The Project Gutenberg EBook of Mene tekel!, by Arnold von der Passer

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Title: Mene tekel!
       Eine Entdeckungsreise nach Europa

Author: Arnold von der Passer

Release Date: April 17, 2018 [EBook #56991]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                              Mene tekel!


                   Eine Entdeckungsreise nach Europa.

                                  Von
                          Arnold v. d. Passer.


                          Erfurt und Leipzig.
                          Bacmeister's Verlag.
                                 1893.


                        Alle Rechte vorbehalten.

                                    Der Verfasser.


              Buchdruckerei Albert Limbach, Braunschweig.




                                Vorwort.


Das Buch des genialen Amerikaners Bellamy, welches den socialistischen
Zukunftsstaat im gnstigsten Lichte schildert, hat zahlreiche Schriften
zu Tage gefrdert, die den entgegengesetzten Zweck verfolgen, nmlich
den Socialstaat mit den dstersten Farben auszumalen und auf diese Weise
Stimmung gegen die Socialdemokratie zu machen.

Bellamy sowohl als seine Gegner gehen indessen von dem nmlichen Punkte
aus. Sie nehmen smmtlich an, da ber kurz oder lang ein Moment
eintreten werde, in welchem die capitalistische Gesellschaft
ausgewirthschaftet haben und von der socialistischen abgelst werden
wird. Der Unterschied ist nur der, da bei Bellamy das Experiment
gnstig, bei seinen Widersachern aber hchst unglcklich ausfllt.

Die eifrigsten Gegner der Socialdemokratie scheinen demnach selbst der
Ansicht zu leben, da die capitalistische Gesellschaft eines Tages am
Abschlu ihrer Laufbahn angelangt sein werde, allerdings nur
vorbergehend, um alsdann neu verjngt aus der Asche des Socialstaates
emporzusteigen -- und ihr Spiel von Neuem zu beginnen; diesmal natrlich
nicht mehr genirt von den praktisch _ad absurdum_ gefhrten Bestrebungen
der Socialdemokratie. Die Letztere wird, so hoffen sie, sich selbst
vernichten und der ungestrten capitalistischen Entwicklung werde nichts
mehr im Wege stehen.

Was hindert uns aber anzunehmen, da dieser von den Gegnern der
Socialdemokratie gewi als sehr wnschenswerth angesehene Zustand einer
gnzlich ungehinderten capitalistischen Wirthschaft schon frher
eintrete, nicht herbeigefhrt durch die Socialdemokratie selbst, sondern
durch die mit Erfolg gekrnten Bestrebungen aller Jener, welche sie
jetzt mit ihrer glhenden Feindschaft beehren und sie lieber heute als
morgen gnzlich vernichten wrden?

Nehmen wir einmal an, der Einflu und die Beredsamkeit des Herrn Eugen
Richter sei wirklich so gro, da vor dem Runzeln seiner Brauen die
Socialdemokratie in Staub zerfallen werde. Dann wird es
selbstverstndlich in jenem Momente, den Bellamy und selbst seine Gegner
prophezeien, keine Socialisten geben und was alsdann eintritt -- das
soll eben mein Buch schildern!

Vielleicht trgt es dazu bei, auch Anderen die Ueberzeugung
beizubringen, die sich mir schon lngst aufgedrngt hat, da nmlich
diejenigen, welche, wie Herr Eugen Richter, die Socialdemokratie bis
aufs Messer bekmpft wissen mchten, weitaus staatsgefhrlicher, als die
ungestmsten Socialisten und zum mindesten ebenso culturfeindlich sind,
als die schwrzesten Clerikalen.

Wenn die socialistische Bewegung, diese groartigste aller
Culturstrmungen, seit es eine Menschheit giebt, nicht schon bestnde,
sie mte geradezu von Staats wegen geschaffen werden, um die
Civilisation vor jenem Abgrunde zu retten, auf den wir, wenn es nach
Herrn Richter geht, ohne Bedenken zulaufen.

Die capitalistische Productionsweise ist frher oder spter dem
Untergange geweiht; Sache der Gesellschaft ist es, Sorge zu tragen, da
diese Umwlzung sie nicht unvorbereitet treffe, da das Volk erzogen
werde fr diesen Moment, und Niemand kann dieses Erziehungswerk
vollziehen, als die Socialdemokratie. Wer sie daran hindert, ist
entweder ein Wahnsinniger oder ein Verbrecher!

Was nun mein Buch anbelangt, so erlaube ich mir, noch einige Bemerkungen
ber dessen Inhalt vorauszuschicken. Ich erblicke in dem Freilandstaate,
wie er vorlufig von Herrn Hertzka projectirt ist, noch lange kein
Ideal; nehme aber die Mglichkeit an, da er sich nach und nach auf rein
socialistischen Grundlagen zu einem solchen ausgestalten knne. Auf
jeden Fall drfte er besser und vernunftgemer eingerichtet werden, als
andere uns nher liegende Staatengebilde.

Da meine Freilandleute hie und da Gebrauch von ihren Waffen machen,
wird man ihnen wohl, angesichts des Umstandes, da es nur im Zustande
der Nothwehr geschieht, verzeihen. Wenn mein Bchlein auch nur einen
einzigen Gegner der Socialdemokratie _zum Nachdenken_ -- mehr
beanspruche ich nicht -- veranlassen sollte, so hat es seinen Zweck
erfllt.

Obermais bei Meran, Neujahr 1893.

                                                  Arnold v. d. Passer.




                              1. Capitel.

   Ein Fest am Victoria-Nyanza, Anno 2398 n. Chr. -- Die Bewsserung
       der Sahara. -- Der Freilandstaat in Gefahr. -- Verlassene
    Colonien. -- Eine Volksabstimmung. -- Das verdete Weltmeer. --
          Ein Riesencanal. -- Die Flotte des Freilandstaates.


Die groe Volkshalle in Thomasville am Victoria-Nyanza-See, der
Metropole des Freilandstaates, war am Abend des 17. Mrz 2398 bis auf
das letzte Pltzchen gefllt. Von den Eisensparren des riesigen domartig
gewlbten Raumes hingen in anmuthigen Bogen Guirlanden herab, durchwirkt
von den Kelchen tausender und abertausender buntschillernder tropischer
Blumen; in zauberischem Glanze wogte von der Kuppel hernieder ein Strom
blulich-weien elektrischen Lichtes auf die unzhlbare, festlich
gekleidete Menge, welche den Klngen eines fnfhundertkpfigen
Sngerchores lauschte. Wie Gesang himmlischer Heerschaaren fielen in die
imposante Tonflle pltzlich hundert liebliche Kinderstimmen ein, dann
schlo sich brausend und rauschend der Klang einer unsichtbaren Orgel
an, und in mchtigen Accorden endete das Musikstck, gefolgt vom
Beifallssturm der tief ergriffenen Menge.

Nach einer Pause, whrend welcher die allgemeine Erregung wieder
erwartungsvoller Stille Platz gemacht hatte, betrat der erste Prsident
der wissenschaftlichen Academie zu Thomasville, der in weitesten Kreisen
berhmte und gefeierte Professor Bellmann, die in der Mitte des
Orchesterraumes errichtete Rednerbhne und seine kraftvolle Stimme drang
in wohlgesetzter Rede bis in die fernsten Winkel des colossalen Raumes.
Er besprach zunchst die Ursache des heutigen, an allen bewohnten
Sttten des Continentes gleichzeitig gefeierten Festes. Heute vor 500
Jahren, am 17. Mrz 1898 hatten jene weitblickenden und hochherzigen
Mnner, welche von Europa herbergefahren waren, um im Herzen Afrika's
den Freilandstaat zu grnden, den Boden des dunklen Welttheiles
betreten. Ihnen ist es zu verdanken, da Afrika jenen Namen schon seit
Jahrhunderten nicht mehr verdient, da es vielmehr allen Anspruch
erheben kann, der glckliche Welttheil genannt zu werden. Und nun
schilderte der Redner in kurzen Umrissen die Geschichte der letzten
fnfhundert Jahre, wie das kleine, am Keniagebirge unter Schwierigkeiten
und Hindernissen aller Art gegrndete Gemeinwesen, Dank den richtigen
und humanen Grundstzen, von denen es geleitet wurde, immer mehr und
mehr sich entwickelte und aufblhte, wie seine Grenzen sich ausdehnten,
und wie es endlich so weit kam, den ganzen groen Continent von der
Kste des Mittelmeeres bis hinab zum Cap der guten Hoffnung und
Millionen friedlicher, gesitteter Menschen zu umschlieen.

Schon seit Jahrhunderten waren die groen Wildnisse des Innern
erschlossen und die Negerbevlkerung hatte sich so culturfhig gezeigt,
da aus ihrer Mitte seither eine groe Zahl vortrefflicher Knstler und
Gelehrter hervorgegangen waren. Die grausamen Sklavenjagden vergangener
Zeiten lebten nur noch wie halbverschollene Sagen in der Ueberlieferung
der jetzigen Generation. An den groen Seen, wo frher blutige
Schlachten zwischen den sich befehdenden Stmmen geliefert worden waren,
breitete sich eine Kette anmuthiger Ortschaften aus und als Perle unter
ihnen die prchtige, glanzvolle Hauptstadt Thomasville, dem groen
Utopisten des Reformationszeitalters, Thomas Moore, zu Ehren so genannt.
Die Sahara hatte die Bewohner von Freiland ebenso wenig in ihrem
Culturwerk aufzuhalten vermocht, als die riesigen Urwlder am Aruwimi,
welche Stanley einst mit seinen halbverhungerten Schaaren durchzog.
Erstere war schon seit zweihundert Jahren in ihrer ganzen Ausdehnung
bewssert und jetzt ein unabsehbares Fruchtgefilde, mit reizenden
Palmenhainen geschmckt, die sich in den khlen Fluthen der Canle
spiegelten, von denen das Land allenthalben durchzogen wurde. Viele
hunderte blhender Stdte und Drfer lagen jetzt dort, wo einst der
Samum mit den Gebeinen verschmachteter Karawanen sein Spiel getrieben
hatte. Der Urwald am Aruwimi aber war schon lngst in einen Riesenpark
verwandelt, von Straen und Eisenbahnen durchzogen und nicht mehr von
Canibalen und Zwergen, sondern von schngebauten, hochcultivirten
Menschen bewohnt. Fast ungestrt hatte sich dieses groartige Culturwerk
im Laufe der Jahrhunderte vollzogen; erst langsam, dann schnell und
immer schneller. Nur ein einziges Mal, gegen Ende des 20. Jahrhunderts,
schwebte der Freilandstaat in Gefahr, vernichtet zu werden, nicht durch
die Schaaren der Eingeborenen oder der ruberischen Araber, sondern
durch groe bewaffnete Expeditionen, welche von Europa aus abgesendet
worden waren, um dem jungen Gemeinwesen die Oberhoheit und die Gesetze
der alternden Staaten jenseits des Mittelmeeres aufzuzwingen.

Damals kam es zwischen der Kste und den groen Seen zum
Entscheidungskampfe, in dem die Begeisterung der Freiland-Schaaren einen
glnzenden Sieg davontrug. Das war der erste und letzte Versuch gewesen,
die Schrecken des Krieges in das friedliche Staatswesen im Innern
Afrika's zu tragen; immer weiter und weiter schob es seine Ansiedlungen
gegen die Ksten vor und gegen Mitte des 23. Jahrhunderts fanden die
Freilandbrger, da diese Ksten in ihrer ganzen Ausdehnung fast
menschenleer waren. Die einst mit so groen Opfern gegrndeten und
unterhaltenen europischen Colonien waren aus unerfindlichen Ursachen
verlassen und dem Ruine preisgegeben worden; nur an jenen Punkten, wo
die europische Cultur einst den festesten Fu gefat hatte, wie in
Unteregypten, in Algier und am Cap der guten Hoffnung, lebte noch in den
Ruinen verfallener Stdte ein kmmerliches entartetes Geschlecht, das
noch einige Reste alter Cultur sich bewahrt, und dessen europische
Abkunft sich nicht gnzlich verwischt hatte.

Als man diese berraschende Entdeckung gemacht hatte und inne geworden
war, da, soweit das afrikanische Festland reichte, der Entwicklung des
Freilandstaates nichts mehr im Wege liege, wurde allgemein das Verlangen
laut, den Ursachen dieses Umstandes auf die Spur zu gehen.

Von den Ksten abgeschlossen, hatte das junge Staatswesen bisher sein
ganzes Augenmerk lediglich auf seine innere Entwicklung und Festigung
gerichtet und keinerlei Versuch gemacht, mit auerafrikanischen Vlkern
in Verkehr zu treten. Hatten die ersten Ansiedler-Generationen noch
einige Beziehungen zur alten Heimath unterhalten, so war auch dieses
lose Band im Laufe der Zeit gnzlich gelst worden. Seit mehr als 200
Jahren war nur hie und da eine dunkle Kunde von Europa und seinen
Zustnden ins Innere des afrikanischen Continentes gedrungen, und so war
es leicht begreiflich, da jetzt das Verlangen sich regte, das Versumte
nachzuholen und neue Beziehungen zu dem alten Mutterlande herzustellen.
Eine Flotte sollte gebaut und ausgerstet werden mit der Bestimmung, die
Haupthandelspltze der anderen Welttheile, namentlich Europa's,
aufzusuchen und ber die Zustnde dortselbst genau Bericht zu erstatten.

Diesem Verlangen widersetzte sich jedoch die Oberleitung des Staates
sehr energisch und zwar aus schwerwiegenden Grnden. Noch waren die
Krfte des jungen Staatswesens bei Weitem nicht derart entwickelt, da
dasselbe gegen jede Einwirkung von auen her als gefeit angesehen werden
konnte. Noch war die Hauptmacht des Staates im Innern des Welttheiles
concentrirt; an den Ksten existirten nur vorgeschobene Posten, welche
fr den Fall, da von Europa aus wiederum feindselige Absichten zur
Durchfhrung gelangt wren, der Vernichtung fast mit Sicherheit
ausgesetzt waren, noch lagen weite uncultivirte, oder nur drftig
bevlkerte Lnderstrecken zwischen dem Innern und der Kste und groe,
die Thatkraft und den Flei der Bevlkerung auf Generationen hinaus in
Anspruch nehmende Culturaufgaben waren zu bewltigen. Ihre Hauptaufgabe
erblickte die oberste Staatsleitung indessen darin, einen etwaigen
Rckfall des Freilandstaates in die veralteten Geleise der
capitalistischen Productionsweise unter allen Umstnden unmglich zu
machen und sie frchtete vielleicht nicht mit Unrecht, da die Erffnung
von Handelsbeziehungen zu den alten Staaten im Stande sei, in dieser
Hinsicht unberechenbare Gefahren herauf zu beschwren, denen auf alle
Flle vorlufig aus dem Wege gegangen werden msse, und zwar umsomehr,
als Afrika bis zu diesem Augenblicke alles was seine Bewohner bedurften,
selbst zu produciren befhigt war. Mit dieser vielleicht etwas
engherzigen Ansicht befand sich die Freiland-Regierung -- zum ersten
Male seit ihrem Bestande -- in Widerspruch mit einem groen Theile der
Bevlkerung, aber die Grnde, welche sie leiteten, wurden dennoch von
der Mehrheit als einleuchtend anerkannt und der Regierungsantrag, die
Expedition nach Europa bis zum Jahre 2398, dem fnfhundertjhrigen
Jubilum von Freiland, zu verschieben, fand bei der allgemeinen
Volksabstimmung die Majoritt fr sich. Man war entschlossen, keine von
Europa aus etwa angeknpften Beziehungen zurckzuweisen, aber ebenso
entschlossen, von sich selbst aus derartige Beziehungen vor dem
genannten Zeitpunkte nicht aufzusuchen. Wenn die Anhnger der
Expeditionsidee aber nun gehofft hatten, da von Europa oder anderen
Welttheilen aus frher oder spter ein Versuch gemacht werden mge, mit
dem immer schner aufblhenden afrikanischen Staate in Verkehr zu
treten, so hatten sie sich gnzlich getuscht. Seltsamerweise unterblieb
ein solcher Annherungsversuch und von allen Ksten Afrika's kam
jahraus, jahrein die Meldung, da das weite Weltmeer de und verlassen
daliege, da auch am fernsten Horizonte nicht die Spur eines Segels zu
entdecken sei. Inzwischen ging die Cultivirung Afrika's mit
Riesenschritten vorwrts, und als die ersten 500 Jahre seit der Grndung
des Freilandstaates sich ihrem Ende zuneigten, war der einst so
unwirthliche Erdtheil von einem Ende bis zum anderen ein Garten, ein
Paradies, geschmckt mit allen Errungenschaften menschlicher Arbeit und
bewohnt von Millionen zufriedener gesitteter Menschen.

Schon lange vor diesem Zeitpunkte war eine Riesenarbeit in Angriff
genommen worden, welche den Zweck hatte, den Victoria-Nyanza direct mit
dem Meere in Verbindung zu setzen: ein Schifffahrtskanal, fr die
grten Seeschiffe passirbar, wurde vom Westgestade des Sees bis zum
Congo angelegt, der Riesenstrom selbst in seiner ganzen Lnge vom Meere
bis zum Einflu des Aruwimi, dessen Unterlauf selbst einen Theil des
groen Canals bildete, regulirt und canalisirt und als die
Freilandflotte, bestehend aus 50 stattlichen Schiffen neuester
Construction, auf dem Victoria-Nyanza zum Auslaufen bereit lag, war der
Canal, durch den sie ihren Weg zum Meere nehmen sollte, bis auf den
letzten Nagel in der letzten Schleuse fertig. Am morgigen Tage, so
schlo Professor Bellmann seine Rede, werde der Prsident des
Freilandstaates unter groen Feierlichkeiten diesen letzten Nagel
eigenhndig einschlagen und die Flotte sodann augenblicklich ihre Reise
nach den europischen Ksten antreten. Ausgerstet mit dem Besten, was
die vereinte Arbeit der Freilandbrger geschaffen, wird sie, begleitet
von unseren Segenswnschen, hinausfahren bis zu dem Gestade des alten,
fr uns schon fast verschollenen Mutterlandes und den Bewohnern
desselben die Kunde berbringen, da hier in Afrika die Nachkommen jener
vor fnf Jahrhunderten gelandeten Ansiedler ein mchtiges blhendes
Gemeinwesen sich geschaffen haben, in dem Jeder die Frchte seines
Fleies voll und ganz genieen kann, in dem man nur aus den
Ueberlieferungen einer fnfhundertjhrigen Vergangenheit noch wei, da
die Menschheit einst in Reiche und Arme geschieden war, und da es
Zeiten gab, in denen der Mensch seinen Nebenmenschen verhungern lie,
whrend er selbst in Ueberflu schwelgte.

Diese Zeiten sind, fr unsere Gesellschaft wenigstens, auf immer vorbei
und mit berechtigtem Stolze knnen wir hinweisen auf die Frchte unserer
segensreichen, selbstgeschaffenen Institutionen. Und sollte man jenseits
des Meeres noch immer nicht den Segen derartiger Einrichtungen kennen,
so mge unsere Flotte dort den Keim legen zu einer neuen besseren
Zukunft, auf da nicht blo dieser Erdtheil, sondern das ganze Erdenrund
des Glckes theilhaftig werde, das wir schon lngst genieen.

So schlo Professor Bellmann unter rauschendem Beifall seine Festrede.




                              2. Capitel.

     Europische Reliquien. -- An der Elbemndung. -- Im Hafen von
    Hamburg. -- Ruinenstadt und Todtenschiffe. -- Eine Begegnung mit
                             Eingeborenen.


Ohne an irgend einem Punkte der europischen Ksten zu landen, war die
afrikanische Flotte durch den atlantischen Ocean und den Canal bis in
die Nordsee gesegelt und schwamm in einer windstillen Frhlingsnacht,
angesichts der deutschen Kste, ihrem ersten Ziele, der Elbemndung, zu,
um im Hafen von Hamburg vor Anker zu gehen. Der Mondschein lag hell auf
der weiten Wasserflche, ber der ein leichter nebliger Dunst wallte,
kein Laut war weit und breit hrbar als das leise Gurgeln und Klatschen
der Wellen am Kiel und das dumpfe, gleichfrmige Drhnen der mchtigen
Schiffsmaschinen. In weiter Ferne, kaum unterscheidbar, streckte sich
der schwarze dnne Streifen der norddeutschen Kste hin, aber vergebens
sphte der Blick nach einem freundlichen Lichtscheine; dunkel und
glanzlos lag das Land, soweit die Augen es erfaten.

An der Brstung eines der majesttisch dahingleitenden Schiffe lehnten
zwei junge Seeleute, mit gespannter Aufmerksamkeit zu jenem dunkeln
Streifen in der Ferne hinberlugend.

Kein Licht weit und breit! Weder ein Leuchtthurm noch eine Bake! Das
scheint mir eine nette Wirthschaft zu sein! brummte der Eine, eine
hochgewachsene schlanke Gestalt.

Die Hamburger sind vermuthlich auf unseren Besuch nicht gefat, oder
die Lootsen hier zu Lande kriechen mit den Hhnern in's Bett, erwiderte
sein Kamerad, Deine Verwandten, Kurt, liegen gewi auch lngst in den
Federn! -- Kannst Recht haben, Willy, wenn sie berhaupt existiren,
sprach wieder der Erste, bin auch verdammt neugierig, was sie fr Augen
machen werden, wenn der Vetter aus Afrika daherkommt!

'S ist mir nur nicht recht klar, meinte Willy, wie Du ihre Spur
finden willst in dem Lande, wo wir keinen Menschen kennen!

Das ist vielleicht nicht so schwer, als Du glaubst. In meiner Familie
haben sich viele Reliquien aus Europa erhalten, aus jener Zeit, als die
Grnder unseres Staates diesen Erdtheil noch nicht verlassen hatten. Ein
Urahne meines Vaters hatte noch in Europa eine Art von Familienarchiv
angelegt, in welchem er alle Erinnerungsstcke seiner Familie, sowie
seines eigenen Lebens sammelte. Dieses Archiv, welches schon damals
einen Schatz an werthvollen interessanten Handschriften, Portraits und
Andenken aller Art umfate, brachte er mit nach Afrika und es ist
seitdem in unserer Familie heilige Pflicht geworden, dasselbe zu
erhalten und nach Mglichkeit zu vermehren. 'S war fr mich auch stets
ein Hauptvergngen, in diesen Schtzen zu whlen. Wie ich nun aus einem
Tagebuch eines meiner Vorfahren ersah, stammt unsere Familie aus
Thringen. Nach unserer Landung werde ich mir gleich Urlaub erbitten, um
mit dem ersten Blitzzuge dorthin zu reisen. Wenn Du Lust hast, Willy, so
kannst Du mich begleiten. Einverstanden, alter Junge, rief Willy,
und wenn Du in Thringen ein hbsches Bschen findest, so berlt Du
sie mir, das bedinge ich mir aus.

Er hatte kaum ausgesprochen, als ein heftiger Sto das Schiff in allen
seinen Theilen erzittern lie. Die Freunde eilten der Commandobrcke zu,
von wo aus die Stimme des Capitns in den Maschinenraum hinabgellte:
Halt! Rckwrts! Langsam! -- Was ist los, Capitn? rief Willy
hinauf. -- Wir sind aufgefahren, tnte es zurck, es mu eine Untiefe
im Fahrwasser sein, verdammt, da man uns keinen Lootsen schickt!
Inzwischen war das Zeichen zum Halten auch den anderen Schiffen gegeben
und eiligst untersucht worden, ob das Schiff beim Anlaufen etwa Schaden
gelitten. Alles fand sich im besten Stand, aber der Commandant der
Flotte war doch der Ansicht, da es rathsamer sei, auf dem Platz bis zum
Morgen zu verharren und vor der Weiterfahrt das unsichere Fahrwasser
genau zu untersuchen. Alles verwunderte sich inde, da in unmittelbarer
Nhe der Elbemndung, an einer sicherlich viel befahrenen Route, kein
einziges Warnungssignal diese gefhrliche Stelle bezeichnete. Der
Vorsicht halber und um einen etwaigen Zusammensto mit anderen Schiffen
zu verhten, lie man das electrische Licht nach allen Seiten weithin
ber die See spielen, aber die Sorge war unntz, das weite Meer war wie
ausgestorben und nicht einmal eine Fischerbarke kreuzte, soweit die
Blicke reichten. Also wurden die Anker ausgeworfen, die in geringer
Tiefe Grund fanden und der Morgen abgewartet.

Das Erste, als der Morgen kam, war, Boote auszusetzen und das Fahrwasser
nach allen Richtungen hin abzulothen. Das Ergebni war kein besonders
erfreuliches. Ueberall, wo man auch das Senkblei hinablie, fand man in
der Tiefe von wenigen Metern Grund, nirgends aber gengendes Fahrwasser
fr die Schiffskolosse der afrikanischen Flotte. Es war kein Zweifel
mehr: die Elbemndung, einst die Einfahrtsstrae unzhliger Schiffe
jeder Gre, war total versandet und nur noch mit Booten zu befahren.
Kopfschttelnd hatte der Commandant diese Meldung vernommen und dann die
Capitne der brigen Schiffe zu sich beschieden, um Rath zu halten. Das
Ergebni der Berathung war endlich, da zwlf wohlbemannte Boote, mit
Waffen und mit Proviant auf zehn Tage versehen, in See gelassen wurden,
um die Rthsel, welche sich hier darboten, womglich zu lsen. Es
braucht kaum erwhnt zu werden, da die beiden Freunde Willy und Kurt
sich ebenfalls bei der Expedition befanden, ja dem Ersteren war sogar
die Ehre zu Theil geworden, mit dem Befehle ber die kleine Flotille
betraut zu werden. Mit sichtlichem Eifer und in erwartungsvoller Stille
trafen die zur Einschiffung bestimmten Mnner ihre Vorbereitungen. Alle
waren gespannt auf die Entdeckungen, welche sich ihnen darbieten
sollten, gar mancher aber konnte sich eines unbestimmten bangen Gefhls
nicht erwehren.

Am 1. Mai 2398 setzte sich um 11 Uhr Vormittags die Expedition in
Bewegung. In jedem der zwlf Boote befanden sich einundzwanzig Mann; es
waren also, ohne die beiden Freunde, gerade zweihundertundfnfzig
vortrefflich bewaffnete und geschulte, krftige Mnner bei der
Expedition, eine Macht, mit der man gegebenen Falles auch ernsten
Eventualitten schon mit einiger Zuversicht in's Auge sehen konnte.
Signalapparate von uerst sinnreicher Construction, deren jedes Boot
mit sich fhrte, ermglichten es auerdem, sich mit der vor der Barre
ankernden Flotte im Falle der Noth auf sehr weite Distanzen zu
verstndigen. Drei Boote bildeten die Vor- und drei die Nachhut der
Flotille, whrend zwischen beiden Abtheilungen, einige hundert Meter von
einer jeden entfernt, das Gros der Expedition, sechs Boote stark,
einherfuhr.

Die Boote wurden nicht durch Ruder, sondern durch kleine, aber sehr
krftige Electromotoren in Bewegung gesetzt und waren einer groen
Geschwindigkeit fhig. Da man sich jedoch hier in einem gnzlich
unbekannten Fahrwasser befand -- die mitgebrachten Karten erwiesen sich
als veraltet -- und noch nicht wute, auf welche Hindernisse man
vielleicht stoen werde, so hatte Willy den Befehl ertheilt, mit miger
Geschwindigkeit vorwrts zu fahren. Anfangs bot sich den Blicken nichts
Bemerkenswerthes dar; niedere flache Ufer, mit Buschwerk bewachsen,
dehnten sich zu beiden Seiten des mchtig dahinfluthenden Stromes aus;
je weiter man aber kam, desto deutlicher drngte sich Allen die
Gewiheit auf, da hier im Laufe der letzten Jahrhunderte furchtbare
Vernderungen Platz gegriffen hatten. Jeder Mann der Freilandflotte
hatte sich mit der Ueberzeugung der deutschen Kste genhert, da er ein
reich bevlkertes, mit blhenden Stdten und Drfern bedecktes Land
finden werde, gesegnet mit allen Errungenschaften einer
zweitausendjhrigen Cultur und namentlich von Hamburg, der groen und
reichen Handelsstadt, hatten sich alle diese, aus dem Innern Afrika's
stammenden Mnner die glnzendsten Vorstellungen gemacht. Aber nichts
von dem fand sich hier verwirklicht. Das ganze Land schien eine einzige
trostlose Einde, eine menschenleere Wste zu sein. Auf den niederen
Hgeln, die sich bei der Weiterfahrt zeigten, wucherte wildes Gestrpp,
das hier und da einzelne rauchgeschwrzte Reste uralter Ruinen mit
tausend Ranken umklammerte und berwucherte. Nirgends ein menschliches
Wesen, oder auch nur die Spur eines solchen. Schaaren flchtiger Mven
schienen das einzig Lebendige weit und breit zu sein. So hatte man
diejenige Stelle des Flusses erreicht, an welcher sich, den Karten
zufolge, der Hafen befinden sollte, der groe berhmte Hamburger Hafen,
der Stapelplatz unermelicher Schtze aller Welttheile. Was sich den
Blicken hier darbot, war ein Bild grauenhafter Verwstung und
Verwilderung. Das weite Hafenbassin war mit einer grnen filzigen Masse
bedeckt, durch welche sich die Boote nur mit Mhe vorwrts bewegten. Wo
der Kiel diese Masse durchschnitt, stiegen faulige, pestilenzialische
Dnste empor. Von dem Mastenwald, der einst hier zu finden gewesen, war
nichts zu sehen, als die Wracks einiger groer Dampfer alterthmlicher
Bauart, welche, dick mit Rost und Moder berzogen, an den verfallenen
Quais lagen. Lngs dieser Quais muten vor Zeiten ganze Reihen
prchtiger Palste gestanden sein; davon legten noch die imposanten
Ruinen Zeugni ab, die sich in weitem Umkreise den Ufern entlang zogen.

Das habe ich mir anders vorgestellt, flsterte Willy seinem Freunde
zu, ob's wohl in Thringen bei Deinen Verwandten ebenso ausschaut? --
Die Boote der Expedition befanden sich jetzt alle in engem Kreise
versammelt, und Willy ertheilte den Befehl zur Landung. Fnfzig Mann
wurden an der Landungsstelle als Reserve und zur Bewachung der Boote
zurckgelassen. Die brigen formirten vier Abtheilungen von je fnfzig
Mann und drangen nach verschiedenen Richtungen in die Straen der
Ruinenstadt vor. Ehe sie sich in Bewegung setzten, kam eine kleine
Abtheilung, welche der Commandant zur Untersuchung der alten Schiffe
entsendet hatte, zurck. Die Leute zeigten auffallend verstrte Mienen
und ihr Fhrer meldete, da sich ihnen im Innern eines Wracks ein
furchtbarer Anblick dargeboten habe. Haufen von Skeletten, manche davon
noch die Klinge oder den Revolver in der Faust, lgen auf Verdeck und in
den Cajten, und der Anblick dieser mit grnem Schimmel halb
berzogenen, vermoderten Ueberreste sei so grauenhaft, da er einen
Menschen um den Verstand bringen knne. Vor vielen Jahren msse dort ein
Kampf auf Tod und Leben stattgefunden haben, in dem die
Schiffsmannschaft vermuthlich bis auf den letzten Mann ihr Ende
gefunden.

Der Vormarsch der einzelnen Abtheilungen begann nun; bei derjenigen
Truppe, welche der Commandant selbst fhrte, befand sich natrlich auch
Kurt. Man whlte zunchst eine ziemlich breite, in sdwestlicher
Richtung sich hinziehende Strae, deren halb oder ganz verfallene
Gebude noch die Spuren einstiger Pracht deutlich zeigten. Der Boden
dieser Strae war einst mit Asphalt oder einer hnlichen Masse
gepflastert gewesen; diese Masse hatte durch Frost und Hitze unzhlige
tiefe Risse erhalten, in denen der Same von Pflanzen aller Art Wurzel
geschlagen hatte. So war der ganze Boden allenthalben mit Gestrpp,
Disteln und Schlingpflanzen berwuchert und das Vorwrtskommen ziemlich
beschwerlich. Vor Zeiten hatten vierfache Baumreihen, zwischen denen in
gewissen Abstnden eiserne Laternensulen sich erhoben, der Strae zur
Zierde gereicht. Von diesen Bumen hatten sich einzelne inmitten der
allgemeinen Zerstrung frisch und lebendig erhalten, aber ihre Kronen
hatten einen gewaltigen Umfang erreicht und ihre Wurzeln den Asphalt auf
weite Strecken hin gespalten und in Schollen, wie Gletschereis,
emporgehoben; die eisernen Candelaber jedoch waren von unten bis oben
mit Waldrebe und wildem Hopfen dicht umsponnen. Obwohl berall eine
unheimliche Stille herrschte und nirgends die Spur eines menschlichen
Wesens zu erblicken war, so schien Vorsicht doch geboten, da man nicht
wissen konnte, ob dieses Trmmermeer in Wahrheit unbewohnt sei und falls
es Bewohner barg, so -- Kurt an der Seite seines Freundes
dahinschreitend, hatte diesen Gedanken kaum ausgedacht, als eine
vorausgeschickte Patrouille aus einer Seitengasse in Laufschritt quer
auf sie zukam:

Herr Commandant, da drin sind Menschen, wir haben sie deutlich
gesehen, rief der Fhrer athemlos. Sofort lie Willy das Signal Halt!
gebieten und drang dann selbst an der Spitze der Hlfte seiner
Mannschaft in die bezeichnete Gasse vor.

Nachdem ein Schutthaufen, der den Eingang der Gasse wie eine Barrikade
versperrte, erklommen war, sahen sie weit hinein in einen schauerlichen
Engpa zwischen verfallenen, hochaufragenden Husern. Das Licht der
Nachmittagssonne berhrte nur die obersten Rnder der von Alter und
Wetter geschwrzten Massen, die jeden Augenblick mit dem Einsturz
zu drohen schienen. Dort hinten standen sie, begann der
Patrouillenfhrer, ich habe sie deutlich gesehen, obwohl es nur ein
Moment war.

Wie sahen sie aus? forschte Willy, indem er vergeblich mit
vorgehaltener Hand die Dmmerung, welche in der Tiefe dieses Schlundes
herrschte, mit den Blicken zu durchdringen suchte.

Mir schien es ein Mann und ein Weib zu sein, in Lumpen gehllt, mit
wirren Haaren. Sie flohen wie der Blitz, als sie uns erblickten.

Also vorwrts, commandirte Willy, wir mssen das Geheimni
ergrnden!




                              3. Capitel.

    Ein Marsch durch Schutt und Sumpf. -- Bivouak in den Ruinen. --
     Unheimliche Gestalten. -- Die Expedition wird belagert. -- Ein
     Nachtgefecht. -- Steinbombardement. -- Hlfe zur rechten Zeit.


Unter unsglichen Schwierigkeiten drangen sie nun vor, ohne da sich
etwas Bemerkenswerthes gezeigt htte. Die engen Gassen, durch welche man
sich bewegte, waren mit Schutt aller Art bedeckt. Mhsam und unter
steter Lebensgefahr muten diese Hgel, die noch dazu mannshohes
Gestrpp bedeckte, berklettert werden. An anderen Stellen hinderten
Canle voll fauligen Wassers, die, in ihrem Laufe behindert, alles
weithin berfluthet hatten, den Vormarsch, dann blieb nichts brig, als
mit unsglicher Mhe einen weiten Umweg zurckzulegen, um schlielich
auf den Resten eines morschen Brckenbogens vorsichtig, Mann fr Mann,
das andere Ufer zu gewinnen.

Mit einbrechender Dunkelheit, zu Tode erschpft, erreichte man einen
kleinen, leidlich gangbaren Platz, auf dem der Commandant mit seiner
Mannschaft die Nacht zu verbringen beschlo. Wunderbarerweise hatte sich
auf dem ganzen halsbrecherischen Marsche kein ernster Unfall ereignet;
einige Matrosen waren wohl durch fallendes Mauerwerk leicht verletzt
worden, aber diese Wunden waren ganz unbedenklicher Natur. Die
Vorbereitungen zum Bivouak waren bald getroffen; aus vorgefundenen
Holzresten nhrten die Seeleute einige Feuer, welche gegen die
Nachtkhle hinreichend Schutz gewhrten. Dem mitgenommenen Proviant
wurde tchtig zugesprochen, nur an trinkbarem Wasser war fhlbarer
Mangel und der Durst konnte nur theilweise durch einige Schlucke kalten
Thee's, welchen Jeder in hinreichender Menge bei sich fhrte, befriedigt
werden. Vorsichtshalber lie Willy aus den umherliegenden Steinen und
Balken eine Art Brustwehr rings um das Lager auffhren und an den
Ausgngen des Platzes Doppelposten ausstellen. Als so fr die Sicherheit
der kleinen Schaar nach Mglichkeit gesorgt worden, streckten sich die
beiden Freunde auf ihre Mntel in der Nhe eines Feuers nieder und
verfielen, ermdet von den Anstrengungen des Tages, bald in festen
Schlummer.

Einige Stunden der Nacht mochten so verflossen sein, als Kurt pltzlich
erwachte. Die Feuer waren im Verglimmen, aber dafr war der Mond ber
den Giebeln der Huser emporgestiegen und bergo alles mit hellem
Scheine, von dem sich die tiefen Schatten der vielfachen Winkel und
Vorsprnge an den umliegenden Ruinen nur desto schrfer abhoben. Whrend
der junge Mann so sinnend, den Kopf auf einem Arme ruhend, dalag, blieb
sein Auge auf einem mehrstckigen Hause ruhen, welches sich in der
Entfernung von etwa fnfzig bis sechzig Schritten, seinem Lagerplatze
gegenber, erhob.

Flchtig glitten seine Blicke ber die leeren, schwarz ghnenden
Fensterffnungen, als er pltzlich erschreckt zusammenfuhr.

Einen Augenblick lang hatte er geglaubt, in einer Fensterhhle die
Umrisse einer menschlichen Gestalt bemerkt zu haben. Er blickte schrfer
hin -- aber nichts Verdchtiges zeigte sich, und in der Ueberzeugung,
sich getuscht zu haben, sank er in seine frhere Stellung zurck. Dabei
fiel aber sein Blick auf eine andere Fensterffnung, und wiederum war es
ihm, als she er dort eine Gestalt in schwachen Umrissen auftauchen und
verschwinden. Und dort am nchsten Fenster, am zweiten, am dritten,
berall das nmliche und jetzt flammte auch ein fahler Lichtschein in
den Ruinen auf, von dem sich die Umrisse menschlicher Gestalten, in
Lumpen gehllt, scharf abhoben.

Es war kein Zweifel mehr: diese Trmmerstadt hatte eine Bevlkerung, die
zur Nachtzeit aus ihren verborgenen Schlupfwinkeln hervorkam, als scheue
sie sich, ihr Elend dem Tageslichte zu enthllen. Entsetzlicher Gedanke!
In diesem giftigen Moderdunst zu leben, weit und breit nichts als Tod
und Verwstung, in steter Gefahr, von diesen Massen begraben zu werden,
die wie das grlich verzerrte Antlitz eines in tausend Qualen
Dahingeschiedenen zum Himmel emporstarrten, eine furchtbare,
versteinerte Anklage gegen die Snden verschollener Generationen.

Kurt rttelte seinen Freund aus dem Schlummer empor; whrend er ihm aber
mit hastigen Worten seine Entdeckung mittheilte, kamen auch schon von
den ausgestellten Posten Meldungen, welche besagten, da sich berall in
den in undurchdringliches Dunkel gehllten Seitengassen unheimliches
Leben zu regen beginne. Verwilderte Erscheinungen, langhaarig, halb
nackt, mit Knitteln bewaffnet, tauchten allenthalben auf, zogen sich
indessen beim Anblick der Wachen stets scheu wieder zurck. Die ganze
Mannschaft war in einigen Augenblicken auf den Beinen und stand, die
Waffen schubereit in Hnden, der Befehle ihres Commandanten gewrtig,
in Reih und Glied. Noch war es ungewi, ob die Eingeborenen feindselige
Absichten hegten; Vorsicht war aber auf alle Flle geboten und so lie
Willy zunchst die ausgestellten Posten zurckrufen, um seine kleine
Streitmacht nicht zu zersplittern. Zugleich lie er in Eile die niedere
Brustwehr, mit welcher man am Abend das Lager umgeben hatte, erhhen und
verstrken und vertheilte dann seine Mannschaft derart, da smmtliche
den Platz umgebenden Huserfronten und Seitengassen nthigenfalls unter
Feuer genommen werden konnten. In diesen Husern war es unterdessen
furchtbar lebendig geworden. Kaum eine einzige Fensterffnung, an der
sich nicht jene verwilderten Gestalten gezeigt htten. Die Scheu der
dmonischen Gesellen schien, je mehr ihre Zahl wuchs, abzunehmen. Immer
hufiger und immer lnger zeigten sie sich; vielstimmiges,
unverstndliches Geschrei ertnte bald da, bald dort und man sah
deutlich, wie Einzelne mit Feuerbrnden in der Hand hin- und herliefen.

So verging wieder eine geraume Zeit und schon hoffte Willy, da das
nchtliche Abenteuer friedlich verlaufen werde. Gegen zwei Uhr Morgens
berhrte die Mondscheibe die Giebel der den Platz umgebenden Huser,
einige Minuten spter war Alles rings in nchtliche Dunkelheit gehllt.
Die sphenden Augen der hinter ihrem Steinwall kauernden Mnner
gewhnten sich nach und nach soweit an die Finsterni, da sie
wenigstens auf zwanzig bis dreiig Schritte weit jede verdchtige
Erscheinung htten wahrnehmen knnen. Pltzlich raunte einer der Mnner
dem Commandanten in's Ohr: Jetzt kommen sie! Wie electrisirt fuhr
Willy empor und beugte sich ber die Schutzwehr; seine Augen suchten
zuerst vergeblich die herrschende Dunkelheit zu durchdringen; da, mit
einem Male war es ihm, als htten sich seine Blicke geschrft, und
deutlich sah er nun die dunkle gespenstige Masse, die schweigend in
einem groen Ring von allen Seiten das Lager umgab. Sie standen Kopf an
Kopf, Schulter an Schulter und Willy glaubte, ihre verzerrten wilden
Gesichter, ihre fleischlosen Arme, ihre ekelhaften Lumpen zu sehen.

Lautlos, eine lebendige Mauer, rckten sie Zoll fr Zoll heran; man
hrte ihre Tritte nicht, man fhlte ihre Nhe mehr, als man sie sah, und
namenloses Grauen ging vor ihnen her. Ohne ein Wort zu verlieren, hatte
sich jeder der Freilandleute auf seinen Posten gestellt und sich
kampfbereit gemacht. Da flammte es hier und dort in den Husern auf;
einzelne Gestalten erschienen an den Fenstern, Feuerbrnde hoch
emporhaltend, deren Schein mit einem Male die ganze furchtbare Masse der
Feinde erkennen lie. In der nchsten Secunde ein Kampfgeheul aus
tausend und abertausend Kehlen und wie eine Horde Tiger strzten sie
sich, armsdicke Knppel in den Fusten, auf die umzingelte Schaar. Eine
furchtbare Salve empfing sie aus nchster Nhe; der niedrige Steinwall
glich einem feuerspeienden Berge, aber nur zwei Secunden lang. Ein
Geschrei, das nichts Menschliches an sich hatte, hallte in den Ruinen
wieder, denn als habe sie die Erde verschlungen, war die Masse der
Angreifer verschwunden; der Sturm war abgeschlagen.

Die Ruhe sollte indessen nicht lange dauern. Man sah in den Husern den
Schein von Fackeln aufleuchten und wieder verschwinden, man hrte
Geschrei und Geheul. Pltzlich sauste ein faustgroer Stein durch die
Luft daher und fiel mitten im Lager nieder, ohne Jemanden zu verletzen.
Ein zweiter, dritter, vierter folgten, die ihr Ziel nicht verfehlten;
ein Matrose brach, am Kopf getroffen, lautlos zusammen, ein anderer
schrie auf: ein Finger war ihm zerschmettert und das folgende
Wurfgescho ri dem Commandanten den Revolver aus der Hand. Schsse,
welche nach den Fenstern abgegeben wurden, fruchteten nichts; die Steine
wurden offenbar aus gedeckter Stellung mittelst Schleudern geworfen; das
zeigte schon die groe Gewalt und Sicherheit, mit der sie dahersausten.
Nach einer Viertelstunde war ein groer Theil der Mannschaft mehr oder
minder schwer verwundet und auch Willy blutete aus einer tiefen
Kopfwunde. Unterdessen hatte die Nacht der Morgendmmerung Platz
gemacht; das Bombardement endete pltzlich und schon athmete die hart
bedrngte Schaar auf, als tausendstimmiges Geschrei ihr einen
neuerlichen Angriff verkndete. Wer noch aufrecht stehen konnte, eilte,
der Wunden nicht achtend, auf seinen Posten an der Schutzwehr, aber zehn
Mann lagen bewutlos oder sterbend inmitten des Lagerraumes. Aus allen
Seitengassen quoll es nun unzhlbar hervor. Die Schsse, welche ihn
empfingen, machten den Feind einen Augenblick stutzen, aber die Wucht
der von hinten Nachdrngenden schob die vorderen Reihen unaufhaltsam
vorwrts. Hie und da fiel Einer, von den Kugeln der Seeleute getroffen,
aber dies hielt die groe Masse nun nicht mehr auf. Im Nu hatte sie die
Schutzwehr erreicht; riesige Knppel sausten von allen Seiten auf die
Bedrngten nieder und ein erbitterter Kampf, Brust an Brust, begann,
dessen Ausgang kaum zweifelhaft sein konnte. Nach wenigen Minuten war
die kleine Schaar der Vertheidiger, erheblich gelichtet, inmitten des
Lagerraumes zusammengedrngt, wo sie, Rcken an Rcken, verzweifelt
kmpfend, sich der Uebermacht zu erwehren suchte. In diesem Augenblick,
als Willy, aus mehreren Wunden blutend, die Zahl seiner Leute
zusammenschmelzen sah, ertnte aus einer der Seitengassen im Rcken der
Angreifer ein Hornsignal. Einige Schsse folgten, die Wuth der Angreifer
lie nach, und nachdem sie noch einige Augenblicke gezaudert hatten,
wandten sie sich zur Flucht. Bald waren die Letzten in den Gassen der
Trmmerstadt verschwunden, nur Todte und Sterbende bedeckten den Platz
rings um das Lager. Die Streifcolonne, welche, angelockt durch das
Schieen, sich durch alle Hindernisse bis hieher Bahn gebrochen, war
gerade zur rechten Zeit gekommen.




                              4. Capitel.

   Eine neue Expedition wird ausgerstet. -- Deutschland eine Wste.
    -- Ein Grab im Thringer Walde. -- Kurt findet seine Verwandten.
                -- Was aus Schiller und Goethe geworden.


Nach den Vorgngen jener Mainacht war das Expeditionscorps wieder an
Bord der Flotte zurckgekehrt. Man hatte die Opfer des nchtlichen
Kampfes bestattet und die Blessirten in sorgsame Pflege genommen. Auch
eine Anzahl verwundeter Eingeborner war auf den Schiffen untergebracht
worden und es war seltsam zu sehen, mit welch' grenzenlosem Erstaunen
diese verwilderten Menschen es hinnahmen, als man sie wusch, auf
reinliche Lager bettete, ihre Wunden verband und ihnen strkende Labung
reichte. Die Genesenen wurden, mit Kleidern und Nahrungsmitteln reich
beschenkt, nach einigen Tagen wieder heimgeschickt, und als wieder ein
solcher Transport im Hafen an's Land gesetzt werden sollte, fand man das
Ufer bedeckt mit Hunderten, welche in unzweideutiger Weise ihre
friedlichen Gesinnungen zum Ausdrucke brachten. Es wurden
Unterhandlungen angeknpft, was um so leichter mglich war, als die
Sprache der Einwohner sich als ein uraltes, aber immerhin verstndliches
Idiom erwies, das den Seeleuten aus Freiland bald gelufig wurde. Aber
unmglich war es, aus den Andeutungen jener Menschen ein Bild zu
gewinnen ber die Ursachen der entsetzlichen Vernderung, welche sich in
ihrem Lande zugetragen hatte. Sie wuten von nichts; so weit sie und
ihre Eltern und Groeltern zurckzudenken vermochten, war Alles so
gewesen, wie heute. Es war ihnen unbekannt, wer die Stadt erbaut hatte,
in deren Trmmern sie ihr elendes Leben fristeten, sie wuten
ebensowenig, wer sie zerstrt hatte. Ihrer Aussage nach war das Land auf
viele Meilen im Umkreise eine Wildni und hnliche Trmmersttten
allenthalben anzutreffen. Wovon sie lebten? Das wuten sie beinahe
selbst nicht. Auf ausgehhlten Baumstmmen fischten sie in der Elbe, sie
sammelten Muscheln und Seethiere am Strande des Meeres, sie stellten
Fallen in den Wldern und lauerten in der Haide auf allerlei niederes
Gethier. Etwas Ackerbau schienen Einige von ihnen auch zu treiben, aber
nur in allerprimitivster Form. Im Groen und Ganzen stand ihre Cultur
etwa auf der Hhe derjenigen, welche die meisten Stmme Centralafrika's
am Ende des 19. Jahrhunderts besessen hatten. Die Hoffnung, vielleicht
im Innern des Continentes noch Reste der alten Cultur zu finden und
Aufschlu zu erhalten ber die Rthsel, die sich hier darboten, bewog
den Flottencommandanten, eine neue, grere Expedition auszursten,
welche die Aufgabe erhielt, ihren Weg quer durch das einstige deutsche
Reich zu nehmen, die Alpen zu bersteigen und an einem bestimmten Punkte
der italienischen Kste wieder mit der Flotte zusammenzutreffen, welche
bis auf ein kleines Reservegeschwader, das fr alle Flle vor der
Elbemndung kreuzen sollte, ihre Rckfahrt durch den Canal und die Enge
von Gibraltar in's Mittelmeer antrat.

Dieser Expedition schlossen sich die beiden Freunde selbstverstndlich
an. Wollte doch Kurt auf seinen Plan, die Spuren seiner Vorfahren
ausfindig zu machen, nicht ohne Weiteres verzichten. Allerdings waren
die Schwierigkeiten, welche sich seinem Vorhaben entgegenstellten, keine
geringen. Wie konnte er hoffen, unter den wilden Horden, welche dieses
Land bevlkerten, diejenigen Aufschlsse zu erhalten, auf welche er mit
Sicherheit gerechnet hatte? Merkwrdige Ueberraschungen waren es denn
auch, welche ihm und seinen Genossen auf ihrer Entdeckungsreise durch
Europa zu Theil werden sollten.

Achthundert Mann stark war die Expeditionstruppe durch menschenleere
Wsten und Wlder bis an den Saum des Thringer Waldes vorgedrungen,
ohne auf etwas Anderes zu stoen, als auf verlassene Sttten einstiger
Cultur und halbwilde Stmme, welche nomadisirend die Wildni durchzogen.
Kmmerliche Spuren von sehaften Ansiedlungen, deren Bewohner kleine
Strecken den Grundes mit Erdpfeln und Haidekorn bestellt hatten,
fanden sich hie und da in den Wldern verstreut, immerfort bedroht von
ruberischen Ueberfllen der Nachbarn oder von Angriffen wilder Thiere.
Mit jedem Tagesmarsche wurde es den Mitgliedern der Expedition immer
klarer, da ganz Deutschland, vermuthlich ganz Mitteleuropa, aus
unbekannten Grnden eine Sttte des Elends und der Verzweiflung
geworden, da hier eine uralte, zweitausendjhrige Cultur fr immerdar
untergegangen sei. -- Eines Tages rckte die Colonne in ein uraltes
Stdtchen ein, welches zwar nicht, wie die meisten anderen Pltze, aus
einem chaotischen Gewirre von Ruinen bestand, aber doch in seinem
Aeuern ein trostloses Bild tiefsten Verfalles darbot. Die meistens
einstckigen Huser lngs der ziemlich breiten Straen waren, wie es
schien, noch zum Theile bewohnbar; das Elend und der Hunger aber
grinsten aus den von Lumpen umflatterten Fensterffnungen;
belriechender Rauch drang hie und da in's Freie aus nothdrftig
verhngten und brettervernagelten Rissen und Spalten. Die Straen waren
mit Gras bewachsen, whrend lngs der Huser Haufen von Unrath aller Art
lagerten; augenscheinlich waren die Bewohner gewhnt, alles, was ihnen
in ihren Behausungen lstig wurde, auf die Gasse zu werfen. Im
Gegensatze zu den Eingeborenen, welche die Expedition auf ihrem Marsche
bisher angetroffen hatte, zeigten sich die Bewohner dieser Sttte nichts
weniger als scheu. Anfnglich erschienen sie wohl nur an den Fenstern
und Thren ihrer Huser; spter aber kamen sie auch auf den von den
Freilandleuten zur Rast ausersehenen Platz und standen in dichter Reihe
gaffend rings um das Feldlager der seltenen Gste. Das Elend, welches
auf ihnen lastete, kam da so recht an's Licht des Tages.

Es waren keine wilden, unheimlichen Gesellen, wie die, welche in den
Trmmern des alten Hamburg hausten, aber der Eindruck, den ihre aus
Flicken und Fetzen zusammengesetzte altvterische Kleidung, ihre
eingefallenen Wangen, ihr bldes Lcheln hervorrief, war noch weit
ergreifender.

Unsagbar traurig war der Anblick dieser geistig und krperlich
verkmmerten Menschen, aus deren Augen Hunger und Stumpfsinn sprachen.
Die Fragen, welche man an sie richtete, beantworteten sie mit einem
cretinartigen Lachen oder unverstndlich blkenden Tnen. Nicht einmal
den Namen, den ihre Stadt einst getragen, wuten sie anzugeben und
dennoch sollte sich bald herausstellen, da ihnen eine Erinnerung an
lngst vergangene Zeiten geblieben war, wenngleich in eigenthmlicher
Form. Auf dem Platze, an dem die Expedition bivouakirte, erhob sich ein
Denkmal eigener Art. Auf einem hohen Sockel aus Marmor standen da, in
Erz gegossen, welches im Laufe der Jahrhunderte eine grnbraune
Patinaschicht berzogen hatte, die berlebensgroen Figuren zweier
Mnner in altmodischer Tracht. Der Eine von beiden, anscheinend der
Jngere, mit wallendem Haar und freien edlen Gesichtszgen, richtete die
Blicke schwrmerisch gen Himmel, whrend der Andere, Aeltere, eine
imposante Figur, klaren Auges mit der Ruhe des gereiften Mannes in's
Weite sieht. Beide Gestalten hielten gemeinschaftlich mit je einer Hand
einen Kranz; kein Name, keine Jahreszahl war auf dem verwitterten Steine
mehr sichtbar. Als einige der Seeleute sich anschickten, dicht neben dem
Denkmal ein Lagerfeuer zu entznden, kam auf einmal eine seltsame Unruhe
ber die Eingeborenen. Mit ngstlichen Geberden drngten sie sich heran,
wiesen auf das Denkmal und baten mit aufgehobenen Hnden und flehenden
Mienen, den Stein, auf welchem die Erzbilder sich erhoben, nicht zu
berhren. Einer unter ihnen, ein Greis mit weiem Haar und Bart, in
dessen Antlitz die Jahre unzhlige Runzeln gegraben, wute sich durch
einige Worte und Geberden soweit verstndlich zu machen, da die
Freilandleute endlich begriffen, das rthselhafte Monument gelte in den
Augen der Unglcklichen als eine Art Heiligthum, dessen Berhrung oder
Beschdigung den Zorn berirdischer Mchte heraufbeschwren knne. Kurt,
der hinzukam, trug Sorge, da seine Leute in angemessener Entfernung von
dem Denkmale ihre Vorbereitungen fr das Bivouak trafen und stellte
sogar eine Wache auf, welche jede Annherung Unberufener an das
Heiligthum des Ortes verhindern sollte. Die armen Menschen, als sie dies
sahen, waren vor Freude fast auer sich; mit strahlenden Mienen,
unverstndliche Worte des Dankes ausrufend, drngten sie sich an Kurt
heran, drckten ihm die Hnde und kten den Saum seines Rockes. Nachdem
er sich mit Mhe ihrer Gunstbezeigungen erwehrt hatte, versuchte er,
sich ihnen so gut als mglich verstndlich zu machen. Er glaubte
annehmen zu drfen, da der Ort, von welchem seine Familie stammte, hier
in der Nhe liegen msse; vielleicht war es sogar dieses Stdtchen, in
dem er sich just befand; vielleicht waren einige dieser unglcklichen
Geschpfe Sprlinge desselben Geschlechtes wie er.

Aber umsonst waren alle seine Fragen und Zeichen; die Eingeborenen
schttelten die Kpfe oder stieen ein bldes Lachen aus; von den Namen,
die er nannte, hatte augenscheinlich Keiner etwas gehrt. Mde des
nutzlosen Parlamentirens wendete sich Kurt endlich ab und ging seines
Weges. Da trat jener Greis, wehmthig anzuschauen in seinem zerlumpten
Rckchen, auf ihn zu und bedeutete ihn mit dringenden Geberden, ihm zu
folgen. Er fhrte ihn quer ber den Platz durch mehrere Seitengassen,
bis sie endlich drauen vor den letzten Husern standen, wo eine mit
niedrigem Gestrpp bewachsene Flche begann. Der Alte bog, diensteifrig
voranschreitend, die Zweige der nchsten Stauden auseinander, und nun
sah Kurt, da er sich auf einem uralten, verwilderten Friedhofe befand.
Im Schatten der niederhngenden Zweige lag da Stein an Stein, die
Grabsttten verschollener Geschlechter, manche halb versunken in dem von
Unkraut berwucherten Boden, alle mit Moos und Flechten berzogen und
von Zeit und Wetter geschwrzt. Kurt's Fhrer schritt rasch und achtlos
zwischen den Grbern durch, bis er eine Stelle erreichte, wo an einer
verfallenen Mauer unter Fliederbschen ein Grabstein lehnte, grau und
verwittert gleich den brigen, aber mit halbverwischten Lettern, auf die
der Alte schweigend mit dem Finger deutete. Kurt beugte sich zu dem
Steine nieder und begann mhsam die Inschrift zu entziffern. Nach
einigen vergeblichen Versuchen hatte er den Schlssel gefunden, die
Buchstaben reihten sich ihm zu Silben und Worten, und da stand der Name,
den er selbst fhrte, wohl in etwas vernderter Schreibweise, aber
deutlich erkennbar auf der Platte; ein geborstener Stein, ein
versunkener Grabhgel war die einzige Spur, die er entdeckt hatte.

Whrend sie den Rckweg antraten, gab er sich Mhe, seinem Fhrer
deutlich zu machen, da er, wenn mglich, ein noch lebendes Mitglied
jener Familie zu sehen wnsche, deren Name er auf jenem Steine gelesen
habe. Es war nicht ganz leicht, dem Alten das zu verdolmetschen, aber
endlich bemerkte Kurt doch zu seiner Freude, wie ein Schimmer von
Verstndni in den Augen seines Begleiters aufleuchtete. Der Greis
nickte lebhaft mit dem Kopfe, als Kurt seine Frage wiederholte, ergriff
dann seine Hand und zog ihn in ein Seitengchen hinein, das von einer
Reihe elender bauflliger Htten gebildet wurde. Hier bog er, nachdem
sie etwa hundert Schritte zurckgelegt hatten, in einen Thorweg ein,
hinter dem sich ein enger von geschwrzten Mauern eingefater Hof
aufthat. In einem Winkel dieses dsteren Raumes fhrte eine schmale
zerbrckelnde Stiege in das obere Stockwerk hinauf. Eilfertig kletterte
der Alte hinan; offenbar war er es gewhnt, derartige Wege
zurckzulegen; Kurt folgte zgernd; die ganze Excursion fing an, ihm
Bedenken einzuflen und unwillkrlich griff er in den Grtel, wo sein
Revolver stak. Oben angelangt, traten sie in ein kleines, ganz kahles
Gemach, und kaum hatte Kurt einen Schritt ber die Schwelle des
unheimlichen Raumes gethan, als er entsetzt zurckfuhr. Vor ihm, von
einem Strohhaufen, erhob sich eine Gestalt, die nichts Menschliches mehr
an sich hatte. Ein unfrmlicher Wasserkopf, aus dem stiere, glanzlose
Augen hervorquollen, ein zahnloser, weit offen stehender Mund, so wankte
das Gespenst mit gellendem Lachen auf ihn zu. Er roch den muffigen,
ekelhaften Dunst der Lumpen, sah wie ein Paar fleischloser Arme mit
spinnenartigen Fingern nach ihm tasteten und ein Grauen berfiel ihn,
wie er es nie zuvor gekannt hatte. Als er wieder zu sich kam, stand er
allein drauen auf der Gasse; der Alte war verschwunden, aber aus dem
unheimlichen Hause gellte ihm noch schauerliches Lachen nach. Scheuen
Blickes sich umschauend, eilte er mit groen Schritten dem Ausgange der
Gasse zu. Als er den Lagerplatz erreichte, hatte die Mannschaft soeben
abgekocht und er sah nun, wie die Eingeborenen, angezogen von dem Dufte
der brodelnden Speisen, sich gierig herandrngten und sehnschtige
Blicke in die dampfenden Kessel warfen. Der Vorrath der Expedition an
Conserven aller Art, der unterwegs noch durch reiche Jagdbeute vermehrt
wurde, war ansehnlich genug, um den armen, hungrigen Leuten manch
saftigen Bissen zukommen lassen zu knnen und die Art, in welcher diese
verkmmerten Geschpfe ihre Dankbarkeit bezeigten, war wirklich rhrend.

Die Sonne neigte sich dem Untergange zu, da bemerkte Kurt, wie zuerst
Einzelne, dann immer mehr und mehr Eingeborene sich in die Nhe des
Denkmals begaben, dort auf die Kniee sanken und in betender Stellung
verharrten. Die Menge vergrerte sich durch Zuzug aus den umliegenden
Husern und Gassen und endlich mochten wohl mehrere Hundert beisammen
sein, welche ihre Andacht vor dem Standbilde verrichteten. Als der
letzte Sonnenschimmer verschwunden, schlichen sich die Betenden still
davon und Kurt sah ihnen, in Gedanken versunken, lange nach. Er hatte
nicht bemerkt, da Willy zu ihm getreten war, bis er beim Klange seiner
Stimme emporfuhr:

Sie glauben, da die Mnner da oben zwei Brder aus gttlichem
Geschlechte vorstellen, die vor vielen hundert Jahren vom Himmel
herabstiegen, um den Menschen das Licht zu bringen. Die Schlechtigkeit
der Menschen aber zwang sie, in ihre himmlische Heimath zurckzukehren.
Nun beten diese Armen zu ihnen, immer in der Hoffnung, da die
Gttergestalten einmal wiederkehren und ihnen das verschwundene Paradies
zurckbringen.




                              5. Capitel.

       Die Alpen in Sicht. -- Eine Schlappe der Expedition. -- Im
    deutschen Urwald. -- Das Leben in der Pfahlbauhtte. -- Kurt und
                 Waltraut. -- Die Memoiren des Urahnen.


Nach zweimonatlichem Marsche sahen die Expeditionstruppen in der Ferne
die blauschimmernde Kette der Alpen auftauchen, die sie mit Jubel
begrten; schien es doch Jedem von ihnen, als sei nunmehr der grte
Theil ihrer schwierigen Aufgabe gelst. Jenseits dieser Berge begann ja
die Zone eines sdlicheren Himmels, schimmerte das blaue herrliche
Mittelmeer, und weiter hinaus grte die Heimath, das schne, sonnige
Afrika. Ehe man den Fu der Berge erreichte, waren indessen noch
Hindernisse zu berwinden, welche von Tag zu Tag an Zahl und Gre
zunahmen. Mchtige pfadlose Urwlder dehnten sich meilenweit vor der
Truppe aus, die waldfreien Strecken aber bestanden aus unbersehbaren
Smpfen, in denen man nur einzeln, Mann fr Mann, vorzudringen
vermochte. Dazu kamen fast tglich die Angriffe kriegerischer
Eingeborener, denen gegenber man fortgesetzt auf der Hut sein mute. Es
waren krftige, hochgewachsene Menschen, die sich ihrer primitiven
Waffen mit groer Geschicklichkeit und einem an Wildheit grenzenden
Ungestm bedienten, auch jedem Versuche, friedliche Beziehungen
anzuknpfen, entschieden abhold waren.

Am 26. Juli gegen Abend wurde die Colonne, als sie auf schmalem,
sumpfigem Pfade einen Hohlweg passirte, von allen Seiten mit Heftigkeit
angegriffen. Ein Hagel von Pfeilen, Wurfspieen und Steinen ergo sich
von den mit undurchdringlichem Urwald bedeckten Hhen auf die
Expeditionstruppen, die sich in einer verzweifelten Lage befanden. Jeder
Zusammenhalt lste sich auf; der einzelne Mann wehrte sich seiner Haut,
so gut und so lange er konnte, aber dieser Widerstand gegen einen fast
unsichtbaren Feind war von Anfang an ein hoffnungsloser. Als die Nacht
hereinbrach, war es einem Theil der Expedition gelungen, sich mit
Zurcklassung des Gepcks aus dem unseligen Hohlwege zu retten; an
zweihundert Mann aber fehlten und von ihnen fanden sich erst im Laufe
des nchsten Tages etwa dreiig Versprengte, meistentheils verwundet,
bei der Truppe wieder ein. Kurt war bald nach Beginn des Gefechtes, von
einem Keulenschlag getroffen, bewutlos zusammengesunken, und als er,
mit dumpfem Schmerz in allen Gliedern und verzehrendem Durste, wieder zu
sich kam, war es finstere Nacht. Er wollte rufen, aber zugleich fiel ihm
ein, da vielleicht Feinde in der Nhe sein knnten und so schwieg er
und kroch vorsichtig dem Waldrande zu, um hinter den lang herabhngenden
Tannensten Schutz zu suchen. Mit der Morgendmmerung setzte er seinen
Weg im Schatten des Waldes fort, so lange es ihm seine sinkenden Krfte
erlaubten. Durch das dichteste Unterholz, ber vermoderte Baumstmme,
durch Sumpf und Gestrpp, immer angstvoll sphend nach dem Feind, der
unvermuthet jeden Augenblick auftauchen konnte, so hastete er vorwrts,
ohne recht zu wissen, wohin. Stunde auf Stunde verrann; die Sonne mute
schon hoch am Himmel stehen, aber in die Nacht des Urwaldes spielte nur
hie und da schchtern einer ihrer Strahlen an den wettergrauen Stmmen
herab. Mit dem letzten Reste seiner Krfte erreichte Kurt endlich gegen
Mittag eine Quelle, die unter einem Felsblock munter hervorrieselte und
gnzlich erschpft warf er sich neben ihr in's Moos. Sein
Provianttschchen war ihm glcklicherweise nicht abhanden gekommen, ein
Stckchen der strkenden Conserven, welche es enthielt, gengte vollauf,
seine Krfte neu zu beleben.

Nach lngerer Rast erhob sich der Flchtling wieder. Die Hoffnung, seine
Kameraden einzuholen, mute er vorlufig aufgeben und auf's Geradewohl
wanderte er weiter, einem ungewissen Schicksal entgegen.

Die Sonne war bereits im Sinken, als er sich am Ufer eines bis in
unabsehbare Ferne sich ausdehnenden Seespiegels sah. Von menschlichen
Behausungen war weit und breit keine Spur zu entdecken; was htten sie
wohl auch anders bergen knnen als Feinde? Der Flchtling wandte sich
dem Ufer entlang und suchte sich, nicht ohne Mhe, seinen Weg zwischen
Schilf und Urwald. Pltzlich drangen seltsame liebliche Klnge an sein
Ohr. Vom See herber, aus dessen Fluth mannshohes Schilf hervorwucherte,
tnte der Gesang einer hellen Frauenstimme, als sei eine Nixe
emporgestiegen aus der Tiefe. Ein uraltes, lngst verschollenes
Volkslied war es, was diese Stimme sang, und leise verhallten die Klnge
ber dem See. Einige Augenblicke blieb Alles still, dann kam es wie
leise Ruderschlge durch das wehende Schilf heran und mitten aus dem
grnen Dickicht lugte mit einem Male ein wunderliebliches
Mdchenantlitz, umflossen von lichtblondem Haar, das lang und aufgelst
ber die Schultern herabfiel. Wie einen Geist starrte Kurt die holde
Erscheinung an, die ihm so wundersam bekannt und doch wieder so fremd
vorkam, und bittend hob er die Hnde; wenn ihm Hlfe werden sollte in
seiner verzweifelten Lage, so kam sie von diesem Wesen, das der Himmel
selbst zu seiner Rettung in die Wildni des deutschen Urwaldes geschickt
haben mochte.

Mit fliegenden Worten sprach er von seinem Schicksal, seiner Flucht
durch die pfadlosen Wlder und als er beweglich bat, ihm Schutz und
Obdach gewhren zu wollen, da sah er es seltsam aufleuchten in den
groen dunklen Augen, die so fest und doch fragend auf ihn gerichtet
waren, er wute, da er verstanden und erhrt worden. Mit ein paar
Ruderschlgen trieb das Mdchen ihr Fahrzeug dicht an's Ufer und winkte
ihm stumm mit den Augen einzusteigen. Einige Minuten spter schwammen
sie drauen auf der Seeflche. Das Mdchen stand im Rcktheil des
Fahrzeuges und handhabte die Ruder mit Kraft und Geschicklichkeit;
unverwandt war ihr Blick auf den See hinausgerichtet, whrend Kurt die
Augen nicht abwenden konnte von der schlanken lieblichen Gestalt. Der
Oberkrper der Schifferin war knapp umschlossen von einem Gewand aus
feinem, fast schwarzen Pelze, welches Hals und Nacken sowie die Arme bis
ber die Ellbogen hinan frei lie. Vom Grtel bis ber die Knie herab
fiel in Falten ein kurzes Kleid aus hnlichem Stoffe; von seinem Saume
bis zu den Kncheln, welche niedliche Schuhe aus Rehleder umschlossen,
war das schn geformte Bein nackt. Die blonden Haare bildeten einen
seltsamen Gegensatz zu den groen dunklen Augen, die von langen, ebenso
dunklen Wimpern beschattet wurden. Weibliche Anmuth und selbstbewute
Kraft sprachen aus jeder Bewegung des biegsamen Leibes. Ohne ein Wort zu
wechseln, waren sie so geraume Zeit dahingefahren; schon begann sich die
Dmmerung leise ber den See zu legen, da hielt das Mdchen einen Moment
inne und deutete mit der Hand auf eine dunkle Masse, die aus der Fluth
emporragte:

Meines Vaters Htte! -- Hier bist Du sicher! --

                   *       *       *       *       *

Seit mehr als Monatsfrist lebte Kurt in der Htte des Pfahlbauers am
Ammersee und kaum merklich begann schon der Herbst seine ersten Boten in
die Wald- und Seeeinsamkeit zu senden. An jenem Sommerabend, als die
Beiden an der Htte landeten, hatte sie der Pfahlbauer mit verwunderten
Mienen zwar, aber schweigend empfangen und dem Flchtling die Hand zum
Willkommgrue dargereicht. Dann hatte er ihn in den Wohnraum gefhrt,
ihn zum Sitzen eingeladen und gutmthig mit lchelndem Antlitz
zugesehen, wie sein Gast ber den Imbi herfiel, den das Tchterlein
eilfertig herbeigetragen hatte. Seit jener Stunde war Kurt kein
Fremdling mehr in der Htte, und ihm, der gewohnt war, in der
glanzvollen Metropole am Victoria-Nyanza die Errungenschaften einer hoch
entwickelten Cultur zu genieen, flogen in dieser Wildni die Tage mit
einer traumhaften Schnelligkeit dahin. Der alte Gnther, eine hohe,
kraftvolle Gestalt, dem der schneeige Bart weit ber die Brust
herabflo, nahm ihn fast tglich mit hinaus auf die Jagd oder zum
Fischfang; in den brigen Stunden des Tages gab es stets Arbeit in Hlle
und Flle und die Abendstunden vergingen nur allzu schnell im traulichen
Geplauder auf der Bank vor der Httenthr, wo man weit hinaussehen
konnte ber die goldigschimmernde Fluth bis hinber zu der blauen
Alpenkette; die liebsten Stunden aber waren dem Flchtling jene, welche
er mit der blonden Waltraut zusammen im Kahn verbringen durfte. Die
Htte auf mchtigen Eichenpfhlen an einer seichten Seestelle errichtet,
war auf allen Seiten von Wasser umgeben und der Nachen, auf dem Kurt
hierhergekommen, war daher das Verkehrsmittel, dessen man sich bedienen
mute. Am Sdrande des Sees, umgeben von einem festen Zaune, war ein
Stck Urwald gerodet und in Acker und Wiesfeld verwandelt. In
wohlgefgter Blockhtte standen daselbst zwei Khe, das werthvollste
Besitzthum des Pfahlbauers und fast tglich gab es dort fr Waltraut
dies oder jenes zu schaffen, wobei ihr die Hilfe Kurts nicht
unwillkommen schien. So zutraulich und herzlich aber auch Waltraut,
schier wie ein Schwesterlein, sich ihm gegenber zeigte, so scheu und
zurckhaltend wurde ihr Benehmen, sobald er sich hinreien lie, einen
wrmeren Ton anzuschlagen, ihre Hand zu fassen oder gar scherzend den
Arm um ihre Hfte zu legen. Er selbst aber, voll des redlichsten
Willens, die ihm erwiesene Gastfreundschaft heilig zu halten, zwang sich
mit Macht, die immer mehr in ihm aufsteigende Leidenschaft
niederzukmpfen.

Die letzten warmen Herbsttage mit ihrem geheimnivollen duftigen
Schleier aus Nebel und Sonnengold waren vorbergegangen; in der Nacht
hatte sich ein grimmiger Sturmwind aufgemacht und fuhr, Regenschauer vor
sich her treibend, ber die blaugraue Fluth, da sie in langgestreckten
schweren Wogen aus der nebligen Ferne gegen die Htte heranzog. Drinnen
aber in dem engen Bau war's gar behaglich, denn von den Resten der
untergegangenen europischen Cultur hatte sich gerade noch genug in
diesen Rumen erhalten, um das Leben in der Unwirthlichkeit des Urwaldes
ertrglich zu machen. So saen sie an einem der Winterabende, whrend
drauen der See schon allmhlich zu erstarren begann, gar traulich
beisammen; Kurt erzhlte seinen Freunden von den Wundern Afrika's und
als er geendet, erinnerte er Vater Gnther, da ihm dieser unlngst bei
einem Jagdausfluge versprochen habe, ihn ber die Ursachen der groen
Catastrophe, welche das alte deutsche Reich getroffen und seine fast
zweitausendjhrige Cultur zerstrt hatte, aufzuklren. Der Alte nickte
mit ernster Miene, nahm den qualmenden Kienspahn aus der Mauerfuge und
verlie schweigend das Gemach. Nach einigen Minuten kehrte er zurck und
legte ein in Leder gebundenes Buch auf den Tisch, welches jenen dumpfen
modrigen Geruch verbreitete, der alten Schriftwerken eigen ist. Voll
brennender Neugier schaute Kurt auf das Buch, das ihm Aufschlu geben
sollte ber eine in Dunkel gehllte Geschichtsepoche.

Diese Schrift hat mein Urahne niedergeschrieben, als er vor vielen
hundert Jahren aus seiner Heimath in Thringen an die Gestade dieses
See's flchtete, sprach der Alte mit einer gewissen Feierlichkeit, es
ist eine traurige Geschichte voll Blut und Thrnen, die Dir Aufschlu
geben wird, wie ein groes blhendes Reich durch den Unverstand der
Menschen in eine Wildni verwandelt wurde. Wir haben das Buch aufbewahrt
wie ein Heiligthum und kein menschliches Auge, auer den unsrigen, hat
noch darauf geruht. Waltraut soll es uns vorlesen, denn meine Augen
taugen nicht mehr zu solchem Geschft und Dir sind die krausen
Schriftzge der Vorzeit nicht gelufig. Neue Kiensphne wurden in Brand
gesetzt, Waltraut nahm das Buch und begann.




                              6. Capitel.

          Deutschland am Ende des neunzehnten Jahrhunderts. --
       Socialdemokratische Zukunftsbilder und ihre Folgen. -- Der
   Staatsstreich des Jahres 1900. -- Untergang der Socialdemokratie.


Eine wilde schreckliche Zeit liegt hinter mir. Ich bin Zeuge von
Ereignissen gewesen, an die ich noch jetzt, wo seitdem schon Jahre
verflossen sind, nur mit Schaudern zurckdenken kann. Alles Bestehende
habe ich zusammenbrechen sehen, ein mchtiges Reich in Trmmer fallen
und die Menschen sich zerfleischen wie wilde Thiere. Mit Entsetzen habe
ich erkannt, da es kein Zufall war, der all' den Jammer ber mein armes
Vaterland brachte; eigenes Verschulden der verblendeten Menschheit hat
das Geschick heraufbeschworen, dem nun Alles, was Jahrhunderte
geschaffen, zum Opfer gefallen ist. Rechtzeitige Erkenntni, gepaart mit
ein wenig gutem Willen, htte uns vor dem Abgrunde bewahren knnen. Aber
es war, als seien Alle mit Blindheit geschlagen. In der unersttlichen
Gier nach Reichthum taumelten die Menschen vorwrts, der Warnungsrufe
nicht achtend, immer dem Ende zu, das auch mit Schrecken gekommen ist,
just als sie es am weitesten entfernt glaubten. Ich habe die
Aufzeichnungen, die ich in der schrecklichsten Zeit meines Lebens
machte, gesammelt, in der Erwartung, da einst kommende Geschlechter
eine Lehre aus denselben ziehen werden. Die Ereignisse, welche dem
allgemeinen Zusammenbruch vorausgingen und die ich nur theilweise selbst
erlebte, stelle ich in Krze an die Spitze meiner Aufzeichnungen. Und
somit beginne ich:

Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts war Deutschland das mchtigste
Reich der Welt. Unzhlige reiche blhende Stdte und freundliche Drfer
bedeckten seinen Boden; sein Heer und seine Flotte war bewundert und
gefrchtet, deutsche Kunst und Wissenschaft galten der brigen Welt als
glnzende Vorbilder, und was deutsche Arbeit in rastlosem Wetteifer
schuf, ging als vielbegehrte Waare hinaus bis in die fernsten
berseeischen Lnder. Auf dem Kaiserthrone sa ein junger thatkrftiger
Herrscher, der es mit kluger Migung verstand, die ungeheuere ihm zu
Gebote stehende Macht nur zur Wahrung des Friedens in die Wagschaale zu
werfen und eine Schaar blhender Shne schien ihm auf unabsehbare Zeit
hinaus Glck und Bestand seines Hauses zu verbrgen.

Wohl fehlte es nicht an dunklem drohendem Gewlke, das von Zeit zu Zeit
emporstieg, aber stets verstand es die Kunst der Staatsmnner, die
Gefahren, welche von rachschtigen oder neidischen Nachbarn drohten,
wieder zu beschwren; der Respect vor der groartigen Wehrkraft
Deutschlands und seiner Verbndeten that aber stets das Meiste zur
Erhaltung des Friedens. Fr weit bedenklicher indessen hielt man die
Gefahr, welche dem Reiche von Innen drohte.

Zur Erluterung dessen mu ich auf eine noch weiter abliegende Zeit
zurckgreifen. Im Verlaufe des neunzehnten Jahrhunderts hatte sich die
Industrie zu einer noch nie vorher erreichten Hhe aufgeschwungen. An
Stelle der kleinen Handwerksbetriebe des Mittelalters war zuerst die
Manufactur getreten, d. h. jene Gattung von Grobetrieben, in welcher
jeder Arbeiter jahraus, jahrein nur einen ganz bestimmten Theil eines
Productes herstellte, in denen also eine weitgehende Arbeitstheilung
herrschte, die Geschicklichkeit des Arbeiters aber immer noch
ausschlaggebend war fr die Beschaffenheit des fertigen Productes. Ein
groer Theil der einst selbstndigen Handwerker war schon damals zu
Lohnarbeitern geworden, deren Existenz von den Fabrikanten abhngig war;
in ganz rapider Weise aber begann sich dieser Umwandlungsproce zu
vollziehen, nachdem der Fortschritt in den Naturwissenschaften zu der
Erfindung zahlloser Arten von Maschinen gefhrt hatte, welche die
Herstellung der Producte ganz unabhngig machten von der Tchtigkeit des
Arbeiters und mit ungeheuren Massen Waaren aller Art den Weltmarkt
berschwemmten. Die Zahl der besitzlosen Lohnarbeiter schwoll zu einer
solchen Hhe an, da ihr gegenber diejenige der Besitzenden fast
verschwand, und diese Masse wurde noch fortwhrend vermehrt durch solche
Handwerker, welche den Wettkampf mit der im Groen arbeitenden Industrie
nicht auszuhalten vermochten und ihre Selbstndigkeit verloren. Auf der
einen Seite standen also die Besitzenden, ein kleiner Bruchtheil der
Gesammtheit, welcher allen Grund und Boden, alle Rohstoffe, Gebude,
Maschinen sein Eigen nannte, und deshalb den Nutzen der gesammten
Arbeitsthtigkeit und aller menschlichen Erfindungen einheimste, whrend
auf der anderen Seite die ungeheure Masse der Besitzlosen stand, denen
nichts geblieben war, als ihre Arbeitskraft, von deren Verkauf sie ihr
Leben fristete. Je mehr sich aber das Maschinenwesen vervollkommnete,
desto krasser gestaltete sich dieses Miverhltni. Die Arbeit an den
Maschinen vereinfachte sich derart, da ein Weib oder schlielich ein
Kind gengte, um das zu verrichten, was ehedem die Thtigkeit von
zwanzig Mnnern erheischt hatte. Die Fabrikanten entlieen also ihre
Arbeiter und behalfen sich mit Frauen- und Kinderarbeit, die ihnen weit
billiger kam. Dadurch entstand nicht nur ein Heer von Arbeitslosen, die
meistens bis zur tiefsten Stufe menschlichen Elends herabsanken, sondern
es wurde auch der Lohn der noch in Arbeit befindlichen Mnner auf ein
Minimum herabgedrckt, so da diese Unglcklichen auch bei
angestrengtester Arbeit von frh bis in die Nacht nicht mehr im Stande
waren, sich und die Ihrigen mit den nothwendigsten Lebensbedrfnissen zu
versorgen. Diese Zustnde hatten aber noch Anderes im Gefolge. Die
Arbeiterfamilie lste sich gnzlich auf in dem Augenblicke, als die Frau
ihrem huslichen Wirkungskreise entzogen und in die Fabrik versetzt
wurde; der Schulbesuch der Arbeiterkinder wurde vernachlssigt, Wohnung
und Kost der Proletarier sank zu einer menschenunwrdigen Stufe herab
und die Prostitution begann in erschreckender Weise um sich zu greifen.

Waren diese schreienden Uebelstnde schon fhlbar in solchen Zeiten, in
denen die Industrie in Flor stand und es an Arbeit meistens nicht
fehlte, so wurden sie noch weit fhlbarer, sobald, in Folge der
allzueifrigen Production, die Preise der Waaren sanken, der Handel
stockte und zahlreiche Fabriken den Betrieb einstellten. Das Heer der
Arbeitslosen, der ohne Nahrung und Obdach Umherirrenden, wuchs
dann lawinenartig an und schreckliche Leiden kamen ber die
Arbeiterbevlkerung.

Aber auch die Besitzenden waren in solchen Zeiten nicht auf Rosen
gebettet. Das verwickelte Getriebe der ganzen Wirthschaftsmethode, in
welcher die Concurrenz die einzige Triebfeder war, stellte einen beraus
empfindlichen Mechanismus dar. Ein geringfgiges Ereigni konnte
gengen, um unzhlige Existenzen zu vernichten; Niemand, auch der
Reichste nicht, durfte sicher sein, da ihn der nchste Tag nicht in die
Reihen der Besitzlosen hinabschleudern werde. Seit Mitte des neunzehnten
Jahrhunderts machte sich nun in den Arbeiterkreisen eine Bewegung
bemerkbar, welche auf eine Umwandlung dieser wahnsinnigen
Productionsweise in eine vernnftigere abzielte. Man erkannte in dem
Umstande, da sich alle Behelfe zur Erzeugung von Producten, d. h. Grund
und Boden, Maschinen, Werkzeuge, Rohstoffe &c., im Privatbesitz
Einzelner befanden, somit die groe Mehrheit der Bevlkerung von diesen
Productionsmitteln getrennt war, die Grundursache der verderblichen
Wirthschaft. Das Heil Aller, so lautete die Parole, liege darin, da an
die Stelle des Privatbesitzes an den Productionsmitteln, der
Allgemeinbesitz trete. Die Partei, welche dieses Ziel anstrebte, nannte
man die socialistische, oder socialdemokratische und ihre Anhnger waren
von Seite des Staates und der besitzenden Classen allerhand Bedrckungen
und Gewaltmaregeln ausgesetzt. Die sociale Frage aber, deren Lsung sie
auf ihre Fahne geschrieben hatte, war nachgerade die brennendste von
allen geworden; sie beschftigte alle Gemther, hielt die Parlamente in
Athem, setzte Tausende von Federn in Bewegung und bemchtigte sich aller
Gebiete des ffentlichen Lebens. Wie hundert Jahre frher der
Brgerstand um seine Erlsung aus den Fesseln des Absolutismus gekmpft
hatte, so suchte jetzt die groe Masse des Proletariats nicht allein
sich selbst, sondern die ganze Welt zu erlsen von einer tglich
ungesunder werdenden Productionsweise, von einer wirthschaftlichen
Knechtschaft, deren Druck zwar am empfindlichsten auf den untersten
Volksschichten ruhte, welche aber auch den oberen Stnden in immer
unangenehmerer Weise fhlbar wurde. Die Socialdemokratie hatte in der
zweiten Hlfte des neunzehnten Jahrhunderts aus bescheidenen Anfngen,
trotz aller Hindernisse, welche ihr der Staat in den Weg legte, eine
groartige Organisation geschaffen, welche sich ber die ganze
civilisirte Welt erstreckte und Millionen begeisterter Anhnger in ihren
Reihen zhlte. Diese ungeheure, ein und derselben Parole folgende Masse
verhielt sich indessen durchaus streng in den Grenzen der bestehenden
Gesetze. Aber mit unverwstlicher Zhigkeit strebte sie unausgesetzt
darnach, politische Rechte zu erringen, wo ihr dieselben versagt waren,
oder ihre Wnsche und Beschwerden in den gesetzgebenden Krpern zur
Geltung zu bringen, dort wo sie Vertreter in die Parlamente entsenden
durfte. Nicht zufrieden damit, unablssig an der materiellen Hebung des
Arbeiterstandes zu wirken, bestrebte sie sich auch, stets eingedenk des
Wortes: Bildung ist Macht, das geistige Niveau ihrer Anhnger zu heben
und dies war ihr mit Hlfe unzhliger Vereine, Bibliotheken,
Zeitschriften, Flugbltter u. s. w. bereits am Ausgange des neunzehnten
Jahrhunderts so gut gelungen, da das durchschnittliche Bildungsniveau
der Arbeiter dasjenige der Kleinbrgerschaft merklich berstieg und da
sie im Stande waren, aus ihren Reihen Schriftsteller, Journalisten und
Redner auf den politischen Kampfplatz zu schicken, welche den
Geisteskoryphen der Brgerschaft, des Adels und der Geistlichkeit
nichts nachgaben. Mit ungeheurer Kraftanstrengung und eiserner Energie
hob sich die Arbeiterschaft aus tiefstem Elende zu einer geistigen und
sittlichen Hhe empor, welche sie befhigen mute, in jenem Momente als
zielbewute, politisch reife Macht aufzutreten, in welchem die Zgel den
schlaffen Hnden der besitzenden Klassen entfallen wrden. _Je tchtiger
und reifer die Arbeiterschaft in diesem Augenblicke war, desto leichter
und schmerzloser mute sich die unvermeidliche Umwlzung vollziehen._

Fast alle Staaten der civilisirten Welt sahen sich wohl oder bel durch
die immer gewaltiger anschwellende Bewegung genthigt, ihr Augenmerk den
socialen Mistnden zuzuwenden, was sie bisher gnzlich verabsumt
hatten. Man versuchte von Staats wegen das oft beraus traurige Loos der
arbeitenden Klassen zu bessern; man grndete Krankenkassen, Unfalls- und
Altersversicherungskassen fr die Arbeiter, man stellte
Gewerbeinspectoren an, welche die Thtigkeit in den Fabriken und anderen
Gewerben berwachen und Mibruche abstellen sollten, man baute
Arbeiterhuser, Volkskchen u. s. w., aber man verfuhr dabei in den
meisten Fllen mit einer so pedantischen Engherzigkeit, da der Nutzen
aller dieser Anstalten ein sehr miger blieb und die berechtigten
Forderungen der Arbeiter dadurch nicht befriedigt wurden. Gleichwohl
schien es zu jener Zeit, als sollte sich die Umwlzung in der
wirthschaftlichen Productionsweise, welche von der Socialdemokratie
angestrebt wurde, auf friedlichem Wege und sehr langsam vollziehen, denn
einerseits wurde die capitalistische Gesellschaft durch die Macht der
Verhltnisse immer mehr und mehr in eine Bahn gedrngt, auf der ihre
Umgestaltung nach dem Sinne der Socialdemokratie nur noch eine Frage der
Zeit sein mute, und andererseits wre eine gewaltsame Auflehnung gegen
die furchtbaren Machtmittel des Staates heller Wahnsinn gewesen, eine
Erkenntni, welcher sich selbst die radicalsten Fhrer der socialen
Bewegung nicht verschlieen konnten.

So standen die Dinge zu Beginn des letzten Decenniums im neunzehnten
Jahrhundert, als ein unvorhergesehenes Ereigni die friedliche
Entwicklung der Gesellschaftsreform fr unabsehbare Zeit verhinderte.

Im Jahre 1892 erschien in der Hauptstadt des deutschen Reiches ein
Bchlein, welches ungeheueres Aufsehen machte und in Hunderttausenden
von Exemplaren verbreitet wurde. Der Titel dieses verhngnivollen
Bchleins war: Socialdemokratische Zukunftsbilder, der Verfasser:
einer der ersten Redner des Parlaments, Eugen Richter, welcher an der
Spitze der sogenannten freisinnigen Partei stand und ein erbitterter
Feind der Socialdemokratie war. In diesem Buche schilderte er mit
glhender Phantasie die Schreckensbilder, denen Deutschland
entgegengehen werde, falls es jemals der Socialdemokratie gelingen
sollte, ihre Plne zur practischen Ausfhrung zu bringen, d. h. den
socialen Staat an Stelle des capitalistischen in's Leben zu rufen. Mit
gieriger Hast wurden die, in den dstersten Farben gehaltenen
Schilderungen vom deutschen Publikum verschlungen; die Wirkung war eine
ungeheure. Mit _einem_ Schlage war der ganze erschreckliche Abgrund, dem
das Vaterland entgegentaumelte, vor den bestrzten Blicken enthllt;
Tausende und Abertausende, von Entsetzen bermannt, fr ihre eigene, wie
fr die Existenz ihrer Familien zitternd, verlangten ungestm Hlfe und
Rettung von der Allmacht des Staates. Der Kaiser schwankte; noch konnte
er sich nicht entschlieen, zu dem frher oft angewendeten Mittel
gewaltsamer Unterdrckung zu greifen.

Da kamen die Reichstagswahlen von 1895, und die socialdemokratische
Fraction, bisher sechsunddreiig Mitglieder zhlend, wuchs auf fnfzig
an; es kamen die Wahlen des Jahres 1900 und mit _einem_ Schlage ward die
Socialdemokratie zur mchtigsten Partei des Parlamentes, in dem sie
nicht weniger als neunzig Mandate ihr Eigen nannte, whrend die
sogenannten Ordnungsparteien, in zahllose Fractionen und Fractinchen
gespalten, dieser ehernen Phalanx gegenber in ohnmchtiger Verwirrung
dastanden. Ein Todesschrecken erfate die ganze Bourgeoisie, den Geld-
und Geburtsadel, die Geistlichkeit aller Confessionen und nicht zum
Mindesten den Kaiserhof selbst. Es schien, als stnde das jngste
Gericht vor den Thoren, und der Ruf nach Hlfe vor dem drohenden
Untergange wurde lauter und eindringlicher als je. Noch stand ja der
Regierung die groe, herrliche, in hundert Schlachten und Gefechten
siegreich gewesene Armee zur Verfgung, auf die man sich fest verlassen
konnte, wenn es galt, die schwer bedrohte Gesellschaftsordnung zu
retten. Die Regierung, von allen Seiten bestrmt, zgerte nun auch nicht
mehr lnger, energische Maregeln zu ergreifen.

Am Morgen des 10. April 1900 prangten an allen Straenecken Berlins
groe Zettel, welche die Auflsung des Reichstages und die Abschaffung
des allgemeinen Wahlrechtes fr die neu auszuschreibenden
Reichstagswahlen ankndigten. Zugleich erfuhr man, da smmtliche
socialistische Abgeordnete beim ersten Morgengrauen durch starke
Abtheilungen von Militr und Schutzleuten aus ihren Wohnungen abgeholt
und in geschlossenen Wagen unter Kavallerie-Eskorte nach Spandau
transportirt worden wren.

Die erste Wirkung war die eines lhmenden Schreckens, welcher das Volk
in der Hauptstadt urpltzlich ergriffen zu haben schien. Anfnglich
blieb Alles ruhig, aber die Straen im Centrum der Stadt fllten sich
von Stunde zu Stunde immer mehr mit den von den Vorstdten
hereinstrmenden Volksschaaren. Alle Geschfte, alle Fabriken stellten
ihre Thtigkeit ein, und die dort beschftigten Arbeiter vergrerten
die durch die Straen wogenden Massen. Aber auf dieser ganzen
ungeheueren Menge lastete ein dumpfes Schweigen; nur flsternd ward die
Kunde von dem, was geschehen, von Mund zu Mund getragen; man ahnte, da
Schreckliches folgen werde, aber Niemand hatte den Muth, das Losungswort
zu geben. So wurde es Mittag; mit klingendem Spiele kam, wie alltglich,
die Wache zur Ablsung der Posten am Schlosse und den anderen
ffentlichen Gebuden dahergezogen. Die Menge stand unbeweglich wie eine
Mauer, und wie das Grollen der See, wenn der erste Windsto ber sie
hinfhrt, so begann beim Anblick des Militrs ein dumpfes Murren und
Brausen in der hunderttausendkpfigen Masse. Erst der Versuch, diese
lebendige Mauer mit Gewalt zu durchbrechen, brachte Bewegung in
dieselbe. Zwei Minuten spter war die Abtheilung Soldaten ber den
Haufen gerannt, entwaffnet, wer sich zur Wehr setzte, niedergemacht; das
erste Blut war geflossen und der Anblick desselben berauschte das Volk.
Der Aufruhr hatte begonnen! Aus den Riesengebuden der Kasernen ergossen
sich die bereit gehaltenen Regimenter in die Straen und vertheilten
sich nach dem schon vorher festgestellten Plane, whrend aus den
Nachbarstdten bereits Zug auf Zug, vollgepfropft mit Truppen, zur Hlfe
herbeisauste. Fnf Tage und Nchte lang wogte der Straenkampf von einem
Ende der Residenz bis zum anderen. Auch das Volk erhielt Verstrkung;
Tausende von Bauern und Fabrikarbeitern zogen von allen Seiten zur
Untersttzung herbei, aber das Ringen war, trotz allen Heldenmuthes der
Insurgenten, vom Anfang an durch die Ueberlegenheit der Waffen und der
Disciplin zu Gunsten der Truppen entschieden. Auch die anderen blutigen
Aufstnde, welche an zahlreichen Orten des Reiches emporloderten, wurden
bald niedergeschlagen; die letzten Schaaren der Freiheitskmpfer
flchteten in die Wlder und Gebirge an der bhmischen Grenze und
fhrten dort noch Monate lang einen erbitterten Guerillakrieg gegen die
sie verfolgenden Soldaten und Gensdarmen.

Das Strafgericht, welches folgte, war schrecklich; die berall
eingesetzten Kriegsgerichte verfuhren mit draconischer Strenge, und bald
lag die Ruhe des Friedhofes ber dem aus tausend Wunden blutenden
Vaterlande.

Einige Monate spter trat der, nach dem neuen Wahlgesetze, dem ein
engherziger Census zu Grunde gelegt worden war, gewhlte Reichstag
zusammen. Natrlich war kein einziger Socialdemokrat mehr in demselben
zu erblicken. Was die Waffen begonnen, sollte nun die Gesetzgebung
vollenden: die gnzliche Niederwerfung, nein! Ausrottung der
Socialdemokratie. Alle Ordnungsparteien halfen bereitwilligst der
Regierung bei diesem Werke. Smmtliche Arbeiterbltter wurden
unterdrckt, die Arbeitervereine aufgelst, jeder politisch Verdchtige
festgenommen. In letzterer Beziehung gingen bereifrige Polizeiorgane
sogar so weit, da Herr Eugen Richter, am nmlichen Tage, an welchem der
Reichstag den Regierungsantrag einstimmig annahm, Herrn Richter wegen
seiner Verdienste um die Vernichtung der Socialdemokratie bei Lebzeiten
schon ein Denkmal zu setzen, -- da Herr Eugen Richter am nmlichen Tage
bei einem Haare auf den Schub gekommen wre. Gleichzeitig ging man auch
daran, den Arbeitern durch Erschwerung ihrer Existenz den Brodkorb,
wie man sich ausdrckte, hher zu hngen. Hunger und Elend sollte die
gefhrliche Masse mrbe machen. Zuerst wurden smmtliche
Gewerbeinspectorate abgeschafft, die Bestnde der Krankenkassen,
Unfallversicherungs-, Invaliditts- und Altersversicherungskassen
eingezogen und zur Gutmachung jenes Schadens verwendet, den der Aufstand
verursacht hatte.

Den Arbeitgebern wurde vollstndig freie Hand gelassen in Bezug auf
Verwendung weiblicher und jugendlicher Arbeiter, sowie schulpflichtiger
Kinder; die Beschrnkungen der Arbeitszeit, sowohl bei Tage, wie bei
Nacht, wurden aufgehoben -- mit einem Worte: Alles, was vor dem groen
Aufstande an Schutzmaregeln zu Gunsten der Arbeiter und _aus Furcht vor
der Socialdemokratie_ geschaffen worden war, wurde rckgngig gemacht.

Zu Anfang des Jahres 1901 war das groe Werk gethan: _Die
Socialdemokratie hatte aufgehrt zu existiren, der ruhigen Entwicklung
der capitalistisch organisirten Gesellschaft stand nichts mehr im Wege_,
denn auch in allen brigen civilisirten Staaten hatten sich hnliche
Vorgnge abgespielt. Zum ersten Male seit langen, langen Jahren athmete
der friedliche Brger wieder beruhigt auf. Herr Eugen Richter aber stand
auf dem Gipfel einer Popularitt, gegen welche selbst die seines
einstigen Feindes Bismarck verblate.




                              7. Capitel.

   Die weitere Entwicklung der capitalistischen Gesellschaftsordnung.
    -- Arbeiter und Bauern im Jahre 1970. -- Die oberen Zehntausend
       im 20. Jahrhundert. -- Krisen und Kartelle. -- Die letzte
    Actiengesellschaft. -- Bellamy's Prophezeiung. -- Was Herr Eugen
                          Richter geset hat.


Die Lage der arbeitenden Classen begann nun eine unsagbar traurige zu
werden. Die Fabrikanten, durch keine Rcksicht mehr gebunden,
erniedrigten die Lhne weit unter das bisherige Niveau, erhhten aber
andererseits die Arbeitszeit bis zur uersten Grenze. In
rcksichtslosester Weise nutzten sie vornehmlich die Arbeitskraft der
Frauen und Kinder aus; vom zartesten Alter angefangen, wurden die Kinder
in die Fabriken getrieben, die ihnen weder zum Spiele noch zur Schule
Zeit brig lieen; die Wchnerinnen, kaum da sie entbunden hatten,
schleppten sich wieder zur Maschine heran. Whrend die Arbeitszeit der
Frauen und Kinder bestndig anwuchs, lungerten groe Schaaren
arbeitsloser Mnner auf den Straen umher, bereit, fr den geringsten
Entgelt jede beliebige Arbeit zu bernehmen. Von einem eigenen Heerde,
von einem Familienleben wute der Arbeiter nichts mehr; die
jmmerlichen, schmutzstarrenden Lcher, in denen er mit Weib und Kindern
und Schlafgngern, wie die Hringe zusammengepfercht, seine Nchte
verbrachte, verdienten den Namen menschlicher Wohnungen nicht. Seine
Nahrung war gnzlich unzureichend, einem menschlichen Krper die
nthigste Kraft, die er verausgabt, wieder zu ersetzen; seine Kleidung
bestand in Lumpen; er kannte nicht die Wohlthat eines erfrischenden
Bades, eines Spazierganges in Wald oder Feld, er wute nichts von
Unterhaltung oder Zerstreuung, er bekam nie mehr ein Buch oder eine
Zeitung in die Hand; _wenn er Arbeit hatte, so war er ein Sclave, bekam
er keine, so wurde er zum Vagabunden_. Als die ersten Decennien des
zwanzigsten Jahrhunderts vollendet waren, war aller Orten eine
Arbeitergeneration herangewachsen, welche derjenigen vor dem groen
Aufstande in keiner Beziehung mehr glich. Der Arbeiter von 1890 war, der
groen Mehrzahl nach, intelligent, wibegierig, belesen und in
krperlicher Beziehung ziemlich gesund und krftig; im Jahre 1930 war
die Arbeiterschaft im Groen und Ganzen bereits sowohl krperlich als
geistig tief gesunken. Die schwchlichen strapazirten Frauen hatten noch
schwchlichere, ungesunde Kinder zur Welt gebracht, die beinahe ohne
Pflege und ohne Unterricht aufwuchsen, schon frhzeitig bei endloser
einfrmiger Arbeit in den Fabriken verbldeten und die Keime unheilbarer
Krankheiten einsogen.

Der Durchschnittsarbeiter von 1930 war ein schwaches, engbrstiges,
schwindschtiges Individuum, das mit eingefallenen Wangen und
schlotternden Knieen zur Arbeit wankte und seine wenigen Freistunden in
dumpfem, apathischem Brten verbrachte. Der Proletarier von 1970 aber,
zu einer Zeit wo der menschliche Erfindungsgeist die herrlichsten
Triumphe gefeiert und Wunderwerke der Technik vollendet hatte, der
Proletarier von 1970 war ein Geschpf, das Mitleid und Entsetzen
gleichzeitig einflte. Einen entsetzlichen Umfang hatte insbesondere
die Prostitution angenommen. Die Lhne der Arbeiterinnen waren so
niedrig, da sie, um leben zu knnen, direkt auf die Prostitution
angewiesen waren. Die Fabrikanten rechneten von vornherein darauf, da
die Frauen und Tchter der Arbeiter den Ausfall in ihren Einnahmen durch
Verkauf ihres Krpers decken wrden, aber die Schaaren dieser
Unglcklichen waren nur ein Bruchtheil des ungeheuren Heeres Jener,
welche sich gnzlich dem Schandgewerbe ergeben hatten. Zu Tausenden
fllten diese Geschpfe die Straen der Vorstdte, und auch die
unerbittlichste Polizeistrenge vermochte sie nicht ganz aus den
eleganten Vierteln zu verdrngen.

Gnzlich hoffnungslos war auch die Lage des Kleingewerbes, insoweit
berhaupt von einem solchen noch gesprochen werden konnte. Durch das
rapide Anwachsen der Groindustrie war schon frher das Kleingewerbe arg
geschdigt worden; seine Lage war aber damals noch glnzend zu nennen im
Vergleiche mit dem jetzigen Zustande. Eine andere Arbeit, als wenig
lohnende Reparaturen, gab es berhaupt nicht mehr fr den kleinen
selbstndigen Meister. Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts war z. B.
ein Schustermeister, der die Anfertigung eines Paares Stiefeln in
Auftrag erhielt und diesen Auftrag auch auszufhren verstand, oder ein
Schneidermeister, der einen Anzug von A bis Z herzustellen wute, eine
Seltenheit. Um 1970 waren die meisten Handwerksfertigkeiten vollstndig
verloren gegangen; nur so weit, als es im Dienste der Groindustrie und
bei einer weitgehenden Arbeitstheilung nthig war, hatten sich diese
Fertigkeiten erhalten. Es gab wohl Arbeiter, welche mit Hobelmaschinen
umzugehen wuten, und solche, welche mit Maschinenhlfe tglich ein paar
Hundert Stuhlbeine anzufertigen verstanden; es gab aber keine Tischler
mehr, welche ganz selbstndig, nur mit dem Handwerkszeug des neunzehnten
Jahrhunderts ausgerstet, einen Stuhl, einen Tisch oder einen Schrank
anzufertigen fhig gewesen wren. Der Bildungsgrad der noch brigen
Kleinmeister war der denkbar niedrigste. Ihre Lage war so hoffnungslos
und der Kampf um's Dasein, den sie zu fhren hatten, ein so harter, da
ihnen schon lngst jeder Trieb zur Weiterbildung, zur Vermehrung ihrer
sprlichen Kenntnisse abhanden gekommen war. Sie waren einfach nichts
als Proletarier, welche von den Abfllen der Groindustrie lebten, ohne
Urtheilskraft, ohne Energie, ewig jammernd, ewig schimpfend, aber nicht
im Stande, ihre klgliche Situation auch nur um Haaresbreite zu
verbessern. Was die Lage der Landbevlkerung anbetrifft, so war dieselbe
nicht viel besser. Schon in den letzten Decennien des neunzehnten
Jahrhunderts war die Position der Bauern, die ihre Selbstndigkeit
bewahrt hatten, eine sehr ungnstige. Die Bewirthschaftung ihrer mit
Hypotheken berbrdeten Gter wurde immer schwieriger und immer weniger
nutzbringend. Der Grogrundbesitz, der immer mehr Land an sich ri, die
Groindustrie, welche immer mehr Fabriken errichtete und der Staat,
welcher immer mehr Soldaten benthigte, nahm ihnen ihre eingeschulten
Arbeitskrfte und gab ihnen dafr im besten Falle ausgemergelte
Fabrikarbeiter zurck, deren Krperkrfte durch langes Elend so
herabgekommen waren, da sie zur Feldarbeit nichts mehr taugten. Der
Kleinbauer wurde mehr und mehr abhngig von dem Grogrundbesitzer, mit
dem er schon deswegen nicht concurriren konnte, weil derselbe weit
billiger producirte, und seinen Boden weit ertragsfhiger zu machen
verstand. Wenn der Bauer nach Begleichung der Zinsen und Steuern noch so
viel brig behielt, da er nicht gerade mit den Seinigen Hunger zu
leiden und da er die nchste Aussaat erbrigt hatte, so pries er sich
schon glcklich. Die Flle aber, in denen Hof und Feld solcher
Kleinbauern zwangsweise versteigert und zu niedrigsten Preisen von den
nchsten Grogrundbesitzern erworben wurden, mehrten sich von Jahr zu
Jahr. Die neuen Besitzer, welche meistentheils groe Jagdfreunde waren,
brachen oft die verlassenen Hfe ab und schlugen den urbaren Grund zu
ihrem Jagdgebiete. Auf diese Weise verschwanden alljhrlich nicht allein
Hunderte von Einzelgehften, sondern hie und da auch ganze Dorfschaften,
von denen nicht einmal ein Mauerrest brig blieb. Die frheren Besitzer,
aller Mittel entblt, muten sich entweder mit Weib und Kind dem
Grogrundbesitzer als Lohnarbeiter verdingen, oder in die nchste Fabrik
wandern, und glcklich sein, wenn sie dort Arbeit fanden. Aus den freien
Bauern waren Fabriksproletarier geworden. Viele Bauerngter wurden auch
von Speculanten angekauft, welche dieselben parcellirten und kleinweise
an den Mann brachten. Durch diesen Proze wurde ein Heer von
Kleinhuslern geschaffen, deren Grundbesitz wieder nicht im Stande war,
sie zu ernhren. Wenn diese Leute unter Entbehrungen der schlimmsten Art
sich noch ein paar Jahre ber Wasser erhielten, einmal kam doch
unfehlbar die Stunde, welche ihnen ihr Besitzthum entri und sie zu den
Uebrigen in den Abgrund warf. Es wre schwer zu entscheiden gewesen,
wessen Elend grer war: das der Lohnarbeiter in den Fabriken, oder das
der Tagelhner auf den Gtern. Die Arbeitszeit der Letzteren war eine
schier unbegrenzte: von Sonnenauf- bis Untergang, d. h. im Sommer von 4
Uhr frh bis 9 Uhr Abends, und wenn der oft Stunden lange Weg zum
Arbeitsplatz und zurck mitgerechnet wird, so war eine Arbeitszeit von
3 Uhr Morgens bis 11 Uhr Nachts keine Seltenheit. Die Wohnungen der
Landarbeiter standen an Comfort und Sauberkeit den Stllen der
Gutsbesitzer weitaus nach; die Lhne waren gerade gengend, um das
Lebenslicht vor dem Erlschen zu bewahren und die Kost bestand demnach
jahraus, jahrein aus Kartoffeln, Kraut und dnnem Cichoriencaffee.
Gleichwohl widerstand diese Classe von Lohnarbeitern der allgemeinen
Degeneration ziemlich lange, was wohl seinen Grund in dem tglichen
Aufenthalt in frischer, gesunder Luft haben mochte. In der zweiten
Hlfte des zwanzigsten Jahrhunderts waren aber auch die Landarbeiter
krperlich und geistig so tief gesunken, da sie kaum mehr tiefer sinken
konnten.

Neunzig Procent der Bevlkerung befand sich um das Jahr 1970 in einem
Zustande, der auf das Krasseste abstach von dem Leben, das die brigen
zehn Procent fhrten. Dieser Rest oder vielmehr diese dnne Schicht,
welche auf der Oberflche des allgemeinen Elends schwamm, setzte sich
zum berwiegenden Theile aus Groindustriellen und Grogrundbesitzern
zusammen. Hierzu kamen die Vertreter des Grohandels, der hohen Finanz,
welche indessen meistens auch zu den beiden erstgenannten Classen
zhlten, das Heer der Beamten und Officiere, einige wenige auserlesene
Knstler, Gelehrte, Schriftsteller und Techniker und endlich eine an
Zahl und Bedeutung arg zusammengeschmolzene und noch immer rapid
abnehmende wohlhabende Brgerschaft. Die Geschichte der oberen
Zehntausend, vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts an, zeigt ebenso
einen Degenerirungsproce, wie die Geschichte des unglcklichen
Proletariats in jener Zeit. Whrend namenloses Elend den an Zahl grten
Theil der Bevlkerung zu Boden drckte, erlag der andere Theil an der
Last des Reichthums, der sich auf seinen Schultern angehuft hatte. Er
verlor dabei alles, was seine Vorfahren einst auszeichnete: Mannesmuth,
Charakterfestigkeit, Ueberzeugungstreue und nicht zum mindesten die
Ehrlichkeit. Schon im ersten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts war
der Byzantinismus auf eine geradezu schwindelnde Hhe gestiegen. Der
Spucknapf eines Hoflakeien war ein Gegenstand der Verehrung geworden.
Die Presse brachte spaltenlange Berichte, wenn das Schohndchen der
Frau Obersthofmeisterin sich erkltet hatte, aber sie ignorirte es
gnzlich, wenn Schaaren von Arbeiterkindern am Hungertyphus
dahinsiechten. Im engsten Zusammenhange mit diesen Erbrmlichkeiten
stand ein auf allen Gebieten sich vordrngendes, widerwrtiges
Streberthum, das in der Wahl seiner Mittel nichts weniger als whlerisch
war und wenn es nicht anders ging, auch auf dem Wege der Denunciation
oder in sonst verchtlicher Weise vorwrts zu kommen trachtete.

Kunst und Literatur kannten keine andere Aufgabe mehr, als die
Verherrlichung und Verewigung aller jener Vorflle, welche sich in der
Atmosphre eines Frstenhofes abspielten. Die Gegenwart eines gekrnten
Hauptes bei irgend einer ffentlichen Feierlichkeit war gengend, um
diesen Moment zum Gegenstande unzhliger Darstellungen durch Feder,
Pinsel und Meiel zu machen. Die Journalisten wurden nicht mde, das
betreffende Ereigni bis in's allerkleinste _Dtail_ zu schildern. Die
Dichter besangen es in begeisterten Hymnen, die Maler opferten
Leinwandstcke von der Gre eines Fregattensegels und unzhlige Kilo
Farbe, um den erhebenden Moment der Nachwelt zu berliefern und den
Bildhauern war kein Marmorblock zu diesem Zwecke gro und rein genug.

Von den Leiden des Volkes wute aber die Kunst nichts; sie verschmhte
es, in die Tiefen des menschlichen Lebens hinabzusteigen und betrachtete
es lediglich als ihre Aufgabe, diejenigen zu glorificiren, die sie am
besten bezahlten.

Der Luxus hatte eine exorbitante Hhe erreicht. Die, welche sich zur
Gesellschaft zhlten, hatten kein Verstndni mehr fr den Begriff:
Arbeit. Die Leitung der Fabriken berlieen sie ihren Direktoren und
Ingenieuren, den Betrieb auf den Gtern ihren Verwaltern und Frstern;
sie selbst hatten kein Ziel und keinen Zweck mehr, als das Geld zu
vergeuden, was dort verdient wurde. Die Einrichtung der Palste, die
Marstlle, die Maitressen, die Gastmhler und allerhand Feste
verschlangen Unsummen. Fr ein einziges Frhstck gab man mehr aus, als
zehn Arbeiterfamilien ein ganzes Jahr lang zum Leben brauchten. Diese
colossalen Summen kamen aber nicht der breiten Masse des Volkes, sondern
stets nur wenigen Grounternehmern zu Gute, welche ihrerseits ebenfalls
Reichthum auf Reichthum huften, whrend die eigentlichen Erzeuger aller
Producte im Elend verkamen. Baar jeder idealen Regung, war die
besitzende Klasse vom krassesten Materialismus durchtrnkt; das Geld war
ihr Gott, der Genu ihr einziger Lebenszweck, Kunst und Wissenschaft von
ihnen zu kuflichen Dirnen degradirt worden. Dem Gewinne jagte Alles mit
rastloser Gier nach; unablssig die Augen auf das blinkende Ziel
gerichtet, kmmerte man sich wenig um die Existenzen, welche man auf
diesem Wege zertrat, war man nichts weniger als whlerisch in der
Auswahl der Mittel, welche zum Besitz fhren sollten. Was Geld
einbrachte, war in den Augen dieser Classe moralisch, was nichts
einbrachte, einfach Narrheit. Das ganze Leben war zu einem tollen
Wirbeltanze um das goldene Kalb geworden; wer dabei zu Falle kam, nun,
der fiel eben; die Uebrigen rasten weiter und wrdigten ihn nicht einmal
eines Blickes mehr. Um sich zu bereichern, scheute man auch vor
ungeheuerlichen Verbrechen nicht zurck, die nur selten eine Shne vor
dem Richter fanden; mit dem verbindlichsten Lcheln auf den Lippen
betrog man sich gegenseitig um Millionen, trieb man einander zum
Selbstmord, zum Wahnsinn.

Aber diese glnzende, innerlich angefaulte Welt war von Zeit zu Zeit,
und zwar in immer krzeren Zwischenrumen, furchtbaren Erschtterungen
ausgesetzt, welche stets ungezhlte Existenzen vom Gipfel des Reichthums
in's tiefste Elend schleuderten. Niemand wute, ob ihm nicht eine der
nchsten, schnell aufeinander folgenden Handelskrisen das nmliche
Schicksal bereiten werde.

Die fortwhrend steigende Concurrenz zwang unaufhrlich zu
Verbesserungen an den Maschinen, zu Vereinfachungen der
Productionsprocesse, zur Vermehrung der Arbeitsstunden und Verringerung
der Lhne. Die unausbleibliche Folge war Ueberproduction, Sinken der
Preise, Geschftsstockung, Krise, auf welche dann eine leichte Erholung
eintrat, der aber allsogleich eine neuerliche Krise auf dem Fue folgte.
Das Schlimmste war aber, da, whrend die Production bestndig anwuchs,
die Consumtion fortwhrend im Sinken begriffen war. Kein Wunder, wenn
man bedenkt, da der bei Weitem grere Theil der Bevlkerung am
Hungertuche nagen mute, und da seine Kaufkraft beinahe gleich Null
war. Die Production arbeitete hauptschlich fr den Export, aber da sich
berall in allen Culturstaaten dieselben Zustnde eingestellt hatten, so
wurde die Concurrenz im Handel nach berseeischen Mrkten immer schrfer
und fhlbarer. Nachdem sich in Afrika eine blhende Industrie zu
entwickeln begann, welche fr die Bedrfnisse dieses Welttheiles bald in
ausreichender Weise zu sorgen im Stande war, verengte sich das
Exportgebiet von Jahr zu Jahr immer mehr, whrend sich die
Culturbedrfnisse der exotischen Vlkerschaften nicht in gleicher Weise
steigerten.

Um der sinkenden Tendenz der Preise entgegenzutreten, hatten sich
schon im neunzehnten Jahrhundert einzelne Groindustrielle,
Actiengesellschaften &c. zusammengethan, und Verabredungen getroffen,
welche jeden dieser Producenten verpflichteten, nicht unter einem
bestimmten Preise zu verkaufen oder seine Waaren so lange
zurckzuhalten, bis eine Preissteigerung von bestimmter Hhe eingetreten
sein werde. Diese Cartells nahmen im zwanzigsten Jahrhundert derart
berhand, da es bald keinen einzigen Verbrauchsartikel mehr gab, dessen
Preis nicht in der angedeuteten Weise in die Hhe geschraubt werden
konnte. Vorbedingung war, da man zuerst die auer Cartell stehenden
Concurrenten zu Grunde richtete oder aufkaufte und auf diese Weise
concentrirte sich die gesammte Production in immer weniger Hnden, nahm
der Reichthum dieser Wenigen immer collossalere Dimensionen an. Im
letzten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts gab es in Deutschland nur
noch eine einzige Riesen-Actiengesellschaft, welche alles producirte,
was berhaupt zu produciren mglich war, und Theilnehmer dieses
gigantischen Unternehmens waren lediglich zwlf Grokapitalisten,
vielfache Milliardre, in deren Besitz sich der gesammte
Nationalreichthum concentrirte.

Hundert Jahre frher hatte ein geistvoller, weitblickender Mann, der
Amerikaner Bellamy, diesen Gang der Entwicklung vorausgesehen und
prophezeit, da, sobald dieser Moment eingetreten sei, die Umwandlung
des capitalistischen in den socialen Staat ohne weiteren Widerstand auf
friedlichem Wege und sozusagen ganz von selbst sich vollziehen werde.
Diese Prophezeiung, auf einer richtigen Erkenntni der wirthschaftlichen
Krfte beruhend, wre auch sicherlich in Erfllung gegangen und ihre
Realisirung htte fr die Welt den Beginn einer glnzenden Epoche in der
Culturgeschichte der Menschheit bedeutet -- wenn die groe Masse des
Volkes vorbereitet gewesen wre fr diese Umwlzung der
Gesellschaftsordnung, fr diesen pltzlichen Uebergang vom tiefsten
Schatten zum glnzendsten Lichte.

_Jetzt aber war der Moment gekommen, wo sich die Snden der letzten
hundert Jahre in furchtbarster Weise rchen sollten, wo die Saat, welche
am Ende des neunzehnten Jahrhunderts Eugen Richter geset hatte, erst
ihre entsetzlichen Frchte zur Reife brachte. Im Laufe der letzten
hundert Jahre war nichts, rein gar nichts geschehen, um das Volk fr den
groen Augenblick, der seiner harrte, vorzubereiten._

Bis zum Staatsstreich des Jahres 1900 hatte die Socialdemokratie sich
dieser letzterwhnten Aufgabe unterzogen. Aus dumpfer Erstarrung und
klglicher Unwissenheit hatte sie das arbeitende Volk unter unsglichen
Mhen, Gefahren und Hindernissen, zur Selbstndigkeit, zum
Selbstbewutsein, zur Bildung heranzuziehen sich bemht. Und ihre
Bemhungen waren auf dem besten Wege, von Erfolg begleitet zu sein. Am
Ende des neunzehnten Jahrhunderts war der Arbeiter von einem heien
Drange nach Bildung und Wissen erfllt; in weiter Ferne sah er eine
glnzende Idealgestalt vor sich herziehen, die seinen Weg erleuchtete
und die Socialdemokratie war es, die seine Schritte auf diesem Wege
leitete, die ihm, so oft er es verga, immer und immer wieder die Mittel
einprgte, welche ihn auf demselben vorwrts bringen konnten.

Aber die Socialdemokratie that noch mehr: sie wurde auch zur Erzieherin
der anderen Classen. Indem sie die trge Masse des Proletariates
aufrttelte, organisirte und zielbewut machte, zwang sie die
Besitzenden, ihre Aufmerksamkeit Dingen von hchster Wichtigkeit
zuzuwenden, welche bis dahin in unverantwortlicher Weise vernachlssigt
worden waren.

Eine ganze Welt von neuen Fragen, Ideen, Gesichtspunkten machte sie
pltzlich lebendig. Es half nichts, da man sich anfnglich davon
abwendete, da man sich die Augen zuhielt, da man sich taub stellte.
Die Sprache der Thatsachen war eine zu eindringliche; man war genthigt,
der Sache wohl oder bel seine Aufmerksamkeit zu schenken, sich auf
Discussionen einzulassen, seine Lethargie abzuschtteln, um dem Gegner
Stand halten zu knnen. So brachte die Socialdemokratie neues, frisch
pulsirendes Leben in die alternde Gesellschaft, sie streute mit vollen
Hnden einen unerschpflichen Stoff zur Anregung auf allen Gebieten aus;
Dichter, Schriftsteller und Knstler schpften aus dem nie versiegenden
Quell einer neuen Ideenwelt, und selbst die rostig werdende
Staatsmaschine sah neues Oel auf ihre knarrenden Achsen trufeln und
ging daran, Institutionen zu schaffen, die man ein Vierteljahrhundert
frher als phantastisch bezeichnet haben wrde.

Dieser frische Quell versiegte mit einem Male, als man die
Socialdemokratie mit eiserner Faust fr immerdar vernichtet, ausgerottet
hatte.

_Als der groe Moment, den Bellamy prophezeit hatte, thatschlich
eintrat, fand er an Stelle einer politisch reifen, mit dem Rstzeug
moderner Bildung ausgestatteten und physisch tchtigen Arbeiterschaft
eine verthierte Masse, die kein anderes Ziel kannte, als endlich einmal
Rache zu nehmen fr die schmhliche Unterdrckung, deren Opfer sie seit
hundert Jahren geworden war._




                              8. Capitel.

    Berlin acht Tage vor dem groen Krach. -- Feiernde Fabriken. --
     Der Hungertod. -- Riesenbazare. -- Mangel an Soldaten. -- Ein
   Abendspaziergang im Jahre 1998. -- Ein Besuch im Arbeiterviertel.


Ich beginne nunmehr mit der Erzhlung meiner eigenen Erlebnisse in der
Zeit des allgemeinen Zusammenbruchs.

Am Abend des 2. Februar 1998 fuhr ich mit dem Blitzzug von Weimar nach
Berlin. Ich befand mich in der glckseligsten Stimmung; ich hatte ja die
Reise unternommen, um meine Braut heimzufhren aus ihrem Elternhause in
das behagliche Nest, das ich ihr in Thringen bereitet hatte. Dank der
Protection meines zuknftigen Schwiegervaters, welcher eine
einflureiche Stellung bei der groen Actiengesellschaft bekleidete, war
ich zum Verwalter der Thringischen Centralmagazine ernannt worden, ein
Posten, der ebenso angenehm, als eintrglich war. So drckte ich mich
also in die Kissen meines Coupsitzes und berlie mich, whrend der Zug
seinem Ziele entgegenbrauste, den angenehmsten Trumen, eine
Beschftigung, der ich mich um so ungestrter hingeben konnte, als ich
anfnglich allein in meinem Coup war. Auf einer Zwischenstation, einem
Stdtchen, in welchem die Gesellschaft groe Teppichfabriken besa,
stieg ein Herr in meine Abtheilung ein, in dem ich alsbald einen
ehemaligen Schulcollegen erkannte. Ebenfalls im Dienste der Gesellschaft
stehend, war er erst vor wenigen Wochen an diesen Ort versetzt worden.
Nachdem wir uns begrt und die blichen Redensarten gewechselt hatten,
fiel mir pltzlich ein, da ich der Ausstattung meiner Wohnung ganz gut
noch einen Teppich von bestimmter Specialitt beifgen knne, wie ihn
die erwhnten Fabriken in vorzglicher Beschaffenheit anfertigten. Ich
frug also meinen Freund nach dem Preise einer mir zusagenden Gre und
war nicht wenig erstaunt, als ich zur Antwort erhielt, da in den
Fabriken diese Gattung von Teppichen nicht mehr hergestellt werde.

Warum denn nicht mehr? frug ich, ist vielleicht keine Nachfrage mehr
nach dieser Qualitt?

Mein Freund lchelte dster und erwiderte mit gepreter Stimme: Weil
wir berhaupt nichts mehr fabriciren. Die Fabriken haben ihren Betrieb
vor drei Tagen eingestellt.

Eingestellt? Ich war der Meinung, das Geschft gehe bei Euch
vorzglich. Ihr habt doch, wenn ich nicht irre, an fnftausend Arbeiter
beschftigt?

Das ist richtig, sprach mein Gegenber. Die ganze Einwohnerschaft des
Stdtchens, mit Ausnahme der wenigen Staatsbeamten, arbeitete fr unsere
Gesellschaft; wir haben sie aber smmtlich entlassen mssen, weil sich
die Fabrikation schon lngst nicht mehr rentirte.

Ich verstehe aber nicht! Eure Teppiche hatten einen Weltruf. Sie waren
dauerhaft, elegant, preiswrdig --

Und doch war der Absatz auf ein Minimum herabgesunken und deckte nicht
einmal die Betriebskosten. Wir haben eben in ganz Deutschland nur sehr
wenig Leute, die sich den Luxus eines Teppiches gestatten knnen. Es
mssen ja selbst Fabrikationszweige eingeschrnkt werden, welche
nothwendigen Lebensbedarf produciren. Wenn jeder Arbeiter in Deutschland
im Stande wre, fr sich und die Seinen Betten zu kaufen, so knnten wir
vierzig Millionen Stck davon fabriciren. Wie viel Arbeit gbe das fr
unsere Mbelfabriken, fr die Leinenindustrie, fr die Fabrikation von
Matratzenstoffen; selbst die Landwirthschaft wrde profitiren, denn wo
nhme man die Tausende von Centnern an Bettfedern her? Ich glaube aber,
da heute Nacht im ganzen Reich kein einziges Mitglied einer
Arbeiterfamilie in einem Bette schlafen wird. Die Leute liegen im besten
Falle auf einem Haufen Stroh oder Lumpen; die Meisten aber in ihren
Arbeitskleidern auf dem nackten Fuboden.

Was fangen denn nun diese fnftausend Menschen an, die Ihr entlassen
habt? frug ich weiter.

Der Andere zuckte mit den Achseln. Das wei ich nicht. Ein oder zwei
Dutzend werden wohl im Orte bleiben, und die paar Aecker bearbeiten, die
ihnen noch verblieben sind. Alles brige Land, auf Meilen hinaus, gehrt
der Gesellschaft, die es im Groen bearbeiten lt und so schon
Ueberflu an Arbeitern hat. Das groe Heer der Arbeitslosen wird um
einige Bataillone zunehmen, das ist Alles, was man heute sagen kann.

Die Worte meines Freundes hatten bereits gengt, um meine gute Laune zu
verscheuchen. Heiter und sorglos von Natur, hatte ich mir bisher wenig
Mhe gegeben, den Wolken, welche sich rings um mich zusammenzogen, eine
grere Aufmerksamkeit zu schenken. Trotzdem war es auch mir nicht
entgangen, da die wirthschaftlichen Zustnde sehr viel zu wnschen
brig lieen; in dem Stadium hochgradiger Verliebtheit, in dem ich mich
jedoch seit mehr als Jahresfrist befand, war ich noch weniger als frher
geneigt, mich dsteren Betrachtungen hinzugeben. Die Zukunft lag so
verlockend, so rosig vor mir, da ich stets mit Gewalt alle
aufsteigenden Gespenster verscheuchte; ich wollte mir mein Glck um so
weniger trben lassen, als ich ja an den allgemeinen Zustnden nichts
ndern und bessern konnte. Heute aber vermochte ich der finsteren Mchte
nicht Herr zu werden. Die Worte, die ich soeben vernommen, hatten einen
Abgrund vor mir geffnet und erst, als ich am Bahnhofe in Berlin
anlangend, von meiner Braut und deren Eltern empfangen wurde, als sich
Elly mit glckseligem Lcheln an meinen Arm hngte, verscheuchte ihr
frhliches Geplauder die dsteren Bilder, von denen mein Inneres erfllt
war.

Eine Viertelstunde spter bog der Wagen, in dem wir saen, in die
taghell beleuchtete Einfahrt eines jener palasthnlichen Gebude ein, in
denen die hheren Beamten unserer Gesellschaft, zu denen auch mein
Schwiegervater zhlte, ihre Dienstwohnungen hatten. In diesem Moment
prallten die Pferde zurck, wir erhielten einen starken Sto, der Wagen
neigte sich zur Seite. Die Frauen schrieen angstvoll auf, mein
Schwiegervater ffnete den Schlag und sprang hinaus; ich folgte ihm und
sah den Wagen umringt von einer Schaar Menschen, deren Gesichter ich nie
vergessen werde. Ein unbeschreibbarer Ha lag in diesen funkelnden
Blicken.

Ich fand jedoch keine Zeit, weitere Betrachtungen anzustellen.
Schutzleute waren zur Hand, welche die Menge aus der Einfahrt auf die
Strae drngten und das Gitter schlossen. Nun standen sie drauen,
unverwandten Blickes durch die Lcken der Eisenstbe hereinstierend, mit
entsetzlichen, abgezehrten Gesichtern und wirren Haaren.

Gleichzeitig sah ich, wie man eine leblose Gestalt, den Krper eines
Weibes, unter dem Wagen hervorzog. Als man die Unglckliche forttragen
wollte, fiel mein Blick auf ihr wachsbleiches Gesicht. Es schien nur aus
Haut und Knochen zu bestehen und glich dem Schdel einer Mumie. Ich
wandte mich an einen der Schutzleute: Der Wagen hat sie getdtet? rief
ich. Nein, sie war schon vorher todt, sprach der Mann gleichgltig,
sie ist verhungert!

_3. Februar._ Die ganze Nacht hatte mich die Schreckensgestalt des
gestrigen Abends im Traume verfolgt. Mde und abgespannt erhob ich mich.
Wie ein zum Himmel schreiendes Verbrechen erschien mir der Luxus, der
mich umgab. Beim Frhstck nach dem Grunde meiner Schweigsamkeit
befragt, sagte ich offenherzig, wie tief mich die Begebenheit von
gestern erschttert habe. Mein Schwiegervater zuckte die Achseln: Das
ist uns leider nichts Neues mehr, erwiderte er. Das Elend wird immer
grer, und kein Mensch wei, wo das hinaus will. Das Schlimmste steht
uns noch bevor. Vor Kurzem hat einer unserer Ingenieure eine neue
Erfindung gemacht, welche wieder ungezhlte Tausende um ihr Brod bringt.
Man hat jetzt in der Textilindustrie berhaupt keine Arbeiter mehr
nthig. Ein Kind von zehn Jahren gengt fr jede Fabrik und es hat
nichts weiter zu thun, als bald hier, bald dort auf einen Knopf zu
drcken. Das Uebrige besorgen die Maschinen. Und die Arbeiter? frug
ich. Er schwieg und zuckte noch einmal mit den Achseln.

Nach einer Weile peinlichen Schweigens frug er mich, ob ich geneigt sei,
ihn auf einem Spaziergange zu begleiten. Er htte mir kein
willkommeneres Anerbieten machen knnen. Eine Fluth schrecklicher
Gedanken drohte wieder ber mich herzufallen; die Gestalten meines
nchtlichen Traumes wurden wieder lebendig, und mir war, als msse ich
in diesen Rumen ersticken. Elly hatte mich besorgten Blickes gemustert.
Im ersten unbelauschten Moment umschlangen mich ihre Arme: Oh Lieber,
la uns bald diese Stadt verlassen. Es gehen hier schreckliche Dinge
vor, und kaum wage ich mehr, den Fu auf die Strae zu setzen, wo mich
berall das grlichste Elend angrinst. Sie brach in Thrnen aus, und
ich mute alle Beredsamkeit aufbieten, um sie zu beruhigen. Mir war es
aber, als sei seit gestern ein kalter Reif auf mein junges Glck
gefallen.

Die seltsame Stimmung, in der ich mich befand, mochte Ursache sein, da
mir Dinge, welche mir lngst bekannt waren, heute in einem ganz
eigenthmlichen Lichte erschienen. In frheren Jahren hatte sich, wie
ich oft erzhlen hrte, in den Straen, die wir durchwanderten, ein
Schauladen am andern befunden, von denen Jeder seinen besonderen Inhaber
hatte. Jeder trieb sein Geschft fr sich auf eigene Faust und hatte
keine weitere Sorge, als seinen Concurrenten zu Grunde zu richten. Das
hatte sich schon lngst gendert. Die kleinen Geschfte waren seit
Jahrzehnten verschwunden. An ihrer Stelle nahmen Riesen-Bazars die
unteren Stockwerke der Huser ein, Colossalgeschfte, welche smmtlich
von unserer Actiengesellschaft betrieben wurden und in denen man Alles
erhalten konnte, was man zu haben wnschte, von der Stecknadel
angefangen bis zum Concertflgel. Vor diesen groartigen Betrieben,
welche mit weit geringeren Spesen und grerem Nutzen arbeiteten, hatten
die kleinen Geschftsleute die Segel streichen mssen; was frher Vielen
gehrt hatte, befand sich jetzt im Besitz einiger Weniger und zahllose
zerstrte Existenzen bezeichneten den Weg dieser friedlich verlaufenen
Umwlzung. Das Praktische der Einrichtung lie sich ja nicht leugnen,
aber warum, frug ich mich, warum mu der Profit dieser Riesengeschfte
nur Einigen zufallen, die ohnedies schon mehr als genug besitzen, warum
darf nicht das ganze Volk, jene ungeheure Schaar Armer und Elender Theil
haben am Geschft? Mir fiel ein, was ich von der lngst verschollenen
Socialdemokratie gehrt hatte. Wenn jetzt das ganze Volk, erfllt von
ein und demselben Gedanken im Stande wre, an Stelle dieser Wenigen zu
treten und die Leitung der Production und des Waarenvertriebes selbst in
die Hand zu nehmen? Wahnsinnige Idee! Menschenalter mten vergehen, ehe
diese zu Boden getretene, verthierte Masse wieder so weit emporgehoben
werden knnte, um an eine solche Riesenaufgabe heranzutreten.

Wir besorgten einige Einkufe und traten den Heimweg an. Eine Abtheilung
Soldaten, Trommler und Pfeifer an der Spitze, marschirte an uns vorber.
Ehemals hatte ich ein solches Schauspiel mit gleichgltigen Blicken
gemustert; heute betrachtete ich Alles mit anderen Augen und so entging
mir der finstere Ernst nicht, welcher auf den Zgen der brigens gut
genhrten und strammen Mnner lag.

Diese wenigstens scheinen keine Noth zu leiden, sagte ich zu meinem
Begleiter.

Nein, man thut alles Mgliche, um sie bei Kraft und guter Laune zu
erhalten, erwiderte er, aber es werden ihrer von Jahr zu Jahr weniger;
die Regimenter schmelzen zusammen, wie Schnee an der Sonne; die Zahl der
Tauglichen nimmt geradezu reiend ab.

Das begreife ich; ein Volk, das vor Hunger stirbt, ist nicht mehr im
Stande, Waffen zu tragen. Ich sagte das mit einer Bitterkeit, die mir
sonst fremd war.

Im Uebrigen gab es nichts Absonderliches in der Physiognomie des
Straenlebens. Eine elegant gekleidete Menge, Damen und Herren, fllte
die Gehsteige und strmte bei den Flgelthren der Bazare aus und ein.
Equipagen, Omnibusse, Tramway-Waggons kreuzten sich in unaufhrlicher
Folge auf dem Asphalte der Fahrbahn. Nicht das geringste Anzeichen
deutete die schreckliche Catastrophe an, die wir einige Tage spter
erleben sollten.

Ich verbrachte den Rest des Tages in etwas besserer Stimmung, in
Gesellschaft Elly's. Wir plauderten von unserer Zukunft, bauten
entzckende Luftschlsser und lieen es an den kleinen verstohlenen
Zrtlichkeiten nicht fehlen, wie sie unter Verliebten Brauch sind. Gegen
Abend erinnerte ich mich, da ich versprochen hatte, einen Bekannten
aufzusuchen, der nur wenige Minuten entfernt seine Wohnung hatte. Ich
bat deshalb meine Braut um ein Stndchen Urlaub und war nicht wenig
erstaunt, als Elly bei meinen Worten die Farbe wechselte und mich
flehentlich bat, bei ihr zu bleiben. Benutze wenigstens Vaters Wagen,
wenn Du den Besuch nicht bis morgen Vormittag aufschieben kannst, bat
sie. Aber weshalb denn, Elly, es sind ja kaum mehr als zehn Minuten
Wegs; da verlohnt es sich doch wahrlich nicht, erst einspannen zu
lassen, entgegnete ich. Oh, doch, doch, rief sie aufgeregt, geh'
nicht auf die Strae um diese Zeit, wenn Du mich lieb hast. Es geschehen
oft schreckliche Dinge da drauen.

Ihre Angst schien mir kindisch und zudem weckten ihre Aeuerungen die
Neugierde in mir; ich wollte einen Blick in dieses Straenleben werfen,
das ihr solchen Schrecken einflte.

Einige Minuten spter eilte ich durch die taghell erleuchteten Straen
der mir wohlbekannten Wohnung meines Freundes zu. Auf den ersten Blick
war mir indessen aufgefallen, da das Publikum sich jetzt aus ganz
anderen Elementen zusammensetzte, als in den Vormittagsstunden. Die Zahl
der Schutzleute hatte betrchtlich zugenommen und hie und da traf mein
Auge auf eine jener unheimlichen Gestalten, welche ich am Vorabende
bemerkt hatte. Die Frauenwelt, das konnte mir nicht entgehen, war fast
ausschlielich aus jenen, nicht mehr zweideutigen Elementen
zusammengesetzt, die eine Eigenthmlichkeit moderner Grostdte bilden.
Das Alles fand ich indessen nicht allzu verwunderlich, hatte mir's auch
kaum anders vorgestellt und lchelnd ber Elly's Angst, deren Beweggrund
mir schlecht verhllte Eifersucht schien, setzte ich meinen Weg fort.
Ich traf den Gesuchten zu Haus und verplauderte ein halbes Stndchen mit
ihm. Seltsam schien mir jedoch, da mein Freund, sonst die Hflichkeit
selbst, in frmlich unartiger Weise meinen Besuch abzukrzen trachtete
und mir mehr als einmal zu verstehen gab, es wre besser, wenn ich meine
Braut nicht lnger allein lasse. Etwas rgerlich ging ich endlich.

Die Straen, welche ich passirte, waren auffallend menschenleer; nur hie
und da huschte ein Schatten an den Husern entlang. Eine matt
beleuchtete Seitengasse passirend, sah ich pltzlich zwei Gestalten, in
weite Mntel gehllt, vor mir auftauchen. Ich erkannte beim Schein der
Laterne eine ltere Frau mit abgezehrtem, geisterbleichem Antlitz und
ein junges, kaum dem Kindesalter entwachsenes Mdchen, das seine groen
Augen nur einmal scheu zu mir emporhob, um sie sogleich wieder zu
senken.

Erst siebzehn Jahre, Herr, flsterte die Alte. Wollt Ihr sie haben?
Fr ein Stck Brot gebe ich sie Euch! Seht nur her, wie hbsch sie ist!

Das Weib schlug den Mantel zurck, der die Gestalt des Kindes verhllte;
ein blhender, nackter Mdchenleib drngte sich mir entgegen, schmiegte
sich an mich, und eine Stimme, die ich nie vergessen werde, flehte:

Ein kleines Stck Brot nur; ich habe so Hunger, Herr!

Zitternd, betubt, eine Welt voll Schmerz und Scham in mir, trat ich
zurck und legte alles, was ich an Baarschaft bei mir trug, in die
kleinen zitternden Hnde, dann, -- ich schme mich nicht, es
einzugestehen -- ergriff ich die Flucht.

Nach wenigen Schritten aber sah ich mich von Neuem angehalten. Ein Weib
kniete vor mir mit flehend erhobenen Hnden und wieder gellte die
furchtbare Klage in mein Ohr: Ich sterbe vor Hunger, Herr!
Verzweiflungsvoll whlte ich in meinen Taschen, es war nichts mehr
darin. Da drngte es sich von rechts und links an mich heran, weiche
Arme legten sich um meinen Hals und aufgelstes Frauenhaar streifte mein
Gesicht. Ich fhlte meine Hnde festgehalten; als ich sie losmachen und
die Gestalten, die mich umgaben, zurckdrngen wollte, da sah ich hier
und dort eine Hlle zu Boden gleiten und meine Finger berhrten die
weichen Formen der entblten Frauenleiber. Meiner Sinne kaum mehr
mchtig, ri ich mich los und strmte davon.

Einige Minuten spter erreichte ich die Strae, in der Elly's Haus lag.
Hier hatte sich die Scenerie indessen sehr verndert. Das elegante
Publikum war gnzlich verschwunden; die ganze Strae, Kopf an Kopf, mit
verwilderten Erscheinungen, Mnnern und Weibern erfllt, die
Schaufenster der Bazare smmtlich geschlossen. Noch tief erschttert von
dem eben Erlebten, fhlte ich, wie es mir hei zu den Augen hinanscho,
als ich diese hohlwangigen, bleichen Gesichter mit all ihrem stummen
Elend sah. Vor jedem Hause waren Infanterie-Pickets postirt;
Schutzmnner zu Fu und zu Pferd patrouillirten bestndig Strae auf,
Strae ab, aber ich hatte das Gefhl, als wenn die unzhlbare Masse der
Armen und Elenden nur eines Wortes, eines Signals bedrfe, um sich auf
diese Wchter der Ordnung zu strzen und sie mit ihrer Wucht zu
erdrcken. So gut es gehen wollte, drngte ich mich durch.
Schweitriefend, ohne Hut, mit beschmutzten und zerrissenen Kleidern,
bleich vor Entsetzen und Aufregung, langte ich endlich bei Elly wieder
an.

_5. Februar._ Am folgenden Tage fhlte ich mich durch die Erlebnisse,
die ich soeben geschildert, so angegriffen, da ich mich nicht
entschlieen konnte, das Haus zu verlassen. Ich blieb also den ganzen
Tag bei Elly, die sich groe Mhe gab, die unangenehmen Eindrcke zu
verwischen, welche mir der verflossene Abend hinterlassen hatte.

Heute frh, als ich leidlich beruhigt, zum Frhstck kam, fand ich Elly
in Thrnen schwimmend, einen offenen Brief in der Hand, den sie mir bei
meinem Eintritt sogleich entgegenstreckte. Der Brief enthielt die
herzzerreiende Schilderung der Lage, in welcher eine ehemalige Bonne
Elly's sich befand. Es war das alte Lied: der Mann seit Monaten
arbeitslos, die Frau krank, von Allem entblt, mit ihrem kleinen Kinde
dem Hungertode nahe.

Elly wollte selbst sofort einspannen lassen, um der unglcklichen
Familie Hilfe zu bringen. Aber ihr Vater legte ein energisches _Veto_
ein.

Wir werden das selbst besorgen, sagte er zu mir gewendet, in jene
Quartiere darf Deine Braut keinen Fu setzen. Elly soll Kleider und
Lebensmittel in einen Korb packen; ich lasse inzwischen einspannen. Du
aber gehst mit dieser Karte zur nchsten Polizeiwache und bittest um
ausreichende Bedeckung.

Um Bedeckung -- --? frug ich erstaunt.

Selbstverstndlich, erwiderte er etwas ungeduldig, in jenen
Stadttheil begiebt man sich nur unter Polizeischutz.

Eine halbe Stunde spter setzte sich unsere Expedition in Bewegung. Im
Wagen uns gegenber hatten zwei Wachleute, auf dem Bocke neben dem
Kutscher ein bis an die Zhne bewaffneter Dritter Platz genommen. Zwei
andere Polizisten trabten hoch zu Ro auf beiden Seiten des Wagens. Wir
selbst waren mit scharfgeladenen Revolvern versehen. So ausgerstet
verlieen wir das elegante Stadtviertel und drangen in eine Gegend vor,
welche den grellsten Contrast zu ersterem bildete. Vorher hatten wir die
doppelte Postenkette eines Infanterie-Regimentes zu passiren, welche den
Zugang zu diesem Quartiere absperrte. Je weiter wir fuhren, desto
unheimlicher wurde unsere Umgebung. In den von hohen rugeschwrzten
Husern eingefaten Straen schien eine ewige Dmmerung zu herrschen.
Unbeschreibbare Dnste erfllten die dicke nebelfeuchte Luft; berall,
wohin auch das Auge traf, grinsten ihm die unzweideutigen Spuren
tiefsten Elends und entsetzlicher Verkommenheit entgegen. Die Gassen
waren fast menschenleer, nur hier und da zeigte sich an den mit Papier
verklebten Scheiben ein bleiches Gesicht, das uns apathisch aus tief
liegenden Augen anstarrte. In einem der elendesten Seitengchen hielten
wir. Ziemlich lange dauerte es, bis wir uns durch eine Flucht von
schmutzigen, dunklen Hfen, Gngen und Stiegen durchgefunden hatten an
den Ort unserer Bestimmung. Was wir da fanden -- kaum vermag ich es zu
schildern. Der Brief, den Elly erhalten, mochte wohl zu lange unterwegs
gewesen sein, denn unsere Hlfe kam zu spt. Am Fensterkreuz des
vollstndig kahlen, eisig kalten Gemachs hing die zu einem Skelett
abgemagerte leblose Gestalt eines, nur mit einigen Lumpen bekleideten
Mannes. Der Unglckliche hatte schon vor mehreren Tagen seinem Leben ein
Ende gemacht; der Krper war bereits in Fulni bergegangen. Niemand
hatte sich die Mhe genommen, ihn abzuschneiden, und fr seine
Bestattung zu sorgen. Das war aber noch nicht das Grlichste! In einem
Winkel kauerte ein Weib und nagte an einem Knochen. Sie hatte uns zuerst
vllig theilnahmslos betrachtet; als ich mich jedoch ihr nherte, schrie
sie auf und breitete die Hnde ber ein irdenes Gef, das neben ihr
stand. Aus ihren Augen blitzte der Wahnsinn. Geht hinaus! Ihr weckt mir
mein Kind auf! kreischte sie. Dann lachte sie wieder: Wollt ihr's
anschauen, wie s es schlft? Sie zog einen schmutzigen Lappen von dem
Gef. Entsetzlich! Da lagen blutige, halbabgenagte Fleischreste! Die
Wahnsinnige zog ein Stck davon heraus und schlug gierig die Zhne
hinein: Mich hungert! Das war das Letzte, was ich hrte, die Sinne
schwanden mir! Als ich wieder zur Besinnung kam, sa ich im Wagen, der
im tollen Lauf ber das Pflaster flog. Ein furchtbares Geheul umtobte
ihn, Schsse krachten, ein Steinhagel prasselte gegen Fenster und
Verdeck der Kutsche, mein Schwiegervater sa an meiner Seite,
todtenbleich, den Revolver in der Hand; mir gegenber, von den
Schutzleuten gehalten, die Wahnsinnige, mit lchelndem Gesicht und
glanzlosen Augen, auf ihren Kleidern noch die Blutreste der
entsetzlichen Mahlzeit. So erreichten wir die Postenkette des Militrs,
das unser Fuhrwerk sofort in die Mitte nahm. Aus der Ferne nur, wie eine
tosende Brandung, schlug dumpfes Schreien und Heulen an mein Ohr.




                              9. Capitel.

      Jagdausflug. -- Die allerjngste Dichterschule. -- Rittergut
      Gro-Wackernitz. -- Pferdeloos und Menschenschicksal. -- Ein
                       feines Souper mit Zubehr.


_6. Februar._ Die Schreckensbilder des gestrigen Tages hatten mir die
Nachtruhe geraubt, sie trieben mich am nchsten Vormittag in's Freie;
der frische Wintermorgen, hoffte ich, werde sie verscheuchen. Ich war
etwa eine halbe Stunde ziellos durch die Straen gestrichen, als ich
pltzlich von einem Officier angeredet wurde.

Morgen, alter Knabe, wie geht's Dir denn?!

Verwundert sah ich auf. Die Stimme kam mir bekannt vor. Richtig, er
war's, mein Schulkamerad und Studiengenosse M. -- und erfreut ber die
Begegnung schttelte ich seine dargebotene Rechte.

Nimm mir's nicht bel, Du siehst ziemlich schlecht aus, begann M.,
indem er sich bei mir einhngte, das Berliner Klima scheint Dir
schlecht zu bekommen.

Ich gab eine ausweichende Antwort; es wre mir nicht mglich gewesen,
meine Erlebnisse jetzt zum Besten zu geben.

Du mut Dich zerstreuen! erwiderte mir M., damit Du die Melancholie
los wirst; weit Du was, komm mit mir; wir sind fnf oder sechs gute
Bekannte fr morgen zu einer Jagd da in der Nhe eingeladen. Heute
Nachmittag fahren wir mit der Anhalter Bahn hinaus, Abends giebt's ein
feines Souper mit Zubehr -- M. lachte sonderbar, als er das sagte --
und morgen in der Frh' geht's auf die Hasen. Komm mit, es wird lustig,
das kann ich Dir sagen!

Der Vorschlag kam mir nicht ungelegen; ich fhlte wirklich, da ich
etwas thun msse, um die Gespenster los zu werden, die mir bei Tag und
Nacht keine Ruhe mehr lieen. Ich nahm also mit Dank die Einladung an
und fand mich pnktlich zur angegebenen Stunde am Bahnhofe ein, wo ich
M. bereits in Gesellschaft einiger Herren traf: junge Banquiersshne,
Grogrundbesitzer und Gardeofficiere, wie ich aus der blichen
Vorstellung entnehmen konnte.

Ich mte lgen, wenn ich behaupten wollte, da die Unterhaltung whrend
der Fahrt besonders geistreich gewesen wre; das Gesprchsthema bildete
hauptschlich ein neues Stck, welches das Repertoire eines der grten
Theater der Residenz zur Zeit beherrschte. Soviel ich aus den
Bemerkungen darber entnehmen konnte, spielte es grtentheils in einem
Bordell und die Vorstellung war Abend fr Abend ausverkauft.

Sein Glanzpunkt war die sog. Nothzuchtsscene im dritten Act, in welcher
die Heldin des Stckes, ein junges, noch unschuldiges Geschpf, von
einem Stammgast des besagten Etablissements auf offener Bhne in
Gegenwart ihrer Mutter entehrt wird. Diese Scene wurde jedesmal wthend
beklatscht. Meine neuen Bekannten fanden es unverzeihlich, da ich schon
fast acht Tage in Berlin war, ohne dieses glanzvolle Product der
allerjngsten deutschen Dichterschule gesehen zu haben.

Nach etwa einstndiger Fahrt stiegen wir an einer kleinen Station aus
und fanden dort mehrere mit prchtigen Pelzen und Decken versehene
Schlitten unser harren, deren feurige Gespanne uns mit Windeseile ber
die weite schneebedeckte Ebene unserem Ziele, dem Rittergute
Gro-Wackernitz, entgegen fhrte. Das palasthnliche, im reichsten
Barokstyl erbaute Herrenhaus ffnete uns bald seine Pforten, und aufs
freundlichste bewillkommnet vom Gutsbesitzer, einer stattlichen
eleganten Erscheinung begab sich zunchst jeder von uns in das ihm zur
Verfgung gestellte Fremdenzimmer, um den Staub der kurzen Reise von
seinen Fen zu schtteln. War die Einrichtung dieser Rume schon das
Raffinirteste an Luxus und Bequemlichkeit, was mir bis dahin vor Augen
gekommen, so wurde dies alles noch bertroffen von dem Speisesalon, in
dem wir uns bald darauf zu einem Imbi zusammenfanden. Das Tageslicht
hatte in diesen Raum keinen Eintritt. Die Wnde ringsum waren nicht mit
Tapeten, sondern mit kunstvoll drapirten Vorhngen verkleidet, die aus
einem sonderbaren Stoff bestanden; unendlich weich und ppig, wie das
Federgewand tropischer Vgel, oder das Pelzkleid unbekannter
Polarthiere, lie dieser Stoff das Haupt, welches sich gegen seine
Falten lehnte, tief in seiner weichlichen Hlle versinken. Das Ganze war
derart arrangirt, da lngs der Zimmerwnde eine Anzahl lauschiger
Nischen und versteckter Winkel gebildet wurde, in denen man ungesehen
auf ppigen Lagersttten aus dem gleichen Stoffe sich ausstrecken
konnte. Das Ganze schwamm in einem Meere blulich weien electrischen
Lichtes. Als ich neugierig eine der halb zurckgezogenen Gardinen
lftete, sagte M., der just neben mir stand, schmunzelnd:

Jetzt ist noch nichts darin, lieber Freund, aber spter, spter -- er
schnalzte mit den Lippen und lachte laut auf, als er meinen fragenden
Blicken begegnete. Der Aufenthalt in dem wollstigen, mit
eigenthmlichem Parfm erfllten Gemache behagte mir nicht sonderlich.
Ich nahm ein Glas des schweren, von tadellos befrackten Dienern
credenzten Weines, einige Bissen des in groen Cristallschalen vor uns
stehenden Gebcks und trachtete, Kopfweh vorschtzend, ins Freie zu
gelangen. Fast gierig sog ich, ber die Stufen der Freitreppe
hinabsteigend, die belebende Luft des Wintertages ein. Leichte Schatten
der Dmmerung begannen sich schon ber die schneebedeckten Bume des
herrschaftlichen Parkes zu legen. Ziellos schritt ich dahin und gelangte
nach einigen Minuten vor ein groes, abseits stehendes Gebude, dem eine
von korinthischen Sulen eingefate Vorhalle fast den Charakter eines
Tempels verlieh.

Neugierig trat ich durch die weitgeffnete Pforte und sah mich zu meinem
Erstaunen im Innern eines -- Pferdestalles. Das trbe Licht des
Winternachmittags fiel von oben durch groe, matt geschliffene
Glasscheiben ein, aber einige Augenblicke nach meinem Eintritte
schlossen sich pltzlich diese Oeffnungen durch Jalousien, welche
geruschlos, von unsichtbaren Krften bewegt, sich darber hinschoben
und statt des fahlen Dmmerlichtes flammten hundert Glhlichter an Decke
und Wnden auf. An fnfzig edle Thiere, lauter Exemplare reinster
Rassen, erblickte ich in den, aus Marmor und dunkelgebeiztem Eichenholz
zusammengefgten Stnden, die, jeder ein Meisterwerk der
Kleinarchitektur, sich zu beiden Seiten des breiten, mit bunten
Mosaikplatten belegten Ganges hinzogen. Kein Stubchen Unrath beleidigte
das Auge bei der Wanderung durch diesen, von behaglicher Wrme erfllten
Pferdepalast und eine vorzglich functionirende Ventilation sorgte fr
Entfernung des sonst so penetranten Stallgeruches.

Ein Heer von Bediensteten war unausgesetzt um die schlanken, prachtvoll
gebauten Thiere beschftigt; hier ergo sich, auf den Druck an einem
electrischen Taster, eine Flle goldgelben Hafers in die Marmorkrippen,
dort bemhten sich zahlreiche Hnde um die Reinhaltung der Stnde und
Gnge, und an anderen Orten frottirten Diener mit in Rothwein getauchten
Tchern Schenkel und Hufe ihrer edlen Pfleglinge.

Nachdem ich mir Alles genugsam betrachtet hatte, setzte ich meinen
Spaziergang durch den Park fort und gelangte mit zunehmender Dmmerung,
aus einem Gitterthor tretend, auf einen breiten, tief ausgefahrenen
Feldweg, an dessen Saume rechts und links sich eine Anzahl niederer
Gebude erhob, die weit eher, als das soeben geschilderte, auf den Namen
eines Stalles Anspruch machen durften.

Unter den fast bis zur Erde reichenden Strohdchern waren hie und da
kleine Fenster, kaum grer als ein Quadratschuh, angebracht. Aus einem
derselben leuchtete ein matter Lichtschein und mir war, als ob ein
leises Wimmern an mein Ohr drnge. Ich trat nher heran und bemhte
mich, durch das Fenster das Innere zu ersphen. Es war aber vergeblich,
die winzigen Scheiben waren mit einer dicken Eiskruste berzogen, welche
jeden Einblick verwehrte. So entschlo ich mich denn, den abgerissenen
klglichen Lauten, welche sich jetzt deutlich vernehmen lieen,
nachzugehen und gelangte, wenige Stufen abwrts schreitend, durch eine
niedrige Thr in einen finsteren Vorflur, in welchem ein feuchter,
modriger Duft mir entgegenquoll. Aus einer Ritze schimmerte Licht und im
nchsten Augenblicke stand ich in dem Gemache, aus dem sich jene
sthnenden Laute hatten vernehmen lassen. Es war von einer eisigkalten
belriechenden Luft erfllt. Die ganze Einrichtung bestand in einem
Haufen Stroh und Lumpen, der in einem Winkel des von Schmutz starrenden
Estrichs lag. Auf diesem Lager krmmte sich in Fieberschauern eine
menschliche Gestalt, ein alter Mann mit wirrem Haar und Bart. Vor ihm,
beim Scheine einer Stalllaterne, kniete ein vielleicht siebenjhriges
Mdchen, nur mit einem zerlumpten Hemd und kurzem Rckchen bekleidet,
zitternd vor Frost, mit blauen, aufgedunsenen Lippen und Wangen. Das
Kind fuhr bei meinem Eintritt empor und streckte mir flehend die
furchtbar abgemagerten Aermchen entgegen: Grovater stirbt! schluchzte
sie, oh, wie ich mich frchte!

Bist Du denn ganz allein? frug ich. Ist denn gar Niemand in der Nhe,
der helfen knnte? Sie schttelte den Kopf.

Sie sind alle bei der Arbeit, weit fort von hier, stundenweit. Sie
kommen erst spt in der Nacht heim, und in aller Frhe gehen sie
wieder!

Und Du bleibst allein bei dem Kranken?

Ganz allein.

Sie sagte das mit einer solchen Trostlosigkeit in Ton und Geberde, da
es mir tief ins Herz schnitt.

Habt ihr keinen Arzt? frug ich weiter.

Arzt? Nein, _der_ kommt nicht zu uns. Vor drei Tagen war der Thierarzt
hier, der drben die kranke Stute behandelt, aber er ging gleich wieder
fort und sagte, da knne er nicht mehr helfen!

Sie schauerte zusammen vor Frost.

Es ist so kalt hier und mich hungert so!

Sie wies mit dem Finger auf den Fuboden, da lagen in einer Ecke einige
geschlte, kalte Kartoffeln.

Das lassen mir die Eltern hier, wenn sie in der Frhe zur Arbeit gehen,
aber der Herr giebt uns kein Holz, um Feuer zu machen, und so mssen
wir's kalt essen.

Sonst hast Du nichts fr Dich und den Kranken?

Sie blickte verwundert auf, dann schttelte sie wieder den Kopf.

Wir essen nie etwas anderes!

Ich hatte genug gehrt.

Ich komme gleich wieder! rief ich und eilte zur Thr hinaus. Im
Laufschritt durcheilte ich die Wegstrecke bis zum Herrenhaus, athemlos
kam ich dort an. Es gelang mir, einen Diener aufzufinden und ihn durch
ein gutes Trinkgeld meinem Wunsche geneigt zu machen.

Eine Viertelstunde spter standen er und ich wieder vor der Htte,
beladen mit Holz, warmen Decken, Kleidern und Nahrungsmitteln aller Art.

Bald verbreitete ein lustig flackerndes Feuer behagliche Wrme in dem
den Gemach, eine Schssel dampfender Suppe stand bereit und -- aber was
soll ich noch weiter sagen? So gut als es mglich war, wurde fr den
Augenblick geholfen, aber das frohe Gefhl, das aus diesem Grunde mich
erfllte, wich einer unaussprechlichen Bitterkeit, als ich auf dem
Rckwege zum Schlosse an dem -- Pferdestalle vorbeikam, aus dessen
geffneten Thren ein Strom elektrischen Lichtes hervorquoll.

Bis in's tiefste Herz erfllt von dem Eindrucke des soeben Erlebten,
beachtete ich es wenig, als mir bei meiner Rckkehr ein Diener meldete,
da ich bereits den grten Theil des Soupers versumt habe. Am liebsten
wrde ich mein Mahl jetzt allein verzehrt haben, aber das ging doch
nicht an, und so begab ich mich zunchst auf mein Zimmer, um ein wenig
Toilette zu machen. Kaum war ich dort eingetreten, als ein Lutewerk an
dem in einer Ecke angebrachten Fernsprechapparat mir zu verstehen gab,
da mich Jemand zu sprechen wnsche. Ich trat an's Telephon. Es war
Elly's Vater, dessen Stimme mich von Berlin aus anrief: Komm so schnell
als mglich zurck; ich habe sehr Wichtiges mit Dir zu besprechen.
Schlu! Das war Alles. Ich wollte fragen, was das zu bedeuten habe,
aber ich erhielt keine Antwort mehr. Eine heftige Unruhe begann sich
meiner zu bemchtigen. Was konnte geschehen sein. War vielleicht Elly
erkrankt oder verunglckt?

Ich schellte dem Diener.

Wann kommt der nchste Zug nach Berlin in die Station?

In einer guten Stunde, gndiger Herr.

Dann bitte ich, mir sogleich einen Schlitten einspannen zu lassen. Ich
mu unverzglich abreisen!

Aber das Souper, gndiger Herr!

Ich werde in Berlin soupiren. Nur geschwind, bitte ich, damit ich den
Zug nicht versume.

Der Diener verbeugte sich schweigend und verschwand.

In einigen Minuten war ich zur Abreise gerstet und begab mich in den
Speisesalon, um mich von der Gesellschaft zu verabschieden.

Als ich die Thre ffnete, bot sich mir ein Anblick dar, der mir das
Blut in die Schlfen jagte.

Das Souper war beendet. Auf Sesseln und Divans dehnten sich, halb
berauscht, die Theilnehmer an diesem Mahle, jeder ein Weib umschlungen
haltend, von denen Einzelne noch mit einem kurzen Hemdchen bekleidet,
Andere aber vollstndig nackt waren.

Ekel und Emprung kmpften in mir angesichts der schamlosen Scenen,
deren Augenzeuge ich sein mute. Die Nischen an den Wnden des Gemaches
erfllten jetzt ihren Zweck.

M. hatte mich erblickt, er war schon vollstndig berauscht.

Zum Teufel, wo treibst Du Dich herum? lallte er, nun mut Du nehmen,
was brig bleibt, geschieht Dir ganz recht, dummer Kerl!

Und mit rohem Griffe dem auf seinem Schooe sitzenden Mdchen die letzte
Hlle abreiend, umschlang er in wilder Gier den nackten, zitternden
Krper. Da, komm' her, darfst meine Kleine auch einmal kssen! --

Ich hatte genug gesehen.

Einige Minuten spter sauste mein Schlitten durch die schweigende
Winternacht der Station zu.




                              10. Capitel.

    Eine verhngnivolle Botschaft. -- Eine Audienz beim Herrn. --
    Die Production wird eingestellt. -- Der Sturm bricht los. -- Des
        Urahnen Hochzeitsreise. -- Das Ende der capitalistischen
                              Wirthschaft.


Zu spter Abendstunde langte ich bei Elly wieder an. Meine Braut kam mir
schon im Vorflur entgegen und eine Centnerlast fiel mir vom Herzen, als
ich sah, da sie gesund und blhend vor mir stand, wie sonst.

Wo ist der Vater, Elly? fragte ich nach der ersten zrtlichen
Begrung. Er hat mich telephonisch zurckberufen!

Er wartet auf Dich in seinem Schreibzimmer, entgegnete Elly. Ich wei
nicht, was vorgefallen ist, aber es mu etwas Schlimmes sein, denn Vater
macht ein furchtbar ernstes Gesicht. Es liegt wie ein Alp auf uns
Allen!

Als ich das angedeutete Gemach betrat, erhob sich mein Schwiegervater
von dem Schreibtisch, an dem er sa und streckte mir die Hand entgegen.
Sein Antlitz war auergewhnlich bla und ernst.

Gut, da Du kommst, sagte er und lud mich ein, Platz zu nehmen. Ich
bedarf Deiner Hlfe, denn es gehen Dinge vor, fr die meine Kraft nicht
ausreicht.

Er holte tief Athem und fuhr nach einer Pause fort:

Heute Nachmittag war ein Geheimsecretr des >Herrn< bei mir.

Des Herrn? frug ich erstaunt. Welchen Herrn meinst Du?

Ah so, Du weit nicht! -- seine Stimme sank unwillkrlich zu einem
Flstern herab und sein Blick schweifte scheu durch's Gemach, als
frchte er, da irgend ein geheimnivoller Dritter unser Gesprch
belauschen knne. Wir Alle nennen ihn nie anders, als nur den >Herrn<.
Die Wenigsten wissen berhaupt seinen Namen. Er ist der oberste Leiter
unserer Gesellschaft, wohl die mchtigste Persnlichkeit auf der Erde.
Sein Reichthum ist unermelich, der Kaiser selbst, im Vergleich mit ihm,
ein armer Schlucker.

Und was will er also von Dir?

Von mir will er eigentlich nichts. Er lt mir nur mittheilen, da die
Gesellschaft morgen mit dem Schlag 12 Uhr die Production einstellen
werde.

Ich fuhr entsetzt empor.

Die Production einstellen? Ist der Mensch wahnsinnig?

Oh, nein! Der Secretr hat mir Alles auseinandergesetzt. Das Ganze ist
nichts, als ein Rechenexempel. Die Production verlohnt sich nicht mehr.
Neunzig Procent der Bevlkerung sind Bettler, Vagabunden, wegen deren es
nicht mehr der Mhe werth ist, das Geschft weiter zu fhren und der
Rest kann, trotz allen Aufwandes, nicht den zehnten Theil von dem
verbrauchen, was unsere Maschinen herstellen.

Aber dann steht das Chaos vor der Thr, eine entsetzliche Umwlzung!

Das wei der >Herr< ganz gut, aber es kmmert ihn nicht. Die
Gesellschaft hat ihr Schflein lngst in's Trockene gebracht. Schon seit
Jahren hat man, ganz im Geheimen, riesige Capitalien aus dem
Geschftsverkehr gezogen und im Ausland sicher untergebracht. Vor ein
paar Wochen hat die Gesellschaft fr die Summe von zehn Milliarden der
spanischen Regierung die Insel Cuba abgekauft. Die Actionre haben sich
dorthin zurckgezogen und werden unter Palmen ein idyllisches Dasein
fhren, whrend hier eine Welt in Trmmer geht!

Ich war sprachlos; der Kopf schwindelte mir.

Aber um Gotteswillen, stie ich endlich hervor, giebt es denn kein
Mittel, um das abzuwenden, um die Catastrophe zu verhten?

Doch, es giebt noch eines! Der Staat mu die Production vorlufig in
die Hand nehmen. Hre, was ich Dir sagen will und weshalb ich Dich rufen
lie. Du mut mit dem Frhzug nach Hamburg fahren. An Bord seines
Privatdampfers findest Du dort den >Herrn<. Biete alle Deine
Beredsamkeit auf, um von ihm zum mindesten acht Tage Aufschub zu
erlangen. In der Zwischenzeit unterhandle ich hier mit der Regierung.
Die Production darf nicht einen Moment stillstehen. Unser aller Existenz
hngt davon ab. Er unterbrach sich einen Moment und fuhr dann, tief
aufseufzend, fort: Oh, wenn wir jetzt Arbeiter htten, wie sie unsere
Vorfahren im neunzehnten Jahrhundert hatten! Dann wre ja Alles gut.
Dann htten wir diese schwerfllige, eingerostete Staatsmaschine gar
nicht nthig, um uns ber Wasser zu halten. Die Snden der letzten
hundert Jahre aber haben alles verdorben. -- -- -- Die wenigen Stunden
der Nacht vergingen mir schlaflos. Die Morgennebel zogen noch ber die
unabsehbare Ebene, als ich schon wieder im Zuge sa und gen Norden
dampfte.

In den ersten Vormittagsstunden war ich in Hamburg, und mein Erstes war
natrlich, zum Hafen zu fahren, wo der Lustdampfer des Herrn vor Anker
lag. Es gelang mir indessen nicht, sogleich bei dem Mchtigen
vorgelassen zu werden. Von entsetzlicher Unruhe gepeinigt, schritt ich
auf dem Quai auf und ab. Ich beobachtete mit Angst, wie der Zeiger
meiner Uhr langsam vorwrts schlich und jede Minute, die er zurcklegte,
steigerte meine Aufregung. Entsetzliche Bilder von Aufruhr und
Zerstrung erfllten meine Phantasie. Tausende zogen an mir vorber,
ihren alltglichen Geschften oder Vergngungen nach, aber Keiner unter
ihnen hatte eine Ahnung von dem drohenden Unheil, das mit jedem
Augenblicke nher kam. Nur ich allein sah es, und sah auch die
dampfenden Schutthaufen an Stelle der glnzenden Palste, die
verstmmelten Leichen auf dem blutberstrmten Pflaster. Entsetzliches
Geheimnis, das auf mir lastete!

Die zehnte Stunde war schon lngst vorber, als ich endlich an Bord des
Dampfers Einla fand. Es war ein kleines, lauschiges Cabinet, in das man
mich fhrte. Die Wnde waren bis zur Brusthhe mit hellfarbigem Holze
getfelt und oberhalb desselben mit violettem Sammt ausgeschlagen. Ein
kostbarer Teppich bedeckte den ganzen Boden, schwere Seidengardinen
verhllten die Eingnge. Auf einem Divan, vor sich ein elegantes
Rauchtischchen, lag ein Herr in schwarzem Salonanzug, einen Fez auf dem
sprlich behaarten Scheitel. Er mochte etwa Mitte der vierziger Jahre
stehen, hatte aber einen eigenthmlichen, milden, abgespannten Zug im
Gesicht, der ihn weit lter erscheinen lie.

Es war der Herr, vor dem ich stand. In diesem Moment fiel mein Blick
auf einen Chronometer, der zu Hupten des Divans hing; er zeigte auf
zehn Minuten vor elf Uhr. Ein Schauer flog ber meinen Krper, als ich
diese Wahrnehmung machte. Wenn es mir im Laufe der nchsten halben
Stunde nicht gelang, den Mchtigen umzustimmen, so war Alles verloren.
Alle Kraft zusammennehmend, begann ich meinen Vortrag.

Der Herr hrte mich schweigend, den Dampf einer Cigarette von sich
blasend, an; nur von Zeit zu Zeit flog ein nervses Zucken ber sein
Antlitz. Ich hatte meine ganze Beredsamkeit aufgeboten und Worte
gefunden, so eindringlich, so herzerschtternd, da sie einen Stein
htten bewegen mssen. Als ich geendet, blieb es einige Augenblicke ganz
still im Gemach; ich glaubte, mein eigenes Herz schlagen zu hren.

Der Herr erhob sich aus seiner liegenden Stellung und stand dicht vor
mir, die eine Hand in der Tasche seines Beinkleides, in der anderen die
Cigarette haltend, von der die schmalen, weien Finger die Asche
nachlssig abstreiften.

Ich bedaure, Ihren Wunsch nicht erfllen zu knnen; es ist Alles wohl
berlegt und vorbereitet. Den Befehl jetzt rckgngig machen, hiee
unseren ganzen Plan vernichten.

Seine Stimme war trocken, klanglos, ohne jede Bewegung.

Kann es in Ihrem Plane liegen, unabsehbares Unheil ber das Vaterland
heraufzubeschwren? frug ich erregt.

Vaterland? Wer Geld hat, braucht kein Vaterland! erwiderte er mit
leichtem Achselzucken.

Aber die Catastrophe wird an den Grenzen Deutschlands nicht Halt
machen. Ganz Europa wird der Brand erfassen, sobald er einmal
ausgebrochen ist und alle Cultur wird in Trmmer gehen.

Das kmmert uns nicht. Bis nach Cuba werden die Flammen nicht schlagen
und brigens, je toller es zugeht, desto besser.

Wie so? Das verstehe ich nicht.

Sie sind ein schlechter Geschftsmann, mein Lieber, wenn Sie das nicht
einsehen, meinte der Herr mit jovialem Lcheln. Nun gut, ich will es
Ihnen erklren, weil wir noch etwas Zeit haben, ehe mein Dampfer
abfhrt. In der bisherigen Weise lt sich die Production nicht mehr
fortfhren; wir verdienen nichts mehr dabei und sind keinen Augenblick
vor einer Catastrophe sicher. Wir mssen einmal _tabula rasa_ machen mit
dem groen Heere berzhliger Menschen, um dann mit frischen Krften
wieder anzufangen. Also stellen wir den Betrieb freiwillig ein, und
warten in sicherer Entfernung ab, bis sich die Wogen wieder beruhigt
haben. Wenn der richtige Moment gekommen ist, erscheinen wir wieder auf
der Bildflche und man wird uns als Retter der Gesellschaft freudig
aufnehmen. Verstehen Sie nun, weshalb es nicht in unserem Interesse
liegen kann, den Betrieb in die Hnde des Staates bergehen zu lassen?
Sollen wir uns selbst das Geschft fr alle Zukunft verderben? Nein, wir
wissen recht wohl, da die Regierung mit ihrem zusammengeschmolzenen
Heere, in dem sich ohnehin schon viel unsichere Elemente befinden, der
Bewegung nicht Herr werden wird, die sie ganz unvorbereitet trifft. Aber
gerade das wollen wir. Es mu Alles zu Grunde gehen, damit wir von Neuem
Geschfte machen knnen.

Ich stand wie erstarrt und war keines Wortes fhig. Erst nach lngerer
Pause vermochte ich mich soweit zu sammeln, um ihn an die unzhligen
Menschenleben zu erinnern, die diesem Geschftskniff zum Opfer fallen
wrden.

Er zuckte die Achseln und zndete sich eine frische Cigarette an. Das
ist schlimm fr die, welche es trifft, aber im Geschftsleben darf man
nicht sentimental sein. Uebrigens ist es immer besser, die Leute ben
ihr Leben schnell ein, als da sie verhungern.

Er sah auf die Uhr. Der Zeiger wies auf 20 Minuten nach 11 Uhr.

Wenn Sie den nchsten Zug nach Berlin erreichen wollen, mssen Sie sich
sputen. Auch fhrt mein Schiff Punkt 12 Uhr ab und es giebt fr mich
noch vorher einige Geschfte zu erledigen.

Er geleitete mich in verbindlichster Weise bis zur Thr. Meine Mission
war zu Ende.

Unfhig, einen klaren Gedanken zu fassen, suchte ich auf schnellstem
Wege den Bahnhof zu erreichen. Als ich die Freitreppe zur Bahnhofshalle
emporstieg, erklang die Mittagsstunde von den Thrmen Hamburgs.

In diesem Augenblick, das wute ich, flog auf dem Telegraphendraht der
gleiche verhngnivolle Befehl durch das ganze Reich von Stadt zu Stadt,
von Fabrik zu Fabrik und Millionen arbeitsgewohnter Hnde begannen in
diesem Augenblick fr immer zu feiern. Wie lange konnte es dauern und
diese Hnde griffen zur Mordwaffe, zum Feuerbrand?

Mit Windeseile trug mich der Zug durch die Winterlandschaft der
Hauptstadt zu. Meine Mitpassagiere plauderten ahnungslos mit einander,
nur ich sa, mit einem Herzen, das sich angstvoll zusammenkrampfte, in
meiner Ecke und wagte kaum, den Anderen in's Gesicht zu sehen.

Ohne Zwischenfall kamen wir bis in die Nhe der Hauptstadt. Auf freiem
Felde hielt pltzlich der Zug. Es entstand ein hastiges, angstvolles
Hin- und Herlaufen, die Passagiere begannen unruhig zu werden. Einzelne
ffneten die Waggonthren und stiegen hinab, um die Ursache des
unerwarteten Aufenthalts zu erfragen. Unbestimmte Gerchte wurden laut.
Arbeiterunruhen seien wieder einmal in Berlin ausgebrochen, hie es,
aber das Militr werde der Bewegung in Krze Herr werden.

Nach einer Viertelstunde etwa fuhren wir in langsamem Tempo weiter. Den
Bahnhof fanden wir von einem Fsilierbataillon besetzt; in voller
Feldausrstung campirten die Mannschaften lngs des Perrons und in der
Vorhalle. Ich eilte auf die Strae. Alles war menschenleer. Kein Wagen
weit und breit. So schnell ich es vermochte, eilte ich dem Hause meiner
Schwiegereltern zu. An einer Straenkreuzung mute ich Halt machen. In
scharfem Trabe kam die Gardeartillerie vorbergesaust, dahinter im
Laufschritt Bataillon auf Bataillon, die Kerntruppen der deutschen
Armee. Ohne mich umzusehen rannte ich weiter. Als ich bei Elly anlangte,
fand ich die ganze Familie schon in hchster Aufregung, Vorbereitungen
zur Flucht treffend.

Und morgen soll Elly's Trauung sein! klagte die Mutter meiner Braut.
Ihr armen Kinder, Ihr habt eine traurige Hochzeit.

Was morgen sein wird, kann Niemand sagen, entgegnete mein
Schwiegervater. Ich habe mir schon berlegt, was geschehen mu. Ihr
mt sofort getraut werden; der Geistliche wird in einigen Minuten hier
sein, unterdessen packt Ihr das Nothwendigste ein und sobald die
Ceremonie vorber ist, fahrt Ihr zum Bahnhof.

Nein, Mutter, Vater, ich lasse Euch nicht allein zurck hier in dieser
schrecklichen Zeit, rief Elly. Ihr mt mit uns fliehen!

Das geht nicht so schnell, Elly, entgegnete der alte Herr; es ist ja
auch augenblicklich noch keine Gefahr. Noch immer ist Hoffnung, da die
Truppen den Aufstand niederschlagen. Sollte dies aber bis morgen nicht
der Fall sein, so folgen wir Euch nach. In Euerem stillen Thringen wird
man ja wohl noch einen sicheren Zufluchtsort finden.

Bei diesen Worten -- ich wei nicht, wie es kam -- fielen mir pltzlich
die finsteren Gesichter, die abgezehrten Gestalten der Arbeiter ein, mit
denen ich in Weimar tglich zu thun hatte, und mit _einem_ Male wurde
mir klar, welch' furchtbarer Zndstoff auch dort aufgehuft war.

Der Geistliche kam; in Reisekleidern wurden wir getraut; fernes
Gewehrfeuer, einzelne Kanonenschsse und das unaufhrliche Drhnen der
Sturmglocken begleitete die Ceremonie. Die feierliche Handlung war kaum
vollendet, als von der verdeten Strae herauf lautes Stimmengewirr und
der schwere Tritt einer groen Menschenmenge zu uns empordrang. Ich
eilte an's Fenster. In ganzer Straenbreite wlzte sich, der inneren
Stadt zu, ein ungeheuerer Knuel bewaffneter Mnner und Weiber.

In der Masse, die nach Tausenden zhlte, blitzte hie und da eine
Pickelhaube, ein Bayonnet auf. Einzelne Soldaten marschirten inmitten
der Aufstndischen; schlielich kam, umringt von der tosenden Menge, ein
ganzes Bataillon, Trommler und Pfeifer an der Spitze, daher marschirt.

Als ich aufsah, blickte ich in das Antlitz meines Schwiegervaters. Es
war todtenbleich.

Es sind die Arbeiter von Spandau und Charlottenburg, sagte er mit
tonloser Stimme, die Garnison geht mit ihnen.

Wir nahmen Abschied von den Eltern und ahnten nicht, da es ein Abschied
fr immer war. Ich habe die Beiden nie wiedergesehen und nie erfahren,
was ihr Schicksal gewesen. Auf einer Hintertreppe, durch den Hofraum,
gelangten wir an einen Seitenausgang des groen Gebudes, der in einer
stillen Sackgasse gelegen. Hier erwartete uns der Wagen, der uns zum
Bahnhof fhrte. Von dem zahlreichen Dienstpersonal lie sich Niemand
blicken; wir trugen unser Gepck selbst zum Wagen hinab. Ich war fast
erstaunt, als ich sah, da der Kutscher noch wie sonst seinen Dienst
versah, und wie sonst, den Hut in der Hand, uns den Schlag ffnete.
Durch menschenleere Straen, wo alle Schaufenster geschlossen waren,
fuhren wir zum Bahnhof. Es war alles still und dster, wie auf einem
Friedhofe. Elly lehnte an meiner Schulter und weinte still fr sich hin.
Mein Gott, wie ganz anders hatte ich mir diesen Tag vorgestellt!

Am Bahnhof fanden wir ein Treiben, fr das mir die Worte fehlen.

Die riesige Halle war in allen ihren Theilen mit Flchtenden
vollgestopft. Ein wahnsinniger Tumult herrschte; es war, als sei man mit
einem Male in ein Tollhaus gerathen. In Intervallen von zehn Minuten
verlie Zug auf Zug die Halle.

Sobald eine neue Wagenreihe bereit stand, strzte sich die Menge darauf;
im Nu waren die Coup's gefllt, die Dcher erklettert; auf den
Trittbrettern stand, wer sonst keinen Platz fand; um jeden Fu breit
wurde mit wahnsinnigem Ingrimm gekmpft, Weiber und Kinder zu Boden
getreten, oder unter die Rder geschleudert. Wenn der Zug die Halle
verlassen hatte, lagen da und dort zuckende Leichname auf den Schienen,
und der Todesschrei der Verstmmelten, um die sich kein Mensch mehr
kmmerte, gellte in das allgemeine Toben.

Wir standen in einen Winkel gepret, uns fest umschlungen haltend. Ich
dachte an den Tod.

Von Zeit zu Zeit drang irgend eine neue Schreckenskunde in die
verzweifelnde Menge und fachte die Todesangst immer von Neuem wieder an.
Nur einiges vermochte ich aus abgerissenen Worten zusammenzufassen.
Offenbar machte der Aufstand rapide Fortschritte; ein groer Theil der
Truppen war offen zu den Insurgenten bergegangen; der Rest kmpfte
matt, widerwillig, ganze Regimenter weigerten sich zu schieen, und
sahen, Gewehr bei Fu, gleichgltig der allgemeinen Zerstrung zu.

Als eines der ersten Opfer des Aufstandes war der Herr gefallen. Im
Moment, als sein Schiff die Anker lichten wollte, zeigte es sich, da an
der Maschine etwas in Unordnung gerathen sei. Noch ehe der Schaden gut
gemacht werden konnte, strmten schon die ersten Arbeiterschaaren aus
den geschlossenen Fabriken daher und strzten sich wie Hynen auf ihre
Beute. Ein wthender Kampf entspann sich, in welchem der Herr und die
ganze Mannschaft seines Schiffes ihren Untergang fand.

Der Abend war bereits hereingebrochen, als es mir endlich gelang, Elly
in ein Coup zu schieben, in dem sich schon zwlf Menschen befanden. Ich
selbst blieb auf dem Trittbrett stehen. So fuhren wir in die Nacht
hinaus. In meinen Trumen hatte ich mir meine Hochzeitsreise anders
vorgestellt. Stunde auf Stunde verrann; meine Finger, welche sich an den
metallnen Handgriff klammerten, drohten, erstarrt von der eisigen
Zugluft, zu erlahmen. So schnell wir aber auch dahinfuhren, die
Revolution schien mit uns gleichen Schritt zu halten. Mehr als einmal
sahen wir weit drauen in der endlosen Ebene die Feuersulen brennender
Fabriksgebude aufflammen.

Jeden Augenblick frchtete ich, da unsere Reise ein gewaltsames Ende
finden werde. Eine Zerstrung der Bahnlinie durch ein Streifcorps der
Aufstndischen lag ja im Bereiche der Mglichkeit. Wir erreichten
indessen unangefochten Wittenberg, wo eine grere Zahl Flchtlinge den
Zug verlie; es wurde mir dadurch ermglicht, meinen sehr unangenehmen
Standpunkt mit einem Sitz an Elly's Seite vertauschen zu knnen,
woselbst ich verblieb, bis wir in den ersten Morgenstunden Weimar
erreichten. Hier herrschte noch volle Ruhe und nichts Auergewhnliches
schien sich ereignet zu haben. Wir konnten ungehindert unsere Wohnung
aufsuchen und zum ersten Male aufathmen nach der Todesangst der letzten
schrecklichen Stunden. Elly jammerte um die Eltern und machte sich
selbst die bittersten Vorwrfe, Berlin ohne die Ihrigen verlassen zu
haben. Nur schwer gelang es mir, meine junge Frau zu beruhigen, glaubte
ich doch selbst nicht an die Trostesworte, von denen mir jedes wie eine
Lge vorkam. Die Nachrichten des nchsten Tages besttigten meine
schlimmsten Erwartungen. Die groe Volkserzieherin, die
Socialdemokratie, hatte man vor hundert Jahren zertreten und zermalmt,
aber die wirthschaftliche Entwicklung war nicht in andere Bahnen gelenkt
worden.

Ruhig, mit unfehlbarer Sicherheit, hatte sich das Ende vorbereitet.

Die kurzsichtige Menschheit war selbst schuld daran, da es nicht
zugleich der Anfang einer neuen, vernunftgemen Weltordnung werden
konnte. In unbegreiflicher Verblendung hatte man die kraftvollen Triebe
einer sich mchtig emporringenden Neugestaltung vernichtet. Das einzige
Mittel, die altersschwache Gesellschaft neu zu verjngen, existirte
nicht mehr. _Die Gesellschaft hatte den Ast, auf dem sie sa, selbst
abgesgt._ So konnte es also nicht anders kommen, als es thatschlich
gekommen ist. Eine gebildete, politisch und wirthschaftlich reife
Arbeiterschaft hatte man nicht gewollt; nun mute man fertig zu werden
suchen mit dem, was die Gesellschaft selbst aus den Arbeitern gemacht
hatte: eine ungeheure Masse gnzlich verwilderter, physisch und geistig
auf tiefster Stufe stehender Menschen, die, zur Herrschaft gelangt,
nichts Neues zu schaffen, sondern nur noch zu zerstren wuten. Und
diese Zerstrung besorgten sie grndlich! Berlin war in Flammen
aufgegangen, in einen Trmmerhaufen verwandelt worden. Von dort aus
pflanzte sich der Aufstand ber das ganze Reich, ber alle
capitalistisch organisirten Staaten fort. Zwei Tage nach unserer Ankunft
in Weimar befanden wir uns wieder auf der Flucht. Die Flammen brennender
und ausgeplnderter Stdte beleuchteten unseren Weg, wenn wir zur
Nachtzeit auf Seitenpfaden durch die Berge wanderten. Ueberall, wohin
wir auch kamen, wo wir auch zu rasten versuchten, fanden wir dasselbe.
Von jedem Orte verjagte uns wieder die immer weiter um sich greifende
Bewegung. Unbeschreibbar sind die Schreckensscenen, die wir erlebten und
wie ein Wunder erscheint es mir, da wir all' diesen Gefahren entrannen.

Der stolze Bau des deutschen Reiches sank vor unseren Augen in Trmmer
und nach langen Irrfahrten fanden wir endlich an den Ufern dieses Sees,
wo es nichts mehr zu zerstren gab, eine Zufluchtssttte. Mchte eine
nachfolgende Generation, wenn ihr diese Aufzeichnungen zu Gesichte
kommen, die furchtbare Lehre beherzigen, welche sie verknden und mchte
einst diesem, durch die Unvernunft der Menschen zu Grunde gerichteten
Erdtheil eine neue, schnere Zukunft erblhen.

Erschttert, lautlos saen die Drei da, als Waltraut geendet hatte. Vor
Kurt's geistigem Auge zog das Schreckensbild einer zusammenbrechenden
Culturepoche vorber -- dann aber sprang er auf:

Die schnere Zukunft ist nahe, weit nher, als ihr glaubt! rief er
lebhaft. Die socialen Ideen sind nicht untergegangen; hier in Europa
haben die Snden des Capitalismus sie wohl mit allem Uebrigen
vernichtet, aber in Afrika drben leben sie noch und haben die
herrlichsten Frchte gezeitigt. Wir wissen dort nichts von Reichthum und
Armuth, nichts von Standesunterschieden; bei uns geniet Jeder, was
seine Arbeit schafft, und Niemand kann ihm die Frchte seines Fleies
durch Gewalt oder List entwinden. Von Afrika wird neues Licht ber
diesen dunklen Erdtheil ausstrmen und ihn der Cultur wiederum
zurckgeben!

Er hatte mit Feuer gesprochen und unwillkrlich das Buch, welches so
werthvolle Aufschlsse enthielt, zu sich herangezogen. Da fielen seine
Blicke auf jene Stelle, wo Waltraut's Urahn mit fester Hand seinen
Namenszug unter die Schrift gesetzt hatte, und wie electrisirt fuhr er
auf.

Dieser Name, Waltraut, der hier steht, ist ja auch der meine. Oh, jetzt
gehen mir erst die Augen auf. Auch die Stadt, in der dieser Mann lebte,
ist ja die nmliche, wo sich meine Vorfahren aufhielten. Kannst Du's
glauben, Waltraut, wir sind von gleichem Stamme? Und mit komischer
Wrde sich verneigend, sprach er: Waltraut, ich habe die Ehre, mich Dir
als Vetter aus Afrika vorzustellen. Waltraut lachte herzlich und
duldete ohne Widerrede, da der neugefundene Verwandte ihr galant die
Hand kte. Auch der alte Gnther lchelte vergngt ob der unerwarteten
Entdeckung. Der ernste Eindruck, den die Aufzeichnungen des Urahn
hinterlassen hatten, wich einer behaglicheren Stimmung und noch lange
saen die Drei plaudernd zusammen, sich des seltsamen Zufalls freuend,
der sie auf so wunderbare Weise zusammengefhrt hatte.

Seit jenem Abend war wieder eine geraume Zeit in's Land gezogen. Der
Frhlingswind hatte schon lngst die Eisdecke des Sees gesprengt und die
uralten Buchen am Seestrande bedeckten sich mit zartem Grn. Auch in den
Herzen der beiden jungen Leute war der Frhling eingezogen, und als die
ersten Schwalben die Htte zwitschernd umkreisten, legte Vater Gnther
die Hnde der Liebenden zum ewigen Bunde in einander. Eines Abends, als
Kurt mit seinem jungen Weibe im Nachen ber den See fuhr, gewahrte er
auf einer Waldble ein seltsames Schauspiel.

Eine groe Schaar bewaffneter Mnner nherte sich, aus dem Dickicht
tretend, dem Ufer, Hornsignale ertnten und eine Fahne flatterte in der
Luft.

Im ersten Moment hatte Kurt erschrocken die Ruder eingezogen, als aber
sein Ohr die Trompetenrufe vernahm, und sein Blick die Flagge gewahrte,
jauchzte er vor Freuden laut auf und begann aus Leibeskrften auf die
bezeichnete Stelle loszurudern. Er hatte die Farben des Freilandstaates
erkannt; einige Minuten spter standen er und Waltraut am Ufer, umringt
von den Mitgliedern der neuen vom Sden heraufgezogenen Expedition, und
des Fragens und Hndedrckens wollte kein Ende nehmen. Da drngte sich
ein junger, sonnverbrannter Afrikaner durch den Kreis: Alle Wetter,
Kurt, werden die Todten wieder lebendig? rief er, nahm den
Ueberraschten ohne weiteres beim Kopf und kte ihn herzhaft, zwei,
dreimal.

Willy!

Die Freunde umarmten sich lange und innig.

Hast Du am Ende doch ein Bschen gefunden, alter Junge? meinte Willy,
als er Waltraut bemerkte, die verwirrt und scheu im Kreise der fremden
Mnner stand.

Errathen, lieber Freund, lachte Kurt, die aber kann ich Dir nicht
abtreten, die behalte ich fr mich selbst.

Das ist zwar gegen die Verabredung, und ich sollte bse Miene zu Deinem
guten Spiele machen! Na, warte nur, wenigstens werde ich ihr Alles
erzhlen, was wir Beide ausgemacht haben, erwiderte Willy und bot der
jungen Frau treuherzig die Rechte, in die Waltraut herzhaft einschlug.

                   *       *       *       *       *

So manches Jahr ist seitdem verflossen.

Der alte Gnther schlft am Gestade des Victoria-Nyanza schon lngst den
letzten Schlaf; Waltraut aber hat an der Seite ihres Gatten das Heimweh
nach den deutschen Wldern berwunden, und bildet sich ein, die
glcklichste Frau und Mutter von ganz Afrika zu sein.

Auf dem Boden des verwsteten deutschen Reiches und der anderen
europischen Staaten aber erblhen von Jahr zu Jahr immer mehr
Ansiedlungen, die ihre Bewohner aus Afrika erhalten; eine neue
Culturepoche, auf gesunder und vernunftgemer Grundlage in's Werk
gesetzt, beginnt fr das in tiefe Barbarei versunkene Europa. In diesem
neuen Staate, der hier beginnt, wird es weder Reiche, noch Arme, weder
Hoch noch Nieder, weder Deutsche noch Franzosen, sondern nur Menschen,
und zwar glckliche, zufriedene Menschen geben.




                             Der jngste Tag.


   Wenn die Menschheit einer Krisis entgegen geht, richten sich alle
   Blicke mehr denn je in die Zukunft, regt sich mit Macht das
   Bestreben, den Schleier der kommenden Zeit zu lften. Whrend
   Politiker und Gelehrte an der Hand der Thatsachen, die ihnen die
   Jetztzeit liefert, die Gestaltung zuknftiger Verhltnisse zu
   ergrnden suchen, schweift die Phantasie des Dichters noch weit
   ber die ihnen gesteckten Grenzen hinaus in eine nebelhafte
   Ferne, ja bis an's Ende der Tage. Auf diesem Wege hat der
   Verfasser des vor mir liegenden Buches[1] schon den uersten
   Markstein berschritten, der das Gebiet des Realen vom Reiche des
   phantastischen Mrchens abgrenzt. Der jngste Tag, jenes
   Schreckgebilde kirchlichen Uebereifers, das so wenig harmonirt
   mit der milden Lehre Christi, tritt uns hier im verklrenden und
   vershnenden Gewande der Poesie entgegen. Das Ganze mit seiner
   dichterisch schnen Sprache und seinem berwltigenden
   Bilderreichthum ist eigentlich ein Epos in Prosa, ein Stoff, der
   so gebieterisch nach Vers und Reim verlangt, da sich der
   Verfasser diesem Drange selbst nicht entziehen konnte und den
   Schlu deshalb wenigstens in Stabreimen ausklingen lt.

   [Funote 1: _Der jngste Tag_. Von Rud. Heinr. Greinz. Preis 1
   Mark. Erfurt und Leipzig, Bacmeister's Verlag.]

   In der Welt tobte und brauste es von Streit. Es gab keine Bande
   der Achtung mehr und keine Bande der Liebe. Der Sohn wthete
   gegen den Vater, Bruder gegen Bruder. Die Mutterliebe war zu
   einem lngst entschwundenen Mrchen geworden. Ein Mrchen war
   auch der Glaube an Jesus Christus. Nur alte Leute erzhlten sich
   noch, da sie von ihren Voreltern erfahren, es sei die Sage, auf
   einem einsamen Eiland im weiten Weltmeer hausten die letzten
   Christen.

   In diese letzte Christengemeinde wird Helgrimur, der letzte
   Dichter, verschlagen. Drauen in der Welt hatten sie ihn verstoen
   und verhhnt, da er ihnen vom Schnsten und Hehrsten gesungen.
   Sie traten ihn mit Fen und schalten ihn einen Thoren, da er
   sich mit Liedern in ihre Klugheit zu mischen wagte. Da zog er
   denn verzweifelnd fort in's Weite.

   Hirt und Hter der letzten Christengemeinde ist Anakletus, der,
   einem finsteren Wahn verfallen, durch Zauberknste einem
   unerreichbaren Ziele nachstrebt. Die alte Welt will er zertrmmern,
   eine neue schaffen und selbst als Gott ber ihr walten. In diesem
   Wahnwitze bestrkt und untersttzt ihn Ahasver, der ewige Jude,
   der verflucht ward zu wandern, so lange noch zwei Menschen
   glcklich sind auf Erden, so lange noch eine Liebe keimt zwischen
   zwei reinen Herzen.

   Und so sehen wir die gespenstige Erscheinung Ahasver's berall
   auftauchen und hindernd dazwischen treten, wo reines Liebesglck
   emporkeimen mchte. Seine eigene Tochter Siona, die den schnen
   Fremdling liebt, stt der ewige Jude von der Klippe in's Meer
   und erlst sie zugleich, denn der Herr hatte ihr auf ihre Bitte
   gewhrt, ewig mit Ahasver leben zu drfen, bis der eigene Vater
   zum Tode die Hand gegen die Tochter erheben werde. Aber Helgrimur
   und Ismelda, die junge Verwandte des Anakletus, vermag auch
   Ahasver nicht zu trennen. Ein weier Vogel schwebt ber den
   Huptern der Liebenden und folgt ihnen auf ihren Wegen. Das war
   die ewige Liebe, die am jngsten Tage ber das Meer geflogen kam.
   Anakletus gesteht den Aeltesten der Gemeinde seinen Gottesfrevel
   ein und wird an's Kreuz geschlagen.

   Die Kuppel des Domes schwand. Mitten in den fliegenden Wolken,
   umzuckt vom feurigen Schein der Blitze, hing der Gerichtete.
   Immer hher und hher strebte das Kreuz empor. Und immer hher
   wuchs mit ihm der ewige Jude. Zuletzt schienen sie Beide in
   Lften zu schweben.

   Das Volk lag auf den Knieen und wagte es kaum, emporzuschauen;
   denn in unendlicher Hhe schwebte der Gekreuzigte. Und der
   gespenstige Alte hatte sich an's Kreuz geklammert.

   Aus der Hhe aber kam es wie mchtiger Gesang von vielen
   Tausenden ...

      Libera de infernorum
      Poenis carnem fragilem,
      Infimoque peccatorum
      Da aeternam requiem!

   Verschwunden war der Dom. Keine Altre waren mehr zu sehen.
   Weite, graue Nebelmassen dehnten sich allwrts.

   Helgrimur und Ismelda hielten sich umschlungen und standen
   aufrecht unter der knieenden Menge. Sie waren keines Lautes fhig
   und keiner Bewegung.

   Und immer dichter und erstickender wallten die Nebelmassen. Ein
   fahler Schein glitt ber sie hin und schien Gestalten aus ihnen
   zu weben, wie sie nie gewohnt auf Erden ... seltsame Gestalten.
   Und die Gestalten erfllten die ganze Welt mit ihren riesigen
   Leibern. Aus der Hhe ertnten dumpfe Hammerschlge und gaben
   gewaltigen Widerhall durch die Welt.

   Es schrie das Volk. Der Grund der Erde bebte. Durch die Nebel
   leuchteten feurige Zungen. Von ferne brauste es. Es war das
   Weltmeer, das aus seinen Grnden gewichen.

   Und es schien sich zu bilden ein feuriger Arm, der weithin ragte
   durch die Welt. Helgrimur war es, als ob dieser Arm ihm winke.

   Da lste sich ihm die Sprache. Noch einmal drckte der letzte
   Dichter sein Lieb an's Herz.

   >Der _Herr_ sei uns gndig am jngsten Tage!< rief er.

   Und als der jngste Tag vorber und herrliche Wesen in
   berirdischem Schimmer ob dem Wasser schweben, wird Ahasver von
   Neuem verflucht und versinkt lautlos in den Wellen, auf deren
   Grunde er einsam wandern soll mit seiner Qual, damit sein Anblick
   nicht das Glck der reinen, ewigen Wesen stre.

   Einen berraschenden Reichthum an tiefen Gedanken birgt das
   kleine Werk, das den Triumph der reinen ber die sinnliche Liebe,
   ber den den Materialismus der hinsterbenden Welt in einer Weise
   schildert, deren nur ein echter Dichter fhig ist.




                Bacmeister's Verlag in Erfurt und Leipzig.


                                 Bismarck
                                  und der
                            Staats-Socialismus.

                         Darstellung der socialen
              und wirthschaftlichen Gesetzgebung Deutschlands
                                 seit 1870

                                    von
                          William Harbutt Dawson,
          Verf. von Der Socialismus in Deutschland und Ferdinand
                                Lassalle &c.

                       Aus dem Englischen bersetzt
                                    vom
                    Bibliographischen Bureau zu Berlin.

                       Autorisirte deutsche Ausgabe.

                               Preis 2 Mark.

   Zum Verstndni der brennendsten Fragen der Gegenwart ist dieses
   durchaus objektiv gehaltene Werk unbedingt nothwendig. Die Presse
   aller Parteien bezeichnet es einstimmig als eine Arbeit, die nur
   ein Auslnder, der fern vom deutschen Parteigetriebe steht, in
   dieser Klarheit schaffen konnte.


                Bacmeister's Verlag in Erfurt und Leipzig.


                               Tiroler Leut.

                        Berggeschichten und Skizzen

                                    von
                          Rudolf Heinrich Greinz.

                                Preis 1 Mk.

   Es ist eine ganz merkwrdige Welt, in die uns der Verf.
   verpflanzt; kindlich-naive und kindlich-glubige Menschen,
   Naturkinder im vollsten Sinne des Wortes, so abgeschlossen von
   der Kulturwelt wie ihre hohen Berge, kindlich namentlich auch in
   Sachen der Religion. So fremdartig uns auch diese Welt vorkommt,
   so sehr heimelt sie uns doch an durch die Wahrheit und
   Treuherzigkeit der Schilderung. Es sind Erzhlungen theils
   heiteren, theils ernsten Inhalts, lauter trefflich abgerundete,
   lebenswahre und lebenswarme kleine Gemlde, ein Strau frischer
   und duftender Alpenblumen und -Kruter, der Herz und Geist
   erquickt.


                                    Das
                           Abiturienten-Examen.

                            Gymnasial-Humoreske

                                    von
                          Rudolf Heinrich Greinz.

                               Preis 50 Pfg.

   Hier sprudelt voller, frischer Humor, der Alt und Jung gefangen
   nimmt. Greinz ist, wie auch einzelne Erzhlungen der Tiroler
   Leut zeigen, ein Humorist, der sich schnell einen weiten
   Freundeskreis erobert hat. Tiefer Ernst und heiterer Scherz
   stehen ihm zu Gebote, wie sie nur ein begnadeter Dichter haben
   kann.


                       Kultur- und Literatur-Bilder.

                             Herausgegeben von
                   R. H. Greinz. 1. Heft. Preis 80 Pfg.

   Ein tieferes Verstndni unserer Zeit zu erlangen, ist eine
   keineswegs leichte Aufgabe. Ist doch unser fin de sicle eine
   derjenigen Uebergangsepochen der Geschichte, die der Menschheit
   neue Bahnen der Entwickelung anzuweisen bestimmt sind, eine Zeit
   so voll ghrenden Dranges, so voll Keime und Anstze zu neuen
   Zukunftsgestaltungen auf allen Gebieten des Lebens, wie kaum eine
   der bis jetzt verflossenen Geschichtsperioden. Unsere Zeit eilt
   in heftigem Zwiespalt fernen unbekannten Zielen zu, sagt Leopold
   von Ranke von ihr. Es gehrt schon eine grndliche geschichtliche
   und philosophische Bildung dazu, jene fernen unbekannten Ziele
   auch nur in den uersten Umrissen vorausahnen, das Sphinxantlitz
   der Geschichte des nchsten Jahrhunderts auf die hinter ihm
   verborgenen Rthselfragen hin prfen zu wollen. Da ist denn ein
   neues Unternehmen, wie das obengenannte, zeitgem und
   empfehlenswerth, das sich zum Ziele setzt, in bersichtlicher
   Darstellung ein volles Verstndni fr die wichtigsten Strmungen
   und bedeutendsten Erscheinungen des Geisterlebens der
   Kulturvlker unserer Zeit zu erschlieen und zwar in einem Tone, der
   die durstende Volksseele befriedigt, der zugleich gediegen und
   anziehend ist. Das bis jetzt vorliegende erste Heft, das folgende
   Arbeiten enthlt: Zum tieferen Verstndni unserer Zeit von Dr.
   W. Calaminus. Reflexion ber Richard Vo' Die neue Zeit von
   Adolf May. Die Armen und Elenden von R. H. Greinz. Die
   amerikanische Presse von Philipp Berges. Die Hypnose im Roman von
   Dietrich Eckart. Amerikanische Humoristen und Novellisten von M.
   Giovanni. Einblicke in die deutsche Literatur der Gegenwart --
   verdient entschieden Anerkennung fr das Geschick und den Takt,
   mit denen es diesem Ziele nachstrebt. Smmtliche Arbeiten sind
   treffende Bilder wichtiger geistiger Strmungen unserer Zeit. Das
   neue Unternehmen ist auch wegen seiner Form beachtenswerth, denn
   es ist keine Zeitschrift, die regelmig erscheint, sondern als
   eine Bibliothek, eine Art Sammelwerk frei erscheinender und
   einzeln kuflicher Hefte gedacht, um es so allgemeiner zugnglich
   zu machen. Wir empfehlen es allen ernster Denkenden, die den
   rauschenden und brausenden Tagesstrmungen unserer
   vielgestaltigen, lebensvollen Zeit auf den Grund schauen mchten,
   angelegentlich.


                      Bacmeister's Verlag in Erfurt.

                Von Arnold v. d. Passer sind erschienen und
                  durch alle Buchhandlungen zu beziehen:


                                 Gedichte.

                       Mark 1,--. Wagner, Innsbruck.


                              Neue Gedichte.

                     Mk. 1,--. S. Ptzelberger, Meran.


              Herm. v. Gilm, sein Leben und seine Dichtungen.

                      Mk. 2,--. Liebeskind, Leipzig.


                          Ausgewhlte Dichtungen

                            von Herm. v. Gilm,

                      Mk. 3,20. Liebeskind, Leipzig.


                        Volksschauspiele in Tirol.

                           Meran im Jahre 1809.

                  Mk. --,60. Literar. Institut, Mnchen.


                Bacmeister's Verlag in Erfurt und Leipzig.


                                Kultur- und
                             Literatur-Bilder.

                               Herausgegeben
                                    von
                          Rudolf Heinrich Greinz.

                           Heft 1. Preis 80 Pfg.


                                  Inhalt:


                  Zum tieferen Verstndni unserer Zeit.

                           Von Dr. W. Calaminus.


                  Reflexion ber R. Vo' Die neue Zeit.

                              Von Adolf May.


                          Die Armen und Elenden.

                        Von Rudolf Heinrich Greinz.


                         Die amerikanische Presse.

                            Von Philipp Berges.


                           Die Hypnose im Roman.

                           Von Dietrich Eckart.


                 Amerikanische Humoristen und Novellisten.

                             Von M. Giovanni.


            Einblicke in die deutsche Literatur der Gegenwart.

   Die Kultur- und Literaturbilder bilden eine Bibliothek frei
   erscheinender und einzeln kuflicher Hefte, die sich vornehmlich
   dadurch charakterisiren, da sie in bersichtlicher Darstellung
   ein volles Verstndni fr die wichtigsten Strmungen und
   bedeutendsten Erscheinungen des jetzigen Kulturlebens erschlieen
   wollen. -- Allen Ernstdenkenden seien diese gediegenen und
   anziehend geschriebenen Bilder warm empfohlen.


                        Die allgemeine Volksschule

               als Grundbedingung zur endgiltigen Lsung der
                            Schulreform-Frage.

                                    Von
                            H. Schrer, Berlin.

                               Preis 80 Pfg.

   Ein reiches und wohlgeordnetes Material unterrichtet ber eine der
   wichtigsten Fragen der Gegenwart, so da die Ansichten des
   Verfassers in den weitesten Kreisen Verbreitung und Beachtung
   gewinnen.


                Bacmeister's Verlag in Erfurt und Leipzig.


                              Kleine Studien.


            1. Die Behandlung der Tonkunst am Ausgange des 19.
                               Jahrhunderts.

           Thatsachen, Aussprche und Erfahrungen zur Beachtung
                          fr alle Musikfreunde.

                             Von Anton Huber.

                               Preis 50 Pfg.


                             2. Henrik Ibsen.

                               Ein Essay von
                            Dr. Theodor Odinga.

                               Preis 20 Pfg.


                      3. Moderne Wege zum Wohlstand.

                   Skizzen aus dem amerikanischen Leben.

             Von Philipp Berges. 1.-9. gleichlautende Auflage.

                               Preis 50 Pfg.


            4. Die Entdeckung Amerika's durch die Normannen im
                         10. und 11. Jahrhundert.

                    Von H. Rttinger. -- Preis 30 Pfg.


                      5. Volksschauspiele in Bayern.

                              Von Adolf May.

                                3. Auflage.

                               Preis 30 Pfg.




                     Anmerkungen zur Transkription


Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Einige
wenige Fehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 28]:
   ... Ausgang kaum zweifelhaft sein konnte. Nach wenig ...
   ... Ausgang kaum zweifelhaft sein konnte. Nach wenigen ...

   [S. 45]:
   ... Wohl fehlte es nicht an dunklen drohendem Gewlke, ...
   ... Wohl fehlte es nicht an dunklem drohendem Gewlke, ...

   [S. 69]:
   ... Dienste der Gesellschaft stehend, war er erst vor wenig ...
   ... Dienste der Gesellschaft stehend, war er erst vor wenigen ...

   [S. 74]:
   ... jetzt im Besitz einiger Wenigen und zahllose zerstrte ...
   ... jetzt im Besitz einiger Weniger und zahllose zerstrte ...






End of the Project Gutenberg EBook of Mene tekel!, by Arnold von der Passer

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MENE TEKEL! ***

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or entity providing it to you may choose to give you a second
opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.

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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

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limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
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Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
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Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

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    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

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status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
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