechen bin. Einmal nur habe ich mich dazu hergegeben, nach der Premiere der Oper La Caravane mich ausfragen zu lassen. Das war Pflicht. Denn die Wueste, die man auf der Buehne hingestellt hatte - - ich sage Ihnen hahnebuechen, direkt hahnebuechen! - Das verstehen aber die Pariser nicht! Da habe ich, als einzige Wuestenautoritaet - nun, die Wuerde werden Sie wohl uns Mamelucken nicht abstreiten koennen -, da habe ich der feinen Welt von Paris die Wueste klargemacht. Denn man applaudiert nicht bei einem derartigen Schwindel! - Aber wozu davon reden? Das alles ist Kinderei. Wenn ich mich von hier fortsehne, hat das ganz andere Gruende!" "Sie sind eben undankbar, Roustan! Sie duerfen taeglich um den groessten Mann der Welt sein. Sie duerfen dabei sein, wo Weltgeschichte gemacht wird, duerfen aus naechster Naehe zusehen, wie die Welt gelenkt wird! Sie werden von Tausenden um diesen Vorzug beneidet, und Sie interessieren sich so wenig, dass Sie keine Ansichten haben." "Nehmen Sie ruhig an, Monsieur Constant, dass es nichts als Diskretion ist", brummte Roustan gleichgueltig, nahm seinen blauroten Turban ab und strich dessen Reiherfeder zurecht. "Sie fuehlen sich doch auch nicht wohl in diesem Polennest, wo's nichts als Morast, Regen, Nebel und Kaelte gibt, wo keine Menschen, die man Menschen nennen kann, zu sehen sind, ausser unseren Soldaten, wo's ueberhaupt kein Leben gibt, kein Treiben, kein Theater, keine Feste!" "Keine Pariserinnen!" lachte Constant. "Nun, dort hat man eben seine Freundinnen! Aber hier - nun - fuer sich selbst sorgt der Kaiser schon! Aber fuer uns -! Wenn ich wenigstens meine Nachtruhe haette! Aber seitdem er die Liaison mit der schoenen Polin hat, seitdem er so kindisch verliebt ist, seitdem schlaeft er ueberhaupt nicht mehr, seitdem ruft er mich jede Nacht immer wieder! Wenn Sie ein Mensch waeren, Constant, wuerden Sie mich einmal abloesen und statt meiner vor seiner Tuer schlafen, damit ich einmal ausruhen kann." "Ich denke nicht daran", sagte Constant laechelnd. "Ich habe tagsueber ohnehin so viel mit ihm zu schaffen, dass ich meine Nachtruhe vollauf verdiene. Aber - in anderer Weise komme ich Ihnen gern zu Hilfe." "Wie denn?" "So, dass ich fuer die Ruhe seines Gemuets sorge. Der Kaiser muss eben anders werden. So wie jetzt, geht es nicht weiter, sonst verlieren wir den Feldzug! - Wir regieren ja nicht mehr, wir fuehren den Krieg nicht, alles schlaeft ein, und keine Andeutung hilft. Er ist in Gedanken, er hoert nicht, er laechelt manchmal still in sich hinein, oder er seufzt und spricht vor sich hin! Verstehen Sie das? Er, der Mensch aus Stahl, dem man noch niemals eine Leidenschaft ansah, ausser der einen: taetig zu sein, Tag und Nacht Anordnungen zu treffen, die ins Getriebe der ganzen Welt eingreifen - er benimmt sich jetzt wie ein ganz gewoehnlicher junger Mensch, der zum erstenmal zu tief in die Augen eines jungen Maedchens geblickt hat! Das ist entschieden ungesund. Er ist krank. Und da habe ich eben auf eigene Faust eingegriffen und ihm einen Helfer hierherbestellt, der sein Ohr hat." "Wen denn?" Ehe Constant antworten konnte, oeffnete sich die Tuer, und eine seltsame Gestalt trat ueber die Schwelle. Roustan lachte laut auf. "Der soll ein Helfer sein?" rief er und deutete auf den kleinen, buckligen, gebeugten Herrn, dessen gestickte Hoftracht nur dazu vorhanden zu sein schien, die Gebrechen seiner aeusseren Erscheinung recht deutlich hervorzuheben. Zwischen seinen hochgeschobenen Schultern lag ein maechtiger Kopf mit kraeftiger Hakennase und gluehenden, von buschigen Brauen beschatteten Augen, wie in ein Vogelnest versunken. - Sein Degen schlug ihm gegen die schiefen Waden und verwickelte sich bei jedem Schritt in ihnen. Er blieb an der Tuer stehen und kaute an seinen krallenartigen Fingern. "Seit wann," lachte Roustan, "seit wann ist es Brauch geworden, in Liebessachen den Huehneraugenoperateur zu konsultieren?" Constant antwortete nicht, sondern wandte sich mit strenger Miene dem Neuangekommenen zu. "Sie haben uns lange warten lassen, Herr Koenig!" sagte er kurz in gebieterischem Tone. "Sie haetten bei einigem Diensteifer schon vorige Woche hier auf Finkenstein sein koennen. Wo sind Sie solange geblieben? Haben Sie die Gelegenheit benutzt, sich erst in Ihrer deutschen Heimat umzusehen?" "Was Heimat", kreischte der sonderbare Mann in verdriesslich schnarrendem Ton. "Ich habe keine Heimat, ich pfeife auf derartige Sentimentalitaeten! Paris ist mir auch keine Heimat. Paris ist der Platz, wo ich mein Geschaeft betreibe. Und was das betrifft, dass ich hier zu spaet komme, so laesst mich das kalt. Wo in aller Welt kaeme wohl ein Huehneraugenoperateur frueh genug? Erkundigen Sie sich uebrigens bei den Postillionen, die mich gefahren haben, wenn Sie neugierig sind. - Fragen Sie die Soldaten, die meinen Wagen zwei Tage lang in dem Loch stecken liessen, in das wir hineingeraten waren, und die sich auch dann noch nicht beeilt haben wuerden, meinen Wagen aus dem Dreck zu ziehen, wenn nicht der Wagen des Marschalls Lefebvre sonst nicht haette vorbeikommen koennen. Nichts hat bei den Lausekerls geholfen, keine Bitte, kein Trinkgeld -" "Nun, wenn der Herr Doktor Tobias Koenig ein Trinkgeld verspricht, dann ruehre ich mich auch nicht!" sagte Roustan, der seine Erfahrungen in diesen Dingen bei hoch und niedrig zu machen pflegte. "Da bleibt's fuer gewoehnlich beim Versprechen." "Auf Ehre!" rief der kleine Kerl. "Ich habe die Boerse gezogen - ich habe ihnen Geld gezeigt - schoenes rundes Geld -, vollwichtiges Goldgeld!" "Goldgeld! Ha, ha!" lachte Roustan! "Die haben gelacht wie Sie", fuhr der andere fort. "Sie haben gesungen, sie sind weitergezogen und haben mich sitzenlassen. Da habe ich ihnen nachgerufen: 'Auf Befehl des Kaisers -', aber sie haben auch dann nicht Hand angelegt, sie haben bloss gefragt: 'Wer bist du denn?' Und da werde ich nicht so dumm sein, zu sagen, ich bin Tobias Koenig, der kaiserliche Oberhoffussarzt - ich habe mich schoen gehuetet! Einen Juden wuerden die nur tiefer in den Morast gestossen haben! Ich habe mich damit begnuegt, mich in meinen Mantel zu huellen, ich habe eine gestrenge Miene aufgesetzt, mich in die Wagenecke gedrueckt und mit aller Wuerde gefragt: 'Wisst ihr nicht, wer ich bin? - Ich bin der Fuerst Talleyrand, der Minister des Auswaertigen.' Da haben sie noch mehr gelacht. 'Nun, wenn du so 'ne miserable Politik machst, dass wir in diesen polnischen Moraesten monatelang steckenbleiben, dann schadet's dir nichts, wenn du auch selbst drin sitzenbleibst!' Und sie haben gelacht und sind weitergegangen!" "Nun," sagte Constant, "die Wege sind allerdings nicht beruehmt. Wir wollen Ihre Entschuldigung fuer diesmal gelten lassen. Aber ein anderes Mal werden wir nicht so gutmuetig sein. Jetzt werde ich den Kaiser wecken. Warten Sie hier, Monsieur Koenig! Wenn wir Sie heute benoetigen, werden wir Sie rufen!" Er liess sich von einem Lakaien einen brennenden Armleuchter geben und sah nach der Uhr auf dem Kamin; als der Zeiger auf Punkt halb sieben stand, ging er auf die Tuer des Schlafgemachs zu, oeffnete sie behutsam und trat leise hinein. Roustan beeilte sich, die Tuer hinter ihm zu schliessen, und stellte sich davor. Napoleon war schon wach. Er lag behaglich ausgestreckt in seinem breiten Bett, von maechtigen Plumeaus zugedeckt, den Kopf mit einem roten, weiss und blau punktierten Seidentuch umbunden, das ueber der Stirn zusammengeknotet war. Constant stellte den Armleuchter auf den Kaminsims, trat an das Bett heran und gruesste. Gegen seine Gewohnheit antwortete Napoleon nicht, hatte auch kein Scherzwort wie sonst bereit, dankte nur mit einem Blick und starrte wieder auf die Decke. Constant liess einen Lakaien herein, der schnell im Kamin einheizte, oeffnete die Fenster, nachdem er sich erst vergewissert hatte, dass der Kaiser gut zugedeckt war, und schloss sie wieder, als der Ofenheizer fortging. Er trat wieder an das Bett heran, bereit, Befehle zu empfangen. Als Napoleon ihn gar nicht beachtete, wagte er eine Frage, ob Majestaet seinen Tee befehlen. Eine abweisende Handbewegung war die Antwort. Ob Seine Majestaet heute lieber einen Aufguss von Orangenblueten zu nehmen geruhten? Die gleiche Antwort. Constant zog sich vom Bett zurueck, machte sich mit dem Feuer zu schaffen, wartete einen Augenblick und machte dann wieder einen schuechternen Versuch. Der Kurier aus Paris sei angekommen - die Portefeuilles der Minister waeren zur Stelle. Er, Constant, hatte auch vertrauliche Mitteilungen vom Polizeioberinspektor Beyrat erhalten ueber den im Portefeuille des Innern befindlichen Bericht des Polizeipraefekten von Paris, die ein eigentuemliches Licht auf die Pflichttreue dieses hohen Beamten warfen. - - Napoleon winkte wieder ab. "Spaeter", sagte er kurz, und Constant zog sich wieder etwas zurueck. Nach einer Weile trat er wieder vor und fing, trotz der abweisenden Gebaerde Napoleons, an, wie ueblich, den Tagesklatsch vorzubringen. Da war insbesondere der gefangene preussische General Bluecher - oder Bluquaire, wie er ihn nannte, der sich wieder hatte Respektlosigkeiten zuschulden kommen lassen. Der General war ein Grobian. Das Hauptquartier in Rosenberg hatte ihn bestens empfangen, sein Zimmer mit Lorbeeren bestreut, ihm eine Ehrenwache vor der Tuer postiert, der General Le Camus hatte ihn in Person empfangen, der Generaladjutant General Daenzel ebenso. Er aber hatte die Aufmerksamkeit kaum beachtet; er hatte verlangt, sofort zum Kaiser gefuehrt zu werden; er hatte geschimpft und getobt, weil er nicht gleich ausgewechselt wurde; mit seinen ebenso ungeschlachten Gesellen spielte er von frueh bis spaet Karten, trank, rauchte, kurz, er sei ein rechter Barbar! - Und jetzt kaeme das Unerhoerte: - als Majestaet neulich an seiner Behausung vorbeigeritten waren und man ihn darauf aufmerksam machte, da spielte er ruhig seine Partie Whist weiter und sagte nur: "Ich will ihn gar nicht sehen, ehe ich ihn nicht sprechen kann." Diese Unehrerbietigkeit - diese - Er hoerte ploetzlich auf und zog sich etwas zurueck, denn der Kaiser sass ploetzlich aufrecht im Bett und blickte ihn zornig an. "Jetzt hoere ich Sie bald eine halbe Stunde schwatzen, Monsieur Constant!" sagte er streng, "Sie haben mir aber mit keinem Wort mitzuteilen geruht, wie Frau Graefin Walewska die Nacht verbracht hat." "Zu Befehl!" sagte Constant eilig. "Die Frau Graefin schlaeft noch; ihre Kammerfrauen warten noch an ihrer Tuer. Sobald sie aber eintreten duerfen, bekomme ich Nachricht!" Napoleon legte sich wieder hin. "Du wirst nicht versaeumen, es mir sofort zu sagen, wenn sie wach ist, mein Sohn!" sagte er kurz. "Ehe du das nicht besorgt hast, brauchst du mir weiter nichts zu berichten!" Constant wollte trotzdem ein paar Worte ueber irgendeine dringende Sache wagen, da oeffnete sich die Tuer, und ein freundlich laechelnder, schon ergrauter, aber ungemein jovial und heiter blickender Herr in reicher goldgestickter Hoftracht, einen kostbaren Stock in der Hand, kam herein und trat ohne Zeremonie an das Bett heran. Er schien etwas erstaunt, vom Kaiser weder bemerkt, noch eines Grusses gewuerdigt zu werden, fand sich aber rasch damit ab, stellte seinen Stock an den Bettpfosten, ergriff die Hand des Kaisers, blickte nach seiner Uhr und zaehlte aufmerksam die Pulsschlaege. "Zehn Schlaege mehr als gewoehnlich", sagte er kopfschuettelnd und steckte die Uhr ein. "Sonderbar!" Napoleon blickte ihn gross an. Er hatte etwas Abwesendes im Blick, was bei ihm sonst niemals zu bemerken war. Die Pupille, sonst gross, so dass das Auge fast schwarz erschien, war jetzt zusammengezogen, dass die Augen in einem satten, sanften Dunkelblau schimmerten. Es schien ihm Anstrengung zu machen, sich zu zwingen, etwas mit Bewusstsein anzublicken. Irgendwelche Traeume, irgendwelche Visionen hielten noch die Sehkraft in ihrem Bann. Endlich war er mit dem Vorgang im reinen. "Corvisart?" sagte er leise, mit einem Tonfall, den der Arzt noch niemals gehoert, und der gar nichts von der sarkastischen, uebermuetig neckenden Art hatte, die dem Kaiser sonst beliebte. "Heute ist weder Mittwoch noch Sonnabend! - Wieso kommen Sie zu mir, und wo kommen Sie her? Sie sind doch in Paris. Haben Sie denn dort schon alle Ihre Patienten unter die Erde gebracht? Haben Sie vor den Dankbezeigungen der gluecklichen Erben fliehen muessen? Gestehen Sie's gleich und ohne Umschweife, wie viele Leben haben Sie heute auf dem Gewissen?" "Lange nicht so viele wie Eure Majestaet!" antwortete Corvisart, rasch den ueblichen Gespraechston zwischen ihnen aufgreifend. Aber Napoleon war wieder mit den Gedanken anderswo. Weder hoerte er die Antwort, noch warf er ihm ein rasches Scherzwort an den Kopf, auch kniff er ihn nicht ins Ohr - und das war entschieden ein aeusserst ernstes Symptom! Und die paar Worte der Begruessung! Wie matt, wie abwesend, fast automatisch und mehr aus alter Gewohnheit hatte er seine alten Scherze wieder abgeleiert! Der Leibarzt schuettelte den Kopf. Dann, rasch entschlossen, strich er die Bettdecke zurueck, legte sein Ohr an des Kaisers Brust, horchte, sah erstaunt auf, horchte nochmals, richtete sich dann auf und blickte den Kaiser ernst an. "Wahrhaftig - _man hoert es schlagen_! Man hoert das Herz Napoleons! Solange ich die Ehre habe, fuer die Gesundheit Eurer Majestaet verantwortlich zu sein, ist es das erstemal, dass ich das erlebe! Das ist ein ernstes - ein sehr ernstes Symptom!" Napoleon laechelte, hoerte nicht und schien immer noch an etwas sehr Angenehmes zu denken. Corvisart nahm wieder das Wort. "Majestaet", sagte er in ernstem, vorwurfsvollem Ton. "_Zehn_ Pulsschlaege mehr als ueblich und ein hoerbarer Herzschlag! Bedenklich, sehr bedenklich! Das zeugt von einem noch nie dagewesenen Nachlassen der Energie und der Willenskraft! Wir regieren nicht mehr. Seit Monaten machen wir nicht mehr Weltgeschichte! Sonst vergeht kein Tag, ohne dass Throne wanken, Dynastien in Nichts versinken, neue erstehen und Voelker befreit werden. Und jetzt diese ploetzliche Stille, diese Untaetigkeit! Wir verstecken uns hier in diesem unwirtlichen, oestlichen Nest. Wir leben solide, brav, untaetig wie ein spiessbuergerlicher Rentenempfaenger - wir sind taub und blind, verschliessen uns der Welt, traeumen, laecheln still in uns hinein! Das kann doch unmoeglich die Reaktion auf den fabelhaft schnellen Sieg ueber Preussen sein? Wenn ich nicht wuesste, wie leger - wie _en canaille_ Eure Majestaet stets das schoene Geschlecht zu nehmen pflegen, ich wuerde fragen: _ou est la femme?_" Napoleon hoerte auch jetzt nicht zu. Er lag da wie vorhin, immer noch dieselben angenehmen Gedanken hin und her waelzend. Corvisart schuettelte immer ernster sein graues Haupt, streckte die Hand nach seinem Stock aus und wollte gehen, um Constant ueber die bedenklichen Symptome naeher auszufragen. Als haette sein Denken an Constant Napoleon angesteckt, setzte er sich gleich im Bett auf und rief: "Constant!" und nahm, da dieser nicht gleich erschien, die Glocke vom Tisch und klingelte ungeduldig. Constant erschien, ein mit Briefen und Depeschen vollbeladenes Tablett in der Hand. "Ist sie noch nicht wach?" fragte Napoleon ungeduldig. "Die Frau Graefin schlaeft noch!" antwortete Constant und stellte sein Tablett auf den Kaminsims. "Meinen Schlafrock!" rief der Kaiser, warf die Decke zurueck und schluepfte rasch in die ihm gereichten weissen Pantalons und den Morgenrock aus weisser Wolle, liess sich ein Paar ausgetretene rote Pantoffeln anziehen und setzte sich in einen rasch herbeigeschobenen Sessel ans Feuer. Er nippte einmal an der ihm gereichten silbernen Tasse, schob sie dann von sich, streckte die Hand aus, nahm von dem ihm durch Constant dargebotenen Tablett einen Brief, machte ihn auf, warf ihn auf den Teppich, machte noch einen auf, las ihn fluechtig durch und legte ihn auf einen neben dem Kamin stehenden Tisch. - Er schob dann das Tablett zurueck, was einen Austausch erstaunter Blicke zwischen Kammerdiener und Leibarzt zur Folge hatte, streckte die Fuesse so nahe wie moeglich an den Ofen heran und starrte eine Weile ins Feuer. Constant machte noch einen schuechternen Versuch, seine Teilnahme zu erwecken. Er reichte ihm die soeben eingegangenen Zeitungen, nach denen er sonst begierig zu greifen pflegte, aber vergebens! Auch die Liste der im Vorraum auf Audienz wartenden Personen wurde keines Blickes gewuerdigt. "Corvisart," sagte Napoleon endlich, ohne vom Feuer fortzusehen, "Sie alter Schuerzenjaeger muessen doch mit den Frauen Bescheid wissen! Wenn sie der Schuh drueckt, ohne dass sie einen anhaben - wenn sie unendliche Schmerzen leiden, ohne dass die Aerzte den geringsten Grund entdecken koennen - wenn die geschicktesten Scharlatane der medizinischen Wissenschaft mit all ihrem Hokuspokus nicht imstande sind, herauszufinden, was ihnen fehlt - und meine saemtlichen Leibaerzte und Chirurgen, die im Felde stehen, haben sich schon vergebens bemueht, das Raetsel zu loesen -, was halten Sie denn von dieser merkwuerdigen Aeusserung der weiblichen Natur?" "Sire -", fing Corvisart an. Aber Napoleon war es mehr darum, zu fragen, als Antworten zu hoeren, die er sich selbst viel besser als irgendein anderer geben konnte. Er fasste Corvisart bei der Hand und sprach weiter, immer noch ins Feuer starrend. "Corvisart," fragte er, "haben Sie jemals getraeumt? Heute nacht traeumte ich, sonderbar, ganz merkwuerdig! Die Graefin Walewska war bei mir, hier im Zimmer. Sie hielt die Haende in den Taschen ihrer Jacke und stand mit dem Ruecken gegen den Kamin. Sie war aber nicht so sanft, auch nicht so lustig und ausgelassen, wie sie es zuweilen sein kann! Sie hatte vielmehr etwas Hinterhaeltiges an sich, das ich gar nicht bei ihr kenne, und blickte mich ganz merkwuerdig an, indessen ihre Rechte immer weiter in der Tasche grub und drinnen mit einem Gegenstand hantierte. Das machte mich misstrauisch. Blitzschnell packte ich ihre Hand und fuehlte durch den Stoff _eine Pistole_ - die sie vom Stoff gedeckt auf mich richtete und abzudruecken versuchte. Ich, nicht saumselig, wandte die Muendung der Waffe gegen sie und drueckte ab. Aber der Schuss versagte. Dann nahm sie mir die Pistole aus der Hand. 'Soll ich dich lehren, mit ihr umzugehen?!' sagte sie lachend, eilte ans Fenster, schlug es auf, zielte auf meine Armee, die hier draussen Parade stand, und drueckte ab. Wie ein Feuerstrom ging es von der Muendung der kleinen, kinderspielzeugaehnlichen Waffe aus und sprudelte gegen die Truppen hin. Und wo die Feuergarben trafen, sanken sie hin. Meine schoenen Grenadiere, meine Jaeger und Dragoner schmolzen vor meinen Augen wie Bleisoldaten im Feuer und waren im selben Augenblick wie von der Erde vertilgt. Ich riss ihr die Waffe aus der Hand; sie lachte aber nur! Ich zog sie mit mir, zwang sie auf die Causeuse da nieder, setzte mich neben sie und nahm ihre Hand. Wie ich sie dann anblickte, verwandelte sich ihr Gesicht, wurde katzenaehnlich, mit langen Haaren um den Mund - ich entsetzte mich vor ihr. Ich zankte sie aus, weil sie mich hatte ermorden wollen und sagte ihr, sie sei das niedertraechtigste Weib, was ich jemals auf Erden kennengelernt habe. Da nahm sie schnell ihr wirkliches Gesicht wieder an; ihre Augen standen voll Traenen, und schluchzend gestand sie mir, sie haette sich raechen wollen, weil ihr Fuss sie schmerzte und weil ich, der ich schuld daran waere, ihr keine Linderung ihres Schmerzes gebracht habe. - Ich dachte an dich, Corvisart, ich wollte dich rufen. - Da weckte mich Constant, und auf einmal warst du da! Nun sollst du mir die Sache ins reine bringen und mir sagen, was ihr fehlt." "Ihr fehlt sicherlich gar nichts! Die ganze Sache ist weiter nichts als eine Aeusserung der ganz gewoehnlichen weiblichen Niedertracht, die im Gemuet einer jeden Frau lauert und nach Gelegenheit sucht, sich zu entfalten. Das macht mir keine Sorge. Aber mit Euer Majestaet sieht es bedenklich aus. Erst der Puls - dann das hoerbare Klopfen eines sonst in seiner Ruhe einzigartigen Herzens - dann der Traum, wo sonst der Schlaf ganz traumlos in den wachen Zustand ueberzugehen pflegt! Alles Symptome der Verliebtheit, und sehr auffallend bei einem sechsunddreissigjaehrigen Manne, der stets, auch in den Jahren der ersten Jugendschwaermerei, zu neunundneunzig Prozent mit dem Verstand allein zu lieben pflegte! Denn dies allgewaltige Ueberwiegen des Gefuehls, dies fast vollstaendige Zurueckdraengen eines Verstandes, der in seinem Taetigkeitsdrang auf Erden seinesgleichen nicht hat, das sah noch keiner bei Eurer Majestaet! Fuerwahr - ich bin sehr neugierig, jene Schoene, die diese fast unglaubliche Handlung bewirkt hat, kennenzulernen! Denn ich glaube fast - Eure Majestaet werden mehr von ihrem Schuh gedrueckt als die holde Schoene selbst!" Napoleon lachte und wollte eben etwas Lustiges antworten. Da kam wieder Constant herein und meldete gehorsamst, die Frau Graefin haette soeben nach ihrer Schokolade verlangt. Er fuegte hinzu, dass der Oberfussarzt Seiner Majestaet, der lange und sehnlichst erwartete Tobias Koenig, endlich aus Paris in Finkenstein eingetroffen waere. "Es ist gut," antwortete der Kaiser, "Roustan soll ihn sofort zur Graefin Walewska fuehren. Sie, Corvisart, gehen mit und ueberwachen die Operation, wenn eine noetig wird. Sie haben die Verantwortung fuer alles, was geschieht! - Ist mein Bad bereit?" Constant meldete ehrerbietig, das Bad warte schon lange auf Seine Majestaet, und richtete schnell den Befehl an Roustan aus. Corvisart verbeugte sich und ging. Der Kaiser ging ins Badezimmer, entledigte sich mit Constants Hilfe der Kleidung und wollte eben ins Wasser steigen, als Roustan herbeigestuerzt kam und meldete, die Frau Graefin waere ausser sich und verlange, den Kaiser sofort zu sehen; sie liess sagen, sie waere dem Sterben nahe und muesse ihn gleich sprechen! "Fuenf Chirurgen habe ich mit im Felde", sagte der Kaiser verdriesslich und zog das Bein, das er schon ueber die Badewanne ausgestreckt hielt, zurueck. "Fuenf Chirurgen und vier Leibaerzte! Ich zahle ihnen Unsummen, und sie taugen alle nichts! Wir muessen auch noch selbst die Huehneraugenoperation der holden Dame leiten, als gaelte es, eine Schlacht zu lenken, muessen die Truppen kommandieren, womoeglich selbst noch dreinhauen! _A la bonne heure!_ Gehen wir! Meine Pantalons, Constant, schnell den Morgenrock! - Nackt ziehen wir auch in _den_ Kampf nicht! Lass Roustan Vorzimmer und Korridore leeren! Keiner darf mich sehen! - So - nun noch die Pantoffeln! Und nun leuchte mir!" Von Roustan geleitet, ging der Kaiser dann, den Kopf immer noch von dem bunten Tuch umschlungen, zu den in derselben Etage des Schlosses gelegenen Zimmern der Graefin. Er fand die Dame auf einer Causeuse ausgestreckt, den einen Fuss in einem goldgestickten, orientalischen Pantoffel steckend, den anderen nackt. Vor ihr kniete der alte Jude und gab sich vergebliche Muehe, an ihrem entzueckenden kleinen Fuss irgendein Gebrechen zu finden. Hinter der Causeuse stand Corvisart, beide Haende auf den Stock gestuetzt und betrachtete durch sein Binokel all das Schoene, das sich vor seinen erstaunten Augen enthuellte, indes die schoene Graefin eigensinnig hin und her rueckte, gar nicht stillhalten wollte und die Untersuchung zu einer wahren Qual fuer den guten Koenig machte. "Sire!" rief sie hinsterbend, "retten Sie mich aus den Haenden dieses Ungeheuers! Er hat ein Messer - ich habe es gesehen - er hat ein Messer aus seinem Etui da herausgenommen! Er wird mir die Adern oeffnen - wird mich ermorden! Retten Sie mich!" Napoleon lachte, erklaerte ihr, dass keine Gefahr vorhanden sei, sie haette nichts zu befuerchten - ganz im Gegenteil. Er haette seinen ersten Leibarzt und seinen ersten Pedikuren, die sonst beide in Paris unabkoemmlich seien, und die er sonst niemals ins Feld mitzunehmen pflegte, extra um ihretwillen von Paris hierherkommen lassen! In besseren Haenden koennte man gar nicht sein! Sie sollte sich nur ruhig ihnen anvertrauen, damit sie endlich von ihrem Leiden, das ihn, den Kaiser, mindestens ebensosehr schmerze wie sie selbst, befreit werde! "Ich lasse mich aber trotzdem nicht operieren, wenn Eure Majestaet mir dabei nicht wenigstens die Hand halten!" "Alles was Sie wollen, _ma chere_", sagte der Kaiser und nahm ihre Hand. "Sie sehen, ich bin ja gleich auf Ihren ersten Ruf gekommen und habe mir nicht einmal Zeit gegeben, mich anzukleiden!" Sie blickte ihn von der Seite an und kicherte vor Freude, den Herrn der Welt so ihrer Laune untertan zu wissen. "Nun fangen Sie an, Monsieur Koenig", rief der Kaiser. "Zeigen Sie Ihre Kunst! Aber vergessen Sie nicht, Sie haben die Ehre, den schoensten Fuss auf Erden in Ihrer Hand zu halten. Seien Sie vorsichtig - ich wuerde Ihnen keinen Missgriff verzeihen!" Der Chirurg stoehnte, er wandte und drehte den kleinen Fuss hin und her und versuchte vergebens die kranke Stelle ausfindig zu machen. "Sire, ist es auch wahr, dass Sie mein Leiden ebenso schmerzt wie mich selbst?" fragte die schoene Graefin kokett. Der Kaiser versicherte, dass ihr Zustand ihm wahre Qualen verursache. "_Et la Pologne, ma patrie?_" saeuselte sie dann bezaubernd. "Es floesst Ihnen doch auch Mitleid ein, Sire?" "Auch!" sagte der Kaiser. "Sie lieben mich also?" fragte sie. "Sie lieben mich sehr - - au! - Sie tun mir weh!", rief sie im selben Atemzug dem Chirurgen zu. "Ich finde nichts - ich finde absolut nichts!" stoehnte dieser, und grosse Schweisstropfen perlten auf seiner Stirn. "Und Sie sind um meinetwillen direkt von Paris gekommen?" fragte sie und sah den Alten neugierig an. "Allein um meinetwillen? - Und Sie auch, Monsieur Corvisart? - Und Sie sind die beruehmtesten Aerzte, die es heute gibt - die geschicktesten und teuersten von allen?" Und als auch das bejaht wurde, und zwar vom Kaiser selbst, da schlug sie die Haende zusammen, lachte toll auf, wie ein verzogenes Kind, dem ein Spass gelungen ist, gab dem Huehneraugenoperateur einen Nasenstueber mit ihrem nackten Fuss, dass er vor Erstaunen zurueckfuhr und sitzenblieb, lachte noch toller auf, waelzte sich auf ihrem Lager vor Vergnuegen und schrie: "_Mir fehlt ja gar nichts!_ - Ich habe nur sehen wollen, ob Sie mich lieben, Sire, und ob Sie ohne Zoegern und ohne Murren alles fuer mich tun wuerden - alles, was ich will!" Sie flog dann auf und warf sich dem Kaiser, der in der ersten Ueberraschung sich zornig erhoben hatte, um den Hals, kuesste ihn mitten auf den Mund und herzte und streichelte ihn und kuemmerte sich dabei gar nicht um die beiden Aerzte, die mit offenem Munde dastanden. "Sie lieben mich also, Sire, Sie lieben mich ueber alles?" "Ueber alles, Graefin!" "_Et la Pologne, ma patrie - vous me la libererez, n'est ce pas?_" lispelte sie noch bestrickender. Napoleon lachte laut auf. "Da drueckte wohl der Schuh!" rief er uebermuetig. "Gehen Sie, meine Herren, da beduerfen wir Ihrer Kunst nicht! Da bin _ich_ der rechte Arzt! Gehen Sie, Koenig, freuen Sie sich Ihres Nasenstuebers, den Sie von diesem schoenen Fuss bekommen haben. _Der_ Fusstritt _adelt_, sagen Sie's Constant, und er soll mich daran erinnern!" Die Aerzte gingen und ueberliessen es dem Kaiser, die Kur zu vollenden. Eine halbe Stunde spaeter sass er seelenvergnuegt in seiner Badewanne und regierte von dort aus die Welt, dass es nur so eine Art hatte. Die Wanne umstanden in gemessener Entfernung der Generalstabschef Berthier, der Generaladjutant General Daenzel, der Architekt der Tuilerien, der Generaldirektor der Museen, der Geheimsekretaer Meneval und mehrere Gehilfen, waehrend Constant und Roustan mit dem Kaiser hantierten, und Corvisart und Koenig das Kneten und Frottieren ueberwachten und gelegentlich selbst mit Hand anlegten. Und Napoleon bekam nie genug. Er rief Roustan zu, fuer mehr und noch waermeres Wasser zu sorgen - lachte ueber die roten und erhitzten Gesichter seiner Getreuen, die bald halb erstickt aussahen, befahl, die Kuriere mit den Portefeuilles der Ministerien vorzulassen, liess sich aus den Akten vortragen, traf Entscheidungen, diktierte Randbemerkungen und Antworten, unterzeichnete - immer noch in der Badewanne sitzend - Heiratskonsense und Ernennungen, Gnadenbewilligungen, Amtsenthebungen, Erlasse und Dekrete, kommandierte, scherzte, lobte und zankte, alles in einem Atem. "Schreiben, Meneval!" rief er, und Meneval setzte sich an einen Tisch und legte Papier und Feder zurecht. Der Kaiser diktierte. "_An Fouche_: - Madame de Stael, die wir, wie er wohl weiss, nicht ausstehen koennen, ist, laut Rapport, wieder in Paris. Sie mag ihr Recht auf 'freie Individualitaet' anderswo zur Schau tragen! An der Seine nicht! Er soll sie gleich ausweisen! Die ehemaligen Jakobiner aber nicht. Das ist nicht mehr noetig! Was noch von ihnen da ist, ist harmlos - laengst kapitalistisch eingekapselt! Sie sind alle satt und traege und haben ihre Giftzaehne laengst verloren. Bei der letzten Rezeption in der Akademie hat der Abbe Sicard in unpassenden Ausdruecken ueber Mirabeau gesprochen! Wir wollen keine Reaktion der oeffentlichen Meinung! Fouche soll ueber Mirabeau lobend sprechen lassen. _An Junot_ schreiben: Die Kontinentalsperre gegen England gilt auch fuer die kaiserlichen Marschaelle und insbesondere fuer ihre Frauen. Ihre Weiber - schreiben Sie Weiber, Meneval! - Ihre Weiber moegen Kraeutertee trinken, der ist ebensogut wie der Karawanentee, Zichorienkaffee ebenso gesund wie der arabische! Und sie moegen sich hueten, dass ich nicht gewahr werde, wie sie Kleider von englischen Stoffen tragen. Er soll das auch Madame Junot nachdruecklichst einschaerfen! _Dem Erzkanzler Cambaceres_: Wir sind ueber die Unzufriedenheit und den Pessimismus der Pariser erstaunt. Sie keifen, weil wir hier an der Weichsel aufgehalten werden, und deuten unseren Sieg bei Eylau in eine Niederlage um, weil er kein Austerlitz war. Sie sind verwoehnt. Das gesellschaftliche Leben siecht dahin, weil wir und unsere Marschaelle nicht in Paris sind! Das geht nicht. Man soll Feste geben! Er, Cambaceres, und auch Lebrun sollen da mit gutem Beispiel vorangehen! Man soll Verschwendung treiben, Geld unter die Leute bringen, Millionenbestellungen an die Industrie vergeben, damit die Arbeiter gut bezahlt, satt und zufrieden werden! Man soll in allen kaiserlichen Schloessern das Meublement mit kostbaren Seidenstoffen neu beziehen, man soll Stiefel, Riemen und so weiter fuer die Armee bestellen, die Handwerker mit Auftraegen maesten - - _An Koenig Louis_: Mein Herr Bruder ernennt fuer meinen Geschmack viel zu viel Marschaelle in Holland. Lieber die hollaendische Armee vermehren! _An Koenig Joseph_: Journalisten sind Kokotten! Auch in Napoli! Man hat mit denen bisweilen ein Verhaeltnis, aber erhoeht sie niemals zu legitimen Gattinnen. Er gibt sich zuviel mit ihnen ab! Nicht auf ihren spitzen Federn, auf den Spitzen meiner Bajonette ruht sein Koenigreich. Den Mob regiert man mit Fusstritten, mit Schmeicheleien nicht!" "_Et la Pologne, ma patrie!_" fuhr er dann halb singend fort. "Constant, hat dir unser guter Fussarzt eine Mitteilung gemacht? Gut. Nachher daran erinnern!" "_La Pologne, ma patrie!_ - Im ersten Freiheitsrausch in Posen haben mir die Polen alles bewilligt. Und jetzt? Wir sind enttaeuscht! Statt der versprochenen hunderttausend Mann nur fuenfzehntausend schlecht disziplinierte! Kaum zu gebrauchen! Wir werden uns ihretwegen auch nicht derangieren! Hier, aus der Naehe gesehen, schaut Polen uebrigens ganz anders aus! Seinetwegen werden wir nicht die Kontinente umstuerzen!" Er schwieg einen Augenblick. Dann rief er Berthier, ordnete Truppendislokationen in Italien, am Rhein, in Holland an, gab Orders nach Spandau und Berlin ueber den Nachschub von Artillerie, Munition und Proviant und fragte, ob nicht endlich vom Grafen Bertrand Nachricht ueber den Stand der Friedensverhandlungen mit dem preussischen Hauptquartier angekommen waere. Und einmal bei Preussen angelangt, rief er Constant zu: "Was wolltest du mir heute vom General Bluecher erzaehlen?" Er wartete aber keine Antwort ab, sondern rief den Generaladjutanten, General Daenzel, der in der mordswarmen Temperatur des Badezimmers aussah, als ob er bald seine tapfere Heldenseele aushauchen wollte, und gab ihm den Befehl, noch heute, nach der Parade, den preussischen General zur Audienz zu bringen - oder vielmehr den General Le Camus damit zu betrauen. Denn er, Daenzel, haette auch anderes zu erledigen! Dann schickte er sie allesamt zum Teufel bis auf Roustan, schrie nach noch mehr und noch heisserem Wasser, liess sich begiessen, kneten, frottieren und war so vergnuegt wie ein Fisch im Wasser! * Inzwischen sass Bluecher schon in aller Fruehe beim Whist in seinem engen Quartier zu Rosenberg, das er mit dem Rittmeister von Eisenhart und seinen Soehnen bewohnte. "Heute bin ich wohl mit dem linken Fuss zuerst aus dem Bett gestiegen!" brummte er, schlug eine Karte nach der andern auf den Tisch und sah manchen schoenen Stich an seiner Nase vorbeitanzen. "Das kommt davon, wenn man zu vieren in einem engen Zimmer logieren und verschaemt tun und sich drehen und wenden muss, bis man das Gefuehl fuer rechts und links verliert! Verflucht noch einmal, Pfalzgraf! Gib endlich bessere Karten, gib mir nur ein einziges Mal die Honneurs! Immer und ewig kannst du mir nicht zumuten, dazusitzen und zuzusehen, wie du den grossen Schlemm machst! Andere Karten, sonst spiele ich nicht mit euch!" Lachend strich Eisenhart die Karten zusammen, mischte und teilte sie wieder in vier Haufen aus. Bluecher nahm seine Karten, ordnete sie und brummte dabei wiederholt in seinen Bart. Schliesslich legte er sie vor sich auf den Tisch. "Es nuetzt ja doch nichts!" sagte er verdriesslich. "Solange wir hier in dem verfluchten Nest festsitzen, ist's nichts! Alles geht mir wider den Strich, seit ich Hamburg verliess! Zum Platzen ist das!" "Exzellenz werden auch einmal gute Karten kriegen!" troestete Eisenhart. "Sie werden mir keine geben, und die beiden Lausebengels noch weniger!" antwortete Bluecher und schielte nach seinen beiden Jungen, die auch mitspielen mussten. "Die freuen sich schon, wenn sie mich hereinlegen koennen! Uebrigens ist das das wenigste. Die ganze Art, wie die Franzosen mich behandeln, ist's! Die ist empoerend! Entweder man wechselt mich aus, oder man tut es nicht! Zum besten halten gibt's nicht. Ich habe mich ehrlich mit ihnen geschlagen und nicht wie ein Hanswurst. Die halten mich aber zum Narren. Wenn's denen mit der Auswechslung ernst gewesen waere, dann haetten sie mich doch zu Schiff ueber Kopenhagen reisen lassen koennen, wie ich wollte. Und haetten ihren Monsieur Victor auf demselben Wege mit Handkuss retourbekommen. Aber nein. 'Der Kaiser Napoleon will Sie sehen! Der Kaiser will Sie sprechen!' hiess es. Und da muss ich alter Mann in dem hundsmiserablen Maerzwetter wochenlang auf den Wagen liegen und mir die Knochen durcheinanderruetteln lassen und hinter dem kleinen Kerl herreisen, bis in die dunkelste Polackei hinein! Bis China waere es noch so weitergegangen, haetten unsere Leute sich nicht endlich auf ihre preussische Waffenehre besonnen und bei Eylau dem Franzmann Halt geboten. Und da sitze ich nun bald zwei Wochen hier und fange Fliegen und langweile mich mit eurem faulen Whist herum und werde von euch beschummelt und lasse mich von den franzoesischen Luemmels zum Narren halten." Eisenhart bedeutete ihm, vorsichtig zu sein, und sah sich besorgt um. "Ach was, Pfalzgraf!" rief Bluecher aergerlich und fing wieder an seine Karten zu sortieren. "Die werden schon wissen, woran sie mit mir sind! Da brauche ich kein Blatt vors Maul zu nehmen!" "Sie glauben im Gegenteil, Eure Exzellenz fuer ihre Sache gewonnen zu haben!" "Der Teufel auch!" "Sie glauben es, und das ist gut!" "Wenn Er mir da irgend etwas eingebrockt hat, Pfalzgraf, dann ist's aus zwischen uns!" "Ich habe etwas eingebrockt, und das ist die Freiheit, Exzellenz, die Freiheit, baldmoeglichst wieder gegen sie zu kaempfen!" "Geb Gott, dass es bald soweit waere! Aber mit ehrlichen Mitteln, Eisenhart, mit ehrlichen Mitteln!" "So ehrlich, wie bei den Franzosen ueblich!" "Das verbitte ich mir. Auf eine Stufe mit den Gaunern lasse ich mich _in puncto_ Ehrlichkeit nicht stellen!" "Wie wollen Exzellenz ihnen sonst beikommen?" "Wie sonst immer! Mit scharfen Hieben!" "Wenn wir ihnen im Felde gegenueberstehen, ja, da ist das das Richtige. Aber wo wir in ihrer Gewalt sind, da setzen sie Gewalt gegen Gewalt, und sagen sich: 'Nein, der General Bluecher kann uns gefaehrlich werden, den wechseln wir nicht aus, den behalten wir bis zum Ende des Krieges in festem Gewahrsam'! Und schicken Eure Exzellenz nach Frankreich statt ins preussische Hauptquartier, und uns mit!" "Mag sein, dass Er recht hat, Pfalzgraf. Aber auf die Vorschlaege Napoleons gehe ich nicht ein. Ich bin keine solche Schlafmuetze wie die Herren Lucchesini und Zastrow, die da beim Herrn Napoleon in Charlottenburg bettelten und ihm gleich mit Kusshand ganz Preussen links von der Elbe schenken wollten, mitsamt allen Festungen bis zur Weichsel und Abkehr von Russland und Gott weiss wie viele hundert Millionen noch dazu! Ich werde dem Koenig nicht raten, Frieden zu schliessen! Ich werde ihm sagen, wie's hier hinter der franzoesischen Front aussieht, und wie leicht es waere, jetzt einen Schlag zu tun. Das werde ich, hol' mich der Deibel, dreimal verflucht! - Und dann, will's Gott, hauen wir die Bande in die Pfanne. Aber kein Wort sag' ich anders, keinen Ton pfeife ich aus einem anderen Loch, wenn ich im Hauptquartier bin." "Das sollen Exzellenz auch nicht tun. Aber erst muessen wir mit unseren Nachrichten da sein, und zwar moeglichst bald, ehe die Verhaeltnisse bei den Franzosen sich bessern. Daher muessen Exzellenz versprechen -" "Nichts verspreche ich, nichts, was ich nicht halten kann!" "Im Krieg ist jede List erlaubt. Exzellenz, als alter Husar, werden schon oft in die Lage gekommen sein, den Feind zu taeuschen!" "Das schon - das schon!" "In der naemlichen Lage sind wir jetzt auch. Und da habe ich im Namen Eurer Exzellenz versprochen, und das haben wir, der General Le Camus und ich, zu Papier gebracht, dass Exzellenz bei unserem Koenig fuer einen seperaten Frieden zwischen ihm und den Franzosen eintreten wollen, in dem uns Preussen bis zur Elbe wieder herausgegeben wird." "Ein separater Friede? Bist du des Teufels, Junge? Sollen wir die Russen im Stich lassen?" "Die Russen werden sich's nicht lange ueberlegen, ob sie uns im Stich lassen sollen, wenn die Versuchung in der geeigneten Weise an sie herantritt. Ich habe es versprochen! Exzellenz brauchen bloss ja und amen zu sagen! Und nachher, wenn wir frei sind, tun wir, was wir wollen! Das ist erlaubte Kriegslist, weiter nichts." Die Soehne Bluechers redeten ihm auch zu. "Kinder, ihr macht mit mir, was ihr wollt! Was werden die Franzosen von mir denken!" "Sie werden salutieren und sagen: 'Donnerwetter, ist das ein Kerl!'" "Ein Mordshalunke, werden sie sagen!" "Hoffentlich! Ich werde mich jedenfalls sehr freuen, wenn der Feind moeglichst schlecht von Exzellenz spricht! Oder glauben Exzellenz etwa, sie daechten gut von Ihnen?" "Darum moechte ich die Kerls doch in allem Ernst ersucht haben!" "Sie machen sich aber trotzdem ihre eigenen Gedanken. Und da ist nun der Whist daran schuld." "Wieso!" "Nun, wenn wir so, wider alle Konvenienz, uns um acht Uhr frueh an den Spieltisch setzen und den ganzen Tag dort verbringen, alle Einladungen ausschlagen und bloss spielen, spielen, spielen - wenn unsere franzoesischen Wirte den General Bluecher fluchen und immer mehr fluchen hoeren, da nimmt's einen nicht wunder, wenn sie einmal fragen: 'Mein Herr, Sie rupfen wohl den alten Herrn bis auf die Knochen? _Le general de Bluquaire_ soll doch ein eingefleischter Spieler sein? Man sagt, er hat sein ganzes Vermoegen verspielt?' Und das fragen sie dann in einem mitleidigen Ton und mit einem vielsagenden Blick, als warteten sie nur auf ein Wort des Einverstaendnisses, um gleich Geld anzubieten - grosses Geld, dafuer, dass wir ihnen den Frieden vermitteln." Bluecher legte die Karten aus der Hand. "Ich will nicht hoffen, Eisenhart," sagte er ernst, "dass Er einen solchen Antrag an mich uebernommen hat, oder dass das, was Er mir jetzt sagt, ein Vorfuehler sein soll, ob ich fuer Geld zu haben waere! Denn dann muesste er darauf gefasst sein, von mir ueber den Haufen geschossen zu werden!" "Das waere auch verdient, Exzellenz. Und ich habe auch dem Herrn, der da glaubte, mir so den Puls fuehlen zu duerfen, mit keiner Miene gezeigt, dass ich fuer derartige Zumutungen irgendwelches Verstaendnis haette. Ich erzaehle es auch jetzt nur, um Exzellenz zu zeigen, wie der Feind sich doch selbst seine Gedanken macht und glaubt, was er will, wie anstaendig man sich auch benimmt! Denn das ist ihm gaenzlich gleichgueltig! Je mehr er flucht und je mehr er schimpft, um so besser! Das zeugt nur davon, dass unsere Hiebe sitzen!" Bluecher schwieg einen Augenblick und zupfte an seinem langen Schnurrbart, liess sich dann eine frische Pfeife bringen und in Brand stecken und paffte dem Rittmeister ganze Wolken ins Gesicht. "Hm, ja - schoen! - Machen wir den Versuch! Probieren wir's denn mit dem Husarenstreich! Aber erst neue Karten her!" Neue Karten wurden gegeben. Und zum erstenmal, seit Bluecher in Rosenberg weilte - _gute_ Karten, und alle Honneurs! Er strahlte wieder und war eitel Glueck und Wonne, machte einen grossen Schlemm nach dem andern und merkte gar nicht, wie seine Jungen die Karten so gut zu mischen wussten, dass er immer wieder lauter Truempfe in die Hand bekam. Denn die Pfeife schmeckte und gab etwas her und huellte alles brav in Daempfe ein. Eisenhart wusste auch so gut und eifrig den Kriegsplan zu entwickeln, dass der alte, gewiegte Spieler nicht daran dachte nachzusehen, ob auch richtig gemischt wurde - wozu er ja auch keinen Grund hatte, solange die Karten gut fielen! Im Grunde genommen waren die Franzosen ja auch ganz passable Kerle und als Feinde gar nicht zu verachten! Und wenn schon ihre Freundschaft sich verflucht fade anliess, so wollte er sich nicht widersetzen, er wollte schon die Komoedie mitmachen! Aber nur bis zur Grenze! Keinen Schritt weiter! Sobald er frei war, da wollte er auch seine Freiheit haben! "Eins kann ich den Kerlen nimmermehr verzeihen", sagte er und schmunzelte ueber die schoenen Stiche, die er immer wieder machte. "Und das ist, dass sie mich nicht nach Berlin hineinlassen wollten. Zu denken, ich bin dicht vor der Stadt, ich _soll_ da durch, es ist sogar der mir vorgeschriebene Weg! Und da heisst es: 'Aussen herumfahren! In der Stadt koennen wir dich nicht gebrauchen! Kommst du her, dann gibt's hier einen Aufruhr!'" "Die Berliner haetten Kopf gestanden!" sagte der eine junge Bluecher stolz. "Waere mir recht gewesen", schmunzelte der Alte. "Ich haette gegen den Aufruhr nichts gehabt! So'n Krakeel waere mir gerade nach dem Sinn gewesen! Und um das haben die Franzosen mich nun auch gebracht!" Er schwieg und blickte auf. In der Tuer stand ein franzoesischer Offizier, die Hand salutierend am Schirm seines Kaeppis. Durch das niedrige Fenster guckten andere Offiziere herein. Bluecher stand nicht auf und erwiderte kaum den Gruss. "_Mon general_ -", fing der franzoesische Offizier an. "Ich bin nicht so 'n Allerweltsgeneral, ich bin preussischer Generalleutnant und bitte mir richtige Titulatur aus!" Die ward ihm auch sogleich und in der liebenswuerdigsten Weise zuteil. Ausserdem die Mitteilung: der General Le Camus liesse sich bestens empfehlen, und er wuerde sich die Ehre geben, den Generalleutnant von Bluecher zu der und der Zeit abzuholen, um ihn persoenlich von hier nach dem Schlosse Finkenstein zu geleiten, wohin der Kaiser Napoleon ihn heute zur Audienz befohlen haette. Bluecher antwortete, er wuerde sich die Ehre geben. Er waere bereit, und er liesse dem General Le Camus seine besten Gruesse uebermitteln. Worauf er dem Rittmeister Eisenhart die Hand gab und sagte: "Pfalzgraf, verlasse Er sich darauf: es bleibt dabei, bei dem Husarenstreich!" * Napoleon war eben von einer Besichtigung des Leibregiments der Kaiserin zurueckgekehrt und liess sich vom Generaldirektor der Museen, Monsieur Denon, ueber die in den Museen Kassels und Berlins "gefundenen" Kunstwerke Bericht erstatten, als man ihm die Ankunft des Generals von Bluecher meldete. Er gab Denon noch einige Instruktionen fuer seine bevorstehende Entdeckungsreise nach Warschau, wo auch fuer Rechnung des "Musee Napoleon" Schaetze zu heben waren, genehmigte die vorgeschlagenen "Enteignungen", entliess huldvollst seinen talentvollen Mitraeuber und befahl, den General vorzulassen. Er wolle ihn ohne Zeugen sprechen, beduerfe auch eines Dolmetschers nicht! Sein Generalstabschef, Berthier, holte dann Bluecher ab, bestaetigte ihm im Namen Napoleons die mit dem Rittmeister von Eisenhart vereinbarten Friedensbedingungen, die Bluecher dem Koenig von Preussen ueberbringen sollte, geleitete ihn dann durch alle Zimmer bis zur Tuer des kaiserlichen Arbeitskabinetts und verabschiedete sich dort von ihm. Die Tuer oeffnete sich, und die beiden Gegner standen einander zum ersten Male persoenlich gegenueber. Bluecher lang und stattlich mit weissen Haaren und frischem, lebensspruehendem Gesicht - der Kaiser klein, blass, energisch, lebhaft, ohne einen weissen Faden im kastanienbraunen Haar - Bluecher in seiner roten Husarenuniform, die Muetze mit dem Totenschaedel auf dem Arm - der Kaiser in seiner gruenen Gardejaegeruniform mit den weissen Aufschlaegen und dem Stern der Ehrenlegion in Gold gestickt, den schwarzen, dreieckigen Hut in der Linken. Er kam gleich auf Bluecher zu und fing an, lebhaft auf ihn einzureden. Und Bluecher stand da, lang und breitbeinig, den Kopf vorgestreckt, und sah auf den kleinen Kerl herab, der sich mit zierlichen Schritten vor ihm hin und her bewegte - glotzte ihn an wie eine grosse Dogge, die die lustig einschmeichelnden Spruenge eines zierlichen Affenpintschers um sie herum anstaunt und dann und wann mit einem tolpatschigen Schlag der Pranke zu vergelten versucht, dabei das Klaeffen des Kleinen mit einem gutmuetigen Zaehnefletschen beantwortend. Viel verstand er nicht von dem, was der Kaiser sagte, geriet aber sofort in den Bann seiner spruehenden Beredsamkeit und der Energie, die aus jedem seiner Worte, aus jeder Miene auf ihn einstroemte. Er holte auch sofort zur Parade aus und fing an, ebenso lebhaft auf den Kaiser dreinzuparlieren, in einem sonderbar zurechtgestutzten Kauderwelsch, das in seinen eigenen Ohren gar lieblich klang und ihn geradezu stolz machte. Lateinische, polnische und franzoesische Brocken wuerfelte er dabei kunterbunt durcheinander, in einer Mischung, die ihm sicherlich keiner so leicht nachmachte. Aber als der Kaiser immer lebhafter wurde und ihn schliesslich an einem Knopf seiner Uniform packte und anfing daran zu drehen und zu drehen, da wurde er still. Das war unheimlich! So liess er sich denn doch nicht beim Wickel nehmen! Er horchte genau auf das, was der Kaiser zu ihm hinaufsprudelte - schnappte einige Worte auf und begriff, dass lang und breit von der Elblinie und von den kuenftigen Grenzen Preussens geredet wurde, wenn auch nicht was, und dass der Kaiser ihm das taegliche Lied seiner Generaele von der ihm zugedachten Rolle als Friedensvermittler jetzt selbst vorleierte. Da aber das Drehen des Knopfes nicht aufhoerte, vielmehr ein Gefuehl verursachte, als wuehle sich ein Bohrer immer tiefer und tiefer in ihn hinein, da gab's bei ihm innerlich einen Ruck und ein Straeuben der Haare, wie bei einem Kater angesichts des Hundes. Die Haltung straffte sich, die Blicke spruehten Feuer und Flammen, er wollte schon etwas Kraeftiges antworten. Aber Napoleon wartete es nicht ab. Mit kleinen festen Schritten ging er ein paarmal durchs Zimmer, setzte sich im offenen Fenster aufs Fensterbrett, kam wieder vor und sagte in einem von fast echtem Gefuehl vibrierenden Tonfall: "_Mais mon cher - je l'aime, votre patrie! Oui, c'est vrai, j'aime la Prussie!_" Und er setzte noch lang und breit auseinander, wie sehr dieser ganze Krieg wider sein Gefuehl sei, und dass es ihm zumute sei, als muesse er mit seiner Rechten seine Linke schlagen, wenn er das ihm so teure Preussen schluege! Welche echt preussenfreundliche Gesinnung er noch mit einem Haendedruck bekraeftigte. "Ist schon recht," dachte Bluecher, "es gibt Freundschaft und Freundschaft, und wie deine beschaffen ist, damit weiss ich Bescheid! Wenn du denkst, dass ich darum fuer dein '_patrie_' auch nur einen Pfifferling uebrig habe, da irrst du dich gewaltig!" In voller Gemuetsruhe liess er dann noch einen rednerischen Ansturm ueber sich ergehen, sagte weder ja noch nein, nickte nur dann und wann zustimmend, eingedenk der Mahnung Eisenharts, lieber mit List die sofortige Freiheit zu gewinnen, als sich noch nach Frankreich in Gefangenschaft schicken zu lassen. Und als Napoleon ihm die Hand zum Abschied reichte, da langte er zu und drueckte sie recht herzlich wieder und schmunzelte freundlichst ueber das ganze Gesicht. "Ein Teufelskerl ist das!" sagte er nachher, als er seinen Soehnen und Eisenhart von der Begegnung erzaehlte. "Ein ganz verfluchter Kerl! Und charmant! Ich dachte bei Gott nicht daran, dass er eigentlich den leibhaften Gottseibeiuns darstellt, dem man schleunigst das Genick brechen muesste! Mehr als einmal haette ich ihn durchs offene Fenster hinausstossen koennen, als er auf dem Fensterbrett sass, waere ich nur nicht so verflucht gutmuetig gewesen, wie wir Deutschen es nun leider immer sind!" "Wer weiss," sagte Eisenhart mit einem spitzbuebischen Laecheln, "wer weiss, was fuer eine gute Gelegenheit Exzellenz da versaeumt haben, mit einem raschen Stoss den Krieg zu beenden und Europa eine neue Karte zu geben!" "Ehrlicher Kampf ist mir lieber", sagte Bluecher. "Und aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Wir werden ihm schon beikommen, wenn er auch ein guter Schauspieler ist und die Kunst versteht, alle Welt dumm zu machen! Das koennen wir schliesslich auch, wenn's sein muss. Fuers erste probieren wir's mit Seiner Kriegslist, Eisenhart!" So wurde es auch gemacht. Beim Abschiedessen, das der General Le Camus ihm noch am selben Tag gab, hielt Bluecher dann eine Rede auf Napoleon und brachte in aller Form seine Gesundheit aus. Allerdings erst nachdem der franzoesische General Preussen und seinen Koenig hatte leben lassen. Dann aber, als nach vielem Hin und Her, nach langem Warten und endlosem Aerger, endlich der Augenblick da war, in dem er ueber die Demarkationslinie gehen durfte, waehrend von der anderen Seite der Schatten des gegen ihn ausgewechselten Generals Victor gruessend vorbeihuschte, da war's mit einem gewissen Gefuehl der Erleichterung, dass er seinem getreuen Adlatus und Reisebegleiter zurief: "Los, Eisenhart!" Und er liess Eisenhart nicht aus den Augen, als der mit dem General Daenzel leise sprach. Er aergerte sich aber gewaltig, als der Franzose nur laechelte und befriedigt Beifall nickte, obwohl Eisenhart in aller Form erklaerte, mit der Friedensvermittlung Bluechers waere es nichts - seine ganze Zusage in betreff der Friedensvermittlung waere nichts als erlaubte Kriegslist gewesen, und man wuerde dem Koenig von Preussen gute Ratschlaege in ganz anderem Sinne zu geben wissen. Diese offene Kampfansage wollte Bluecher wenigstens dem Franzosen mit nach Hause geben. Sie sollten da nicht eine Sekunde laenger als noetig glauben duerfen, dass er auch nur das geringste fuer ihr "_patrie_" uebrig haette! An seine Begegnung mit dem Kaiser dachte er aber mit vielem Interesse zurueck. Er staunte Napoleon an wie eine seltsame Naturerscheinung, die mit seiner eigenen Welt wenig Zusammenhang hatte. Napoleons lebhaftes Spruehen, sein eindringliches Drauflosagieren hatte ihn nicht darueber zu taeuschen vermocht, dass er im Kaiser vor allem eine masslose Energie und einen konzentrierten, kalten und klaren Verstand vor sich hatte, dem keine Grenzen gesetzt waren ausser der einen, hinter der Gefuehl und alles mitreissendes Temperament allein geboten. Und da war _er_, Bluecher, wiederum zu Hause und wurzelte drin mit seiner ganzen Persoenlichkeit, und konnte seinerseits auch nicht ueber die Grenze hinaus. Sie waren eben zwei einander voellig fremde Welten aus verschiedenartiger Materie, vom Zufall fuer einen Augenblick zusammengeschleudert, sausten aneinander vorbei, machten viel und gewaltiges Geraeusch und spien Feuer und Funken und Flammen gegeneinander, jede nach _ihrer_ Art und ohne bei der anderen zuenden zu koennen. Und sausten dann, jede in ihrer Richtung, weiter und ueberliessen es dem Zufall, wieder einen Zusammenprall herbeizufuehren und zu entscheiden, welche von ihnen wohl dann die andere aus der Bahn schleudern wuerde. * Bluecher stand vor seinem Herrn und Koenig und freute sich ungemein, denn er wurde hier, im preussischen Hauptquartier zu Bartenstein, mit lauter guten Neuigkeiten empfangen. Die Kabinettsregierung war beseitigt, Lombard entlassen, Beyme fallfertig und Bluechers ueber alles geschaetzter Freund Hardenberg seit gestern Staatsminister und Leiter der gesamten Politik. Fehlte nur noch Stein, der in Ungnade Entlassene, und sein Glueck waere vollstaendig gewesen. Der Koenig hatte ihn umarmt und gekuesst und sich hilflos nach einem Orden fuer ihn umgesehen. "Haben keine Sterne mitnehmen koennen bei der eiligen Abreise!" sagte er. Hardenberg half dann mit seinem Schwarzen Adler aus, und der Koenig heftete ihn selbst Bluecher an die Brust. Bluecher fing dann an schwarz zu malen und gab eine erhebende Schilderung von dem hoffnungslosen Zustand der franzoesischen Armee, die man mit Leichtigkeit vernichten koennte, wenn man es jetzt sofort versuchte. "Majestaet," sagte er, "ich steh' mit meinem Kopf dafuer ein. Wenn ich nur dreissigtausend Mann unter meinem Befehl habe, dann durchbreche ich die franzoesischen Linien und werfe den Feind wenigstens bis auf die Oder zurueck. Ich bin mit offenen Augen durch das von ihm besetzte Gebiet gekommen. Seuchen ueberall, Mangel an Proviant, Mangel an Munition; die Leute marode und deprimiert von dem ungewohnten Klima; die Wege entsetzlich! In den naechsten vier Wochen koennen keine Verstaerkungen zur Stelle sein! Wenn wir jetzt dazwischenfahren, dann sind sie vernichtet - dann kommt's zu einer Katastrophe, die dem Krieg eine neue Wendung geben und unseren Leuten den Nacken wieder steifen wird! Wir werden, wenn wir jetzt den Coup wagen, ueberall, in Hessen, am Rhein, in der Mark, Aufstaende haben, wir werden die Franzosen ueber den Rhein zurueckjagen, und daran wird's nicht fehlen. Glauben Majestaet, dass der Kaiser Napoleon nach seinen grossen Siegen ueber uns um den Frieden bitten wuerde, wenn er es nicht bitter noetig haette? Nein! Ich habe ihm in die Seele geschaut! Eine Stunde lang hat er auf mich eingeredet - viel habe ich nicht davon verstanden! Aber so viel habe ich begriffen: er schwefelte mir so eifrig vor von der Notwendigkeit _fuer uns_, einen Separatfrieden zu schliessen, dass ich von der Notwendigkeit _fuer ihn_ ueberzeugt wurde! Und ebenso eifrig wie er selbst waren seine Leute. Wo aber der Franzose so liebenswuerdig wird, da _will_ er auf diese Weise immer etwas ergaunern, was er anders nicht bekommen kann. Sonst waere er der letzte, sich die Muehe zu geben, sonst nimmt er, was ihm beliebt und wie's ihm beliebt und fragt nicht erst nach der Meinung anderer!" Es wurde die alte Geschichte. Der Koenig sah es wohl ein - der General mochte schon recht haben -, es waere nicht ausgeschlossen, jetzt durch einen kuehnen Handstreich einige Vorteile ueber den Kaiser der Franzosen zu gewinnen! Nach der Schlacht bei Eylau war er ja schon bedeutend entgegenkommender geworden! Allein man duerfe nicht sein Letztes auf eine Karte setzen! Die Armee war bis auf fuenfundzwanzigtausend Mann zusammengeschmolzen: allein koennte man nichts gegen die Uebermacht unternehmen - man waere sowieso von der Hilfe der Russen abhaengig. Es waere also das richtigste, zuerst mit dem Kaiser Alexander zu reden - wenn er den Plan Bluechers billigte, so wuerde der Koenig auch nicht dagegen sein! Er, Bluecher, sollte sofort zum Kaiser mitkommen! Das war fuer diesmal schon viel erreicht. Guten Muts folgte Bluecher dem Koenig nach dem Quartier des Kaisers Alexander. Dieser war gleich Feuer und Flamme. Gewiss! Das waere ja glaenzend, das waere brillant! Das muesse gemacht, das wuerde sofort ins Werk gesetzt werden! Darauf koenne sich Bluecher verlassen, und die verlangten Truppen bekaeme er! Der Kaiser sagte dem General noch die schoensten Komplimente und Schmeicheleien fuer seinen mutigen Rueckzug nach Luebeck, und bedankte sich sehr fuer den ausserordentlichen Dienst, den Bluecher der russischem Kriegfuehrung dadurch geleistet hatte, dass er die Franzosen so lange vom Osten abzog. Er war so aimabel, so charmant, wie es nur ein russischer Gardeoffizier sein kann. Seine Begeisterung war so soigniert, so wohlgepflegt und ohne Ueberschwang, seine ganze Art, sich zu geben, so korrekt und elegant, dass Bluecher ganz uebel zumute wurde. Von diesem geschnuerten, parfuemierten, gut frisierten und schoenen jungen Mann waren keine derben Hiebe, keine grossen Entschluesse und vor allem keine Ausdauer zu erhoffen, das wusste er gleich! Und auch, dass mit schoenen Worten und Schmeicheleien nach Art der Franzosen von ihm alles zu erreichen waere. Seine Zustimmung gab der Kaiser also auf der Stelle, jedoch alles Naehere muesse Bluecher mit seinem Oberkommandierenden, dem General von Bennigsen, vereinbaren. "Mit dem werde ich wohl fertig", dachte Bluecher. "Der ist ja ein Deutscher wie ich!" Und er ging hin. Viel Deutsches war aber nicht mehr an dem kleinen russischen General mit dem bauernschlauen, verschmitzten Gesicht zu entdecken - wenn nicht der Hochmut deutsch ist. Denn mit unsaeglich mitleidsvoller Verachtung blickte er auf Bluecher nieder, der ja das Unglueck hatte, preussischer Offizier zu sein, was in Bennigsens Augen, nach Jena, ungefaehr das allerletzte war! Und dieser hergelaufene alte Husar, der wollte ihm noch ins Handwerk pfuschen - der wollte selbstaendig kommandieren, auf eigene Faust Krieg mit dem Kaiser Napoleon fuehren, vor dem seine Landsleute so brav davongelaufen waren?! Ihm, Bennigsen, kaeme man nicht mit dergleichen! Ihm, der vor nicht allzulanger Zeit einen Zaren vom Thron gestossen und dem jetzigen Kaiser die Krone aufs Haupt gesetzt hatte, der also in Russland - das heisst im groessten Reiche der Welt - das Heft in der Hand hielt! Sein junger Kaiser war da wieder viel zu gutmuetig, viel zu liebenswuerdig gewesen! Er war ein grosses Kind! Er liess sich von allen moeglichen Abenteurern blauen Dunst vormachen, und nachher muesste er, Bennigsen, der einzige von allen Moerdern seines Vaters, den er noch um sich duldete, die Sache wieder einrenken! Das wuerde er auch jetzt besorgen! - Die Rechte in die Weste geschoben, die Beine uebereinandergeschlagen, der Blick weit ueber Bluecher hinaus in die Ferne schweifend, so stand er da, an den Ofen gelehnt, liess sich Vortrag halten und geruhte dann in Gnaden zu sagen: die Idee waere ganz gut, aber vorderhand nicht auszufuehren! Sie fordere Vorbereitungen! Und Vorbereitungen, das hiesse Zeit haben! Indessen wollte er sich alles genau ueberlegen! Worauf Bluecher gereizt erwiderte, ueberlegt und erwogen waere schon mehr als genug. Wollte man noch damit Zeit vertroedeln, dann ginge inzwischen die guenstige Gelegenheit verloren. Napoleon bekaeme wieder frische Truppen, Munition und Proviant und wuerde sicherlich nicht zoegern, sofort vorzugehen und die Russen ueber die Grenze zurueckzuwerfen. Das waere ihm nicht unwillkommen, sagte dann der Renegat, ohne die Hand aus der Weste herauszunehmen. Er wuerde sich sogar freuen, kaeme er bald aus diesem elenden Ostpreussen wieder in seine geliebte russische Heimat zurueck. "So, auf _die_ Weise?" versetzte Bluecher dann und rief den anderen Offizieren, die mitgekommen waren, zu: "Kommt, Kinder, hier haben wir nichts zu suchen! Wir sind verraten und verkooft!" Er drehte Bennigsen den Ruecken und ging und fluchte, weil wieder eine gute Gelegenheit versaeumt wurde, wo durch rasche Entschlossenheit und schnelle Tat alles gewonnen werden konnte. Aus seinem schoenen Husarenstreich wurde nichts. Aber trotz alledem wurde am naechsten Morgen drueben bei den Franzosen Alarm geblasen und ein Hallo gemacht, als wuerde die Welt aus den Angeln gehoben. "Die Russen sind da! Die Preussen ruecken an und fallen uns in die Kantonierungen!" schrie alles durcheinander. Die Trompeten schmetterten, die Trommeln schlugen, Adjutanten und Stafetten flogen hin und her, man schrie, kommandierte, fluchte und schimpfte. Napoleon war ausser sich ueber seine Gutmuetigkeit, den alten Haudegen Bluecher so leichten Kaufes entlassen zu haben! Der war sicherlich nicht mit geschlossenen Augen durch die franzoesischen Linien gekommen! Der war der rechte Mann, eine gute Gelegenheit auszunuetzen! Der kuemmerte sich den Teufel um schlechte Wege und Unbill des Wetters, auf die sich das franzoesische Feldkommissariat stets herausredete, nicht zum mindesten jetzt, wo es ausserstande war, Munition, Kanonen und frische Truppen heranzufuehren - vom Proviant gar nicht zu reden! Die ganze Kavallerie sollte heraus, dem Feind entgegen und ihn aufhalten, bis die anderen Truppen, die noch in ihren Quartieren zerstreut lagen, versammelt waeren. Kaum befohlen, klabasterten die kleinen Chasseurs wie die Deubels gegen die Passarge los, von wo man die ganze Nacht ein Geschrei und Getoese gehoert hatte, als waere die grosse russische Armee eben im Begriff, ueber den Fluss zu gehen. Mit altgewohntem Elan ritten sie gegen die ungebetenen Gaeste auf, die Karabiner schussbereit, die Lanzen geschwungen. So kamen sie an das Ufer der Passarge, ohne einen Schuss abzubekommen - hielten mitten im tollsten Ansturm inne, sperrten die Augen und die Maeuler auf und dachten an alte Maerchen von Wassernixen, die als Schwaene vermummt das Weite suchen, wenn Gefahr naht, und wunderten sich, wo die Moskowiter auf einmal das Fliegen gelernt hatten, und wie die schmutzigen, baertigen Kerls so schneeweiss wie die Engel gen Himmel schweben konnten, wo sie doch eigentlich wie die Teufel aussehen muessten und in die Hoelle gehoerten! Denn zu Tausenden und aber Tausenden flogen bei Sonnenaufgang mit lautem Getoese wilde Schwaene von der Wasserflaeche auf, zogen ihre weiten Kreise, stiegen ohne Aufenthalt ins Blaue hinein und liessen unten Lanzenreiter und Chasseurs mit gestreckten Haelsen sitzen und gaffen und das grosse Wunder des hereinbrechenden Fruehlings anstaunen, gegen das kein Kaiser und kein Koenig mit seinen Rossen und Reisigen aufkommen kann, wie gewaltig und maechtig er auch ist. 11 ZWISCHEN DEN SCHLACHTEN Im Schlosse zu Koenigsberg sass, brav und bieder, Bluecher am Teetisch der Koenigin Luise und zupfte Scharpie. Er brummte wohl leise in den Bart, schmunzelte aber dabei und gab sich nach Moeglichkeit den Anschein, als sei dies Werk der Liebe und nicht das rauhe Handwerk des Krieges so recht nach seinem Sinn. Er zupfte einen Faden - er zupfte zwei und legte sie behutsam vor sich auf den Tisch. Waeren es Karten gewesen, sie waeren schon anders dahergekommen! Der dritte Faden flog auch bei dem Gedanken mit ganz anderem Schwung aus der Hand und kam mit einem leichten Schlag auf die Platte. Die Koenigin blickte von ihrer Arbeit auf und laechelte unfreiwillig. Bluecher laechelte zurueck, und sein Gesicht strahlte in glaeubiger Verehrung und inbruenstiger Anbetung. Denn um die schoene Koenigin herum tauchten vor seiner Phantasie ploetzlich all die Holden auf, denen seines langen Lebens Minnedienst gegolten hatte. Heilige waren das wohl nicht gewesen! Er hatte aber auf den Knien vor ihnen gelegen und hatte sie glaeubig angebetet! Und aus der Erinnerung seliger Stunden laechelten sie ihm noch heute ihren Dank zu, weil er es verstanden hatte, ein wenig Sturm in ihre Stille zu bringen! Heilige nicht - aber doch umstrahlt von der ewigen Glorie eines freudig geschenkten und ebenso freudig empfangenen und erwiderten Gefuehls - das einzige, was dem Leben hienieden den vollen Abglanz der Ewigkeit zu verleihen vermag. So etwas mochte wohl in den Blicken des alten Frauenverehrers gewesen sein, als er zu seiner jungen, liebreizenden Koenigin aufblickte. Aber auch, dass sie _jetzt_ war, was die anderen alle nur noch gewesen waren - der Inbegriff all dessen, was das Herz eines Mannes zur Anbetung zwingen kann: Jugend, Schoenheit und inniges Gefuehl, das locken und necken und kuehnem Angriff Abwehr bieten konnte, aber auch, wenn es galt, einen Tanz wagen und freudig mitfliegen mochte - kurz, gerade so bodenstaendig und unheilig, wie sich das Herz eines alten Husaren die Mutter Gottes vorstellen mag - so und nicht anders! - - Die Koenigin verstand wohl auch Gedanken zu lesen, denn vor den feurigen Blicken Bluechers senkten sich ihre Augen, und in ihr Laecheln kam ein Anflug von Spott. Das genuegte vollauf, um Bluecher auf das gebuehrende Mass alleruntertaenigster Verehrung zurueckzufuehren. Als Belohnung befahl die Koenigin, ihm Tee zu reichen, und tat gnaedigst, als merke sie gar nicht, wie er mit der Gewandtheit eines Taschenspielers den Leinwandlappen, an dem er notgedrungen zupfte, unter dem Tisch in seiner Saebeltasche verschwinden liess. "Es ist schoen von Ihnen, General," sagte sie vielmehr, "dass Sie uns bei unserem Liebeswerk so eifrig helfen wollen!" Und Bluecher in Wahl und Qual zwischen dem Tee und der Scharpie, griff entschlossen nach einem neuen Leinwandstreifen und zog mit viel Muehe einen Faden heraus. "Wie immer gehorsamst zu Diensten, wenn Majestaet befehlen!" sagte er, eifrig zupfend. "Ich gestatte mir aber alleruntertaenigst darauf hinzuweisen, dass es mir _bei diesem_ Liebeswerk viel an der rechten Uebung fehlt. Wir Soldaten sind gewohnt, in ganz anderer Weise mit der Scharpie in Beruehrung zu kommen! Ich meine so, dass sie sich schmerzstillend auf unsere Wunden legt. Und wenn wir dabei der zarten Haende gedenken koennen, die, von Mitleid bewegt, uns so weiche Wohltat bereiten halfen, das vermehrt die Heilkraft und stillt unsere Schmerzen sicherlich besser, als wenn wir selbst sie zubereitet haben!" Gesagt, und der zweite Lappen lag beim ersten in seiner Saebeltasche. Die Koenigin laechelte. "Wie schoen Sie das auch vorbringen, General," sagte sie und schob ihm noch ein paar Streifen zu, "wir erlassen es Ihnen doch nicht, uns zu helfen. Der Wunden gibt es viel mehr als Haende, die Schmerzen zu lindern! Zupfen Sie also brav weiter und erzaehlen Sie uns dabei von Ihren Irrfahrten -" "Meine Irrfahrten, Majestaet," sagte Bluecher ernst, "die ergeben sich alle aus einer einzigen unausloeschlichen Schmach, in der wir leider noch leben, und von der ich alleruntertaenigst mir zu gestatten bitte, nicht sprechen zu muessen. Es sei denn, dass ich davon sprechen darf, wie wir sie wieder gutmachen. Denn das ist kinderleicht!" "Meinen Sie?" "Das meine ich! Nur wollen und wagen und die gute Gelegenheit ausnuetzen, dann hat's keine Gefahr. Denn unsere Soldaten - nun, die haben bei Eylau gezeigt, wie sich ein preussischer Soldat schlaegt - sie haben da unsere Waffenehre gerettet." "Das sind Helden!" sagte die Koenigin geruehrt. Und Bluechers Augen blitzten. "Wie die Kerle da zu den Klaengen des 'Alten Dessauer' ueber die Schneefelder Sturm liefen, dass die Bajonette im Abendsonnenschein blitzten!" sagte er begeistert. "Ich kann's sehen, als waere ich dabei gewesen, wie sie mit der Gewalt einer Meeresbrandung alles vor sich herfegten - ich kann den Donner ihrer siegenden Hurrarufe hoeren -, und _das_, Majestaet, das tut meinem Herzen wohl, nach all der Schmach!" Er zupfte wieder ein paar Faeden und verbiss die Ruehrung. "Und was ich jetzt von Kolberg hoere," sagte er dann, "von den kuehnen Ausfaellen Schills, von seinen Streifzuegen, von dem heldenmuetigen Geist der Buergerschaft, die von der Aufgabe der Festung nichts wissen wollte. So haette es ueberall sein muessen, die Leute haetten sich nur mit der Bitte um andere Kommandanten an den Koenig wenden sollen, da haetten wir alle unsere Festungen noch. Denn es gibt unter uns mehr solche Leute wie der Major Gneisenau, der sich jetzt so brav in Kolberg haelt. Aber - - wenn man bedenkt, dass die vierzehn preussischen Generaele, die in Magdeburg gefangen wurden, zusammen dreizehnhundert Jahre alt waren - da ist's kein Wunder!" Die Koenigin laechelte. "Es koennen nicht alle so jung sein wie Sie, General", sagte sie mit sanfter Anspielung auf seine fuenfundsechzig Jahre. "Gewiss nicht, Majestaet", antwortete Bluecher unbefangen. "Aber wenn wir jungen Leute nicht die vielen Vordermaenner gehabt haetten, dann haetten wir ein Kommando gehabt und Gelegenheit, manches anders und vielleicht auch besser zu machen!" Der Koenigin war es peinlich, in ihrem Salon so offenen Tadel ueber Leute zu hoeren, unter denen es doch manchen verdienten Mann gab. Sie unterbrach den General. "Sie wollten mir doch von Ihren eigenen Taten erzaehlen", sagte sie, ohne von ihrer Arbeit aufzublicken. "Zu Befehl!" sagte Bluecher. "Ich war auch dabei, alleruntertaenigst von den Taten zu referieren, die ich wohl planen, aber noch nicht ins Werk setzen durfte!" Die Koenigin empfand den unausgesprochenen Vorwurf gegen den Koenig, der in der Antwort verborgen war, und antwortete nicht, blickte auch nicht von ihrer Arbeit auf. Bluecher benutzte rasch die Gelegenheit, wickelte unterm Tisch den Leinwandstreifen vom Finger ab und liess ihn wie die anderen schnell verschwinden. Aber doch nicht so schnell, dass es die Koenigin nicht sah. Sie laechelte wieder und blickte ihn an. "Wir verstehen wohl, worauf Ihre letzten Worte hindeuten", sagte sie gnaedig. "Uns sowohl wie dem Koenig waere es auch lieber, Ihren Mut und Ihre Einsicht in geeigneterer Weise betaetigt zu wissen, als es jetzt leider der Fall sein kann. Wir bedauern am meisten, dass Sie nicht hoch zu Ross, an der Spitze einer Armee, gegen die Eindringlinge vorstuermen koennen. Am Koenig und an mir liegt's nicht, wenn Ihren Wuenschen nicht stattgegeben werden konnte. Ich meinerseits kann Sie also heute nur so beschaeftigen wie jetzt und dazu den Vers machen: Kommt Zeit, kommt Rat! Aber Sie haben kein Leinen mehr, lieber General - hier!" und sie reichte ihm hoechstselbst wieder einen neuen Streifen. Er nahm ihn gehorsamst, dankte alleruntertaenigst, zupfte an seinem Schnurrbart, blickte melancholisch in seine Teetasse und sehnte sich unchristlich nach einem guten Rotspon und einer Pfeife echten Knasters, fand sich aber dann in die Plage, schluerfte gottergeben seinen Tee und zupfte einen Faden - zupfte gar zwei. "Halten zu Gnaden," sagte er dann ploetzlich und liess die Hand aufs Knie sinken, "wollen Majestaet gnaedigst verzeihen, wenn ich trotz dem Gesagten es doch wage, Majestaet um Allerhoechstdero Vermittelung beim Koenig anzuflehen! Denn noch ist es nicht zu spaet, gegen den Franzmann vorzugehen! Noch ist die Gelegenheit gut!" "Zeigen Sie Ihren guten Willen, zupfen Sie brav!" sagte die Koenigin scherzhaft, ohne auf den ernsten Ton des Generals einzugehen. Denn sie hatte wiederum gesehen, wie der spitzbuebische Alte einen ihrer kostbaren Leinwandfetzen in seine Saebeltasche schmuggelte. "Sie muessen mir noch einen ganzen Haufen Scharpie abgeben. Wer weiss, welche Ritterdienste Ihrer noch harren, wenn Sie die Probe mit Glueck bestehen!" Bluecher fuegte sich und zupfte brav eine Weile und dachte dabei zurueck an die Friedenszeit in Muenster, mit der vielen unfreiwilligen Schreibarbeit, in der er damals nicht allzu eifrig mit seinem Freunde Stein wetteiferte! Ob Stein es sich wohl auch mitten im Krieg gefallen lassen wuerde, acht Tage hintereinander Tee zu trinken und Scharpie zu zupfen, statt seine Plaene zum Wohle des Staates mit aller Energie auszufuehren? Er lachte innerlich bei dem Gedanken an seinen schroffen, staemmigen alten Freund, den wohl nicht einmal der Liebreiz der Koenigin Luise gezwungen haben wuerde, so galant zu sein! Stein hatte uebrigens jedem Missbrauch seiner Kraft vorgebeugt. Er hatte seine Meinung offen und ungeschminkt dem Koenig ins Gesicht gesagt und seine Strafe empfangen - war ungnaedig entlassen worden, gerade jetzt, wo er mehr denn je noetig war. Der Gedanke machte Bluecher zornig. Er knuellte den Lappen in der Hand zusammen, hob, ohne diesmal zu schmuggeln, seine Saebeltasche hoch, schob mit trotziger Energie die Hand hinein und tat ohne Umschweife den Lappen zu den anderen. "Ei, die schoene Saebeltasche!" sagte die Koenigin. "Geben Sie her, General! Die muss ich mir genau ansehen!" Und Bluecher hakte gehorsamst die Saebeltasche los und ueberreichte sie seiner hohen Gebieterin. Die Koenigin nahm sie, betrachtete sie genau, drehte und wandte sie nach allen Seiten, untersuchte, wie sie zu oeffnen sei, blickte auch hinein und fand ihre geraubten Leinwandfetzen drin huebsch saeuberlich beieinanderliegen. "Ach sieh", sagte sie hold laechelnd und hielt ihren wiedergewonnenen Schatz hoch. "Seht nur den braven General Bluecher! Nicht genug, dass er sich hier bei uns im Dienste der Naechstenliebe bemueht, er will sich auch zu Hause weiter betaetigen - er hat sich Arbeit mitgenommen! Fuerwahr, ein leuchtendes Beispiel ritterlichen Opfermuts. Indes, das duerfen wir nicht annehmen. Die Leinenstreifen behalten wir hier. Sie werden doch nicht darum kommen, sie zu zupfen, General! _Wir heben sie Ihnen bis morgen auf_, wo wir Sie wiederum zum Tee und Scharpiezupfen erwarten!" Worauf die Koenigin die Saebeltasche zurueckgab, die Leinwandstreifen vor sich auf den Tisch legte und sie ausglaettete. Bluecher war aber einer schoenen Dame gegenueber niemals auf den Kopf gefallen, auch nicht, wenn es eine Koenigin war. Er stand also auf, verbeugte sich galant, nahm der Koenigin rasch wieder seine ersparten Leinwandstreifen ab, drueckte sie gegen sein Herz und sagte: "Halten zu Gnaden, Majestaet, wenn ich diese Leinwandstreifen an mich nahm, so war es keinesfalls, um sie zu Hause noch in Scharpie zu verwandeln, vielmehr, um sie davor zu bewahren. In der Armee gibt's so manchen ritterlich gesinnten jungen Mann, der jederzeit bereit ist, mit Freuden Blut und Leben fuer sein Koenigshaus und seine Heimat zu opfern. Unter all den jungen Leuten gibt's aber keinen - wie auch unter uns alten nicht -, der nicht das Bild unserer liebreizenden Koenigin im Herzen truege. Sie ist in Wahrheit unsere Schutzheilige geworden. Und deshalb wollte ich den kuehnsten unter den wackeren Streitern diese Streifen verehren, auf dass sie sich damit schmuecken wie frueher der Ritter, wenn er in die Schranken ritt, die Farben seiner Herzensdame am Helm, und so zu immer groesseren Heldentaten entflammt werden. Das duenkt mich der Sache unseres Vaterlandes nuetzlicher, als wenn daraus Scharpie gemacht wird!" "Uns aber nicht", sagte die Koenigin, die ein leichtes Erroeten bei den Worten des alten Schwerenoeters nicht unterdruecken konnte. "Wir freuen uns ueber die Zuneigung, die aus Ihren Worten spricht, Herr General, sind aber nicht so eitel, fuer unsere Person Ritterdienste anzunehmen, die einzig und allein dem Lande zu gelten haben. Die Leinwandstreifen geben Sie mir nur wieder her. Wir haben dafuer etwas anderes, das wir Ihnen in die Saebeltasche hineintun moechten, damit Sie doch nicht ganz leer ausgehen. Hier -", sie entnahm einem, auf einer Konsole neben ihr stehenden Naehkorb einen Brief und reichte ihn Bluecher. - "Nehmen Sie das mit, aber lesen Sie's erst, wenn Sie zu Hause sind! Der Koenig gab es mir fuer Sie! Er schreibt Ihnen hoffentlich viel Erfreuliches drin! Und nun wollen wir Sie fuer heute nicht laenger in Anspruch nehmen. Sie werden neugierig sein und wissen wollen, was in dem Briefe steht!" Sie reichte Bluecher die Hand, und er kuesste sie, verbeugte sich tief und ging. Schon im Vorzimmer erbrach er das koenigliche Schreiben. Es enthielt die Ernennung zum Kommandanten eines neu zu bildenden Korps, das von Pommern aus, mit schwedischen und englischen Hilfstruppen vereint, im Ruecken der franzoesischen Armee operieren, so die Bewegungen der Hauptarmee erleichtern und womoeglich auch die beiden Festungen Kolberg und Danzig entsetzen sollte. Die Ernennung erfolgte auf ausdrueckliches Ersuchen des Koenigs Gustav Adolf von Schweden, der den General Bluecher gern zum Befehlshaber des verbuendeten preussischen Kontingents haben wollte. "Da waeren wir gewissermassen wieder in schwedischen Diensten angelangt", sagte Bluecher, steckte das Schreiben ein und verliess das Schloss, nicht gerade erfreut. Ihm waere es lieber gewesen, schon jetzt und in ganz anderer Weise den grossen Wurf gegen Napoleon zu wagen, der so mit Haenden zu greifen und gar nicht zu verfehlen war. Dagegen duenkte ihn jenes Kommando in Schwedisch-Pommern wie eine Verbannung. * Es war ein heisser Sommertag. Der Roggen bluehte, die Aehren standen dicht und steif ueber den Feldern am Memelfluss. Hier und dort stieg eine leichte Wolke feinen Samenstaubs in die Luft, schwebte in niedriger Hoehe ueber den Feldern und senkte sich wieder. Kein Blatt bewegte sich. Inmitten eines Feldes, unweit vom Fluss, rieselte eine leichte Bewegung durch die Aehren und pflanzte sich im Zickzack quer durchs Feld fort bis zum Grabenrand. Und da kam - eine Maus heraus, blickte sich scheu nach allen Seiten um und lief dann im Grase weiter dem Fluss zu. Aber nicht vorsichtig genug, um unbemerkt zu bleiben. Der scharfe Blick eines Bussards, der hoch oben in den Lueften seine Kreise zog, hatte die Bewegung in den Aehren erspaeht. Kaum hatte die Maus den schuetzenden Strohwald verlassen, so schoss er pfeilschnell hinunter, packte sie und schwang sich hoch ueber dem Fluss in die Hoehe, seinen Raub in den Krallen. Ein Schuss - ein krampfhaftes Schlagen mit den Fluegeln - die Krallen liessen ihre Beute los - ein kurzes hilfloses Flattern, und dann stuerzte der Raeuber schwer getroffen zu Boden. Sein Opfer aber schwamm gerettet unten im Fluss auf das naechste Ziel zu - ein maechtiges Floss, das mitten im Wasser verankert lag. Von keinem bemerkt, erreichte die Maus die rettenden Planken, kroch aus dem Nass herauf, lief rasch ueber das Floss auf einen daraufstehenden Pavillon zu, schluepfte unter den Vorhaengen hinein und verschwand. Es war kein gewoehnliches Floss, auf dem die Maus so unverhofft gelandet war. Ueber Nacht auf Befehl eines maechtigen Kaisers entstanden, trug es auf seinem glatten Bretterbelag einen aus kostbaren Stoffen und Teppichen hergerichteten Pavillon, bestimmt, die beiden groessten Herrscher und Gebieter der gewaltigsten Kriegshaufen der Erde zu friedlicher Zwiesprache zu vereinen. Der Zar aller Reussen, bei Friedland blutig aufs Haupt geschlagen, hatte Napoleon um Waffenstillstand gebeten und zugleich den Wunsch geaeussert, den "groessten Mann des Jahrhunderts" persoenlich zu sprechen. Napoleon willigte ein, legte die Zusammenkunft auf den naechsten Tag - den fuenfundzwanzigsten Juni - und gab seinem Artilleriegeneral Lariboissiere den Befehl, fuer einen moeglichst pomphaften Rahmen zu sorgen. Mitten im Fluss, wo die Demarkationslinie verlief, wollte der Sieger den Besiegten empfangen. So kam es, dass gegen Mittag an den Ufern des Memelflusses die beiden feindlichen Armeen Aufstellung nahmen. Was an Bevoelkerung da war, wurde gleichfalls zusammengetrommelt, um mit dem bevorstehenden, glanzvollen Schauspiel beglueckt zu werden. Alles war also vereinigt, was zu einer gelungenen Vorstellung gehoert: ein geraeumiger, leicht zu ueberblickender Schauplatz, prunkhafte Dekorationen, ein dankbares Publikum und eine stimmengewaltige, gut gedrillte Claque. Die Hauptdarsteller liessen noch auf sich warten. Der Schuss, der vorhin flussaufwaerts gefallen war und der dem Maeusebussard das Leben gekostet hatte, hatte nicht viel Aufregung verursacht. Man hatte das Opfer gesehen und den Taeter als einen der Baumeister des Flosses festgestellt, dem kein Attentatsgeluest auf einen hohen Herrn zuzutrauen war. Das Publikum hatte den Knall als Zeichen zum Beginn des Spektakulums aufgefasst und war enttaeuscht, weil nichts daraus wurde. Denn noch hatte die Uhr nicht eins geschlagen. Und puenktlich um eins sollte die weltbewegende Begegnung stattfinden. Die Zeitchronisten haben es unterlassen, die hochwichtige Feststellung zu machen, ob die Uhr die Ehre hatte, nach franzoesischer oder russischer Zeit die bedeutsame Stunde zu schlagen. Die russische Uhr geht bekanntlich vor. Aber Russland war besiegt und konnte also gereimterweise keinen Anspruch auf den Vortritt erheben. Und der Franzmann ist galant, wenn er nur als Sieger einherschreiten darf, und demuetigt seinen Besiegten nur, wenn er von ihm keine Vorteile erhoffen kann. Anzunehmen ist wohl, dass die Arrangeure des Schauspiels sich auf preussische Zeit geeinigt hatten, da man ja Preussen erobert und es auch sonst in jeder Hinsicht in der Tasche hatte. Preussen gab den Boden fuer die Veranstaltung her, die Bohlen und Bretter, Stoffe und Teppiche und das ganze gemeine, schaulustige Volk. Es wuerde ueberhaupt die Zeche zu zahlen haben. Warum sollte es denn nicht auch die Zeit angeben! Im uebrigen war Preussen nicht zum Friedensfest geladen. Der Koenig von Preussen war wohl bei der Kunde vom Waffenstillstand schnell nach dem kleinen Jagdschloss Szawl geeilt, wo der Zar sein Hauptquartier hatte, und folgte dem Zaren von dort nach dem Dorfe Picktupoehnen, Tilsit gegenueber, wo sie beide Wohnung nahmen. Er war mit Recht besorgt. Denn weder war er gefragt worden, noch hatte man ihn in die Konvention ueber den Waffenstillstand mit aufgenommen. Er haette sich mit Recht sogar entruesten koennen. Denn vor kaum zwei Monaten hatte der Zar mit ihm eine andere Konvention geschlossen, in der sich beide Vertragschliessenden verpflichteten, nur gemeinsam die Waffen niederzulegen. Aber als regierender Herr wusste der Koenig wohl Bescheid, welche Sonderheit solche politischen Vertraege an sich haben. Er hielt jedoch nicht mit Vorwuerfen zurueck. Der Zar aber nahm die Sache weiter nicht tragisch. Er befand sich in der Lage eines jungen Mannes von Welt, der das Pech gehabt hat, ein Spiel zu verlieren. Mit unbefangener Miene begleicht er den Verlust. Wie hoch er auch ist, der gute Ton gebietet, ihn als Bagatelle anzusehen. Man verbeisst sich den Aerger, nimmt frische Karten und versucht bei einer neuen Runde noch einmal sein Glueck - bis es sich einem zuwendet. Das ist das Spiel. _C'est la guerre!_ Nur nicht die Haltung verlieren, dann kann man Unsummen verlieren und hat doch im Grunde nichts verloren! Am allerwenigsten den Glauben und das Zutrauen zu dem eigenen Koennen! Den Glauben hatte der Zar! Er war ein Genie, und das nicht nur in seinen eigenen Augen. Seine gleichaltrigen Freunde, Dolgorucki, Lobanoff und all die anderen, sie schwuren saemtlich darauf. So wie er verstaende es keiner, mit durchblickendem Scharfblick jede Situation sofort bis auf den Grund zu erschoepfen, den springenden Moment zu erfassen und gleich zu entscheiden, was in jedem Fall zu tun - gewesen waere. Denn das wusste er. Den Treppenwitz hatte er. _Nachher_ - aber erst dann - geruhte Seine Zarische Majestaet die Erkenntnis Ihrer Allweisheit kundzutun, wenn seine Generaele schon mit echt russischer Schlamperei die Schlachten verloren und die Feldzuege verbummelt hatten. Denn das verstanden _sie_. Und der Zar war grossmuetig, der Zar war gnaedig. Er war eine Seele von Mensch und schlug ihnen nicht die Koepfe ab. Er dachte mit Gleichmut: ein anderes Mal, wenn Gott ihnen eine nuechterne Stunde gibt, da erobern sie mir die Welt! Und winkte herablassend gleichgueltig, laechelte kalt, behielt die Haltung und sagte: "Nitschewo!" Trotzdem mochten die Generaele ihn nicht bei der Armee haben und taten ihr moeglichstes, um ihm den Aufenthalt dort zu verekeln. Aber umsonst. Sie hatten seinen Busenfreund Czartoryski aufgewiegelt, ihm die Hoelle heiss zu machen. Der Gute setzte ihm auch brav zu und bewies ihm haarklein, dass er, der Zar, bei seiner eigenen Armee nichts zu suchen haette. Sein Platz waere in Petersburg, sein Amt das Regieren. In der Fuehrung von Armeen haette er gar keine Uebung, er waere zu jung, zu unerfahren und was noch alles! Der Zar hatte wohl kalt gelaechelt und "nitschewo" gesagt. Aber waeren nicht die anderen guten Freunde gewesen, er haette sich vielleicht doch gefuegt! Er, der Zar, haette sich von seinen eigenen Offizieren wie ein Schulbube nach Hause schicken lassen. Aber Dolgorucki hatte ihn bei der Ehre zu packen verstanden! Er hatte ihn an den altrussischen Waffenruhm erinnert, dessen erster Hueter er jetzt sein muesste! Er hatte ihm haarklein bewiesen, dass nicht Gelehrtheit, nicht Erfahrung, sondern einzig und allein die faszinierende Persoenlichkeit die Soldaten zur todesverachtenden Tapferkeit hinreissen und Schlachten gewinnen koennte. Und diese Faehigkeit, beim ersten Erscheinen die Leute hinzureissen, die hatte er, Alexander, wie kein Zar vor ihm! Er brauchte sich nur zu zeigen, und alles war Feuer und Flamme! Dies und noch viel mehr ging dem Zaren durch den Kopf, als er die nuechternen Ausfuehrungen des sonst so wortkargen und gar nicht unterhaltsamen Koenigs von Preussen ueber sich ergehen lassen musste. Er blickte dabei laechelnd und ueber seine elegante Erscheinung aeusserst befriedigt in den Spiegel gegenueber, der ihm getreulich half, die Miene eines aufmerksamen Zuhoerers zurechtzulegen, und ihn auch dadurch schliesslich so weit brachte, ein wenig zuzuhoeren. Er lauschte also ein paar Sekunden den Auseinandersetzungen Friedrich Wilhelms - gerade so lange, wie noetig war, um zu kapieren, dass der Koenig ihn an ihre vorjaehrige Begegnung in der Garnisonkirche zu Potsdam mahnte und auch an den feierlichen Treuschwur, den sie ueber dem Sarg des Grossen Friedrich geleistet hatten! Mein Gott, es war ja eine ganz huebsche Szene gewesen! Gutes Theater! Das verstand er! Das hatte er gelernt! Man macht nicht umsonst eine Schule durch, wie er, der Zar, sie hatte durchmachen muessen! Wenn je einer, so hatte er gelernt, mit dem Tod im Herzen sich laechelnd und heiter zu zeigen und mit den Lippen zu scherzen, obwohl er bei jedem Schritt den Strick um den Hals fuehlte! Stets den einen Fuss im Gefaengnis, den anderen im Tanzsaal - stuendlich vom vaeterlichen Zorn den Tod erwarten und doch den gehorsamen Thronerben und den liebenden Sohn herauskehren zu muessen! Den liebenden Sohn - einem Vater gegenueber, den er hassen musste, weil er ihm ans Leben wollte, und dessen Entthronung er schliesslich hatte gutheissen muessen, um das eigene Leben zu retten. Dass der Vater dabei sein Leben verlor - mein Gott, das war ja zu beklagen! Er haette ihm schon das Leben gegoennt! Von ihnen beiden hatte nicht er dem Vater - der Vater hatte ihm ans Leben gewollt! - Und wenn der alte Herr dabei sein eigenes verloren hatte?! Nemesis! Im Leben wie auf der Buehne - alles Theater! Nur seine Rolle tadellos spielen! Darauf kam alles an! Das hatte er auch der lieben Mama gegenueber gekonnt, die so gern regieren wollte und so boese war, als die Garden ihm und nicht ihr nach dem Tode des Vaters huldigten. Wie hatte er sie dabei gebeten, ihm doch die Last der Krone abzunehmen! Und wie brav fiel sie darauf herein! Sprach ihren Herzenswunsch aus und gab sich ihm so in die Hand! Eine Komoedie, wie sie im Buche steht! Er wuerde auch heute seine Rolle gut spielen! Kein Wort von Politik sprechen! Er wuerde den Korsen ganz leichthin ueber die Pariserinnen befragen! Er wuerde ihm von den schoenen Russinnen vorschwaermen - beileibe nicht von Preussen! Wozu auch von Preussen! Wozu von ernsten Dingen! Man hatte ja seine Minister! Man kaeme doch zusammen, um sich persoenlich kennenzulernen - sich gegenseitig in die Karten zu sehen -, nicht aber, um gleich alle Truempfe auf den Tisch zu legen und offen zu spielen. Er wollte Napoleon mit huebschen Histoerchen geschickt und elegant einwickeln - sein Vertrauen gewinnen und dann, so ganz nebenbei, ihm praktische Zugestaendnisse entwinden, die er sich nicht weigern koennte zu machen, wenn er als guterzogener Mensch und als Mann von Welt etwas gelten wollte. Er wuerde ihm von seiner Jugend erzaehlen - von der Jugend eines Zaren. Den ehemaligen kleinen korsischen Artillerieleutnant, der sich so recht und schlecht durchgehungert hatte, muesste das doch interessieren! Er wuerde ihm Intimitaeten von der Grossen Katharina zufluestern, von der lieben Grossmama, die so gut fuer ihren Enkel zu sorgen wusste, die ihn schon als Knaben vom Baum der Erkenntnis naschen liess, ihm huebsche Freundinnen zufuehrte und ihn lehrte, bei all den geheimen Schleckereien am vollgedeckten Tische der Liebe doch stets den Schein nach aussen hin zu wahren, sich niemals erwischen zu lassen, sondern sich stets als Musterknabe Geltung zu verschaffen. Die Grossmama, die hatte es verstanden! Die hatte ihm geholfen, den lieben Papa an der Nase zu fuehren! Von ihr wollte er Napoleon erzaehlen und dann von sich selbst! Vor allem von sich selbst als Heerfuehrer! Das wuerde ein Spass werden! Er wuerde Napoleon von den Schlachten erzaehlen, die sie miteinander geschlagen hatten! Von Austerlitz vor allem! Vom Kriegsrat seiner Generaele vor der Schlacht! Zum Waelzen war es, wie der alte Kutusoff dasass und prompt wie immer einschlief, als die Beratung begann! Wie die anderen Leuchten dann, der Fuerst Bagration, Buxhoevden, Langeron _et tutti quanti_ - wie sie da herumstanden, sich von allem moeglichen unterhielten und gar nicht zuhoerten, was der biedere Deutsche, der General Weihroter, an der Hand der Karte Maehrens zu erzaehlen wusste - wie sie gar nicht hinsahen - gar kein Deutsch verstanden! Nur Doktorow, der gute, der gewissenhafte, der bodenlos langweilige, er hoerte zu, er begriff! Wie aber dann Kutusoff erwachte, auf den Tisch schlug und "Karascho!" sagte - "das haben Sie gut gemacht, Weihroter! Meine Herren Generaele, Sie haben's gehoert? Sie haben's verstanden? Nicht?! Ein Generalstabsoffizier soll's also ins Russische uebersetzen! Ein jeder soll es schriftlich in Haenden haben! Und jetzt zu Bett!" Und dann bekamen sie's schriftlich - vier Stunden nachdem die Schlacht schon begonnen hatte! "Napoleon hat ja gar keine Ahnung, wie leicht wir ihm das Siegen gemacht haben! Er hat ja keinen Begriff von meinen Generaelen! Von meinem Marschall Kamenski, der verrueckt wurde, als er zur Armee nach Wilna kam und den Truppen sagte: Kinder, ihr seid verraten, am besten, ihr lauft gleich nach Hause! Und der selbst dann auch sofort mit gutem Beispiel voranging. So fingen _wir_ den Krieg mit Napoleon an! Und davon weiss er nichts! Er glaubt, er hat da etwas noch nicht Dagewesenes geleistet, als er uns schlug! Er sieht nicht, dass _wir_ nur gescherzt haben! Das werde ich ihm aber gehoerig unter die Nase reiben - dann wird er klein, dann wird er die Ohren einziehen. Und dann werde ich ihm sagen: 'Den russischen Soldaten, Sire, den haben Sie erst gesehen! Aber ihn noch nicht kennengelernt, _wenn er Ernst macht! Wir koennen auch Ernst machen, Sire!_ Aber wir wollen uns lieber vertragen!'" So leger - so von oben herab! Ich schone ihn - das wird der richtige Ton! - Nicht als Supplikant - als der Herr des groessten Reichs der Erde - als der geborene Sieger - - der sich nur aus Hoeflichkeit, aus guter Erziehung schlagen liess - der sich nur nicht damit abgeben _wollte_, ihn jetzt schon zu vernichten, weil, nun eben weil ich sein Genie bewundere! So wird's recht! Ein Adjutant trat ein und meldete, dass die Uhr jetzt halb eins waere, und dass man um ein Uhr vom Kaiser der Franzosen erwartet wuerde. Alexander stand auf, reichte seinem Bundesgenossen die Hand, versprach hoch und heilig, alles das getreulich bei seiner Unterredung mit Napoleon zu beruecksichtigen, wovon der Koenig von Preussen jetzt lang und breit gesprochen und wovon der Zar kein Wort gehoert hatte - gab noch sein Ehrenwort, nichts davon zu vergessen - was ja auch nicht gut moeglich war, da er nichts davon im Kopfe hatte -, verabschiedete sich mit bruederlichem Haendedruck, sprach die Erwartung aus, nach der Unterredung mit dem Feinde die Beratung fortsetzen zu koennen, und ging. Friedrich Wilhelm blieb allein zurueck und litt die nachtraeglichen Qualen aller zaghaften und unentschlossenen Naturen. Vor zwei Monaten, nach der verlorenen Schlacht bei Eylau, hatte Napoleon Preussen in seine Kombinationen einbeziehen wollen und ihm Wiederherstellung eines grossen Teiles seines Gebietes und ein Buendnis angeboten, wenn Preussen von Russland abliesse. Friedrich Wilhelm hatte ihm einen Korb gegeben. Aus purem Anstand! Jetzt trat Napoleon in der gleichen Weise an Russland heran. Der Zar wuerde aber sicherlich keinen Augenblick zaudern, Preussen im Stich zu lassen! Friedrich Wilhelm waere ja selbst, trotz seinem Anstand, soviel Realpolitiker gewesen, von Russland abzufallen, haette Napoleon ihm nur den ganzen frueheren Besitz wiedergegeben! Er durfte also dem Zaren keine Vorwuerfe machen, wenn dieser eine gute Gelegenheit besser zu benutzen verstaende als er selbst! Und hatte es seiner eigenen Unentschlossenheit zuzuschreiben, wenn er dem heutigen Verbruederungsrummel, statt als Hauptteilnehmer, als betruebter Zuschauer aus der Ferne beiwohnen musste. -------------------------------------------------------------------------- Fuenf Minuten vor ein Uhr ging am linken Ufer der Kaiser Napoleon, von einem glaenzenden Gefolge begleitet, an Bord einer schoen geschmueckten Barke, von deren Hintersteven die Trikolore wehte. Am rechten Ufer betrat zu gleicher Zeit der Zar Alexander mit seiner Suite ein ebenso schoen geputztes Fahrzeug und liess das blaue Kreuz der Andreasfahne entfalten. Mit dem Schlage eins wurde Salut geschossen, die Musik intonierte links vom Fluss die unvermeidliche Marseillaise - rechts die ebenso unausbleibliche Zarenhymne. Zu gleicher Zeit stiess man von Land ab - links eine Nussschale weltlicher Groesse, rechts eine Nussschale ebenso weltlicher Nichtigkeit - und paddelte brav und bieder nach der schwimmenden Buehne inmitten des Flusses hinueber, wo heute die Drahtzieher des _theatrum mundi_ eine ihrer Hauptszenen vom Stapel lassen wollten. Zur gleichen Zeit legte man am Floss an. Die beiden machten ihr Entree auf der Buehne und blieben wie auf Kommando freudig bewegt stehen. Der kleine grosse Mann legte geschwind nach dem Rezept Talmas ein paar Zoll seiner Groesse zu, schob die Schultern hoch, hob sich leicht auf den Fussspitzen und schritt wie auf Kothurnen dem Zaren entgegen, die Arme liebevoll ausgebreitet. Indes der Zar, lang, elegant, geschniegelt, geschnuert, pomadisiert, frisiert und duftend wie ein ganzer Parfuemerieladen, die Taille schmal wie die einer Wespe, die Brust geblaeht, die Augen blitzend, das Laecheln zwei Reihen perlenweisser Zaehne zeigend, mit der Grazie eines eleganten Kavaliers, der in der Quadrille gewandt gegen seine Dame hinbalanciert, auf sein kleines Visavis zutanzte und es tiefgeruehrt an seinen besternten Busen drueckte. In gemessener Entfernung schaute in glaeubiger Andacht das Gefolge zu, lauschte entzueckt dem schmatzenden Bruderkuss und harrte geduldig dessen, was da noch kommen sollte. An den Ufern tuteten und trommelten die Musikanten, die Grenadiere Napoleons riefen "_vive l'empereur_", die baertigen "Naschi bratti" drueben groelten etwas anderes, die braven Ostpreussen steuerten, um des lieben Friedens willen einige gutgemeinte Lebehochs bei, die Kanonen donnerten, im Zelt auf dem Floss flog die Maus in Todesangst die Waende hoch. - Sonst schwamm alles in eitel Wonne. Kurze Begruessung des beiderseitigen Gefolges. Die Namen Murat, Bessieres, Berthier, Duroc, Caulaincourt wurden laut, desgleichen Grossfuerst Konstantin "_mon frere_", "_mon __ami_" Fuerst Lobanoff, General Bennigsen, Graf Lieven und noch ein General von des Zaren Gnaden. Dann lud Napoleon seinen Gast in den Pavillon ein und liess ihm artig den Vortritt. Sie gingen hinein - die Vorhaenge vor der Tuer wurden zusammengezogen, und sie waren endlich allein. Mit staunender Bewunderung zu Napoleon emporzublicken, war bei der ueberragenden Koerperlaenge Alexanders nicht gut moeglich. Das fiel also von selbst fort. Aber die Sicherheit, die gewinnende Liebenswuerdigkeit und die natuerliche Wuerde, mit der Napoleon sich gab, imponierten nicht weniger als die gewaltigen Erfolge, von denen er getragen wurde. Er begriff sofort: dem Manne konnte man nichts vormachen, da wuerde die geplante Komoedie keine Wirkung haben, und jeder Versuch, ueberlegen zu tun, waere bei ihm schlecht am Platze. Mit schnellem Blick hatte Napoleon seinen Gast eingeschaetzt. Eitel, oberflaechlich, unzuverlaessig, gerade so hatte er sich ihn vorgestellt! Gerade so konnte er ihn gut gebrauchen! Ein vielversprechender junger Mann! Alexander sah, dass er dem Kaiser gefiel, und schaeumte sofort von Herzlichkeit ueber. "Warum", rief er, "muessen _wir zwei_ miteinander Krieg fuehren?" "Seine Majestaet, der Kaiser von Russland, haben eben", antwortete Napoleon verbindlich laechelnd, "sich dazu verleiten lassen, undankbare und eifersuechtige Nachbarn, wie die Deutschen, zu schuetzen, und den Interessen habsuechtiger Kaufleute, wie die der Englaender, zu dienen!" Alexander fand sich bemuessigt, sich auf die Lippen zu beissen, und Napoleon beeilte sich, den Eindruck seines Vorwurfs schnell zu verwischen. "Den Bundesgenossen Englands bekaempfte ich in Eurer Majestaet, niemals aber den Gebieter des grossmaechtigen Russlands!" Alexander horchte auf. "Wenn Sie nur den Kampf gegen England wollen, Sire," sagte er entschieden, "dann werden wir uns leicht verstaendigen! Denn wenn je einer, habe _ich_ mich ueber England schwer zu beklagen!" Und ohne eine Antwort abzuwarten, machte er gleich seinem Herzen Luft. England hatte ihn in den Krieg gelockt! England hatte, wie immer, seine Versprechungen nicht gehalten, seine Subsidien schlecht oder gar nicht bezahlt und Truppen nur zum Schein geschickt, viel spaeter und in viel geringerer Zahl, als ausgemacht worden war! Russland hatte eben nur den Angriff Frankreichs auf England ablenken, selbst aber nichts dafuer haben sollen! Dafuer zu bluten, waere aber der russische Soldat viel zu gut! Dem pflichtete Napoleon ohne weiteres bei. Er haette, sagte er, bei Austerlitz, bei Eylau und bei Friedland den russischen Soldaten als einen nicht zu verachtenden, ja als einen ebenbuertigen Gegner des franzoesischen kennengelernt. Russland und Frankreich, von Natur aus zu Freunden bestimmt, haetten wie zwei blinde Riesen aufeinander eingeschlagen. Warum? Sie wussten es selbst nicht! Einen Vorteil braechte der Kampf weder dem einen noch dem anderen. Vereint dagegen waeren sie unwiderstehlich und wuerden die Welt beherrschen! Alexander schwieg. Er sagte kein Wort von seinem ungluecklichen Bundesgenossen, der drueben am anderen Ufer unter den russischem Generaelen wartete. Er blickte nur Napoleon an und laechelte. Napoleon verstand den Blick und erwiderte das Laecheln. Und dann fingen sie an, die Erde zu teilen. Erst erledigten sie den ueblichen Betrug an den gegenseitigen Bundesgenossen. Denn wozu hat man Bundesgenossen? Was waere ueberhaupt ein intimes Verhaeltnis ohne das bisschen Untreue? Erst die Untreue gibt ihm die rechte Wuerze! Um die Aufregung und den Reiz beim Seitensprung haben zu koennen, darum tritt man doch schliesslich in intime Beziehungen zueinander - wenn man es auch erst nachtraeglich einsieht! Unter Leuten von Welt versteht sich so etwas von selbst. Jede Schandtat laesst sich plausibel machen! Schliesslich - wozu hat man Geist - wozu Genie?! Als der Erfahrenste in solchen Dingen half Napoleon seinem jungen Gast, der die Anfaengerschaft nicht ganz verleugnen konnte, ueber den ersten schweren Schritt hinweg und half ihm seine Buendnisverpflichtungen zerpfluecken. Die Sache war ja so einfach. Als Freund und Verbuendeter hatte man doch immer das Recht, ja sogar die Pflicht, bei den lieben Mitkaempfern zu intervenieren, wenn es Zeit war, das Blutvergiessen einzustellen. Als Verbuendeter Englands und kuenftiger Verbuendeter Frankreichs konnte der Zar also England den Frieden mit Frankreich anbieten unter der Bedingung, dass England den Verbuendeten Frankreichs - Holland und Spanien - ihre Kolonien zurueckgaebe. Dafuer sollte es selbst Hannover zurueckhaben. Napoleon wuerde in diesen Frieden einwilligen. Weigere sich aber England, dann muesse man es unzweideutig wissen lassen, dass es mit dem ganzen Kontinent Krieg haben wuerde. Denn ausser Frankreich und Russland wuerden ihm dann Preussen, Daenemark, Schweden und Portugal den Krieg erklaeren muessen, sobald die beiden Verbuendeten es von ihnen verlangten. Und man wuerde es verlangen. Schweden wuerde sich vielleicht weigern. Und das waere gut. Denn dann koennte Russland Schweden mit Krieg ueberziehen und ihm Finnland nehmen. - - Alexanders Augen leuchteten, als Napoleon ihm diese Zukunftsmoeglichkeit vorgaukelte. Napoleon sah es. "Der Koenig von Schweden ist allerdings Ihr Schwager", sagte er laechelnd, und tat, als bemerkte er nicht die wegwerfende Bewegung, die Alexander bei der Bemerkung machte. "Und er ist Ihr Verbuendeter. Wenn er aber _trotzdem_ nicht den guten Willen zeigt, sich Ihrer Politik anzubequemen, dann muss er eben die Folgen tragen. Schweden ist in seiner heutigen Gestaltung fuer Sie unmoeglich. Es ist der _geographische Feind_ Russlands. Petersburg liegt zu nahe an der finnisch-schwedischen Grenze - die schoenen Petersburger Russinnen koennen in ihren Palaesten nicht ruhig schlafen, solange sie nicht davor sicher sind, von den schwedischen Kanonen geweckt zu werden." "Das", lachte der Zar, "waere allerdings eine Erwaegung, vor der alle anderen Ruecksichten weichen muessten! Dem schoenen Geschlecht sind wir entschieden jeden Krieg schuldig, den seine Ruhe von uns verlangt. Finnland muessen wir unseren holden Damen zu Fuessen legen!" "Das muessen Sie", erwiderte Napoleon. "Und was Ihren dritten Verbuendeten, Preussen, betrifft -" Alexander liess anstandshalber einen nicht allzu schweren Seufzer hoeren, schwach genug, um Preussen nicht zu viele Provinzen zu retten. "Hand aufs Herz, Sire," sagte Napoleon, der auch das nicht ueberhoerte, "Russland kann nichts als Vorteile davon haben, wenn ich die deutschen Hauptmaechte gehoerig schwaeche!" Alexander murmelte undeutlich etwas von Ehrensache. "Ich gebe zu, dass Sie Preussen gegenueber mit Ihrer Ehre engagiert sind", sagte Napoleon. "Um Ihre Ehre zu retten und Sie frei zu machen, bin ich auch bereit, Preussen gegenueber Zugestaendnisse zu machen. Preussen hat meine Warnung, sich nicht auf englische Intrigen einzulassen, verachtet, es hat verdient, vernichtet zu werden. Jedoch aus Freundschaft fuer Russland will ich mich damit begnuegen, dass es mir seine polnischen Provinzen, alles Land links der Elbe und Hannover abtritt, seine Armee reduziert und eine Kriegskontribution zahlt. Doch davon spaeter. Die Hauptsache fuer Sie wie fuer mich ist der Orient." Alexander machte eine unfreiwillige Bewegung. Der Traum aller Russenherrscher von der Herrschaft ueber Konstantinopel tauchte wie eine Fata Morgana vor seiner Phantasie auf. "Sie sind der Verbuendete der Tuerkei," sagte er schnell, "Sie haben mir gegenueber dem Sultan seinen Besitzstand garantiert, Sie haben sogar von Preussen verlangt, jeden Angriff Russlands auf die Tuerkei als Kriegsgrund zu betrachten!" "Ganz recht", sagte Napoleon. "Aber mein Verbuendeter, der Sultan Selim, ist soeben, wie Sie wissen, wegen seines Buendnisses mit mir entthront worden. Sein Nachfolger Mustapha muss also mein Feind sein. Sie sehen, ich bin frei. Nichts hindert mich also, bei meinen Verbuendeten die gleiche Vermittlerrolle zu Ihren Gunsten zu spielen, die Sie mir zuliebe bei Ihrem englischen Alliierten spielen werden. _Ihre_ Rolle bringt Ihnen Finnland ein. _Meine_ wird Ihren Gewinn noch um die Donaumuendungen vermehren. Ich werde bei der Tuerkei die Ansprueche Russlands auf die Moldau und die Walachei in aller Freundlichkeit, aber mit Nachdruck geltend machen. Weigert sich die Hohe Pforte - und sie muss es -, so ergibt sich daraus Krieg. Nach dem Krieg die Teilung." "Und die Teilung?" fragte Alexander aufgeregt. Napoleon, der gerade beim Verschenken war und dem Zaren grossmuetig schon den dritten Teil von Schweden zugestanden hatte, schnitt nun einen geraumen Teil aus dem Leibe der Tuerkei und gab Alexander Bessarabien, die Moldau, die Walachei und Bulgarien - das letztere aber nur bis zum Balkan. "Und Konstantinopel?" fragte Alexander immer aufgeregter. Napoleon ueberhoerte es und stellte erst in aller Ruhe den Anteil Frankreichs fest. Er wollte sich mit den tuerkischen Seeprovinzen begnuegen und also Albanien, Thessalien, Morea, Kandia und die Inseln des Archipels nehmen. Oesterreich muesse man wohl zur Beruhigung und als Entschaedigung fuer andere verlorene Provinzen Serbien und Bosnien zugestehen. "Und Konstantinopel?" fragte Alexander noch einmal mit Nachdruck. Aber Napoleon ueberhoerte es wieder. Er fing an, dem eitlen jungen Mann eine Menge wohlberechnete Komplimente zu sagen. Er ging aus sich heraus, er wurde herzlich und sogar warm, erklaerte ihm seine ganze Sympathie, seinen heissen Wunsch, ihn als den ersten unter seinen Freunden betrachten zu koennen, und forderte ihn schliesslich auf, nach Tilsit ueberzusiedeln, damit sie sich alle Tage ohne Zeugen sehen und sprechen koennten. "Wir zwei erledigen dann in ein paar Stunden das, wozu unsere superklugen Herren Minister sonst Wochen noetig haben! Zwischen uns beiden darf es eben nichts Trennendes geben - gar niemand - gar nichts!" "Nein, gar nichts, Sire!" antwortete Alexander eifrig. "Also - _Konstantinopel_?" Er liess dabei seine Hand schwer auf den Tisch fallen, als waere der Tisch Konstantinopel und naehme er jetzt endgueltig von ihm Besitz. Napoleon musste endlich seine Schwerhoerigkeit aufgeben. "Konstantinopel?" sagte auch er und legte seine Hand noch schwerer auf den Tisch, zog die Stirn in tiefe Falten und wandte den Blick nach innen. Fast tonlos wiederholte er dann halblaut, wie fuer sich selber, indem er den Kopf schuettelte: "Konstantinopel - nein - - - nein, niemals! Das waere die Alleinherrschaft ueber die Welt!" - - - Er blieb so einen Augenblick sinnend stehen, die Augen gesenkt, blickte dann ploetzlich auf, sah die Enttaeuschung auf dem Gesicht des Zaren, begriff, dass er ihm den ganzen uebrigen Orient nehmen koennte, wenn er ihm nur Konstantinopel zugestehen wuerde, und beeilte sich, es wieder gutzumachen. "Nun," sagte er und verzog die Mundwinkel zu einem kaum merkbaren Laecheln, waehrend das ganze uebrige Gesicht in steinerner Ruhe verharrte, "nun - darueber laesst sich vielleicht noch reden! - Zwischen uns beiden darf es eben nichts geben - gar nichts, was uns trennt!" Und er blickte zum Zaren auf, holte mit der Hand aus, nahm mit Energie einen Schritt zurueck und trat dabei der Maus, die sich, von dem schweren Schlag auf den Tisch aufgeschreckt, nach einem anderen Zufluchtsort umsah, unversehens auf den Schwanz. Ein leises Quieken wurde hoerbar, und schnell wie der Blitz schoss die graue Maus an seinem Fuss vorbei auf den Zaren zu, machte dort rasch kehrt und verschwand wieder unter der schuetzenden Tischdecke. Napoleon schrieb den Brettern und Bohlen des Flosses das Quieken zu und blickte gar nicht hin. Aber Alexander hatte die Maus gesehen und wich erschreckt zurueck. Eine Maus - das bedeutet Unglueck, Entfremdung und Feindschaft! Wie der Schatten eines fliegenden Vogels, so schnell war sie zwischen ihm und Napoleon vorbeigehuscht, eben in dem Augenblick, als er versicherte: "Nichts darf zwischen uns kommen!" Der Herr der Welt hatte es nicht einmal in seiner Gewalt gehabt, jenes armselige Wesen daran zu hindern, sein Machtwort Luegen zu strafen! Wie wuerde er dann wohl verhueten koennen, dass etwas Ernsthaftes sich zwischen sie beide schleichen wuerde!? Die Teilung einer Welt, an der auch die Maeuse, wenn auch noch so bescheiden, Anspruch auf Beteiligung erheben konnten, war dem Zaren fuer den Augenblick verleidet. Seine zartbesaitete Seele war nicht fuer derartige dunkle Genossen gestimmt. Er schwieg von Konstantinopel, begnuegte sich vorlaeufig mit Napoleons halber Zusage, liess noch anstandshalber ein Wort fuer den armen Koenig von Preussen fallen, den er am naechsten Tag hier auf demselben neutralen, wenn auch schwankenden Boden Napoleon vorstellen wollte, versprach nach Tilsit ueberzusiedeln, nahm den Kaiser am Arm, ging mit ihm hinaus, fuehrte ihm nochmals seinen Bruder und sein Gefolge in Freiheit dressiert vor, sagte den goldstrotzenden franzoesischen Marschaellen einige wohlueberlegte Artigkeiten, fiel dann wieder seinem Cousin Napoleon um den Hals, empfing auf beiden Backen den obligaten Abschiedskuss und gab ihn getreulich wieder. Er bestieg dann seine Barke, Napoleon die seine, und so ruderten sie wieder dahin zurueck, woher sie gekommen waren, unter dem Donner der Kanonen und den Hurrarufen ihrer Soldaten, die jetzt ebenso bereit waren, sich zuzujubeln, wie vor einigen Tagen sich gegenseitig zu zerfleischen. * "Weiss Er was, Gneisenau," sagte Bluecher und zeigte auf den Berg von Geschriebenem, der auf seinem Schreibtisch ragte, "weiss Er, was das ist?" "Nun?" "Das sind meine Kanonen - das ist mein Pulver, meine Flinten und die scharfen Hiebe, die ich jetzt noch austeile. _Akten_, Gneisenau - Akten! Staubiges, tintiges Papier - krumme Gedanken weitschweifig hingekraxelt - fades Geschleime mueder Gehirne - keine Fanfaren, die zum Angriff rufen - kein klares Kommando vorwaertszusausen, die Sache beim Schopf zu packen und rasch in Ordnung zu bringen! Ein muedes Hinschleppen ist's, ein tristes Schleichen, ein schluerfendes Leisetreten, ein banges Zurueckweichen, ein scheues Schielen um alle Ecken, ehe man den Fuss hinzusetzen wagt! Gott verdamm' mich, wenn ich bloss daran denke, tritt mir die Galle ueber! Schmidt, 'n frischen Piep!" Er streckte die Hand mit der ausgebrannten Tonpfeife hinter sich, ohne sich umzusehen. Der Kammerhusar Schmidt nahm die Pfeife, ging hinaus und kam gleich wieder herein mit einer frisch angebrannten zwischen den Lippen, paffte wie ein Schornstein, bis sie gut in Gang war, nahm sie dann aus dem Mund und steckte sie Bluecher unter den Schnurrbart. Bluecher qualmte und rauchte, was das Zeug hielt, und legte dann gleich wieder los. "Ich hatte mir das ganz anders vorgestellt, als man mich zum Generalgouverneur von Pommern machte und mir das Kommando hier gab! Erst stibitze ich mir das bisschen Pommern zusammen, dachte ich, bis ich es ganz habe. Dann die Mark Brandenburg dazu - dann Westfalen und Sachsen und all das andere, bis ich Preussen wieder zusammengeflickt habe! So hab' ich' s mir gedacht! Und das waere im Handumdrehen gemacht, haette man mich nur gewaehren lassen! Aber man wagt nicht - man schlaeft! Schwerenot! - Ich muss hier sitzen und Akten produzieren und dummes Geschreibsel fressen, statt etwas Nuetzliches zu tun. Und jetzt gar noch andere richten, die so kuehn waren, ohne Befehl loszuschlagen, um das Vaterland zu retten! Das," sagte er und liess seine Hand schwer auf die Akten fallen, "das ist alles, was Schill mit seinem tollkuehnen Losbrechen an greifbarem Gut erreicht hat - alles, was er und seine Leute mit ihrem Blut erstritten haben -, dieser Berg von geschriebenem Papier, den ich jetzt fressen muss. Der Aktenwust ist ja auch ein ganz grosses Stueck vom Vaterland, das ist nicht zu leugnen, das beste aber nicht! Und meinetwegen koennte das der Teufel gern holen! Je eher, je lieber! Ist's aber erhoert, mich zum Richter in so 'ner Sache zu machen? Wie? Gerade mich, der ich doch immer auf dem Sprung stand, genau wie Schill loszubrechen! Nun - das weiss Er doch am besten, Gneisenau!" "Das weiss ich", antwortete der Angeredete. "Aber die anderen nicht!" "Nun, ist das eine Art, mich zu zwingen, gewissermassen in eigener Sache hier zu richten?! Ich komme mir als Richter direkt befangen vor!" "Mir auch!" erwiderte Gneisenau. "Nun, dann bleibe ich auch dabei! Ich bleibe ehrlich befangen und werde mein Bestes tun, um die armen Kerle herauszuhauen!" "Da denken Exzellenz ganz recht!" "Fuer einen Schildbuerger ist Er ganz helle, Gneisenau, und versteht mich ganz gut. Nun, Er ist ja nicht nur in Schilda geboren, Er ist auch von den Jesuiten erzogen, und da hat Er's wohl her! Dafuer bin ich Freimaurer und helfe, wo ich helfen kann. Die armen Kerle haben brav ihr Blut fuer's Vaterland verspritzt, und das soll ihnen unvergessen bleiben." "Wie viele sind es?" fragte Gneisenau. "An die neunhundert werden's wohl sein. Allerdings, was dem Herrn Napoleon in die Klauen fiel, kann ich nicht retten. Ich denke aber, wir brechen einmal die Ketten, mit denen der Hund sie an seine Galeeren schmieden liess. Und unsere herrlichen Jungens, die er auf den Waellen Wesels niederknallen liess - solange auf deutscher Erde ein Herz noch schlaegt, werden die Schillschen Offiziere drin ein Ehrendenkmal haben. Ein stilles Glas ihrem Andenken!" Sie tranken aus und blickten eine Weile schweigend vor sich hin. Bluecher ging auf und ab und betrachtete dann und wann den jungen Obersten, der vor ihm sass. Schlank, elegant bis in die Fingerspitzen ein vollendeter Weltmann, mit einem feinen, frischen, sympathischen Gesicht, dessen lebhaftes, stets bewegliches Mienenspiel ein reiches inneres Leben widerspiegelte. "Er hat es sich leicht gemacht, Gneisenau", sagte Bluecher dann, setzte sich und goss sich wieder ein Glas voll. "Er hat seine Arbeit getan, und nun, wo Stein und Scharnhorst von ihren Stellen haben weichen muessen, da geht Er auch. Da macht Er nicht mehr mit, treibt sich draussen in England rum, hat sein flottes vergnuegtes Leben und laesst der Welt ihren Lauf!" "Wer weiss, wozu es gut ist", lachte Gneisenau wieder. "Am Ende bin ich auch unterwegs meinem Vaterland nuetzlich." "Das bleibt einem ja auch so unbenommen", meinte Bluecher. "Wenn's so weitergeht, wie jetzt hier zu Hause, dann gehe ich auch in auslaendische Dienste!" Und damit liess er ein Ungewitter los gegen die verfluchte Schlamperei und gegen das bange Ausweichen vor den Anmassungen Napoleons. Zunaechst war es Stein, der, kaum ins Amt gekommen, auf Befehl des Allgewaltigen hatte gehen muessen, allerdings nachdem er in den vierzehn Monaten seiner Dienstzeit Preussen von Grund aus umgekrempelt hatte. Bis auf die Volksvertretung hatte er alle Plaene zur Umorganisation der Verwaltung durchgefuehrt, die er seinerzeit mit Bluecher in Muenster besprochen hatte, und mit der Heeresorganisationskommission zusammen, die Scharnhorst leitete, das Heer auf Grund der allgemeinen Dienstpflicht neugeordnet. Jetzt war er ob seiner Tuechtigkeit von Napoleon geaechtet worden, und Hardenberg, den der allgewaltige Gebieter Europas einst als Friedensunterhaendler und Staatsminister in Tilsit abgelehnt hatte, war wieder in Gnaden von ihm aufgenommen und als Staatskanzler des Koenigs von Preussen zugelassen worden. Alles wurde durchgekramt und genau eroertert, auch wurde im Fluesterton die geheime Mission besprochen, die Gneisenau im Auftrag des Auswaertigen Amtes auf seiner Reise in England ausfuehren sollte. Da kam Bluechers Sohn und Adjutant hinzu und meldete dem Vater, der Graf von Gottorp waere von Kolberg aus hier in Treptow angekommen. "Ich will ihn nicht sehen, wenn er nach mir fragen sollte!" rief Bluecher lebhaft. "Der arme Mann tut mir leid. Ich moechte ihn nicht beschaemen. Ich will ihm nicht in seiner jetzigen traurigen Verfassung begegnen, nachdem ich in seinem Glanze mit ihm verkehrt habe. Aber du sollst in jeder Weise gut fuer ihn sorgen. Es soll von uns nicht gesagt werden koennen, dass wir mit einem Ungluecklichen kein Mitleid haetten!" Der Adjutant ging. Bluecher paffte eine Weile vor sich hin. "Ja, ja, der Graf von Gottorp!" sagte er sinnend. "Vor nicht langer Zeit hiess er Koenig Gustav Adolf von Schweden. Und ploetzlich, eines Tages kam er ohne Krone und mit einem Diener als einzigsten Untertan hier durch auf der Reise zu seinen lieben Verwandten in Russland. Jetzt ist er schon wieder zurueck. Sein Schwager Alexander hat ihn wohl nicht ueber die Grenze gelassen! Ein tolles Schicksal!" Er paffte weiter und spuckte energisch aus. "Es gibt eben Monarchen und Monarchen!" sagte er. "Ob aber die mit dem gesunden Verstand oder die ganz verrueckten die schlimmsten sind, moechte ich ungesagt sein lassen. Ich habe beide Sorten ausprobiert. Besonders die verrueckten, damals, als ich mit eben diesem gewesenen Schwedenkoenig den glorreichen Feldzug hier in Pommern anfing, aus dem aber auch nichts wurde, weil die Sicherheitskommissare in unserer Regierung es so eilig hatten, uns den faulen Tilsiter Frieden zu bescheren. Gott verdamm' sie!" Er spuckte aus. "Ein eigenwilliger Kerl, jener Schwedenkoenig!" sagte er dann. "Ein Querkopf erster Guete! Zum Kuessen bockbeinig, ganz nach meinem Sinn! Immer mit dem Kopf durch die Wand - und so muss es sein! Man muss nur wissen, wann und wo und vor allem wozu. Und das wusste er nicht! Eben sein Pech! Das hat ihm seine Krone gekostet! Zuerst fiel ich doch auf ihn herein! Kein Wunder bei der Zaghaftigkeit und Unentschlossenheit da oben bei uns! Es war direkt erfrischend, als ich zuerst sah, wie er seine viel zu friedfertigen Generaele schurigelte und Feuer hinter ihnen zu machen wusste! Mit dem Manne laesst sich etwas anfangen, dachte ich gleich! Ganz ein Koenig, wie ich ihn gebrauchen kann! Als ich aber zum Losschlagen fertig war und er immer noch nicht seinen Waffenstillstand mit den Franzosen aufkuendigen wollte, da gingen mir die Augen auf. Ich dann wie der Blitz nach Stralsund und hinauf zum Koenig! 'Majestaet,' sagte ich, 'die pommersche Armee steht schlagfertig an der Peene aufmarschiert und bereit, in Preussisch-Pommern einzuruecken, sobald die schwedische mittut! Wir duerfen keine Zeit versaeumen! Danzig ist leider Gottes nicht mehr zu retten, aber Kolberg haelt sich noch, das retten wir, und Spandau und Stettin nehmen wir durch Ueberrumpelung sofort, wenn wir nur nicht zaudern! Mir koennen Majestaet vertrauen, meinen Unterfuehrern auch. Der Oberst Buelow hat die Infanterie in die beste Verfassung gebracht, Borstell die Kavallerie, und die Freischaren Schills und Marwitzens stoeren schon dem Franzosen seinen Schlaf! Die besten Pferde aus Schleswig-Holstein stampfen in meinen Staellen vor Ungeduld, ihren Hafer zu verdienen. Flinten und Kanonen sind funkelnagelneu nebst Pulver und Blei aus England angelangt und gehen von selbst los, wenn _wir_ nicht schiessen. Und was die Leute betrifft - es waren allerdings nur viertausendachthundert, die ich aus Pillau mitbrachte. Sie sind aber in den paar Wochen durch Freiwillige und Ranzionierte auf das Doppelte angewachsen, kaum dass ich einen Aufruf veroeffentlicht hatte! In dem Augenblick, wo wir ueber die Grenze gehen, werden die Leute in hellen Haufen zu unseren Fahnen stroemen. Meine Armee wird wie ein Schneeball wachsen, sehen die Leute bloss, dass wir Ernst machen! In Mecklenburg, Hannover, Westfalen, Hessen ist alles vorbereitet, alles wartet. Im Handumdrehen werden wir das ganze Volk unter Waffen haben. Und der Krieg ist gewonnen! Nur frisch gewagt, und wir machen das Spiel!' Der Koenig kuemmerte sich aber nicht darum! Er hoerte kaum zu. 'Hoer' Er, Bluecher!' sagte er nur. 'Komme Er mit! Ich will Ihm etwas zeigen!' Und dann stiefelte er los durch die Stadt nach den alten Aussenwerken hin, kletterte in einer Bastion hoch, stellte sich da dicht hinter die Brustwehr, die Arme verschraenkt, stand so eine Weile Statue, zeigte mir sein heldisches Profil und blickte ueber die Gegend hinaus. Dann fing er an, mit grossen Gesten in alle Himmelsrichtungen hineinzuzeigen, und legte los. 'Komme Er her, Bluecher, komme Er nur her!' Und ich musste gehorsamst hinaufklettern. 'Hier, wo ich jetzt stehe, auf eben diesem Flecke, stand vor bald hundert Jahren Karl der Zwoelfte, ueberallhin sichtbar, mitten im dichtesten Kugelregen! - - Kann ich auch, Bluecher - werde ich auch tun -, verlasse Er sich nur darauf! - Mitten im dichtesten Kugelregen stand also der Heldenkoenig da - und um ihn herum fielen seine Leute wie die Fliegen. Er aber feuerte sie an. Dort - sieht Er? - von jener Pforte aus liess er seine Tapferen zum Ausfall antreten! - - Da drueben stand der Feind -, da gerade! Sieht Er? Da hatte er seine Batterien, und sie spien ganze Orkane von Eisen gegen den einsamen Mann hier, dass Sand und Erde hoch um ihn herumspritzte. Er aber wankte nicht - er wich nicht -, aufrecht stand er da und rief immer wieder: 'Vorwaerts, ihr Blauen, packt sie, schlagt sie!!' - Und seine Blauen rannten gegen die Uebermacht an, warfen die Feinde mit blutigen Koepfen zurueck, vernagelten die Batterien und kehrten mit Wunden bedeckt zurueck, Gefangene und Beute mit sich schleppend. Niemals waere Stralsund gefallen, haette Koenig Karl bei seinen Leuten bleiben koennen. Denn auf ihn allein kam es an! Wo er dabei war und sie anfeuerte, da waren sie unwiderstehlich, sonst nicht! Und er musste fort. _Ich_ aber bleibe! Ich weiche nicht von dieser Stelle, wie sehr man auch zu Hause nach mir verlangt! Und ich schwoere Ihm, Bluecher, niemals wird der Franzose ueber diese Waelle kommen!' 'Das ist alles schoen und gut', meinte ich. 'Aber wir wollen es lieber nicht darauf ankommen lassen, dass der Franzose erst bei uns anklopft, sondern ihm lieber jetzt gleich die Waffenruhe aufkuendigen, ihn aufsuchen und aufs Haupt schlagen!' Nein, das wollte der Koenig nicht. Erst muessten die Englaender da sein, das Traktat mit den Insulanern muesste unterschrieben werden, und was noch! Da half kein Reden. Er hatte seinen Kopf fuer sich! Ich hab's mit der Eigenliebe versucht. Ich habe ihm seinen Namensvetter und Ahnen, den grossen Gustav Adolf, als Beispiel hingestellt. Er hatte aber an Karl dem Zwoelften einen Narren gefressen. Und von allen beiden Helden hatte er gleich wenig abgekriegt. - Man sagt ja, der finnische Hofstallmeister Munk habe in allerhoechstem Auftrag seinen Vater zum Vater gemacht. Und da war's ja kein Wunder, wenn's mit den anderen Ahnen haperte. Ich haette ihn nicht herumgebracht. Da kam gerade Schill herangaloppiert mit der Nachricht vom Waffenstillstand zwischen Russland und Frankreich, dem wir auch beitreten mussten. Ich habe geflucht, als ich's hoerte. So schoen wie wir bereit waren! Und da sollte es wieder nichts werden! Ich musste es dem Koenig mitteilen und kletterte noch einmal zu ihm hinauf. Da nahm er mich beim Arm. 'Wer ist das?' fluesterte er und zeigte auf Schill. 'Nehme Er sich nur vor dem in acht! Der ist gefaehrlich! Der wird Ihm gehoerig in die Suppe spucken!' 'Ich wuensche, Majestaet,' sagte ich dann, 'dass ich noch ein paar solche Kerle unter meinen Leuten haette. Denn er hat das schlechteste Fuehrungsbuch, das ich noch jemals bei einem Offizier gesehen habe, abgesehen von meinem eigenen, als ich in den Jahren war! Und er ist der beste Offizier, den man sich wuenschen kann! Der geborene Rebell gegen jeden Zwang, keck, uebermuetig, tollkuehn, reitet wie der Deibel, schiesst wie ein Gott, ist hinter den Weibern her wie hinter dem Feind, und in beiden Faellen unwiderstehlich! Er stuermt die Hoelle, wenn's sein muss! Wenn wir noch Kolberg haben - ihm ist's zu verdanken. Denn da war's unter dem alten Loucadou schon so weit wie in den anderen Festungen! und Schill und Nettelbeck stachelten dann die Buerger auf, einen anderen Kommandanten zu erbitten. So kriegten wir den Gneisenau hin.' 'Ja, der ist gut,' sagte der Koenig dann, 'sonst aber ist's eine Schande, wie sich Ihre hoeheren Offiziere benommen haben! Und da waren doch tapfere Leute darunter.' 'Gewiss', sagte ich. 'Es kam aber wie eine Seuche ueber sie mit den Kapitulationen, und da hilft nur eine eiserne Kur!' 'Ueber die Bank schiessen!' sagte der Koenig - 'und den zuerst!' fluesterte er dann, auf Schill zeigend, 'denn der ist gefaehrlich. Er hat's mit der Melancholie! Ich seh's ihm an!' Ich habe laut lachen muessen! Aber der Koenig wiederholte: 'Er hat's! Ich kenne die Sorte! Meine Schweden sind auch so! Sie fliegen auf wie eine Rakete, und dann, auf einmal, packt sie die Melancholie, sie zerplatzen in lauter feurige Traenen, verpuffen, und weg sind sie! Passe Er nur auf! Er wird's noch mit dem Schill erleben! - - Was wollte er?' fragte er dann auf einmal neugierig. Ich brachte ihm dann schnell bei, sein lieber russischer Schwager haette uns drueben in Tilsit mit seinen Friedensverhandlungen einen boesen Streich gespielt, und wir haetten nun die Zeit verpasst. 'Was?' rief er dann. 'Waffenstillstand haben die gemacht! _Dann kuendige ich meinen sofort!_ Das wird sie kurieren! - Essen!' rief er seinem General zu, 'wir kuendigen heute dem Marschall Brune die Waffenruhe! Und meinem Schwager, dem Kaiser Alexander, wird geschrieben, wenn er mit dem Moerder des Herzogs von Enghien jemals Frieden macht, ja wenn er nur daran denkt, dann schicke ich ihm den Andreasorden zurueck - dann kuendige ich ihm die Bekanntschaft -, dann gruesse ich ihn nicht mehr! Er soll sehen, Bluecher, _dem setzt sich der Kaiser Alexander nicht aus_! Wir schlagen also los, wir beide! Das wird die beste Antwort auf seinen Waffenstillstand! So ein Bloedsinn akkordiert sich immer am besten mit der Waffe in der Hand. Also: kuendigen, Essen!' Der General Essen machte Einwaende. Da brachte man aber die Meldung, die Englaender landeten endlich auf Ruegen, und da war ich obenan. Der Waffenstillstand wurde gekuendigt, wir ruesteten mit Feuereifer zum Aufbruch. Ein paar Tage hing mir der ganze pommersche Himmel voller Geigen, und ich hatte schon die Welt so gut wie in der Tasche. Ich sah schon den Sieg zum Greifen nahe und streckte bereits die Hand danach aus. Da fielen mir die Sicherheitskommissare drueben in Tilsit mit dem niedertraechtigsten und schandbarsten Friedensschluss, der je da war, in den Arm - Gott strafe sie! - Gerade als ich die Marschbefehle ausgegeben hatte! Und ich musste nun wieder hin zum Koenig Gustav Adolf - jetzt aber um ihn zu bitten, den Waffenstillstand, dessen Kuendigung ich ihm eben mit Muehe und Not abgerungen hatte, wieder zu verlaengern. Da wurde er ganz wild, und ich konnte es ihm nicht verdenken, denn ich war selbst bis zum Hals geladen. Ob ich ihn wohl fuer verrueckt hielte? rief er mir zu. Und das tat ich ja, obwohl mir seine Verruecktheit viel lieber war als manche daemliche Klugheit bei uns drueben in Memel. Er wuerde jetzt erst recht losschlagen, rief er noch. Und wer nicht mit ihm waere, der waere gegen ihn und wuerde danach behandelt werden! Er haette seine Aufgabe vom Himmel bekommen, sagte er -, er sei vom Schicksal bestimmt, Napoleon zu stuerzen, die Bourbonen auf den Thron ihrer Vaeter wieder einzusetzen und das vergewaltigte Recht zu Ehren zu bringen. Dann kam er mir mit der Offenbarung Johannis und bewies mir haarklein, die apokalyptische Hure, das waere die franzoesische Republik, und das wilde Tier, mit dem sie sich abgab, waere Napoleon, und er, Gustav Adolf, waere es, der dem Tier alle seine Koepfe abschlagen wuerde, die da alle Kronen der Welt truegen! - - Nun, ich bin in der Apokalypsis nicht so gut beschlagen wie im Whist -, sonst wuerde ich ihm schon wiedergeben, was mir der Koenig da alles auskramte. Er war total verrueckt. Na, er hat's buessen muessen. Sein guter Schwager hat ihm nun richtig den dritten Teil seines Reiches genommen; die anderen beiden Drittel nahmen ihm ja die Schweden selbst, mitsamt der Krone, und schickten ihn mit seiner apokalyptischen Politik ueber die Grenze. Nicht einmal das Fell des toten Loewen, Karls des Zwoelften, in dem er so gern herumstolzierte, durfte er mit sich ausser Landes nehmen. Und nun geht er hier rum und klopft ueberall an, und nirgends ist seines Bleibens! Und dabei hatte er bei all seiner Verruecktheit doch Blick fuer die Menschen - insbesondere fuer die Verruecktheit der anderen! - - Denn nur bei den anderen erkennt man sie, niemals bei sich selbst. Was er da sagte von Schill und der Melancholie, das stimmte! Ich habe die Brieftasche Schills in meinen Haenden gehabt, nachdem er gefallen war -, denn ich musste ja sehen, ob da nichts fuer andere Leute Kompromittierendes drin war. Weiss Er, was ich drin fand? - _Verse_, Gneisenau - schlechte Verse! - Mondscheingesaeusel - in Worte geronnenes, fades Liebesgereimsel! - Wer haette das von dem Mann gedacht! Da hatte ich's nun schwarz auf weiss, dass der seelisch einen Knacks hatte, und da begriff ich auch, warum sein so kuehn begonnenes Unternehmen so klaeglich enden musste. Waere er vor mein Kriegsgericht gekommen - wegen der Verse haette ich ihn verknackst -, wegen seines Privatkriegs mit Napoleon aber freigesprochen! Na - haette er gewusst, dass sein Kopf, in Spiritus gelegt, dem Koenig 'Lustick' ueberliefert werden wuerde - er haette sich wohl einen anderen Vers daraus gemacht - und fuer einen besseren Schluss seines Heldenliedes gesorgt. Leute wie die seinen haetten es aber nicht noetig gehabt, unnuetz zu sterben, haette ihr Fuehrer nicht den Schuss Melancholie in der Seele gehabt, fuer die der Schwedenkoenig eine so feine Witterung hatte. Denke Er sich nur: Schill, dieser Brausekopf, dieser Sausewind, fuer den es nichts Unmoegliches gab - dieser Tausendsasa, dieser Lausbub, der durch seine kuehnen Husarenstreiche schon als junger Mensch zu einer sagenhaften Gestalt emporgewachsen war, und der auch mit Recht die Ehrung verdiente, an der Spitze unseres Heeres in Berlin einzuziehen - dieser Strauchdieb von einem Herzensbrecher, der sich nur zu zeigen brauchte, und alles jubelte und jauchzte ihm zu - dieser tolle Junge, der die Keckheit hatte, als alles andere sich aengstlich davor drueckte, auf eigene Faust hin und allein den Krieg mit Napoleon anzufangen - der verliert auf einmal mitten im Kampfe den Kopf, verliert den Mut und gibt alles auf! Das mag wer will als ploetzliche Reue auslegen! Ich nicht! Ich glaube - und das spreche ich offen aus: _an dem Manne ist ein Verbrechen begangen worden_! Man hat ihn glauben gemacht, der Koenig billige im geheimen sein Unternehmen, duerfe sich aber nicht offen fuer ihn erklaeren, bis alles gut in Gang waere. Und als die Umstaende allerseits unguenstig wurden und das Glueck sich gegen Schill entschied, da liess man ihn klaeglich fallen. Er hatte eben Pech - dreifaches Pech. Erst die Mitstreiter hier zu Hause, die ihm draussen im Volke den Boden bereiten sollten, und es schlecht taten. Dann die Oesterreicher - Herrgottsakra, wenn ich an die denke, da kriege ich einen roten Kopf! Die haben den Napoleon aufs Haupt geschlagen - sie haben ihn, nach Aspern, in der Mausefalle auf der Insel Lobau, mitsamt seiner ganzen Armee, abgeschnitten, ohne Verbindungen, ohne Bruecken, und sie greifen nicht zu, sie machen ihm nicht den Garaus - sie lassen dem Hund noch wochenlang Zeit, sich aus der Patsche zu ziehen, und warten geduldig, bis er aus seinem Rattenloch herauskriecht und ihnen selbst einen Hieb auf den Kopf versetzt! So 'ne niedertraechtige Schlamperei war noch nicht da! Die Kunde von ihrer Niederlage bei Wagram war fuer Schill ein schwerer Schlag. Dass aber sein eigener Koenig sich dann auch gegen ihn erklaerte und ihn gar mit einem Kriegsgericht wegen Insubordination bedrohte, dass der Monarch selbst, an dessen geheime Unterstuetzung man ueberall im Lande glaubte, nun diese Behauptung Schills Luegen strafte, das zog ihm den Boden unter den Fuessen weg. Aber er haette doch nicht den Kopf verlieren muessen! Er haette nicht zoegern sollen, nach England zu gehen, ehe es zu spaet wurde! - Er haette sich sofort nach dem naechsten Hafen aufmachen und an Bord gehen muessen, um draussen in Spanien gegen den Franzmann zu kaempfen! Nun, er hat seine Saumseligkeit mit dem Leben gebuesst! Ein Hundsfott, wer dafuer auf seine tote Asche auch nur den Schatten eines Vorwurfs kommen laesst! Es haette aber alles anders kommen koennen und muessen, wenn man bei uns nur gleich zugegriffen haette! Wer weiss - wenn die Oesterreicher gesehen haetten, dass wir Ernst machten, dann haetten sie am Ende den Napoleon doch noch beim Schlafittchen gepackt und die gute Gelegenheit benutzt, das welsche Unkraut mit Stumpf und Stiel auszurotten. Ich habe ja damals den Koenig gebeten - ich habe gebettelt und gefleht, 'lass mich nur, _gerade jetzt_, mit meinem Korps ueber die Elbe gehen! Mit meinem Kopf stehe ich dafuer ein, dass wir dann unsere Provinzen wiederhaben!' Die haetten wir auch! Ich haette drueben alles in Feuer und Flammen gesetzt, und die Unternehmungen von Schill und Doernberg und Braunschweig waeren nicht nutzlos vertan gewesen! Aber man hat nicht den Mut gehabt! Seitdem unsere gute Koenigin starb, ist es ganz verdreht! Himmelsakra - mir war dann der mit der Apokalypse am Ende doch lieber! Obwohl er in seinem Hass gegen Napoleon weiter nichts war als ein klaeglicher Don Quichotte, der gegen apokalyptische Windmuehlen ritt. So etwas ist aber am Ende mit Schlauheit zu lenken! Wenn ich aber daran denke, dass unser guter Koenig einmal auch so von Tuer zu Tuer wandern muesste, Obdach suchen - - -! Das kann noch kommen, Gneisenau - das kann noch kommen, wenn's so weitergeht, und wenn er die Zeichen der Zeit nicht besser versteht! Denn wenn er selbst nicht _will_, Gneisenau -, wenn er nicht will -, und wenn _wir_ wollen! Und wir sind jetzt proppvoll geladen! - Und wenn wir dann ohne Befehl losplatzen, wer spricht da von Insubordination? Schockschwerenot! Wozu sind wir auch schliesslich da? Ich werde wohl von Tuer zu Tuer mitgehen, wenn's soweit mit ihm ist?! Nee - mein Leben gebe ich jederzeit fuer den Koenig her! Aber so 'ne Bettelei mache ich nicht mit! Die franzoesischen Sklavenketten mag tragen wer will -, _ich_ trage sie nicht! Ich sag's ganz offen, und wenn man mir zehnmal den Mund verbietet! Warum nicht auch? Wozu schuettelt Er den Kopf? Soll das auch 'Insubordination' heissen!? Nun, dann lasse Er sich gesagt sein, dass Insubordination noch hierzulande Mode werden kann, wenn's nicht anders moeglich ist, das Land zu retten! Und der Ihm das sagte, das war der General der Kavallerie, denn dazu haben sich mich ooch jemacht, seitdem Er nach England reiste, und zwar um mir das Maul zu stopfen! Sie haben mich zum General der Kavallerie gemacht, Sie haben mich aber auch zum Domherrn gemacht! Was lacht Er da? Zum Domherrn, sage ich, indem, dass mir der Koenig eine Domherrnpraebende in Brandenburg verliehen hat! Wenn der Staat seine Generaele nicht anders zahlen kann, zahlt er sie eben so! Bargeld ist Bargeld, und wenn's von der Kirche kommt, wird's wohl auch den rechten Gottessegen haben. Er braucht aber nicht deswegen zu denken, dass ich jemals den Schleier nehme oder fromm ins Kloster gehe und heilig werde! Ich bleibe, was ich bin! Der General der Kavallerie wird nicht minder kraeftig als der Generalleutnant kommandieren: Vorwaerts druff uff den Feind! Und wenn ich jemals als Domherr die Kanzel besteige, dann, Gneisenau, soll's Pech und Schwefel vom Himmel regnen, und die Sicherheitskommissare und Angstmeier sollen sich alle Tage dreimal in die Hosen - -! Das meine Predigt! - Schmidt! Noch 'n Piep!" Und Schmidt wusste Bescheid. Er hatte mit Wonne bemerkt, wie gut der Tabak heute seine Schuldigkeit tat und wie schoen sein Herr durch ihn ins Schimpfen kam. Er stand schon auf der Lauer, eine frische Pfeife im Munde, und qualmte und schmunzelte gehorsamst uebers ganze Gesicht bei den saftigen Worten Bluechers, und wartete auf das Signal. Sobald das Kommando fiel, nahm er sofort mit Wucht die Hacken zusammen, reckte sich, dass die Knochen krachten, riss die Pfeife aus dem Gehege seiner Zaehne, und dann, mit Paradetritt vorwaerts marschiert, Bluecher die Pfeife mitten ins Gesicht gesteckt und ihm so das Maul gestopft! Dann nahm er die Akten Schill unter den Arm und trug sie behutsam zur Tuer hinaus. Bloss die Brieftasche Schills mit den Versen nicht! Die behielt der General und Richter als einziges belastendes _Corpus delicti_ zurueck. * Die Frau Generalin von Bluecher ordnete in aller Eile den Kaffeetisch in ihrer Wohnung zu Stargard. Ihr Herr und Gebieter hatte ihr eine Stafette mit der Nachricht geschickt, er kaeme nachmittags zurueck von Berlin und baete sich zum Empfang eine Tasse warmen Kaffee und Streuselkuchen aus. Es galt also rasch fertig zu sein. Denn Bluecher pflegte schnell zu reisen und konnte jeden Augenblick ankommen. "Es war eine schlimme Zeit", sagte die Generalin zu ihrer Freundin Frau von Bonin auf Schoenwerder, die gerade in Stargard war und den Nachmittag ueber blieb, um Bluecher zu bewillkommen. "Es war nicht leicht, und ich werde recht froh sein, wenn es jetzt ein Ende hat. Aber ich traue dem Frieden nicht. Mit ihm war's immer so. Kaum dass man denken konnte: Gott sei Dank, nun hat die Schererei ein Ende -, da ging sie erst recht los. Es wird jetzt nicht anders sein. Erzwungene Ruhe ist fuer ihn Gift. - Und wenn's jetzt wieder mit seiner Krankheit losgehen sollte, da befuerchte ich das Schlimmste! Das letzte war fuer ihn ein schwerer Schlag!" Sie rueckte noch die Kaffeetassen zurecht, schnitt Kuchen auf und ordnete an den Blumen. "Es war lieb von dir, ihm Blumen zum Empfang zu bringen", sagte sie und nickte ihrer Freundin zu. "Er hat die Blumen gern." "Du weisst, wie sehr wir alle ihn schaetzen und lieben", antwortete diese. "Seit ihr wieder in Stargard haust, leben wir ordentlich auf. Und jetzt, wo er nicht mehr die Plage des Dienstes hat, jetzt wollen wir alle helfen, ihm das Leben so heiter und gemuetlich wie nur moeglich zu gestalten, damit er seinen Ruhestand recht geniesst. Er darf es sich wahrlich goennen. - Wie hat er seinen Abschied vom Dienst aufgenommen?" "Nun, gern beisst keiner in den sauern Apfel! Aber du weisst, die Maenner stellen sich immer ein bisschen an. Als er die koenigliche Botschaft bekam, hat er laut gelacht, dass ich einen Schrecken kriegte. 'Endlich einmal ein Entschluss am Allerhoechsten Ort!' hat er dann gesagt. 'Das ist immerhin eine Besserung! Haette ich sooft kapitulieren wollen wie Kalckreuth, haette ich Danzig verloren, haette ich so brav, wie er, vor dem Franzmann gedienert und mir sagen lassen: 'Sie sind nicht zum Unterhandeln, sondern zum Unterschreiben da', und haette ich dann unterschrieben und meinem Land einen schmachvollen Frieden um jeden Preis verschafft - ich waere Generalfeldmarschall geworden, wie er, und haette die hoechsten Ehren genossen. Nun habe ich aber dem Koenig sein Land wiedergewinnen wollen, ich habe geholfen, zu ruesten, Festungen zu bauen, Armeen auf die Beine zu stellen und den Leuten Mut und Vertrauen auf die Zukunft einzufloessen. Und der Dank ist nun - ein Fusstritt des Koenigs auf Befehl Napoleons!' - So hat er geredet." "Recht hat er!" sagte Frau von Bonin. "Das meine ich auch", antwortete die Generalin. "Aber wenn mir trotzdem nicht ganz rosenrot zumute ist, ist's kein Wunder! Er ist ja gewohnt, rastlos taetig zu sein. Ueberall hatte er seine Finger mit im Spiel. An den Arbeiten der Armeereorganisationskommission nahm er so eifrig teil, als waere er mit drin gewesen. Er schrieb und empfing alle Tage Briefe, hatte seine Berichterstatter ueberall im Lande und auch im Ausland, wusste stets mit allem Bescheid, sass immer wieder dem Koenig und der Regierung im Nacken und regte sich masslos auf, wenn dann nicht alles nach seinem Kopfe ging. Ich habe mich manchmal ueber die Geduld des Koenigs gewundert." "Der Koenig haelt grosse Stuecke auf ihn!" "Gewiss! Das wusste er auch und - missbrauchte es deshalb vielleicht nicht ungern. Immer ging es ja nicht gut. Einmal kam eine Befoerderung, ein andermal eine gehoerige Nase, und alles beides kuemmerte ihn wenig. Nur einmal wurde er ganz niedergeschlagen und war lange nicht mehr zu etwas zu gebrauchen. Das war, als er unseren guten Eisenhart zum Koenig schickte, um ihn seine Wuensche muendlich vortragen zu lassen. Denn selbst durfte er nicht hin -, du weisst ja: persoenlich kann gegen ihn keiner aufkommen, und man fuerchtete wohl seine Ueberredungsgabe. Aber Eisenhart hat auch ein gutes Mundwerk, und da schickte er also den nach Koenigsberg, um den Koenig zu ueberzeugen, dass sich auf den ersten Ruf in Preussen schnell hunderttausend Mann versammeln wuerden, wenn der Koenig nur wollte, und dass Oesterreich bereits vierhunderttausend Mann schlagfertig haette, um gemeinsame Sache mit uns zu machen, und was noch mehr. Da antwortete der Koenig: in Preussen fehle es an dem Fuehrer einer Armee von hundertfuenfzigtausend Mann! _Meinem_ Mann liess er diese Antwort geben!" "Nicht moeglich!" "_Das_ hat er sich sagen lassen muessen, als ob er ueberhaupt nicht da waere! Und auch, dass er sich um alles in der Welt ruhig verhalten moechte! _Er_ und ruhig! Er wurde krank - na, du weisst ja, wie's lange Zeit um ihn stand! So niedergeschlagen habe ich ihn niemals gesehen, solange unsere Ehe dauert. Er war ganz unertraeglich -, ich habe meine liebe Not mit ihm gehabt!" "Du Aermste!" "Nun, das war nichts gegen das, was er selbst litt. Er nahm ab, wurde duerr wie ein Skelett, schlief die Naechte nicht, hatte Halluzinationen, sah Gespenster am hellen Tage, ass nichts, trank nichts als Kaffee und - ob du's glaubst oder nicht - ruehrte auch nicht einmal die Pfeife an. Ich glaubte schon das Schlimmste erwarten zu muessen. Da auf einmal nahm's eine Wendung zum Besseren. Der Appetit kam wieder, er ass wie ein wildes Tier, trank und fluchte und rauchte wie sonst. In ganz kurzer Zeit, so geschwind, wie's nur bei ihm geht, war er obenauf! Weisst du, was ihn so schnell kurierte?" "Nun?" "Dass der Koenig den General von Buelow zu seinem Stellvertreter im Kommando ernannt hatte! Und auch zu seinem Nachfolger, falls er nicht wieder gesund werden sollte. Das war das beste Gegengift gegen seine Krankheit. Sofort packte ihn die Wut; er war auf den Beinen, schwang die Fuchtel, fuehrte wieder die Geschaefte und genas -, _aus reinem Trotz_, und um Buelow recht zu aergern. Das ist nun mein Glaube. Denn seine Wut auf Buelow war unbeschreiblich. Und seitdem kann er ihn nicht mehr leiden." Frau von Bonin lachte. "Ja, so ist er," sagte die Generalin, "die Taetigkeit ist sein Leben. Er krankt nach ihr und ist immer fertig zum Explodieren, wenn sie ihm beschraenkt wird. Dann will er gleich alles hinwerfen, in fremde Dienste gehen, verlangt seinen Abschied und bekommt ihn nicht und schoepft daraus neue Hoffnung, endlich taetig sein zu duerfen, wie er will! Und ist es damit wieder nichts, dann wird er von neuem gallig, bitter, niedertraechtig, halb wahnsinnig, er verkuemmert, altert, ist fertig mit dem Leben und kann sich doch nicht vom Dienst losreissen, weil er immer noch hofft, immer noch einen Funken vom Kinderglauben an seine ihm vom Himmel gegebene Sendung hat!" - Sie wurde unterbrochen. Ein Wagen fuhr rasselnd am Hause vor, und im naechsten Augenblick stand Bluecher im Zimmer. Er war ganz verwandelt. Frisch wie ein Fisch im Wasser und voll von Hoffnung und Zukunftsplaenen. "Das will nun ein in Ungnaden entlassener General sein!" lachte Frau von Bonin. "Was, Ungnaden!" erwiderte Bluecher uebermuetig. "Die Ungnade ist nur eine Komoedie, um Napoleon zu taeuschen. Ich stehe oben besser angeschrieben als je. Der Koenig war sehr gnaedig -, er war sogar sehr traurig. Ich habe ihn ueber meine Entlassung troesten muessen. So liegt die Sache. Und das ist ein ganz anderer Kasus als damals, wo ich vom Alten Fritz meinen Abschied erhielt. Du weisst, Malchen, vierzehn Jahre habe ich nachher auf Wiedereinstellung warten muessen. Und dass ich das musste, das hielt mich nachher stets zurueck, sooft ich meinen Abschied nehmen wollte! Vierzehn Wartejahre kann man sich in meinen Jahren nicht mehr leisten -, da schluckt man lieber so manches herunter. Man soll eben seiner Sache treu bleiben, Malchen -, Treue halten im Boesen wie im Guten! Dann bleibt sie einem auch treu! Jetzt hat mir der Koenig wegen Ungehorsams gegen seinen Befehl, die Befestigungsarbeiten in Kolberg einzustellen, den Laufpass gegeben. Er denkt, er muss es aus Ruecksicht auf Napoleon tun. Er wird mich aber wiederhaben wollen und wird mich auch holen, sobald die Zeit da ist. Meiner Sache bin ich sicher -, ich war's niemals so sehr wie jetzt, wo ich eigentlich gar nichts mehr mit ihr zu tun habe. Jetzt erst fuehle ich, wie unloeslich ich mit meiner Aufgabe im Leben verwachsen bin. Nichts kann sie mir nehmen. Bestimmung ist Bestimmung. Was kommen soll, kommt. Kein Koenig und auch kein Kaiser kann mir mit seinem Machtwort nehmen, was mir von allem Anfang an als mein Ureigenstes gehoerte, ebensowenig, wie er's mir verleihen konnte. Siehst du, Malchen, was der Mensch nicht geben kann, das kann er auch nicht nehmen. Das ist mein Glaube. Und nun warten wir in aller Ruhe und in Gottes Namen das Weitere ab. Jetzt brauche ich auch nicht mehr Scharpie zu zupfen, Malchen. Und nun - einen Kuss - und dann zu Tisch!" Er kuesste allen beiden Damen rasch die Wange, bot ihnen dann galant die Arme und fuehrte sie an ihre Plaetze. 12 DAS HEILIGE DONNERWETTER Jahrhundertelang war Deutschland der Tummelplatz der Voelker und wurde unbarmherzig verwuestet, seine Bewohner geknechtet, ausgeraubt und hingemordet, Handel und Nahrung lahmgelegt, seine Reichtuemer gestohlen, seine Kunstschaetze geraubt und nach allen Windrichtungen hin verschleppt, seine Kirchen und Schloesser und Kunstbauten in Ruinen verwandelt, seine Entwicklung um Jahrhunderte zurueckgeworfen. Und immer wieder bluehte das Leben in alter Kraft wieder auf -, immer wieder stuermten beutegierige Horden heran mit Mord und Brand und pluenderten und sengten. Das in Stroemen vergossene Blut traenkte die Erde, verseuchte die Gewaesser, schwaengerte die Luft - man atmete Unheil, trank dessen Odem mit dem Wasser der Quellen, frass ihn in sich mit den Fruechten der Erde. Das bittersuesse Gift schwellte die Adern, schlich durch den Koerper, erfuellte die Seelen bis zum Platzen mit Spannung, erzeugte einen Hass, der jede andere Regung unterdrueckte, der alleinherrschend wurde, ins unermessliche wuchs und gewaltsam zur Entladung draengte. Das Licht des Himmels, seine Sonne, seine Sterne, sein leuchtendes Blau, alles schwand in dem quaelenden Dunst, die Farben des Lebens verblassten und erloschen. Es gab kein Gefuehl, keinen Gedanken mehr, als verbissene Wut ueber schmachvolle Ohnmacht, kein Gebet, das nicht den Herrn der Welten um Erloesung anrief und mit dem Himmel um seine Blitze buhlte. Die Schwuele des Gewitters lagerte ueberall, ergriff alles Leben und wuergte zum Ersticken. Immer draeuender tuermten sich die Gebilde des Hasses und der Empoerung empor, ballten sich zu maechtigen Gewitterwolken zusammen und erfuellten den Raum, bis endlich die Spannung zu gross, bis es der Last zuviel wurde und das Gewitter losbrach. Blitze zuengelten auf die Haeupter der Bedruecker nieder, warfen sie in den Staub und zerschmetterten ihre Zwingburgen, indes der Donner grollend durch den Raum fuhr und der Widerhall krachend von Felsen zu Felsen jauchzte und Kunde von der Befreiung gab. -------------------------------------------------------------------------- Fast unbeschraenkt beherrschte Napoleon den Kontinent, alles lag ihm gehorsam zu Fuessen. In jeder Festung, in allen Staedten Norddeutschlands standen seine Truppen bereit, jeden Versuch zur Empoerung mit Gewalt niederzuwerfen. Durch dauernde Besetzung Preussens war er zum wahren Herrn Europas geworden. Wer nicht sein Verbuendeter war, war ihm gehoerig. Die Rheinbundstaaten, Bayern, Wuerttemberg, Baden, Hessen, Sachsen, Westfalen und Mecklenburg, gehorchten jetzt seinem kleinsten Wink. Der Kaiser von Oesterreich gab ihm seine Tochter zur Ehe. Sein Machtwort erstickte jede selbstaendige Regung im Keime. Ohne seine Zustimmung geschah in den deutschen Landen nichts. Koenige und Fuersten holten sich Weisungen aus Paris, empfingen aus seinem Munde Lob und Tadel und setzten ihre Beamten ab und ein nach seinem Gutduenken. Seine Armeen wurden von den unterjochten Voelkern unterhalten, die Einkuenfte der Staaten als Kontribution nach Paris geschafft -, bis aufs Blut sog er die Besiegten aus. Ihre Heere mussten auf sein Geheiss marschieren und fuer den Ruhm Frankreichs ihr Blut verspritzen - bis sie endlich begriffen, dass Blut und Leben nur fuer die Heiligkeit der eigenen Sache einzusetzen seien. Der Sohn der Revolution, von der unwiderstehlichen Kraft eines Volkes in Waffen zu schwindelnder Hoehe gehoben, kehrte so, durch den Gang der Ereignisse getrieben und von den eigenen Siegen verfuehrt, vom Volksheer zum Soeldnertum zurueck. Er bewirkte gleichzeitig die entgegengesetzte Entwicklung bei den Besiegten und gab ihnen so das Mittel zur Befreiung in die Hand. Denn als sie sich dazu hergeben mussten, fuer eine fremde Sache zu bluten, wurden sie sich ihres eigenen Volkstums bewusst und fielen von der Sache des Eroberers ab, sobald sie ernstlich zu wanken begann. Seine bunt zusammengewuerfelten Heerhaufen besassen sowieso nicht mehr die Energie und den Schwung der ersten Revolutionsheere, noch weniger ihre Begeisterung fuer die Heiligkeit einer Sache, die allein gegen eine ganze Welt den Sieg ertrotzt. Noch stand der Koloss aufrecht und wagte in seinem Uebermut den eitlen Versuch, den Gott zu spielen und das, was nicht zusammengehoert, zusammenzukitten. Und das Unerhoerte geschah. Als Napoleons aus unzaehligen Hilfsvoelkern zusammengesetztes Riesenheer auszog, um seinen unbotmaessigen russischen Verbuendeten zu zuechtigen, da marschierte zum erstem Male in der Geschichte des Landes ein ganzes preussisches Armeekorps mit, um fuer den Ruhm Frankreichs zu bluten. Siebzehntausend Mann stark zogen die Preussen aus unter Befehl von Grawert, der bei Jena die Feldherrnkunst Napoleons am eigenen Leibe kennengelernt hatte. Er erkrankte und wurde von Yorck ersetzt. Wie ein Haufen Heuschrecken, so waelzte das Riesenheer seine Massen ueber die deutsche Erde gen Osten hin, frass, wo es durchkam, das ganze Land kahl und verwandelte es in eine Wueste. Bis es endlich hinter der russischen Grenze verschwand und sich ueber die endlosen, duenn bevoelkerten Felder Russlands ergoss, von einer ganzen Wolke von Marodeuren, Haendlern und beutegierigen polnisch-juedischen Schacherern umschwaermt, die sich mit seinen Abfaellen maesteten, alles, was am Wege blieb, auflasen, Kleider, Ausruestung, Proviant und Beutestuecke erhandelten oder stahlen, die todmuede am Wege Liegenden erschlugen oder sie bis auf die Knochen auspluenderten. Schreck und Entsetzen hinterliess der Raubzug ueberall, wo er durchkam, und laehmte die Kraft der Landeskinder so, dass keiner auch nur daran zu denken wagte, die Hand zur Rache zu erheben, als nachher die Reste der Horden wiederkamen, geschlagen, geschunden, zerfetzt und zerlumpt und von noch groesseren Schwaermen Beutegeiern verfolgt. Tausende von franzoesischen Offizieren, auch Napoleon selbst und seine beruehmten Marschaelle, haette man ohne weiteres gefangennehmen koennen. Aber man ruehrte keinem Finger gegen sie, man liess sie ungefaehrdet durch und in ihre Heimat zurueck, wo sie dann gleich neue Heerhaufen zur Unterjochung bereitstellten. Man schlug das Raubgesindel nicht mit Knueppeln tot, man gab ihnen Lager und Kleidung, speiste sie, pflegte sie, vergass das vergossene Blut und die Traenen, das geraubte Gut und Geld -, aber beileibe nicht aus Gutmuetigkeit und noch weniger aus Feigheit. Nein, jene Armseligen, in Lumpen Zurueckkehrenden, sie waren immer noch die Herren. Und keiner wagte noch an das unerhoerte Glueck zu glauben, dass jene gewaltige Macht, deren Diener sie waren, jemals gebrochen werden koennte, auch dann nicht, als man es mit eigenen Augen zu sehen und mit Haenden zu greifen vermochte. Der Krieg wurde nicht erklaert, die Ruestungen nur in groesster Heimlichkeit betrieben, und auch dann nur unter dem Schein, den Buendnisvertrag mit Frankreich erfuellen zu wollen. Die Geheimdiplomatie war eifrig dabei, zu vertuschen und zu verhuellen, kein klarer Wille wagte sich hervor, kein offenes Wort wurde von massgebender Stelle gesprochen. Da auf einmal klang es jubelnd hart drein, wie schmetternde Fanfaren aus der alt-fritzischen Zeit. Von weit draussen an der Grenze klang es herueber, aber so hell und klar, so bestimmt und zielbewusst, dass es in die entfernteste Gegend des Landes drang und alle Herzen erzittern machte. Es war der gleiche Ton, der Deutschland weckte, als Schill sein Panier erhob. Aber jetzt ging alles mit, jetzt erwachte begeisterter Widerhall ueberall - ein Brausen, wie von einem herannahenden Sturm, ging ueber alles Land, das Gewitter verkuendend, und erstickte mit seiner Gewalt jede Mahnung der Aengstlichen, den Weckruf lieber, im Namen der heiligen Subordination, zu ueberhoeren. Isegrim Yorck war's, der ins Horn gestossen hatte. Er hatte den Sprung ins ungewisse gewagt und seinen Kopf darangesetzt, um seine Preussen aus der schmaehlichen Gemeinschaft mit den Franzosen zu fuehren. Dem Korsen hatte er die erzwungene Waffenbruederschaft aufgesagt, seinen Koenig mit einer vollendeten Tatsache ueberrascht und sein Volk auf den Boden offener Stellungnahme gegen den wahren Feind gestellt. Die Diplomaten rauften sich die Haare. Die Tat Yorcks kostete ihrer Weisheit und dem Staate etliche Millionen, die Napoleon sonst gerade jetzt haette zahlen sollen und vielleicht auch gezahlt haette, wenn alles wenigstens dem Scheine nach beim alten geblieben waere. Aber sie brachte dafuer etwas ein, was fuer alles Gold der Welt nicht eingehandelt werden kann: die flammende Begeisterung, den unwiderstehlichen Willen eines geknechteten und vergewaltigten Volkes, seine Fesseln zu brechen und die Bedruecker niederzuwerfen. Sie entfesselte das heilige Donnerwetter, dem nichts widersteht - mit dem stets der Sieg ist, weil es die Empoerung der Natur selbst ist gegen die ihr angetane Vergewaltigung. * "Herr," rief der General Bluecher unwirsch und fuhr sich mit dem Rasierpinsel im Gesicht herum, dass der Seifenschaum weit umherspritzte, "Er ist wohl des Teufels! Wie heisst das? Was war das, was Ihm mir vom General Yorck mitzuteilen beliebte?" Der so angeredete Major Diedrich nahm die Hacken zusammen, reckte sich stramm auf und brachte noch einmal seine Botschaft vor. Die Infanterie Yorcks waere demnach durch die erlittenen Strapazen sehr geschwaecht und von 30000 auf 25000 Mann zusammengeschmolzen. Das Landwehrregiment der zweiten Brigade, das vor acht Tagen zweitausend Mann gehabt hatte, hatte jetzt nur noch siebenhundert. In sechs Tagen hatten die Truppen viermal Nachtmarsch gehabt, ohne dass abgekocht worden war. Sie hatten bei stroemendem Regen auf dem aufgeweichten Boden biwakiert, die meisten ohne Maentel - die Taschenmunition war von Naesse verdorben, in den Munitionswagen war kaum Vorrat genug fuer eine Schlacht, und dabei haetten die Parkkolonnen sechzehn Meilen Weg bis zur Neisse, um neuen Vorrat zu holen. Der General Yorck liesse bitten, dem Korps doch etwas Ruhe zu lassen. Bluecher hatte mit offenem Munde, das aufgeklappte Rasiermesser in der Hand, die Ausfuehrungen des Majors angehoert. Jetzt fing er an mit wahrer Wut das Messer an einem ledernen Riemen abzuziehen. Er warf dabei dem Major immer wieder giftige Blicke zu. "Ruhe soll ich dem Korps lassen? Bin ich der Franzmann, der mit ihm Krieg fuehrt? Hat Sein General nicht genug von dem daemlichen Waffenstillstand, den wir kaum gluecklich hinter uns haben, und den wir noch haetten, wenn's nach unseren Diplomatikern ginge? Ein Schuft ist Napoleon, aber gesegnet soll er sein ob seiner Halsstarrigkeit, die Friedensbedingungen nicht anzunehmen. Denn das allein hat verhindert, dass unsere Neunmalweisen den Karren noch tiefer in den Dreck schoben!" Damit nahm er eine Kohle, zog rasch einen Kreis auf der weissgetuenchten Wand, starrte, in Ermangelung eines Spiegels, da hinein und fing an sich den Stoppelbart abzukratzen. Denn jetzt war er wieder in der Offensive und durfte als hoeflicher Mensch dem Franzmann nicht unrasiert kommen. Der Major Diedrich benutzte die Gelegenheit, weitere Einzelheiten ueber den schlechten Zustand des Yorckschen Korps vorzubringen, und Bluecher, der seine Zunge dazu gebrauchen musste, beim Rasieren die Wangen von innen zu strammen, konnte dabei seinem Missvergnuegen nur durch ein mehr oder weniger lautes Grunzen Luft geben. Bis der Major ihm mit den zwanzigtausend in Oesterreich gekauften Flinten auf den Leib rueckte, mit denen man die Landwehr beglueckt hatte, und die die unangenehme Eigenschaft hatten, keine Zuendloecher zu besitzen. Die hatte man in der Eile bei der Anfertigung zu bohren vergessen. Und nun muesse die brave Landwehr, zum groessten Teil mit Piken bewaffnet, in den Kampf ziehen! Da hoerte Bluecher mit dem Schaben seines Bartes auf, sandte sich jaeh um, warf dem Major einen vernichtenden Blick zu und wetterte los. "Herr, was redet Er da von Zuendloechern? Bei dem Sauwetter, wo's, wie jetzt, seit Monaten Strippen regnet, schiessen alle Flinten gleich gut, ob sie Zuendloecher haben oder nicht! Die sollen die Leute ruhig behalten und mit den Kolben auf den Franzmann losschlagen. Und taugen sie auch dazu nicht, dann moegen sie sich drueben beim Feind bessere Flinten holen. Die Franzosen haben ganz gute! Wozu haben wir den Krieg?" Worauf er das Messer ansetzte und weiter schabte. Aber der Major hatte noch mehr auf dem Herzen, und die Gelegenheit war zu gut jetzt, wo der Alte das Messer an der Kehle hatte und die Zunge im Zaum halten musste. Er packte also aus. Es fehle den Landwehrregimentern an Maenteln, sie haetten nur leinene Hosen, statt Patronentaschen leinene Beutel, Kochgeschirr waere bei ihnen eine Seltenheit und Stiefel erst recht. Bei den aufgeweichten Wegen kaeme man kaum noch vorwaerts mit der schlechten Ausruestung. "I der Deubel!" unterbrach Bluecher ploetzlich die Litanei. "Mit langen Redensarten wurde noch niemals 'n Stiebel jemacht. Was red't Er denn? Wo uns Hunderttausende von den besten franzoesischen Stiebeln freundlichst entgegentanzen und bloss dadruff warten, genommen zu werden! Wenn unsere Leute zu vornehm sind, um auf Pariser Sohlen zu laufen und sich die nicht holen koennen, wo sie da sind, dann koennen sie meinetwegen barfuss laufen! Und was den anderen Kram betrifft - die Maentel und Patronentaschen und gar die Hosen -, das alles macht noch lange nicht den Soldaten! Die Leute, die da mit Piken und Sensen geuebt und so die Griffe gelernt haben, die haben eben gewusst, wie saumaessig es um Preussen stand, und dass es ihm an Flinten und Stiebeln und Maenteln fehlte. Und sie sind doch gekommen und haben sich zum Dienst gestellt. Warum, denkt Er wohl? Nicht, damit Er mir hier noch eine Litanei vorbetet, sondern um Preussen all das zu verschaffen, was ihm fehlt - vor allem die Freiheit und den alten Besitz! Das andere - die Flinten und die Stiebel und der ganze Kram -, das kommt dann ganz von selbst. Und nun schere Er sich, und lasse Er mich ungeschoren. Dem General ist zu erwidern, dass es beim Marschbefehl bleibt. Er hat sich von Jauer zurueck auf die Katzbach zu wenden und die vorgeschriebenen Stellungen bei Brechtelshof einzunehmen. Verstanden?" Der Major salutierte schweigend und ging. Und Bluecher begab sich nach vollendeter Toilette hinaus, um die abmarschierenden Truppen zu inspizieren. Sein geuebtes Auge sah wohl alle Maengel und Gebrechen ihrer Ausruestung, sah die beschmutzten, durchnaessten, frierenden und abgehetzten Kerle dastehen und fragende Blicke auf ihn richten - sah aber auch unverzagten Mut aus ihren Augen leuchten, als er vor der Front aufritt. Seine Blicke glitten pruefend von Mann zu Mann die Reihen entlang. Es waren keine baumlangen Pommern oder Mecklenburger, sondern zumeist klein gewachsene, schmaechtige Leute aus den schlesischen Weberdistrikten. Staat war mit ihnen nicht zu machen, aber sie wuerden schon anbeissen, wenn man nur verstaende, im richtigen Ton zu ihnen zu sprechen, und ihnen gleich zu Gemuet zu fuehren wuesste, dass der Krieg keine Schule der Verzaertelung sei, und dass es dabei etwas Wichtigeres und Bedeutungsvolleres als Strapazen und Entbehrungen gaebe. Und diesen Ton fand Bluecher gleich. Nachdem er die Reihen abgeritten war, hielt er vor der Front und rief in seiner jovialen Art, mit einem listigen Augenzwinkern, dass sich ein jeder sofort innerlich auf du und du mit ihm befand. "Kerls, ihr seht aus wie die Schweine! Aber es macht nichts. Ihr habt doch die Franzosen geschlagen! Das ist aber nicht genug! Ihr muesst sie heute wieder schlagen, wie das Wetter und die Wege auch sind. Sonst sind wir alle beschissen! Guten Morgen, Kinder! Und nun frisch darauflos!" Worauf er schmunzelnd ueber das donnernde Lachen, womit die Front fuer die Ansprache quittierte, sein Pferd herumwarf und zurueck in sein Quartier galoppierte. Dort erwartete ihn grosser Aerger und Verdruss. Yorck selbst war gekommen, um wegen des vielen "unnuetzen Hin- und Hermarschierens" das Oberkommando zur Rede zu stellen, und war eben in heftigem Diskurs mit dem Generalstabschef Gneisenau, der vom Obersten Mueffling getreulich sekundiert wurde. Als er Bluecher sah, wandte er sich gleich an ihn, und zwar in einem Ton, den dieser sich als Oberkommandierender keinesfalls gefallen lassen konnte. "Und wenn der Teufel selbst das ganze Oberkommando gegen mich zur Attacke ritte - marschiert wird doch nicht, ehe ich nicht achtundvierzig Stunden gerastet habe!" rief er ohne alle Einleitung Bluecher zu. "Das ist das wenigste, was ich brauche, um meine Leute wieder schlagfertig zu haben. Das moegen sich die Herren Kraftgenies hier -" er warf einen despektierlichen Blick auf die beiden Mithelfer Bluechers - "unter die Nase reiben! Und auch, dass ich dies kopflose Hin- und Hermarschieren, das sie meinen Leuten zumuten, ohne ihnen Ruhe zum Essen und Schlafen zu goennen, dass ich das mit den Menschen Schindluder treiben nenne. Und dazu sind meine Preussen denn doch zu gut!" Bluecher verbat sich ein fuer allemal in der energischsten Weise sowohl diesen Ton wie auch jede Widerrede. Yorck und er seien wohl alte Waffengefaehrten, aber das entbinde ihn doch nicht von der Pflicht unbedingten Gehorsams seinem Vorgesetzten gegenueber. Zu befehlen habe hier allein er, Bluecher. Er truege auch allein die ganze Verantwortung fuer die gegebenen Befehle und verbaete sich eine jede Kritik. "Herr General," sagte Yorck, noch aufgebrachter als vorhin, "ich pfeife auf die Waffenbruederschaft, die sich solchermassen in Erinnerung bringt. Und wer von uns beiden sein Handwerk besser versteht, darueber brauche ich mich hier auch nicht auszulassen. Zum Kommandieren gehoert nicht nur das Amt, man muss es auch koennen. Und kaeme es nur _darauf_ an - wer weiss, wer von uns beiden jetzt hier dem anderen zu befehlen haette! Mich kuemmert aber all das weniger! Mich kuemmert in erster Linie die grosse Verantwortung, die ich vor meinem Koenig und meinem Vaterland fuer die mir anvertrauten Truppen habe." "Uns nicht weniger!" schrie Bluecher zornesrot. "Darueber hinaus gibt es aber etwas, was ich militaerische Notwendigkeit nenne. Wenn die ein Opfer verlangt, so bringe ich es unbedingt, und wenn es noch so schmerzlich waere. Und trage die Verantwortung dafuer allein und teile sie mit keinem!" "Wenn aber die Soldaten vorher zu Tode gehetzt werden, wozu und inwiefern und mit welchem Nutzen will ein General dann jenes Opfer bringen? Wo nichts ist, ist auch nichts zu opfern, wie gross die militaerische Notwendigkeit auch sein mag. Haben Sie, meine Herren, im Vorjahre die Truemmer der grossen franzoesischen Armee gesehen, als sie aus Russland zurueckkam? Und haben Sie dagegen meine Preussen gesehen, wie die aus dem gleichen Feldzug wiederkehrten? Meine Fuersorge fuer meine Leute war's, die dem Koenig von Preussen da eine ganze Armee bewahrte, wo alles andere zugrunde ging. Ohne diese meine Fuersorge haette der General von Bluecher in seiner schlesischen Armee heute keine Preussen zu kommandieren. Waere mein Eigensinn, den die jungen Leute hier im Oberkommando so gern bekritteln - waere der nicht gewesen - haette ich nur den blinden Kadavergehorsam gegen Vorgesetzte gehabt, den man heute hier von mir verlangt, ich haette mich nimmermehr getraut, dem Marschall Macdonald, der heute die Franzosen gegen uns fuehrt, den Gehorsam aufzukuendigen. Ich haette an einem Strange mit ihm weitergezogen, und ich waere niemals dazu gekommen, in Tauroggen meinen alten Kopf aufs Spiel zu setzen, um endlich eine reinliche Scheidung zwischen uns und den Franzosen zu machen." "Recht hatten Sie, Yorck", sagte Bluecher, dessen Augen leuchteten bei der Nennung des Tages von Tauroggen. "Aber jetzt sind Sie im Unrecht. Denn ich bin kein franzoesischer Marschall, dem ein preussischer General meines Erachtens nimmermehr gehorchen kann, ohne vor sich selbst zu erroeten. Ich bin hier der Oberkommandierende der schlesischen Armee, der hier im Namen des Koenigs befiehlt und sich Gehorsam zu verschaffen wissen wird, gleichviel ob ich persoenlich oder durch meine Generalquartiermeister die Befehle erteile. Wobei eine Sache nicht zu vergessen ist, naemlich die: der General Yorck hat den russischen Feldzug _als franzoesischer General_ mitgemacht. Das faerbt ab. Wir aber sind da rein geblieben und haben es alle vorgezogen, den Dienst zu quittieren, statt mit dem Erbfeind gemeinsame Sache zu machen. Deshalb haben _wir_ hier das Kommando jetzt, wo es gegen den Franzmann geht, und haben es _nicht nur_ mit dem Vorrecht, das der Koenigliche Befehl uns gibt." Damit schnitt er jede weitere Eroerterung ab, ging in sein Zimmer und hiess Gneisenau gleich zur Befehlsausgabe nachkommen. Yorck aber, ausser sich ueber die ihm zugefuegte Kraenkung, ging in sein Quartier, setzte sich hin und schrieb dem Koenig einen langen Brief, in dem er um seinen Abschied bat und sein Gesuch ausfuehrlich begruendete. Dann, als er den Brief abgesandt hatte, fuegte er sich, befahl Aufbruch und liess es sich sogar gefallen, dass ihm vom Oberkommando der Oberst Mueffling beigegeben wurde, um ihn in die befohlenen Stellungen zu geleiten. Bluecher aber, mit Gneisenau allein geblieben, ging fluchend auf und ab. "Himmeldonnerwetter!" rief er. "Muss ich auch noch mit meinen Untergebenen um mein Kommando kaempfen! Das fehlte mir gerade noch!" Er blieb vor Gneisenau stehen. "Ich bin gewiss der letzte, die grosse Bedeutung von Yorcks Tat nicht anzuerkennen, als er es wagte, den Aengstlichen zum Trotz, sich mit seiner Armee gegen Napoleon zu erklaeren. Wenn er aber glaubt, deshalb das Recht zu haben, sich wie ein Bleigewicht an unsere Fuesse haengen zu duerfen, so irrt er sich. Ja, glauben denn er und seine Leute, dass wir blind und taub sind? Da kommen die Kerle her und machen mir was vor und erzaehlen _mir_ von der schlechten Ausruestung! Die sehe ich ebensogut wie sie! Aber auch, dass wir uns schoen hueten muessen, ihr so grosse Bedeutung beizumessen, dass unsere Leute darob mutlos werden. Denn das hiesse uns unserer einzigen guten Waffe: ihres felsenfesten Vertrauens auch noch zu berauben. Wenn ich den wackeren Kerlen in die Augen schaue und das reine lautere Gold gluehender Vaterlandsliebe mir da entgegenfunkelt, da denke ich: hol' mir der Teufel Flinten und Patronen! - _Das_ da ist unbezwinglich! Das siegt! Das fragt nach keiner Uebermacht! Und auf die Leute wagen unsere russischen Bundesbrueder gar uebermuetig herabzublicken! Schockschwerenot - was haben die Russen geleistet, das ihnen die Berechtigung dazu gaebe? Die prahlen damit, wie sie im Vorjahre Napoleon besiegt haben - wo sie vor ihm gelaufen sind, bis der sich in seinem Uebermut verrannte und nicht mehr heil aus ihren endlosen Steppen herauskonnte. Nun kommen sie her und tun dick, und setzen uns _ihre_ Fuehrung auf die Nase und wollen uns auch das Ausweichen vor dem Herrn Napoleon beibringen! - Und unsere eigenen Leute - die besten unter ihnen, wie der alte Isegrim soeben, die helfen da brav mit. Der Geist des Rueckzugs und der Flaumacherei geht bei uns maechtig um! Es ist hoechste Zeit, dass wir ihm den Garaus machen, Gneisenau!" Er schwieg. Aller Aerger und alle Bitterkeit der letzten Jahre wurden wieder in ihm wach, und er durchlebte in einem kurzen Augenblick noch einmal die schrecklichste Zeit seines Lebens, die Zeit, wo er aus jeder liebgewordenen Taetigkeit verbannt, geaechtet und von den braven Strebern gemieden leben musste. Bis er endlich die Fruehlingsluft der Befreiung witterte, seine Zeit gekommen fuehlte und seine Stimme erheben durfte ohne Furcht, nicht mehr gehoert zu werden. "Mich juckt's in allen Fingern, den Saebel zu ergreifen", schrieb er da an seinen unvergesslichen Freund Scharnhorst. "Wenn es jetzt nicht Seiner Majestaet unseres Koenigs und aller uebrigen deutschen Fuersten und der ganzen Nation Fuehrnehmen ist, alles Schelmenfranzosenvolk mitsamt dem Bonaparte und all seinem ganzen Anhang vom deutschen Boden weg zu vertilgen: so scheint mich, dass kein deutscher Mann mehr des deutschen Namens werth sei. Jetzo ist es wiederum Zeit, zu dhun, was ich schon anno 9 angerathen, naemlich die ganze Nation zu den Waffen anzuberufen, und wann die Fuersten nicht wollen und sich dem entgegensetzen, sie samt dem Bonaparte wegzujagen. Denn nicht nur Preussen, sondern das ganze deutsche Vaterland muss wiederum heraufgebracht und die Nation hergestellt werden." Es "juckte" ihn in allen Fingern, das ganze Heer, das ganze Volk blickte auf ihn wie auf den gegebenen Fuehrer - und doch zauderte man, wie immer, oben und wagte nicht, einen frischen Entschluss zu fassen. Der "Haudegen", der "Draufgaenger" koennte es ja zu sehr mit dem lieben Feind verderben. Eine Partei am Hofe schob, nicht ohne Aussichten, ihren Mann, den Grafen Tauentzien, als Kandidaten fuer den Oberbefehl vor. Und einzig und allein die ruecksichtslose Energie Scharnhorsts war es, der es gelang, den Widerstand des Koenigs zu brechen. Bluecher wurde mit dem Oberkommando betraut, aber - denn an allen Entschliessungen des Koenigs hing ein einschraenkendes Aber, das teilweise ihre Wirkung aufhob - Bluecher wurde unter russisches Oberkommando gestellt, und mit ihm das preussische Heer. Der Oberbefehlshaber, der alte Kutusoff, der ueberhaupt nicht mit seinen Truppen das russische Gebiet verlassen wollte, tat der Sache der Verbuendeten den Gefallen, gleich am Anfang des Feldzuges zu sterben. Aber sein Nachfolger, Wittgenstein, war, bei allem guten Willen, ein gaenzlich unfaehiger Feldherr. Er liess Napoleon Zeit, seine Armeen zu vereinigen, verpasste jede gute Gelegenheit, ihn zu ueberraschen, liess die Preussen in nutzlosen Kleinkaempfen verbluten, sah im Rueckzuge die einzig sichere Frucht der teuer erkauften Siege, und gab ihnen so die Faerbung der Niederlage. Der frische Ansturm der Fruehlingsoffensive der Russen und der Preussen verpuffte. Die blutigen Schlachten bei Grossgoerschen und Bautzen waren umsonst geschlagen - die Schweden weigerten sich, die kaum befreiten Hansestaedte vor Wiedereroberung durch die Franzosen zu bewahren - der Koenig empfand schon die Situation "wie nach Jena und Auerstedt", und erst der ploetzlich von Napoleon angebotene Waffenstillstand machte dem Zurueckgehen der Alliierten nach der Weichsel ein Ende. Er daempfte aber auch die lodernde Begeisterung, die die Erhebung getragen hatte, zu dumpfer Verzweiflung. Und die waehrend des Waffenstillstandes einsetzenden diplomatischen Verhandlungen waren nicht dazu geeignet, sie wieder zu entfachen. Die Herren Diplomatiker rieben ihre klugen Schaedel aneinander und brachten einen Friedensvorschlag zustande, dessen Bedingungen in der Hauptsache Raeumung aller preussischen Festungen seitens der Franzosen waren, sowie Rueckgabe von Danzig an Preussen und von den illyrischen Provinzen an Oesterreich, Aufloesung des Herzogtums Warschau und dessen Teilung zwischen Russland, Oesterreich und Preussen, und ausserdem die volle Wiederherstellung der Hansestaedte. Die Aufloesung des Rheinbundes und die Wiederherstellung Preussens regte man wohl an, wagte sie aber nicht zur Bedingung zu machen. Und Napoleon tat trotzdem den "Maechten" den grossen Gefallen, auf diese fuer sie - aber nicht fuer ihn - unguenstigen Bedingungen nicht einzugehen. Der faule Friede unterblieb, die Diplomatie wich wieder dem Schwerte, Oesterreich trat der Allianz bei, und von allen Bergen loderten Freudenfeuer auf und bekundeten das Ende des Waffenstillstandes und die Wiedereroeffnung der Feindseligkeiten. Bluecher aber brauchte sich nicht noch einmal von den russischen Generaelen gaengeln zu lassen. Ihm wurde der Oberbefehl ueber die aus einem preussischen und zwei russischen Korps gebildete Schlesische Armee gegeben. Und da die Monarchen sich alle unter die Obhut der unter Schwarzenberg von Boehmen aus operierenden Hauptarmee begaben, so hatte er das grosse und unerhoffte Glueck, diese Gesellschaft mit ihren jede freie Bewegung behindernden Erwaegungen und ihrem Gefolge von Besserwissern los zu sein, was seine Siegeshoffnung nicht wenig staerkte. Freilich - einer fehlte, dessen Verlust ihm einer verlorenen Schlacht gleichkam: Scharnhorst, der durch seinen unermuedlichen Taetigkeitsdrang und seinen Diensteifer seine in der Schlacht bei Grossgoerschen erhaltene Wunde vernachlaessigt hatte und daran starb, gerade als er am noetigsten war. Der Schmerz ueber diesen Verlust war schwer und andauernd. Er seufzte beim Gedanken an den verlorenen Freund auf und umfasste dessen Nachfolger und frueheren treuen Mithelfer mit einem zaertlich-dankbaren Blick, dass wenigstens _er_ ihm geblieben war. "Na, Gneisenau", sagte er gutmuetig, und es kam ein Ton warmer Hoffnungsfreudigkeit in die Stimme, "jetzt gilt's, die Zaghaften im Lande von ihren boesen Traeumen zu erwecken. Ein Donnerschlag, Gneisenau, der ihnen den Nebel aus den Koepfen verscheucht, so dass sie wagen geradeheraus zu sehen und zu denken! Eine froehlich schmetternde Siegesfanfare, die den gesunkenen Mut wiederbelebt! Eine Tat, die unsere schlechten Waffen gut macht und zu Ehren bringt! Vorwaerts, an die Arbeit, Gneisenau!" Dann liess er sich die Meldungen von den Avantgarden seiner Korps vorlegen. Aus denen ging hervor, dass der Feind auf den Hoehen jenseits der Katzbach, von Goldberg bis Liegnitz, lagerte, aber nicht, ob er vorrueckte oder an Zurueckgehen dachte. "Auf alle Faelle greifen wir an", entschied der General. Yorck erhielt den Befehl, von Jauer bis nach Schlauphof an der in die Katzbach einfallenden Wuetenden Neisse vorzuruecken und sich da, von den Uferhoehen gedeckt, in Kolonnen aufzustellen. Die Russen auf dem rechten Fluegel unter Sacken sollten die feindliche Front bei Liegnitz festhalten - die Russen auf dem linken Fluegel unter Langeron, die links von der Wuetenden Neisse von Hennersdorf bis zum Gebirge standen, muessten ueber die Katzbach auf Goldberg, Yorck in der Mitte gerade nordwaerts bei Kroitsch die Katzbach ueberschreiten. Die Befehle flogen den Kommandierenden zu und loesten bei ihnen verschiedene Gefuehle aus - aber als Allerletztes das des Gehorsams. Sacken allein erwiderte dem Offizier, der ihm Bluechers Befehle ueberbrachte: "Gruessen Sie den General: hurra!" Aber sein Landsmann Langeron, der im Tuerkenkriege selbstaendig kommandiert hatte, der sich ungern dem Oberkommando Bluechers fuegte und sich als bestellter Aufpasser des Hauptquartiers ueber ihn fuehlte, da man ihm von dort stets geheime Mitteilungen von den Instruktionen an Bluecher gab, dieser franzoesische Emigrant erklaerte kurzweg, er duerfe sein Korps nicht aufs Spiel setzen. Und Yorck wetterte und fluchte und tat einen Schwur: "eher werde er seinen Degen zerbrechen, als ueber die Katzbach gehen!" Kurz: mit der Disziplin bei den hoeheren Fuehrern der Armee war's uebel bestellt. Der General Langeron war sogar noch weiter gegangen. Er kalkulierte, trotz aller Befehle vorzugehen, dass es weder einen Angriff noch eine Schlacht geben wuerde, sondern, wie im Fruehlingsfeldzug, einen frischen, froehlichen Rueckzug, und hatte, in weiser Fuersorge, bereits seine schwere Artillerie nach rueckwaerts auf Jauer vorausgesandt. Durch diese Massnahme fehlte sie ihm nachher in der Schlacht. Nach den ausgegebenen Dispositionen Bluechers wurde aber an dem Tage ueberhaupt nicht gearbeitet. Denn auch der Feind parierte nicht. Er blieb nicht wacker in seinen Stellungen stehen, um auf den Besuch zu warten, sondern ueberschritt unvermutet die Katzbach einige Stunden, ehe die Schlesische Armee es tun sollte, und enthob so deren Obergeneral der Pflicht, seine obstinaten Unterfuehrer dazu zu zwingen. Der Marschall Macdonald glaubte bestimmt die Schlesische Armee auf dem Rueckzug, und er hatte ja, nach den bisherigen Erfahrungen mit der Kriegfuehrung der Alliierten, allen Anlass dazu. Um so mehr, da sie wirklich vor einigen Tagen zurueckgewichen waren, als Napoleon selbst mit seinen Garden die Angriffsarmee verstaerkt hatte. Jetzt war der Kaiser nach Dresden zurueckgeeilt, um sich der Hauptarmee der Alliierten entgegenzuwerfen, und ueberliess Macdonald allein die Verfolgung. Weit auseinandergezogen gingen die Franzosen zu diesem Zweck vor - und stiessen zu ihrer nicht geringen Ueberraschung auf die Bluechersche Armee, die in voller Schlachtordnung aufmarschierte. Man war beiderseits sehr ueberrascht ueber die Begegnung. Der Himmel gab seinen Segen dazu, indem es wie seit Wochen in Stroemen goss. Frischer Mut und frohe Laune bei andauernd schlechtem Wetter ist nicht jedermanns Sache. Wenn der Himmel bestaendig voll grauer Wolken haengt, wenn Tag fuer Tag kaum einmal ein Glimt von der Lichtspenderin zu merken und ein Ende der Sintflut nicht abzusehen ist, dann schrumpft die Hoffnung zusammen, frohe Zuversicht wandelt sich in bleiche Verzagtheit, und der Mensch moechte sich am liebsten in irgendeine Hoehle verkriechen und da, in Erwartung besserer Zeiten, hindaemmern, ohne noch die Hand zu ruehren, um sie herbeifuehren zu helfen. Gegen die Elemente ist Menschenwille machtlos. Und eine Welt, in der es immerfort regnet, verlohnt sich nicht zu erobern. So kam es wohl, dass ein aus Oberschlesiern bestehendes Bataillon nicht stehen wollte, als einige Kanonenkugeln ihnen die ersten Gruesse Frankreichs aus den Schluchten hinaufsandte, die zur Wuetenden Neisse hinabfuehrten. Die Schlesier gaben gleich Fersengeld und waren schon im Begriff, die anderen Bataillone in Unordnung zu bringen, als der Fuehrer der Avantgarde einige Kanonen auf sie richten liess und sein Ehrenwort gab, ihnen auch deutsche Kugeln zu kosten zu geben, wenn sie sich von der Stelle ruehrten. Das wirkte Wunder. Die Leute hielten sich nachher im dichtesten Kugelregen wie alte, kriegsgewohnte Soldaten, und die Ehre der schlesischen Landwehr war gerettet. Der Feind war ueber die Katzbach das Tal der Wuetenden Neisse heraufgekommen, breitete sich von Schlauphof bis zu Dohnau aus und drang nun durch die engen Schluchten nach dem Plateau hinauf, ohne zu ahnen, dass er da oben die Hauptmasse der Schlesischen Armee versammelt finden wuerde. Bluecher beschloss, ihn heraufkommen zu lassen und sich dann auf ihn zu werfen und ihn wieder in die Schluchten hinabzustuerzen. Yorck stellte seine Bataillone auf, aber nicht schnell genug und vielleicht nicht ganz vorschriftsmaessig gerichtet. Denn das Oberkommando, vom Obersten Mueffling vertreten, fand daran zu tadeln. Der alte Yorck wiederum fand, dass er es nicht noetig haette, sich von Herrn von Mueffling sagen zu lassen, wie er seine Bataillone an den Feind zu bringen haette. Und inzwischen avancierte der Feind, ohne sich um die Kunststuecke zu kuemmern. Schliesslich hatte Yorck seine Truppen in schlachtmaessiger Ordnung. Selbst fuehrte er die Brigade Huehnerbein am linken Fluegel, Horn mit seiner Brigade den rechten. Prinz Karl von Mecklenburg-Strelitz hielt die zweite Linie, Steinmetz' Brigade war in Reserve, die Reservekavallerie hinter dem ersten Treffen. Und allen voran die Artillerie in vollem Feuern. Der Feind wich - die Kavallerie fand die Zeit gekommen, ihm auf den Leib zu ruecken, und jagte in die feindliche Geschuetzlinie hinein, weit ueber sie hinaus, nahm Kanonen, hieb Karrees zusammen, geriet aber bald selbst in Aufloesung und musste zurueck, als feindliche Reiterei in geschlossenen Massen ihr entgegentrat. Das gab eine Jagd in umgekehrter Richtung, die allerlei Verwirrung verursachte. Mehrere preussische Batterien gingen verloren, die Chasseurs sausten zwischen die Bataillone des rechten Fluegels hinein, Yorck klagte schon, dass ihm der sichere Sieg aus der Hand gewunden wuerde. Und immerfort regnete es in Stroemen. Die Munition bei Freund und Feind wurde in gleich neutraler Weise vom Himmel durchnaesst, die Flinten schossen wirklich, wie Bluecher vorausgesagt hatte, ebensogut ohne wie mit Zuendloechern - das heisst: kein Schuss ging ab, weder bei den Franzosen noch bei den Preussen. Bajonette und Kolben, Lanzen, Saebel und Piken machten da ganze Arbeit. Denn auch die Kanonen brummten nur maessig in der dicken, feuchten Luft. Es war die stillste Schlacht, die man sich denken konnte, und doch eine der blutigsten und wuetendsten des ganzen Krieges. Schliesslich gelang es der Infanterie, durch raschen Seitenangriff, der franzoesischen Kavallerie Herr zu werden. Die russischen Husaren warfen sie weiter zurueck, Sacken schwenkte, die feindliche Front ueberholend, rechts ein. Da gab Bluecher Befehl zum allgemeinen Angriff. Er setzte sich selbst an die Spitze der Kavallerie, Yorck fuehrte die Infanterie, und vor der Wucht des Anpralls hielten die Franzosen nicht mehr stand. Mit blutigen Koepfen kamen sie die Schluchten nach der Wuetenden Neisse und der Katzbach wieder herunter, und diese Gebirgsbaeche, vom Regen angeschwollen, machten gemeinsame Sache mit den Landeskindern und liessen die wenigsten von den Feinden lebend wieder hinueber! Zu Tausenden ertranken sie in den angeschwollenen Fluten. Die preussischen und russischen Kugeln schlugen in die Massen hinein, die sich ueber die Bruecken draengten. Es war ein Sieg, wie sich der alte Bluecher ihn nicht glaenzender wuenschen konnte. Nur auf dem links von der Wuetenden Neisse aufgestellten linken Fluegel der Armee unter Langeron gab es einige "Schweinerei", die fast den Erfolg des Tages auf das Spiel gesetzt haette. Man hatte sich da vom Feind zurueckdraengen lassen und war gar im Begriff, aus der vorzueglichen, alles beherrschenden Stellung bei Hennersdorf abzuziehen, als Yorck, nach der Entscheidung rechts von der Wuetenden Neisse, die Brigade Steinmetz nach dem linken Ufer hinueberschickte, die Gefechtslage dort wiederherstellte, Monsieur Langeron in die Offensive zwang und mit ihm zusammen auch hier den Feind warf. Achtzehntausend Gefangene, drei Generaele und eine Menge Stabsoffiziere, hundertdrei Kanonen, zweihundertfuenfzig Munitionswagen, Lazarette, Feldschmieden, zwei Adler und andere Trophaeen waren die Beute. Die moralische Wirkung auf die Armee war aber ungeheuer, und die wichtigste Errungenschaft des Sieges. Die bockbeinigen Herren Untergeneraele mussten nolens volens, sich vor dem Glueck beugend, die Ueberlegenheit einer Fuehrung, die vom Himmel so gut bedient wurde, anerkennen. Allein Bluecher selbst machte sich in seiner rebellischen Art ueber seine eigene Strategie lustig. "Na, Gneisenau," sagte er ploetzlich zu dem neben ihm reitenden Generalquartiermeister, als sie sich am Abend in stroemendem Regen nach dem Hauptquartier in Brechtelshof zurueckbegaben, "die Schlacht haetten wir gewonnen, das kann uns eine ganze Welt von Theoretikern nicht abstreiten. Nun lass uns auch mal daran denken, was wir klugerweisse zusammenbringen, um den Leuten klarzumachen, _wie_ wir sie gewonnen haben. - Diesmal muss Er die Strategie eben nachtraeglich zurechtmachen. Einen Plan muessen wir gehabt haben! Das geht nicht anders! Was werden die Strategen sonst von uns sagen, wenn wir uns erfrechen, so gegen alle Regel eine Schlacht gewonnen zu haben?" * Im Schloss des Grafen Hohenthal zu Wartenburg war der Bankettsaal hell erleuchtet. Um die Tafeln eine ernste Gemeinde. Ein blutiger Tag war zu Ende. Man feierte einen glaenzenden Sieg -, erfreute sich des Gelingens eines kuehnen strategischen Manoevers, von dem eine entscheidende Wendung des ganzen Feldzuges zu erhoffen war. Aber immer noch stand die Hauptmacht Napoleons ungebrochen da. Immer noch flatterten die dreifarbigen Fahnen ueber der Hauptstadt seines saechsischen Vasallen. Die Marseillaise schmetterte noch sieghaft wie bisher und behauptete das Feld gegen die fremden Klaenge, die rebellische Rhythmen in das Konzert zu werfen suchten. Von allen Seiten kam das Echo feindlich gefaerbt zurueck - aus den boehmischen Bergen - aus der Lausitzer Gegend und noerdlich von der Elbe, kraeftig genug, um der Welt zu zeigen, dass die Todesstunde der franzoesischen Alleinherrschaft geschlagen hatte. Die Rollen waren vertauscht. Jetzt war Napoleon nicht mehr der wilde Jaeger, vor dem alles auswich und vor dessen Ungestuem alles erlag. - Jetzt war er selbst das gehetzte Wild, noch furchtbar, wo seine Pranke traf, aber nicht mehr als Sieger Gesetze gebend. Dem ersten Ansturm des aus Boehmen vorbrechenden Hauptheeres der Verbuendeten bot er siegreich Halt, schlug es bei Dresden entscheidend und warf es ins Gebirge zurueck. Und triumphierend jubelte die Marseillaise. Aber aus allen Himmelsrichtungen antworteten die Hoerner der Jaeger mit noch staerkeren Siegesklaengen. Bei Kulm war das ganze verfolgende Korps Vandammes vernichtet - an der Katzbach Macdonald von Bluecher aufs Haupt geschlagen worden. Auch der Fuerst von der Moskwa, Ney, und der Marschall Oudinot holten sich bei Grossbeeren und Dennewitz derbe Schlaege von den Untergeneraelen des zaghaften Kommandierenden der Nordarmee, des zum Kronprinzen von Schweden avancierten Bernadotte - Niederlagen, die die franzoesische Stellung an der Elbe, trotz Beherrschung der Elbfestungen, in Frage stellten. Noch aber war die Lage nicht kritisch geworden. Die Nordarmee der Verbuendeten hielt sich vorsichtig zurueck und nuetzte ihre Siege nicht aus. Die Hauptarmee drueckte sich noch immer in den boehmischen Bergen herum und wartete auf Verstaerkungen. Da brachte Bluecher Bewegung in das Ganze und zwang seine zoegernden Mitarbeiter aus ihrer Zurueckhaltung heraus. Er kuemmerte sich den Teufel um die Hilferufe seines weit staerkeren Waffenbruders Schwarzenberg, liess die Hauptarmee Hauptarmee sein, schickte ihr nicht einmal einen Knopf von den erbetenen fuenfzigtausend Mann Verstaerkungen hin, marschierte statt links, wie man's wuenschte, rechts ab, wie er selbst es wollte, nach Nordwest, die Elbe abwaerts, an der franzoesischen Hauptmacht vorbei, taeuschte inzwischen Napoleon durch eine ploetzliche Diversion des Sackenschen Korps auf Meissen, stellte diese und noch andere russische Truppen noerdlich der Elbe als schuetzende Kulisse auf, hinter der er mit der Hauptmacht seiner Schlesischen Armee bis in die Gegend von Wittenberg ziehen konnte. Dort ging er ueber die Elbe, stand mit einem Schlag im Ruecken der franzoesischen Armee, bedrohte die rueckwaertigen Verbindungen Napoleons, manoevrierte so diesen mit kuehnem Griff aus Dresden heraus und von der Elbe fort, und brachte zugleich Schwarzenberg vom Sueden und Bernadotte aus dem Norden in Bewegung. Denn jetzt mussten sie folgen und helfen, den Ring um das Edelwild noch dichter zu schliessen. Im Schlosse zu Wartenburg tafelte Bluecher mit seinen Offizieren nach gluecklich erkaempftem Elbuebergang. Der grosse Bankettsaal war hell erleuchtet. In Kronen und Ampeln flammten die Kerzen. Durch die Loecher in den Waenden und durch die zerschossenen Fensterscheiben funkelten die Sterne des Himmels herein. Ernst waren die Gesichter der Tafelnden und leise die Unterhaltung. Ein jeder lauschte auf die gedaempften Trommelwirbel von draussen, wo in der Abenddaemmerung die Gefallenen bestattet wurden, die um den Sieg ihr Leben gelassen hatten. Bluecher selbst, sonst eitel Frohmut und Laune, sass heute nachdenklich da. Das Gelingen seines kuehnen Unternehmens erfuellte ihn wohl mit Genugtuung. Aber der hohe Preis des Sieges, das viele kostbare Blut, das heute hatte fliessen muessen, stimmte die Siegesfreude in Trauerklaenge um. Ploetzlich ergriff er sein Glas und erhob sich von seinem Platz. Feierlicher Ernst lag auf seinem Gesicht, seine Augen schimmerten in feuchtem Glanz, und in der Stimme zitterte ein Ton tiefster Bewegung, als er anhub: "Lasset uns unsere Toten begraben. Widmen wir ein Glas den vielen namenlosen Helden, die bis heute ihr Blut fuer die Befreiung unseres Vaterlandes aus fremder Gewalt vergossen haben. Ein Name mag da fuer alle gelten. Denn er, der ihn trug, war auch der Geringsten einer. Aus den aermlichen Verhaeltnissen nahm er seinen Aufstieg zur Hoehe, wo jaeh seine Laufbahn endete, und zeugt so davon, dass nur wer vom Volke geboren wurde, dem Volke Befreier werden kann. Er wurde es. Ihm, seinem Geiste, seinem unermuedlichen Schaffen verdanken wir, wenn wir jetzt dastehen, wo wir heute sind, und hoffen koennen, das hohe Ziel zu erreichen, fuer das wir alle unser Leben geben wollen. Was das heisst, brauche ich keinem von euch zu sagen. Wir alle wissen, dass wir als Volk so tief gesunken waren, dass die grosse Masse dem Unglueck, das unser Vaterland bis zur Grenze der Vernichtung niederwarf, fast teilnahmslos gegenueberstand. Wir sind alle Zeugen der jaehen Wandlung - wir haben das Aufflammen der Begeisterung miterlebt, das hoch wie niedrig ergriff und zu Heldentaten befaehigte, von denen wir heute wiederum staunende und ergriffene Zeugen gewesen sind. Wer schuf sein Leben lang in stiller emsiger Arbeit die Waffe zu solcher Tat? Wer lehrte sie uns gebrauchen? Wer war uns Freund, Organisator und Mitstreiter, ohne zu ermueden, ohne sich Ruhe zu goennen - auch nicht als er, zu Tode verwundet, Erholung und Pflege haben musste? Sei getreu bis in den Tod - dies hehre Gebot erfuellte er ohne Zagen als erste und selbstverstaendliche Pflicht. Was befaehigte ihn dazu, was trug ihn und uns mit ihm durch alle Niederungen der Knechtschaft zur Freiheit empor? Es war der zaehe, durch nichts zu besiegende Widerstandsgeist unseres Volksstammes, der wohl gebeugt, aber nimmermehr gebrochen werden kann, und der, wenn es um das Heiligste auf Erden geht: um das Recht, frei unter freien Voelkern sein Haupt aufrecht zu tragen, in flammendem Zorn emporlodert, um unwiderstehlich, wie das heilige Donnerwetter selbst, alles hinwegzufegen, was sich erdreistet, sich dem in den Weg zu stellen! Dieser Geist hat sich heute wieder herrlich offenbart -" Bluecher schwieg bewegt. Denn wieder rollten in langsamem Zeitmass langgedehnte Trommelwirbel gedaempft herein, wie um seinen Worten noch mehr Nachdruck zu verleihen. "Die Trommel geht," rief er dann ergriffen, "sie mahnt unseren Sinn, ins Jenseits zu blicken. Dort ziehen jetzt in endloser Schar die Geister unserer gefallenen Brueder vorueber. Immer dichter draengen sie an den Thron des Herrn aller Heerscharen heran und empfangen als Lohn fuer ihr Opfer die Weihe, fortan, von jeder leiblichen Schwere unbehindert, mit uns zu streiten, um unsere heilige Sache zum Siege zu fuehren. Wir hienieden sind alle gering gegen sie. Ich selbst weiter nichts als ein Handwerker, der die aufgegebene Arbeit geleistet hat. Wer aber alles so bereitet hat, dass wir anderen hier den Erfolg haben konnten, das war jener, von dem ich hier geredet habe -" Er wandte sich mit den Worten an den jungen Leutnant von Scharnhorst und winkte ihn naeher. "Das war Ihr Vater", setzte er seine Ansprache fort. "Denn er und kein anderer hat jedem Sieg, den wir erstritten, vorgearbeitet, er hat in Reih' und Glied mit den anderen dafuer gekaempft, sein Leben eingesetzt und verloren, wie der Geringste unter denen, deren Heimgang wir betrauern. Blicke herab, verklaerter Geist unseres Scharnhorst, und vernimm es, wie wir alle hier in die Hand deines Sohnes geloben, dir nachzueifern in Wort und Tat, bis wir das deutsche Vaterland von den Feinden und Unterdrueckern befreit und den preussischen Namen wieder zu Ehren gebracht haben." Damit zog er den Sohn Scharnhorst an seine Brust und kuesste ihm die Stirn. Die anderen traten ergriffen an den jungen Offizier heran und bekraeftigten mit stummem Handschlag die Worte ihres Fuehrers. * Im Schlosse zu Koethen sass der Kronprinz Karl Johann von Schweden, alias Marschall Bernadotte, bei der Morgentoilette. Die geschickten Haende seines Kammerdieners befreiten seine, trotz den fuenfzig Jahren, immer noch rabenschwarzen Locken von den unzaehligen Papillotten, in die sie ueber Nacht gewickelt waren, und ordnete sie in dekorativem Wirrwar um das scharf geschnittene Profil herum, das so recht dazu geeignet war, auf Muenzen und Medaillen majestaetisch zu wirken. Zur Muenze geschlagen, haelt der Mensch den Mund, und das ist bei manchem gekroenten Haupt entschieden von Vorteil. Noch war der Advokatensohn aus Pau ja nicht so weit in der Karriere gediehen. Er plapperte also ruestig drauflos. Sein schwedischer Adjutant, der in ehrfurchtsvoller Haltung wartete, bekam einen Erguss ueber alles moegliche, was die neugefuerstete Seele seines Gebieters momentan bewegte. "Wir schreiben also sofort an den General Bluecher, dass der Kaiser Napoleon auf das rechte Elbufer uebergegangen ist, unsere Rueckzugslinie ernstlich bedroht und uns noetigt, zu retirieren und ueber die Elbe zurueckzugehen. - Wir fordern den General auf, uns mit der Schlesischen Armee zu folgen. Und, damit er es auch tut -, deuten Sie ihm an, wir haetten uns bei dem Kriegsrat in Trachenberg von den Monarchen zusichern lassen, gegebenenfalls und insbesondere bei gemeinsamen Unternehmungen auch ueber ihn und seine Armee den Oberbefehl zu fuehren." Der Adjutant machte sich eiligst Notizen. "Es ist an der Zeit, mit der Legende aufzuraeumen, ein ehemaliger Marschall von Frankreich waere gerade gut genug, in Deutschland ein subalternes Kommando zu fuehren! Wozu hat man mich wohl gebeten? Man ueberhaeuft mich mit Komplimenten - man macht mir Versprechungen - der Kaiser Alexander selbst wurde nicht muede, zu betonen, er haette mit mir die Strategie Napoleons in die Dienste der Verbuendeten gestellt! - Nun, er hat nicht zu sehr danebengegriffen. Aber wem gab man den Oberbefehl? - Mir etwa? Nein, dem Fuersten Schwarzenberg! Wer ist Fuerst Schwarzenberg? Auf welchem Schlachtfelde wurde sein Name bekannt und beruehmt? Auf keinem, wo ich mitgekaempft habe. Und wo habe ich nicht mitgekaempft? Wer gab bei Austerlitz die Entscheidung? Wer bei Wagram - und das in solchem Masse, dass Napoleon vor Neid fast platzte und sich zu Unbesonnenheiten mir gegenueber hinreissen liess, um mir die Palme des Sieges zu entreissen. Nun hat man mich - und laesst mich eine zweite - eine dritte Rolle spielen, und verspielt so das Ganze. Sie werden es sehen. Napoleon wird den Leuten ein Schnippchen schlagen. Und wenn nicht - dann haben sie's meiner Vorsicht zu verdanken, die ihm stets zu entschluepfen wusste. Napoleon weiss schon, was er an mir hat! Er weiss mich als Feind einzuschaetzen. Er wird auf mich wuetend sein! Er wird darauf brennen, vor allem mich zu vernichten, weil ohne mich die anderen ihm dann auf Gnade und Ungnade ausgeliefert sein werden! Ich huete mich aber, mich seinen Keulenschlaegen auszusetzen. Den billigen Triumph soll er nicht haben. Wie koennte ich ihm auch standhalten? Was fuer Truppen hat man mir dazu gegeben? _Mon dieu!_ Einen Bernadotte nimmt man zum Oberkommandierenden - und gibt ihm derartiges Gesindel in die Hand! Diese preussische Landwehr, wie sieht sie nur aus! Was fuer eine Ausruestung, welche Gesichter, welche plumpen Bewegungen, welche Ungeschicklichkeit! Kein Griff, der sitzt - kein Elan, gar nichts! Die reinen Barbaren! Und meine lieben Schweden - nun - nichts fuer ungut. Oberst, geben Sie's nur zu - mit den Grenadieren Napoleons sich messen zu wollen, ist eigentlich eine Arroganz von Ihnen! Brave, liebe Leute, meine neuen Landeskinder, ich gebe es zu! Aber was soll es heissen, dass man in Schweden so besorgt tat, als sie ausrueckten. 'Opfern fuer fremde Interessen', sagt man! _Mon dieu!_ Ich werde diese Raritaeten von Soldaten dem schwedischen Vaterlande ganz unbeschaedigt zurueckgeben! Man kann unbesorgt sein. Ich werde sie wie meinen Augapfel hueten! 'Fuer fremde Interessen'?! Weiss man denn nicht, dass meine Teilnahme am Krieg den Schweden Norwegen einbringen wird? Oder traut man mir nicht einmal das zu? Glaubt man in Schweden an das alberne Geruecht, die Schweden sollten bluten, damit ich Kaiser der Franzosen werde, wenn Napoleon abgetan ist? Es ist wahr, die Franzosen lieben mich! Sie waeren schon imstande, mich - - - Waere Napoleon nicht aus Aegypten zurueckgekommen - waere er damals nicht den Englaendern entschluepft -, wer weiss, was geschehen waere?! Wer weiss, wie die Welt heute aussehen wuerde, wenn statt ihm - ein anderer - ich zum Beispiel, in den Tuilerien residieren wuerde?! Nun, morgen ist auch noch ein Tag. Und wenn die Franzosen es mir nicht zu sehr veruebeln, dass ich am Kriege gegen sie teilgenommen habe, dann - - Schliesslich, ich tu' ihnen ja nicht weh. Aber man kennt die Treibereien der Demagogen! - Es koennte gegen mich ausgenuetzt werden fuer den Fall, dass man mich - - - Wenn sie aber _trotzdem_ der Stimme ihres Herzens folgen, das stets fuer mich schlug - wenn sie mich binnen kurzem zum Nachfolger Napoleons ausrufen, dann werde ich meine Pflicht tun - _meine Pflicht_, Oberst! Gewiss - ich _kenne_ meine Pflicht gegen die Schweden! Ein braves, ein treues Volk! Aber eine drollige Sprache! 'Giff mik - - _un baiser_' - wie heisst das nun wieder: _un baiser_? - 'En schiss' - danke lieber Oberst - 'en schiss' - _mon dieu_, man zerbricht sich fast den Mund dabei! Es klingt ja beinahe wie Deutsch - ebenso unmoeglich zu prononcieren, ebenso guttural! Eine Sprache fuer die Wilden! Man muesste eigentlich bei euch in Schweden die franzoesische Sprache einfuehren! Glauben Sie, Oberst, die veredelt die Manieren! Die wuerde euch Schweden gut zu Gesicht stehen! Nun, wer weiss, was noch kommen kann, wenn man mich _nicht_ - - - Denn _wenn_ man mich zum Kaiser der Franzosen waehlt - es gibt eine Pflicht, Oberst, die alle anderen Pflichten in den Hintergrund stellt, und das ist die Pflicht gegen die Menschheit. Und meine Wahl waere: der ewige Friede und also ein Segen fuer die ganze Menschheit. Das kaeme dann auch den Schweden zugute - und weit mehr, als wenn ich meine aufs Grosse gerichtete Kraft darauf verschwenden muesste, nur ihr kleines Land zu regieren. Schliesslich kann man sich auch in Schweden vertreten lassen -, oder die beiden Laender enger aneinanderschliessen. Sie werden's sehen, es wird noch kommen, man wird noch in Schweden Franzoesisch sprechen! - Also, heute gehen wir ueber die Elbe zurueck. Sie meinen, wir haetten ebenso gern gleich drueben bleiben koennen? Gewiss! Ich war niemals fuer dies Abenteuer. Ich habe es kommen sehen, dass wir zurueck muessten! Immerhin, ich habe dem alten Haudegen Bluecher gezeigt, wie man so etwas macht! Er hat bluten muessen, als er bei Wartenburg ueberging. - - Wieviel sagten Sie? - Zweitausend Tote?! Das ist viel! Das ist ungeschickt! Ich habe bei meinem Uebergang keinen einzigen Toten gehabt - keinen einzigen! Eben weil ich die Gelegenheit besser wahrnahm und erst ueber den Fluss ging, als der Feind mit Bluecher beschaeftigt war und nichts davon merkte. Wer zuerst kommt, auf den stuerzt sich die Meute, an ihm beissen sich eben die Hunde fest! Der gute Bluecher glaubt sich mir ueberlegen, er treibt mich gar an! Er denkt, er koenne mit seiner Feldherrnkunst die meine duepieren? Dabei hat er schon einmal in mir seinen Meister gefunden! Sie wissen: in Ratkau, wo er vor mir kapitulieren musste! Er wird es nochmals erleben! Er wird sich wundern, wenn ich heute die Karten aufdecke und ihm zeige, dass er eigentlich unter meinem Befehl steht und mir zu gehorchen hat! Er wird fluchen! Ha, ha, ha! Er ist ein Grobian, ein ungeschlachter alter Landsknecht, ein unmanierlicher Barbar! Nun, er ist eben ein Deutscher! Apropos - ihr Schweden seid doch auch halb deutsch! Wie kann man nur? _Ridicule!_ Und eure Sprache auch! Wie hiess es nun wieder: _donnez moi_ - 'giff mik un giss' - un giss! Wie drollig! Wie laecherlich!" So plapperte Seine neugebackene Koenigliche Hoheit mit der Selbstgefaelligkeit eines Papageien weiter und imponierte seinem Adjutanten und nicht zum mindesten seinem Kammerdiener mit seiner Zungengelaeufigkeit, die, wie sooft bei seinen Landsleuten, ersetzen musste, was ihm an Geist abging. Als aber der Kammerdiener ans Barbieren kam, da stand das kronprinzliche Mundwerk endlich so lange still, dass der Adjutant seine Meldung abstatten und mitteilen konnte: der englische Bevollmaechtigte, General Stewart, widerriete auf das bestimmteste einem Rueckzug ueber die Elbe. _Wenn_ ueberhaupt zurueckgegangen werden muesste, da waere der General Stewart dafuer, dann lieber ueber die Mulde, ja sogar bis hinter die Saale -, ueberhaupt nach Suedosten auszuweichen, wie es Bluecher vorgeschlagen hatte, um die Verbindung mit der aus Boehmen vorbrechenden Hauptarmee zu suchen und die Rueckzugslinien Napoleons auf Weissenfels und Erfurt zu bedrohen. Der Kronprinz hoerte gelassen zu, liess sich einseifen und antwortete mit keinem Wort. Er gedachte der Subsidien, die ihm England zahlte, und die wohl dessen Bevollmaechtigten berechtigten, ein Wort mitzureden. Als aber dann ein zweiter Adjutant mit der Meldung hereinkam, die Franzosen haetten seine Schiffsbruecken bei Aken und Rosslau zerstoert, da atmete der Kronprinz erleichtert auf. Denn nun musste er links der Elbe bleiben, ob er wollte oder nicht! Die Sache war entschieden. Der Englaender hatte seinen Willen, und selbst brauchte er, dank dem Feinde, keinen Entschluss zu fassen. So trieb man die Weltgeschichte entschieden am besten und bequemsten. Man liess ihr ihren Lauf, trieb selbst mit und vertraute dabei seinem Glueck und seiner angeborenen Faehigkeit, an die Oberflaeche zu kommen und sich dort zu behaupten. Und wurde so ein Auserwaehlter von Gottes Gnaden. * "Ein Faehnrich zog in den Kri-ieg - widibum fallera, juchheirassa, ein Faehnrich zog in den Kri-ieg, wer weiss, ob er wiederkehrt, wer weiss, ob er wiederkehrt! Er liebt ein schwarzbraunes Maedchen, widibum fallera, juchheirassa, - er liebt ein schwarzbraunes Maedchen, das bitterlich um ihn weint, das bitterlich um ihn weint!" So sang man an einem der vielen Biwakfeuer des Yorckschen Korps vor Moeckern. Und weiter gen Wiederitzsch zu antwortete es von den Lagerfeuern der Russen, die sich dort aneinanderreihten, in langgezogenen melancholischen Toenen. "Matjuschka-a babu-usch-ka - -", klagte da ein schmelzender Tenor das ewige alte Russenlied vom roten Sarafan, an dem die Mutter nicht mehr naehen soll, waehrend oben auf der Anhoehe die Silhouetten weithosiger, bebluster Taenzer zu den Toenen der Balalaika sich gespenstisch hin und her drehten, bald an dem flammenden Feuer vorbeihuschten, bald ins Halbdunkel hineinhuepften, um gleich wieder zum Vorschein zu kommen, die Haende in die Hueften gestemmt, die Hacken zusammengeschlagen, die Knie gebeugt, und dann bald nach links, bald nach rechts heraus auf den Hacken gerutscht, hochgeschossen, rundgeschnurrt und wieder in die Finsternis hineingehuepft. Ein dumpfes Geraeusch von ferne rollenden Raedern, ein aufbrausendes und wieder abnehmendes Stimmengewirr, Kommandorufe, Hoernerklang, Trommelschlag und Pferdegetrappel verrieten, dass irgendwo bei Freund oder Feind im Schutze der Nacht noch Truppenbewegungen vorgenommen wurden. Klagen, Hilferufe, Jammern und Schmerzensgestoehn wurden ueberall laut, um wieder zu verstummen. Hier und da ein ploetzlicher Flintenschuss - ein Verwundeter, der seinen Qualen ein Ende machte, oder ein schnelles Gericht ueber einen auf frischer Tat ertappten Leichenpluenderer. - Es war ein blutiger Tag gewesen. Yorck und seine Tapferen hatten wieder die Hauptarbeit machen muessen. Der alte Isegrim hatte geflucht und genoergelt wie immer und die Anordnungen des Hauptquartiers bekrittelt, dann aber seinen Mann gestellt. Und wen er mit eisernem Griff packte, der blieb oder kam zerzaust davon, dass er fuer weitere Kaempfe kaum noch in Betracht kam. Jetzt ruhte der Kampf. Einzelne Lichter bewegten sich langsam hin und her ueber das Schlachtfeld, hielten an und kehrten in die Richtung, aus der sie gekommen waren, zurueck. Und wo sie anhielten, erhob sich das klagende Gestoehn zu neuer Staerke, und die Hilferufe wurden wieder laut. Sie galten den Militaeraerzten, die die Verwundeten aufsuchten, aber bei der reichen Ernte, die heute der Tod gehalten hatte, nur den wenigsten helfen konnten. Ringsherum, soweit das Auge blicken konnte, flammte Feuer an Feuer der biwakierenden Truppen. Zaeune, Obstbaeume, die Haeuser der Doerfer, ueberhaupt alles Brennbare in der Umgegend, musste herhalten, um die vielen Tausende von Feuern zu naehren, an denen die Soldaten all der Voelker, die hier zusammengestroemt waren, um sich gegenseitig zu vernichten, ihre armseligen Sueppchen kochten und ihre von den Strapazen der Maersche steifen Glieder gegen die Kaelte der Oktobernacht zu schuetzen suchten. Schatten huschten ueberall hin und her durch die Nacht, tauchten hervor aus dem Dunkel, von dem Licht eines ploetzlich aufflammenden Wachtfeuers gefasst, duckten sich jaeh und schwanden, um bald wieder anderswo zum Vorschein zu kommen. Bald waren es Marodeure, Pluenderer, Leichenfledderer, die sich an die Gefallenen heranmachten und, wo der Tod nicht rasch genug fuer ihre Beutegier gewesen war, mit dem Gnadenstoss nachhalfen - bald waren es Ueberlaeufer der franzoesischen Armee - meistens Rheinbuendler, die das Vertrauen zu dem Glueck Napoleons zu verlieren anfingen und nun zu den Gegnern hinueberschlichen mit begierig empfangenen Nachrichten ueber Truppenzahl, Munition und Proviantvorraete und mit der Versicherung, dass die deutschen Hilfsvoelker Napoleons bereits entschlossen waeren, regimenterweise ueberzugehen, wenn noch weitergekaempft werden wuerde. Dass Napoleon an den Rueckzug dachte, wussten sie alle, und auch, dass er's nicht tat, sondern sich bis zum letzten Atemzug schlagen wollte. Die Stadt Leipzig hob ihre dunkle Masse gespenstig aus dem Ring von Wachtfeuern heraus, der sich um sie herumschlang und deren Widerschein roetlich auf dem mit Wolken bedeckten Himmel lag. Von den Tuermen der Stadt flammten einzelne Lichter auf, sonst war alles dunkel, und nur ein gedaempftes Geraeusch zeugte von dem Leben, das sich noch drinnen bewegte. Dicht an der Ziegelei im Dorfe Moeckern an der Elster loderte und flammte ein grosses Biwakfeuer. Alles schlief drum herum, nur ein einzelner Schatten ging langsam auf und ab. Eine kleine Truppe von Reitern trabte heran. Ihr Fuehrer sprang vom Pferde, trat auf den Schatten zu und salutierte. "Melde gehorsamst: Graf Henckell von den westpreussischen Dragonern, kommandiert, das Hauptquartier zu decken! Haben Exzellenz besondere Befehle?" Yorck, denn er war es, schuettelte den Kopf. Der Rittmeister wollte sich eben entfernen, als Yorck ihn wieder heranwinkte. "Haben den Feind tuechtig zerzaust heute." "Es war ein glaenzender Sieg, Exzellenz! Aber - es hat viel Blut gekostet - viel Blut!" Yorck schwieg eine Weile und blickte verbissen ins Feuer. Dann wandte er sich wieder dem jungen Offizier zu. "Bringt Er mir Rapporte?" "Ich habe allerdings hier und dort herumgefragt -", fing der Rittmeister zoegernd an. "Nun?" "Dreiundfuenfzig Geschuetze, zweitausend Gefangene genommen!" "Weiss ich schon!" "Die Mecklenburger haben einen Vogel erobert!" "Der Adler wurde mir gemeldet, die genommenen Fahnen auch! Die Verluste aber noch nicht ganz. Weiss Er schon Genaues?" Der Rittmeister schwieg und blickte zur Seite. "Rede Er!" kam es scharf von Yorck. "Zu Befehl, Exzellenz! - Es waren alles Helden!" sagte er dann leise, und seine Lippen bebten. Yorck nahm den Hut ab. "Der Herr sei ihnen gnaedig", sagte er und faltete die Haende. "Wie viele?" fragte er dann. "Von der Mannschaft fehlt der dritte Teil!" Yorck zuckte zusammen. "Ich hab's nicht vermeiden koennen", sagte er. "Es hat sein muessen! Weiter?" "Saemtliche Regimentskommandeure sind fort. Achtundzwanzig Stabsoffiziere - -" "Namen nennen!" Der Rittmeister las aus seinem Notizbuch vor: "Von der Landwehr: Rekowsky, Thiel, Graf Wedell. Dann: General Steinmetz, Major Hiller, Losthin, Maltzahn, Kossecki, Major Mumm, Major Leslie, Oberst Borcke, Major Goetze, Othegraven, Krosigk -" "Genug!" "Fast alle Hauptleute fehlen - die Leutnants fuehren die Bataillone -" "Der Tod hat reiche Ernte gehalten", sagte Yorck und fletschte ploetzlich die Zaehne. "Ja, ja!" setzte er schneidend hinzu, und ein grimmiges Laecheln flog ueber seine verwitterten Zuege, "die Leute, die Er mir da genannt hat, das waren eben - die 'Feiglinge' von Jena!" "Herr General!" Der Rittmeister stand aufrecht vor ihm und blickte ihn flammend an. "Nun," sagte Yorck, "Er hat's doch auch vor sieben Jahren miterlebt, wie nach Jena auf uns preussische Offiziere geschimpft wurde! Kein gutes Haar liess man mehr an uns - kein Wort war schimpflich genug, um unsere Feigheit und Wuerdelosigkeit zu bezeichnen. Und wer schimpfte? Nun, eben jene braven Buergersleute, die am Brandenburger Tor Napoleon die Schuhsohlen leckten und nachher nicht schnell genug nach dem Schloss vorauseilen konnten, um ihn dort nochmals ebenso unterwuerfig zu empfangen. Wer schimpfte aber auf die? Wer sagte auch nur ein boeses Wort, als jene Speichellecker dem Sieger zuliebe ihre sogenannten 'Nationalgarden' errichteten, damit er keine Garnisonen in den Staedten zu halten brauchte? Wer entruestete sich darueber, dass jene Garden ihm halfen, die Kontributionen einzutreiben, oder weil die Soehne der reicheren Buergersleute sich in gruengoldene Uniformen steckten, um als berittene Boten und Dolmetscher bei den franzoesischen Kommandanten Dienst zu tun? Sagte einer auch nur ein Wort darueber, dass unsere Beamten waehrend der Okkupation brav und bieder weiteramtierten, als sei Napoleon ihr rechtmaessiger Herrscher, und ihm halfen, die Einnahmequellen des Staates aufzufinden? Nein. Aber die preussischen Offiziere, die mussten ihre Haut lassen. Nun - heute haben sie das besorgt, wenn auch nicht als Suendenboecke, und den Herrn Napoleon haben sie bedient - aber in anderer Weise, so wie's deutschen Maennern ziemt. Und wenn sie's damals vor Jena und Auerstedt nicht so gut taten - Henckell - ich sag's Ihm ganz offen - dann lag's eben an unserer hundsmiserablen, rueckenmarkslosen Regierung, die wir hatten und noch haben, und die nicht regiert, sondern sich mit dem Strom treiben laesst. Na, heute haben nicht die Franzosen, sondern wir Soldaten sie ins Schlepptau genommen, und sie muss mit dahin, wo das Heil des Volkes zu finden ist. Aber es ist ein saures Stueck Arbeit." Er schwieg. Er dachte an den Tag von Tauroggen, auf den er mit gerechtem Stolz zurueckblicken konnte - dachte an des Koenigs Wut, weil in "seinen" Landen jemand gewagt hatte, einen Entschluss zu fassen und zur Tat werden zu lassen, wo _er_ selbst es nicht wagte! Er dachte an seine Absetzung und Stellung vor ein Kriegsgericht, von der er nur durch die Zeitungen erfuhr, weil die Russen, mit denen er paktiert hatte, die koeniglichen Kuriere abfingen und zurueckhielten, so dass er sich um jene Kabinettsorder nicht zu kuemmern brauchte. Bis der Koenig nicht mehr zu bremsen wagte, weil er sah und sich sagen musste: "Das ganze Volk steht auf und fegt dich fort, wenn du jetzt nicht mitgehst!" Da appellierte er "an sein Volk", das laengst ohne das in Bewegung gekommen war! Und sein Volk vergass und gab sein Letztes: Besitz, Blut, Leben, alles her! An all das dachte der alte Isegrim wieder einmal und mit besonderer Genugtuung, wie immer. "An der Regierung liegt's", sagte er dann nochmals mit Nachdruck. "Und ueber ihr Haupt kommt all das Blut, das in diesem Kriege unnuetz vergossen wird! Diese ganze Schlaechterei jetzt waere ueberfluessig gewesen, und mancher brave Mann haette zum Besten des Vaterlandes noch lange leben koennen, wenn die Regierung ihre Pflicht getan und sich zur rechten Zeit zur Tat aufgerafft haette! Wie haben wir anderen im vorigen Jahr, als die Truemmer der grossen franzoesischen Armee durchs Land zogen, beim Koenig und beim Staatskanzler Hardenberg gebettelt. 'Lasst doch die Marschaelle und die paar tausend Offiziere aufgreifen, lasst sie festsetzen! Das ist jetzt mit Leichtigkeit und ohne Blutvergiessen zu machen!' So haben wir gebeten. Aber nein - da musste gleich nobel getan und mit Anstand und Menschenliebe geprahlt werden. Die Leute wurden gefuettert, gepflegt, gekleidet, Geld und Vorspann wurde ihnen geliefert, damit sie heil und munter in ihr Land zurueckkehren koennten, um dort gleich ihrem Kaiser zu helfen, eine Armee gegen uns auf die Beine zu stellen. Das haette er aber nie und nimmer gekonnt, waeren unsere Regierenden nicht solche Schlappschwaenze gewesen! Nun muessen die Besten unter uns bluten, um das wieder gutzumachen. Und was dem Koenig dann zum Regieren uebrigbleibt, das sind eben jene Biederen, die Napoleon so brav die Schuhsohlen zu lecken wussten! Wenn ich aber entscheiden muesste, was uns mehr unnuetz vergossenes Blut gekostet hat, unsere liebe Regierung oder die uebergeniale Leitung, die wir hier in der Schlesischen Armee haben, und die sich heute wieder so verflucht gescheit bewaehrt hat, dass wir bald alle draufgegangen waeren - ich wuesste nicht, wem ich den Preis zusprechen muesste!" Und dann zog er gegen Gneisenau los, in dem er die Wurzel alles Uebels sah, und ueber Bluecher, der jenen gewaehren liess. Die ewigen Hin- und Hermaersche seit dem Elbuebergang bei Wartenburg, erst mit Gewaltmaerschen auf Leipzig zu - dann zurueck nach der Mulde, als Napoleon folgte, und hinter die Saale, als jener gar bis Dueben vordrang! Alles nur unnuetzes Leuteschinden! Die Schlesische Armee musste so, nur wegen der Unruhe Bluechers, hin und her wie das Schifflein im Webstuhl, und zog ausserdem die ganze Hauptmacht Napoleons auf sich, weil der Kronprinz von Schweden nur eine Stunde taeglich marschieren wollte, und die Hauptarmee im Schneckentempo sich ueber die boehmischen Berge nach Sachsen hineinschob. Als die sich dann endlich Leipzig so weit wie bis Liebertwolkwitz genaehert und die Reitermassen Murats von dort bis auf die Stadt zurueckgeworfen hatte, so dass Napoleon eiligst zum Entsatz zurueck nach Leipzig musste und von Bluecher abliess, da goennte dieser seinen Leuten nicht die so sehr noetige Ruhe, da ging's gleich in Eilmaerschen hinter Napoleon her und sofort in den Kampf, kaum dass man sich ein wenig verpusten und abkochen konnte! Wobei Bernadotte, wie immer, sein Bestes tat, um mit der Nordarmee nicht zu frueh zur Stelle zu sein, um helfen zu koennen. "Unsere geniale Fuehrung hatte eben so verdreht rekognosziert, dass alles bald schief gegangen waere - waere nicht der preussische Soldat eben der preussische Soldat gewesen!" Und er schimpfte auf Bluecher los. Der hatte sich natuerlich in den Kopf gesetzt, dass der Feind von Osten ueber das Plateau von Breitenfeld angreifen wuerde, statt aus dem Sueden von Leipzig aus, wie er's auch nachher wirklich tat. Er stellte also die ganze Armee mit der Front gen Osten auf, wobei das Yorcksche Korps den Feind an der rechten Flanke zu fuehlen bekam, rechts drehen musste und vom Korps Langeron abkam, das in der alten Richtung gegen die paar Feinde, die dort standen, weiter vorging. Da das Korps Sacken als Reserve zurueckgeblieben war, musste also Yorck allein den Hauptkampf ausfechten. Das ganze Korps des Marschalls Marmont stand da um und hinter dem an der Elster liegenden Dorfe Moeckern als Gegner und verteidigte seine Stellung mit der aeussersten Hartnaeckigkeit. Um jedes Haus, um jedes Gehoeft wurde Mann gegen Mann gekaempft, die Landwehrleute schlugen mit dem Kolben drein, das Dorf wurde wiederholt erobert und ebensooft verloren, die feindliche Artillerie warf ganze Reihen von den Angreifern nieder. Yorcks Brigaden schmolzen hin wie Schnee an der Sonne. Aber er liess nicht locker, wo er einmal angefangen hatte. Als er seine letzten Infanteriereserven verbraucht hatte, gab er endlich der Kavallerie Befehl zur Attacke. Mit lautem Hurra und Trompetengeschmetter sausten dann die brandenburgischen Husaren unter Major Sohr in den Pulverqualm hinein, die brandenburgischen Ulanen folgten, die litauischen Dragoner unter dem Grafen Henckell ebenso, und dann alles, was noch an Kavallerie da war. Mit verhaengten Zuegeln ging es auf die feindliche Stellung los, zwischen die Batterien hinein, die Artilleristen wurden umgeritten und niedergesaebelt, die Karrees zusammengehauen, und alles, was noch Leben und Atem hatte, in wilder Flucht und immer zunehmender Aufloesung vor den Pferden hergetrieben. Alles, was Yorck noch an Truppen verfuegbar hatte, liess er jetzt zur Verfolgung vorruecken. Die Tamboure schlugen den Sturmmarsch, und Ostpreussen, Schlesier, Mecklenburger und Brandenburger taten ihr Bestes, um die Niederlage des Feindes so vernichtend wie moeglich zu gestalten. "Das sind alles die 'Feiglinge' von Jena gewesen!" sagte Yorck noch einmal, als er mit dem jungen Rittmeister die Einzelheiten des Kampfes durchgesprochen hatte. "Aber noch so'n Tanz, und ich habe keine Leute mehr! Mancher Mutter Sohn hat heute die Erde kuessen muessen! Zu viele waren's, - - zu viele!" "Dafuer soll das Korps nun auch Ruhe haben!" antwortete der Rittmeister, und meldete zugleich, dass das Korps Yorck am naechsten Tag nach Wahren zurueckkehren sollte, um sich da neu zu formieren, und dass die Russen unter Sacken dafuer in die Schlachtlinie einruecken wuerden. "Der Teufel auch!" rief Yorck zornig. "Das Schlachtfeld, das wir gegen den Feind behauptet haben, behaupten wir auch gegen die Freunde. Das werden wir wohl den Russen ueberlassen?! Nimmermehr!" Der Rittmeister erwiderte, er haette selbst Gneisenau die Disposition diktieren hoeren. Wobei Yorck in Wut kam und eine ganze Reihe von Grobheiten gegen Gneisenau losliess, von dem das wieder nichts als bodenlose Niedertracht waere. Da klang von einem der Biwakfeuer das alte Lied: "Nun danket alle Gott!" Am naechsten Feuer wurde der Gesang aufgenommen und pflanzte sich so weiter von Feuer zu Feuer ueber das ganze blutgetraenkte Feld, bis es, von Tausenden von Stimmen getragen, gewaltig anschwoll, in machtvollen Klaengen alle anderen Geraeusche verschlang, wieder abnahm, in sich zusammensank und verstummte. Yorck hatte seinen Hut abgenommen und stand da, still, gebeugten Hauptes, und lauschte auf das Lied, bis es aufhoerte. Dann sprach er seinen alten Lieblingsspruch leise vor sich hin: "Anfang, Mitte und Ende, Herr Gott zum besten wende!", setzte seinen Hut auf und verabschiedete den jungen Rittmeister mit dem kurzen Befehl: "So, nun gehe Er an seinen Dienst!" Auf einem anderen Platz des Schlachtfeldes stand noch jemand mit entbloesstem Haupt und sang das Danklied mit. Es war Bluecher. Waehrend seine Generalstabsoffiziere die Schreibarbeit versahen und die Dispositionen fuer den naechsten Tag ausfertigen, waehrend Isegrim schimpfte und noergelte, machte er praktische Arbeit und legte selbst Hand an die Bergung und Unterbringung der Verwundeten. Jedes Leben, das er hier noch retten koennte, wuerde er hueten wie eine grosse Kostbarkeit. Seine Tapferen hatten durch ihren Heldenmut heute vielleicht das Zuenglein der Wage auf Sieg gerueckt, und nichts waere zu kostbar, um das zu lohnen. Denn, er fuehlte es, er war zur rechten Zeit mit ihnen hergekommen. Drueben, jenseits Leipzigs, hatte es den ganzen Tag gewaltig gedonnert. Bei der Schlamperei der Hauptarmee und mit der ganzen Hauptmacht Napoleons gegen sich, hatte man wohl dort keinen entscheidenden Erfolg errungen. Aber auch keine Niederlage erleiden koennen, nachdem es Bluecher gelungen war, hier bei Moeckern Marmont festzuhalten und ihn daran zu hindern, zur Unterstuetzung zu eilen. Waere nur die Kronprinzenarmee zur rechten Zeit hier eingetroffen! Haette Bernadotte nur seine Pflicht getan - da waere es moeglich gewesen, auch die beiden russischen Korps der Schlesischen Armee bei Moeckern einzusetzen, statt sie nur als Sicherung gegen moegliche Ueberraschungen aus der linken Flanke aufzustellen! Dann haetten seine Preussen sich nicht verbluten muessen! "Kinder, wer heute abend nicht tot oder wonnetrunken ist, der hat sich geschlagen wie ein Hundsfott!" hatte er vor Beginn der Schlacht seinen Leuten zugerufen. Und sie hatten sich wie Helden geschlagen. Manch sangesfroher Mund war verstummt fuer immer. Aber die noch da waren, sangen um so froher. Waehrend des Gesanges war alles still geblieben. Auch ein paar Leute, die auf einer aus zusammengelegten Gewehren zurechtgemachten Bahre einen verwundeten Husaren trugen, blieben gerade vor Bluecher stehen, setzten ihre Buerde ab, entbloessten ihre Haeupter und sangen mit. Bluecher blickte hin. Es war ein Graubart wie er selbst. Er lag da in der Uniform der schwarzen Husaren, unbeweglich ausgestreckt, und stoehnte leise. Bluecher ging hin, legte seine Hand auf den Arm des Verwundeten und fragte nach seinem Befinden und seinem Namen. "Krause! Auch frueher bei den Bellingschen gedient!" "Der Tausend auch! Da sind wir wohl alte Kriegskameraden?" "Zu Befehl, Exzellenz! Ich war's ja - der damals - am Kavelpass - Exzellenz wissen wohl noch -?" Bluecher schmunzelte. "Ob ich's noch erinnere! Du warst es also, der mich gefangennahm?! - Sieh nur! Das war gescheit von dir! Da hast du mir einen grossen Gefallen getan, mein Sohn! Dafuer sollst du auch heute in meinem Bett schlafen! Ich geb's dir ab. - Krause also?! Frueher hiesst du wohl anders! - Ich meine, das letztemal, als wir von jener Begebenheit miteinander sprachen, da war dein Name - -? Nun, gleichviel, wie er war! Du bist ein Husar, du hast dich brav geschlagen - sollst es denn auch genau so gut haben wie dein General! Tragt ihn in mein eigenes Quartier, Kinder!" Die Traeger griffen zu. Als sie aber die Bahre hoben, setzte sich der Verwundete mit Aufbietung seiner letzten Kraft auf, starrte Bluecher gross an, seine Lippen bewegten sich, suchten nach Worten, das ganze Gesicht arbeitete in Angst. Schliesslich gelang es ihm. "Es ist wahr - ich _war_'s - ich -" Und dann sank er zurueck, der Kopf fiel hintenueber, die Augen quollen vor, ein blutiger Schaum trat auf die Lippen. "Der Tausend!" sagte Bluecher ergriffen. "Kaum finde ich meinen Solofaenger wieder - da ist er hin! Hattest du es aber eilig, mein Sohn!" Er beugte sich ueber den Toten und legte die Hand auf seine Stirn. An den Wachtfeuern der Russen ging der Tanz weiter. Und drueben stieg der letzte Vers vom Faehnrich, der in den Krieg zog: "Am Grab sang dann eine Nachtigall: widibum fallera, juchheirassa! Am Grab sang dann eine Nachtigall ob seiner Tapferkeit - ob seiner Tapferkeit!" - * "Der Kerl denkt, weil er mich einmal bei Luebeck zur Kapitulation brachte, wird er's jetzt immer wieder tun! Der Teufel auch!" fluchte Bluecher und peitschte sein Pferd vorwaerts, dass seine Begleiter, Prinz Wilhelm und Major Ruehle von Lilienstern, kaum folgen konnten. "Dem Faultier werde ich schon zeigen, wo Koenig David sein Bier holte! Ich werde dem Monsieur Polka tanzen lernen, dass es nur so eine Art hat! _Den_ Kerl haben die hohen Herren zum Kriegsrat in Trachenberg berufen und mit ihm den ganzen Kriegsplan beraten - mit mir nicht! Dazu war ich ihnen nicht gut genug! Aber zum Eseltreiber - hol's der Teufel!" In vollem Trabe langten die Reiter in Breitenfeld, noerdlich von Leipzig, an. Auf dem hoechsten Punkt des sanft gewellten Gelaendes hielten zwei andere Reiter in glaenzenden Uniformen, mit blaugelben Straussfedern an den Hueten. Es waren Bernadotte und sein Adjutant. Sie waren nicht etwa damit beschaeftigt, das Terrain fuer den Aufmarsch auf das Schlachtfeld um Leipzig zu untersuchen. Der Kronprinz, der nun auch schwedische Geschichte lernen musste, liess sich ueber die beruehmte Schlacht Vortrag halten, die Gustav Adolf einmal, waehrend des Dreissigjaehrigen Krieges, dem General Tilly auf eben diesem Boden geliefert hatte. Sie waren eben damit so weit gediehen, dass die Sachsen, auf dem linken Fluegel der schwedischen Aufstellung, vor dem Stoss der Wallonen Tillys in wilder Flucht davongejagt waren; die Finnen unter Horn, die blauen und gelben Regimenter unter des Koenigs eigener Fuehrung stuermten gerade gegen die Anhoehe hier oben an, von wo die schwere Artillerie Tillys Tod und Verderben in die Reihen der Schweden saete - das Schlachtenglueck wandte sich eben den Schweden zu, die Worte des Adjutanten wurden immer hochtrabender, die Luft war von "Siegesfahnen schwuel" - da galoppierte gerade Bluecher mit seinen Begleitern in die Geschichte hinein und warf die Forderungen des Tages in die Bresche - die glorreichen Gestalten der Weltgeschichte verblassten vor den blut- und lebenstrotzenden der Gegenwart und wurden schmaehlich in die Flucht geschlagen - Klios Griffel sank - die Muse der Geschichte verhuellte ihr Haupt - kurz: der Adjutant hielt sein Maul, und Mars beherrschte in Bluechers Person die Stunde. Bluecher hielt, atemlos von dem schnellen Ritt, vor Bernadotte, sagte: "_Bon jour!_" und: "Wie geht's?" trocknete sich den Schweiss aus der Stirn, winkte Major Ruehle schnell naeher und schrie ihm mit heiserer Stimme zu: "Sagen Sie ihm, dass es hoechste Zeit ist - hoechste Zeit!" "_Qu'est-ce qu'il dit?_" fragte Bernadotte etwas nervoes wegen der unerwarteten Unterbrechung seiner Geschichtsstudien. "Sagen Sie ihm, es ist die hoechste Zeit!" schrie Bluecher noch kratzbuerstiger. "Er soll seiner Armee Marschbefehl geben! Er soll sofort ueber die Parthe gehen und auf den Feind einhauen! Die Schlacht beginnt, wir warten schon seit Sonnabend frueh vergebens auf den Monsieur - heute ist's Montag, und er steht erst hier weit hinter uns! So'n Schneckenkriechen angesichts des Feindes war noch nicht da!" Der Major Ruehle von Lilienstern verdolmetschte die Befehle seines Obergenerals und tat es mit vielem Zartgefuehl. Er verstand es, den temperamentvollen Ausbruch Bluechers in so tadellose Form zu kleiden, dass die erstaunt gehobenen Brauen Bernadottes wieder in die normale Lage sanken. Durch eine Neigung des Kopfes gab er zu erkennen, dass er begriff. "_Un moment!_" sagte er dann und fragte, sich an seinen Adjutanten wendend: "Wo waren wir eigentlich? - Die schwere Artillerie Tillys stand also auf dieser Anhoehe? Und Gustav Adolf machte dort drueben eine Linksbewegung, um sich der drohenden Ueberfluegelung zu entziehen - _n'est-ce pas_? Er setzte sich an die Spitze seiner 'Blauen' und seiner 'Gelben' - - -" Und so liess er ungeniert die beruehmte Schlacht bei Breitenfeld im Dreissigjaehrigen Kriege weitergehen, trotz der schon mit voller Gewalt um ihn tobenden Leipziger Voelkerschlacht. Denn ein rechter Schlachtenlenker laesst sich durch nichts verblueffen und verliert niemals seine Ruhe. Bluecher, der immer noch kein Franzoesisch verstand, blickte bald Prinz Wilhelm, bald Major Ruehle an, die nur schwer ihre Munterkeit verbeissen konnten, und fragte: "Was redet er? Er spricht von Gustav Adolf! Er redet von Tilly! Was gehen die mich an? Die sind alle beide laengst vermodert! Heute heisst's Napoleon oder kein Napoleon! Und der Monsieur dort soll mir Antwort auf meine Frage geben, warum er mich im Stich laesst?! Auch eine Zumutung vom Grossen Hauptquartier, mich, der ich kein Wort Franzoesisch kann, mit einem General zusammenzukoppeln, der kein Deutsch spricht! Weder kann er mich, noch kann ich ihn kommandieren! Was mache ich nun mit dem Kerl? Auf so'ne hahnebuechene Idee konnte nur ein Franzoesling wie Knesebeck kommen!" Bernadotte unterbrach noch einmal die Schlacht bei Breitenfeld, ritt an Major Ruehle heran und fragte hoeflich nach den Wuenschen des Generals von Bluecher. Und ob ihm etwas zugestossen waere? Er waere ja so aufgeregt! Major Ruehle gab denn aus eigenem dem Kronprinzen Bescheid ueber den Anlass zum fruehen Morgenritt, naemlich: den Kronprinzen zu bewegen, mit der Nordarmee schnellstens ueber die Parthe zu gehen, oestlich von Leipzig in die Luecke zwischen der Hauptarmee und der Schlesischen Armee einzuruecken und so zu helfen den Ring um Napoleon zu schliessen und ihn dann mit aller Macht anzugreifen. Bernadotte schuettelte den Kopf. Er war mitten in der Kriegsgeschichte drin, die andere gemacht hatten. Und nun stellte man ploetzlich die Forderung an ihn: er solle selbst Geschichte machen! Geschichte _demonstrieren_, ja, damit koennte er dienen! Und damit fing er denn auch richtig an. Er wies nach, dass derartige Einkreisungsmanoever in der Geschichte selten oder niemals gelungen waeren. Sie waren in den meisten Faellen nur zum Nachteil des Angreifers ausgefallen! Und jetzt, mit einem Gegner wie Napoleon, und ohne ihm einen zweiten Napoleon entgegenstellen zu koennen, das waere aussichtslos! Dem Hannibal war das einmal bei Cannae gelungen, aber auch ihm nur das eine Mal! Und Napoleon! Der kannte dies Terrain besser als jeder andere - ja besser als die Einheimischen selbst! Der hatte, als junger Mensch, Europas Karte buchstaeblich in sich hineingefressen! Sein Gehirn trug saemtliche Berge, Fluesse und Taeler des Kontinents im Abdruck! Staedte, Flecken, Burgen, Schloesser, Wege, Defileen - alles hatte er im Kopfe! Es existierte nichts, worueber er nicht Bescheid wusste! Er war ein Genie in der Ausnuetzung aller Moeglichkeiten! Gerade da, wo man es am wenigsten erwartete, sausten seine Schlaege nieder mit der Ploetzlichkeit eines Donnerschlages! Nun, man wuerde ja sehen! "Hier, im Norden, wird er durchzubrechen suchen, wenn ich ihn recht kenne", setzte der Kronprinz seinen Vortrag fort. "Alles spricht dafuer! Er muss nach Norden debouchieren! Den Plan, auf Berlin zu gehen, hat er nur scheinbar fallenlassen! Er hat ja noch die wichtigsten Elbfestungen: Dresden, Magdeburg, Hamburg. Er hat an der Oder: Kuestrin, Stettin - hat Danzig, hat grosse Garnisonen ueberall, mit denen er sich verstaerken und unserer Herr werden kann! Er wird hier an Breitenfeld vorbei durchbrechen - und mir zugleich meine einzige Rueckzugslinie auf Stralsund abschneiden. Dem kann ich mich nicht aussetzen. Er wuerde mich einkreisen! - - Nun - mit dem Kronprinzen von Schweden wuerde er einen ganz guten Fang tun!" "Geb Gott, er naehme ihn! Wir geben ihn ihm mit Kusshand wieder!" sagte Bluecher grob, als Ruehle ihm das alles verdolmetscht hatte. Es kochte in ihm vor Wut, seine kostbare Zeit mit solchem Tratsch vertroedelt zu sehen, und er schrie noch hochrot im Gesicht vor Zorn: "Der Kronprinz denkt wohl am Ende, wir haben ihn uns kommen lassen, damit er uns den Napoleon erklaert und uns angst und bange vor ihm macht?! Herr, solche Bangbuxen haben wir ohne ihn mehr als genug. Wir brauchen nicht noch einen zu importieren! Er soll seine Pflicht tun! Er soll sich auf seinen Platz in der Schlachtordnung begeben und sich schlagen, wie's einem Mann geziemt! Basta!" Major Ruehle uebersetzte das in parlamentarische Ausdruecke und behauptete mit eiserner Stirn: der General liesse den Kronprinzen doch freundlichst bitten, seiner Armee Befehl zum Aufmarsch zu geben. Worauf Bernadotte, der sich Bluecher gegenueber in der gluecklichen Lage eines Tauben befand, der nichts zu verstehen brauchte, artig antwortete: er waere gern - und besonders seinem alten Freunde Bluecher gegenueber - gefaellig! Jedoch die Klugheit gebiete ihm, lieber hinter dem linken Fluegel der Schlesischen Armee stehenzubleiben, um Napoleon in die Flanke zu fallen, falls er hier durchbrechen sollte. "Faule Ausreden, Herr!" schrie Bluecher ihn jetzt direkt an. "Der Herr Napoleon soll eben keine Loecher zum Durchbrechen haben! Die sollen ihm verstopft werden, und dann wird er in die Pfanne gehauen! Verstanden?! In drei Teufels Namen, Ruehle, mache Er's doch dem Kerl verstaendlich! Aber woertlich und ohne Umschweife!" Das machte der Major, aber immer noch in seiner gewohnten diplomatischen Weise. Worauf Bernadotte antwortete: Es waere gescheiter, wenn Bluecher mit seiner Armee, die doch am weitesten vorn stuende, sich nach links schieben wuerde und ihm ueberliesse, mit der Nordarmee in _seine_ Stellungen einzuruecken. "Das ist 'ne Unverschaemtheit!" schrie Bluecher. "Das Schlachtfeld, das ich und meine Armee mit unserem Blute getraenkt haben, sollten wir, bloss zu seiner Bequemlichkeit, dem Laffen ueberlassen! Hol' ihn der Teufel, aber wenn er mir mit derartigem kommt, kann er noch an mir etwas erleben!" Prinz Wilhelm legte sich jetzt ins Mittel und beruhigte den Alten. Inzwischen wurde Bluechers Ablehnung ins Franzoesische uebertragen. Und in _der_ Sprache klingt ja alles viel hoeflicher und liebenswuerdiger, als es gemeint ist! Bernadotte verschloss sich nicht den guten Gruenden, die Bluecher fuer seine Ablehnung anfuehrte, und erklaerte sich schliesslich bereit, den Linksabmarsch vorzunehmen und noch heute in die Schlacht einzugreifen, wenn Bluecher ihm 30 000 Mann seiner Armee noch unterstellen wuerde. Das ganze Korps Langeron verlangte er von Bluecher zu seiner Verstaerkung. Er wollte dann gleich eine Meile flussaufwaerts gehen und bei Taucha, wo gute Bruecken waren, die Parthe ueberschreiten. "Da kommt er doch erst nachmittags an den Feind heran", rief Bluecher, sich wieder ereifernd. "Wie kann einer so saudumm sein? Geradeswegs durch den Fluss soll er! Sag's ihm doch, Ruehle! Geradeaus von hier geht sein Weg! Das weiss der Gauner ebensogut wie ich! Er will sich nur druecken! Herrgottsakra! Das ist nicht mehr Dummheit! Das ist Niedertracht! Ich werde ihm die 30 000 Mann geben! Er soll sie haben um des lieben Friedens Willen, damit er endlich aus dem Krieg Ernst macht! Ich schlage mich ebensogut mit dem Rest allein! Aber er soll zumachen! Sofort auf der Stelle vorwaerts! Das ist Bedingung! Sonst nehme ich ihm gleich meine Leute wieder fort! Bernadotte blickte fragend auf den Major. Er verstand, dass Bluecher einwilligte, aber auch, dass er schimpfte. "Der General ist so ungeduldig", bemerkte er herablassend. "Er hat's wohl eilig? Nun gut! Gehen wir gleich in mein Quartier, setzen wir auf der Stelle unsere Vereinbarung schriftlich auf!" Aus dem Sueden von Leipzig hoerte man jetzt schon Kanonendonner, und Bluecher konnte kaum noch seine Ungeduld meistern, waehrend Ruehle ihm Bernadottes Worte uebersetzte. "Schriftlich will der's auch noch?! Der Teufel auch! Es ist schon zuviel, wenn ich's ihm muendlich versprochen habe! Er soll mir den Puckel herunterrutschen!" Womit er sein Pferd herumwarf und ohne Abschied davongaloppierte. Der Prinz und Ruehle verabschiedeten sich in aller Form von Bernadotte, bestaetigten ihm Bluechers Einwilligung und setzten dann dem alten Hitzkopf nach! Bluecher hielt unterwegs ploetzlich an. "Ruehle!" rief er. "Erst befehlen Sie Langeron, sofort geradeswegs ueber die Parthe zu gehen! _Nachher_, wenn wir ihn da haben, wo wir ihn haben wollen, dann erst sagen Sie ihm, dass er heute seine Befehle vom Kronprinzen von Schweden zu nehmen hat. Dann kann uns nichts mehr passieren!" Sie ritten weiter. "Ruehle!" sagte Bluecher noch im Reiten, und ein spitzbuebisches Laecheln huschte ueber sein Gesicht. "Zu Befehl!" "Wenn Er mir den Dolmetscher macht, da nuetzt einem ja das ganze Schimpfen nichts! Ich habe schon sein Scharwenzeln bemerkt! Er ist ein Filou! Ich werde noch Franzoesisch lernen muessen. Wie heisst denn Donnerwetter auf franzoesisch - zum Donnerwetter?! Raus damit, dass ich dem Kronprinzen wenigstens _das_ direkt an den Kopf werfen kann!" "Die Franzosen haben das mit dem Donnerwetter nicht, Herr General!" "Nun, mit denen ist eben nichts los! Da wollen wir es ihnen einmal beibringen! Und nun vorwaerts!" * Es war am Montag, dem 18. Oktober 1813. Auf dem Colmberg hinter Liebertwolkwitz, suedlich von Leipzig, ging es lebhaft zu. Dort war fuer den heutigen Schlachttag der Monarchenhuegel, von dem aus die drei verbuendeten Herrscher Oesterreichs, Preussens und Russlands den Fortgang der Schlacht beobachteten, oder wie sie dachten - leiten wollten. Drei nebeneinander aufgepflanzte Standarten in den Farben der Monarchen bezeichneten den Standort der Allerhoechsten Dreieinigkeit. Adjutanten, Ordonnanzen und Stallmeister eilten hin und her und brachten Meldungen oder empfingen Weisungen. Auf kleinen Tischen lagen Karten und Bestecke ausgebreitet. Furiere und Lakaien packten die Fruehstueckskoerbe aus, entkorkten Weinflaschen und bereiteten, an rasch gemachten Feuern, den Tee. Im Hintergrund wurden die Hohen und Allerhoechsten Leibpferde hin und her gefuehrt. Ganz vorne lagen in drei bequemen, etwas auseinandergerueckten Feldstuehlen die drei Gewaltigen, von Generalstabsoffizieren aufgewartet, die den erklaerenden Text zum Schauspiel sprachen und die Befehle der Majestaeten empfingen, wenn ihnen Eingebungen von oben kamen. Ein glaenzendes Gefolge bildete den Hintergrund zur Monarchengruppe und gleichzeitig die Kulisse, hinter der die Geschaeftigkeit der niederen Dienerschaft sich ungeniert breitmachen konnte. Da waren die koeniglich-preussischen Generalmajore Freiherr von Hacke und Freiherr von Knesebeck - der k. u. k. Feldmarschalleutnant Ritter von Kutschera, der gleichfalls k. u. k. oesterreichische Oberstleutnant Graf Waldstein-Wartenberg, der unter seinen Ahnen gar einen Wallenstein hatte, die russischen Generaele Fuerst Wolkonsky und Graf Ovaroff, alles gewaltige Helden und Schlachtenlenker, die tausendmal besser wussten, wie auf dem Schlachtfeld alles gemacht werden sollte, als die, die es tatsaechlich machten. Zuletzt, aber doch nicht der Letzte im Kreise, der koeniglich-grossbritannische Generalleutnant Charles William Stewart, der geheime Drahtzieher des von England bezahlten, von ihm erlaubten und in seinem ureigensten Interesse gefuehrten Befreiungskrieges, der es mit dem Sturz Napoleons vom Alp der Kontinentalsperre befreien sollte. Der Kaiser Alexander war in den sieben Jahren seit Tilsit fuelliger geworden. Seine juenglingshafte Gestalt war einer gewissen selbstbewussten Maennlichkeit gewichen, die noch mehr vom Nimbus eines grossen Kriegshelden umstrahlt wurde, seitdem sein Glueck ihm den Sieg des russischen Winters ueber den bis dahin unbesiegten groessten Feldherrn seiner Zeit in den Schoss geworfen hatte. Er war infolgedessen, im Rate der drei Monarchen, die unbestrittene Autoritaet in allen militaerischen Dingen, deren Entscheidung fuer gewoehnlich den Ausschlag gab. Er ging heute ganz in der Betrachtung des Schauspiels auf, das sich vor ihm abspielte, uebte Kritik und gab Befehle und Anregungen. Um ihn herum war ein Kommen und Gehen, ein Gewirr von Stimmen, eine Aufregung, eine Verzueckung, alles tat, als ob ihm goettliche Offenbarungen zustroemten, und er selbst gab sich auch ungeniert und mit Grazie den Anschein, das Ganze zu leiten. Der Koenig von Preussen trug immer noch seine alte, verdriessliche, gelangweilte Miene zur Schau und schien von geheimem Aerger ueber irgend etwas Unaussprechliches geplagt zu sein. Seine Blicke glitten immer wieder musternd ueber die Uniform des neben ihm stehenden Generals von Knesebeck, zaehlten die Knoepfe an seiner Hosennaht von unten bis oben, von oben bis unten, und er genoss dabei im geheimen die Wonne toedlichen Gekraenktseins ueber die Unverschaemtheit Napoleons, ihn bei ihrem ersten Zusammentreffen auf dem Memelfluss zu fragen, ob er all die Knoepfe an seiner Hosennaht immer auf- und zuknoepfen muesste! - Nun, heute wuerde dem Korsen wohl das und so vieles andere mit Zinsen heimgezahlt werden! Kaiser Franz in weissem Uniformrock und roten Hosen, hager und vertrocknet, mit dem langweiligen nichtssagenden Gesicht eines im Staub der Akten am besten gedeihenden Kanzleimenschen, sass aufrecht im dritten Stuhl. Ihm war's nicht ganz behaglich hier draussen, mitten im Trubel grosser Geschehnisse. Ihm waere viel wohler am Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer zu Schoenbrunn, wo er nach Herzenslust Randbemerkungen und Verfuegungen in all die Gesuche um Gnadenbewilligungen hoechst eigenhaendig einzeichnen konnte. So etwas musste taeglich erledigt werden, sonst haeufte sich das an! Und kein anderer durfte das besorgen. Wer weiss, was ihm sonst an persoenlichem Tratsch verlorengehen wuerde - und jetzt unwiderbringlich verlorenging, solange er im Felde war! Die ganze Kriegfuehrung war ihm mit der Zeit herzlich gleichgueltig geworden. Es gab am Ende ja doch nur Niederlagen, wie oft man auch siegte! Nach einem Aspern immer ein Wagram! Gegen Napoleon war ja nicht aufzukommen! "Kutschera!" rief er, und setzte sich noch gerader auf, so dass die Falten in seinem graublassen Gesicht sich in gestrenge, senkrecht verlaufende Parallelen legten. "Schauen's a mal nach mei Reitpferd nach! Ob's auch parat ist? Vorgestern, bei Gueldengossa, waer's fast schief gange! Und heut - man kann ja net wisse!" Sein lieber getreuer Kutschera eilte, sich seines Auftrags zu entledigen. Und der Kaiser blieb solange unbeweglich sitzen, ohne eine Miene zu verziehen, und blickte in die Richtung, in die Kutschera gegangen war, bis er wiederkam und alleruntertaenigst meldete, dass alles in Ordnung sei. Der Kaiser ueberhoerte dabei, ob absichtlich oder nicht, die Frage seines lieben Vetters von Preussen nach dem Inhalt des Briefes, den er am gestrigen Tage von seinem Schwiegersohn Napoleon bekommen hatte. Kaiser Alexander antwortete statt seiner. "Der Kaiser Napoleon wird Mitteilungen familiaerer Art gemacht haben", sagte er ablenkend. "Ihrer Majestaet der Kaiserin Marie Louise geht es doch gut?" wandte er sich dann direkt an den Kaiser Franz. "Wollen das beste hoffen!" antwortete dieser trocken und blickte dann vollkommen teilnahmslos ueber das Feld hinaus, wo es jetzt anfing immer lebhafter zuzugehen. "So, jetzt geben's mir halt an Ueberblick, Kutschera, wie vorgestern alles richtig zugange ist!" befahl er dem Feldmarschalleutnant. "Mir ist's noch nicht ganz klar!" Kutschera legte los und gab seinem Herrn in kurzen Umrissen zu wissen, was dieser am ewig denkwuerdigen Sonnabend, dem 16. Oktober, miterlebt und groesstenteils uebersehen hatte. Und Kaiser Franz liess es ins eine Ohr hinein, durchs andere Ohr hinaus und dachte dabei an das letzte Gesuch, das er noch an seinem lieben Schreibtisch zu erledigen gehabt hatte, ehe er ins Feld ging. Es war das Gesuch einer Postmeisterswitwe gewesen um Niederschlagung ihrer rueckstaendigen Steuern. Das hatte der Kaiser abgelehnt. Denn Steuer muss sein. Wo kaeme der Staat sonst hin, wenn all die kleinen Leute auf einmal kaemen und von ihren Steuern befreit sein wollten!? Sie musste zahlen wie ein jeder. Aber, in einem Anfall von Grossmut hatte der gute Kaiser dem abschlaegigen Bescheid eine Zuwendung von zweihundert Gulden aus seiner Privatschatulle beigefuegt. Zweihundert - das war entschieden zuviel gewesen! Hundert haetten es auch getan! Ueber den Satz ging er sonst nicht hinaus! Dabei muesste es bleiben! Das gaebe sonst Unsummen, die zum Fenster hinausflogen, bei den Tausenden von taeglichen Gesuchen! Waehrend der gute Kaiser solchermassen ueber seine Postmeisterswitwe meditierte, fuhr sein lieber, getreuer Kutschera in seinem Vortrag fort und setzte ihm die Stellungen der Franzosen auseinander, die man am sechzehnten angegriffen hatte. Denn die fing man jetzt allmaehlich an im Hauptquartier zu kennen, nachdem man sich zwei Tage lang die Koepfe gekratzt hatte! Drueben im zerschossenen und halb abgebrannten Dorfe Wachau, wo jetzt der Prinz Eugen von Wuerttemberg mit seinen Franzosen und Russen stand, hatte Napoleon seine Hauptarmee unter dem Befehl von Murat gehabt. Der rechte Fluegel unter Poniatowski war weit zurueckgebogen am Pleissefluss entlang bis Connewitz, der linke unter Macdonald von hier, am Colmberg, bis in die Gegend von Klein-Poessna. Das Dorf links, zwischen dem Colmberg und Wachau, war Liebertwolkwitz. Zwischen den beiden Doerfern, am Galgenberg, hatte Napoleon sein Biwak gehabt - - "Ein ga-anzer Kerl, mei Schwiegersohn!" sagte Kaiser Franz naeselnd. Er fand es zwar nicht gerade fesch, aber doch verteufelt ueberlegen, gerade am Galgenberg zu biwakieren. Dann fing er wieder an zusammenzurechnen, wie viele Tage er keine Gesuche um Unterstuetzung erledigt hatte - wie viele Gesuche pro Tag -, wie viele Gulden pro Gesuch, und multiplizierte und addierte und kam zu einer erklecklichen Summe an ersparten Geldern - erspart bloss dadurch, dass er nicht zu Hause am Schreibtisch geblieben war. Und er wurde immer zufriedener mit dem Leben im Felde, das ja sonst nicht seinem Geschmack entsprach. Dabei ging die Schlacht am sechzehnten in Kutscheras Vortrag weiter, waehrend ihre heutige Fortsetzung vor den nichtssehenden Augen des Kaisers weitertobte. Dieser bekam sie also doppelt, aber genoss sie nur einfach, da ja der heutige Schlachttag noch nicht zum Vortrag befohlen und demgemaess eingerichtet und fuer den Allerhoechsten Gaumen geniessbar gemacht worden war. "Am sechzehnten," sagte Kutschera naeselnd und die Worte langsam und gemaechlich ans Allerhoechste Ohr schleifend, "am sechzehnten fing also Prinz Eugen von Wuerttemberg den Kampf mit achtundvierzig Kanonen an. Von hier aus, vom Colmberge, wo wir jetzt sind, antwortete Napoleon mit einer Kanonade aus hundert Geschuetzen. In drei Kolonnen gingen wir vor - in der Mitte, wie gesagt, Prinz Eugen gegen Wachau, links von ihm, drueben, mit seinen Preussen und Russen Kleist gegen Markkleeberg, das dort weiter links an der Pleisse liegt, waehrend unsere Leute unter Feldmarschalleutnant Klenau den Colmberg hier nahmen und Liebertwolkwitz stuermten. Freilich mussten wir aus allen drei Stellungen gleich wieder heraus, nahmen sie aber noch einmal ein und gingen schliesslich wieder zurueck. Die Franzosen waren ja in der Uebermacht mit 138 000 Mann, gegen die wir nur 70 000 aufbieten konnten. Denn Fuerst Schwarzenberg selbst war drueben weiter links zwischen der Pleisse und der Elster mit 30 000 Mann unter Meerveld vorgegangen und hatte den Feldmarschall Graf Gyulai noch noerdlich zwischen den beiden genannten Fluessen vorgeschickt, bis Lindenau, um die einzige Rueckzugsstrasse Napoleons nach Westen auf Weissenfels abzuschneiden. Na, der Fuerst waere wieder da. Drueben in den Suempfen war kein rechtes Fortkommen fuer ihn. Heute haben wir also seine Armee mit hier und ausserdem die Reservearmee Bennigsens. Der Kronprinz von Schweden rueckt auch noch nordwestlich von der Stadt in die Schlachtlinie, noerdlich steht Bluecher, der Ring ist also um den Franzosenkaiser geschlossen, er kann nicht heraus, er muss erdrueckt werden -" "Der Gyulai soll zurueckgehen!" kam es dann ploetzlich mit ungewohnter Schaerfe von Kaiser Franz. Kutschera fuhr zurueck. "Majestaet - das hiesse doch dem Kaiser Napoleon die Rueckzugsstrasse oeffnen!" "San's mei Truppen, oder san's net?" "Gewiss sind sie es -" "Na, denn sofort einen Adjutanten zum Fuersten Schwarzenberg senden! Der Fuerst soll sofort Gyulai mit seiner Truppe aus Lindenau zurueckziehen!" Kutschera verbeugte sich. Der Adjutant wurde expediert. "Nun erzaehlen's weiter!" Kutschera erzaehlte dann den weiteren Fortgang der vorgestrigen Schlacht, wie Klenau und Gortschakow mit dem rechten Fluegel zurueckgehen mussten - wie Kleist mit dem linken standhielt, wie dagegen das Zentrum unter Prinz Eugen durchbrochen wurde, als Murat mit achttausend Reitern zur Attacke vorstuermte - wie die franzoesische Reiterei fast bis zum Wachberge hinter Gueldengossa vorgedrungen war, wo die Monarchen an _dem_ Tag ihren Huegel hatten, und wie sie allesamt gefangengenommen worden waeren, wenn nicht Orlows Kosaken und die russische Gardekavallerie den Franzosen in die Flanke gesaust waeren und sie vertrieben haetten. "Mei Pferd!" rief dann Kaiser Franz ploetzlich. "Schauen's a mal wieder nach, lieber Kutschera, ob's auch paratsteht? Und schauen's auch nach der Bedeckung!" Kutschera beruhigte den Kaiser darueber. "Am Sonntag auf dem Wachberg war i je net dabei!" sagte der Kaiser. "Aber heute bin i da. Und es kann ja net schade!" Dann versank er wieder in Gedanken und fand es gar anheimelnd, dazu das Rattern der Flintenschuesse von drueben zu hoeren. Und Kutscheras langsames Dahererzaehlen wirkte so ungemein beruhigend dabei - ganz wie wenn man beim Sturm und Unwetter daheim in der warmen Stube sitzt und den Hagelschauer gegen die Scheiben peitschen hoert, waehrend im Ofen das Feuer knistert und Grossmutter eine gruselige Geschichte erzaehlt. Gruselig genug war es ja zugegangen. Um vier Uhr nachmittags hatte Napoleon bereits den Sieg in der Tasche gehabt, die Angriffe der Verbuendeten waren gaenzlich zurueckgeschlagen, er liess schon in Leipzig die Kirchenglocken Sieg laeuten, befahl Marmont, der noerdlich von der Stadt stand, zur Unterstuetzung herbei und wollte so die Niederlage der Verbuendeten vollenden. Da traf Schwarzenberg von seiner verunglueckten Expedition zwischen der Pleisse und der Elster in Wachau ein und brachte die Schlacht zum Stehen. Und von drueben kam Marmont, der sehnsuechtigst Erwartete, nicht. Vielmehr wurde er bei Moeckern von Bluecher festgehalten und tuechtig zermuerbt. Als Napoleon abends am Galgen biwakierte, hatte sich also das Blatt gewendet und Fortuna bereits gegen ihn entschieden, obwohl von den Tuermen Leipzigs das Siegesgelaeute noch zu hoeren war. Am naechsten Tag kaempfte er dann nicht wieder, am naechsten Tag verhandelte er, und das war gut. Denn so hatten die Verbuendeten Zeit, die Ankunft der Reserven Bennigsens und der Armee des Kronprinzen von Schweden abzuwarten. "Es war ja auch Feiertag!" sagte Kaiser Franz, der ein frommer Herr war und auf Sonntagsruhe hielt. "Drueben bei Bluecher fingen die Preussen aber trotzdem wieder an und schlugen sich, bis ihnen der Fuerst Schwarzenberg den Kampf untersagte", fuhr Kutschera fort. Der Kaiser blickte schnell auf und winkte seinen lieben, getreuen Kutschera naeher. - Ganz nahe musste der Feldmarschalleutnant kommen und sich so tief herabbeugen, dass sein Herr ihm ins Ohr fluestern konnte. Mit einem verschmitzten Seitenblick auf Friedrich Wilhelm, der ganz teilnahmlos in seinem Stuhle sass und ins Leere starrte, fluesterte dann der Kaiser rasch die paar Worte: "Saupreissen, verfluchte!" Und Kutschera schmunzelte und nickte Einverstaendnis. Der Kaiser versank nach dieser Kraftaeusserung wieder in behagliche Gedanken. Er freute sich darueber, wie gut er den gestrigen Sonntag zu gebrauchen gewusst hatte. Denn er waere gern auf die Waffenstillstandsbedingungen Napoleons eingegangen und haette schon seine Vorschlaege angenommen, wenn dabei sein Oesterreich nur ein paar Provinzen mehr und Preussen ein paar weniger bekommen haette! Nun, das koennte noch werden! Noch war nicht aller Tage Abend! Kaeme sein Schwiegersohn mit heiler Haut davon, dann - nun - wozu waere er sein Schwiegersohn? Es ginge ja auch so, in aller Gemuetlichkeit und ohne Krieg! - Er hatte es ja schon schriftlich von Napoleon in der Tasche - - Der Kaiser schmunzelte. Wie gut, dass der brave Meerveld, der mit Napoleon persoenlich so gut stand, sich gestern so geschickt gefangennehmen liess! Das war alles, was noetig war! Napoleon hatte ihm gleich sein Herz ausgeschuettet und ihn schon am naechsten Tag mit Vorschlaegen und mit dem Brief geschickt. Und der Brief, der enthielt nicht nur die geheimen Versprechungen an Oesterreich, der enthielt auch die Bedingungen - Gegendienste, die verlangt wurden. - - Der Kaiser fuhr auf. "Hat man dem Gyulai schon befehlen lassen, von Lindenau zurueckzugehen?" fragte er scharf. "Zu Befehl! Es sind zwei Kuriere an ihn abgegangen!" "Hoffentlich krepieren's net alle beide unterwegs?" sagte der Kaiser. "Es ist sehr wichtig, Kutschera, sehr wichtig, dass Gyulai den Befehl erhaelt! Mei Schwiegersohn ist ein ganzer Kerl! Man darf ihn net zur Verzweiflung bringe, dann koennte es uns uebel gehe. Man muss ihm goldene Bruecken baue. Aus Deutschland muss er wohl raus. Aber sein Reich drueben in Frankreich soll er behalte duerfe. Nun, was denn?!" Und er schielte rasch nach Alexander hin, der im eifrigen Gespraech mit Fuerst Wolkonsky dastand und laechelnd mit den Schultern zuckte. Ob der Kaiser Alexander ihm das wohl wiedervergelten taete, wenn diese Schlacht fehlginge, was ja schon sein koennte? Ob der's ihm heimzahlen wuerde, dass er nach der ungluecklichen Schlacht bei Austerlitz gleich einen Separatfrieden mit Napoleon machte und sich verpflichtete, die verbuendete russische Armee ausser Landes zu schicken? Ob der Zar nun seinerseits _ihn_ im Stich lassen wuerde? Ganz war dem jungen Menschen doch nicht zu trauen! Kaiser Franz stand auf und ging zu seinem lieben Vetter Alexander hin. Auch der Koenig von Preussen trat hinzu. Der Koenig war jetzt mit einer Frage geladen und kaute sich bereits die Worte zurecht. Er nahm den Arm Alexanders und zog ihn zur Seite. Er hatte ausgerechnet, dass Napoleon schon am sechzehnten haette kapitulieren muessen, wenn Bernadotte mit der Nordarmee und die Reservearmee Bennigsens rechtzeitig zur Stelle gewesen waeren. Man haette dann annaehernd dreimal hunderttausend Mann beisammen gehabt, gegen die Napoleon keine zweihunderttausend aufstellen konnte. Man hatte also eine erdrueckende Uebermacht. Und trotzdem ging's nicht recht vorwaerts. Die Meldungen bestaetigten, was man auch von hier aus mit eigenen Augen sehen konnte, dass die Oesterreicher, die auf dem linken Fluegel unter Hessen-Homburg von Markkleeberg gegen Connewitz vorgingen, gegen Poniatowskis Polen nicht recht vorwaerts kamen. Und gegen die Hauptmacht Napoleons bei Probstheida, gerade vor ihnen, konnten Preussen und Russen unter Kleist und Barclay de Tolly auch keine nennenswerten Fortschritte aufweisen, trotz allem Aufwand an Pulver und Blei - von ihrem Heldenmut nicht zu reden. Da kommandierte aber auch Napoleon selbst, und unter ihm Angereau, Victor, Lauriston, Murat, also lauter kriegserprobte Leute. Der Koenig war besorgt. Er blickte truebe in den Pulverqualm hinein, der ueber der Ebene lag und aus dem immerfort Blitze herausschossen, vom scharfen Aufbellen der Geschuetze begleitet. Die Trompeten schmetterten, das Gewehrfeuer prasselte wie Hagelkoerner an die Fensterscheiben, das Rattern der Trommeln, das Wiehern der Pferde, das Schreien der Sterbenden, das Rasseln der Fuhrwerke, alles vereinigte sich zu einem einzigen ohrenbetaeubenden Gedroehn, das ueber der Gegend lag. Dann und wann zerriss der Wind die Pulverwolke, und marschierende Truppen, vorspringende Schuetzenschwaerme -, galoppierende Reitermassen kamen zum Vorschein und verschwanden wieder in dem Qualm. Ueber dem Ganzen der herrlichste Sonnenschein, der das bis gestern herrschende Regenwetter abgeloest hatte. Gegen mittag wurde bei den Franzosen eine gewisse Nervositaet merkbar. Man schien einen Sturm zu planen, um sich Luft zu schaffen. Eine Vorwaertsbewegung kam aber nicht zustande. Rueckwaerts ging es auch nicht. Der ganze Ring der franzoesischen Truppen suedlich um Leipzig herum, gegen den die Verbuendeten anstuermten, stand noch fest und ohne Wanken da, soweit das Auge vom Colmberg aus blicken konnte. Die Unruhe drueben deutete also darauf, dass bei den Franzosen von den Schlachtfeldern noerdlich und oestlich von Leipzig irgendwelche Nachrichten eingegangen waren. Ob guenstige oder unguenstige, ob's Ansturm oder Rueckzug gaebe, wuerde sich bald zeigen. Endlich liefen auch auf dem Monarchenhuegel Meldungen ein. Im Nordosten hatte Langeron mit seinen Russen Ney und Marmont aus Schoenefeld an der Parthe auf die Vorstaedte von Leipzig zurueckgeworfen. Im Osten griff endlich Bernadotte ein. Seine Preussen unter Buelow hatten Paunsdorf gestuermt und Reynier, der es verteidigte, bis unter die Mauern Leipzigs gejagt. Dann traf von Bennigsen im Sueden die Meldung ein, Holzhausen waere genommen und Macdonald zurueckgetrieben. Dreitausend Sachsen und einige Schwadronen wuerttembergischer Reiterei waeren von Napoleon abgefallen. "Die Nervositaet drueben deutet also auf Rueckzug!" sagte Kaiser Alexander. "Er hat genug. Er wird die Schlacht abbauen! Wollen nachhelfen!" Und dann gab er Befehle. Die Adjutanten flogen in alle Richtungen, es kam bald wieder Bewegung in das Ganze -, mit lautem Hurra wurde von allen Seiten wuetend gegen das franzoesische Zentrum Probstheida angestuermt, aber umsonst. Der Feind wich nicht und wankte nicht. Es galt fuer ihn den Rueckzug zu sichern. Auf der von Kaiser Franz freigegebenen Strasse ueber Lindenau hatte Napoleon bereits Bertrand nach Weissenfels vorausgesandt, um Bruecken ueber die Saale zu schlagen. Und jetzt, bei beginnender Daemmerung, fingen die franzoesischen Kolonnen schon an, sich ueber den Ranstaedter Seitenweg aus der Stadt hinauszuschieben, und schluepften so allmaehlich Regiment fuer Regiment aus dem feuerspeienden Ring heraus, den die verbuendeten Truppen um sie geschlagen hatten. Napoleon gab also die Schlacht verloren. Freudestrahlend galoppierte Schwarzenberg mit der Siegesnachricht heran. Und die drei Monarchen sanken bewegt in die Knie und dankten inbruenstig dem Himmel fuer den Sieg, den ihnen ihre Voelker mit ihrem Blut und Aufopferung von Leben und Gesundheit erstritten hatten. Sie schoben somit dem Himmel diese Tat zu und waren alsdann der Pflicht ueberhoben, ihren Voelkern dafuer zu danken. Die Voelker hatten einfach ihre verfluchte Pflicht und Schuldigkeit getan. Die konnten dann, nach gluecklich beendigter Loewenjagd und Erlegung des Wildes, wieder an die Kette gelegt werden, damit sie kein Unheil anrichteten und nicht am Ende jetzt, nachdem sie Blut geleckt und die Freiheit von fremder Tyrannei erstritten, auch noch der heimischen los und ledig sein wollten. Drueben hinter Probstheida, an der Tabaksmuehle, sass in der Daemmerung muede und zusammengebrochen der gefallene Herr der Welt am Biwakfeuer. Um ihn herum wankte alles. Sein ganzes Werk - der stolze Bau seines Weltreiches, von keiner inneren Notwendigkeit getragen, von seinem Ehrgeiz nur und durch die Macht seiner gewaltigen Persoenlichkeit zusammengekittet, drohte zusammenzustuerzen. Stueck fuer Stueck broeckelte es bereits ab und wuerde am Ende ihn selbst unter seinen Truemmern begraben. Und was bliebe davon uebrig? Der Fluch der Geknechteten, der Ruhm unsterblicher Heldentaten -, Verarmung, Entvoelkerung, Hunger und Elend ueberall, wo er seinen Fuss hingesetzt hatte. Kein Funken Liebe schlug ihm entgegen aus dem ganzen Rund seines Riesenreiches, kein menschliches Gefuehl des Dankes, nur kuehle Bewunderung und unermesslicher Hass. Wer Hass saet, erntet Hass. Ruecksichtslos waren seine Schlaege auf die Voelker niedergesaust, hatten Gutes und Schlechtes miteinander niedergerissen und Neues dafuer aufgebaut! Aber auch das nur mit Gewalt! Gewalt war der Anfang, Gewalt das Ende. Ob er wohl aus dem Chaos sich noch ein Stueck des Ganzen retten und dort wieder anfangen koennte, Neues zu schaffen? Ob er wohl wuerde anders als bisher walten koennen? Sich selbst umschaffen? Er schuettelte den Kopf. Die Lippen zogen sich zu einem spoettischen Laecheln zusammen. Er blieb, der er war. Noch war nicht alles verloren, noch war auf eine Wendung des Gluecks zu hoffen! - - Eine Granate schlug sausend in das Biwakfeuer und ueberschuettete ihn mit gluehenden Kohlen und Asche. Das Feuer erlosch. Er fuhr auf. Die Nacht sank. Der Laerm der hinsterbenden Riesenschlacht legte sich allmaehlich. Ringsumher flammten die Biwakfeuer der verbuendeten Gegner auf. Er befahl seinen Wagen, warf sich in die Ecke und gab Berthier Befehl, den allgemeinen Rueckzug anzuordnen. Selbst wollte er noch im Hotel de Prusse in Leipzig ein paar Stunden ausruhen und dann nach Weissenfels vorausfahren, nachdem er sich vom Koenig von Sachsen verabschiedet haette. Die Rheinbundtruppen unter Macdonald und die Polen Poniatowskis sollten bleiben, die Stadt verteidigen und den Rueckzug der Franzosen sichern. Dazu waren sie gut genug. Am naechsten Morgen drangen die Verbuendeten in Leipzig ein. Zuerst die Koenigsberger Landwehr durch das Grimmaische Tor. Dann Bluecher an der Spitze seiner russischen Regimenter in die Hallesche Vorstadt. Yorcks halb aufgeriebenes Korps, das durch seinen entscheidenden Sieg bei Moeckern das Schlachtenglueck zugunsten der Alliierten gewandt hatte, durfte, zum grossen Leidwesen seiner tapferen Preussen, nicht am Schlusssturm auf die Stadt teilnehmen. Es war nach Halle vorausgeschickt worden, um dort die Saaleuebergaenge zu besetzen, eine Massnahme, in der der alte Isegrim nichts als eine Niedertracht Gneisenaus sah, dessen Annaeherungsversuch er schnoede abgewiesen hatte. Er hatte Gneisenaus Glueckwuensche zum Siege bei Moeckern mit einer schroff abweisenden Bemerkung beantwortet. Worauf Gneisenau sich zu der Aeusserung verstieg: "mit Yorck vertraegt man sich am besten, wenn man mit ihm verfeindet ist!" und liess seinerseits nichts daran fehlen. Mit dem ueblichen Gepraenge und Tamtam hielten der Kaiser von Russland und der Koenig von Preussen ihren Einzug in die eroberte Stadt. Kaiser Franz blieb - wohl aus Familienruecksichten - der Siegesfeier fern. Der besiegte Franzosenkaiser hatte ihm wohl wiederholt die vernichtendsten Niederlagen und die beschaemendsten Friedensbedingungen aufgenoetigt. Aber - er war halt sei Schwiegersohn geworde! Und - man konnte ja net wisse! Der Einzug der beiden anderen Monarchen war dafuer um so eindrucksvoller. Ueberall, wo ihre Kavalkade durchkam, lagen Tote und Verwundete. Pferdekadaver, zerbrochene Lafetten, Pulverkarren und Marketenderwagen sperrten fast die Strassen. Die Glocken laeuteten, die Haeuser flaggten, aus allen Fenstern ertoente Freudengeschrei und begeistertes Winken. Hurrarufe, Boellerschuesse und der Gesang der einziehenden Regimenter mischten sich mit dem Gestoehn der Sterbenden und den Hilferufen der Verwundeten. Auf dem Markt vor dem ehrwuerdigen Rathaus war grosse Parade, Beglueckwuenschung der Monarchen, Belohnung der nicht gefallenen Helden, Befoerderungen, Ordenssegen und Gnadensonne. Ein jeder bekam, was sein Herz begehrte, und alles schwamm in Wonne. "Die zwei grossen und schoenen Tage sind verlebt," schrieb Bluecher an seinen Freund Bonin, "den 18. und 19. Fihl der grosse Coloss wie die Eiche vorm Stuhrm, er der grosse Tiran hat sich gerettet, aber seine Truppen sind in unsern henden. Poniatoffsky wurde Blessirt und ist ertrunken, man glaubt Angerau desgleichen, Rennie und Lauriston sind gefangen, der erste ist Blessiert, den 19. wurde zu ende des kampffes Leipzig mit Stuhrm und grosser uf Opffrung genomen, man wollte Leipzig in brand schissen ich wider setzte mich die Russischen Batterien und sie durften nur mit kugell Schissen. - an meiner seitte drank die Russische Infanterie zu erst in die Stadt, an der anderen seitte die braven Pomern, es wahr ein kampff ohne gleichen, 100 Canonen sind in Leipzig genomen, unsere monarchen, dass heist der ostreische, der Russische kaiser und unser koenig haben mich uf oeffentligen margte gedankt Alexander drueckte mich ans HErtz." Und an sein Malchen schrieb der zum Generalfeldmarschall Befoerderte, "als Frau Feldmarschallin musst du nun anstendig leben und sey nur nicht geizig und lass dich was abgehen! - - mit die ordens weiss ich mich nun kein Raht mehr ich bin wie ein alt kutsch Perd behangen, aber der gedanke lohnt mich ueber alles, dass ich derjenige wahr der den uebermuetigen tihrannen demuetigte." Alles jubelte, alles feierte in den ueberschwenglichsten Ausdruecken den Fall des Kolosses, der solange wie ein Alp auf das Leben der Voelker gedrueckt hatte. Der Triumph war teuer erkauft, viel zu teuer, wenn man bedenkt, wie viele Tausende von Menschenleben bei groesserer Entschlussfreudigkeit und geringerer Unzugaenglichkeit der Regierungen haetten gespart werden koennen. Leipzig spie wie ein Vulkan Verwundete in alle Richtungen hinaus, wie der amtliche Bericht eines Arztes sagte. Tausende von Verwundeten wurden nach Halle und anderen angrenzenden Staedten von den Schlachtfeldern um Leipzig gebracht. In Leipzig selbst lagen mindestens zwanzigtausend von allen Nationen. In dumpfen Spelunken, wo kaum zu atmen war, in Kirchen und Schulen, wo der Oktoberwind durch die scheibenlosen Fenster kaelteschauernd heulte, lagen die Kranken aufgeschichtet wie die Heringe in ihren Tonnen, alle noch in ihren blutigen Gewaendern, ohne Hemden, Bettuecher, Decken, Strohsaecke, geschweige denn Bettstellen erhalten zu koennen. "Keine Nation ist bevorzugt, alle gleich elend beraten, und dies ist das einzige, worueber sie sich nicht zu beklagen haben", schreibt derselbe Berichterstatter. Aufgelaufene, brandige Glieder, gebrochene Arme und Beine, die weder in die richtige Lage gebracht noch geschient und auch nicht amputiert werden konnten aus Mangel an Heilgehilfen und an allen Hilfsmitteln - Kinnbackenkrampf, Starrkrampf, Laehmungen ueberall - keine Waerter, keine Hilfe, das war der Dank fuer geopfertes Leben und Gesundheit. Wer nicht aufstehen konnte, musste im eigenen Unrat faulen. Im Hofe der Buergerschule ein Berg aus Kehricht und Leichen, die nackend lagen und von Hunden und Raben angefressen wurden - - Heldentod nach Heldenleben. * Schrum tsim tsim - schrum tsim tsim - kratzten die Fiedler lustig und beherzt ihren Baessen, Bratschen und Kniegeigen die ersten drei Schlaege des Viervierteltakts ab, dass die Waende wankten und die Kronleuchter klirrten. Der Kapellmeister schlug mit Wucht hinterdrein und hielt seine ungestuem vorwaertsstuermenden Musikanten zurueck, was er nur konnte, um das richtige altvaeterlich gezirkelte Zeitmass herauszubringen. Tram taram taram taramta ramtam tara rara ramtam tara rara ramtam - - - - - zwitscherten und naeselten Floeten und Klarinetten. Ihre Toene trippelten huebsch brav neben der altbekannten Melodie einher, die die Primgeiger mit flottem Saltarello in duftigen Umrissen ueber die Saiten warfen. Mit unbewusster Grazie, schuechtern und zaghaft, wie wenn ein unschuldiges junges Maegdelein die Fussspitzen zuechtig unter dem schuetzenden Saum ihrer Roecke hervorstreckt, um, die Erde kaum beruehrend, elfenhaft dahinzuschweben - so praezise, gezirkelt und genau bemessen huepften die Toene prickelnd hervor, kitzelten die Tanzlust bei alt und jung und brachten den ganzen Saal in Bewegung. Schrum tsim tsim - schrum tsim tsim - Maennlein und Weiblein gaben sich die Haende, drehten sich im Kreis, wiegten sich, neigten sich, chassierten nach links, chassierten nach rechts, figurierten, gruessten, lachten, scherzten, vom Licht der tausend Kerzen ueberflutet, von unzaehligen Spiegeln ins unendliche vervielfacht. Soweit das Auge sehen konnte, Quadrille an Quadrille, streng nach der Regel in ihren Bahnen beharrend und doch in lebhafter Grazie auf dem glatten Parkett lustig und leicht hin und her gleitend. Bunte Uniformen und schneeweisse Schultern schoben sich zierlich aneinander vorbei. Es war ein Weben, ein Schweben, ein Trippeln, ein Trappeln, ein Klirren von Sporen, ein Blitzen und Funkeln von Sternen und Geschmeiden, bezauberndes Laecheln auf holden Gesichtern, blendende Perlenzaehne hinter purpurnen Lippen, zum Beissen und Kuessen gleich verlockend, in tiefgruendig traeumenden Maerchenaugen blitzschnelle Abwehr, wenn verstohlenes Druecken und zaertliches Fluestern in heissem Ansturm zu rauben suchte, was erst nach Sitte und Brauch in langer Belagerung erobert werden wollte. Auf der Estrade an der Laengswand stand der Koenig von Preussen mit seinem getreuen Knesebeck und anderen Bevorzugten und blickte zerstreut in das bunte Getriebe. Ein Laecheln lag ueber den sonst so griesgraemigen Zuegen, und er lauschte belustigt auf die bissigen Bemerkungen, womit das Gefolge meuchlings die Tanzenden bedachte. Ihm bot sich aber auch ein seltsames Schauspiel dar. Auf dem Ehrenplatz vor dem Thronsessel bewegten sich vier Paare, um die herum sich in achtunggebietendem Abstand ein Ring von Zuschauern gebildet hatte. Verliebt wie ein junger Leutnant, charmant und geschmeidig, tanzte da Bluecher mit dem schoensten Maedchen im ganzen Saal -, ihm gegenueber auf steifen Beinen, wuerdevoll und ernst, sein alter Waffenbruder und Widersacher Yorck, der sich muehte, recht liebenswuerdig zu erscheinen, und dabei verzweifelte Gesichter schnitt. Rechts und links von ihnen vervollstaendigten Prinz Wilhelm und der Obrist von Katzeler mit ihren Damen die Quadrille. Und Bluecher kommandierte, wie sich's gehoerte. "_Chassez croisez!_ _Balancez!_ _A gauche! -_ _A droit! - - -_" kam es mit Donnerstimme unter dem buschigen Schnauzbart hervor, und alles parierte, alles figurierte im ganzen Saal, praezise wie auf dem Paradeplatz, erst im engeren Verband der Quadrillen, und dann, als das Kommando "_Grande chaine!_" fiel, zu einer einzigen endlosen Doppelkette vereinigt, die sich in wogender Gegenbewegung um den ganzen Saal ringelte, bis die auseinandergeratenen Paerchen sich wieder zusammengefunden hatten. "Dem Koenig und Herrn alles Ordensegens spenden wir nun auch einen Stern!" donnerte wieder die Stimme des Feldmarschalls durch den Saal. "Die Kegel ran! _Etoile!_" Und in jedes Karree sprang ein junger Offizier hinein, streckte die Hand hoch, die anderen Herren ergriffen sie, und dann ging's in sausender Fahrt um den so geschaffenen Mittelpunkt herum, dass es den Zuschauern auf der Estrade schwindelig wurde. "_Changez les dames!_" In jedem Stern flogen die Damen aus dem Arm ihres Taenzers in den des naechsten und so weiter, bis sie sich wiedergefunden hatten. "Nun, Exzellenz, warum so steif mit dem Tanzbein?" rief Bluecher Yorck zu, der ihm nicht schnell genug vorwaerts kam. "Wir sind nicht an der Katzbach, wir sind am Rhein! Da setzt's andere Spruenge! In einer Tour bis nach Paris!" Yorck fing schon an eine Antwort zu brummen. Bluecher schnitt sie ihm aber ab durch ein mit Stentorstimme hingedonnertes: "_Grande Polonaise!_" Tram tararam, tam, tam, tam - tram tararam, tam, tam, tam - fiel die Musik sofort gehorsamst ein, mit dem gravitaetischen Dreivierteltakt der Polacca, und Paar an Paar gereiht, defilierten die Tanzenden mit Anstand und Wuerde am Thron vorbei und brachten dem gnaedig dankenden Koenig ihre Huldigung dar. Dann wurde Kurs auf die reich besetzten Buefette genommen, um sich dort nach den Anstrengungen des "Feldzuges" zu laben und wieder gefechtsbereit zu werden. "Bekommen wir bald Frieden, Exzellenz?" lispelte die junge Dame Bluechers und nippte an dem ihr von ihm dargebotenen kuehlenden Getraenk. "Ebenso gewiss wie ich heute Geburtstag habe!" antwortete Bluecher, der einer jungen Dame gegenueber an alles andere als an Friedensverhandlungen dachte. "Nun, den feiern wir doch eben!" "Wir feiern ihn, ja! Aber wir haben heute den vierzehnten Dezember, und ich war so frei, mich erst am sechzehnten auf die Welt befoerdern zu lassen!" "Das Glueck! Dann koennen Exzellenz ja uebermorgen wieder Geburtstag feiern!" "Das mache ich mir auch zunutze! Heute hier in Wiesbaden, uebermorgen in Frankfurt! Man hat's eben hier mit mir zu eilig gehabt! Und so ist es auch mit dem Frieden! Die guten Leute koennen es nicht abwarten. Was uebermorgen sein soll, nehmen sie schon heute vorweg! Und - wenn wir das nicht zu verhindern wissen - so bekommt der arme Wechselbalg von einem Frieden sein Wiegenfest, ehe er geboren ist, kommt zu frueh auf die Welt, taugt zu nichts Rechtem und ist weder dem Sieger noch dem Besiegten zur Freude! Aber, meine Gnaedigste, man spielt schon zum Walzer auf! Der Kampf geht weiter. Verlieren wir nicht die Zeit mit Friedensgesaeusel! Da stuermt schon unser mutiger Obrist Katzeler zur Attacke heran! _En garde!_ An die Verteidigung!" - "Der Walzer gehoert dem Obristen!" - "Nun, dann retiriere ich! - Jugend gehoert zu Jugend! Aber besiegt erklaere ich mich noch nicht! Kuess' die Hand, meine Gnaedigste! - Vorsicht, Katzeler! Zu tief in holde Aeuglein geschaut, macht leicht straucheln!" Er blickte dem davoneilenden Paar nach, machte sich dann an das Buefett heran, tat sich guetlich an den dort aufgedeckten Leckerheiten, ass mit einem wahren Baerenhunger und fluchte dabei ueber den faulen Frieden, mit dem man ihm nach jedem Sieg um die Ohren schlug und der ihm sogar hier im Tanzsaal die Kampfesfreudigkeit verleidete! Er fluchte respektlos ueber den Koenig und seine "feigen" Ratgeber, die, Majestaet versteht sich ausgenommen, alle miteinander an den Galgen muessten! Immer wieder fielen sie ihm in den Arm, gerade wenn er den Gegner vernichtend treffen wollte. Immer wieder verlaengerten sie den Krieg durch ihre Dummheit, Aengstlichkeit und ihre uebereilten Massnahmen! Der Friede waere laengst da und weit vorteilhafter, als sie zu traeumen wagten, wenn sie ihm nur nicht immer zur Unzeit mit langgestreckten Haelsen nachliefen! Aus dem Tanzsaal sprudelten die Melodien herueber, mit heiterem Stimmengewirr und dem Lachen der Tanzenden vermischt. Bluecher ging auf die Tuer zu. Drueben am Thron standen immer noch der Koenig, der Staatskanzler und ihre Speichellecker. "Hol' sie der Teufel!" brummte er halblaut. "Denen werd' ich wohl was vortanzen?! Der Kuckuck auch. Zum Tanz aufspielen, das schon eher, wenn sie sich nicht sputen und sich endlich aus dem Dusel aufraffen! Das gibt dann aber eine andere Polka!" Er verfuegte sich nach den entlegenen Saelen, wo fern vom Getaumel trinkfeste Maenner Bacchus huldigten. Er tat im Vorbeigehen einen Blick in den Spielsaal, ging aber nicht hinein. Er liebte immer noch das Spiel fast ebenso leidenschaftlich wie die schoenen Frauen. Seit Anfang des Feldzuges ruehrte er aber keine Karte mehr an. Aufregung und Anregung gab ihm der Krieg zur Genuege. Dazu bedurfte er des Spieltisches nicht! Er begab sich also in den Keller, nahm unbemerkt im Dunkel einer Nische Platz und liess sich Wein kommen. Um den langen Tisch, inmitten des Saales, sassen eine ganze Reihe meistens juengerer Offiziere mit hochroten Gesichtern in eifrigster Unterhaltung. Sie schimpften, dass es Bluecher gar warm ums Herz wurde, und verdonnerten die Diplomaten nach Noten. "Habt ihr den Metternich gesehen?" rief einer. "Wenn ihr den Fuchs gesehen habt, dann wisst ihr Bescheid. Wir Preussen sollen da immer und immer wieder bluten, nur um den Englaendern und den Oesterreichern die Kastanien aus dem Feuer zu holen! Und nachher werden wir geprellt! Wir haben Napoleon besiegt, haben ihn aufs Haupt geschlagen - und der Herr Metternich hat nichts Eiligeres zu tun, als ihm den Ruecken zu steifen! Habt ihr von den Friedensbedingungen gehoert, die er jetzt wieder dem Franzmann geboten hat? Friede und Freude, und die Pyrenaeen, die Alpen und den Rhein als Grenzen!" Ein allgemeiner Aufschrei beantwortete die Nachricht. "Schufte und Gauner sind's, die das befuerworten!" "Es sind hohe Herren, Fuersten und Generaele darunter!" "An den Galgen mit ihnen!" "Aufknuepfen das ganze Gesindel! Schwarzenberg und Metternich voran!" "Sind das Bundesbrueder!" "Immer hinken sie nach, immer halten sie zurueck und tuscheln hinter unserem Ruecken mit den Franzosen!" "Die Oesterreicher denken nur an ihren eigenen Vorteil! Und den suchen sie in Italien! Da wollen sie sich bereichern! Deutschland ist ihnen gleichgueltig!" "Ob wir frei werden oder nicht, ist denen Wurst!" "Das ist ein Irrtum! Die Oesterreicher wuerden uns gern an Haenden und Fuessen gefesselt sehen! Nur kein starkes Preussen, nur kein einiges Deutschland! Deshalb paktieren sie und treiben hinter unserem Ruecken Kuhhandel mit den Rheinbundfuersten, diesen Verraetern an der deutschen Sache! Sie befestigen jene Koenige von Napoleons Gnaden auf ihren Throenchen, statt sie zum Teufel zu jagen!" "Ganz recht, und deshalb sollen wir eben nicht ihres Kaisers Schwiegersohn Napoleon kaputt machen duerfen! Deshalb duerfen wir ihm nicht seinen Laenderraub nehmen - deshalb liessen sie ihn bei Leipzig entschluepfen und hinderten uns an der Verfolgung, wo wir ihm so brav an den Fersen hingen. Keinen Mann haette er heil nach Frankreich zurueckgebracht, haette man uns bei der Stange gelassen! Und die lassen ihn mit ganzen siebzigtausend Mann nach Mainz hinueber!" "So 'ne Schweinerei war noch nicht da! Die muessten mit Ruten gestrichen werden, die das verbrochen haben!" "Und jetzt, was machen wir jetzt! Sechs Wochen lang stehen wir schon am Rhein und duerfen nicht hinueber. Unsere Herren Fuersten stehen da und gucken ins Wasser und finden es tief und finden es breit, und schuetteln die Koepfe und machen bedenkliche Gesichter. Der Koenig will nicht, der Kanzler will nicht, das Grosse Hauptquartier will verhandeln, die Russen wollen heim in ihr Land. Keiner wagt den Sprung! Inzwischen wird Napoleon wieder stark - und wir muessen wieder bluten!" So schrien und tobten sie erregt durcheinander, und der Tabaksqualm legte sich in immer dichteren Wolken ueber sie und zog in langen Ringeln unter dem Gewoelbe hin, durch die Tuer hinaus. Bluecher sass unbeweglich in einer Ecke und liess sich nichts merken. Am Ende des Mitteltisches, etwas abseits von den anderen, sass allein und schweigend ein grosser, starker Kerl in Infanterieuniform und trank in aller Ruhe mit tiefen Zuegen einen Schoppen nach dem anderen. Mit jedem Glas wurde sein Gesicht roeter und seine Augen stierer. Er schien sich gewaltig zu giften ueber all das, was die anderen vorbrachten, und kam immer mehr in Wut. Schliesslich fegte er Glas und Kanne vom Tisch herunter, stand auf, zog die Plempe, schwang sie mit beiden Haenden hoch ueber den Kopf und liess sie mit voller Wucht auf die Tischscheibe niedersausen. "Borussia!" schrie er, dass es im Saal droehnte und alles verstummte und sich zu ihm umwandte. "Borussia, wach auf! Von allen Seiten umschleichen dich Feinde! Ringsum lauern falsche Freunde darauf, dich zu knebeln! Denn du bist das Herz Deutschlands, die Wurzel seiner Kraft, die Quelle seines Blutes und der staehlerne Ring, der bestimmt ist, all die deutschen Staemme zusammenzuhalten und stark und maechtig zu machen. Huete dich vor deinen schwachen Stunden, Borussia, lass dir kein Gift in die Ohren traeufeln - wehr dich gegen die Falschheit derer, die ihre Dolche mit Friedenspalmen verdecken! Wehr dich, sonst hast du umsonst geblutet, ohne Nutzen den Kampf um die Freiheit gefuehrt. Ohnmacht, Armut, Knechtschaft, Schmach und Demuetigung vor Fremden wird dein sicheres Los! Hoere nicht auf den Sirenengesang! Lass deine Knappen mit ihren Schwertern auf ihre Schilde schlagen, dass du die Stimme der Verlockung nicht hoerst. Du liessest dich schon zu oft taeuschen! Du liessest dich zu Boden werfen, wurdest ausgepluendert und zum Frondienst gezwungen! Und nun, wo der Himmel ein Wunder tat und deine Fesseln loeste, wo du weiter nichts zu tun brauchst, als die Hand auszustrecken und zu nehmen, was dein ist, da laesst du dich beschwatzen, auf die Segnungen einer fernen Zukunft vertroesten, wo die Gegenwart dir blueht wie noch nie! Borussia, wach auf! Sieh in der Sonne den Rheinstrom glitzern! Sieh sein heiliges Band alle deutschen Gaue umschlingen! Frei waelzt er seine Wogen dem Meere zu, an beiden Ufern wieder deutsch, wie er's immer war, wenn du nur wolltest. Lass nur nicht die Welschen an ihn heran! Die bleiben nicht wie du traeumend an seinem Ufer stehen! Die werden stets zu neuen Raubzuegen hinueberwollen, dir Mark und Blut aussaugen und sorgsam verhueten, dass du jemals wieder zu Kraft und Macht erstarkst! Borussia, wach auf!" "Die schlaeft schon nicht, junger Mann!" sagte Bluecher, trat aus seiner Nische ins Licht hinaus, ein Glas in der einen, ein paar Flaschen in der anderen Hand, und setzte sich an das andere Ende des langen Tisches. "Denn das ist kein Schlaf mehr! Da gehoert ein ganz anderes Wecken dazu, als Sein bisschen Kraehen! Da helfen auch nicht die Posaunen des Juengsten Gerichts! Bei der dicken Schlafmuetze, die die Sicherheitskommissariusse der Madame ueber die Ohren gezogen haben, koennte der Himmel herabfallen, und sie merkte nichts. Die wacht nicht uff. Wir geben ihr wohl mitunter einen Schubs und bringen sie auf die Beine, dass sie Anlauf nimmt und im Schlafe siegt. Und dann faellt sie um und traeumt vom ewigen Frieden! Und der Feind, der Herr Napoleon, der niemals schlaeft und niemals traeumt, er lacht sich ins Faeustchen und geht ihr immer wieder durch die Lappen. An der Saale haetten wir ihn jetzt packen koennen, an der Unstrut auch! Bei Auerstedt, wo er uns schlug, haette er zur Wiedervergeltung eins auf die Muetze haben muessen - bei Erfurt, wo wir frueher einmal vor ihm kapitulierten, bei Fulda, ueberall waere er geliefert gewesen, wenn wir bei der Stange geblieben waeren und zugelangt haetten. Am Hoerselberge hinter Gotha, wo wir nach Jena so brav vor ihm gelaufen waren, da raechten wir uns aber in echt deutscher Weise - da liessen wir ihn ebensogut vor uns laufen, gerade als seine Vernichtung sicher war. Da spielten wir immer noch auf hoeheren Befehl Blindekuh und sagten uns: 'Nee, da laeuft er nich, wo er laeuft! Er laeuft sicher anderswo!' Und kletterten ueber die Vogelsberge und guckten in das Lahntal hinein und wunderten uns bass, dass er uns nicht den Gefallen tat, uns auch da etwas vorzulaufen. Und nun sitzt er hinterm Rhein und pflegt seine Frostbeulen und salbt seine wunden Fuesse. Und wir sitzen diesseits und blasen auf der Friedensschalmei und tanzen und vergnuegen uns. Nun ja - huebsch sind ihre Maedchen, das muss ich den Rheinlaendern lassen! Und ihre Weine - - Na, komme Er her zu mir, junger Mann, brechen wir miteinander dieser Pulle den Hals! Da drin ist Sonnenschein - da drin ist Glut und froher Mut, aber keine solche Wut, wie Er sich wohl aus Seinem Surius drueben angetrunken hat! Sieht Er, schoene Redensarten, die kann ich auch machen! Nun will ich Ihm aber auch vormachen, wie man den Mund haelt, wo's gilt, eine Tat fuer ein Wort zu setzen! Prost! Giesse Er den Rebensaft die Kehle runter! Und keinen Ton dabei - keinen Ton, auf dass Ihm nicht die Galle uebertritt. Siebzehn Jahre wollen wir wieder werden, voll guter Laune, Uebermut, Tollheit und schwellender Kraft, die singt und jauchzt und sich des Daseins zu freuen weiss. Dann sind wir morgen andere Kerle, und die Welt wird uns neu und frisch und keusch wie eine aufbluehende Jungfer, die dem gehoert, der sie ohne Federlesens zu nehmen versteht, aber nimmermehr dem Worthelden, der ueber seinem Gefasel das Zupacken vergisst. Wir _tun_, was _wir_ tun! Wir lassen Schufte und Gauner Schufte und Gauner sein! Wir haben anderes zu tun, als dem Gesindel Galgen zu errichten und Strafpredigten zu halten! Prost!" Trotz seinem Schweigegebot versaeumte er es aber auch nicht, selbst das Wort zu nehmen und eine Rede zu schwingen, sooft nur der Geist ueber ihn kam. Der andere hatte ihm eben nur das Wort aus dem Munde genommen und das ausgesprochen, wovon er just im Begriff war, selbst ueberzusprudeln. "Solche Leute muss man beizeiten dazu bringen, den Mund zu halten", dachte er schmunzelnd. "Denn sagen sie zuviel, dann verderben sie einem nur das Spiel!" * Am Neujahrstag in aller Fruehe hielt Bluecher dann hoch zu Ross auf den Huegeln des Rheinufers bei Caub und blickte in den grauen Tag hinein. Unter ihm schlaengelte sich die dunkle Masse seiner braven Armee ueber die Schiffsbruecke nach der kleinen Insel mitten im Fluss, wo die alte Pfalz liegt, und weiter nach dem jenseitigen Ufer, die Huegel hinauf. Die Felsen warfen in immer wachsendem Echo das Hurra und das Freudengeschrei hinueber und herueber und kuendeten den Landeskindern jenseits des Rheins: jetzt ist die Schmach getilgt, jetzt seid ihr wieder Deutsche, wie ihr es immer wart und immer wieder werdet, was auch kommen mag. Dem alten Kaempfer schwoll das Herz vor Freude, er jauchzte mit, und durch die Traenen, die ihm aus den Augen quollen, sah er sieben Sonnen, und alle gingen sie ihm heute drueben, im Westen, auf. Drueben lag befreites deutsches Land! Drueben lief der Feind, was das Zeug hielt -, drueben lag Paris! - Ein Katzensprung nur, und Paris war sein, die Hoehle des Loewen ausgehoben, der Quell alles Unheils verstopft, der Feind der Voelker von seiner ragenden Hoehe gestuerzt! Nichts koennte mehr etwas daran aendern! Drueben liefen ja die Franzosen - - - Sie liefen - liessen aber drueben im befreiten Lande eine Grenzwache zurueck, der weder Pulver noch Blei etwas anhaben konnte: - den Typhus! Und der machte seine Sache so brav, dass allein vom Yorckschen Korps fuenftausend Mann ins Gras beissen mussten. Dem Typhus zur Seite wuetete ein noch unheimlicherer Feind: der Meuchelmord, der in jedem Bauernhause lauerte, je weiter man ins rein franzoesische Land drang. Denn es war ja ein schwerer und unverzeihlicher Frevel von den Deutschen, den geheiligten franzoesischen Boden mit Krieg zu ueberziehen! Wozu waren die deutschen Gaue da? War es nicht seit altersher den Voelkern zur Gewohnheit geworden und also zum Recht, dort ihren Hader auszutragen und ihre Streitrosse zu tummeln?! Hatten sie nicht den Deutschen dafuer gedankt, indem sie ihr Land nicht nur gnaedigst auspluenderten, sondern es auch mit den schoensten Ruinen schmueckten?! Kein Muehsal, keine Gefahr, keine Seuchen, gar nichts vermochte aber das Ungestuem der Schlesischen Armee und ihres Fuehrers zu brechen. Unaufhaltsam drang sie auf ihr Ziel vor, ob die anderen Heere folgten oder nicht. An Bernadotte brauchte Bluecher nicht mehr zu schleppen, da diesem Helden, nach seiner gloriosen Leistung bei Leipzig, das Kommando der Nordarmee genommen worden war. Und die Hauptarmee mit ihrem ganzen Tross von Monarchen, Fuersten und Diplomaten, kuemmerte ihn zunaechst wenig. Die schleppte sich im gewohnten Tempo, fern vom Schuss, bei Basel ueber den Rhein nach Frankreich hinein, blieb dort auf der Hochebene von Langres staunend stehen, und bewunderte die sonderbare Eigenschaft dieser Wasserscheide, von dort nach drei verschiedenen Meeren gleichzeitig ihr Wasser lassen zu koennen. Von all den Fluessen, die dort ihren Anfang nehmen, trug, wie zu billigen, die Seine den Sieg ueber die anderen davon. Aber schon ehe die Hauptarmee ihre schwerfaellige Masse nach dem Seinetal in Bewegung setzte, fingen die Diplomaten Oesterreichs, unter Metternichs Fuehrung, wieder an, dem Schwiegersohn ihres Kaisers auf der Friedensschalmei ein Staendchen zu blasen, und boten ihm die alten Grenzen Frankreichs von 1792 an und den ungestoerten Besitz seines Thrones fuer immer und ewig -, was in unserer Laiensprache so viel wie bis zum naechsten Krieg heisst. Denn Napoleon war ja, wie auch der preussische General von Knesebeck hervorhob -, er war ein foermlich anerkannter und recte gesalbter Monarch - er war Herrscher von Gottes Gnaden und hatte also zum mindesten auf die Gnade der Mitmonarchen einen Anspruch. Napoleon sah das auch ein, liess sich gnaedigst herbei, mit seinen Ueberwindern zu verhandeln, und schickte zu dem Zwecke seine Friedensboten nach Chatillon. Da war es wieder Bluecher, der den friedfertigen Kampfgenossen in den Arm fiel - aber in einer von ihm selbst am allerwenigsten beabsichtigten Weise, indem er sich an der Marne gruendlich - nicht _ein_-, sondern _fuenfmal_ von Napoleon schlagen liess. Denn der Korse, der da seine schoensten Loewenspruenge machte und bald dem einen, bald dem andern von den ihn umstellenden Jaegern an die Kehle sprang und tuechtig zauste, der fuehlte sich wieder als Herr und Gebieter und Baendiger der ganzen Welt. Er schlug die einzeln marschierenden Korps der Bluecherschen Armee nacheinander bei Montmirail, bei Chateau Thierry, Vauxchamps und Etoges. Er schlug Wrede und Wittgenstein bei Nangis und den Kronprinzen von Wuerttemberg bei Montereau. Und der Kamm schwoll ihm maechtig. Er sah, wie die Schar seiner Angreifer anfing langsam wieder nach dem Rhein zurueckzufluten. Bald wuerde er sie da hinueberwerfen und gaenzlich vernichten! Er hoerte schon seine leicht erregten Pariser ueber die Siegesbotschaften und die vielen Gefangenen jubeln. Sie wuerden ihm alles bewilligen, der neuen Gloire jedes Opfer bringen! Also keine Rede von Verhandlungen mehr! Er wuerde den Voelkern wieder den Frieden diktieren, wie sie es von ihm gewohnt waren! Fort mit den Schreibern und Diplomaten mitsamt ihren schlauen Finten und krummen Wegen! Ein Hieb des Schwertes zur rechten Zeit - das bliebe stets die einfachste und wirksamste Diplomatie! Napoleon bedankte sich also fuer die Gnade, die ihm die deutschen Fuersten gewaehren wollten, lehnte die Unversehrtheit eines verkleinerten Reiches und den Besitz eines nur auf franzoesischem Boden fussenden Thrones ab, rief seine Unterhaendler zurueck und stand wieder kampfbereit da, mit zermuerbten Armeen, aber im vollen Glanz seines Genies und seines Siegerruhmes, drohend, gewaltig, gefuerchtet. Da war's wieder Bluecher, der sich nicht blenden und verblueffen liess. An Genie dem Gegner gleich, an urwuechsigem Temperament ihm ueberlegen, hielt er stand, wo alles weichen wollte, gebot dem Imperator Halt und lenkte die rueckwaertsstrebende Bewegung wieder vorwaerts. Und die Saumseligen folgten schweren Herzens und ergaben sich in ihr Schicksal, die Fruechte ihrer Siege pfluecken zu muessen. * "_Sa Majeste l'empereur_" stand es mit grossen Buchstaben mit Kreide auf einer der Tueren im Korridor. An der Tuer zwei Gardisten in hohen Baerenfellmuetzen, die Gewehre mit aufgepflanztem Bajonett geschultert. Ein Adjutant kam eiligst die Treppe herauf, den Korridor entlang und auf die Tuer zu. Die Wachen praesentierten. Der Adjutant streckte die Hand nach der Klinke aus. Da oeffnete sich die Tuer, ein paar Ordonnanzen kamen eiligst heraus, die zusammengefalteten Zettel mit den soeben vom Kaiser diktierten Befehlen in der Hand, salutierten und eilten die Treppe hinunter. Gleich hinter ihnen trat Napoleon aus der Tuer heraus, den grauen Mantel noch offen, den dreieckigen schwarzen Hut auf dem Kopf. In seinem Gefolge waren Berthier und Caulaincourt. Der Adjutant gruesste. "Sire, es ist hoechste Zeit. Die Kosaken sind in der Stadt!" Napoleon machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand, ging an das Fenster gegenueber und blickte, die Arme ueber die Brust verschraenkt, ueber die Stadt und die Gegend hinaus. Wie oft hatte er nicht ueber diese Huegel, ueber diesen Fluss, diese Waelder geblickt, als er noch Zoegling der Koeniglichen Kriegsschule hier zu Brienne war! Von hier aus hatte seine Meteorenlaufbahn ihren blendenden Anfang genommen - hier war das Tor, durch das er ins bunte Abenteuer seines maerchenhaften Daseins hinausgeschritten war. Jetzt musste er wieder hier durch - zurueck ins ungewisse, mit bitteren Erfahrungen beladen, ohne den unbeugsamen Glauben, ohne das feste Vertrauen auf das Glueck, das Berge versetzt. Das Misslingen war auch bei ihm in den Bereich des Moeglichen gerueckt, seine Bahn zum Ausgangspunkt zurueckgebogen! Musste er wieder anfangen -, wieder die Schulbank druecken, wie damals, als ihm nichts unmoeglich, keine Aufgabe zu schwer erschienen war? Hatte er seine Schulaufgabe fuers Leben schlecht gelernt? Bekam er sie jetzt zur Wiederholung und zum Besserlernen zurueck? Wenn er auch noch tausendmal die Kraft zum Umlernen aufbringen wuerde -, haette er wohl noch den Mut, die Lust - die Zeit dazu? War's ueberhaupt der Muehe wert? War nicht alles eitel - nichtig -, zum Ueberdruss fade? Aus der Tiefe knallten Flintenschuesse, scharf, schneidend! Sie kamen naeher. Der Kaiser erhob sein Haupt mit einem Ruck, wie ein altes Kutschpferd, das wieder den Knall der Peitsche hoert, knoepfte den grauen Ueberrock zu und ging mit festen Schritten den Korridor entlang, ueber dessen Steinfliesen die sinkende Winternachmittagssonne ihren bunten Schein goss, und ging rasch die Treppe hinunter, von seinen Adjutanten und Generalstabsoffizieren und auch von den Wachtposten gefolgt. Gleich darauf rasselten Hufschlaege von Pferden uebers Pflaster. Die Flintenschuesse kamen naeher, Hurrarufe mischten sich hinein, Stimmengewirr und rasche Tritte auf der Treppe wurden laut. Dann kamen baertige Gestalten herauf, die Lammfellmuetze schief auf dem einen Ohr, Piken in den Haenden, die Saebel am Boden schleifend. Voran ein Offizier, neben ihm der Korporal, eine Liste in der Hand. Der Offizier zeigte auf die Tueren im langen Korridor und sprach bei jeder einen Namen aus. Der Korporal schrieb jedesmal den Namen auf die betreffende Tuer. Sie blieben an der Tuer stehen, durch die Napoleon gekommen war. Die Sonne war tiefer gesunken. Ihre Strahlen fielen gerade durch das Fenster und warfen ein buntes Farbenspiel ueber die Aufschrift. "_Sa Majeste l'empereur!_" las der Offizier. "Ist gut! Da brauchen wir uns die Zimmer nicht erst anzusehen. Da kommt der Obergeneral hinein!" Der Korporal liess sein Kreidestueck, das er schon im Anhieb hielt, auf den Tuerspiegel fallen und schrieb einen Namen hin. "Feldmarschall Bluecher" stand da in grossen Buchstaben unter der alten Aufschrift zu lesen. Ein Wink des Offiziers, und zwei Kosaken stellten sich jetzt rechts und links von der Tuer als Posten auf. Die Sonne draussen war schon halb hinter die Huegel gesunken, ihre letzten Strahlen roeteten nur noch ein wenig das weissgetuenchte Dach. Es daemmerte schon. Der Offizier befahl, die Kerzen in den Laternen auf den Treppenpfosten und an den Waenden anzuzuenden, und ging mit seinen Leuten weiter. Bald danach hallte das ganze Schloss von lauten Stimmen, schallendem Gelaechter, Saebelgerassel und Sporenklirren wider. Die Treppe kam's herauf, und bald waren sie da: eine Schar von Offizieren, allen voran der Feldmarschall Bluecher, und mit ihm seine Adjutanten: von der Goltz, Graf Nostiz, Gneisenau und andere. Die Wachen salutierten, die Adjutanten oeffneten die Tuer, alle traten ein. Im grossen Saale stand noch der Tisch gedeckt. Die Speisen waren unberuehrt. Bei der Eile des Aufbruchs hatte die Bedienung alles stehen- und liegenlassen, wie es war. "Der Kaiser sorgt gut fuer seine Gaeste!" rief der Feldmarschall. "Zu Tisch denn! Ich habe einen mordmaessigen Hunger! Die Flaschen drueben auf der Kredenz sehen nicht uebel aus. Rasch eingeschenkt! Auf unseren Gastgeber -, auf dass ihm der Deibel bald holt!" Sie tranken. Ein Krachen. In der Ecke des Saales barsten die Balken, Schutt und Gips flogen ringsumher. Eine Kanonenkugel hatte eingeschlagen und war durch den Boden weitergegangen. "Er blieb uns die Antwort nicht schuldig!" lachte Bluecher. "Der Kaiser wusste, wo die Suppenschuessel stand, und war wohlerzogen genug, uns nicht hineinzuspucken! Prost Mahlzeit, meine Herren! Der Wein ist gut! Kuemmert euch nicht um den Schutt!" rief er den Ordonnanzen zu, die sich gleich daranmachten, aufzuraeumen. "Das Haus gehoert uns nicht. Wir brauchen's nicht zu reparieren! Lasst es euch gut schmecken, Kinder! Hoffentlich haben's unsere Pferde auch nach Wunsch?" Der Adjutant, Graf Nostiz, gab zur Antwort, fuer die Pferde waere bestens gesorgt. Er hatte auch alles angeordnet, aber in seiner eigenen Weise, indem er sie nicht in die Stallungen, sondern nur um die Ecke des Schlosses fuehren und dort gesattelt bereithalten liess. Denn ihm schien es hier noch nicht ganz geheuer und auch nicht sicher, dass Brienne endgueltig in der Hand der Deutschen bliebe und nicht noch von den Franzosen durch einen Handstreich wiedergewonnen werden konnte. Zum mindesten fand er es verfrueht, schon jetzt das Hauptquartier hineinzuverlegen, ehe die Truppen das Glacis fest in der Hand hatten. Aber das Ungestuem des Feldmarschalls war nimmer zu baendigen. Nostiz ging mit dem Grafen Goltz auf die Terrasse hinaus, blickte in die Daemmerung hinein und dankte gleich dem Himmel, dass er so fuersorglich alles angeordnet hatte. Denn kaum war er draussen, so pfiffen ihm schon die Flintenkugeln um die Ohren, und die Scheiben in den Glastueren gingen klingend in Scherben. Kein Zweifel, der Kaiser war nicht gesonnen, Feinde hier mitten unter seinen Jugenderinnerungen hausen zu lassen. Er ging schon angriffsweise vor, kaum dass man sich in seinem warmen Neste zur Ruhe gesetzt hatte, und war schon im Begriff, das ganze feindliche Hauptquartier mit dem Feldmarschall und allen durch einen kuehnen Handstreich aufzuheben und in seine Gewalt zu bringen. Sie eilten hinein. Es hielt aber schwer, den eigensinnigen alten Bluecher dazu zu bringen, das Schloss, in dem er schon anfing sich wohl zu fuehlen, gleich wieder zu verlassen. Erst als die Schiesserei immer naeher kam, liess er sich ueberreden, hinunterzugehen und die Pferde zu besteigen. Es war aber fast zu spaet. Kaum auf der Strasse, galoppierten ihnen fliehende Kosaken mit den Rufen "Franzuski!" entgegen, und hinter ihnen her klabasterten schon flinke kleine Chasseurs mit einer Schnelligkeit, dass die Rossschweife an ihren Helmen wie Schleier hinter ihren Haeuptern flatterten. Mit Not gelang es noch, durch flinkes Einbiegen in eine Nebenstrasse ueber die Felder zu entkommen. Dort aber drehte sich Bluecher um, blickte nach der Stadt zurueck, wo schon aus allen Fenstern Lichter blinkten, und wo der Laerm des Strassenkampfes immer lauter durch das Dunkel tobte, und sagte: "Bilde dich nur nicht ein, dass du dorten lange ruhig schlafen wirst!" Als er aber nach einigen Tagen, nachdem er Napoleon geschlagen hatte, wieder nach Brienne kam und ins Schloss hineinzog, um drinnen doch das letzte Wort zu haben, da prangte auf der Tuer im Korridor nicht nur ueber den Worten "Feldmarschall Bluecher", sondern auch unter ihnen die Inschrift: "_Sa Majeste l'empereur_". Stracks nahm er aus der Hand seines Quartiermachers, der schon wieder bei der Arbeit war und von Tuer zu Tuer pilgerte, die Kreide, machte einen Strich quer durch die Rechnung und schrieb eigenhaendig darunter: "_Bluecher_". "Die Fremdenliste waere nun in Ordnung", sagte er schmunzelnd, gab ein Zeichen, die Tuer zu oeffnen, und befahl auch schleunigst, fuer Speise und Trank zu sorgen. Denn heute sei man bei sich selbst zu Gast, und man muesse doch fuer seine Gaeste sorgen! "Nachher koennen wir darangehen, mit dem Herrn Napoleon um das naechste Hotel zu raufen!" fuegte er hinzu. "Und mir soll's recht sein, wenn's sein Palais in Paris ist!" Fuer heute liess er sich's aber beim Feldmarschall Bluecher in Brienne gut schmecken, und wurde dabei von keinen lose herumstrolchenden Kugeln aus kaiserlichen Flinten und Kanonen mehr gestoert. * "Heute war man im Hauptquartier knieschwach mit Bescheid", sagte Yorck halblaut, als er durch den Abend von Laon nach seinem Quartier in Chambry ritt. "Dem Feldmarschall schien es heute nicht sosehr wie sonst daran gelegen zu sein, das Tanzbein zu schwingen!" Er schlug die Schneeflocken vom Rockaermel, hielt sein Pferd an und blickte ueber die Gegend hinaus. Der kurze Maerztag neigte sich seinem Ende zu. Durch das duenne Schneegestoeber sah man noch, wie durch einen Schleier, die kleine Stadt Laon auf ihrem Felsen aus der Ebene ragen, auf dem Rand des hoechsten Plateaus eine Reihe von Windmuehlen, die sich scharf gegen den Himmel abzeichneten. Tausende von Lichtern glitzerten ueberall. Den Fuss des Felsens saeumten die Biwakfeuer von Buelows Preussen. Rechts und links davon, durch die Vorstaedte, bis weit ueber die Ebene hinaus, zeigten Feuer an Feuer die weitere Aufstellung von Bluechers Armee an. Hinter den Suempfen, der Stadt gegenueber, auf der Senkung des dort verlaufenden niedrigen Plateaus, rueckten die Franzosen heran. Nach dem unentschiedenen Gefecht bei Craonne, am vorhergehenden Tage, war Napoleon selbst mit seinen Garden den weichenden Truppen Wintzingerodes auf der Strasse von Soissons hierher gefolgt und hatte sie aus dem Pass bei Etouvelles ueber den Ardonbach zurueckgeworfen. Oestlich von ihm, auf der Strasse von Reims, rueckte Marmont auf das gleiche Ziel zu. Bluecher hatte hinter dem Felsen von Laon die beiden russischen Korps Sacken und Langeron als Reserve aufgestellt, um je nach der Kampflage rechts oder links hinter der Stadt vorzubrechen. Nach seiner Vereinigung mit Buelows ueber Holland heranmarschierten Truppen war er jetzt Napoleon doppelt ueberlegen. Er hatte auch vollstaendige Selbstaendigkeit von der Hauptarmee erlangt und brauchte sich um die langsamen Bewegungen Schwarzenbergs nicht zu kuemmern. Nichts wuerde ihn daran hindern koennen, die letzte Scharte auszuwetzen und dem Korsen die heimtueckischen Ueberfaelle an der Marne heimzuzahlen! So hatte er sich heute Yorck gegenueber geaeussert, aber nicht in seiner gewohnten energischen Weise, sondern mit einem mueden, abgespannten Ausdruck in der Stimme, der seinen Worten geradezu widersprach. Yorck lachte noch haemisch darueber, als er langsam durch das Schneegestoeber weiterritt. Man war im Hauptquartier sogar mehr als loeblich knieschwach geworden! Die "Kraftgenies" und Draufgaenger dort, die sonst mit ihrem Ungestuem die Soldaten abhetzten, hatten auf einmal ihre ganze Schwungkraft verloren! Bluecher, sonst die nie versiegende Hauptquelle aller Energie, war ueber Nacht zusammengeklappt und ein mueder Greis geworden! War es nur eine voruebergehende Abspannung? Oder bereitete sich eine ernsthafte Erkrankung vor? Ganz apathisch hatte er heute dagesessen, einen Schirm vor den Augen, und hatte fast teilnahmlos zugehoert, wie Mueffling und Gneisenau den eingefangenen Hannoveraner Palm examinierten, der im Bureau des franzoesischen Generalstabschefs Berthier irgendeine Vertrauensstellung eingenommen hatte, und heute von den Kosaken aufgegriffen worden war. Er hatte sich nicht einmal geaergert, ja kein einziges Mal geflucht, als dieser ihm bezeugte, die gestrige Affaere bei Craonne haette eine vernichtende Niederlage fuer Napoleon werden koennen, wenn die Preussen diesem, wie befohlen, bei Corbeny in die linke Flanke und in den Ruecken gefallen waeren. So aber hatte seine Nachhut unter Wintzingerode die ganze Wucht des Angriffs allein auszuhalten gehabt und hatte sich nutzlos verblutet. Und man konnte den Tanz wieder von vorn anfangen. Dabei waere der Sieg so kinderleicht herbeizufuehren gewesen! Als sich ein paar Husaren und Kosaken auf dem Wege von Fetieux bloss zeigten, hatten die franzoesischen Train- und Artillerieknechte die Straenge durchgeschnitten, alles stehenlassen, und waren davongeritten. Eine regelrechte Panik war schon im Entstehen. Aber die preussische Kavallerie, die man schon glaubte heransausen zu hoeren, kam nicht! Und aus der sicheren Niederlage wurde so ein unentschiedenes Nachhutgefecht. Das alles hatte ihnen der gefangene Kommissar Berthiers klipp und klar auseinandergesetzt. Und Bluecher hatte keinen Ton gesagt, kein einziges Donnerwetter ueber die verfluchte Schweinerei losgelassen! Gneisenaus Gesicht war immer laenger geworden! Sie hatten alle beide ploetzlich die Sicherheit eingebuesst! Ihre Kraft schien erlahmt zu sein! - Sonst schoben sie um des grossen Zieles willen jedes Bedenken beiseite und zwangen die Soldaten zu den groessten Strapazen. Jetzt aber haeuften sie Bedenken ueber Bedenken und waren aengstlich darauf bedacht, ihre Leute zu schonen! Yorck hatte laut lachen muessen, als Gneisenau ihm in allem Ernst erklaerte, man muesse die Truppen schonen, damit der Koenig bei den Friedensverhandlungen noch eine Armee haette, um sie in die Wagschale werfen zu koennen! Daran dachte der gute Gneisenau sonst gewiss nicht! Er war sonst stets von hochfliegenden strategischen Plaenen und genialen Entwuerfen so erfuellt, dass eine solche Kleinigkeit wie ein Menschenleben mehr oder weniger ihn nicht im geringsten kuemmerte. Und jetzt auf einmal die diplomatischen Schmerzen! War er kopfscheu geworden, als er die wohlgenaehrten, gut gekleideten und tadellos ausgeruesteten Soldaten Buelows sah, die trotzdem auf glaenzende Siege in Holland zurueckblicken durften - und neben ihnen die verhungerten, abgerissenen, zerlumpten Schlesier Yorcks, die wie die "Grasteufel" aussahen, und, ungeachtet aller Strapazen, in der letzten Zeit doch nur Niederlagen gehabt hatten? Sei's wie es sei, jedenfalls hatte Gneisenau stillschweigend sein Unrecht zugegeben, und das erfuellte Yorcks Seele mit einer stolzen Genugtuung und gab ihr Leichtigkeit und Schwung. Der Widerspruchsgeist, der ihm sonst stets innewohnte, steigerte sich bis zum spitzbuebischen Uebermut. Er wollte Gneisenau, wollte das ganze Hauptquartier noch mehr ins Unrecht setzen. Jetzt, wo die zauderten und nicht mehr vorwaerts wollten, jetzt wollte er. Er, der sie sonst immer zurueckhielt, ging ihnen jetzt aus reinem Trotz durch und liess so das Donnerwetter los, das wegen der Krankheit Bluechers und der schwachen Stunde Gneisenaus im Sturmzentrum selbst zu erlahmen drohte! Froehlichen Herzens gab er seinem Pferd die Sporen, kam in sausendem Galopp am Bauernhause in Chambry an, wo er sein Quartier hatte, sprang aus dem Sattel und trat in den Saal hinein. Um den flammenden Kamin sassen die Offiziere seines Stabes in froehlicher Runde und lasen mit verteilten Rollen aus Shakespeares Heinrich dem Vierten. Yorck winkte ihnen zu, sich nicht stoeren zu lassen, setzte sich auch an den Ofen, starrte zerstreut ins Feuer und lauschte auf das Rasseln der Verse. "O mein Gemahl, was seid Ihr so allein?" lispelte mit hoher Fistelstimme ein junger Leutnant die Rolle von Lady Percy hervor. Indes ein dicker Oberst mit tiefem Bass und gewaltiger Inbrunst den Heisssporn Percy mimte und sich gar nicht an sie kehrte. "Fuer welchen Fehl war ich seit vierzehn Tagen, Ein Weib, verbannt aus meines Heinrichs Bett? Sag', suesser Gatte, was beraubt dich so Der Esslust, Freude und des goldenen Schlafs? - - - - - - - - Ich habe dich bewacht in leichtem Schlummer, Und dich von eh'rnem Kriege murmeln hoeren, Dein baeumend Ross mit Reiterworten lenken Und rufen 'Frisch ins Feld!' Dann sprachest du Vom Ausfall und vom Rueckzug, von Gezelten, Laufgraeben, Basilisken und Kanonen. Ein schwer Geschaeft hat mein Gemahl in Haenden. Und wissen muss ich's, wenn er mich noch liebt." "Fort, du Taendlerin -", bruellte der Oberst den jungen Leutnant an. Ich lieb' dich nicht, Ich frage nicht nach dir. Ist dies 'ne Welt Zum Puppenspielen und Mit-Lippen-fechten? Nein, jetzo muss es blut'ge Nasen geben, Zerbrochene Kronen, die wir doch im Handel Fuer voll anbringen. Alle Welt, mein Pferd! Was sagst du, Kaethchen? Wolltest du mir was?" "Ihr liebt mich nicht? Ihr liebt mich wirklich nicht?" lispelte der Leutnant weiter. "Nein, sagt mir, ob das Scherz ist oder Ernst?" Worauf der Oberst jaeh aufschnellte und veraechtlich lachte: "Komm, willst mich reiten sehen? Wenn ich zu Pferde bin, so will ich schwoeren: Ich liebe dich unendlich. Doch hoere, Kaethchen: Du musst mich ferner nicht mit Fragen quaelen, Wohin ich gehe, noch raten, was ich soll! Wohin ich muss, muss ich: und, kurz zu sein: Heut abend muss ich von dir, liebes Kaethchen. Ich kenne dich als weise, doch nicht weiser Als Heinrich Percys Ehefrau. Standhaft bist du, - jedoch ein Weib, und an Verschwiegenheit Ist keine besser, denn ich glaube sicher: Du wirst nicht sagen, was du selbst nicht weisst! Und soweit, liebes Kaethchen, trau ich dir." Sie lasen schlecht, mit falschem Pathos, viel Stimmenaufwand und gewaltiger Mimik. Yorck achtete nicht darauf. Ein ungestuemer Tatendrang war rein aus Trotz ueber ihn gekommen, seitdem er sah, wie zaghaft man im Hauptquartier geworden war. Er wollte jetzt die Zuegel aufnehmen, die man dort schleifen liess, die Fuehrung an sich reissen, einen waghalsigen Coup unternehmen und so mit einem Schlag den Krieg zu Ende fuehren! Wie, das sah er noch nicht klar. Er fuehlte nur bestimmt, im voraus, das grosse Geschehnis nahen und wurde wieder jung und waghalsig wie jener Brausekopf Percy in Shakespeares Stueck. Er wuerde, wie dieser, weder sehen noch hoeren koennen, bis jener Gedanke, der ihn ganz erfuellte, in lebende Tat umgesetzt worden war! Am andern Morgen war dichter Nebel ueberall. Es wollte nicht Tag werden. Man war zum Angriff bereit. Da pfiff es ploetzlich den wackeren Kaempfern um die Ohren. Flintenkugeln flogen aus naechster Naehe in die Stadt und in das Lager Yorcks. Wie ein Schwarm Hornissen, so summte und brummte es den Yorckschen um die Ohren, ohne dass es moeglich war zu entdecken, woher es kam. "Das sind die Bienen des Kaiserreiches!" sagte Yorck. "Die kommen herangesummt mit dem Morgengruss vom Kaiser! Die paar Insekten machen aber noch lange keinen Sommer! Wir werden den frechen Kerls von Tirailleurs schon eins auswischen!" Der Nebel hob sich gegen elf Uhr, und als die Sonne durchbrach und die Gegend erhellte, konnte der Posten oben auf der hoechstgelegenen Windmuehle melden, dass die Armee Napoleons zu beiden Seiten der Strasse von Soissons Aufstellung genommen hatte und zum Angriff vorging. Bald entbrannte auf der ganzen Linie der Kampf. Napoleon konnte aber gegen die Uebermacht der Bluecherschen Armee nicht an. Es gelang ihm nur, dessen Vorposten aus Etouvelles zu vertreiben und den dortigen Pass ueber den Ardonbach zu besetzen. Im Laufe des Tages rueckte dann oestlich von ihm auf der Reimser Strasse Marmont heran und suchte gleich um die linke Flanke Yorcks herumzufuehlen, mit der deutlichen Absicht, ihm die Rueckzugsstrasse nach den Niederlanden abzugewinnen. Dem wurde rasch durch Kavallerie begegnet, Yorck zog seine Vorposten aus dem vor seiner Front liegenden Dorfe Athis heraus und liess es anzuenden, um ein verlustreiches Dorfgefecht zu vermeiden. Von beiden Seiten wurde eifrig kanoniert. Aber der erwartete Sturmangriff der Franzosen unterblieb, und als der kurze Wintertag zu Ende ging, hatte der Feind sich damit begnuegt, seinen Aufmarsch zu vollenden und vorteilhafte Angriffsstellungen fuer den naechsten Tag einzunehmen. Seine Truppen durften sich zur Ruhe begeben. Aber die Ruhe goennte ihnen Yorck nicht. Er hatte ihre Passivitaet als ein Zeichen der Schwaeche aufgefasst und sich gleich entschlossen, sie beim Einbruch der Dunkelheit zu ueberfallen. Er holte die Genehmigung des Oberkommandos ein und traf sofort seine Anordnungen. "Das Vorruecken geschieht in geschlossenen Kolonnen und lautlos, bis man an den Feind kommt. Es faellt kein Schuss, es wird nur mit dem Bajonett angegriffen" - so lautete sein Befehl. Alles setzte sich in Bewegung. Vorwaerts ging es ueber den gefrorenen Boden gegen die Linie der feindlichen Feuer bis auf fuenfhundert Schritt Entfernung. Da brach auf einmal ein Hoellenlaerm los. Auf allen Trommeln wurde Sturm geschlagen, die Trompeten und Fluegelhoerner schmetterten und tuteten, und mit schallendem Hurra warfen sich die braven Schlesier auf den Feind, der, vollkommen ueberrascht, an keinen Widerstand dachte, Hals ueber Kopf floh und alles im Stich liess. Er wurde kraeftig verfolgt. Und nach ein paar Stunden konnte Yorck dem Hauptquartier melden, dass das ganze Korps Marmonts aufgerieben sei, seine gesamte Artillerie und Munition, Tausende von Toten und Gefangenen verloren und auch das anmarschierende Korps Mortiers mit in die Flucht gerissen hatte. Napoleons Stellung war dadurch verzweifelt geworden. Er stand vor Etouvelles mit wenig ueber dreissigtausend Mann, seine beiden Fluegel waren erschuettert, er hatte einen nunmehr dreifach ueberlegenen Feind sich gegenueber und den Engpass von Etouvelles als einzige Rueckzugsstrasse. Wenn Bluechers Armee ihren Sieg ausnutzte und rasch weiter vorging, so war er verloren, denn er wuerde sich dann einer Umzingelung nicht mehr entziehen koennen. Demgemaess wurde auch zunaechst vom Oberkommando disponiert. Buelow und Wintzingerode sollten Napoleon festhalten, die anderen Korps von der Reimser Strasse seine rechte Flanke umgehen, Sacken und Langeron um seine linke Flanke herumgreifen und versuchen, ihm die Strasse nach Soissons zu verlegen. Bei Anbruch des Tages war schon alles auf dem Marsch. Yorck triumphierte schon im voraus. Das Manoever konnte nicht misslingen. Man hatte endlich den Loewen in der Falle! In ein paar Stunden waere er umringt und vernichtet und der Krieg zu Ende. Alles draengte begeistert vorwaerts, sich der Groesse der bevorstehenden Entscheidung bewusst, und bereit, das Letzte herzugeben, um sie herbeifuehren zu helfen. Da fiel das eigene Hauptquartier dem ungestuem Vorwaertsdraengenden jaeh in den Arm. Gneisenau sandte ueberallhin Konterorders und befahl, den so ruestig begonnenen Vormarsch einzustellen und in die alten Stellungen zurueckzugehen. Entgegen aller Vermutung war Napoleon zum Angriff geschritten, in der richtigen Voraussetzung, dass ein Feind, dessen Korps er erst kuerzlich einzeln geschlagen hatte, es jetzt nicht wagen wuerde, sie noch einmal voneinander zu trennen, sondern vor allem bestrebt sein muesste, sie einem Angriff gegenueber jetzt sofort zusammenzufassen. Er versuchte also, als der groessere Menschenkenner, den Gegner zu bluffen, und der Versuch gelang. Die Rueckberufungsbefehle Gneisenaus flogen eiligst nach allen Seiten hinaus. Yorck bat, bei der Stange bleiben zu duerfen, er gab gute Gruende, er drohte, er fluchte, aber nichts half! Er, der sonst immer vom Hauptquartier angetrieben werden musste, tat jetzt sein Aeusserstes, um es zur Tat mitzureissen, aber vergebens. Gneisenau war unerbittlich. Alles musste zurueck. Der sichere Triumph ueber den "Feind der Menschheit" glitt Yorck aus den Haenden. Er musste gehorchen. Aber in sein Quartier zurueckgekommen, befahl er seinen Wagen, liess seine Koffer hineinwerfen, nahm Platz und fuhr ohne weiteres von seiner Armee fort. Das liess er sich nicht gefallen - das machte er nicht mehr mit! Da koennte kommandieren, wer wollte - er hatte es jetzt satt! Zu dem Aerger, von Napoleon gefoppt zu sein, kamen jetzt bei Gneisenau die Schwierigkeiten mit Yorck. Die Insubordination durfte nicht hingenommen werden. Aber einem Mann wie Yorck konnte man nicht einfach eine Kugel vor den Kopf geben. Bluecher allein vermochte da Wandel zu schaffen. Und Bluecher war krank. Er fieberte, er phantasierte und nahm an allem Geschehen keinen Anteil. So ruhte alle Verantwortung auf Gneisenaus Schultern. Und dieser sonst vor nichts zurueckschreckende Mensch hatte eben seine "schwache" Stunde gehabt. Dass Bluecher einen Sieg nicht bis zum Aeussersten ausnuetzte, das war noch nicht dagewesen! Das ging nicht mit rechten Dingen zu! Das empfand jetzt die ganze Armee. Er war entweder tot oder todkrank. Das stand fest. In beiden Faellen musste ein neuer Oberbefehlshaber an seine Stelle treten. Das Kommando waere dann einem von den russischen Generaelen zugefallen, und das durfte auch nicht sein. Die Krankheit Bluechers wurde also verheimlicht. Gneisenau amtierte in seinem Namen weiter - nicht aber, wie sonst, in seinem Sinn. Der Konflikt mit dem tuechtigsten Korpsfuehrer der Armee war da und musste aus der Welt geschafft werden! Tot oder lebend musste Bluecher auf der Buehne erscheinen und das besorgen. Aber wie das bewerkstelligen, wo der Alte in Fieberphantasien dalag und auf keine Anrede eine vernuenftige Antwort gab?! Gneisenau ging mit Mueffling zu ihm hinein. In einer Ecke des Krankenzimmers brannte, dicht verhangen, eine Lampe. Der Leibarzt Bluechers, Bieske, sass daneben, sanft eingeschlummert. Im Bett waelzte sich Bluecher unruhig hin und her, die Augen mit einem alten gruenseidenen Damenhut gegen das kaum merkbare Licht geschuetzt. Die Augen schmerzten ihn. Ein zitterndes Flimmern lag ueber der Netzhaut, im Spiel der Farben wogte alles hin und her, Gestalten tauchten auf, drangen von allen Seiten auf ihn ein, schlossen die Glieder, zogen in endloser, dichtgedraengter Schar an ihm vorueber, ernst, langsam und wuerdig wie zu einer Trauerparade -, Offiziere in Gala-Uniform mit roten Kragen und hohen Blechmuetzen, die Gesichter ernst und blass wie der Tod, die Augen geschlossen, feierliche Ruhe in den Zuegen, an der Seite jedes einzelnen eine Frau in Trauer, den verschleierten Kopf schmerzvoll geneigt. So zogen sie ohne Unterbrechung an ihm vorbei, wo er draussen auf einem Felsen am Rhein stand. Aus allen Schluchten, aus allen Waeldern, aus allen Taelern ringsumher stroemten sie in immer dichteren Scharen an ihn heran und nach dem Ufer des Rheins hinab, stiegen ins Flusstal hinunter und zogen dort weiter, immer weiter gegen die Abendsonne hin. Die Blechmuetzen glitzerten und blitzten, von den schwarzen Trauerschleiern der Frauen umwallt. - Wie ein Spiel der Wellen im Abendsonnenschein, so flimmerte es vor den Augen, verwob sich in der Ferne mit dem Widerschein auf dem Wasser und wurde zu einem einzigen Strom, der leuchtend und flammend sich weiter den Weg durch die Felsen frass. Die Augen schmerzten vom vielen Glanz! Da erhob sich ploetzlich eine dunkle Masse dicht vor ihm. Ein Felsen wuchs aus der Erde, hart, eckig und knorrig - kein Felsen - eine menschliche Gestalt war's, mit zwei Koepfen, in Wut verzerrt, die miteinander rauften, dass die ganze Gestalt ins Wanken kam. - Yorck war's! Bluecher frohlockte! Da war er endlich hinter das Geheimnis Isegrims gekommen! Nicht einen -, _zwei_ gleich harte Koepfe hatte der alte Kerl, die sich stets widersprachen! Das war des Raetsels Loesung, deshalb war mit ihm nicht auszukommen! Da fuhr ihm blitzschnell der Gedanke durch den Kopf: Yorck hielt ebenso streng auf Ordnung bei seiner Truppe wie er selbst und duldete keine Trosswagen hinter der Marschkolonne. "Mein Champagnerwagen!" rief er ploetzlich, setzte sich im Bett auf und hielt krampfhaft den alten gruenen Hut ueber die Augen gepresst. "Mein Champagnerwagen!" Denn er hatte fuersorglich eine Fuhre Champagner direkt von der Quelle nach Hause senden lassen, und er gab seitdem seinen Mitarbeitern keine Ruhe, ehe er nicht diesen Schatz gluecklich in Sicherheit jenseits der Grenze wusste. "Mein Champagnerwagen!" schrie er. "Sorgt nur dafuer, dass der Isegrim ihn nicht erwischt. Der baerbeissige alte Kerl hat ja zwei Koepfe! Er hat _zwei Maeuler zum Saufen_! Er trinkt mir meuchlings den ganzen Krempel aus! Her mit Papier und Tinte! Ich muss es ihm schreiben -" Mueffling legte ihm ein Blatt Papier vor, und rasch, kaum leserlich, kritzelte Bluecher ein paar Worte darauf, reichte ihm den Papierfetzen hin und sank ins Bett zurueck. Eingedenk Ratkaus, wo dieser ihm auch etwas zum Unterschreiben ans Bett gebracht hatte, rief er ihm noch energisch zu: "Aber ich kapituliere nicht, Mueffling, ich kapituliere nicht!" Dann fiel er ins Bett zurueck, blieb liegen und blickte bald Gneisenau, bald Mueffling eigentuemlich an. "Komm Er her!" rief er ploetzlich. "Naeher, nur immer naeher, ich will Ihm etwas sagen!" Mueffling beugte sich zu ihm herab, und fluesternd und geheimnisvoll nickend, fing der Alte an: "Weiss Er was? Ich habe ein Gefuehl im Leib, als waere ich mit einem Elefanten schwanger - es dehnt sich und dehnt sich - manchmal ist's mir, als waere mir die Stube schon zu eng - ich moechte nur wissen, wie das kommt - und auch, auf welchem Wege ich so'n Ungetuem wohl auf die Welt bringen werde?" Das wurde Gneisenau zuviel. Entschlossen trat er an das Bett heran. In kurzem, scharfem Ton, der unbedingt die Aufmerksamkeit des Kranken erzwang, erzaehlte er von der Desertion Yorcks, die unbedingt die sofortige Dazwischenkunft des Oberkommandierenden erheischte, um peinliches Aufsehen zu vermeiden. Bluecher begriff. Die Wut packte ihn, verscheuchte im Nu die Fiebergespenster und machte seinen Geist sofort ganz klar. "So'n Hundsmiserabler -, so'n Sauverfluchter! Und dabei hat der Kerl ganz recht! Wir sind im Unrecht! Himmeldonnerwetter, klappe ich einmal einen Augenblick zusammen, gleich geht alles schief! Wir haetten verfolgen sollen, Gneisenau - haetten bei der Stange bleiben muessen, wo wir endlich einmal den Kerl, den Korsen, im Sack hatten! Ja, sage Er einmal, Gneisenau, wo hatte Er das mit dem Hangen und Bangen nur ploetzlich her? Das kenne ich sonst nicht bei Ihm? Es waere schon besser, das Fieber haette Ihn gepackt, nicht mich! Verflucht, dass ich gerade jetzt das Pech haben musste, dazuliegen. Das muss ich wiedergutmachen. Her mit Tinte und Papier! - Er ist ein altes Ekel, ein ruppiger Hund, der Isegrim! Aber - wie prachtvoll hat er nicht soeben den Franzosen angebissen! - Nun, wo bleibt das Papier? Der Fetzen da taugt -, her damit!" Er deutete auf seinen Brief, den er vorhin geschrieben hatte. Mueffling reichte ihn ihm. "Da steht schon etwas drauf!" sagte Bluecher, der alles bereits vergessen hatte. "Lese Er's mir vor, die Augen schmerzen mir!" Mueffling las. "Mein lieber, alter Freund! So etwas tun wir beide einander doch nicht an. Was wuerde die Geschichte dann von uns sagen? Ihr alter Bluecher." "Betrifft den Champagnerwagen Eurer Exzellenz", fuegte Mueffling dann aufklaerend hinzu. Bluecher blickte ihn an. "Ob's Yorck betrifft, ob die Witwe Cliquot, steht jedenfalls nicht drin. Das taugt denn gleich gut fuer alle beide. Was soll ich mich da noch abquaelen! Schicken wir das ab! Das genuegt!" So dachte auch Yorck, als der mit dem Briefe nachgesandte Kurier ihn noch am selben Tage erreichte. Denn ihn reute schon der uebereilte Schritt. Er griff begierig nach der dargebotenen Hand, benutzte die ihm gebaute goldene Bruecke, kehrte zu seinem Korps zurueck, und alles war in bester Ordnung. Bis auf Napoleon, der aus der Umklammerung entschluepft war, und hinter dem nun das Kesseltreiben weiterging. Bluecher aber fiel in tiefen Schlaf und war von Stund ab fieberfrei. Er blieb zwar noch koerperlich schwach, aber gewann sonst schnell die alte Energie wieder und trieb mit dem prachtvollen Feuer seines Geistes alles vorwaerts aufs Ziel. Sogar seinen alten Koerper bezwang er! Der konnte zwar nicht in den Sattel hinauf, der musste sich im Wagen mitschleppen lassen. Halb sass Bluecher, halb lag er da, in Pelze eingewickelt, die Augen durch den gruenen Damenhut geschuetzt. So zog er langsam hinter dem von ihm entfesselten Sturm her und wurde von ihm mitgezogen. Und jetzt gab's keine Hindernisse, keinen Widerstand mehr. Was in den Weg kam, wurde fortgefegt. Napoleons kecker Versuch, durch einen schnellen Marsch nach dem Rhein die Feinde von seiner Hauptstadt abzuziehen, misslang. Die Hauptarmee zauderte wohl wie immer. Schwarzenberg waere am liebsten zurueckgelaufen, als er vom Zug Napoleons hoerte, liess sich aber schliesslich doch bestimmen, ihm nur eine Reitertruppe zur Beobachtung nachzuschicken, und folgte dann langsam in Richtung Bluecher, vorwaerts auf Paris. * Am 31. Maerz 1814 hielten der Zar aller Reussen und der Koenig von Preussen an der Spitze ihrer Garden feierlichen Einzug in Paris. Die Schlesische Armee durfte nicht mittun. Sie hatte die Hauptlast des ganzen Feldzuges getragen, hatte geblutet, gehungert, gefroren, Gewaltmaersche geleistet, Schlachten gewonnen, Festungen erobert, in Schnee und Eis notduerftig auf blossem Boden biwakiert, von der Katzbach bis zum Montmartre Ungeheures verrichtet. Und jetzt, am Ziel, statt Ehren, Dank und reichen Lohn fuer alles ertragene Muehsal zu erhalten, musste sie sich damit begnuegen, aus der Ferne einen Blick ins Gelobte Land zu tun. Sie durfte von der Barriere des Montmartres die schoene Seinestadt zu ihren Fuessen bewundern, die, von allen Herrlichkeiten und Genuessen der Welt erfuellt, sich dort unten ausbreitete. Sie musste trockenes Kommisbrot essen und auf den Strassen biwakieren, statt in den Buergerhaeusern einquartiert zu werden. Und vom Koenig, fuer den sie geblutet hatten und dessen vornehmste Pflicht es gewesen waere, aufs beste fuer sie zu sorgen, von ihm mussten sie hoeren: ihre Montierung waere nicht propre genug; sie waere zu zerrissen und unsauber, um beim feierlichen Einzug in diese glaenzende Stadt damit paradieren zu koennen. Man konnte wohl den Krieg in Lumpen gewinnen, aber nie und nimmer in Lumpen triumphieren. Zum Triumphieren waren die Garden da. Dazu waren sie und ihre Uniformen die ganze Zeit geschont worden. Und, damit sie auch nicht zu spaet kaemen, um jener Ehre teilhaft zu werden, musste die Schlesische Armee, die zwei Tage frueher ohne Kampf haette Paris nehmen koennen, auf Allerhoechsten Befehl einen Umweg um die Stadt machen. Die Folge war, dass die Marschaelle Mortier und Marmont noch mit ihren Truppen zur Verteidigung herankommen konnten, und dass noch viel Blut fliessen musste, ehe Paris sich ergab. Auch vom geheiligten Blut der Garden, die sich mit gewohnter Tapferkeit schlugen, als sie endlich mal ran durften. Bluecher machte aus Wut den Einzug nicht mit. Yorck lehnte auch ab mit der Begruendung, er haette keine Pariser Kleider mit. Bluecher war gesundheitlich wieder obenan. Seine Augen mussten aber immer noch von einem Schirm geschuetzt werden. Mit dem gruenen Damenhut wagte er aber bei all seiner Tapferkeit den Parisern doch nicht zu kommen. Zu Pferd war er noch nicht gewesen. Aber sein Mundwerk war wieder instand, und die Galle funktionierte, wie sie sollte. Der Einzug war schon seit mehreren Stunden vorueber. Vorher, schon in aller Fruehe, hatte der Maire irgendeines Pariser Arrondissements nebst einer Buergerdeputation bei Bluecher vorgesprochen, um ihm ihre ehrerbietigsten Gruesse zu Fuessen zu legen und ihn zu bitten, die Buergerhaeuser von Einquartierung zu befreien. Das fand Bluecher empoerend. Seinen braven Schlesiern zuzumuten, auf den Strassen zu kampieren, mit Tausenden von reich ausgestatteten Haeusern vor Augen! Das ginge doch zu weit. "Ruehle!" rief er seinen Adlatus herbei. "Er kann ja mit denen parlieren! Sage Er ihnen von mir: der Tyrann hat alle Hauptstaedte besucht, gepluendert und gestohlen. Wir wollen uns so was nicht zuschulden kommen lassen. Aber unsere Ehre fordert das Vergeltungsrecht, ihm in seinem Neste den Besuch zu erwidern, und da waere es wohl doch nicht zuviel, wenn wir allesamt mit Speise und Trank ordentlich bewirtet und gut einquartiert werden. Wir lassen unsere Gaeste nicht auf der Strasse schlafen! Da sollen sie nur die franzoesischen Soldaten fragen, wie sie's bei uns gehabt haben! Sage Er's! Nein! Warte! Er ist ein Filou! Ich sag's ihnen selbst!" Er stellte sich dann breitbeinig vor der Buergerdeputation auf, bohrte seine Blicke in sie und fing mit weithin schallender Stimme an: "Messieurs!" Und dann war er mit seinem Franzoesisch zu Ende. "So," rief er dem Major Ruehle zu, nun _sage Er ihnen den Rest_! Aber ohne Firlefanzen!" Und er guckte dem Major hoellisch auf die Lippen, als der seinen Auftrag erledigte, und begleitete jeden Satz, den dieser sprach, mit so drohenden Blicken auf die braven Pariser Buerger, dass sie darob eigentlich haetten in die Erde sinken muessen, was sie aber lieber unterliessen. Am meisten regte sich Bluecher an dem Tage ueber die Monarchen auf. Nach dem Einzug hatten sie nichts Eiligeres zu tun gehabt, als sich zu einer Sitzung bei Talleyrand zusammenzufinden, um ueber das Schicksal Frankreichs, zu dessen Herbeifuehrung sie selbst so wenig getan hatten, zu beschliessen. Der Zar, der Koenig von Preussen, Nesselrode, Talleyrand und andere traten da zur Beratung an. Aber Bluecher, dem in erster Reihe der grosse Sieg zu verdanken war, wurde nicht gebeten. Sie beschlossen sofort die Absetzung Napoleons und verwarfen einstimmig die Nachfolge seines Sohnes. Talleyrand, bis vor wenigen Tagen der getreue Minister und Sachwalter Napoleons, nahm dann das Wort und behauptete dreist: ganz Frankreich sehne sich unaussprechlich nach der Rueckkehr der Bourbonen. Man moege den Franzosen ihr geliebtes Koenigshaus wieder bescheren. Die Fuersten und ihre Berater staunten. Wo sie durchs Land gekommen waren, hatten sie nirgends eine Begeisterung fuer das alte Koenigshaus bemerkt, wohl aber immer noch fuer den Kaiser. Sofort hatte Talleyrand ein paar Leute bei der Hand, die Stein und Bein schwuren: das franzoesische Volk in seiner ueberwaeltigenden Mehrheit wuensche nichts sehnlicher, als die Schuhsohlen der Bourbonen zu lecken. Es waren ein paar Leute von jener Sorte, die bei Umwaelzungen stets gleich bei der Hand sind, um sich auf irgendeine bemerkbare Stelle vorzudraengen, indem sie tun, als ob eigentlich _sie_ die siegreiche "Bewegung" geleitet haetten, und deshalb als Lohn die lukrativsten Posten beanspruchen koennten. Sie sprachen beredt, sie sprachen tiefbewegt, mit dem Brustton des ueberzeugten und doch so besorgten Patrioten. Und man war viel zu gut erzogen, um das nicht zu goutieren. Dem guten franzoesischen Volk duerfe man einen mit solcher Inbrunst vorgebrachten Herzenswunsch nicht versagen. Der Koenig von Preussen sass ganz teilnahmlos da. Zar Alexander blickte ihn von der Seite an und dachte an Tilsit und an seine Begegnung mit Napoleon auf dem Memelfluss, wo sie mit leichtem Herzen ueber das Schicksal Preussens hinweggegangen waren. Er dachte an sein Versprechen an den Koenig von Preussen. Und dabei fiel ihm ein, dass er auch heute sein Wort verpfaendet hatte und also verhindert war, ohne weiteres der Rueckkehr der Bourbonen zuzustimmen. Eine laestige Sache! Aber ein Wort ist ein Wort! Und haette er es Bernadotte nicht gegeben, er haette ihm Finnland zurueckgeben muessen, um seine und Schwedens Teilnahme am Kriege zu gewinnen! Jetzt war ja der Krieg gluecklich gewonnen! Aber trotzdem - Der Zar liess also laessig ein paar gleichgueltige Worte ueber Bernadotte fallen und fragte die erlauchte Versammlung, ob es sich nicht empfehle, diesen bei den Franzosen angeblich so beliebten Fuersten mit der Regierung Frankreichs zu betrauen. Gleich hatte Talleyrand wieder einen anderen Kronzeugen bei der Hand, der hoch und heilig beteuerte, in der ganzen Armee waere Bernadotte als Mensch und Soldat gleich veraechtlich. Man wollte keinen Militaer an der Spitze des Staates mehr. Wollte man das, so hatte man ja Napoleon, den ersten Soldaten der Welt, und brauchte keine von seinen Kreaturen zu nehmen. Wozu denn das ganze Blutvergiessen, wenn alles beim alten bliebe?! Das sahen die Monarchen auch gnaedigst ein. Und damit die Sache einen Sinn bekaeme - denn die Befreiung Deutschlands genuegte den Herren nicht - so stimmten sie also bei. Da Talleyrand in seinem unerschoepflichen Vorzimmer auch einen Buchdrucker bereitgestellt hatte, dem er den von ihm bereits im voraus aufgesetzten Beschluss der Majestaeten uebergeben konnte, so durfte das franzoesische Volk schon nach einigen Stunden an allen Strassenecken lesen, was es gewollt hatte und wonach es sich so sehr gesehnt hatte, und wusste also Bescheid, wusste, welche Wohltat es den fremden "Befreiern" verdankte, und wie unaussprechlich gluecklich es fortan sein koennte, seinen kriegerischen Tyrannen gegen einen in der einzig richtigen Weise von Gottes Gnaden geborenen einzutauschen. Das heisst - insofern es lesen konnte. "Darum Raeuber und Moerder!" sagte Bluecher gallig, als ihm das klaegliche Resultat so vieler Opfer mitgeteilt wurde. "Darum haben also die Besten unter uns ihr Leben lassen muessen - darum haben meine Leute sich blutig geschunden und gehungert und gefroren, damit dieses dicke Schwein von einem Bourbonen, dieser _Louis dixhuit_, auf dem Nachtstuhl seiner Vaeter soll sitzen koennen!" Er lachte grimmig auf, erhob sich und ging hinaus, um seinen Truppen Lebewohl zu sagen. Denn er machte die Sache nicht mehr mit, er wollte schon heute seinen Abschied nehmen. Weder fragte man ihn um Rat, noch hoerte man auf seine Wuensche. Er hatte hundert Millionen Kontribution von den Parisern allein fuer Preussen verlangen wollen, um die Armee einzukleiden und ihre rueckstaendige Loehnung auszuzahlen. Aber der Koenig, der es hatte zugeben muessen, dass seinem eigenen armen Volk in den paar Jahren franzoesischer Besetzung _anderthalb Milliarden_ abgepresst wurden, er wollte nicht so "inhuman" an den Parisern handeln. Das heisst, er wurde zu dieser Weichherzigkeit von seinem lieben Vetter, dem Zaren, angehalten, der sich ploetzlich als eingefleischter Freund und Beschuetzer alles Franzoesischen entpuppte. Der Koenig vertroestete also seinen Marschall mit baldiger Zahlung der rueckstaendigen Loehnung aus den leeren Kassen in Berlin, was diesen noch mehr in Harnisch brachte. "Wir werden uns noch auf Befehl besiegt fuehlen muessen, nachdem wir einen Siegeslauf sondergleichen gemacht haben!" rief er. "Wir werden noch draufzahlen muessen, statt fuer unsere verwuesteten Fluren und versengten Staedte, fuer unsere geleerten Kassen und gestohlenen Kunstwerke Ersatz zu bekommen! Blutegel muesste man den Franzosen ansetzen, um ihnen das geraubte Geld wieder abzusaugen! Aber nein! Die sollen ihr Land ungeschmaelert behalten und den ganzen Raub desgleichen! Hol' sie der Teufel! Na - wenn der Koenig so den ganzen Gewinn verspielt, da fange ich auch wieder mit dem Spiel an! Da wird wieder froehlich die Karte gebogen! Ich will mal sehen, ob ich den Franzosen nicht wenigstens so einen Teil des vielen Geldes wieder abknoepfe, was er bei uns eingesackt hat! Ich haette ja gern meine Ruhe! Aber wenn's nicht anders ist - wenn's durchaus sein muss, ich arbeite ja gern fuers Vaterland! Ich nehme von heute ab mein Hauptquartier im Palais Royal!" Vergnuegt schmunzelnd, in der Vorfreude dieses neuen unblutigen Feldzuges gegen den Erbfeind, trat er vor die Front und redete die Leute an. "Kinder!" sagte er, "jetzt seid _ihr_ die Ohnehosen, aber von der _richtigen_ Sorte - wat een Buex nich ist, aber een Bangbuex ooch nich! Ich haette gewuenscht, dass ihr, dreckig wie ihr nun einmal seid, an der Spitze des Heeres beim heutigen Einzug den Parisern gezeigt haettet, wie ein Sieger eigentlich aussehen soll und was fuer ein Teufelskerl das ist! Das haette den Affen wohlgetan! Ihre Leute sind uns oft genug in abgerissenem Anzug gekommen. Sie haben von unseren Bauern Champagner verlangt und sie gepruegelt, wenn sie keinen bekamen. Von denen haettet ihr Weissbier fordern und es in der gleichen Muenze bezahlen muessen. Was dem einen recht ist, ist dem andern billig. Ich habe fuer euch sorgen wollen, ich habe Kleider, Geld und gute Quartiere verlangt, es ist mir aber nicht gelungen. Ich setze es noch beim Koenig durch, darauf gebe ich euch mein Wort! Ihr sollt wissen, dass euer Vater Bluecher an euch denkt, auch wenn er nicht mehr unter euch weilt. Ich lege heute das Kommando ueber euch nieder. Es war ein langer Spaziergang, den wir miteinander gemacht haben, von der Katzbach bis zum Montmartre, was soviel wie der Berg der Schmerzen heissen soll. Mancher brave Mann unter euch hat unterwegs ins Gras beissen muessen. Aber wir sind gut miteinander ausgekommen. Ich war mit euch stets zufrieden. Und wenn ich's euch nicht immer recht machte - es war immer gut gemeint und nach bestem Koennen getan. Aus seiner Haut kann keiner. Ich am allerwenigsten. Und deshalb gehe ich. Denn wenn die Diplomatiker jetzt anfangen zu negoziieren, da ist es fuer mich Zeit, mich zur Ruhe zu setzen. Wo ich aber meinen Ruhepunkt finden werde, weiss der Kuckuck. Am Ende gibt's fuer mich hier keinen in dieser unruhigen Welt! Na - gehabt euch wohl, Kinder! Seid vergnuegt und denkt einmal zurueck an euren alten Marschall Vorwaerts!" Donnernde Hurrarufe beantworteten den Abschiedsgruss, und Bluecher rieb sich verstohlen die Augen, als er vom Gefolge begleitet an den Wagen ging. "Der Koenig hat mich zum Fuersten machen wollen", sagte er dabei zu seinen Begleitern. "Das ist nichts als Niedertracht! Das ist die Rache dafuer, dass ich sooft auf das Fuerstengesindel geschimpft habe, das wir ueberall mit rumschleppen muessen, und das nur jeder freien Bewegung im Wege ist. Ich habe abgelehnt. Ich habe ihm geantwortet, ich haette nicht so viel Geld, um fuerstlich zu leben. Ob er das wohl begriffen hat?" wandte er sich zu den Offizieren mit einem schelmischen Augenzwinkern. "Er ist ja ein hoellischer Rechenmeister geworden. Immer noch laesst er mich als Feldmarschall mit Generalleutnantsgehalt leben. Er denkt wohl: du kannst dir mit Belohnung und Vergeltung fuer den alten Kerl Zeit lassen, er geht wohl ab, und da heisst es: das Kind ist tot, die Gevatterschaft hat ein Ende! Nun, vorlaeufig tue ich ihm nicht den Gefallen! Er wird schon blechen muessen!" Er drueckte den Offizieren die Haende, setzte sich neben seinen Adjutanten in den Wagen, drueckte seinen gruenen Schirm ueber die Augen, liess die Soufflette aufschlagen und fuhr so, von keinem erkannt, durch die Abenddaemmerung, ohne Eskorte, ohne Musik und hurraschreienden Poebel in das von ihm eroberte Paris hinein. 13 DAS FELL DES LOeWEN In eine Fensternische in der Hofburg zu Wien hatte sich der Freiherr vom Stein zurueckgezogen und blickte ueber das Festgewimmel hinaus. In den festlich erleuchteten Saelen bewegte sich eine in die Tausende gehende glaenzende Schar der hoechsten Gesellschaft Europas. Was irgendwo Namen oder Geltung hatte, war da. Die Fuersten fast ohne Ausnahme, ihre leitenden Minister ebenso. Die Kaiserstadt Wien hatte ihre schoensten Damen, ihre elegantesten Kavaliere entsandt. Es wurde getanzt, geflirtet, gelacht, gescherzt; die Ereignisse des Kongresses: die Korsos, Schlittenfahrten, Maskenbaelle wurden besprochen und Plaene zu neuen Festlichkeiten entworfen. Ueber Politik sprach man nicht. Sie war Anlass zu den Festlichkeiten gewesen, und das genuegte. Man war naemlich hier an der schoenen blauen Donau zusammengekommen, um der befreiten Welt einen endgueltigen, gerechten, dauerhaften und ewigen Frieden zu bescheren. Also eine aeusserst spassige Angelegenheit, wie die Ballkavaliere meinten. Ein halbes Jahr paeppelte man schon diesen beruehmten Wechselbalg, und da sah man ihn ploetzlich zu allseitigem Staunen im Begriff, sich zu einem regelrechten neuen europaeischen Krieg auszuwachsen. "Wie drollig!" lispelten die holden Schoenen, und traten laechelnd zum Walzer an. Oesterreich, England, Frankreich und dessen alte Rheinbundgenossen hatten sich zu einer wahren Wegelagerergenossenschaft zusammengefunden, um den Hauptkaempfern im Kriege, Preussen und Russland, ihren Anteil am Raub aus der napoleonischen Hinterlassenschaft abzujagen. Schon zueckte man die Dolche und lauerte auf Gelegenheit. Inzwischen tanzten die Diplomaten, flirteten mit den schoenen Wienerinnen, schlossen zaertliche Allianzen und waren emsig bestrebt, ihre galanten Eroberungen abzurunden. Man wetteiferte miteinander im Aufwand, man arrangierte Baelle, Schlittenpartien und Korsofahrten, man revidierte Menues und Ballprogramme und zwischendurch auch, als neuestes Gesellschaftsspiel, die Karte Europas, aber hauptsaechlich nur, um dabei die neuesten Bonmots der Diplomaten zu belachen. Die Schicksale der Voelker, die man ja auch in die Hand genommen hatte, machten weniger Sorge - weil sie weniger amuesant waren. Stein machte jenes Gesellschaftsspiel nicht mit. Sein Einfluss auf dem Kongress war ueberdies gering. Er nahm nur teil als Minister der besetzten Gebiete. Insofern hatte er mitzusprechen. Auf die Entschliessungen der Grossmaechte hatte er wenig Einfluss. Sonst waere er seiner ganzen Veranlagung nach die fuehrende Persoenlichkeit des Kongresses geworden, statt dass die Leitung jetzt in die Haende des intriganten, oberflaechlichen und selbstsuechtigen Metternich und seines sauberen Kumpans, des Fuersten Talleyrand, ueberging. Steins Platz im Schatten auf dem kaiserlichen Hofball entsprach also durchaus seiner Stellung auf dem Kongress, als nichttanzender Staatsmann. In den Nebensaelen wurde eifrig getanzt. Die Klaenge der Musik drangen bis zum entlegenen Platz im Thronsaal, wohin der Freiherr sich zurueckgezogen hatte, und uebertoenten das Stimmengewirr, so dass nur die Gespraeche derer, die gerade an seiner Fensternische vorbeikamen oder dort stehenblieben, deutlich zu hoeren waren. Drueben hielten die Majestaeten Cercle - Kaiser Franz, Kaiser Alexander und Koenig Friedrich Wilhelm, jeder fuer sich. Sie zogen bald diesen, bald jenen von den sehnsuechtig der grossen Gnade harrenden Sterblichen "huldvollst" ins Gespraech, plapperten ihnen ein paar leere Phrasen vor, entliessen sie und winkten andere herbei, um sie mit den gleichen Nichtigkeiten zu begluecken. Aus dem Kreise um die Allerhoechsten Herrschaften loeste sich eine schlanke Gestalt in tadelloser Haltung, den feinen, wohlfrisierten Kopf unmerklich nach den Klaengen der Musik wiegend. Leise traellernd kam er gerade auf die Nische zu, in der Stein stand, und schien jemand zu suchen. Es war Metternich, der allgewaltige Gebieter Oesterreichs. Stein zog sich etwas zurueck. Metternich blieb, ihm den Ruecken zugekehrt, stehen und musterte die hin und her wogenden Massen. Endlich schien er gefunden zu haben, was er suchte, und gab ein Zeichen. Ein kleiner, hagerer Mann in unansehnlicher Tracht kam rasch auf ihn zugeeilt. Unter vielen Buecklingen und "ach" und "oh" und "Exzellenz" und "Eure Hoheit" stellte er sich ihm "gehorsamst zu Diensten". Stein kannte ihn wohl. Eine Persoenlichkeit von unheimlichem Zuschnitt, als beratender Expert zum Kongress hinzugezogen, der Staatsrat Hoffmann aus Berlin - auch "Seelenhoffmann" genannt. Es gab im ganzen Deutschen Reiche kein Dorf, keinen Flecken, keine Stadt, kein Land, deren Seelenzahl er nicht wusste. Galt es auf dem Kongress ein Laendchen abzutreten oder gar zu annektieren, gleich wurde "Seelenhoffmann" zu Hilfe gerufen. Er sagte, kaum befragt, sofort die genaue Zahl der Seelen her, die innerhalb der Grenzpfaehle jener Gegend nisteten, stellte eine Rechnung auf, buendelte die Seelen zusammen, packte sie kunstgerecht ein und machte sie verkaufsbereit fuer den Markt. Dann erst konnte der Handel losgehen. Die Potentaten protzten dann jeder mit seinem Buendel Seelen, spielten damit Versteck und suchten unauffaellig zu erraten, wie viele der Gegenspieler unter sich hatte. Man schaetzte den gegenseitigen Bestand ein - man tauschte, handelte und war mit groesserem oder geringerem Geschick bestrebt, moeglichst viele Seelen aus dem Geschaeft herauszuschlagen. So war's, so ist's, und so wird es immer bleiben, solange Menschen ueber Menschen herrschen - ob sie's im Namen einer Monarchie, einer Demokratie oder einer jakobinischen Schreckensherrschaft tun. "Nun, lieber Staatsrat, haben Sie mir etwas in unserer Angelegenheit mitzuteilen?" fragte Metternich. Der Angeredete war gleich parat. "Gewiss, Exzellenz. Mir scheint der Kasus nicht unloeslich. Wir muessten, mit gutem Willen, schon ohne Krieg um die Frage Sachsen herumkommen koennen! Wir geben Preussen Sachsen - und geben es ihm auch nicht - die Sache ist sehr einfach!" Metternich schuettelte den Kopf und gruesste zugleich mit viel Liebenswuerdigkeit eine am Arm eines Diplomaten vorbeischwebende Komtesse. "Wie meinen Sie das?" "Ich meine, Exzellenz, auf die Zahl der Seelen, die Preussen bekommt, kommt es ihm doch hauptsaechlich an. Die Seelen bringen doch Steuern. Sie sind die einzige Grundlage fuer die Staatseinnahmen. Nur wer sich das vergegenwaertigt, die Seelenzahl zusammenhaelt und klug vermehrt, bringt die Finanzverwaltung seines Staates auf gesunde Basis. Geben wir Preussen also ein wenig mehr Seelen, als es in Sachsen finden wuerde. Sie sind da, man braucht sie nur aufzugreifen. Lassen wir also Sachsen bestehen - machen wir's kleiner - aber vernichten wir es nicht gaenzlich! Wozu auch? Warum den guten Koenig Friedrich August schwerer als die anderen Rheinbundfuersten bestrafen? Er war ja nicht frei - er handelte aus Zwang. Nun ja - was konnte wohl der kleine Sachsenkoenig gegen den grossen Napoleon? Seien wir gerecht. Lassen wir ihn am Leben. Wenn wir Preussen links vom Rhein mit einer Million Seelen abfinden - wenn wir ihm in Polen achtmalhunderttausend, item in Westfalen die gleiche Zahl geben, dann ist es fein heraus, und weit besser bedacht, als wenn es bloss das bisschen Sachsen bekaeme!" "Das scheint mir plausibel", sagte Metternich. "Ich will mir die Sache ueberlegen. Stellen Sie mir die Rechnung genau zusammen, geben Sie alles zu Papier, bringen Sie mir den Vorschlag morgen frueh genau praezisiert in meine Wohnung - ich schlage es dann den Herren morgen vor. Leben Sie wohl, Herr Staatsrat. Wenn das beim Kanzler Hardenberg durchgeht, werden Sie uns erkenntlich finden!" Der Staatsrat verbeugte sich, ganz uebergluecklich. "Ich rede noch mit ihm, ich setze ihm alles haarklein auseinander!" sagte er. "Da kommt er gerade! Gehorsamster Diener, Exzellenz, allergehorsamster Diener!" Er eilte auf Hardenberg zu, der eben durch den Saal kam, scharwenzelte um ihn, verkaufte auch da seine Seelen, und liess nicht locker, bis er den Kanzler beim Wickel hatte. Inzwischen wurde Metternich von einem ganzen Schwarm Komtessen in die Mitte genommen, die eben aus dem Ballsaal hereinflatterten, um die Majestaeten anzustaunen. Er flirtete gleich drauflos, bot dieser jungen Dame Puder an, half jener schnell mehr Rot auf die Wangen legen, hielt ihnen seinen Taschenspiegel hin und half mit vieler Sachkenntnis die vom Tanze erhitzten Gesichter wieder hoffaehig machen. Dann bot er der schoensten Dame seinen Arm und fuehrte sie in die Naehe der Allerhoechsten Herrschaften. Er war ein Herz und eine Seele und einer Meinung mit ihr, fand wie sie die Polonaesen abscheulich langweilig und eigentlich nur einen Tanz fuer Grossmuetter und alte steifbeinige Exzellenzen! "Dagegen der Walzer, himmlisch!" lispelte die Schoene. "Da schwebt man in tollem Wirbel hin, bis sich alles um einen dreht und flimmert. Und schliesslich denkt man, man ist ein Stern am Firmament, und ringsherum nichts als Sterne, die sich auch so im Tanze drehen und schweben!" "Das sind Sie auch, Komtesse - ein Stern, aber Sie allein!" Sie verschwanden in der Menge, die jetzt aus den Ballsaelen hereinflutete. Steins Gedanken waren schon anderweitig beschaeftigt. Ein leises ungleichmaessiges Stossen auf dem Parkett, das immer naeher kam, nahm seine Aufmerksamkeit gefangen. Er brauchte nur noch die sanfte, harmlose Stimme dazu zu hoeren, um zu wissen, dass Talleyrand heranhinkte. Stein hasste und verabscheute ihn. Aber er erkannte ohne weiteres an, dass dieser Mensch ohne Gewissen dazu praedestiniert war, die Seele jenes Kongresses von Seelenhaendlern zu sein. Mit seinem Klumpfuss hinkte er, zynisch laechelnd, jeder grossen Begebenheit nach und nahm seinen Vorteil wahr. Im Zeitalter des _ancien regime_ als Geistlicher, dem alle Boudoirs und tonangebenden Salons stets offenstanden - waehrend der Revolution als allgegenwaertiges, allwissendes, eifriges, aber nicht allzu exponiertes Mitglied jedes Klubs, der gerade am Ruder war - beim ersten Konsul als allmaechtiger Minister, dem deutsche Fuersten und Republiken ihre Schaetze zu Fuessen legten, damit er ihnen gnaedigst verstattete, ihre Laendchen mit den Truemmern des Heiligen Roemischen Reiches zu vergroessern. Minister des Aeusseren unter Napoleon, blieb er in der gleichen Eigenschaft bei dessen Nachfolger, und wurde - aber nur als persoenlicher Vertreter Koenig Ludwigs - zum Kongress zugelassen. Das genuegte aber, um ihn bald zu dessen einflussreichster Persoenlichkeit zu machen. Die alten Beziehungen fanden sich schnell wieder. Ansichten und Ueberzeugungen sind ja keine Gewissenssachen. Hatte man gestern eine, so hat man dafuer heute eine andere, noch vorteilhaftere. Und schliesslich ist ja ein Friedenskongress dazu da, damit man sich verstaendigt! Man fand sich also leicht. Man gewoehnte sich schnell wieder daran, den gewandten Raenkeschmied um seinen Rat zu bitten. Und er konnte wieder nach Herzenslust intrigieren, geheime Faeden knuepfen oder loesen, die Maechtigen der Erde miteinander aussoehnen oder entzweien, je nachdem es der eigene Vorteil heischte. Nebenbei gewann, ohne dass es ihn weiter kuemmerte, sein geschlagen am Boden liegendes Frankreich den Rang einer viel und heiss umworbenen Grossmacht. Das Stossen auf dem Parkett hoerte auf. Der Klumpfuss hielt still, die sanfte Stimme Talleyrands drang durch. Er sprach zu dem neben ihm gehenden Abgesandten des entthronten Koenigs von Sachsen, dem Grafen Schulenburg. "Es ist nicht leicht, mein lieber Graf", sagte er im nonchalanten Ton. "Ich habe meine liebe Not mit Ihren Angelegenheiten gehabt! Viel Arbeit, viele Schreibereien, unzaehlige Konferenzen! - Ich knausere auch mit Geschenken nicht! - Nun, dafuer setze ich meinen Willen durch! Wir koennen nicht dulden, dass ein treuer Freund Frankreichs, wie es Sachsen immer war, so mir nichts, dir nichts von der Karte weggewischt wird! Ihr Souveraen war des _Kaisers_ Freund - und wir haben jetzt einen _Koenig_! Gleichviel! Die Person des jeweiligen Monarchen hat wenig zu sagen. _Die Politik bleibt, wie sie war!_ Nun - Sie sehen, _ich bin geblieben_ - ich mache sie doch eben! Also ich werde mein Bestes fuer Sie tun! Sagen Sie das Ihrem Monarchen! - Selbst kann ich nicht an ihn herantreten - es wuerde meine Bemuehungen fuer ihn nur kompromittieren, liesse ich etwas merken. So etwas muss behutsam, hintenherum gemacht werden! - _Fluestern_ Sie's ihm also zu: er kann sich auf mich verlassen! Ich werde es an nichts fehlen lassen, an _gar nichts_! Die Raete aber, die die Akten machen und deren Inhalt auch, sie sind schlecht bezahlt. Sie brauchen Aufbesserung, _nehmen sie auch gern an_! - Mein Gott - man hat Familie, man hat Schulden, man muss sich vorsehen, und nimmt den Segen, wo man ihn findet! Was ist dabei?! Ich werde es auch da an nichts fehlen lassen!" "Daran dachte mein erhabener Souveraen auch", beeilte sich der Graf dazwischen zu kommen. "Durchlaucht werden Aufwendungen fuer uns gemacht haben." "Ich bitte Sie, lieber Graf!" "Das darf nicht sein. Der Koenig wuenscht wohl und ist auch damit einverstanden, dass an nichts gespart wird. Er bittet Durchlaucht, ueber seine Kasse zu verfuegen. Am liebsten wuerden wir einen Fonds zur voellig freien Disposition bereitstellen!" "Ungern trage ich Verantwortung fuer fremde Gelder!" "Kein fremdes Geld, und von Verantwortung auch keine Rede! Durchlaucht wollen ganz nach eigenem Ermessen und ohne Rechnung zu legen ueber den Fonds verfuegen, als handle es sich um eigenes Geld. Nur eine einzige Bedingung - -" "Bedingung?!" Talleyrand runzelte die Brauen. "Eine leicht zu erfuellende: - _strengste Diskretion_!" "Ach so!" "Die Welt ist boshaft! _Wir_ sind ja ueber Verleumdungen erhaben - wer duerfte wohl auf den Gedanken kommen, dass _wir_ - - Besser ist es aber, man setzt sich nicht einmal der Moeglichkeit aus, ein Spielball boeser Zungen zu werden!" Sie gingen weiter. Stein verliess seinen Beobachtungsposten und ging langsam um den Saal herum, nach der anderen Seite hin, wo die Monarchen immer noch umschwaermt wurden. "Gewissenlose Vogelsteller sind das alles", knurrte er halblaut im Gehen. "Sie legen ihre Schlingen, umstellen ganze Voelkerschaften, knebeln sie nach Herzenslust und reden von Befreiung. Es ist ein eigen Ding um jene 'Freiheit'. In ihrem Namen wird gelogen, in ihrem Namen wird betrogen - die Weltgeschichte ist voll von Raubzuegen und Vergewaltigungen der persoenlichen Freiheit, die jener 'Freiheit' zu Ehren begangen wurden. Und immer noch gehen die Voelker auf den Leim. Wo auf der Gasse oder im Tempel von der Freiheit gepredigt wird, ueberall ist Zulauf von naiven Seelen, die das Gequassel fuer bar nehmen und glauben: nun wird sie kommen! Mit Leib und Seele nehmen diese Braven sich dann der heiligen Sache an - das heisst, mit dem Leib nur, insofern es nicht gefaehrlich ist, und mit der Seele nur, insofern man eine hat! Hat man aber geholfen, jener gepriesenen Goettin Freiheit in den Sattel zu helfen, dann kann es einem just passieren, wenn man die Augen zu ihr erhebt, dass man in ihr nichts als eine neue und noch schwerere Tyrannei erkennt als die, die man um ihrer schoenen Augen willen beseitigen half. Soweit waeren wir jetzt. Wenn aber die Voelker merken, dass sie die Fessel der fremden Tyrannei nur brachen, um von den einheimischen Gewalthabern noch schlimmer geknebelt zu werden - dann -" Er sprach nicht zu Ende. Die wohlbekannte verdriessliche Stimme des Koenigs von Preussen wurde in einer Gruppe vor ihm laut. Der Koenig mit seinem Hardenberg und seinem Knesebeck und seinem Humboldt hielt sich, wie immer, etwas abseits von den beiden Kaisern. Er blickte gelangweilt um sich und hoerte kaum zu, was ihm sein Kanzler im Fluesterton eiligst vortrug. "Wird abgelehnt", sagte er dann barsch. "Geben dem Fuersten den Abschied nicht! Ihm schreiben: koennen den Namen Bluecher nicht entbehren!" "Wird sofort erledigt!" "Wollen Beruhigungsmittel fuer ihn finden. Wollen ihm wieder Gelegenheit geben, uns mit seinen Apothekerrechnungen zu kommen! Wird es noetig haben! Soll ja wieder spielen! Ist jetzt nur in Wut, weil beim Kongress nicht alles nach seiner Pfeife tanzt! Moechte gleich den ganzen Erdball schlucken! Ist kein Politiker! Wuerde ganzen Kongress auf den Kopf stellen, waere er dabei! Goennten ihm sonst gern das Tanzvergnuegen hier! - Wer ist der stattliche General, der eben mit Kaiser Franz spricht?" "Lord Wellington. Eben hier angelangt, um die Vertretung Englands zu vervollstaendigen." "Nachher vorstellen!" Stein liess sie stehen und naeherte sich der Gruppe um Kaiser Franz. "Den Koenig von Sachsen lasse ich nicht fallen", sagte der Kaiser eben, etwas hitzig werdend und auf seine Worte weniger achtend. "Ich lasse eher schiessen! Die deutschen Fuersten sind eines Sinnes mit mir!" Er senkte die Stimme wieder. "Hannover, Holland werden Koenigreiche, wie England wuenscht. Hat meine Zustimmung! Preussen muss sich bescheiden!" Sein Blick fiel auf den Reichsfreiherrn vom Stein, dessen Plan, ein starkes geeintes Deutschland mit dem Herrscher Oesterreichs als Kaiser zu errichten, er wohl kannte. Er wandte sich an ihn. "Die deutsche Kaiserkrone lehnen wir ab! Freuen uns, der Qual ueberhoben zu sein! Haben genug in Italien zu tun!" Stein verbeugte sich schweigend und ging weiter. Ihn widerte der ganze Handel an. So ging es nun Monat fuer Monat hin und her ohne Entscheidung, ohne greifbares Resultat, und nichts geschah, als dieses kleinliche Abwaegen kleinlicher Interessen gegeneinander. Die grossen Fuersten wollten sich auf Kosten der kleinen vergroessern - die kleinen wollten Wiederherstellung ihrer verlorenen Macht - der eine wollte dies, der andere das, die Reichsritter, die Johanniter, die Reichskammergerichtsbeamten, die Praelaten, die Frankfurter Juden - alle kamen sie mit ihren Wunschzetteln, wollten Restitution, Entschaedigungen, Monopole, Rechte fuer sich und Unrecht fuer die anderen. Die Flut schwoll an und ueberschwemmte mit Akten und Gesuchen die armen Schreibersleute, die sie zu registrieren hatten. Und die grossen Herren, bei denen die Entscheidung lag, zuckten die Achseln zu dieser Sintflut, lachten, scherzten, tanzten und flirteten. "Das Schicksal der Voelker ist wie immer in den besten Haenden!" murmelte Stein im Gehen. Er dachte mit Bitterkeit an seine kurze Amtszeit als leitender Minister Preussens - dachte, wie kinderleicht es waere, in diesem Lande Wandel zu schaffen, waere nicht immer Unverstand und Eigensinn und Eitelkeit an der Spitze - haette nicht Unvermoegen, Gleichgueltigkeit und Kraftlosigkeit Entscheidungen zu treffen und ins Werk zu setzen. Er blickte veraechtlich den Zaren an, der sich jetzt als derjenige anhimmeln liess, dessen Energie und Entschlossenheit allein das grosse Werk zum gluecklichen Ende gebracht hatte, als jeder andere zweifelte und auf dem halben Wege stehenblieb. Kein Mensch wusste, wer die ganze Zeit hinter diesem Schwaechling gestanden hatte - keiner dachte daran, dass er, Stein, es war, der ihm den Nacken steifte, als ihm beim Einfall Napoleons in Russland das Herz tief in die Friedenshosen fiel, und ihn auch nachher dazu brachte, seinen Soldaten und Generaelen zum Trotz den Feldzug in Deutschland und in Frankreich zu fuehren! Willenlose Schwaechlinge, der eine wie der andere, aufgeputzte Theaterpuppen alle miteinander! Koennte er nur diese Sintflut von Fuersten, in der alles Lebenstuechtige zu ertrinken drohte, von der Erde vertilgen, er taete es ohne Zaudern! "Wie schade, dass Napoleon, dieser Baendiger der Fuersten, nicht hier unter uns entstand!" murmelte er noch. "Er war den Leuten gesund! Waere er nur nicht, von falschem Glanz geblendet, auch einer von ihnen geworden -, haette er sich einen kuehlen Kopf bewahrt und der Versuchung widerstanden, wer weiss, was noch geworden waere?!" So weit kam er in seinen Gedanken, da entstand eine ploetzliche Bewegung im ganzen Saal. Alles kam in Unruhe und stob auseinander. Die Saele leerten sich fluchtartig. Die Monarchen draengten alle auf eine Stelle zusammen und sprachen eifrig mit ihren Ministern und Raeten. Kaiser Alexander redete aufgeregt auf Kaiser Franz ein, der ihm wiederum Vorwuerfe zu machen schien, der Koenig von Preussen kam hinzu, Hardenberg, Metternich, Talleyrand, alles, was dazu gehoerte, draengte auf die Gruppe ein und horchte begierig - alle Intrigen, alle kleinen Feindschaften waren vergessen -, die drohende Kriegsgefahr schien wie durch Zauber aus den Gemuetern gebannt zu sein. "Napoleon hat Elba verlassen! Er zieht auf Paris! - Der Koenig Ludwig ist geflohen!" so rief im ganzen Saal alles durcheinander, ohne an die Etikette zu denken. "Mein Gott, was machen wir nun?" klagten ein paar niedliche Komtessen, und blickten verzweifelt zu Metternich hinueber, der, sonst ihr Helfer in der Not, jetzt kein Auge fuer sie zu haben schien. "Der Maskenball beim Fuersten de Ligne wird sicher abgesagt werden! Heute habe ich gerade mein Kostuem anprobiert - du weisst, fuer das _tableau vivant_, in dem ich den Friedensengel darstellen sollte! Die Rolle lag mir ausgezeichnet! Jetzt ist alles umsonst - alles nichts!" "Dem Fuersten Bluecher befehlen, dass er sich sofort auf seinen Posten begeben soll! Ernennen ihn zum Oberbefehlshaber unserer ganzen Armee!" sagte der Koenig von Preussen im Gehen zu seinem Kanzler und liess sich noch rasch Lord Wellington vorstellen, der allein im ganzen Saale kuehl laechelnd dastand und das Auseinandertanzen des Friedenskongresses beobachtete. * Kaum war Bluecher in seinem Hauptquartier zu Luettich angelangt, da wurden ihm die Fensterscheiben eingeworfen. Draussen schrie man: "Vivat Napoleon! Hoch Friedrich August! Nieder mit Preussen!" und machte einen Hoellenlaerm, schwang die Waffen und lief Sturm aufs Haus. Es waren die guten Sachsen. Sie waren mit den Beschluessen des Wiener Kongresses ueber sich nicht ganz zufrieden. Sie erhoben ihre Stimmen und wollten gar mitreden. Die achtmalhunderttausend verratenen und verkauften saechsischen Seelen muckten dagegen auf, ihre wunderschoenen gruenweissen Landesfarben in preussisch Schwarzweiss umtauschen zu muessen. Der ganze Handel gefiel ihnen nicht. Sie bedankten sich, und man konnte es ihnen nicht verdenken. Als man aber Ernst machte, als das preussische Oberkommando anfing, die saechsischen Truppenverbaende, die jetzt zur Abwechslung gegen, statt fuer Napoleon ausgezogen waren, zu zerreissen und die Boecke von den Schafen zu trennen, siehe, da wollten sie alle keine Schafe sein, da bockten sie heidenmaessig auf und machten ein gross Geschrei. Die, "welche noch", und die, "welche nicht mehr" saechsisch sein sollten, wurden ploetzlich ein Herz und eine Seele, als seien sie nicht mehr Kinder eines Volkes und gar eines deutschen Stammes. So einig waren sie gegen ihre neuen Gewalthaber. Sie meuterten also foermlich und fuehlten sich dazu nicht nur berechtigt, sondern geradezu verpflichtet, da ihr Koenig sie noch nicht ihres Treueides entbunden hatte. Der hatte damit keine Eile. Er hoffte im geheimen auf den Sieg Napoleons. Im Geiste sah er sich wieder im ungeschmaelerten Besitz seiner achtmalhunderttausend gruenweisser Seelen und etlicher schwarzweisser dazu. Er hielt sie also nach Kraeften an ihrem Treueid fest wie ein Buendel Heringe an ihrer Strippe. Und Bluecher, der mit den Beschluessen jenes von ihm sooft verfluchten Kongresses nicht das geringste zu tun gehabt hatte, musste wieder einmal ausfressen, was die Diplomatiker eingebrockt hatten. Ihm wurden die Fensterscheiben eingeworfen. Er wurde angespuckt und in reinstem Saechsisch gebeten, mit Extrapost zur Hoelle zu fahren. Man wollte ihm sogar behilflich sein und zeigte ihm mit den Spitzen der blanken Waffe den naechsten Weg. Alles andere hatte er erwartet, nur den Empfang nicht. Er hatte die Sachsen geehrt und bevorzugt. Er hatte sein Hauptquartier in ihre Mitte verlegt. Er hatte dem saechsischen Korps die Bewachung seiner Person anvertraut. Und nun musste er das erleben! Dass ein Volk sich nicht wie ein Haufen Vieh verhandeln lassen konnte, am allerwenigsten durch Beschluss fremder Maechte wie England, Frankreich und Russland - dass es sich dagegen empoerte und sich zur Wehr setzte, das war zu verstehen. Aber Meuterei war Meuterei und angesichts des Feindes durch nichts zu entschuldigen. Kein Heer der Welt, das nicht sich selbst aufgibt, durfte das dulden. Kein Befehlshaber durfte es sich gefallen lassen, und wenn es sein Leben gaelte! Bluecher war auch nicht derjenige, der auswich, wenn man ihm mit blanker Waffe unter der Nase herumfuchtelte. Er zog sofort vom Leder, wollte sich dem meuternden Haufen entgegenstellen, und war nur mit Muehe von solch nutzlosem Beginnen abzuhalten. Seiner Umgebung gelang es, ihn zu ueberreden, sich fuer den Augenblick in Sicherheit zu bringen. Aber er hielt ein strenges Gericht. Bei Strafe der Dezimierung mussten die Aufruehrer ihre Raedelsfuehrer ausliefern. Diese wurden erschossen, die meuternden Bataillone aufgeloest, ihre Fahnen wurden verbrannt und das ganze saechsische Armeekorps nach Hause geschickt. Bluechers Armee bestand fortan aus lauter Preussen, unter den vier Korpsfuehrern Zieten, Buelow, Pirch und Thielmann. Yorck, dessen widerborstiges Wesen im letzten Feldzug so viel Verdruss verursacht hatte, wurde nicht mitgenommen. Gneisenau aber war wieder Generalquartiermeister. Die Armee bezog Stellungen von Luettich ueber Namur bis Charleroi, wo Zieten kampierte. Wellington mit seinem aus Englaendern, Hannoveranern, Hessen und Braunschweigern bestehenden Heer hatte von Nieuport ueber Bruessel bis zur Schelde weit auseinanderliegende Quartiere bezogen. Da wollten beide den Aufmarsch der Russen und Oesterreicher ueber den Ober- und Mittelrhein abwarten, um dann konzentrisch in Frankreich einzuruecken und mit einer Uebermacht von sechshunderttausend Mann Napoleon zu erdruecken. Napoleon tat ihnen aber nicht den Gefallen, darauf zu warten. Fuer ihn gab es nur die eine Moeglichkeit, die feindlichen Heere einzeln und nacheinander anzugreifen und zu schlagen. Schnell wie der Blitz tauchte er eines Tages ploetzlich bei Maubeuge auf, mit einer Armee von hundertachtundzwanzigtausend Mann und dreihundertvierundvierzig Kanonen, schritt gleich zum Angriff, draengte Zieten von Charleroi bis zum Lignybach zurueck, warf sich zwischen die englische und preussische Armee, die zusammen zweihundertzehntausend Mann und fuenfhundertvierundzwanzig Kanonen hatten, und bedrohte ihre wichtigste Verbindungslinie, die Chaussee von Bruessel nach Namur. * Vor einer Muehle in der Ebene von Fleurus stand ihr Besitzer, ein alter flaemischer Windmueller, und blickte betruebt in die Gegend hinein. Die ganze Nacht, den ganzen gestrigen Tag hatte er auf der Chaussee von Charleroi den Laerm anrueckender Truppenmassen gehoert. Die Preussen, die zuerst gekommen waren, lagerten noch in und um den Doerfern am Lignybach. Jetzt rueckten die Verfolger, die Franzosen, heran. Und die Preussen machten noch keine Miene, weiter auszuweichen! Der Mueller seufzte. Blieben sie, dann saesse er wieder huebsch in der Klemme! Dann wuerden von hueben und drueben Kanonenkugeln heranfliegen, die neuen Fluegel seiner Muehle zerschmettern und, wer weiss, sie am Ende gar in Brand stecken! Und er kaeme um seinen Besitz! Seine schoene Muehle, die er, im Vertrauen auf einen dauernden Frieden, wieder mit Muehe und Not instand gesetzt hatte, waere hin, und er konnte betteln gehen! Er seufzte, ging mit schweren Schritten in die Muehle hinein, stieg die schwankende Leiter bis zum Dach hinauf, oeffnete die Luke und trat auf die Plattform hinaus. Von hier hatte er freien Blick nach allen Seiten und konnte sogar ueber die hohen Pappeln und Weiden, die die Ufer des Lignybaches umsaeumten und unten den Ausblick nach Osten behinderten, hinwegsehen. Drueben im Osten, wo die scharfen Silhouetten einiger Windmuehlen sich gegen den Himmel abzeichneten, kribbelte und krabbelte es wie ein endloser Zug von Ameisen auf der Chaussee von Namur nach Bruessel, die sich am Kamm des Hoehenzuges entlang wand. Gen Sombreffe ging es und noch etwas darueber hinaus. Dort schien es sich zu stauen, quoll an, breitete sich aus und begann langsam die hohe Boeschung von der Chaussee nach dem Bach zu ueberfluten. Die Ameisen krochen naeher, bekamen blitzende Spitzen, bunte Farben, sie wuchsen, gliederten sich, nahmen Form an, wurden zu Menschen, Pferden, Geschuetzen, Wagen, und bedeckten bald den ganzen Abhang, mehrere Meilen breit bis zum Bach herunter. Und schliesslich stand, wie auf einem faecherartig sich ausbreitenden Amphitheater, die ganze preussische Armee gefechtsbereit da. Der Mueller nahm seine Muetze ab und wischte sich die Schweisstropfen aus der Stirn. Der Tag war heiss, die Sonne brannte. Es wuerde noch ein Gewitter geben. Unten prangten die Wiesen wieder in saftigem Gruen, nachdem die erste Heuernte geborgen worden war. Die Kornfelder standen reich in goldener Fuelle und harrten des Schnitters. Ein einziger Tag wuerde genuegen, diesen ganzen Reichtum zu vernichten. In den naechsten Stunden schon wuerde der Schnitter Tod seine Sense schwingen und Ernte halten. Die Erde wuerde wieder daliegen, aufgewuehlt und mit tausend klaffenden Wunden, von blutigen Truemmern, Leichen und Pferdekadavern bedeckt. Die Feldfruechte wuerden zerstampft, alles vernichtet werden! Wie oft schon hatten seine Augen das gleiche Schauspiel gesehen! Seit seiner ersten Jugend kannte er's nicht anders, als dass fremdes Kriegsvolk die Fluren seiner Heimat verwuestete. Immer wieder suchten sich die Voelker Flanderns blutgetraenkte Erde zum Tummelplatz ihres Haders und ihres Streites aus. Jahraus, jahrein brauste der Schlachtenlaerm ueber seine fruchtbaren Gefilde hinweg. Das einst so reiche und maechtige Land veroedete, sein Handel, seine Industrie suchte sich anderswo eine gesicherte Heimat, und nur die alten Staedte mit ihren Burgen, Hallen, Tuermen und weit ins Land hineinragenden Belfrieden zeugten noch von der einstigen Macht und Herrlichkeit ihrer Bewohner. Der Mueller stand noch eine Weile und blickte vertraeumt auf die dichten Wolken, die sich im Osten allmaehlich ueber den Horizont erhoben und anfingen, langsam das Blau zu verdecken. In einigen Stunden wuerde das Gewitter da sein. Unten wurden Hufschlaege von Pferden laut und verstummten am Eingang. Gleich darauf knarrte die Leiter im Innern der Muehle unter wuchtigen Tritten. In der Wandluke zur Plattform kam ein scharfgeschnittenes Gesicht zum Vorschein, darueber ein dreieckiger schwarzer Hut, und dann eine gruene Uniform mit weissem Brustlatz ueber einem starken kurzen Koerper. Im naechsten Augenblick stand der Kaiser Napoleon vor dem Mueller, der eiligst seine Muetze vom Kopfe riss. Der Mueller kannte ihn wohl - und wem in der ganzen Welt waeren wohl die Zuege jenes Maerchenhelden noch unbekannt gewesen? Er trat auf den Kaiser zu und verbeugte sich tief. Er wollte die Gelegenheit benuetzen, ihm ins Gewissen zu reden - wollte hinausschreien, was er auf dem Herzen hatte, wollte ihm von hieraus die reiche Ernte ringsherum zeigen, die jetzt auf ein Wort von ihm der Vernichtung anheimfallen wuerde, und wollte sagen: "Sehen Sie, Sire, wie schoen das alles ist, und wie reich uns der Himmel in diesem Jahre segnet! Das alles hier unten sind Gaben des Himmels! Und Gaben des Himmels tritt man nicht mit Fuessen! Denkt doch daran. Schont unser armes, gemartertes Land! Lasst es nicht wieder verwuesten - lasst meine einzige Habe nicht vernichten. Es kostet nur ein Wort! Ein Wort, Sire, von Ihrem Munde gesprochen! Sie haben die Macht! Nuetzen Sie sie aus! Haben Sie Erbarmen!" So wollte er sprechen. Als er aber die Blicke zu dem ehernen Gesicht des Schlachtenkaisers erhob, da vergass er alles, da verlor er den Mut. Was haette es auch genuetzt?! Die Worte haetten keinen Einlass in das Bewusstsein jenes Gewaltigen gefunden, der vor ihm stand. Dort drinnen war alles in voller Gaerung. Die Vorfreude einer grossen Tat durchfieberte seinen Geist und spannte sein ganzes Denken an. Gewaltige Ideen jagten sich, ungeheure Gedankenverbindungen loesten sich dort unter jener Stirn ab, sein ganzes Hoeren war auf die Zufluesterungen seiner inneren Stimme gerichtet. Wie waere es ihm nur moeglich gewesen, das Wimmern jenes armseligen Wurmes zu beachten, der sich vor ihm kruemmte! Napoleon streckte die Hand aus, zeigte auf die Hoehen im Nordosten, und fragte, ohne auf den Mueller zu sehen: "Das Dorf drueben, von dem der Kirchturm aus der Talsenke hinter der Windmuehle aufragt?" "Brye!" antwortete der Mueller. "Und drueben im Osten, rechts von Sombreffe, an der Chaussee von Namur?" "Point de jour!" "Das Dorf hier unten, wo der Bach im geraden Winkel von uns nach Osten abbiegt, ist Ligny?" "Ganz richtig!" "Die drei Doerfer links davon, vor der Biegung des Baches sind also -?" "Saint-Amand - Saint-Amand la Haye - Le hameau Saint-Amand!" "Das Dorf am meisten links ist also Wagnelee. Und dahinter, die Strasse, die die Chaussee quer schneidet, waere denn die alte Roemerstrasse?" "Das stimmt!" "Da waeren wir also orientiert!" sagte der Kaiser und fing an, das ganze Amphitheater und den Horizont mit seinem Fernrohr gruendlich abzusuchen. "Mindestens neunzigtausend!" murmelte er vor sich hin. "Sein viertes Korps wird also noch unterwegs sein. Um so besser!" Er schob sein Fernrohr zusammen, bueckte sich und rief durch die Luke in die Muehle hinein. "Marschall Soult soll sofort noch einen Kurier nach Quatrebras an Marschall Ney abfertigen, den Befehl von heute frueh nachdruecklich wiederholen und sagen, ich griffe um zwei Uhr die Preussen an, er moege sofort alles, was vor ihm steht, wegfegen, Quatrebras und die Strasse von Namur nach Bruessel besetzen, dann zwoelf- bis fuenfzehntausend Mann hierherdetachieren und die Preussen in den Ruecken nehmen. Spaetestens um zwei Uhr will ich seine Kanonen hoeren!" "Zu Befehl!" antwortete drinnen eine Stimme, und die Leiter im Innern der Muehle fing wieder an zu quietschen und zu knarren unter den Schritten des Fortgehenden. Gleich darauf klapperten unten Hufschlaege, die sich rasch entfernten. "Ist der Bach die ganze Strecke von uns aus so dicht mit Baeumen eingefasst?" fragte Napoleon den Mueller, der immer noch mit der Muetze in der Hand dastand. "Hinter Ligny - geradeaus von uns - ist eine baumlose Strecke", antwortete dieser. "Es ist gut!" sagte Napoleon, zufrieden, einen Platz herausgefunden zu haben, von dem aus er die preussische Stellung flankierend beschiessen lassen konnte. Er ging um die Plattform herum und blickte nach Westen ueber das Feld hinaus, wo seine eigenen Truppen im Anmarsch waren. Links von der Chaussee Charleroi - Namur stand schon das Korps Vandamme in Stellung vor den drei Doerfern Saint-Amand. Auf der Strasse selbst und rechts am Bach, von dessen Biegung ab - also fast in rechtem Winkel zu Vandamme - war das Korps Gerard im Begriff, sich auszubreiten - rechts von ihm die leichte Kavallerie Pajols, Exelmanns Dragoner und Milhauds Kuerassiere - hinter der ganzen Aufstellung, als Reserve, die Garde. Im ganzen 64 000 Mann. Aber drei Lieues rueckwaerts, wo der Weg von Charleroi sich in die Chausseen nach Bruessel und Namur teilt, hatte Napoleon noch den Grafen Lobau mit zehntausend Mann stehen, um im Bedarfsfalle entweder auf der einen oder der anderen Strasse zur Unterstuetzung vorgehen zu koennen. Voll stolzer Zuversicht blickte der Kaiser ueber seine Truppen hinaus - die praechtigsten, die er seit langem gefuehrt hatte. Haette er die im Vorjahre gehabt, nimmermehr waere der Feind in Paris eingezogen - die laecherliche Elbaepisode haette er niemals erlebt, und der Kampf waere ihm jetzt erspart worden. Seine Veteranen waren aber in alle Welt zerstreut gewesen, in Spanien, in den deutschen Festungen, in den Spitaelern, oder kriegsgefangen. Und er hatte den Endkampf mit unerprobten Rekruten und mit schlechtem oder minderwertigem Material ausfechten muessen, da seine Hauptdepots in Deutschland verlorengegangen waren. Diese Leute hier waren aber fast alle in zwanzigjaehrigen Kaempfen gestaehlt, wetterfeste, gebraeunte Kerle mit Nerven aus Stahl und mit unbeugsamem Mut, jeder einzelne zehn andere aufwiegend. Napoleon zwaengte seinen dicken Koerper wieder durch die Luke hinein, ohne den Muehlenbesitzer weiter zu beachten. Dieser hatte auch schon den Kaiser vergessen und blickte interessiert nach der Muehle bei Bussy hinueber, wo unter den dunklen Uniformen der Preussen einige rote Roecke aufleuchteten, und viel Gold und Flitter verrieten, dass dort wohl der feindliche Stab, mit Englaendern vermischt, seinen Standort hatte. Die Gewitterwolken waren bis zur halben Hoehe des Himmels geklettert. Die Sonne stand im Zenit und sandte eine moerderische Glut herab. Der Wind schlief. Vier Kuriere hatte Napoleon schon an Ney geschickt mit dem gleichen Befehl, und noch immer hoerte er nicht dessen Kanonen. Die Spannung wuchs ins ungeheure. Fuehrte Ney puenktlich seinen Befehl aus, so gab's fuer die Preussen kein Entrinnen mehr. Sie wuerden der sicheren Umzingelung und Erdrueckung nicht entgehen koennen und waren fuer diesen Feldzug aus dem Spiel. Die Niederlage der Englaender war dann nur eine Frage der Zeit - und die politischen Folgen unabsehbar. Das Schicksal der Welt hing von der strikten Ausfuehrung dieses einen Befehls an Ney ab. Mit der Uhr in der Hand wartete Napoleon die Zeit ab. Der Zeiger rueckte unendlich langsam vorwaerts - es wurde eins - es wurde halb zwei - zwei - und immer noch keine Kanonade von drueben! Was war denn los? Ney, sonst kaum zu zuegeln, und jetzt? Napoleon verfluchte innerlich seine Unklugheit, seinen ganzen linken Fluegel in die Hand dieses unzuverlaessigen Brausekopfs gegeben zu haben. Er hatte aber keine Wahl gehabt. Die meisten seiner alten Marschaelle waren kriegsmuede und unter allerlei Vorwaenden auf ihren Guetern geblieben. Sie trauten seinem Glueck nicht mehr und zogen es vor, sich noch alle Auswege offenzuhalten. Ein Sieg nur - und er haette das Vertrauen jener Zaghaften wieder! Dieser Sieg winkte ihm heute so sicher wie einst bei Austerlitz - bei Jena - bei Marengo, und gleich umfassend, gleich vernichtend fuer den Feind! Koennte er nur selbst ueberall anwesend sein - selbst jede Einzelheit seines Planes ins Werk setzen! Er schickte rasch noch einen Kurier nach Quatrebras, mit dem eigenhaendigen Befehl an Ney, sofort zum Angriff auf die Englaender zu gehen und gleich einige Regimenter hierherzusenden. "Das Schicksal Frankreichs liegt in Ihrer Hand!" schrieb Napoleon, zog dann die Uhr, wartete bis halb drei, fluchte laut, weil er noch immer keinen Kanonendonner von Ney hoerte, und erteilte endlich den Befehl zum Angriff. Sogleich warf sich Vandamme mit seiner Division auf die drei Doerfer Saint-Amand, in denen Zieten sich festgesetzt hatte. Es waren drei Festungen, wie sie da unten im Talgrund am Bach lagen, von Obstgaerten, Hecken, Zaeunen umgeben und untereinander verbunden durch die hohe gruene Kulisse der am Lignybach wachsenden Pappeln und Weiden, die Freund und Feind gleich unsichtbar fuereinander machten. Die Doerfer wurden nach heftig hin und her wogendem Kampf von den Franzosen genommen. Darueber hinaus war aber kein Fortkommen, der Bach blieb fuer sie ein unueberwindliches Hindernis - die Stellung der Preussen auf den Anhoehen dahinter war durch frontalen Angriff uneinnehmbar. Bluecher hatte zwischen Brye und Saint-Amand 60 000 Mann stehen, die er so allmaehlich in den Kampf eingreifen liess, um die Doerfer vom Feind zurueckzuerobern. Nach stundenlangen wuetenden Kaempfen, die besonders in Ligny aeusserst blutig wurden, beschloss Napoleon, einen Keil zwischen die um die Doerfer kaempfenden beiden Korps Bluechers und seine Reserven zu treiben. Er bildete aus sechs Bataillonen seiner Garde eine Sprengkolonne, fuehrte sie selbst von der Biegung des Baches am Dorfe Ligny vorbei und liess dort durch Sappeure eine Gasse in Kompaniebreite durch die den Bach umsaeumenden Baeume legen, um dort zum Durchbruch der preussischen Front vorzustossen. Die Gefahr fuer die Preussen war gross. Bluechers rechter Fluegel hing in der Luft und konnte jeden Augenblick umgangen werden, wenn der franzoesische linke Fluegel mit Ney eingreifen wuerde. Er hatte die Unvorsichtigkeit begangen, die Schlacht anzunehmen, ohne erst die Ankunft seines vierten Korps abzuwarten. Er vertraute auf Wellingtons bestimmtes Versprechen, um vier Uhr zu ihm zu stossen, und hatte Napoleon das gleiche Schicksal zugedacht, wie dieser ihm. Aber weder Wellington noch Ney kamen. Im vergeblichen Abwarten dieser Unterstuetzung auf beiden Seiten rieb man sich im Kampf um die Doerfer auf, ohne vom Fleck zu kommen. Tausende von Leichen bedeckten die Dorfstrassen, die Gaerten und die umgebenden Felder. Der Nachmittag ging schon zur Neige. Die Hitze, immer noch drueckend, wich ploetzlich, als auf einmal mit gewaltigem Krachen das Gewitter ueber das Schlachtfeld niederging. Ploetzliche Dunkelheit ersetzte die fruehere strahlende Helle, Blitze zuengelten. Der Donner erstickte das Krachen der Geschuetze, der Kampf schien zu erloeschen in den den Wolken entstroemenden Fluten. Bluecher, der immer noch hoffte, Wellington mit seinen Rotroecken im Ruecken Napoleons ankommen zu sehen, trieb seine Divisionen unaufhaltsam vorwaerts gegen die von den Franzosen besetzten Doerfer. Er biss sich in sie fest und liess nicht locker, er wuerde sie festhalten, solange er noch Kraft hatte, bis der Englaender anlangte, um ihnen den Fangstoss zu geben. Aber der Englaender kam nicht, und seine Leute ermuedeten. Er sprengte dann an die Division Pirch heran, um sie selbst zur Unterstuetzung heranzufuehren. Als die Leute Bluecher auf seinem Schimmel herangaloppieren sahen, blieben sie stehen und gruessten den Marschall mit begeisterten Zurufen. Bluecher, dem es an allem anderen mehr gelegen war, als mit Huldigungstratsch auch nur eine Sekunde kostbarer Zeit zu verlieren, hielt jaeh seinen Schimmel an, erhob sich in den Steigbuegeln, drehte sich zornrot um und schrie ihnen mit Donnerstimme zu: "Leckt mich - - -! Dort steht der Feind! Vorwaerts!" - gab dann seinem Gaul die Sporen und flog allen voran in den Kugelregen hinein, der ihm aus den Doerfern den Willkomm gab. Das Gewitter wurde immer heftiger, es dunkelte immer mehr. Es wurde schon acht Uhr, und immer noch war keine Entscheidung, immer noch kein Ney in Sicht! Schliesslich wurde Napoleon des Harrens muede und erteilte seiner Garde, die er solange wie moeglich geschont hatte, den Befehl zum Angriff. Durch die offene Gasse zwischen den Baeumen rueckten die Bataillone vor, ueberschritten den Bach und stuermten die Anhoehe auf der anderen Seite hinan, um hinter die 60 000 Mann Bluechers zu kommen, die unten bei den Doerfern kaempften, und sie von dem Korps Thielmanns, das noch oben an der Chaussee stand, und von Buelow, falls der kaeme, zu trennen. Das Gewitter wurde immer gewaltiger, Blitz auf Blitz zuengelte nieder und beleuchtete die Einbruchsstelle, aus der die Kolonne der Baerenmuetzen langsam und unwiderstehlich wie eine Naturmacht aus der Tiefe heraufdraengte und alles vor sich hinwegfegte. Die Gefahr war gross. Bluecher warf alles, was er an Kavallerie hatte, den Franzosen entgegen, eilte selbst von dem Kampf um Saint-Amand zurueck nach Brye und ordnete den Gegenangriff. Feurig wie ein Juengling, mit vor Aufregung geroetetem Gesicht, sprengte der Dreiundsiebzigjaehrige, den Saebel schwingend, in grossen Bogensaetzen allen voran und feuerte sie durch Zurufe an. Als kaeme er aus den Wolken, so wirkte im Aufflackern der Blitze seine rasend vorwaerts stuermende Erscheinung auf Freund und Feind. Ein ohrenbetaeubender Krach, ein minutenlanger Blitz, das Pferd Bluechers machte einen Riesensprung, als wollte es mit ihm in den Himmel hineingaloppieren, und dann war es verschwunden. Kein Blitz vermochte es mehr aus dem Dunkel hervorzuzaubern. Aber wo es zuletzt gesehen war, rasselten die Hufschlaege der jetzt zur Attacke vorstuermenden Kuerassiere Milhauds vorueber - und dann zurueck, von den preussischen Reitern verfolgt. Die Preussen fanden ihren Feldmarschall unter seinem Pferd liegend, beschuetzt von seinem treu an seiner Seite ausharrenden Adjutanten Nostiz. Sie befreiten ihn aus seiner qualvollen Lage, setzten ihn, dessen alte Knochen immer noch unversehrt waren, auf ein anderes Pferd und brachten ihn aus dem Schlachtgetuemmel. Gleichzeitig brachen die Franzosen aus allen Doerfern hervor, die nun nicht laenger zu halten waren, nachdem durch den Stoss der Garde die preussische Schlachtlinie durchbrochen worden war. Die Preussen raeumten das Kampffeld und zogen sich auf Tilly und Mellery zurueck. Die Strasse von Namur nach Bruessel, ihre einzige Verbindung mit den Englaendern, war ihnen verlorengegangen. Es blieb ihnen nur uebrig, entweder auf den Rhein zurueckzugehen oder auf einem grossen Umweg noch die Vereinigung mit Wellington zu versuchen. Mitten in der Nacht traf Gneisenau auf Bluecher, der, auf Stroh gebettet, in einer Huette in Mellery lag und von seinem Leibarzt Bieske gesalbt und frottiert wurde. "So'n Sturz mit dem Pferd war noch nicht da!" rief ihm der Alte entgegen. "Wenn das nicht Glueck bedeutet, dann will ich gehaengt werden. Das naechste Mal, Gneisenau, das naechste Mal! Heute haben wir Schmiere gekriegt, das wollen wir ausbessern. Wir muessen uns zurueckziehen, daran ist nichts zu aendern, _aber der Rueckzug geht vorwaerts_, wie immer - vorwaerts an den Feind heran!" Das waere auch seine Absicht gewesen, sagte Gneisenau, und das haette er schon angeordnet. Er haette Buelow bereits andere Marschorders gegeben und die Armee in die Richtung auf Wawre dirigiert, statt zurueck nach Namur und Luettich. "Wir geben wohl dadurch unsere Verbindungslinie auf," setzte Gneisenau laechelnd hinzu, "und das ist ja bei einer geschlagenen Armee nicht gerade ueblich! Aber wir kommen mit den Englaendern zusammen und fuehren hoffentlich noch mit ihnen gemeinsam einen vernichtenden Streich gegen den Feind!" Damit war Bluecher einverstanden. Das war ganz nach seinem Sinn. Gneisenau ging. Und als der Doktor auch fort war, rief Bluecher seinen Kammerhusaren. "Ist der Quacksalber nun weg?" fragte er. Und setzte, als die Frage bejaht wurde, im Fluesterton hinzu: "Der hat mich nun wieder bepflastert und gesalbt, wie's nicht anders von ihm zu erwarten war! - Das _Innerliche_ wollen wir uns aber selbst verschreiben. Hol' mir eine Flasche Champagner her. Aber heimlich, dass es keiner sieht!" Das besorgte der Husar, goss dem Feldmarschall ein Bierglas voll, bekam selbst sein Teil, und so waren sie bald wieder klar zum Gefecht. * Die Preussen marschierten. Auf grundlosen Wegen, bei stroemendem Regen arbeiteten sie sich vorwaerts, abgehetzt, hungrig, durchnaesst, aber doch frohen Mutes, weil ihr Marsch sie wieder an den Feind heranfuehrte, und weil sie alle danach lechzten, die Scharte auszuwetzen und fuer die gefallenen Kameraden Rache zu nehmen. Der verfolgende Sieger machte es sich bequem. Er nahm ohne weiteres an, die geschlagenen Feinde haetten nichts Eiligeres zu tun, als wieder nach Hause zu laufen, und verfolgte sie also, nachdem er erst weidlich gerastet hatte, in der Richtung auf den Rhein zu. Und so marschierten die Preussen an seiner Nase vorbei, ohne dass er etwas merkte, sammelten ihre Versprengten, ordneten ihre Verbaende und langten am naechsten Tage ungefaehrdet in Wawre an. Napoleon selbst haette sie nicht so leichten Kaufes entkommen lassen. Er hatte aber den Fuehrer seines rechten Fluegels, den Marschall Grouchy, mit der Verfolgung betraut, und zog selbst mit den Garden und der schweren Reiterei in der Richtung auf Bruessel den Englaendern entgegen, die sich langsam vor ihm zurueckzogen, um sich ihm schliesslich am Wald von Soignes, auf dem Hoehenzuge von Mont St.-Jean, in den Weg zu legen. Am 18. Juni frueh sprach General Friant von der alten Garde im Hauptquartier beim Generalstabe vor, dem jetzt nicht Berthier, sondern Marschall Soult als Generalquartiermeister vorstand. Friant war einer der alten Veteranen, der alle Feldzuege mitgemacht hatte, und genoss das groesste Vertrauen Napoleons. Der Kaiser war noch nicht von seinem Rekognoszierungsritt zurueckgekehrt. Die beiden Generaele ritten langsam Seite an Seite die Chaussee entlang dem Kaiser entgegen. Sie unterhielten sich ueber die vorgestrige Schlacht und die Aussichten fuer die heutige und fuer den Feldzug ueberhaupt, und waren nicht ohne Bedenken. "Der Kaiser hat das _Va-banque_-Spielen verlernt!" sagte der alte Friant, der in den meisten Partien mitgespielt hatte und also Bescheid wissen musste. "Frueher war es anders. Idee, Entschluss, Tat waren zugleich da - waren _ein_ Blitz, der niedersauste, traf und zerschmetterte. Jetzt ueberlegt der Kaiser, spekuliert, erwaegt die Chancen fuer und wider mit einer gewissen Geniesserfreude im Auffinden von Spitzfindigkeiten und versaeumt darueber den rechten Moment. Seine Siege sind laengst keine Katastrophen mehr fuer den Feind und fuer uns nur keine Niederlagen. Die Niederlage ist dafuer bei ihm in den Bereich des Moeglichen gerueckt. Das verstimmt und macht einen unsicher!" "Das macht das Fett", sagte der lange, hagere Soult mit seiner hohen Fistelstimme, und strich seine wildflatternden Haarstraehnen aus dem gefurchten Altweibergesicht. "Das Fett macht bequem, phlegmatisch und kurzatmig - das verfettete Herz huepft nicht mehr in seinem Knochengehaeuse wie ein Frosch auf einer gruenen Wiese. Es zappelt nur lahm, sinkt muede hin und schlaeft ein. Daher die ploetzliche Schlafsucht beim Kaiser in den letzten Jahren. Sie ueberkommt ihn ganz ploetzlich bei den ungeeignetsten Gelegenheiten und ueberwaeltigt ihn unwiderstehlich, als erloesche auf einmal in ihm alles Licht. Mitten im entscheidenden Moment einer Schlacht hoert er auf einmal nicht und sieht nicht mehr; alles flimmert ihm vor den Augen und fliesst auseinander; er muss sich sofort hinlegen und liegt dann da wie ein Toter, ohne Traeume, ohne Bewusstsein. So hat er selbst es mir geschildert. Es ist das Fett - ich wiederhole es. Und meines Erachtens sind wohl auch die verschiedenen galanten Krankheiten nicht spurlos an seinem Geist voruebergegangen." "Dem moechte ich nicht beipflichten", sagte der alte Friant kopfschuettelnd. "Sein Geist weilt in der klaren Hoehenluft wie frueher, gleich durchdringend, gleich schnell im Erfassen der Lage und im Entwerfen der Plaene. Aber der Koerper ist von den jahrelangen, nie aufhoerenden Kaempfen muede geworden. Und wie seine leiblichen Glieder allmaehlich erschlaffen, so auch seine geistigen: seine Unterfuehrer. Die Herren Marschaelle funktionieren nicht mehr wie frueher. Sonst blitzschnelle Vollstrecker seines Willens, sind sie jetzt unsicher und zaghaft und nur, wenn er persoenlich dabei ist und sie antreibt, von dem gleichen Elan wie ehemals. Und der Kaiser, sonst scharf und vernichtend in seiner Kritik auch dem besten Freund gegenueber, ist jetzt sanft und nachsichtig geworden und vermeidet die verletzenden Worte, die ihm sonst so schnell auf die Zunge kamen. Ich habe mich gewundert, wie milde er heute dem Marschall Ney kam, dessen Troedeln vorgestern das Misslingen seines schoenen Einkreisungsplans verschuldet hatte." "Ich nicht", sagte Soult. "Der Kaiser macht eben keine unnuetzen Worte. Kein Wort kann am Geschehenen etwas aendern. Was vorbei ist, ist vorbei. Als Ney gestern vor ihm stand, da stand er nicht als Vertreter seines gemachten Fehlers da, sondern als Traeger einer Hauptaufgabe in der naechsten Schlacht!" "Die er uns denn auch verpatschen wird", antwortete Friant brummig. "Das weiss Napoleon auch ebensogut wie wir. Er war keinesfalls von Nachsicht gegen Ney beseelt. Er war nur vorsichtig. Er hat im Vorjahre eben an seinen treuesten Dienern die bittere Erfahrung machen muessen, dass ein Abfall auch bei denen moeglich ist. Das brennt sich in die Seele ein. Den Treueid Neys hat er auch einschaetzen gelernt, als der gute Fuerst von der Moskwa, wenn auch zu seinen Gunsten, den Bourbonen den feierlichen Treuschwur brach. Auch wird er niemals am eisernen Kaefig vorbeikommen, in dem Ney versprochen hatte, ihn nach Paris zu bringen. Der steht immer zwischen ihm und dem Marschall. Mir scheint es jedenfalls seitdem immer, als spraechen sie durch das Gitter jenes eisernen Kaefigs miteinander, und als wuessten sie alle beide dabei nicht recht, wer von ihnen drinnen und wer draussen ist. Ein gutes Zusammenarbeiten gibt das nicht. Napoleon aergert sich heimlich, weil er Ney nicht entbehren zu koennen glaubt. Und Ney ist unzufrieden, weil er schwach war und sich wieder gebrauchen lassen muss. Denn er ist schwach - er ist gaenzlich ohne Charakter - er ist dumm, geistlos, hat nichts als sein tapferes Herz und seinen Loewenmut, der alles mitreisst und in Flammen setzt. Wie fest glaubte nicht der Schwachkopf an seine eigenen Worte, als er vor einem Vierteljahr an der Spitze einer Armee auszog, um Napoleon zu fangen. Und kaum erblickte er den grauen Mantel und den schwarzen Dreispitz Napoleons wieder, da schrie er zuerst von allen sein '_Vive l'empereur!_' und fuehrte den Kaiser im Triumph in die Tuilerien. Und dann war wieder die Reue da mit dem boesen Gewissen ueber den gebrochenen Treueid an Ludwig, den er niemals haette schwoeren duerfen, den er aber, einmal gegeben, haette unbedingt halten muessen. Er fuhr auf seine Gueter, zeigte sich nicht bei Hofe und stellte sich nicht beim Kriegsausbruch, er ebensowenig wie Berthier, Massena, Angereau und all die anderen. Aber - kaum schreibt ihm Napoleon die paar Worte: 'Beeilen Sie sich, wenn Sie meine erste Schlacht noch mit ansehen wollen', da wirft er sich aufs Pferd, galoppiert los, ohne Gepaeck und nur von einem Adjutanten gefolgt, reitet die Pferde kaputt, nimmt von Mortier dessen Pferde in Maubeuge und kommt noch frueh genug, um das Kommando des ganzen linken Fluegels zu bekommen und uns die vorgestrige Schlacht zu verderben. Ich habe nach dem allen nicht viel Vertrauen mehr zu seiner Fuehrung." Soult antwortete nicht. Es war ihm peinlich, ueber einen alten Kriegskameraden zu Gericht zu sitzen. Aber der alte Friant hatte sein Thema noch nicht erschoepft. "Es ist merkwuerdig," sagte er noch, "wie die geringfuegigsten Umstaende in der Kindheit oft fuer das ganze Leben eines Menschen Bedeutung haben koennen. Sehen Sie nur Ney an, diesen baumlangen, pausbaeckigen, rotwangigen Recken, mit seinem dichten, hellblonden Haarschopf. Er ist reich und maechtig, er ist Herzog und Fuerst geworden und hat einen Namen, von dessen Ruhm Europa widerhallt. Und doch sieht man ihm immer noch den frueheren Boettchergesellen an - den biederen Deutschen, brav, aufbrausend und rauflustig, der seine Keile wuchtig wie wenige eintreibt - wenn der Meister danebensteht. Sonst nicht! Er ist der typische deutsche Landsknecht, wie er durchs ganze Mittelalter hindurchraste. Denn deutsch sind die Leute aus seiner lothringischen Heimat, und sie werden niemals rechte Franzosen. Napoleon wiederum, er war das Kind des Schreckens - von seiner Mutter, in der Aufregung der Flucht, zu frueh geboren. So eilig hatte er es, auf diese Welt zu kommen, dass die Mutter nicht einmal Zeit fand, das Bett aufzusuchen, sondern ihn auf einem Teppich gebar, der voll von Helden- und Heroenkaempfen des Altertums war. Auf dem Teppich ist er sein Leben lang geblieben! Aus dem Kampfgetuemmel kommt er nicht mehr heraus! Die Schreckensherrschaft machte seinen Aufstieg moeglich! Schrecken verbreitete er ueberall, wo er hinkam, Liebe nicht." Heftige Rufe: "_Vive l'empereur!_" wurden laut. Die beiden Reiter hielten an vor dem hochgelegenen Pachthof La Belle-Alliance, von dem sich die Chaussee jaeh in das Tal senkt, und konnten von hier aus die in voller Schlachtordnung aufgestellte franzoesische Armee ueberblicken. "Hoeren Sie selbst," sagte Soult, "wie die Leute Ihre Worte Luegen strafen!" und zeigte nach links in die Ferne, wo die schwere Kavallerie Kellermanns hielt. Dort nahmen die Kuerassiere eben ihre Helme auf dem Pallasch hoch und schwangen sie ueber den Koepfen, dass sie in der Sonne blitzten. Die Bewegung pflanzte sich fort, je nachdem die kleine Gruppe Reiter, deren erster Napoleon war, die Reihen durchritt. Die Lanciers nahmen gleichfalls ihre Tschakos auf die Piken und huldigten ebenso begeistert ihrem Kaiser. "_Vive l'empereur!_" schallte es ununterbrochen und rollte wie ein Donner durch die Gegend. "Sie entschuldigen, Herr General, ich muss aber schnell hin!" sagte Soult dann ploetzlich, gruesste artig, gab seinem Pferd die Sporen und galoppierte davon. Friant hielt sein Pferd, das mitgehen wollte, zurueck, blickte ueber das Feld hinaus, ritt dann langsam zur Garde hinueber, die im letzten Treffen aufgestellt war, und nahm seinen Platz an der Spitze seiner "Baerenmuetzen" ein. Kurz darauf langte Napoleon nach beendigter Truppenbesichtigung am Pachthof an. An seiner Seite ritt sein Bruder Jerome. Im Gefolge die Marschaelle Soult und Ney und die Generaele Lobau, Reille und d'Erlon. Der Kaiser schwenkte sein Pferd herum und hielt an. Wie immer, wenn er irgendwo haltmachte, sprangen vier Mann seiner Leibgarde von den Pferden, stellten sich in weitem Viereck um ihn herum auf und sperrten den Platz ab. Wie eine lebendige Burg schob sich dieses Viereck hin und her, seinen jeweiligen Bewegungen folgend. "Wie bei einem Faecher laufen die Flankenlinien unserer Aufstellung hier in diesem Punkt zusammen", sagte Napoleon und blickte pruefend ueber seine etwas tiefer stehende Armee, die in drei Linien, die eine kuerzer als die andere, vor ihm aufmarschiert war. Er nickte befriedigt, als er dicht vor sich in der dritten kuerzesten Linie die feste Mauer seiner alten Garde sah, deren Grenadierbataillone, wie wandernde Festungen seines Kaisertums, ihn durch alle Feldzuege begleitet hatten und ihn auch heute vor jeder Tuecke des Zufalls beschuetzen sollten. Rechts von ihnen wogte ein Wald von Eisenspitzen ueber den ungeduldig sich baeumenden Pferden der Lanciers von Lefebvre-Desnouettes, waehrend links die Linien der reitenden Garde, wie nach der Schnur ausgerichtet, ihrer Verwendung harrten. Napoleon winkte den Grafen Lobau naeher und zeigte auf die von ihm befehligte junge Garde, die die Mitte der zweiten Linie zu beiden Seiten der Chaussee hielt. "Es waren viele blutjunge Gesichter unter Ihren Leuten zu sehen, lieber Graf", sagte er. "Viele schmaechtige Gestalten, die ich Bedenken haben wuerde, auf entscheidenden Stellen einzusetzen, wenn ich nicht wuesste, dass es Franzosen sind - und vor allem, wenn sie nicht in Ihnen einen Fuehrer haetten, der sie alle, nicht nur koerperlich, um einen Kopf ueberragt!" Er nickte gnaedig dem ueber die Anerkennung stolz laechelnden Grafen zu und liess die Blicke fast zaertlich ueber die eiserne Masse seiner schweren Reiterei schweifen, die, von Milhaud und Kellermann gefuehrt, rechts und links von der jungen Garde ihre Kuerasse und Helme in der Sonne blitzen liess. Denn die Sonne brach jetzt endlich durch die Regenwolken, die sie seit zwei Tagen dem Anblick der Welt entzogen hatten. Dann nahm die erste Linie, die dicht am Rand des Plateaus ihre Massen ausbreitete, seine volle Aufmerksamkeit gefangen. "General d'Erlon!" rief er, und der General lenkte gruessend sein Pferd naeher. "Ihre Divisionen stehen alle hintereinander. Lassen Sie lieber vier Angriffskolonnen nebeneinander um je eine Division in Kompaniebreite formieren. Ihre Leute waren bei Ligny nicht im Feuer. Heute sollen sie die Hauptarbeit machen. Wenn das Signal zum Angriff gegeben wird und das Artilleriefeuer ausgewirkt hat, dann steigen Sie in das Tal hinunter, werfen den Feind aus den Pachthoefen La Haye und Papelotte, deren Daecher dort unten rechts aus dem Gruen herauslugen, stuermen die jenseitige Anhoehe, zerschmettern den linken Fluegel der Englaender, werfen ihn auf das Zentrum und entreissen ihm die Chaussee nach Bruessel. Im Walde hinter seiner Aufstellung werden wir ihm dann leicht den Garaus machen. Sie haben gegen sich Schotten und Hannoveraner, wie ich heute festgestellt habe. Auf dem Dorfweg, der sich drueben auf halber Hoehe die Boeschung entlang wie ein Laufgraben hinzieht, werden Sie auch von den Inselbewohnern etliche im Hinterhalt liegend vorfinden. Es wird nicht geschossen, nur mit dem Bajonett gearbeitet, bis Sie oben sind. Ich muss auf dem rechten Fluegel mehr Artillerie haben! - General Reille!" Der Gerufene ritt in das Viereck hinein, das d'Erlon nach empfangenem Befehl verliess. "Sie werden", sagte Napoleon kurz und bestimmt, "von Ihrer Artillerie die schweren Haubitzen nach dem rechten Fluegel hinuebersenden. Sie sollen dort, wo die Front sich den Talrand entlang nach vorne biegt, Aufstellung nehmen und von dort den Feind mit flankierender Wirkung beschiessen. Sie sehen die Haeuser, die links von der Chaussee unten im Tal aus der gruenen Oase emporragen?" "Ich sehe sie." "Es ist das Schloss Houguemont. Ich habe englische Garden drinnen festgestellt. Werfen Sie sie hinaus. Erstuermen Sie dann die Boeschung des Plateaus und schlagen Sie den Rest der englischen Garden, die mit den Hollaendern und den Braunschweigern dort das Plateau garnieren. Suchen Sie ihnen den Vereinigungspunkt der Chausseen von Nivelles und von Charleroi zu entreissen, und draengen Sie auch den rechten feindlichen Fluegel in den Wald. Sie werden den rechten englischen Fluegel nicht umgehen koennen. Wellington hat ihn, in seiner Angst, vom Meer abgeschnitten zu werden, doppelt so stark bedacht wie den linken. - Bis nach Hal haben wir seine Truppen feststellen koennen. Dort stehen mindestens 15 000 Mann. Dafuer hat er hier hoechstens 75 000 Mann beisammen, deren wir leicht Herr werden - wenn jeder seine Schuldigkeit tut und heute meine Befehle genau und auf die Minute befolgt." Die letzten Worte sprach er mit etwas erhoehter Stimme und einem raschen Seitenblick auf den Marschall Ney, dessen lange Gestalt etwas abseits hin und her tanzte, da er sein Pferd in seiner Ungeduld immer wieder mit den Sporen kitzelte und es so zum steten Pirouettieren brachte. "Ney ist verdriesslich", fluesterte Napoleon seinem Bruder zu. "Es reut ihn, vorgestern dem Teufel der Unentschlossenheit Einlass in seine Seele gewaehrt zu haben. Ich habe meinen Ohren nicht getraut, als ich seine Ausreden hoerte. Er hat tatsaechlich geglaubt, bei Quatrebras die ganze englische Armee vor sich zu haben, statt, wie ich bestimmt annehmen durfte und ihm auch sagte, nur ein paar tausend Mann, die in zehn Minuten zu erledigen gewesen waeren. Dieser dumme Kerl erlaubt sich, noch auf eigene Gefahr hin denken zu wollen, obwohl er weiss, dass ich fuer ihn und fuer euch alle zu sehen und zu denken pflege! Er hat mich gar verbessern wollen - - und hat mir so meinen schoenen Plan verpfuscht. Haette er gehorcht, wir stuenden jetzt in Bruessel, und Wellington haette nimmermehr gewagt, sich mir hier in den Weg zu legen. Jetzt hofft Wellington auf den Beistand der Preussen. Den soll er aber nicht haben, wenn mir Grouchy heute ein wenig besser gehorcht als Ney vorgestern! - Auf Ihre Plaetze, meine Herren!" rief er laut den Generaelen zu. D'Erlon, Reille, Lobau und Ney gruessten, warfen ihre Pferde herum und setzten sie in Trab in der Richtung, aus der sie mit dem Kaiser gekommen waren. "Heute wollen wir vor allem kaltes Blut bewahren, lieber Ney", rief dieser noch dem Marschall nach, dessen hochrotes Gesicht sich dabei ganz dunkel faerbte. "Der tolle Kerl wird mir heute durch die Lappen gehen, um sein vorgestriges Troedeln wieder gutzumachen", sagte der Kaiser halb fuer sich, winkte seinen Leibpagen heran und befahl ihm, den Tisch mit den Karten auf dem kleinen Huegel, der sich etwas abseits von der Chaussee erhob, aufstellen zu lassen. Er blickte dann ueber die Gegend hinaus, nach rechts in die Verlaengerung des Tales hinein, wo sich vier Lieues entfernt die Tuerme des Staedtchens Wawre auf dem blauen Dunst matt abzeichneten und der Lasne-Bach auf dem Grund des Tales sein silbernes Band hinschlaengelte. Von dort musste Grouchy mit seinen 30 000 Mann kommen. Er muesste auch schon unterwegs sein. - Zwei Kuriere waren ihm schon waehrend der Nacht mit dahingehenden Befehlen gesandt! Man sollte ihm gleich noch einen Boten schicken, wenn sich nicht bald die Spitzen seiner Kolonnen drueben auf der Hoehe zeigten, wo die Kapelle von St.-Lambert weiss leuchtete. Noch einmal umfasste Napoleon mit einem Blick das ganze farbenpraechtige Bild, das jetzt vom frei flutenden Sonnenlicht auf das praechtigste vergoldet wurde. Seine Haltung straffte sich, seine Augen leuchteten. "Die Erde ist stolz, so viele tapfere Maenner zu tragen", sagte er. "Die ganze Natur laechelt unseren Helden und gruesst sie mit Siegesglanz!" Er wandte sein Pferd und ritt langsam an dem allein dastehenden weissen Gebaeude von Belle-Alliance vorbei, nach dem weiter hinten an der gleichen Chaussee liegenden Pachthof Caillou, wo er sein Hauptquartier hatte. Dort angekommen, fuehlte er ploetzlich, wie schon sooft in den letzten Jahren, eine beginnende Ohnmacht im Gehirn. Es war kein Wunder. Am gestrigen Tag war er von frueh um fuenf bis zum spaeten Abend marschiert, dann seit ein Uhr nachts wieder im Sattel, und hatte die Gegend und die feindlichen Stellungen bei stroemendem Regen selbst rekognosziert. Jetzt hatte er alles angeordnet, den Angriffsplan entworfen, die Armee aufgestellt und gegen die Ungeduld seiner Generaele angekaempft, die schon gleich in aller Fruehe angreifen wollten, ehe der Boden so weit von den Regenguessen aufgetrocknet war, dass die Artillerie vorwaerts konnte. Das spannte seelisch ab. Jetzt war er zu Ende, jetzt musste sein Gehirn Ruhe haben. Er rief seinen Bruder Jerome. "Es ist zehn Uhr", sagte er. "Ich will eine Stunde schlafen. Um elf sollst du mich wecken - die anderen wagen es ja nicht. Um elf Uhr, keine Minute spaeter!" Damit streckte er sich auf seinem Feldbett aus, legte seinen Kopf auf das duenne Kopfkissen und schlief, wie er es jederzeit konnte, sofort ein. Inzwischen marschierten die Preussen. Durch unwegsames Gelaende strebten sie in grossem Bogen wieder zur Chaussee Namur-Bruessel zurueck, die sie bei Sombreffe hatten verlassen muessen. In Wawre rasteten sie, trockneten ihr durchnaesstes Zeug, schafften sich etwas Warmes in den Leib, brachten ihre Waffen in Ordnung, ergaenzten ihre Munition und waren guten Mutes trotz der Strapazen und der bei Ligny erlittenen Verluste. Dort langte bei Bluecher ein von Wellington abgesandter Bote an, mit der Bitte, ihm so rasch wie moeglich eine Verstaerkung von zwei Korps zu senden. Er wuerde dann die Schlacht von Napoleon annehmen. "Ich breche mit allem auf, was ich bei mir habe", antwortete der Feldmarschall, der nach seinem Sturz in der Lignyschlacht sich kaum noch aufrecht zu halten vermochte. "So krank ich auch bin," schrieb er gleichzeitig dem General Mueffling, der im englischen Hauptquartier Preussen vertrat, "so werde ich mich dennoch an die Spitze meiner Truppen stellen, um den rechten Fluegel des Feindes sofort anzugreifen, wenn Napoleon etwas gegen den Herzog unternimmt." Und im Tagesbefehl an seine Truppen, in dem er den Verlust der letzten Schlacht dem Ausbleiben der Unterstuetzung durch die Englaender zuschrieb, kuendigte er ihnen, aufrecht wie immer an: "Ich werde euch wieder vorwaerts gegen den Feind fuehren. Wir werden ihn wieder schlagen, denn wir muessen's!" Er schickte dann seinen guten Doktor Bieske mit seinen Salben und Mixturen zum Teufel, als dieser seine Quetschung wieder einreiben wollte. "Heute", sagte er, "mag's den alten Knochen gleich sein, ob sie balsamiert oder nicht balsamiert in die Ewigkeit gehen!" Er wankte dann zur Tuer seines Hauses hinaus, wo seine pommerschen Regimenter gerade vorueberzogen und ihn jubelnd begruessten, hielt sich am Tuerpfosten fest, um nicht dabei zu fallen, liess sich aufs Pferd heben und war seelenvergnuegt, als er die vier sicheren Beine seines Schimmels wieder unter sich fuehlte. Er lachte ueber Grouchy, der ihn in verkehrter Richtung suchte und also nicht fand, liess die Korps Thielmann und Zieten in Wawre zurueck, um diesen Marschall aufzuhalten, und zog selbst an der Spitze der uebrigen Truppen nach Mont St.-Jean ab. Das war keine leichte Aufgabe. Richtige, feste Chausseen waren nicht vorhanden. Die Feldwege waren alle aufgeweicht und bald so vertreten, dass kein Fortkommen mehr war. Die Soldaten wateten bis ueber die Knoechel im Schlamm. Die Kanonen und Munitionskarren blieben stecken und konnten trotz den vereinten Anstrengungen von Zugtieren und Soldaten kaum von der Stelle bewegt werden. "Vorwaerts, Kinder", rief Bluecher und ritt hinzu, um die Leute anzufeuern. "Es geht nicht!" riefen diese keuchend. "Es muss gehen! Ich hab's versprochen. Wollt ihr mich denn wortbruechig machen?" Nein, das wollten sie nicht! Das ginge nun auch nicht! Sie legten sich doppelt ins Zeug, kamen aus der Patsche heraus und marschierten froehlich weiter dem Feind entgegen. -------------------------------------------------------------------------- Puenktlich um elf erhob sich Napoleon von seinem Lager, ohne dass man ihn zu wecken brauchte, und sofort war sein durch den Schlaf gestaerkter Geist wieder in voller Taetigkeit. Er begab sich zu dem kleinen Huegel am Pachthof La Belle-Alliance, von wo aus die ganze Gegend zu ueberblicken war, setzte sich da in seinen "Regiestuhl", wie er scherzend sagte, liess die Karten vor sich ausbreiten, lachte vergnuegt und sagte: "Mein Freund Talma muesste einmal als Volontaer bei mir antreten. Ich wuerde ihm beibringen, wie man Massen bewegt!" Einige Minuten vertiefte er sich in das Studium der Karte, stand dann auf, winkte einen von den in respektvoller Entfernung stehenden Offizieren heran und zeigte nach rechts. "Aus dieser Richtung erwarte ich den Marschall Grouchy. Reiten Sie ihm entgegen, sagen Sie ihm, er soll sich beeilen, mit seiner ganzen Macht hierherzukommen! Und verlassen Sie ihn nicht, ehe er nicht in vollem Anmarsch ist!" Der Offizier salutierte, warf sich auf eins von den am Fusse des Huegels stehenden Pferden und galoppierte davon. Um halb zwoelf gab Napoleon das Zeichen. Eine Salve aus hundertundzwanzig Feuerschluenden antwortete, spie einen Orkan von Eisen ueber die englischen Stellungen, erschuetterte die Luft und machte den Boden beben. Nach einer halben Stunde hoerte der Hoellenlaerm auf, ebenso jaeh, wie er angefangen hatte, und man konnte jetzt ein lebhaftes Geknatter vom linken Fluegel hoeren, wo General Reille seine Infanterie gegen das Schloss Houguemont fuehrte. Napoleon achtete besonders eifrig darauf, ob der Gegner sich durch jene Kaempfe verleiten lassen wuerde, Truppen zur Unterstuetzung seines rechten Fluegels heranzuziehen, und so seinen linken, gegen den der Hauptangriff beabsichtigt war, zu schwaechen. Er wollte eben Ney befehlen, mit dem Zentrum und dem rechten Fluegel vorzugehen. Als er aber vorher die Gegend mit dem Fernrohr absuchte, stutzte er ploetzlich, reichte Soult das Glas und sagte: "Sehen Sie dorthin, Herr Herzog, nach rechts, neben der Kapelle von St.-Lambert - dort, ja! Ich sah da einen beweglichen Schatten. Was halten Sie davon?" "Es koennten die Wipfel eines Gehoelzes sein", sagte der Marschall und gab das Fernrohr zurueck. "Es sind Truppen in Marsch!" sagte Napoleon und reichte sein Fernrohr weiter an die anderen Offiziere, die seine Annahme bestaetigten. Klein wie die Figuren einer Spielzeugschachtel bewegten sich die Truppen auf der fernen Anhoehe, aber so vom blauen Dunst umnebelt, dass weder Bewaffnung noch Uniform zu erkennen waren. "Es koennen die Preussen sein!" meinte ein Offizier, indem er dem Kaiser das Fernrohr zurueckgab. "Es _muss_ Grouchy sein!" erwiderte Napoleon gereizt. "Man soll sofort Kavallerie zum Rekognoszieren aussenden! Bis die Frage geklaert ist, unterbleibt der Angriff Neys!" Er brauchte nicht lange auf Bescheid zu warten. Gleich darauf brachte man einen gefangenen schwarzen Husaren ein, der einen Brief Bluechers an Wellington mithatte und aussagte, dass die Truppen, die man drueben saehe, Preussen waeren, von Buelow gefuehrt wurden und dreissigtausend Mann stark heranrueckten. Napoleon gab sofort seine Befehle, und gleich darauf sah man aus der zweiten Linie der franzoesischen Schlachtordnung das Korps des Grafen Lobau rechts abschwenken, um sich vor der Flanke der Armee aufzustellen. Das waren gleich zehntausend Mann weniger gegen die Englaender und doch lange nicht genug, um die Preussen zu werfen. Aber gleichviel. Es genuegte, um sie aufzuhalten, bis Grouchy kaeme, was ja bald der Fall sein wuerde. Ney, der seine Ungeduld kaum noch meistern konnte, bekam endlich den Befehl anzugreifen. Er stuerzte sich auf die Pachthoefe La Haye und Papelotte und fing da ein blutiges Gemetzel an. Gleichzeitig setzten sich die Divisionen d'Erlons in Bewegung. Sie gingen in vier Kolonnen, zu je acht, auf fuenf Schritt Abstand hintereinander gestaffelten Bataillonen vor, stiegen in das Tal hinab und waren gleich drueben. Erst als sie anfingen die Boeschung des entgegengesetzten Plateaus zu ersteigen, gewann Napoleon einen rechten Ueberblick ueber ihre Aufstellung. Ein Ausruf des Zornes flog ueber seine Lippen. "Dieses leichtsinnige Schwein, dieser Ney!" murmelte er verdriesslich. "Schickt mir die Sturmkolonnen ohne Flankenschutz - in Reih' und Glied hintereinander vor! Wie, wenn sie jetzt einen Kavallerieangriff bekommen?! Wozu habe ich meine Generaele, wenn ich mich jetzt um jedes Detail noch kuemmern muss?" Indes, kein Fluchen half mehr. Es blieb ihm auch keine Zeit, noch fuer Aenderung zu sorgen. Der taktische Fehler war unabaenderlich da. Mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgte er den Verlauf des Angriffs. Er sah, wie die Sturmtruppen am Wege von Ohain, der den Abhang in halber Hoehe durchschneidet, nach kurzem Kampf die dort eingegrabenen Englaender ueberwaeltigten und die Boeschung unaufhaltsam weiter erstiegen. Jetzt waren sie oben - jetzt fingen sie an, sich auf dem Plateau zu entwickeln, trotz dem Kartaetschenhagel, mit dem sie vom Feind ueberschuettet wurden. Einige Minuten nur, und sie wuerden mit gesammelter Kraft auf die Reihen Wellingtons vorstuermen. Der Durchbruch war in greifbarer Naehe! "Moegen die Preussen marschieren!" murmelte Napoleon, "ehe sie herankommen, bin ich mit den Bundesgenossen da oben fertig und gebe ihnen dann den Rest!" Er schwieg ploetzlich und blickte gespannt durchs Fernrohr hinueber - er sah, wie sich aus dem Kornfelde da oben Rotroecke erhoben und aus naechster Naehe auf die ueberraschten Truppen d'Erlons Feuer gaben, waehrend von links Ponsonbys graue Dragoner in zwei Kolonnen zwischen die Reihen ihrer offenen Flanke hineinstuermten und sie in Verwirrung brachten. Die Vorwaertsbewegung stockte sofort; alles wankte und suchte sich einen Augenblick zu halten, und dann rutschte die ganze Masse von Infanterie und Kavallerie, in bunter Unordnung miteinander vermischt, auf die Sohle des Tales hinunter. "Da haben wir die Schweinerei! Ich hab's ja gesagt!" rief Napoleon, warf sein Fernrohr auf den Tisch, sprang in den Sattel und galoppierte, so schnell er konnte, zu den auf dem rechten Fluegel stehenden Kuerassieren Milhauds hinueber, schickte ein paar Schwadronen von ihnen zur Unterstuetzung vor, ritt dann zu den Truppen d'Erlons, half sie wieder ordnen und sprach beruhigend auf sie ein. Inzwischen marschierten die Preussen und kamen immer naeher und naeher. Von den Anhoehen bei der Kapelle Saint-Lambert hatten sie schon in der Ferne den Mont St.-Jean von Rauchwolken umkraenzt gesehen, aus denen Blitze hervorzuckten. Das ferne Donnern der Geschuetze versetzte sie in freudige Aufregung. Sie stiegen die Boeschung nach dem Tal hinunter, so leicht, als ginge es zum Tanz in der Dorfschenke. Und rutschten sie auf dem glitschigen Boden aus, oder sanken in den fliessenden Sand des Lasnebachs ein, so war's nur ein Vergnuegen mehr. Singend plantschten sie weiter vorwaerts und freuten sich der Sonne, die jetzt warm herniederstrahlte, die steifen Glieder durchwaermte und das nasse Zeug trocknete. Als aber der Wald von Frichemont leer vor ihnen lag und nicht einmal von einem Pferdeschwanz oder vom Fetzen eines Infanteriemantels besetzt war, da jauchzten sie laut auf. Denn da haette eine Handvoll entschlossener Leute ihnen das Fortkommen verteufelt sauer machen koennen. "Der Kaiser wird von hier aus nur seinen Grouchy erwartet haben", sagte Bluecher schmunzelnd. "Er wird sich wundern, wie der sich veraendert hat, wenn er mich sieht!" Napoleon wunderte sich aber ueber nichts mehr. Am allerwenigsten ueber das Versagen seiner Unterfuehrer oder die Nichtausfuehrung seiner Befehle. Grouchy mit dem ganzen rechten Fluegel seiner Armee blieb aus. Die Preussen kamen zu frueh an. Er stand vor einem schweren Entschluss. Die Schlacht abbrechen, hiesse sich besiegt erklaeren. Es waere ein Retirieren unter steten Kaempfen in der Flanke und im Ruecken. Die Siegesfreudigkeit seiner Soldaten waere hin, die politischen Folgen unuebersehbar. Auch ein halber Erfolg kaeme da einer Niederlage gleich. Einzig ein grosser entscheidender Sieg konnte ihm jetzt helfen, wo ganz Europa wieder auf ihn einstuermte. Also _va banque_! Alles auf eine Karte gesetzt! Er ueberblickte noch einmal die Situation. Oben auf dem Plateau die englische Armee, die sich nicht vom Flecke ruehrte. Unten im Hohlweg ihre drei Vorwerke, um die noch erbittert gekaempft wurde. Links hatte sich dort Reille mit seinen saemtlichen Divisionen in dem Gehoelz um Schloss Houguemont derartig festgebissen, dass ein leerer Raum zwischen ihm und den weiter rechts stehenden franzoesischen Truppen entstanden war. Rechts suchten die Englaender die bereits eroberten Pachthoefe La Haye und Papelotte zurueckzunehmen. In der Mitte balgte sich Ney noch mit den Verteidigern von Haye Sainte herum, das er haben musste. Denn von hier aus wollte Napoleon zum entscheidenden Sturm auf die englischen Stellungen ansetzen. Sobald er die preussische Sturmflut in seiner rechten Flanke eingedaemmt haben wuerde, wollte er mit der Garde und der schweren Kavallerie ueber sie herfallen, sie vernichten und dann seine ganze Kraft gegen die Preussen wenden. Er gab den in der zweiten Linie stehenden Kuerassieren Milhauds Befehl, die zwischen Neys und Reilles Truppen klaffende Luecke auszufuellen. Langsam wie auf dem Paradeplatz ritt Milhaud mit seinen acht von Eisen starrenden Regimentern von rechts nach links quer ueber das Feld und rueckte in die erste Linie ein. Die hinter ihm in der dritten Reihe stehende leichte Gardekavallerie folgte, wie von einem Magneten angezogen, den Bewegungen der "Schweren". Ihr Fuehrer, Lefebvre-Desnouettes, wartete nicht erst den Befehl des Kaisers dazu ab. Und Ney, entzueckt, die schoene Kavallerie zur Verfuegung zu haben, ging gleich mit ihnen durch. Er sah oben auf dem Plateau sechzig englische Kanonen ohne Bespannung stehen, dachte: "die nehmen wir!" Und vorwaerts - hui - sausten die schweren Reitergeschwader ins Tal hinab, die Boeschung hinauf, zwischen die Geschuetze hinein, ritt die dahinter stehende Division Alten um und stuerzte sich auf die zweite Linie der englischen Infanterie, ohne sich um den Hagelschauer von Geschossen zu kuemmern, der gegen ihre Kuerasse und Helme prasselte. Erst als zwischen den englischen Karrees die Gardekavallerie Somersets und die Dragoner Dornbergs vorbrachen, mussten sie weichen. Es kam zu einem erbitterten Nahkampf zwischen den beiden Reitereien, in dem die Franzosen schliesslich doch die Oberhand behielten, als die Lanciers Lefebvre-Desnouettes zur Unterstuetzung herankamen. Napoleon war ausser sich, seine Kavallerie, die er sich fuer den Hauptangriff aufgespart hatte, vorzeitig durch Ney verbraucht zu sehen. "Dieser Mensch", rief er, "bleibt stets der gleiche! Er bringt mir alles in Gefahr, weil er sich niemals zuegeln kann und immer eine Stunde zu frueh loslegt!" Aber einmal begonnen, musste der Angriff durchgefuehrt werden, wenn die Kraefte nicht nutzlos vergeudet sein sollten. Napoleon gab also Kellermann, der links im zweiten Treffen hielt, Befehl, seine Kuerassiere zur Unterstuetzung vorzusenden. Der gleiche Vorgang wiederholte sich dann wie vorhin, als Milhaud vorrueckte. Sobald Kellermanns Kuerassiere sich in Bewegung setzten, folgte automatisch die im dritten Treffen hinter ihnen stehende Gardereiterei - zweitausend Grenadiere zu Pferd - und ging gleichzeitig mit ihnen so energisch vor, dass Napoleons Rueckberufungsbefehl sie erst erreichte, als es zu spaet war und sie schon im Kampf verwickelt waren. Ney bemaechtigte sich ihrer sofort und fuehrte mit unerhoerter Wucht eine Attacke mit zwanzig Schwadronen gegen die Englaender, sprengte ihre ersten Linien, konnte aber den zaehen Widerstand der englischen Garde und der Braunschweiger doch nicht brechen. Wellington schickte seine letzte Kavallerie, die Cumberlandhusaren, vor. Angesichts des Gemetzels machten diese aber sofort kehrt, nahmen Reissaus und rissen alles - Gepaeck, Artilleriepark und Verwundete - in wilder Flucht gen Bruessel mit. Die Schlacht waere fuer Wellington verloren gewesen, haette Ney jetzt Infanterie gehabt, um den letzten Widerstand der englischen Infanterie zu brechen. Haette Napoleon mit eigenen Augen den Zustand der in den letzten Zuegen liegenden englischen Verteidigung sehen koennen, er haette keinen Augenblick gezoegert, seine Garde hinzuschicken, um dem Gegner den Gnadenstoss zu geben. Aber er hatte schon alle Haende voll mit den Preussen zu tun und wagte nicht, sich seiner letzten Reserven zu entbloessen - er war auch zornig ueber den Ungehorsam Neys und hatte nicht mehr die ueberlegene Ruhe, die Situation zu erfassen. Ein anderer aber hatte sie. Bluecher hatte von den gegenueberliegenden Hoehen am Lasnetal gesehen, was auf dem Mont St.-Jean vorging. Er lachte vergnuegt und hatte nicht uebel Lust, Wellington sein Ausbleiben bei Ligny heimzuzahlen. "Nun, Bruder Wellington," sagte er grimmig, "wenn ich dir jetzt kaeme, wie du mir gestern kamst, das heisst: _gar nicht_, da saessest du jetzt boese in der Klemme! Und das waere dir ob deines Wortbruches zu goennen. Ich werde dir aber, obwohl ich ein Mecklenburger bin, zeigen, was ein Preusse ist, naemlich: ein Mann, ein Wort!" Er schickte also schleunigst Befehl an Zieten, von Wawre heranzuruecken, um den englischen linken Fluegel zu verstaerken. Das Korps Pirch schickte er zur Unterstuetzung gegen Lobau vor, der eine sehr starke Verteidigungsstellung auf dem waldigen Vorgebirge zwischen dem Hohlweg des Lasnebaches und dem Tal des Smohainbaches eingenommen hatte. Um drei Uhr kam Buelow hier an und sah vor sich oben auf dem Rand der Anhoehe Lobaus Kanonen -, die Kanoniere mit brennenden Lunten daneben. Er teilte seine Truppen, schickte die Division Losthin rechts am Smohainbach vor, die Division Hiller am Lasnebach gegen das hinter der franzoesischen Front liegende Dorf Planchenois, mit Befehl, es zu nehmen und so die Rueckzugsstrasse Napoleons zu bedrohen. In dieser waldigen Schlucht, wo die hinter den Baeumen versteckten Verteidiger ein ununterbrochenes Feuer unterhielten, drangen die Preussen mit unerhoerter Wucht vor. Napoleon warf, was er an Truppen hatte, ihnen entgegen und trieb sie zurueck, musste aber wieder weichen. Er holte Sukkurs, schickte seine junge Garde ins Feuer und saeuberte das Terrain von Feinden, aber musste es, trotz allen Anstrengungen, zu guter Letzt wieder raeumen. Immer neue Kolonnen von Feinden waelzten sich aus der Schlucht hervor und zehrten an seinen Truppen, die sichtbar in ihrem Feuer zusammenschmolzen. Es war, als haette sich die Erde aufgetan, um eine nimmer endenwollende Flut von Preussen ueber ihn auszuspeien. Von Rauch und Feuer umwirbelt, quoll sie auf ihn zu, alles niederreissend, alles ueberschwemmend. Und in den Wolken ueber ihnen sah seine ueberhitzte Phantasie riesengross und zornig verzerrt das Antlitz seines unversoehnlichsten Gegners, des alten Bluecher, dem Angriff immer neuen Odem einhauchend und seine Preussen unaufhaltsam vorwaerts treibend. Ein Schauer erfasste ihn zum erstenmal im Leben. Fuer eine Sekunde verlor sein sonst immer klarer Geist das Gleichgewicht. Dann besann er sich rasch. Er eilte zur alten Garde hin, nahm von deren fuenfzehn Bataillonen zwei, setzte ihnen in kurzen Worten auseinander, dass die Entscheidung nahe, und dass sie sie herbeifuehren und das Kaiserreich retten sollten. Sie muessten den Feind wieder in den Hohlweg hineinwerfen, aus dem er niemals haette herauskommen duerfen. "_Vive l'empereur!_" schallte es ihm aus den Reihen der Baerenmuetzen als Antwort entgegen. Dann traten sie mit unerschuetterlicher Ruhe zum Angriff an, mit gefaelltem Bajonett, ohne einen Schuss zu tun, und warfen die Preussen durch den ganzen Hohlweg bis ans andere Ende zurueck. Diese ihre Bravour gab Napoleon seine Zuversicht wieder. Wenn nur zwei Bataillone seiner alten Garde das gegen ein paar feindliche Divisionen erreichen konnten, dann hatte es keine Not, dann sollte auch Ney welche von ihnen haben! Ney hielt noch mit seinen halberschoepften Kuerassieren und Gardegrenadieren oben auf dem Plateau - ihm gegenueber der gaenzlich ermuedete Englaender, beide ohne einen Schuss zu tun, beide darauf wartend, wer von ihnen zuerst Hiebe bekommen wuerde. Eine Stunde standen sie schon so unbeweglich da, als Napoleon endlich glaubte, die Preussen so weit zurueckgeworfen zu haben, dass er Ney die erbetene Infanterie geben konnte. Er stellte noch sechs Bataillone zur Sicherung seiner Front gegen die Preussen auf und schickte den alten Friant mit vier Bataillonen gegen die Englaender auf das Plateau hinauf! Kaum hatte er den Befehl gegeben, da bemerkte er eine ploetzliche Unruhe in der regungslosen Masse seiner Reiterei da oben. Auf der Bruesseler Chaussee kam Ney herangesprengt, ohne Hut, mit durchloecherter Uniform, das Gesicht geschwaerzt, der blonde Haarschopf wirr um das Haupt flatternd, und schrie, seine Kavallerie wiche, wenn die Infanterie nicht sofort kaeme -, nahm dann die Bataillone der Garde an sich und zog mit ihnen ab. Da oben war immer noch der Sieg zum Greifen nahe. Hinter der englischen Front floh alles, was Beine hatte. In Bruessel wusste man bereits, dass Wellington die Schlacht verloren hatte, und Botschaften flogen von dort mit der Kunde von Napoleons Sieg nach allen Richtungen in die Welt hinaus. Unten im Tal kamen dann aber ploetzlich aus der Ecke, wo sich Napoleons Front rechtwinklig zurueckbog, die Rufe "_sauve-qui-peut!_" Und aus den Hoefen La Haye und Papelotte flohen die bisher siegreichen Leute der Division Durutte. Alles hing vom Augenblick ab. Die Schlacht war auf dem Punkt angelangt, wo der Geist der Panik herangesaust kommt und ueber dem Gewimmel darauf lauert, auf wen von den Kaempfern er sich stuerzen soll, und ob er hueben oder drueben den geringeren Widerstand finden wird, wenn er sein Entsetzen loslaesst. Hueben stand noch der kleine grosse Schlachtenkaiser aufrecht da und schaute ungeduldig nach seinem ungetreuen Grouchy aus, der immer noch nicht kam, um ihm das Schlachtenglueck zuzuwenden. Oben auf dem Plateau stand der zaehe Englaender und sah die Reihen der Baerenmuetzen auf sich zukommen. Ein Wink seiner Hand - die Garden Maitlands warfen sich auf den Boden hin, um dem Ansturm Neys und Friants zu begegnen, erhoben sich, schossen aus naechster Naehe und durchloecherten die Reihen der alten Garde an hundert Stellen. Aus mehreren Wunden blutend, ging Friant zurueck, holte sich von Napoleon, der sie selbst herangefuehrt hatte, noch fuenf Bataillone von der alten Garde zum Ersatz und zog mit ihnen wieder in den Kampf. Da sah Napoleon die letzten Reste der englischen Reiterei unter Vivian und Vandeleur sich ploetzlich wieder ermannen und zur Attacke vorstuerzen - er sah auch am Wald von Soignes Preussen kommen, die Reiter Zietens voran. Preussen ueberall und immer noch kein Grouchy! Er erbleichte -, es war die Niederlage, die jetzt auf ihn einstuermte. Zieten liess seine Reiter los, sie machten mit den Schwadronen Vivians und Vandeleurs gemeinsame Sache und ueberfluteten in einem Augenblick das ganze Schlachtfeld. Wo Napoleon hinblickte, war ein Gewimmel von englischen und preussischen Uniformen. Und er hatte keine Kavallerie mehr hier unten, um die feindlichen Reiter zu verjagen, seitdem Ney ihm die letzte genommen hatte. Das Fussvolk allein war gegen sie ohnmaechtig. Seine Gardebataillone bildeten ueberall Karrees, die hier und dort wie Felsen aus dem brandenden Meere emporragten und sich wohl wehrten, aber die Sturmflut nicht aufhalten konnten. Oben auf dem Plateau machten dann Milhauds Kuerassiere kehrt, um nicht von der Hauptarmee abgeschnitten zu werden, und ritten wieder die Boeschung hinunter. Auf dem abschuessigen Boden gerieten sie aber sofort in Unordnung und halfen so nur den Wirrwarr vermehren. Wellington ging jetzt zur Offensive ueber. Keine Moeglichkeit fuer Napoleon, der Aufloesung noch irgendwo eine Wehr entgegenzusetzen, und ein Bollwerk zu schaffen, hinter dem sich die aufgeloesten Verbaende ordnen koennten. "_Sauve-qui-peut!_" wurde die Losung - der Kehrreim, in den sich der Siegestaumel der Franzosen jaeh aufloeste. Napoleon sah das Nutzlose ein, jetzt, bei beginnender Nacht, wo er weder gesehen noch gehoert werden konnte, seine Person dem Trubel entgegenzustellen. Er liess sich in ein Karree einschliessen und ritt, Jerome an seiner Seite, auf der Chaussee nach Charleroi fort, von den vorbeiflutenden Truemmern seiner stolzen Armee mitgeschwemmt. Ueber das Schlachtfeld zogen jetzt von verschiedenen Seiten die Preussen und die Englaender gegen das weithin sichtbare Gehoeft Belle-Alliance hinan, fegten den Boden von Feinden rein und nahmen die Verfolgung der fliehenden Franzosen auf. Die Preussen besorgten das Geschaeft allein. Bis Jenappes hielten sie die Jagd durch, nahmen unterwegs Napoleon seine ganze Artillerie und Bagage ab und scheuchten seine Truppen durch Kartaetschenschuesse auf, sobald sie sich zur Ruhe setzen wollten. In Jenappes goennten sie sich endlich selbst etwas Ruhe. Bluecher, der trotz den Strapazen des vorhergehenden Marsches selbst die Verfolgung leitete, war frisch wie ein Fisch im Wasser und von einem seltenen Uebermut. Als er vom Pferd stieg und in sein Quartier hineingehen wollte, trat ihm ein alter Husar in der schwarzen Uniform, die er so gut kannte, entgegen und legte die Hand an die Muetze. Wie der Blitz fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf: "Aha, da habe ich ja meinen Solofaenger! Der fehlte mir noch! Der war heute wieder faellig. So war's nach Kirrweiler, so war's bei Leipzig! Und heute war's ja wieder eine Sache gewesen! Also, er ist da!" Er liess den Husaren gar nicht erst zu Worte, sondern rief ihm gleich zu: "Keinen Ton! Ich weiss, was du willst, ich weiss mit dir Bescheid! Komm, trinken wir miteinander eine Pulle Sekt fuer den guten Fang! Und da hast du auch deine zwanzig Mark! Soviel war's wohl wert, dass du mich damals den Preussen einfingst! - Oder sollte ich schon im Preis gestiegen sein?" Der alte Husar stand da, ohne zu begreifen, blickte bald Bluecher, bald das Geldstueck an und schuettelte den Kopf. "Wo haette ich? Was haette ich? Ich haette Eure Exzellenz gefangen? - - Wie kaeme ich wohl zu der Ehre? Ich habe einen ganz anderen Fang gemacht!" Und dabei nahm er aus der Tasche eine Handvoll Brillanten, liess sie aus der einen Hand in die andere rieseln - hielt dem Marschall ein Etui hin, in dem eine Sammlung der hoechsten und seltensten Orden der Welt, auch der preussische Schwarze Adler, glitzerten, und zog unterm Arm noch einen Degen und einen dreieckigen schwarzen Hut hervor, den man in der ganzen Welt wohl kannte. "Zu dem Hut gehoert auch ein grauer Mantel!" rief Bluecher aufgeregt, und riss das Kleidungsstueck an sich. "Und in dem Mantel steckte ein ganz besonderer Kerl! - Wo hast du den gelassen?" "Der steckt wohl immer noch drin in dem naemlichen Mantel, denke ich! Und den habe ich nicht erwischt!" "Du bringst mir ein Stueck vom Fell des Loewen! Bringe mir den Loewen selbst, und du wirst ein Fuerst, so wahr ich auch einer geworden bin. Ihm nach - rasch -!" Damit stuelpte er den Hut Napoleons auf den Kopf, nahm den Degen und die Orden an sich und ging hinein. Draussen blieb der Husar stehen. Er liess noch ein paarmal die glitzernden Steine aus einer Hand in die andere rieseln, steckte sie in die Tasche, schuettelte den Kopf und kratzte sich bedaechtig die Nase. * Das war am achtzehnten Juni. Schon am siebenundzwanzigsten konnte Bluecher seiner Frau aus Compiegne schreiben: "Hier sitz ich in dem Zimmer, wo maria luise ihre Hochzeitsnacht Celebrierte, man kann nichts Schoeneres und angenehmeres sehn als Compiene - -" Am siebenten Juli rueckte Bluecher wieder in Paris ein und fuehrte so den Gebrauch ein, auf jeden franzoesischen Einzug in Berlin mindestens zwei deutsche in Paris folgen zu lassen, damit man sich das merke und sich auch danach richte. Der deutsche Michel stand also wieder in Paris. Er benahm sich nicht wie der Ochse im Porzellanladen - auch pluenderte er nicht und erpresste nichts. Ja, er getraute sich nicht einmal, die ihm abgenommenen Milliarden zurueckzuverlangen - er war wieder gut und edel, zeigte Gemuet, nahm Ruecksicht, dachte, man wuerde es ihm danken, und merkte nicht, dass man ihn auslachte. Die anderen, die machten es ganz anders, wenn sie an der Reihe waren und siegten. Sie verstanden es, ihren Hass und ihre Rachsucht ins Gemuet des Besiegten hineinzustampfen, dass der Schmerz drin blieb und wucherte und zur Vergeltung trieb. Es fehlte nicht an wohlmeinenden Mahnern, die Michel beim Ohr nahmen und sagten: "Michel, werde hart, sonst geht's dir noch einmal ans Leben!" Bluecher brauchte jene Mahner nicht. Er sprach deutsch mit den franzoesischen Unterhaendlern und schrieb ihnen auch in dieser verpoenten Sprache, zum Entsetzen aller Diplomaten, nicht zum wenigsten der deutschen. Er verfuegte Wegnahme aller geraubten Kunstschaetze, verlangte zweimonatige Loehnung und neue Bekleidung fuer seine Truppen, legte der reichen Stadt Paris eine Kontribution von hundert Millionen auf und befahl sofortige Sprengung der Jenabruecke, ehe die Monarchen nach Paris kommen konnten, um das zu verhindern. Sie kamen aber schleunigst mit Extrapost an und inhibierten sowohl das wie vieles andere, insbesondere die Auszahlung der hundert Millionen. Sie kamen aber nicht schnell genug, um zu verhindern, dass Wellington in seinem Gepaeck den vor drei Monaten ausgerissenen Koenig Ludwig XVIII. mitbrachte - _Louis dixhuit_ - oder "_biscuit_", wie er fortan, als zweimal gebackener Monarch, genannt wurde. Die beiden Kaiser und der Koenig von Preussen hatten sich das franzoesische Cousinat diesmal ganz anders gedacht. Sie waren nicht sehr davon erbaut, auf dem Thron Frankreichs diesen ungeheuren Klumpen laechelndes, gekroentes, suffisantes Fett wieder vorzufinden, der sich ohne weiteres als Hausherr gerierte und ihnen die Rollen wohlerzogener Gaeste zuschob. Sie fanden sich aber bald mit ihren Rollen ab und liessen den ungelenken Mastodonten auf seinem koeniglichen Rollstuhl sitzen, allwo er denn auch ein beschauliches Dasein fuehren konnte, sich tagtaeglich zwischen dem Bett, der Tafel und dem geheimen Kabinett hin und her schieben liess und, fern von den Schrecknissen des Krieges, von Werken des Friedens traeumen konnte, als welche da sind: trueffiertes Wildbret, pikante Sossen, wohltemperierter Burgunder und mehr desgleichen. Bedenkt man die Verwuestung und Verarmung der anderen europaeischen Laender waehrend der langen Kriegsjahre, so muss zugegeben werden, dass la France, die Urheberin des ganzen Elends, doch mit ihrem neuen "Legitimen" billig dabei weggekommen war. Denn, wenn er auch im guten Sinne nicht so viel leistete, so tat er sich im boesen noch weniger hervor. Ganz wie das weisse Pflaster, das von der bourbonischen Hausfarbe wohl den Namen hatte. 14 DER GROeSSTE SIEG Alt und grau, noch ruestig, aber von Ruhm und Ehren gesaettigt, kehrte er zurueck zu den heimatlichen Gestaden, um die Staetten wiederzusehen, auf denen er in jugendlichem Uebermut herumgetollt war. Er trieb sich in der Stadt umher, durch die Strassen, ueber den Markt, in den Kirchen, auf den Friedhoefen, versaeumte nicht, den Ratskeller auf seine verborgenen Schaetze anzusprechen, und landete schliesslich auf dem Wall, von wo aus er ueber den Hafen auf den Breitling hinausblicken konnte, der im Sonnenschein glitzerte und blinkte. Lange stand er da, in wehmuetige Gedanken versunken. Das Wiedersehen mit der Heimat war so ganz anders, als er es sich waehrend seines langen Lebens vorgestellt hatte. Damals eine Welt, die fuer das Aufjauchzen der ersten Lebenslust kaum Raum genug hatte, die zu eng, zu drueckend war - eine Fessel, die gesprengt werden musste -, ein Kerker, aus dem es galt moeglichst schnell zu entrinnen. Und jetzt leer, tot und verlassen von allem, was sich damals in ihr draengte -, fremd und doch so vertraut zum Herzen sprechend wie ein altes, lange nicht gehoertes Lied, das auf einmal ploetzlich wieder an unsere Ohren dringt. _Vanitas! Vanitatum vanitas!_ Man kaempft und strebt, ringt um Erfolg und Ehren, kommt weit herum, sieht fremde Gesichter, knuepft neue Freundschaften an, bekommt Familie, schlaegt irgendwo, wo's der Zufall will, Wurzel, wird in neuer Erde bodenstaendig, glaubt sich dort beheimatet und bleibt ihr im Innersten doch ein Fremder. Die Wurzeln, die einen noch an die Heimaterde binden, verkuemmern oft, zerreissen aber nie. Die Traeume und Erinnerungen lassen Vergangenes wieder lebendig erstehen. Man wandelt in ihnen noch auf den Gefilden der laengst verflossenen Kindheit, balgt sich mit den alten Gespielen herum, erlebt die ersten Hoffnungen, die ersten Enttaeuschungen wieder, und bei jedem weiteren Schritt im Leben kehren die Gedanken wieder zu ihnen zurueck. Und ueber allem anderen, ueber Siegesrausch und Triumph, leuchtet dann die Frage: "Was werden die alten Gespielen, die Freunde, die Verwandten dazu sagen! Sie werden sich wundern, wie weit ichs im Leben gebracht habe! Ich, von dem sie so wenig hielten und dessen Flucht ins grosse Leben hinaus nur ihr mitleidiges Misstrauen in den Erfolg begleitete!" Endlich hat man den Erfolg errungen. Man hat festen Boden unter die Fuesse bekommen. Und doch kommt keine rechte Siegesfreude auf, ehe nicht die engere Heimat ihren Segen zum Gelingen gegeben hat. Man brennt darauf, diesen Triumph zu feiern, kehrt wieder heim, sucht alte Staetten, Wege, Gefilde auf, laesst die Blicke nach gewohnten Zielen schweifen und wird gleich enttaeuscht. Warum kommt nicht dort um die Ecke Freund Fritz gelaufen, munter, lustig und zu jedem Streich bereit? Wo bleibt heute Nachbars Lene, die sonst immer durchs Gartentor huschte, sogleich bereit, den Zoll der Freundschaft von ihres Vaters Apfelbaeumen zu entrichten? Und der Herr Pastor, der wuerdig dort die Strasse herunterschreitet, das Messbuch in den fromm gefalteten Haenden, die Blicke gesenkt, der Kuester mit dem Kruzifix im gleichen Trott hinterher, wie hat er sich verjuengt! Damals Schnee in den reichen Locken, jetzt blondester Flachs! Dort sperrt ein fremdes Haus den gewohnten Blick ueber den Fluss, und endlose Speicherbauten machen sich ruecksichtslos auf dem Gelaende breit, wo die gewaltigsten Ereignisse der frohen Kindheit sich abspielten. In den Gruenspan der Kirche sind frische Flicken von blankem Kupfer getrieben - das Glockenspiel von damals knarrte und schnarrte ganz anders, ehe es zum Herunterbimmeln des altgewohnten Chorals mit hinkendem, aber wuerdevollem Pathos ausholte -, auch der Strasse am Elternhause gab die neue Zeit neues Pflaster! Und dann die zahllosen neuen Graeber auf dem Kirchhof, die die altvertrauten schier verdraengen wollen! Liegen wohl da alle die, deren freundliches Staunen ob spaet, aber doch endlich gewonnener Anerkennung man heranzufordern kam? Ja -, wozu war denn schliesslich alles da? Wozu der Kampf und Sieg, wenn eben die, die die schoensten Kraenze aufrichtiger, selbstloser Freude winden wuerden, laengst die Eitelkeit alles Erdenstrebens mit etwas Besserem vertauschten? Waeren sie wenigstens in der Erinnerung geblieben, wie sie waren - jung, lebenslustig, uebermuetig, unbesiegbar. In der Erinnerung der Kindheit lebte bis jetzt noch alles, was seither im Aufbluehen die Seele erfuellte! Und jetzt, nach dem Wiedersehen, verblassten auch dort die Bilder und schwanden fuer immer. Die neue Wirklichkeit loeschte ihre gluehenden Farben aus - eintoenige, gleichgueltige Leere umfing die Sinne - das treu im Herzen gehuetete Heiligtum sank hin, und Bitterkeit, Enttaeuschung und unendliche Wehmut lagern ueber dem Truemmerfeld teurer Erinnerungen. Darueber daemmerte aber wie ein Hauch der Ewigkeit die Antwort, die die Heimat dann dem spaet Wiederkehrenden gab: "Was du suchtest, fandest du: Ehren, Ruhm, Reichtum - fuer dich, aber nicht fuer mich! Hofftest du auch von mir Kraenze, und spornte dich das zu immer neuem Ringen an - jetzt bist du ja am Ziel - jetzt brauchst du meine Kraenze nicht mehr! Jetzt blueht dir nur noch die Erkenntnis, die ich dir als letzte Lehre auf deinem letzten Wege mitgebe: "_Aus dir selbst bist du nichts!_ Was du geleistet hast, wurde dir vom Geber aller Gaben geschenkt! Sei dankbar, demuetige dich! Was suchst du noch im Staube nach Ehren! Das Loch in der Erde ist dir sicher, mehr kommt dir nicht zu!" Das ist hart. Das bange Vorgefuehl dieser Haerte war's wohl auch, das ihn immer wieder davon abgehalten hatte, den Weg zurueck zu beschreiten, um nicht eher jene Illusion zu verlieren, die ihm sooft sieghaft ueber alle Enttaeuschungen des Lebens hinweghalf, bis sie nicht mehr gebraucht wurde. - - Lange stand er noch, die Augen auf die glitzernde Wasserflaeche gerichtet, mit den Gedanken spielend, die ueber ihn gekommen waren - am Grab der Eltern - unter den Baeumen im Garten, wo er sooft als Junge geklettert war - dort unten am Ufer, wo er sich mit all den anderen Rostocker Ruepeln nach Herzenslust gebalgt hatte - mit Hans Joerg und Jochen und Christian Faber, und wie sie alle hiessen! Am Ufer der Warnow war ihr Schlachtfeld gewesen. Die merkwuerdigsten Manoever hatten sie dort unten ausgefuehrt, unsterbliche Heldentaten verrichtet, Siege erfochten, gegen die Hamilkars und Hannibals das reine Nichts waren - sie hatten in Blut gewatet, hatten die Leichen haufenweise uebereinandergetuermt! Und nach beendigter Schlacht waren die Gefallenen ohne Ausnahme wieder lebendig geworden und zogen am naechsten schulfreien Nachmittag wieder seelenfroh in den Kampf. Und der Festungskrieg, der sich dort zwischen den Bretterstapeln abgespielt hatte, der spottete jedes Vergleichs! Viele brave und werte Genossen waren ihm in den spaeteren Kaempfen seines Lebens nahegekommen, aber keiner naeher als die Gespielen, die ihm halfen, die ganzen ungeheuren Erlebnisse der Kinderphantasie zu gestalten. Wo die wohl alle geblieben waren? Ob sie noch lebten - wie sie wohl aussahen, und ob sie sich nicht jetzt dazu bequemen wuerden, ihn als den Staerkeren anzuerkennen? Es waren obstinate Racker gewesen, steifnackige Krabaten, ganz wie er selbst. In den Jugendkaempfen mit ihnen, da hatte er wohl eben das feste Zupacken geuebt - da hatte sich am Ende der Keim zu den spaeteren Siegen zuerst entfaltet? Daher kam es wohl, dass er sooft im wilden Getuemmel grosser Geschehnisse ploetzlich innehielt und sich beim ernsten Nachdenken ueber die hochwichtige Frage ertappte: was wohl Hans Joerg zu diesem oder jenem gesagt haette, waere er jetzt dabeigewesen, und was fuer ein Gesicht der alte Knabe wohl machen wuerde, wenn er in der Avis die grosse Begebenheit fett gedruckt aufgetischt bekaeme? Aber der Hans Joerg war wohl auch so'n dicker, aufgeblasener Spiesser geworden und hatte wohl ueber der Sorge seines Bauches laengst alles andere vergessen! Noch eine Weile blieb Bluecher oben. Er konnte sich nicht vom Blick uebers Wasser trennen. Es war wohl ein allerletzter Abschied, den er jetzt nahm. Endlich wandte er sich zum Gehen. Da kam dort um die Ecke, gerade auf ihn zu, ein altes Maennlein, huestelnd und sich raeuspernd, blieb vor ihm stehen, zog ehrerbietigst die Muetze, blickte aus alten, mueden, halberloschenen Aeuglein neugierig zu ihm auf, verzog sein gefurchtes, braunledernes Gesicht zu einem breiten, vergnueglichen, aber zugleich verlegenen Laecheln, indes die Zunge hinter den zahnlosen Lippen muehselig nach Worten suchte. Endlich brachte er die Frage heraus, lange und wolluestig an jeder Silbe lutschend: "Verzeihen," sagte er, "wollen Ihro Hochgeboren nicht uebel aufnehmen, wenn ich wage, gehorsamst eine Frage zu stellen - aber Sie sind ja woll der Durchlauchtigste Feldmarschall Fuerst Bluecher selbst _in persona_?" "Der bin ich!" "Dachte ich mir auch gleich! Meine Alte las mir naemlich heute frueh vom hohen Besuch unserer Stadt aus der Avis vor. Und da dachte ich gleich - da musst du aber 'raus und nachschauen, ob du ihn nicht auch erwischen kannst. Na, da haette ich ja Glueck gehabt! Nee -", sagte er dann und besah ihn sich gruendlich von allen Seiten, "was fuer'n hoher und durchlauchtiger Herr aus so'n ollen Rostocker Jungen wern kann! Das ist ja woll ganz und gar nicht mehr moeglich! An so'n Mirakel haette wohl keiner von uns damals geglaubt, als wir uns da unten mang die Bretter 'rumtollten. Aber das sind ja olle Kamellen! An die denkt so'n hoher Herr ja woll nicht mehr!" "Was?" rief Bluecher, und starrte den Alten mit unverhohlener Neugier an. "Wer ist denn - - ja, ist das nur moeglich -? Das ist ja woll -" "Jaha," meckerte der Alte und nickte vergnuegt, "der Hans Joerg, der bin ich immer noch -" "Ja, wahrhaftig! Alter Freund! Das war aber eine rechte Freude! Na, da muss ich aber wirklich sagen! Eben stand ich hier und dachte an die alten Zeiten zurueck und wunderte mich, wo ihr wohl alle seid, und was aus euch geworden sein koennte! - Wo sind denn all die anderen, der Krischan Faber und Jochen?" "Die sind all tot! Den Krischan, den haben die Franzosen totgeschossen." "Na, das haette er denn mit vielen braven Leuten gemeinsam gehabt. Ich war auch oft nahe dran." "Na, da hat der Himmel zu unserem Glueck Eure Durchlaucht davor bewahrt!" "Was?! Wie hast du mich genannt? Willst du wohl?!" "Durchlaucht, sagte ich -" "Nenne ich dich Durchlaucht? Wie?!" "Nee, aber ich kann mir doch nicht erlauben -" "Wenn du der Hans Joerg bist und du erlaubst dir, mich anders als frueher zu nennen - nun dann bist du eben nicht der rechte Hans Joerg. Dann fordre ich dich vor die Pistole!" "Das waere ja nicht der erste Zweikampf, den wir miteinander ausgefochten haben!" lachte der Alte. "Erinnerst du dich noch, Gebhard, als wir um die Wette nach der Boje da draussen hinausschwammen - ja, die schwimmt da noch - und ich kam zuerst heran." "I wo!" "Jawoll, das tat ich. Und das passte dir nun nicht. Da bist du untergetaucht und hast mich am Bein gepackt und zurueckgezogen, und ich drehte mich dann um und versetzte dir eine -" "Zwei hast du dafuer gekriegt." "Jawoll - zwei - eine Balgerei ging da los, und ich habe dich noch orntlich gedoppt -" "Das erinnerst du falsch! So war's nicht - sicher nicht." "Ob's so war? Dadrauf kannst du Gift nehmen, im Schwimmen, da war ich dir ueber - da frag' nur all die anderen, die werden's bezeugen! Und zuerst kam ich doch an die Boje ran - und zuerst war ich am Land -" "Na - schneid nur nicht auf! - Ich werd' mir wohl denn schon nichts daraus gemacht haben! Aber, das weiss ich noch bestimmt, im Schwimmen stellte ich meinen Mann, und mach's heute noch!" "Na - damals bist du aber unterlegen, Gebhard, und das stimmt. Und dann - erinnerst du noch, als wir die grosse Schlacht auf dem Teutoburger Wald schlugen und du der Hermann warst und ich der Varus? Weisst du noch, wie wir dir alle deine Leute totschlugen und dich dann mit Stricken banden?" - "Das luegst du!" "Wahrhaftigen Gottes, das luege ich nicht. Du siegtest sonst immer, und niedertraechtig hast du uns dann immer behandelt! Und da haben wir uns schliesslich verschworen und deine Germanen mit Zuckerzeug bestochen - meine ganze Sparbuechse ging drauf! Sie waren aber gern damit einverstanden, ihrem Arminius einen Schabernack zu spielen. Das naechste Mal, als der Kampf losging, da starben sie denn auch richtig wie die Fliegen von dem Zuckerzeug, kaum dass wir sie angesehen hatten! Und da dauerte es nicht lange - da hatten wir auch den Arminius bei den Hammelbeinen und schnuerten sie ihm feste zusammen, daran erinnere ich mich noch, als waere es gestern!" "Das erinnerst du falsch, Hans Joerg, und das steck' dir hintern Spiegel!" "Nun, das werde ich wohl wissen, wo ich dich selbst gebunden habe!" "Das luegst du!" "Mit 'nem richtigen Schiemannsknoten knuepfte ich dir deine Apostelpferde zusammen. Ich hatte meine Mutter ihre Waescheleine zu dem Zweck gestibitzt. Ich fuehle ja noch die Wichse, die sie mir dafuer gab. Und das sollte ich mir nicht richtig erinnern?!" "Nee - das ist nun und nimmermehr wahr!" "Dass wir dich banden? Nun, so wahr, wie dass ich hier vor dir stehe!" "Und wenn du doppelt und zehnfach vor mir staendest, so luegst du doch und luegst doppelt!" "Ich werde mich wohl von dir einen Luegner schelten lassen!" "Nun, wenn du einer bist!" "Selbst bist du einer!" "Was wagst du!" "Nun, das fehlte auch noch, dass ich das nicht wagen sollte! Es kann noch besser kommen! Nimm dich nur in acht! Das waere nicht das erstemal, dass ich dich auf den Ruecken lege!" "Nun schweig aber!" "Schweig selbst!" "Wenn du jetzt nicht bald still bist -!" "Denkst wohl, ich fuerchte mich vor dir!" Hochrot im Gesicht standen die beiden Greise mit erhobenen Haenden und zornig funkelnden Augen voreinander. Da besannen sie sich wieder darauf, dass sie nicht mehr die Schulbuben von Anno dazumal waren, sondern alte, gesetzte Maenner im Staate, und brachen ploetzlich in ein helles Lachen aus. Sie lachten, dass sie sich auf die Knie schlugen. "Wahrhaftig," sagte Bluecher, "in einem Augenblick sind wir um sechzig Jahre zurueckgekommen und zanken uns hier wie die dummen Jungen, die wir waren, und tragen unsere unerledigten Streitigkeiten von damals aus. Ich erinnere mich auch an den Vorfall, als waere er gestern geschehen. Es war eine Niedertracht von dir, Hans Joerg, und davon gehe ich nicht ab! Aber erinnerst du noch, wie ich da gebunden lag und ihr mich alle fuehlen liesset, wie ich euch meistens unter der Fuchtel hatte - erinnerst du, als ihr um mich tanztet und mich verspottetet, wie ich dann auf einmal frei unter euch stand und deiner Mutter Waescheleine um eure Ohren sausen liess, und wie ihr da alle lieft und euch wie die Ratten zwischen die Bretterstapel verkrocht? Weisst du das noch?" "Nun ja - du hattest eben die Leine durchgebissen - ich hab's nachher auf meinem Ruecken ausbaden muessen!" "Das hat dir nichts geschadet! Aber wenn ich an _den_ Sieg denke und an den Triumph - nun, Katzbach war schon eine Sache, und Leipzig auch, von Belle-Alliance und Paris nicht zu reden! Aber der Sieg ueber euch Rostocker Lausbuben im Teutoburger Wald, hier am Ufer der Warnow - wahrhaftig -, _das war doch mein schoenster Sieg!_ Und weil er auch der unblutigste war, muessen wir ihn jetzt ordentlich mit Rebenblut begiessen! Gekneipt haben wir ja damals noch nicht. Aber den Weg zu mancher guten Pulle Rotspon habe ich wohl nachher gefunden. Und du schon auch! Komm, Hans Joerg, finden wir den Weg einmal im Leben auch zusammen!" Arm in Arm zogen sie dann ab. Bluecher lang und stattlich und Hans Joerg klein und huestelnd, aber mit fuerstlicher Haltung und mit dem Widerschein all der Siege seines grossen alten Kampfgenossen in den Augen. So gingen sie zurueck in die gute alte Zeit, aus der sie gekommen waren, und blieben da beisammen und liessen die "ernsthaften" Kaempfe dieser Welt sein, was sie ihnen immer gewesen waren: - Schlacken am Gold ihres Kindergemuets. BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr einzelne Woerter aus fremden Sprachen (bis auf die Abkuezung "Dr."), hier durch Unterstrich (_) gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Woerter. Das Inhaltsverzeichnis wurde in der elektronischen Version hinzugefuegt. Variationen bei Schreibweisen oder Zeichensetzung wurden nicht vereinheitlicht. Die bei den Initialen am Kapitelanfang weggelassenen Anfuehrungszeichen wurden ergaenzt. Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern: Seite 13: "ganze" geaendert in "ganzen" Seite 44: ueberfluessiges Anfuehrungszeichen entfernt hinter "Ehre!" Seite 87: "Samlung" geaendert in "Sammlung" Seite 117: "unenmpfindlich" geaendert in "unempfindlich" Seite 120: "Devensive" geaendert in "Defensive" Seite 128: ueberfluessiges Anfuehrungszeichen entfernt hinter "mir." Seite 130: ueberfluessiges Anfuehrungszeichen entfernt vor "So"; "Divison" geaendert in "Division" Seite 200: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "Wagemut" Seite 277: "dass" geaendert in "das" Seite 294: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "noch!" Seite 312: "Genearl" geaendert in "General" Seite 339: "Oestereich" geaendert in "Oesterreich" Seite 344: "Leibzig" geaendert in "Leipzig" Seite 442: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "doppelt!" ***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS HEILIGE DONNERWETTER. EIN BLUeCHERROMAN*** CREDITS May 07, 2012 Project Gutenberg TEI edition 1 Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net A WORD FROM PROJECT GUTENBERG This file should be named 39650.txt or 39650.zip. This and all associated files of various formats will be found in: http://www.gutenberg.org/dirs/3/9/6/5/39650/ Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be renamed. Creating the works from public domain print editions means that no one owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United States without permission and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to copying and distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you do not charge anything for copies of this eBook, complying with the rules is very easy. 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