The Project Gutenberg EBook of Udo in England, by Marie von Bunsen This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.org/license Title: Udo in England Eine Reiseerzählung Author: Marie von Bunsen Illustrator: Marie von Bunsen Heinrich Hübner Release Date: June 10, 2019 [EBook #59718] Language: German Character set encoding: UTF-8 *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UDO IN ENGLAND *** Produced by the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net #################################################################### Anmerkungen zur Transkription Der vorliegende Text wurde anhand der 1899 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Zitate und Ausdrücke wurden ohne Korrektur übernommen. Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden als deren Umschreibungen (Ae, Oe, Ue) dargestellt. Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet: fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~ #################################################################### [Illustration: Udo in England von Marie von Bunsen Preis 1 Mk. 50. Verlag von Carl Krabbe Stuttgart. ] UDO in ENGLAND von Marie von Bunsen [Illustration] Verlag von Carl Krabbe Stuttgart ~Udo in England.~ Eine Reiseerzählung von Marie von Bunsen. Illustriert von M. von Bunsen und H. Hübner. [Illustration] Stuttgart Verlag von Carl Krabbe. Alle Rechte vorbehalten. Druck der Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei. Umschlag und Illustrationen reproduziert von +A. Schuler+ in Stuttgart. [Illustration: London] I. London, 82 North Audley Street. Liebe Eltern! So wäre ich ja glatt und glücklich angekommen. Während der Ueberfahrt schlief ich, ahne deswegen nicht wie sie ausfiel, als ich aber zu einer verboten frühen Stunde auf Deck kam, machte das Meer einen recht harmlosen Eindruck und wir näherten uns einer schmalen, flachen Küste. Von den erwarteten weißen Kreidefelsen war auch nicht das Geringste zu sehen, sie scheinen um Queenborough herum nicht zu gedeihen, und so entgingen mir alle darauf bezüglichen Gefühle. Dagegen gab es malerische, rothbraun besegelte Fischerboote und sattgrüne Wiesen. Dann erschienen Häuser und Schuppen und Werfte; wir legten an, ein prachtvoller, blonder Seemann in blauem Wams ergriff meine Sachen, und ihm folgend, gelangte ich in einen Wagen des bereitstehenden Londoner Zuges. Er sowohl wie der Schaffner schienen, Gott sei gelobt, mein Englisch auf das Bequemste zu verstehen, und dankbar gedachte ich unserer guten Miß Stevens. All' die Jahre über hatten sie und ich uns so gern und so oft geneckt und gestritten, daß ich doch heute im Stande war, ruhig und fließend Wetter und Ernteaussichten mit einem Reisegefährten zu besprechen. Zu weiterem Gedankenaustausch kam es nicht, dazu waren wir beide wohl noch zu verschlafen, auch interessierte mich die vorüberfliegende Landschaft. Besondere Freude machte mir der bewußte, über Baumwipfeln emporsteigende niedrige Kirchthurm unter dem bewußten weißwolkigen Himmel; von „~Christmascards~“ her kannte ich das Alles so genau. Und dann gefielen mir diese einzeln und gruppenweise herumwuchernden Bäume; sie haben etwas ganz eigenartig Breites und Ueppiges und weich Verschwommenes. Das ganze Land erschien parkartig, und die wohlgepflegten, blumenumrankten „~homes~“ wollten gar nicht aufhören; hier waren es kleine, originelle Backsteinbauten, hier schlichte, weiße Landhäuser mit altmodischem Säulenportal, hier stattliche Schlösser. Einen recht behaglichen, recht ländlichen Eindruck machten die Dörfer und Gehöfte, wogegen die meisten Städtchen neu und nüchtern erschienen und die meisten Bahnhöfe kahlen, mit Annoncen beklebten Schuppen glichen. Dann begannen die Londoner Vororte; saubere, etwas banale Villen, endlose Reihen eintöniger Häuschen, dann Fabriken, ein Meer von schwärzlichen Dächern und Schornsteinen, darauf ein breiter, schimmernder Fluß und in der dunstigen Sonne Schiffe und Thürme und gewaltige Gebäude. Im Bahnhof stand der gute Willy Hoyen mit seinen eingekniffenen Augen und der berühmten, aufgestülpten Nase. Augenscheinlich befürchtete er eine zu demonstrative Begrüßung, streckte mir vorsichtig die Hände entgegen, sprach über sein akut frühes Aufstehen -- es war acht Uhr Morgens -- wurde dann aber gemüthlich und herzlich und ganz der Alte. Er billigte gnädigst, daß ich während meines hiesigen Aufenthalts mich ihm blindlings anvertrauen wollte und versprach, wie ein Vater für mich zu sorgen. Er ist genau sieben Jahre älter als ich, behauptet aber der Erfahrung nach ein Greis zu sein. Auch billigte er meine offenkundige Bewunderung für das fixe, ruhige, höfliche Wesen der Gepäckträger, wie für die respectvolle, wohlwollende Haltung der Schutzleute; diese beiden englischen Menschenclassen wären sein höchstes ethisches Ideal. Unterdessen fuhren wir durch stattliche einsame Squares in ältere Seitenstraßen und hielten vor einem winzigen, etwas zurückgebauten, tiefroth angestrichenen Häuschen. An der Thür stand knicksend eine würdige Matrone in rauschender schwarzer Seide, und ein beängstigend imposanter Herr mit glatt rasirter Oberlippe geruhte höchst eigenhändig meine Koffer heraufzutragen. Eine schmale Treppe führt an alten Kupferstichen vorbei in meine oben gelegenen Zimmerchen, die allerliebst eingerichtet und mit Porcellansächelchen und altmodischen Bildchen geschmückt sind. Unter mir wohnt Willy und unter diesem ein entfernter Vetter, ~the Honourable~ Guy Wootten, bei dessen Eltern unsere Wirthsleute Jahre lang als Kammerfrau und Haushofmeister dienten. Auch jetzt noch rechnen dieselben sich mit zur „Familie“, die Wootten'sche Dynastie beherrscht ihr Gespräch und deren Photographien bedecken die Wände. Sie nehmen nur Junggesellen aus „ihren“ Kreisen, und für Wohnung und ein vorzügliches Frühstück zahlt man angemessene, keineswegs übertriebene Preise. In einer großen englischen Badewanne erfrischte mich das bereitstehende kochheiße Bad -- kalte Bäder, so erklärte mir Willy, wären hier so veraltet wie Croquet oder Schnupftabak. Dann ging es zum Schneider, und dann verließ ich meinen Begleiter vor seiner Botschaft, nachdem er mir mit Segenswünschen Bädeker in die Hände gedrückt. So fuhr ich dann hoch oben auf einem riesigen Omnibus in das Getöse der City hinein, und als ich befriedigt und erschöpft gegen sechs Uhr zurückkam, hatte ich St. Pauls und den Tower und London Bridge und das Mansion House und die Bank of England gesehen. Glaubt aber nur nicht, daß ich Euch hierüber oder über irgend etwas Aehnliches gewissenhafte Beschreibungen zu schicken gedenke, sondern thut mir die Liebe und holt Euch ein halbes Dutzend englischer Reiseberichte und lest hübsch nach. Das ist weit gründlicher, weit zuverlässiger und weit, weit bequemer! Ohnehin war der Tag noch lange nicht aus; etwas vor Acht weckte mich Hoyen's Franz, half mir beim Anziehen und überreichte mir einen dieser allerliebsten Knopflochsträußchen aus Stephanotis und Venushaar, wie die hiesigen Herren sie fast sämmtlich tragen. Dann schlenderten Willy und ich zu Fuß durch hell erleuchtete, von schönen Wagen durchsauste Straßen bis zu einem großen steinernen Portal. Meine Einführung in die Londoner Gesellschaft begann ganz stilvoll beim Marquis of Southerley; Hoyen verkehrt viel bei dessen Schwiegertochter und konnte mir daher leicht diese Einladung erwirken. Gepuderte Diener mit weißseidenen Wadenstrümpfen und hellgrau und gelber Livree erwarteten uns in der steifen, prächtigen Marmorhalle; Gobelins und Ahnenbilder hingen an den Wänden, und schwere, kostbare Tische und Sessel umstanden den Raum. Sehr freundlich empfing mich die Lady, eine stattliche, vornehme Frau mit altmodisch glattem Haar, altmodischem Sammetkleid und einem reichen Smaragdschmuck. Die mit Treibhausblumen geschmückten Zimmer füllten sich allmälig mit würdigen Herrschaften in großer Gala, das einzige junge Mädchen wurde mir zu Theil. Wie sie hieß, ahne ich nicht; sie war groß und schlank und erzählte mir, wie ungeduldig sie das Ende der ~season~ erwarte, um mit Vater und Bruder in ihrer Yacht um die schottische Küste zu segeln. So immer in Wind und Wetter draußen zu sein, ohne Handschuhe herumzulaufen, braun einzubrennen und keine langweiligen Besuche machen zu müssen, sei doch das Schönste in der Welt! Die Gäste um diese mit rosa Orchideen und altem Silber geschmückte Tafel schienen sich gut zu kennen, und Alle sprachen lebhaft, wenn auch mit englisch gedämpfter Stimme. Ziemlich ununterbrochen kannegießerten sowohl Herren wie Damen, und trotzdem die Southerley's zu den alten Whigfamilien gehören, wurde Gladstone's Name nur mit leidenschaftlichster Erbitterung genannt. Wo ich nur hinhörte, schwirrte es von Rosebery und Chamberlain, von Neuwahlen und Versammlungen, doch einmal vernahm ich einen warmen Gedankenaustausch über Canalisation und sonstige sanitäre Fragen und einmal eine begeisterte Schilderung neuer Gladiolen. Das Mittagessen war schnell vorüber, man nahm sehr wenig von den vorzüglich bereiteten Gerichten und genoß nur ganz wenige der ausgesucht guten Weine. Augenscheinlich hatten alle Anwesenden es ziemlich ebenso Tag für Tag zu Hause. Nach dem Dessert erhoben sich die Damen, der alte Southerley öffnete ihnen selber die Thür und stand, mit der Klinke in der Hand, bis die Letzte an ihm vorbeirauschte. Dann rückten die Herren zusammen, tranken ein Gläschen Port, rauchten ein Cigarrettchen und politisirten erst recht darauf los. Begreiflicherweise langweilte mich dieses auf die Dauer, und ich war froh, als wir uns hinauf zu den Damen begaben. Dort ergriff mich die nette Schwiegertochter und zeigte mir die in den großen Räumen herumhängenden Rembrandt's, Veronese's, Sir Joshua Reynold's und andere Herrlichkeiten. Darauf verabschiedete man sich bald, da Alle, auch die Gastgeber, noch mehrere gesellige Pflichten zu erledigen hatten. Hoyen sah nach der Uhr, es war halb Elf. „Zu einem Ball ist es noch zu früh, sollen wir einige Abendempfänge noch mitmachen oder in den Club?“ Ich optirte für das Letztere, und so fuhren wir vor das ernste Gebäude in St. James's-Street, dieser classischen Stätte der historischen Clubs. In den mit anspruchsloser Vornehmheit eingerichteten Räumen befanden sich eine Unmenge Herren im Frack und weißer Binde; tiefernst lasen sie Zeitungen, kritzelten mit affenartiger Geschwindigkeit ihre Briefe oder saßen um die Tische der Spielzimmer. In den Fluren und an der Treppe streckten sich zahllose Jünglinge auf den dunkeln ledernen Divanen und schwatzten und kicherten mit gedämpfter Stimme. Hier und da trank einer ein Täßchen Kaffee, einen Cognac oder Selterswasser, die Meisten, wie auch wir, nahmen nichts. Zum Rauchen gab es getrennte Zimmer, die übrigen Räume waren musterhaft gelüftet. „Ja,“ meinte Hoyen auf meine Bemerkung, „die Engländer vergöttern die Aristokratie, sind aber keineswegs exclusiv und nehmen leicht einen Gentleman, was auch sein Vater gewesen, in ihre Kreise hinüber. Zum Gentleman aber gehört, daß man eine vornehme Schule besucht hat, Abends zum Mittagessen sich in einen Frack wirft, peinlich die Wahrheit spricht, ohne tägliche Bäder umkommt und stickige, verbrauchte Luft wie den Tod verabscheut. Also ein bißchen Nietzschianerthum.“ Hier trafen wir auch mehrere Hoyen'sche Bekannte, welche ebenfalls gesonnen waren, den Levinsohn'schen Ball mit ihrer Gegenwart zu beehren. Augenscheinlich verkehrt ganz London bei diesem ursprünglich deutsch-semitischen Bankiers, auch die königliche Familie, was der nur für solche Gelegenheiten bestimmte, auf die Straße gelegte scharlachrothe Teppichläufer schon von Weitem bekundet. Doch bekam ich weder den Prinzen von Wales noch die Wirthe zu sehen. Um uns drängte sich eine dicht gekeilte Menge, es stauten sich die tadellos angezogenen jungen Herren und die Damen in ihrer blitzenden Diamantenpracht und den schneeweißen Schultern. Im Stimmengeschwirr hörte man von der auf zwölfhundert Pfund geschätzten Blumendecoration schwärmen, Andere jammerten über die „Ananastreibhaushitze“ und Andere wieder erzählten von den fünf berühmtesten Schönheiten Londons, welche die Festlichkeit krönten. Aber unser erneuter, mannhafter Versuch, die mit verschwenderischer Rosenfülle umkränzte Treppe hinauf zu gelangen, schlug fehl, auch das Eßzimmer war undurchdringlich dicht belagert, und so standen wir nach einer halben Stunde wieder auf der Straße. Einige Häuser weiter gab es ebenfalls vorfahrende Wagen, Treppenläufer und dichte Scharen wartender Diener. Einen derselben frug Hoyen nach dem Namen der gesellschaftgebenden Herrschaft, erinnerte sich dunkel, mit einer der Töchter 'mal getanzt zu haben, vermuthete zu diesem Abend eingeladen zu sein, ging mit mir hinein und dann aus der Garderobe schnurstracks in das Eßzimmer. Dort traf er mehrere Bekannte, zu denen wir uns an einen der kleinen Tische setzten und höchst gemüthlich abendbroteten. Darauf machte sich Hoyen noch etwas liebenswürdig und geleitete alte Damen an ihre Wagen; schließlich holten wir unsere Sachen und verließen, ohne unsere Gastgeber auch nur erblickt zu haben, das Haus. Als aber mein Willy hierauf noch einen Stoß Einladungskarten herausholte und mir kaltblütig noch weitere Gesellschaften vorschlug, krümmte sich denn doch selbst der Wurm, und störrisch verlangte ich nach Hause zu gehen. [Illustration: Trafalgar Square u. die Westminster Thürme] Chaotisch confus, schlief ich ein, und ebenso wachte ich heute wieder auf. Sagt mal, ist es unbedingt nothwendig, Onkel Krastenow zu schreiben? Als er mir die hochanständige Donation zur Reise verlieh und mir den zweimonatlichen Urlaub von der Regierung erwirkte, gelobte ich mir, ergriffen und dankerfüllt, ihm recht regelmäßige und ausführliche Briefe zu schicken. Und nun kritzle ich Euch statt dessen zwangloses Zeug, und mir graut vor schön geschriebenen ehrpusseligen Reiseberichten. Darf ich vorschlagen, ihm statt langweiliger Schilderungen später in Naudorf bei einer Cigarre Alles mündlich vorzuerzählen? Kann man das wohl bei einem ergrauten Erbonkel riskiren? In Eile und Liebe Euer Udo. II. London. Noch heute muß ich Euch, liebe Eltern, schreiben, sonst hole ich den Faden in meinem Leben nicht ein. Mein Vormittag verfloß also im British Museum, in der Nationalgalerie und in Westminster Abbey (siehe Bemerkungen im letzten Briefe); dann weihte ich meinen neuen ewiglangen Ueberrock ein, machte mich überhaupt sehr schön und fuhr mit Hoyen nach St. George's Chapel. Hier finden die meisten vornehmen Hochzeiten statt, und hier wurde heute der eben großjährig gewordene älteste Sohn des Eisenbahnkönigs Hughes mit der eleganten, etwa vierundzwanzigjährigen Honourable Mabel Carleton getraut. Die bekannten „~Sacs et Parchemins~“, eine nirgends mehr auffallende, hier in England, wo neugebackener Reichthum sich schnell und gründlich mit der Landesaristokratie verschmilzt, eine besonders beliebte Mischung. Schutzleute hielten die herumstehende Menge zurück, und nur nach Vorzeigung der Einladungskarte gelangte man in die dichtgedrängte Kirche. Ueberall eine entzückende Blumenfülle, riesige weiße Clematis und stark duftende Lilien verdeckten fast die Stickereien und Gefäße des Altars. Dort harrte, blaß, verlegen und unglücklich, der Bräutigam, während neben ihm sein „~best man~“, welcher die Stelle unseres Brautführers vertritt, in höhnischer Ruhe die Versammlung musterte. Ich that dasselbe, nur in bescheidener Bewunderung, denn wie gestern Abend, wie heute im Park erstaunte mich die Schönheit dieser Leute. Zwar hatte ich die unteren Classen bei meinen Wanderungen durch die City so unansehnlich wie andere Großstadtbewohner gefunden, aber unter den Ladenverkäuferinnen, unter den Mädchen und Frauen des kleinen Mittelstandes sah ich eine Menge entzückender Gesichter und schön gewachsener Gestalten, und hier in der „Gesellschaft“ waren diese prachtvollen interessanten Männerköpfe, die vornehmen, älteren Frauengesichter und diese vielen jugendlichen schönen Erscheinungen mit den sensitiven, feingeschnittenen Zügen im höchsten Grade auffallend. Dazu diese kostbaren, seidenknisternden Damenkleider, die vollendete Einfachheit der Herren und nirgends die Spur jenes Aufgeputztseins, welches so manche festliche Gelegenheit bei uns kennzeichnet. [Illustration] Auf einmal schwieg das leise Stimmengesumme, zu den Klängen des Lohengrin'schen Brautmarsches (!) zog feierlich der weißgekleidete Kirchenchor, die Geistlichkeit und der Bischof in vollem Ornat herein. Dann erschien im Spitzenschleier und reichem Diamantschmuck die niedliche, von ihrem Vater geführte Braut. Zwei in rosa Sammet gekleidete Pagen trugen ihre Schleppe, dann folgten paarweis schreitende Brautjungfern, Alle gleich, in irgend etwas Hellgelbem gekleidet und mit Marschallnielrosen in den Händen. Es gab keine Predigt, aber eine feierliche, wenn auch hier und da etwas sehr mittelalterlich deutliche Liturgie. Die Rührung war mäßig, Thränen sind wohl altmodisch; nur einmal, als die Braut mit zitternder Stimme nachsprach, „bis daß der Tod uns scheide,“ wurden einige Matronen sichtlich ergriffen. Zum Schluß wurde, wie bei uns, die junge Frau ziemlich allseitig abgeküßt, und dann begab sich Alles zur Lady Carleton, wo großer Nachmittagsempfang stattfand. Die Braut zerschnitt einen monumentalen, kunstvollen Hochzeitskuchen, man trank herben Sect, aß Treibhauspfirsiche und bewunderte die nach unseren Begriffen unglaublich zahlreichen und kostbaren Hochzeitsgeschenke. Zwei Cousinen erzählten sich, daß „die arme Mabel“ ganz trostlos über ihre achtundzwanzig silbernen Sahnentöpfchen und fünfundvierzig Armbänder sei und berathschlagten, wie man diesen Ueberfluß am zweckmäßigsten verwenden könne. Das eine junge Mädchen war bildhübsch: blond, zart und mit einem süßen, etwas kecken Profil. Auch erwies sie sich ganz gnädig, und ich klettete mich an sie, bis Hoyen mich zur Abfahrt des Paares fortholte. Alle jüngeren Damen und Herren drängten sich bis an den „Square“ herein, die Hausthüre umstanden sämmtliche Brautjungfern -- ein hübsches Bild -- und als die jungen Eheleute vergnügt und strahlend fortfuhren, bewarf man sie mit einem Regen von Reiskörnern und einigen weißen, seidenen Schühchen. [Illustration] Nun verabschiedeten wir uns und gingen durch den schönen, alten St. James's-Park nach dem Parlamentshaus, da Hoyen, Dank vieler Anstrengung, in den beneideten Besitz von Karten zur großen irischen Debatte gelangt war. Vorzeitig erreichten wir die mächtigen, thurmreichen Gebäude, und ehe ich es ahnte, führte mich Hoyen in den vielleicht geschichtsreichsten Raum der Welt, Westminster Hall. Kein Mensch war da, es hallten unsere Schritte, vernehmlich sprachen die Steine und die dunkeln Wände. Wie hypnotisirt starrte ich umher und lauschte dem Spuk. Auch Hoyen schwieg; dann sah er nach der Uhr, und wir gingen hinaus in das Lärmen der Wagen, in das rastlose Gewirr der vorbeiströmenden Menge. Durch gothische Portale und schmale steinerne Gänge gelangten wir auf unsere Plätze in der Galerie. Die Verhandlungen nahmen eben ihren Anfang; herein kam der „Sprecher“ (Vorsitzende) mit weißer, wallender Perücke, schwarzseidenem, schleppendem Mantel, Kniehosen und seidenen Strümpfen; ihm folgten zwei Beamte, ebenfalls in Perücken und Talaren, und dann der Caplan. Am Tisch des Hauses begann dieser die vorgeschriebene Litanei, an seiner Seite stehend las der Sprecher mit geschäftsmäßig lauter Stimme die Responsorien, dann fuhr der Geistliche fort: „Laßt uns beten,“ und wie automatische Holzpuppen drehten sämmtliche Abgeordnete sich um und betrachteten die Wand. Schließlich verbeugten der Caplan und der Sprecher sich tief gegen einander, der Caplan zog mit seinem Gebetbuch ab und der Sprecher setzte sich bequem in seinen hohen geschnitzten Baldachinsessel zurück. Man erledigte einige geschäftliche Mittheilungen, dann wurde die zweite Lesung der irischen Vorlage beantragt, und zusehends füllte sich jeder Sitz-, ja fast jeder Stehplatz dieses verhältnißmäßig kleinen Raums. Den Reigen eröffnete Mac Swiney, ein Nebenbuhler Parnell's, und mit geballter Faust schmetterte er leidenschaftliche Anklagen gegen die Regierung, gegen Balfour (den irischen Staatssecretär) heraus. In immer heftigeres Feuer gerieth der kleine, etwas aufgedunsene Celte, er schäumte vor dem Mund, es zuckten ihm die Glieder. Auf der Ministerbank dehnte sich der lange irische Staatssecretär; sein überkreuzter, sorgfältig beschuhter Fuß war in gleicher Höhe mit dem hintenüber gesunkenen vergeistigten, etwas blasirten Gesicht, sanft waren die Augen geschlossen. Da hörten die schrill geschrienen Perioden auf, und nachdem der frenetische Jubel der Iren verbraust war, erhob sich langsam Balfour's schlanke, noch jugendliche Gestalt. Mit gedämpfter, nachlässiger Stimme bat er um Entschuldigung, wenn er den persönlichen Anklagen des verehrten Mitgliedes für X..... augenblicklich nicht die nöthige Aufmerksamkeit zuwenden sollte. Es wäre manchmal etwas schwer, mit der nöthigen Frische zu reagiren, unwillkürlich stumpfte das Gefühl sich ab. Und aus der Tasche einige Zeitungsabschnitte irischer Localblätter ziehend, verlas er mit milder, matter Stimme einige gegen ihn geschleuderte rabiate Beschuldigungen, die in ihrer unfreiwilligen Komik geradezu zündend wirkten. Dann reckte er sich etwas in die Höhe und widerlegte an der Hand statistischer Zahlen und officieller Berichte die Behauptungen des Vorredners. Unterdessen war Gladstone hereingetreten und saß Balfour gegenüber, weit vorgebeugt, die Hand am Ohr, seinen jungen Nebenbuhler mit den tief auflodernden Augen verschlingend. Dann erhob er sich zum Wort, nur der Tisch des Hauses trennte die Beiden, trennte den gewaltigen Führer vergangener Generationen von dem Führer einer kommenden. Gemessen und würdevoll rollte das reiche Gefüge der glänzenden, tönenden Sätze dahin, den berühmten „goldenen“ Klang seiner Stimme hatten die mehr als achtzig Jahre nicht gedämpft; er ist ein imponirender Greis. Es war eine prachtvolle oratorische Leistung, und ich weiß nicht, weshalb sie mich nicht so hinriß wie die schneidende, geistvolle, jetzt leidenschaftlich bewegte Entgegnung Balfour's. Was nun noch folgte, fiel außerordentlich ab; gern nahmen wir die Einladung eines Abgeordneten an und gelangten durch lange, gothische Gänge in die natürlich ebenfalls gothischen Speiseräume, wo man zwischen acht und neun zu Mittag ißt, während im Sitzungssaal einige redebegierige Lückenbüßer die Stenographen beschäftigen. Da Lord Randolph Churchill, auf den ich mich gespitzt hatte, schließlich doch nicht sprechen wollte, empfahlen wir uns nach Tisch, und wieder kramte Hoyen aus seiner Tasche eine Menge Einladungskarten zum heutigen Abend hervor, um einen sinnreichen Schlachtplan zu entwerfen. Dann fiel ihm ein, daß er einer guten Bekannten schon lange versprochen hatte, ihre Schöpfung, ein „~Music Hall~“ im Osten Londons, zu besuchen, und da dieses mir durchaus einleuchtete, gelangten wir auf der Stadtbahn in eine der schlimmsten Gegenden des schlimmen Londoner Ostens. Vor einem großen, hell erleuchteten Gebäude hielten wir an, lösten Billete (Fremdenloge zu einer Mark) und befanden uns in einem stattlichen roth und gold ausgemalten Theaterraum. Auf der offenen Scene sang eine Dame im Ballstaat ein gefühlvolles Lied, den Zuschauerraum füllte eine ärmlich gekleidete Menge, welche aufmerksam lauschte und am Schluß der Ballade lebhaften Beifall spendete. Die Schriftführerin, Miß Mount Dawling, hatte Hoyen erkannt, setzte sich zu uns und erzählte, wie einige wohlhabende Bekannte sich vor etwa fünf Jahren zusammengethan und dieses im allerschlimmsten Verruf stehende „~Music Hall~“ (Tingel-Tangel) aufgekauft hätten. Sie wünschten recht allmälig vorzugehen und deshalb Theile des alten Repertoires mit herüberzunehmen, doch war unter den Hunderten von Liedern kein einziges unanstößiges zu finden. Jetzt gibt es dreimal wöchentlich richtige ~Music-Hall~-Vorstellungen mit leichten, aber anständigen Liedern, mit Tausendkünstlern und Specialitäten aller Art; an einem Abend findet, wie heute, ein besseres Concert statt, zu dem man oft recht bedeutende Künstler heranholt, an einem anderen Abend gibt es populäre wissenschaftliche Vorträge mit Transparentbildern, einmal wöchentlich veranstalten vornehme Damen und Herren aus dem Westen ein Dilettantenconcert, und jeden Sonntag gibt es geistliche Musik. Alle Vorstellungen werden von der nur den untersten Schichten angehörenden dichtbevölkerten Nachbarschaft gut besucht, das geringe Eintrittsgeld wird gern bezahlt und in ganz auffallender, unverhoffter Weise hat sich das Benehmen dieser Leute verändert. Während sonst tumultuarische Auftritte und der schlimmste „Radau“ in einem fort die frühzeitige Schließung der Vorstellungen bedingte, während sonst, trotz einer ständigen Polizeiabtheilung, mehrere Morde alljährlich in diesen nämlichen Räumen stattfanden, wird jetzt auch die kleinste Ruhestörung, auch die geringste Unschicklichkeit von den Zuschauern selbst durch unweigerliche Entfernung des Schuldigen bestraft. Früher war es durchgängig Sitte, daß die jungen Fabrikarbeiterinnen auf dem Schoß ihrer Begleiter saßen, nachdem ihnen aber Seitens der stets anwesenden Vorstandsdamen nahegelegt wurde, daß solches Betragen nicht recht „~ladylike~“ und hübsch sei, unterblieb es. Während einer Pause gingen wir in den breiten Gängen und Erholungsräumen, wo leichte Erfrischungen zu kaufen waren, herum, und unsere Begleiterin unterhielt sich mit einigen ihrer besonderen Freunde, Waschfrauen, Briefträgern, Ladenmädchen, Werftarbeitern und dergl. Die größte Ueberraschung des Abends war aber vielleicht die spontane Begeisterung, welche eine neu aufgefundene, verzopfte Händel'sche Arie erweckte. Dieselbe war in der That schön, doch hätte man sie bei uns nur etwa einem Singakademie-Publicum zu bieten gewagt, und ich constatire diesen Geschmack des als unmusikalisch verschrieenen englischen Volkes, ohne eine Erklärung zu bieten. Auch ist es Zeit, zu schließen -- ich umarme Alle, und Thilda ganz besonders. Euer Udo. [Illustration: Kensington Park] III. London. Vielen Dank, ~cara~ Mutter, für Deinen lieben Brief, auch für die willkommene Nachricht, daß Onkel Krastenow gern auf Reiseberichte verzichtet und sie für Unfug hält. Wie recht hat der Mann! Eben werden meine sieben Sachen gepackt, da wir den Sonntag über einen Künstler in Surrey, etwa zwei Stunden von hier, zu besuchen gedenken. Wir hatten mehrere solcher freundlichen Aufforderungen erhalten, denn viele bekannte Familien haben eine Besitzung in der Nähe von London und füllen während der ganzen „Season“ allwöchentlich von Sonnabend bis Montag ihr Haus mit Gästen. Als aber Hoyen eine, sich auch auf mich erstreckende Einladung zu einem jungen Ehepaar in kleinen Verhältnissen erwähnte, optirte ich für diese, denn der Abwechslung halber sehnte ich mich nach Leuten mit weniger als zwanzigtausend Thaler Einkünften. Dies wäre nach Hoyen das Minimum für Londoner gesellige Verhältnisse, darunter kann man gerade zur Noth „existiren“, aber absolut nichts „mitmachen“. Es liegt aber bereits ein gutes Tagewerk hinter mir; ganz früh, d. h. um zehn Uhr, ritten wir mit dem hierher auf ein Jahr commandirten Hans Quilow im Hyde-Park, ich auf einem mir vom Botschafter gütigst zur Verfügung gestellten Rappen. Hoyen wurde elegisch und klagte über ~fin de siècle~, Verkommenheit. Bis vor wenigen Jahren ritt man nämlich zwischen halb zwölf und halb zwei im Cylinder und tadellosen, fest anschließenden Reitanzug; wie er behauptete, ein Anblick für Götter. Jetzt thun das nur noch zurückgebliebene Leute aus der Provinz, und Alles, was etwas auf sich hält, reitet frühmorgens, die Herren in bequemen, ausgetragenen, grauen Röcken, die Damen in Blousen und flatternden Jäckchen -- Alle aber in Filz- oder Matrosenhüten -- „complete Demoralisation“. Quilow und ich waren jedoch harmlos genug, um uns rückhaltlos an den wundervollen Pferden und an dem für unsere Begriffe fast unerlaubt naturwüchsigen, aber doch famos sicheren Sitz dieser Hunderte von Reitern und Reiterinnen zu freuen. Uebrigens erklärte man mir später, daß die Ursache eines frühen, zwanglosen Reitens in dem wachsenden Einfluß der beschäftigten jungen Männer zu suchen sei. Als die Damen merkten, daß die Mehrheit ihrer Tänzer und guten Bekannten früh, d. h. vor ihrer Arbeit in den Ministerien, in der City oder in den Justizgebäuden, ritten und daß nur die kleine Minderheit der Nichtsthuer später im Park zu haben sei, änderten auch sie ihre Gewohnheiten. Ohnehin ist es für unsere Anschauungen etwas anwidernd, Mittags, um die schönste Tageszeit, dieser Anzahl sorgfältig angezogener herumschlendernder Herren im Park zu begegnen. Und so hat diese „Verwilderung“ des Reitanzugs vielleicht sogar etwas für sich! Bald trennte ich mich vom „corrupten Westen“ und begab mich wieder nach einem armen, verkommenen Stadttheil im Osten. Die Miß Mount Dawling hatte mich gestern Abend mit einem jungen Juristen bekannt gemacht, der nun in Toynbee Hall mich erwartete. In diesem Institut verleben mehrere Dutzend junger Männer aus den gebildetsten, auch aus den vornehmsten Ständen einige Jahre nach der Universitätszeit, verfolgen ihr Studienfach, widmen jedoch ihre freien Stunden den verschiedensten philanthropischen Bestrebungen. Hier unterrichten sie Abends die Knaben und Männer dieser hauptsächlich aus Fabrikarbeitern bestehenden Bevölkerung in den Schulfächern, in Nationalökonomie, Religion oder Kunstgeschichte. Hier leiten sie Gesang-, Schwimm-, Turm-, Cricket- und Fußballvereine, hier werden „historische Gänge“ durch London, sowie Ausflüge in der Umgegend vorgenommen, normale Arbeiterwohnungen verwaltet und Krankenkassen errichtet. Kurz, diese freiwilligen Arbeiter wollen praktische Fühlung mit ihren ärmeren Mitmenschen gewinnen und einen festen Mittelpunkt für die philanthropischen Bestrebungen bilden. Als ich Mr. Julian Gard, einem hübschen, eleganten, jungen Menschen, meine Bewunderung aussprach, wies er mein Lob sehr bescheiden von sich und behauptete, daß er und seine Freunde weit mehr gelernt als gelehrt hätten, daß, wenn auch dieses jetzt etwa fünfzehn Jahre bestehende Toynbee Hall einen erfreulichen, manchmal überraschend günstigen Einfluß auf die Umgegend ausgeübt hätte, der Nutzen auf die jungen künftigen Politiker, Geistlichen, Juristen oder Nationalökonomen ein ebenso ausgesprochener wäre. Etwas verlegen fuhr er fort: „Diese manchmal etwas ungeschlacht und verwildert aussehenden Männer und Knaben machen einem auch größere Freude als Sie vielleicht denken; es ist unglaublich, wie anhänglich sie sich oft erweisen, wie schnell man sich an einander gewöhnt.“ Dabei ist dies die verrufenste Gegend von ganz London, aus Gard's künstlerisch eingerichtetem Zimmer sah man auf den Schauplatz des einen „Whitechapel-Mordes“, und vom Tennisplatz, im hinteren von Epheu bekleideten Hof des schlichten, aber geschmackvoll vornehmen Backsteingebäudes erblickte man die Fenster, hinter denen eine andere dieser Scheußlichkeiten geschah. Gard fuhr fort: „Unsere Thätigkeit ist vielleicht nur ein Tropfen, aber der ist von intensiver Farbe und färbt weithin das Wasser. Wir sind auch keineswegs muthlos, und überall, inmitten dieser entsetzlich großen, zusammengepferchten Bevölkerung arbeiten ähnliche Genossen und Genossinnen.“ Er gefiel mir recht gut, und gern hätte ich manche Frage mit ihm erörtert, um statt blutloser Theorien diese eigenen Beobachtungen und Erfahrungen zu hören, aber schon mußte ich nach der Uhr sehen und mich schleunigst in die Bahn setzen, da mich ein verabschiedeter indischer Oberst in South Kensington zum Luncheon erwartete. So kam ich denn auch in diese beliebte Gegend, wo um das altmodische Schloß und den gradlinigen, schattigen Park ein nagelneues Viertel roth backsteinerner, „stilvoller“ Gebäude sich erhebt. Im Wohnzimmer des Obersten angelangt, prallte ich zurück; denn vor mir erhoben sich drei ältliche Fräuleins, und nur zu gut erkannte ich die eiserne Unerbittlichkeit dieser schnurgeraden, sogenannt weiblichen Gestalten, das mechanische Lächeln dieser großen, blassen Lippen. Es waren dieselben Engländerinnen, welche in Mürren mich an das jüngste Gericht mahnten, als ich Sonntags einen Ausflug unternahm; welche mir, höchst unpassender Weise, eigenhändig Tractate in mein Schlafzimmer brachten und mich erfolglos anflehten, einen Temperenzlerverein in Deutschland zu gründen. Auch ihnen schien die Begegnung eine ebenso unerwartete, wenn auch leider nicht so unliebsame wie mir. Jedes, auch das geringste Opferlamm mag ihnen willkommen sein, und sie setzten mir armen Wurm auf das Weidlichste zu. Religion und Wassertrinken wurde zwar auch während des ewiglangen Frühstücks breit getreten, doch war augenblicklich Vivisection das beliebteste Steckenpferd, und daß ich trotz aller haarklein geschilderten Greuel des Secirtisches doch noch Lammrücken mit ~mint sauce~ herunter kriegte, spricht entschieden für meine unangekränkelte Natur. Der Oberst versuchte mehrmals das Gespräch an sich zu reißen, doch erwies sich die Phalanx der Töchter zu stark; er mußte den augenscheinlich besonders geliebten Klang der eigenen Stimme entbehren bis er mich den Fräuleins entwand und nach der indischen Abtheilung von South Kensington-Museum entführte. Das war nämlich die Verabredung gewesen und erfüllt, wie ich von meinem Rudyard Kipling nun einmal bin, hatte ich mich ganz besonders auf eine sachkundige Leitung durch diese märchenhaften Schätze gefreut. Allerdings erzählte er viel -- +sehr+ viel -- über Indien, als er aber die Ränke, welche seine frühzeitige Pensionirung zur Folge hatten, die Günstlingswirtschaft der Behörden und die Ungerechtigkeit der Rupee-Währungsverhältnisse in genügender Vielseitigkeit beleuchtet hatte, flüchtete ich, gänzlich erschöpft. Und jetzt ertönt schon Hoyen's mahnende Stimme. -- Zärtlichst küßt Dir die Hand Dein Udo. IV. Liebste Mutter! Also, ich fahre fort. Gestern Nachmittag war ein großes Gartenfest in Holland House und das bedeutet viel; denn Holland House ist vielleicht das berühmteste, traditionsreichste Privathaus Londons. Mitten aus dem Straßengewimmel gelangt man durch ein schmiedeeisernes Thor in Lord Ilchesters Herrschaft und befindet sich augenblicklich auf dem Land. Allerdings war es eine recht städtische, gedrängte Wagenreihe, welche durch die uralte Ulmenallee dahinfuhr und nur über und zwischen den hellen Federn und Blumen der großen Damenhüte erblickte man weite Wiesen und ferne Bäume. Dann hielten wir vor dem verwitterten, rothgrauen, backsteinernen Gebäude, das man anderswo ruhig ein Schloß benennen würde; lange, in Stein gefaßte Fenster, monumentale, mit gebrannten Thonornamenten verzierte Schornsteine, Vieles an- und dazu gebaut, das Ganze etwa aus der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts. Durch ein weißmarmornes Greifenthor gingen wir gleich in den Garten hinein, unter einer gewaltigen, tiefdunkeln Ceder empfing die Lady ihre immer neu heranfluthenden Gäste, und dann erging man sich in den Lindenalleen, zwischen den Buxbaumbeeten des „holländischen Gartens“, auf den frisch grünen Rasenplätzen, an hellen Statuen vorbei. Mich zog es aber in das Haus hinein; denn eine junge Nichte (es ist zu nett -- überall giebt es hier zu Lande Nichten) versprach mir, Alles zu zeigen und zu erklären. [Illustration] Ein liebenswürdiger, etwas geckenhafter Höfling Karls des Ersten hatte Holland House damals, fern von London, erbaut. Nicht ganz gesinnungsecht, wechselte er während der Bürgerkriege öfter die Farbe. Von dieser Besitzung aus versandte er mit dem General Farifax und andern Parlamentariern einen Erlaß an die Armee, das Jahr darauf ging er wieder zu den Königlichen über und wurde schließlich von den Rebellen zum Tode verurtheilt. Bei Westminster -- über den Platz war ich Vormittags gegangen -- bestieg er das Schaffot; bis zuletzt hielt er auf's Aeußere, war in weiß Atlas gekleidet, so spukt er auch zeitweise hier herum. Das Haus wurde dann von mehreren parlamentarischen Generalen bewohnt; Cromwell soll auf einem der Felder mit dem schwerhörigen Ireton sich ausgesprochen haben (hundert und zwanzig Morgen zählt noch heute der Besitz!); schließlich erhielt es die Wittwe zurück. Die Dame war anscheinend lebenslustig und temperamentvoll; denn mitten in der puritanischen Herrschaft, in der alles Theaterwesen in Acht und Bann erklärt wurde, ließ sie hier ruhig Komödie spielen. Ihr Sohn erbte den Titel eines Earl of Warwick und dessen verwittwete Schwiegertochter heirathete den Dichter Addison. Nach Johnson's Behauptung erinnerten die Ehebedingungen an die Trauungsfeierlichkeiten einer türkischen Prinzessin, bei denen der Sultan erklärt: Tochter, hier gebe ich Dir diesen Mann zum Sklaven! Uebertrieben angenehm hatte es Addison auf jeden Fall nicht. Dann später erwarb die Fox'sche Familie, die Vorfahren der jetzigen Besitzer, Holland House. Auch sie waren durch Hofgunst gestiegen, ein Fox hatte in Brüssel dem Tennis spielenden Karl dem Zweiten, als erster, den Tod des „Ungeheuers“, des Cromwell, gemeldet. Seit über einem Jahrhundert stand allzeit ein Fox in der vordersten Reihe der englischen Staatsmänner. Der erste Politiker dieser bedeutenden Familie wurde außerdem noch durch einen viel Staub aufwirbelnden Roman mit der Lady Caroline Lennox, Enkelin Karls des Zweiten, berühmt; da die Eltern sie ihm nicht freiwillig gaben, entführte er sie, und die Ehe schlug tadellos aus. Ihr zweiter Sohn war der berühmte Redner und Staatsmann Charles James Fox. Er muß eine fesselnde, widerspruchsvolle Persönlichkeit gewesen sein. Von lockerem Lebenswandel, ein berüchtigt leidenschaftlicher Spieler, war er der warmherzigste Freund und auch ein feingebildeter Mensch, welcher z. B. alljährlich den Homer von Anfang bis zu Ende in der Ursprache las. Von ihm wurde 1831 geschrieben: „Noch jetzt, nach fünf und zwanzig Jahren, giebt es Leute, welche keine Viertelstunde über Charles Fox sprechen können, ohne Thränen zu vergießen.“ Aus dem Fenster zeigte man mir die Stelle, an der damals eine alte Steinmauer stand. Der zum Lord Holland erhobene Vater versprach dem Knaben, bei dem Niederreißen derselben zugegen zu sein. Aus Versehen geschah es jedoch in Charles Abwesenheit, und um selbst einem Kind gegenüber das Wort zu halten, gab der Vater den Befehl, die Mauer wieder aufzuführen und in der Gegenwart des Sohnes noch einmal niederzureißen. Mit feinsinniger Liebe zur Natur ausgestattet, hing Charles zeitlebens an der schönen Familienbesitzung; kurz vor seinem Tod wanderte er in den Alleen umher, wehmüthig die erinnerungsreichen Stätten betrachtend. Dann zeigte man mir eine der Perlen unter den Gemälden, einen berühmten Sir Joshua. Eben derselbe Charles Fox steht als vierzehnjähriger Knabe vor einem Fenster von Holland House, aus welchem die schöne, blutjunge Schwester seiner Mutter, die Lady Sarah Lennox herausblickt, während ihre Freundin, Lady Susan Strangways ihr eine Taube heraufreicht. Auch diese jungen Mädchen wurden ihrer Zeit viel genannt, auf beiden ruht der Schimmer einer romanhaften Neigung. Nach dem Tode ihrer Eltern war Lady Sarah zur Schwester gezogen. Hier, auf einem jener Felder, an denen Hoyen und ich eben vorbeigekommen waren, machte sie am Junimorgen Heu in phantastisch ländlicher Tracht, und der junge König Georg der Dritte ritt vorbei und verliebte sich sterblich. Auf das Ernsteste bemühte er sich, sie zur Gattin zu erringen, brachte die Angelegenheit vor den Thronrath, doch mahnte dieser energisch ab. Aber auch jetzt noch hätte die schöne Lady Sarah wahrscheinlich die Krone erringen können, wäre sie ehrgeiziger oder temperamentvoller gewesen. Sie that nichts, gab kein Zeichen und der König verlobte sich mit der mecklenburgischen Prinzeß. Vielleicht, da es wirklich zu spät war, bedauerte sie ihre Kälte, aber sie plaudert mit gutem Humor über die Unbeständigkeit des Souverains in ihren Briefen. (Ein großes Prachtwerk über Holland House gab mir meine liebenswürdige Führerin zum Nachlesen und Nachschlagen mit.) Bei der feierlichen Hochzeit und Krönung war sie natürlich die meist beachtete Brautjungfer, war, wie Horace Walpole schreibt, „engelhaft schön.“ Der junge König wandte während der ganzen Feierlichkeit seine Blicke nicht von ihr. Das Jahr darauf heirathete sie einen Landjunker aus Suffolk, fand ein ruhiges Glück. Anders verlief der Roman ihrer Freundin, der Lady Susan, aber auch in diesem spielte Holland House eine Rolle. Eines schönen Tages verließ sie dasselbe, um, von einem Diener begleitet, spazieren zu gehen; um etwas Vergessenes zu holen, schickte sie ihn in das Haus zurück und gab vor, auf der Straße ihn erwarten zu wollen. Hier harrte ihrer aber ein schöner Schauspieler, O'Brien, mit einem Miethswagen, fort fuhren sie nach einer Kirche und ließen sich trauen. Hatte Harry Fox damals eine gesellschaftlich über ihm stehende junge Dame entführt, wurde das Vergehen an seiner Nichte gerächt! Weder meine Führerin, noch das Foliobuch konnten mir jedoch mittheilen, ob auch diese Ehe so befriedigend verlief. Aber die berühmteste Epoche von Holland House ist die Zeit von etwa 1800-1840, in welcher der dritte Lord Holland und seine Gemahlin die geistig bedeutendsten Londoner Kreise um sich versammelten. Alle Bedingungen zu der schönsten Geselligkeit waren da. Den Rahmen lieferte die fürstliche Pracht, die wohlthuend ländliche und doch erreichbare Lage des Hauses. Auf Reisen im Ausland, im Verkehr mit den meisten europäischen Berühmtheiten hatten sich die Wirthe eine kosmopolitische Gewandtheit erworben; begabt und angeregt, fesselten sie die hervorragendsten Menschen an ihr Haus, schlossen echte, langjährige Freundschaften. Ich muß sagen, es sind Menschen und Verhältnisse, deren man gern gedenkt. Vielleicht erinnert Ihr Euch aus der Macaulay'schen Biographie, wie oft er diesen glänzenden, ästhetisch anregenden Kreis erwähnt. Der Hausherr war, der Familientradition folgend, ein Whig; mehrere hohen Aemter wurden ihm zu Theil, Ende des vorigen Jahrhunderts befürwortete er bereits die erst lange nachher durchgedrungene parlamentarische Reform, wie auch die Emanzipation der Katholiken. Ein leidenschaftlicher Literaturfreund, interessirte er sich ganz besonders für die spanischen Klassiker und übersetzte mehrere derselben. Den Kaiser Napoleon kannte und verehrte er, auch nach dessen Sturz bewahrte er ihm die treuste Bewunderung; vorhin war ich auf der Terrasse, neben altmodischen Taxushecken, auf seine Statue gekommen. Er galt für den feinsten, geistvollsten Gesellschafter, für den denkbarst gütigen Wirth. Seine Gattin war ebenso bedeutend, wenn auch entschieden schwierig. Sie war schön, begeisterungsfähig, witzig, aber herrisch, launenhaft und von einer berüchtigten Offenheit der Sprache. Noch intimer als in seinem Aufsatz, weniger diskret, aber um so unterhaltender beschreibt Macaulay in seinen Briefen an die Schwester seine etwas gefürchtete Gönnerin, die Lady. Nennt man die Gäste des Hauses, so hat man fast alle litterarischen und politischen Größen jener Tage genannt. Sheridan, Byron (welcher dem Lord Holland seine Braut von Abydos widmete), Frau v. Staël, die beiden Humboldt waren gern gesehene Gäste. Hier übernachtete Brougham vor seiner großen Vertheidigungsrede der unglücklichen Königin Karoline, eine der liebenswürdigsten Politikerinnen, die Fürstin Liewen, war eine intime Freundin des Hauses. Die Nachfolger dieses Ehepaares, der vierte Lord Holland und seine erst vor kurzem verstorbene Gemahlin waren weniger bedeutsam, pflegten jedoch in würdigster Weise die Familientraditionen. Die eine lange Schloßterrasse, wo jetzt die Kapelle spielte, heißt die Louis Philippe-Allee zum Andenken an den 1848 dort in trüben Gedanken auf und ab gehenden verbannten König. Mit dem Herzog und der Herzogin von Aumale wurde im kleinen, steingefaßten Teich hinter den umwachsenen Arkaden, wo jetzt Theetische aufgeschlagen waren, gefischt, Thiers und Guizot waren oft hier zu Gast. Ich habe aber fast einen Schreibkrampf bekommen und höre auf. Den prächtigen Bibliotheksaal, in dem Addison dichtete, habe ich vergessen. Besonders schön ist auch der „goldene Ballsaal“ mit modernen Fresken von Watts, der in diesem Hause seine frühesten Gönner fand. Sonst hat er sich wenig verändert, seitdem anläßlich der Vermählung Karls des Ersten und der Henrietta Maria der erste Ball darin gegeben wurde. Jede Generation hat hier seither getanzt und wie viele Hunderte noch ungeborener Menschen werden sich wohl noch auf diesen dunkeln, glatten Eichendielen ergehen! Nein, das Haus war wirklich unglaublich interessant! Herzlichst und treulichst Euer Udo. [Illustration: Eine Surrey-Cottage] V. Marwood Cottage, Haslemere. Liebe Eltern! Hier ist es fabelhaft hübsch, durch das winzige Fenster klettern Rosen, dann kommen jenseits vom Rasen lange Rabatten von Lilien und Mohnblumen, dann saftige, sonnige Wiesen und schattige Bäume, und dann wieder Viehweiden und Hecken und immer dunstiger werdende Bäume, und endlich ferne, umflorte, blaßblaue Berge. Die Gegend erscheint still und weltentrückt, und erst beim längeren Herumspazieren zeigen sich die von Bäumen und Büschen umstandenen malerischen Gehöfte und die vielen neuen Häuschen im gefälligen, anspruchslosen „~cottage~“-Stil, d. h. rother, leicht verwitternder Backstein, unregelmäßige Giebel, Erkerfensterchen, ein kleines Hauptportal, Alles von Jelängerjelieber, Clematis und Heckenrosen umrankt. Hier und da gibt es auch alte herrschaftliche Landhäuser, hier und da haben reiche Londoner Kaufherren sich prachtvolle Besitzungen geschaffen, aber besonders häufig und für die Gegend besonders charakteristisch sind diese anheimelnden „~cottages~“, in welche Maler, Schriftsteller und Gelehrte sich aus der Großstadt herausflüchten. Jeder sich neu anbauende Mensch gilt natürlich anfänglich als Volksfeind, der aus krassem Egoismus diese unberührte Ländlichkeit zu zerstören gedenkt. Die Gefahr liegt ja auch nahe, aber noch verbergen die üppigen Bäume jedwede Londoner Eindringlinge, und der hier bestehende geistig angeregte Verkehr kommt wohl sonst auf dem Lande nicht leicht wieder vor. [Illustration: Surrey-Landschaft] Die Euston Browns gehören zu den „ästhetischen“ Kreisen, welche die gute Miß Stevens uns so oft und so begeistert beschrieb. Während aber ihre Bekannten den Ruskin, Dante, Botticelli und die Hochkirche anhimmelten, schart sich die Euston Brown'sche Gemeinde um Swinburne, Schopenhauer, Wagner, Villon, die „Décadents“ und ähnliche Herrschaften. Ich braver Märker kam mir natürlich etwas entgleist vor, doch Hoyen macht auch dieses mit und erwähnte bereits in der ersten Stunde die „Princesse Maleine“, den „Uebermenschen“ und Whistler. Unsere Wirthe sind beide noch jung, sie ist blaß, schmal, nicht eigentlich hübsch, wenn ihr auch gestern Abend ein matt-lila faltiges Kleid aus schmiegsamer Seide und der Reif antiker Münzen in den zerzausten braunen Locken vorzüglich stand. Er trägt Jacken und Kniehosen aus Sammet, hat längliches Haar, ist aber im Uebrigen +wirklich+ ein durchaus netter, anständiger Mensch. Seine Bilder sollen von mehreren Collegen und einem Kritiker außerordentlich geschätzt werden; sie sind „Naturempfindungen“, und man muß sie aus einer möglichst großen Entfernung besehen. In Anbetracht der Kleinheit des Hauses stellten wir uns im Eßzimmer auf und sahen durch die offene Thür über den Flur in das Atelier, wo die Staffelei sich ganz hinten befand. Erst starrte man perplex auf einzelne Farbenflecke, dann allmälig bekam man den Eindruck von Nebel und Nässe und einem einsamen Schaf, oder von ebbender Fluth und abendlichem Dunst und einem geflickten Netz -- aber schließlich empfand man doch wirklich die betreffende Stimmung und wurde wirklich dorthin versetzt. Zu Tisch hatten sie einige Nachbarn, den berühmten Professor Tuxley und den Schriftsteller Dennison geladen. Tuxley machte einen recht humanen Eindruck und erzählte in interessanter Weise über seinen Collegen Darwin; der Andere ist Hauptapostel der Comtisten in England und ritt geistvolle Principien nach Tisch. Die Unterhaltung war eine allgemeine, an der auch die Damen sich lebhaft betheiligten. Ich saß neben Miß Tuxley, einer wohlgenährten, vergnügten Lehrerin der Mathematik in einem Oxforder Frauen-College und neben der schönen Mrs. Dennison, welche ihre sieben Kinder nach Comtistischen Grundsätzen in ursprünglicher Einfachheit erzieht. Das Essen war anspruchslos, aber auf das Sorgfältigste zugerichtet, nur ein Wein wurde herumgereicht; der Tisch war allerliebst mit schillerndem venetianischen Glas, mit Heckenrosen und Zittergräsern geschmückt. [Illustration] Da die Euston Browns ein sehr geringes Vermögen besitzen und seine Kunstwerke noch nie einen zahlungsfähigen Liebhaber fanden, müssen sie sich einschränken, und die junge Hausfrau erzählte mir, daß sie mit einem Dienstmädchen und dem Stalljungen auskommen und daß sie in Folge dessen sich die ersten drei bis vier Morgenstunden auf das Eingehendste mit der Wirthschaft beschäftigt. „Zum Luncheon bin ich aber fix und fertig, und mein Mann verlangt, daß ich den übrigen Tag mit ihm spazieren gehe, Tennis spiele, musicire, Besuche mache und die häuslichen Angelegenheiten, die kleinen Miseren nie mit einer Silbe erwähne.“ Ihre ultra-subtilen, etwas überspannten ästhetischen und ethischen Ansichten scheinen ihren praktischen Menschenverstand aber keineswegs zu beeinträchtigen, denn als wir drei Herren von einem längeren Spaziergang kurz vor dem Luncheon zurückkamen, lag Frau Enid im weißen Kleid in der Hängematte unter den Apfelbäumen und las Rossetti'sche Gedichte, während das kleine Hauswesen auf das Netteste und Pünktlichste geordnet war. Am Nachmittag fuhr mich Euston Brown im kleinen Wägelchen nach dem Schauplatz von Armgard's Lieblingsroman, „Robert Elsmere,“ nach der Pfarre, wo er und Catherine die ersten, ereignißreichen Ehejahre verlebten. Mrs. Humphrey Ward hatte dieses Haus einen Sommer über bewohnt und sich in ihrem Buch ganz streng an die Oertlichkeit gehalten. Der Pfarrer findet sich mit gutem Humor in die Rolle des „Nachfolgers“ und zeigte uns die verschiedenen Zimmer und die verschiedenen Stellen im Garten, wo diese erfundenen Auftritte, die doch viel tausend Menschen bewegt haben, sich abspielten. Von „Robert Elsmere's Pfarrhaus“ wissen jetzt aber leider auch Andere, und diesen Sommer lagerten wißbegierige Amerikaner in den benachbarten Feldern, mit Operngläsern und Butterbrot versehen. Recht ähnlich war aber auch unser Betragen, als wir einen abgelegenen, von Haidekraut und Farren bedeckten Bergrücken bestiegen, um von dort aus nicht nur die weite Aussicht aus das bewaldete hügelige Land zu genießen, sondern auch mit Feldstechern das nur von diesem hohen Standpunkt aus ersichtliche, in Waldungen sorgsam versteckte Haus des großen, halb mythischen Einsiedlers Tennyson zu erspähen. Abends gehen wir mit den Euston Browns zu einem reichen Ingenieur. Auf einer dieser Anhöhen soll er sich ein wahres Paradies erschaffen haben; außerdem ist er leidenschaftlicher Wagnerianer, und nach Tisch wollen die hervorragendsten Londoner Musiker nach Kräften götterdämmern. So nimmt dieser erste englische Sonntag einen recht unerwarteten Verlauf, ist aber auch, wie Hoyen mir eindringlich vorhält, keineswegs der echte, typische, sondern nur die Abart einer vorgeschrittenen Londoner Sippe. Ich wollte besagten Sonntag noch benutzen, um mich recht eingehend für Eure Briefe zu bedanken, doch reicht weder Zeit noch Papier und ich schließe, von Herzen Euer Udo. +Nachtrag.+ Früh morgens. Schließlich verlief der gestrige Abend ganz anders. Kaum war obige Epistel beendet, als Hoyen aufgeregt auf mein Zimmer kam und mir verkündete, ich hätte frevelhaftes Glück. Er sei eben einer Mrs. Groven begegnet, welche ihn und mich gleich auf der Stelle zum heutigen Mittagessen eingeladen hätte, wir würden ihre Nichte Dolly Vere und mehrere der leitenden „Seelen“ bei ihr treffen. Mein Gesichtsausdruck war wohl auffallend unintelligent, denn Hoyen, peinlich berührt, fuhr fort: „Du willst mir doch nicht einreden, daß Du fast eine Woche in England verbracht hast, ohne von Dolly Vere und ohne von den ‚~souls~‘ gehört zu haben?“ Beschämt gab ich es zu, und nun erläuterte er mir, daß Dolly Vere die berühmteste unverheirathete Dame von ganz England sei. Sie wäre die kühnste Reiterin, die beste Tänzerin, hätte ein überraschend klares und feines Urtheil über Menschen, Kunst und Literatur, sei schlagfertig im Wortgefecht und übersprudelnd von originellen Einfällen. Sie hätte Dutzende von Herzen gebrochen oder wenigstens dauernd beschädigt, ein sehr gelesener satirischer Roman wäre kürzlich über sie erschienen, und die bedeutendsten Menschen suchten ihre Bekanntschaft. Jetzt bildet sie zugleich mit Arthur Balfour unbestritten den Mittelpunkt der „Seelen“, d. h. des neuesten „inneren Kreises“, welcher alle höhere, geistige, ethische und künstlerische Cultur für sich pachtet. „Bester Willy,“ bat ich demüthig, „gehe lieber allein hin; ich habe überreichlich viel Geist in den letzten vierundzwanzig Stunden genossen! Ich bin ein simpler preußischer Assessor und zukünftiger Landjunker und mache faktisch keine Ansprüche darauf, eine ‚Seele‘ zu sein, noch zu ‚Seelen‘ zu passen.“ Aber Hoyen kannte kein Erbarmen. Die Euston Browns hätten sich über unser unverhofftes Glück so gefreut, hätten es mir speciell so gegönnt und würden uns beim Ingenieur schon entschuldigen. Alles wäre eingerichtet, und ich sei schauderhaft undankbar gegen meinen Stern. Das war ich auch, denn bewußt oder unbewußt war die Gesellschaft höchst unterhaltend. Wir hatten uns Alle im Wohnzimmer versammelt, ehe die berühmte Miß Dolly hereinkam, und bei ihrem Erscheinen war es, als ob eine gesteigerte Vitalität uns durchfuhr. Es liegt etwas geradezu ansteckend Lebhaftes in ihren sprühenden dunkeln Augen, in ihrem wirren kohlschwarzen Haar, in ihren feinen, zuckenden Lippen. Jede Bewegung der schlanken, von rauschender gelber Seide umflossenen Gestalt hat eine eigenthümliche, nervöse Grazie, und ohne laut zu sein, hat ihre Stimme, ihr Lachen eine vibrirende, aufregende Färbung. Als wir eben zu Tisch gingen, rief sie entsetzt, wir wären ja Dreizehn, das sei gegen ihre Grundsätze, und sie würde sich einen Vierzehnten besorgen. Resignirt setzte sich ihre Tante wieder hin, sanft bemerkend: „Wen Dolly uns nur holen wird? Wahrscheinlich Bob“ (die betreffende junge Dame reist immer mit zwei Reitpferden und ihrem Groom). Es war aber nicht der Groom, sondern das Skelet aus dem Laboratorium des seligen Hausherrn, mit welchem sie triumphirend zurückkehrte. Matt protestirte die Tante, aber Dolly bestand auf den Vierzehnten ihrer Wahl, ging Arm in Arm mit dem fletschenden Klappergerüst zu Tisch und setzte dasselbe mit liebender Sorgfalt auf den Stuhl zu ihrer Seite. Der stumme Gast störte augenscheinlich keinen, denn ein gewandteres, interessanteres Tischgespräch habe +ich+ wenigstens noch niemals gekannt. Mit unmerklichen Uebergängen glitt man von einem Gegenstand zum anderen, von Paul Verlaine auf Charcot'sche Versuche, von der Tragweite der Belfastischen Riesenversammlung auf die Charakterentwicklung des deutschen Kaisers, vom psychologischen Problem des jetzt zur Verhandlung kommenden Mordes auf Burne Jones's letzte Schöpfung. Dolly Vere und ein junger Parlamentarier, Reginald Pane, gaben den Ton an, ohne das Gespräch jedoch an sich zu reißen, alle Uebrigen hatten ihr Wörtlein zu reden, konnten aber auch meisterhaft zuhören. Zum ersten Mal in meinem Leben wurde mir der hinreißende Zauber, den französische Salons in den alten Zeiten ausübten, an einem lebenden Beispiel erläutert. Nach Tisch zogen wir Alle, der englischen Sitte schnurstracks entgegen, in das anstoßende Treibhaus, wo man sich paarweise in den lauschigen verstreuten Rohrstühlen niederließ, Cigaretten rauchte und gründlich „flirtete“. In einem von Palmen, Venushaar und Schlingpflanzen geformten Versteck saß ich einträchtiglich auf einer kleinen Bank mit der hübschen Lady Olivia, und sie erzählte mir von den Einflüssen ihrer Jugend und von ihrer seelischen Entwicklung. Sie erzählte gut, hatte weiche, weiße Arme und schläfrige, halb verschlossene Augen; so war ich keineswegs beglückt, als aus dem Nebenraume Klänge ertönten und einige vorbeihuschende Paare uns zuriefen, wir müßten augenblicklich ins Wohnzimmer, Dolly würde tanzen. (Alle Seelen, Männlein wie Fräulein, nennen sich beim Vornamen und in Momenten großer Erregung küssen sie sich öfters.) [Illustration] Vor einem großen Spiegel, in der mit japanischer Goldtapete bekleideten Wand, führte Miß Vere in einem faltigen, schillernden Gazegewand einen Serpentintanz vor. Bald war er schmachtend, bald wild belebt. Ich harmloser Mensch kannte so etwas bisher nur von „Ronacher“ oder vom „Wintergarten“, und der Gedanke, daß ein hoffähiges, junges Mädchen dergleichen producirte, war mir etwas verblüffend. Freilich so poetisch war mir noch niemals ein Tanz vorgekommen, und wieder schien jede Bewegung, jedes Lächeln dieser Dolly eine erhöhte Vitalität um sich her zu verbreiten -- sie ist eben eine Persönlichkeit. Die ganze Nacht hat sie mir vorgespukt, und ich habe verwünscht schlecht geschlafen. VI. London, 82 North Audley Street. Liebe Eltern! Wieder bin ich auf dem Sprunge, in Folge einer verlockenden Einladung aufs Land, welche heute früh ganz unerwartet vom Himmel herunterschneite. Als wir in Haslemere den Londoner Zug bestiegen, erkannte Hoyen eine Dame in einem Wagen dritter Classe, wir setzten uns dort hinein, und ich wurde Miß Farringham vorgestellt. Ihr vorzüglich sitzendes Herrenschneiderkleid, die kostbare juchtene Reisetasche und die hochherrschaftliche Jungfer schienen so wenig in die Wagenclasse zu passen, daß man mir eine gewisse Ueberraschung wohl ansah. Lachend erzählten mir die junge Dame und Hoyen, gerade das wäre jetzt der neueste Chic; in diesen Zeiten des landwirthschaftlichen Niedergangs habe kein irgend wie anständiger Mensch noch Geld, die Bedürfnisse stiegen aber zusehends, und so wäre man auf den genialen Einfall gekommen, hierin zu sparen. Nun ist es gang und gäbe, selbst auf den vornehmsten Landsitzen kommen einige der Gäste in der dritten Classe an, werden vom Bahnhofsvorsteher wie vom betreßten Diener mit genau derselben devoten Aufmerksamkeit wie früher empfangen und schwelgen in dem tugendstolzen Gefühl der Sparsamkeit. Hoyen beklagte lebhaft, daß, in Folge seiner exaltierten Stellung als zweiter Botschaftssekretär, „Excellenz“ es ungern sähe, und Miß Farringham bedauerte die zurückgebliebenen Ansichten ihrer Eltern. Viel moderner empfände der unsinnig reiche Herzog von Eastminster, der kürzlich anfing, besagte Classe zu benutzen; darüber sittliche Entrüstung Seitens der Eisenbahndirectoren; beim nächsten vorkommenden Fall wird ein Schornsteinfeger zu ihm herein gesteckt, worauf der Herzog eine Zuschlagskarte kauft, den grinsenden Reisegefährten höflichst in die erste Classe befördert und selber in seiner dritten verbleibt. Es gäbe aber doch für unsereins noch die zweite Classe, wandte ich zaghaft ein, aber entsetzt antworteten beide: „Die ist unmöglich, die ist nun einmal nicht ‚~reçu~‘.“ [Illustration] Miß Farringham erkundigte sich sehr liebenswürdig nach meinem bisherigen englischen Aufenthalt wie nach meinen Plänen und bat darauf uns beide, ihre Eltern gleich heute Abend auf einige Tage in Harting Hall zu besuchen; wir würden einen herzlichen Empfang und einige ihrer netten Bekannten dort antreffen. Auch sei die Hauptsaison in London schon wirklich vorüber und eine Menge Familien bereits aufs Land, wo es bezaubernd sei, zurückgekehrt. Hoyen sagte, ich müsse mit allen Händen zugreifen, denn Harting Hall sei ein typischer englischer Landsitz, und ein englischer Landsitz das Vollkommenste in der Welt; wenn sein Chef irgend wie Vernunft annehme, würde er ebenfalls mit Freuden kommen, und unsere Londoner Verabredungen ließen sich alle noch abtelegraphiren. Ich stammelte meinen Dank, frug Hoyen aber später, als wir allein waren, ob ich wirklich solche Freundlichkeit wildfremder Menschen annehmen dürfe. „Natürlich,“ antwortete er, „erstens haben ihnen augenscheinlich einige Herren im letzten Augenblick abgesagt, zweitens sind die Farringham's äußerst gutmüthige Leute, drittens ist man überhaupt hier zu Lande sehr gastfrei.“ Also -- warum nicht! Es grüßt Euch herzlichst Euer Udo VII. Liebste Thilda! Du verlangst eine ausführliche Schilderung des englischen Landhauslebens und wünschest, daß ich Dir über Einrichtung, Tagesvertheilung, Beschäftigung, das Innere und Aeußere des Menschen einen „recht dummen Brief, recht nach Deinem Herzen“ schreibe. Gut, mein Kind, das fällt uns nicht schwer! Also: bald nach acht Uhr Morgens erscheint ein steifer Diener, ohne guten Morgen zu sagen, mit feierlichem Gesicht in meinem Zimmer, zieht die Vorhänge zurück, stellt eine riesige Kanne mit heißem Wasser ans Bad, legt meine genial herum verstreuten Kleidungsstücke mit peinlicher Sorgfalt zurecht und bringt dann eine Tasse Thee mit ätherisch dünnen Butterbrotscheibchen auf einem Tablett sammt den eingelaufenen Briefen an mein Bett, indem er mit gedämpfter, gemessener Stimme hersagt: „~Prayers at 9.30, Sir.~“ Um besagte Zeit erschallt ein gewaltiger Tamtam, man versammelt sich in der großen Halle und nimmt auf den alten geschnitzten Bänken und Stühlen Platz. Dann naht sich der imposante Zug der Dienstboten, voran die würdige Haushälterin, dann Mrs. Farringham's Jungfer, dann die übrigen Gäste (genau nach dem Rang ihrer Herrschaften), dann ein gutes halbes Dutzend in lila oder rosa Kattun gekleideter Hausmädchen oder Küchenfeen mit niedlichen weißen Häubchen, dann der an einen Staatsminister a. D. mahnende Haushofmeister, die fremden Kammerdiener und schließlich zwei Diener in Livrée. Die Agneta Farringham begleitet einen Choralvers auf der Orgel, dann verliest der Hausherr einen kurzen Bibelabschnitt, darauf kniet alle Welt nieder, um gemeinschaftlich das Vaterunser zu beten. Feierlich in derselben Reihenfolge zieht die Dienerschaft wieder ab, einige verspätete Gäste erscheinen und entschuldigen sich, man wirft einen Blick auf den Stoß sorgfältig aufgeschnittener und ausgebreiteter Morgenzeitungen und steht plaudernd herum, bis das sehnlichst erwartete Frühstück angemeldet wird. Die Diener verlassen das Zimmer, man versorgt die Damen und sich selbst mit den mannigfachen Eier-, Fisch- und Fleischspeisen, mit den frisch gebackenen, noch warmen Brötchen, mit Eingemachtem, Obst, Kuchen, mit Thee oder Kaffee. Auf Hoyen's eindringlichen Rath nehme ich nie das Letztere, und als ich einmal aus Zerstreutheit mich in Lady Southerley's Haus daran vergriff, sträubten sich meine Haare vor Entsetzen. Selbst Hoyen, der sonst +Alles+ weiß und +Alles+ erklärt, steht rathlos vor dieser Erscheinung und schlägt die Hypothese vor, daß der Genius eines Volkes zu gutem Kaffee oder zu gutem Thee, +nie+ aber zu beidem lange. Nach dem Frühstück schlendert man ein bischen durch die tadellos sauberen Ställe, dann zieht sich der Hausherr in sein Arbeitszimmer zurück, die Hausfrau hält Zwiegespräche mit der Wirthschafterin, und die Gäste lesen Zeitungen oder schreiben Briefe (in jedem Wohn- oder Schlafraum befindet sich ein auf das Vollständigste eingerichteter Schreibtisch). Einige der jungen Damen -- bekanntlich aquarelliren alle Engländerinnen -- malen das alte, stattliche Tudorhaus mit seinen verwitterten Giebeln und den von Schlingpflanzen umrankten steinernen Erkern. Die älteren Damen gehen im stilvollen alten Garten herum und betrachten und notiren sich die neuen Blumensorten der bunten, dichtgedrängten Staudenrabatten, welche in England die früheren Teppich- und „italienischen Salat“-Beete glücklich verdrängen. Um zwei Uhr giebt es zum Luncheon wieder warme und kalte Fleischgerichte, warme und kalte süße Speisen, nebst Kuchen, Käse und Obst; dann wird ausgeritten, ausgefahren oder ausgegangen. Zum Thee um fünf Uhr findet sich meistens ein Besuch aus der Nachbarschaft ein, und man sitzt unter den uralten Cedern auf dem sammtgleichen Rasen, mit dem Blick auf die Rosenbeete und gradlinigen Teiche, in welchen die Taxushecken und verwitterten Statuen sich spiegeln. Dann wird eifrig Tennis gespielt, bis der Tamtam zum Umziehen mahnt. Die Damen erscheinen zu Tisch in voller Gesellschaftstoilette, mit Diamanten und Blumen, nur im ganz kleinen Familienkreis erlauben sich in den letzten Jahren die Herren jene kurzen Jacken, welche man auf dem Festland Smoking benennt, und die Damen lose Prinzeßkleider aus Seide oder Plüsch, die übrigens ganz hübsch sind -- Du könntest Dir so etwas zu Weihnachten mal wünschen! Das Mittagessen um acht verläuft ähnlich wie anderswo, doch trinken viele Herren nur Apollinarisbrunnen oder Cognac mit heißem Wasser, welches für ebenso hygienisch wie Chic gilt, ja, einige... brrrr... nehmen das Letztere ohne Cognac! Die Speisen sind der späten Stunde entsprechend leicht und werden in auffallend kleinen Portionen verabreicht, auch das angeregteste Gespräch wird mit gedämpfter Stimme geführt, und Hoyen behauptet, daß z. B. ein deutsches Hochzeitsmahl Engländern, ja allen Ausländern, wie das „wüste Geschrei entsprungener Tollhäusler“ erscheinen würde. Nach dem Obst lächelt Mrs. Farringham die vornehmste Dame verständnißvoll an, man erhebt sich, und in ihrer genauen Rangreihenfolge segelt alles Weibliche hinaus. Habe ich schon erwähnt, daß in England fast einzig und allein der Geburtsrang anerkannt wird? Zwar bildet der Adel bekanntlich absolut keine Kaste, zwar fehlt der Unterschied zwischen adlig und bürgerlich gänzlich und wird durch die schmiegsamere Definition von „guter“ Familie und „keiner“ Familie wie durch die noch weitherzigeren Begriffe von einem ~gentleman~ und ~not quite a gentleman~ ersetzt, zwar sind die titellosen Grundbesitzer, die ~county families~, die ~gentry~, der Aristokratie vollkommen ebenbürtig; in Präcedenzfragen entscheidet aber weder Alter noch Stellung, noch Würde, sondern einzig und allein der erbliche Rang. Der zwanzigjährige Sohn eines Lords kommt vor einem ergrauten General, und eine würdige Baronetsgattin läßt der unverheiratheten blutjungen Tochter eines Earls unweigerlich den Vortritt. Jedes Mitglied des englischen Adels hat seine feste verbriefte Stellung, deren Nichtanerkennung nur durch einen Mangel gesellschaftlicher Kenntnisse zu entschuldigen wäre. In einer herzoglichen Familie z. B. kommen die unverheiratheten Töchter nach der Frau des ältesten Sohnes, aber vor den Frauen der jüngeren Brüder; heirathet eine Tochter einen Bürgerlichen oder einen Baronet, so behält sie ihren Rang, heirathet sie einen Lord oder einen Earl, so erhält sie seinen niedrigeren und kommt hinter ihren unverheiratheten Schwestern zu stehen. Bei gleicher Rangkategorie entscheidet das in jedem ~Court Guide~ befindliche Alter der Adelsernennung. Dem bürgerlichen Premierminister weist man heutzutage die Stelle zwischen Marquis und Herzog an, die Staatsminister kommen zwischen Baronets und Pairssöhnen, jedoch -- es ist haarsträubend! -- haben ihre Gattinnen absolut keine Privilegien und folgen der jüngsten Honourable Miß So und So. Hoyen und ich haben die Berechtigung dieser gänzlich aristokratischen, gänzlich unbureaukratischen Auffassung lebhaft erörtert, bei welcher Gelegenheit ich den Kürzeren zog. Er behauptete, daß für eine auf Aeußerlichkeiten beruhende Einrichtung, wie die der „Gesellschaft“, äußerliche, deshalb klare und unumstößliche Normen die richtigsten seien. Nur dadurch schwänden kleinliche Etiquettenfragen, nur dadurch sei die in England so überaus wichtige und wohlthuende Vermischung der gesellschaftlichen Kreise leicht und praktisch zu regeln. Durch den befestigten Reichthum und durch die beständige Zuführung neuen Blutes hat der englische Adel sich seine einzige Stellung erworben und die heilsamen rothblütigen Elemente werden nur in Folge dieser allgemeingültigen Gesetze so bald absorbirt. Schließlich sehe ich ja auch ein, daß, da besagte Aristokratie stets für die einflußreichste, gebildetste und beliebteste der Welt gegolten hat, eine gewisse Vorsicht in der Verdammung ihrer Einrichtungen indicirt sei. Doch verzeih', brave Thilda, daß ich Dich mit langen Simpeleien so anöde! Haben also wir Herren genügend politisirt oder uns einem, sich vom weiblichen natürlich +sehr+ vortheilhaft unterscheidenden Geklatsche ergeben, so ziehen wir in die großen, von Blumen und verschleierten Lampen gefüllten Zimmer, wo die Damen in malerischen Gruppen herumsitzen. Nun wird geplaudert und musicirt oder Halma oder Karten gespielt, bis gegen elf Uhr der allgemeine Aufstand beginnt. Man begibt sich in die Halle, einer der jüngeren Herren steckt die in langer Reihe aufgepflanzten silbernen Handleuchter an und reicht sie den Damen, welche in ihren hellen Seidenkleidern auf der alten eichenen Treppe an den verdunkelten Ahnenbildern vorüber nach oben hinauf rauschen. Dann verziehen wir uns ins Rauchzimmer, trinken einen Whisky und Sodawasser und erzählen uns Geschichten, bis auch wir unsere Leuchter anzünden und die mit altmodischen Kupferstichen behängten, mit schweren Teppichen belegten Gänge hinunter gehend, unsere höchst behaglichen Schlafzimmer glücklich entdecken. Die Familie Farringham gefällt mir so gut wie ihr Haus und ihre ganze Lebensweise, und das will viel heißen. ~The Honourable~ Mrs. Farringham, Tochter von Lord Darstead, ist eine feine, anziehende, kleine Frau, sanft und sympathisch, voller Interessen und mit klarem Blick. Er ist groß, hager, gutmüthig, etwas langweilig und anfänglich von einer britischen Unnahbarkeit, an die man sich jedoch schließlich gewöhnt. Mehrere Ehrenämter der Grafschaft nehmen ihn sehr in Anspruch, und er steckt viel Geld in seine intensiv bewirthschafteten Güter. Glücklicherweise hat er es; zwar gehören die Farringham's zu den guten, alten ~county families~, doch würde sie die auch hier eine beträchtliche Rolle spielende agrarische Depression recht beengen, wäre seine Mutter nicht die Erbin der bekannten Bactorischen Bank gewesen. Agneta ist groß und schlank wie der Vater, hat kleine, regelmäßig geschnittene Züge und wellig-weiches, kastanienbraunes Haar. Ihr Wesen ist heiter und offen, wie die Mutter, sie ist gescheidt und gesprächig, so daß man außerordentlich angenehm mit ihr verkehrt. Wir reiten öfters zusammen und ich wundere mich über ihre Belesenheit, über ihre frische, vorurtheilslose Auffassung wie über ihre anscheinend recht mäßige, zu Hause von Gouvernanten erhaltene Erziehung. Nach Hoyen's Meinung steht die siebzehnjährige Engländerin geistig ebenso weit hinter der gleichaltrigen deutschen „höheren Tochter“ zurück, wie sie Letztere in zehn Jahren kraft selbständiger Interessen und anregenden Verkehrs mit der Außenwelt überflügelt. Zwei jüngere Schwestern der Agneta sind verheirathet, eine an einen Geistlichen in London, wo sie sich nach Aussage der Familie in der armen Gemeinde halb zu Tode arbeitet, die andere an einen Lord Guy Leighton, welcher sich nur durch sein Cellospiel und durch seine Sammlung alter musikalischer Instrumente hervorhebt. Von den Söhnen ist der älteste leidenschaftlicher Sportsmensch, jagt augenblicklich Rhinocerosse oder ähnliches Grobzeug in Mashonaland, erlegte im vorigen Sommer elf spitzbergische Eisbären, ist aber zwischendurch ein zärtlicher Gatte und Vater und tritt nächstens als Parlamentscandidat für die Grafschaft auf. Der zweite ist ebenfalls verheirathet und bebaut Theeplantagen in Ceylon, während der dritte bei einem sehr beliebten Cavallerieregiment steht und kürzlich eine der Adjutantenstellen im Hofstaat des Gouverneurs von Canada erhalten hat. Die Agneta steht im regen brieflichen Verkehr mit all' den abwesenden Geschwistern, und sie scheinen eine sehr anhängliche Familie zu bilden. Morgen reist Hoyen nach London zurück, und die übrigen Gäste, eine aus Elternpaar und drei hübschen, lebenslustigen Töchtern bestehende Familie, zieht ebenfalls weiter. Hoyen's Vermuthung traf übrigens zu, zwei erwartete Herren hatten im letzten Augenblick abtelegraphirt, und so sollten wir in die Bresche springen und die Miß Clutterbucks unterhalten. Ich that mein bißchen Bestes, doch Hoyen war grandios und machte der Aeltesten mit einem beneidenswerth routinirten und doch ursprünglich erscheinenden Geschick den Hof. Ich will offen zugeben, daß ich ihn ernstlich „verheddert“ glaubte und stammelte bereits Glückwünsche, worauf er mich „rührend harmlos“ benannte. Eine englische Flirtation, erläuterte er, sei das Ergebniß einer hohen Cultur und außerdem eine recht angenehme Zerstreuung. „~Cela ne tire pas aux conséquences~;“ beim etwaigen späteren Zusammentreffen schüttelt man sich herzhaft die Hände und spricht gerührt über die hübschen Tage in X.... Hoffentlich komme ich ohne meinen „Führer“ weiter, denn nach reiflicher Ueberlegung finde ich es nützlicher und zweckmäßiger, die Londoner Verabredungen aufzugeben und die so liebenswürdig angebotene Gastfreundschaft der Farringham's zu weiteren Studien über englisches Landleben zu benutzen. Nun erwarte ich aber auch meinerseits einen langen und ausführlichen Schreibebrief; erzähle mir alle Charlottenburger Ereignisse, wie es mit der geplanten elektrischen Bahn steht, wie die Tennis-Nachmittage verlaufen und wie sich Deine neue Signora bewährt. Es küßt Dir treulich die runden, backfischlichen Backen Dein alter Udo. VIII. Harting Hall, Woxstead. Lieber Vater! Es freut mich sehr, daß Du meine bisherigen Reisepläne gebilligt hast, und ich hoffe, daß Dir die Ausdehnung meines hiesigen Besuches ebenso zusagen möge. Dir erscheinen meine Berichte zu rosenfarbig, was durch die unverdient freundliche Aufnahme sich wohl erklären läßt. Auch glaube ich wirklich, daß manche in deutschen Zeitungen unverhältnißmäßig aufgebauschten socialen und wirthschaftlichen Krisen erst durch einen Aufenthalt im Lande in die richtige Perspective gerückt werden. Zweifellos sind all' die so oft hervorgehobenen Schäden thatsächlich vorhanden, doch besitzt dieser lebensstrotzende, bewußt mit der Zeit gehende Organismus eine ungeheure Fähigkeit, die Schäden zu überwinden. Dies scheint mir wenigstens das Ergebnis meiner Beobachtungen, wie mancher Gespräche mit recht verschiedenen Leuten zu sein. Der guten Mutter hingegen machen augenscheinlich die englischen Zustände einen zu idealen Eindruck; wenn auch das Leben hier reich und harmonisch verläuft, so wird doch selbst von den beneideten Engländerinnen ganz tüchtig gearbeitet, allerdings in oft anderer Weise als bei uns. Schon allein die Correspondenz! Agneta und ihre Mutter weihten mich neulich in die allmorgendlich ankommenden Stöße von „Geschäftsbriefen“ ein. Da empfahl man ein neues Mitglied des Zweigvereins der großen ~Girls Friendly Society~, welcher Hunderttausende über ganz England verstreuter junger Dienstmädchen, Verkäuferinnen und Fabrikarbeiterinnen angehören, da kamen Mittheilungen wegen einer bald zu veranstaltenden Unterhaltung für die Dorfleute, sogenannte ~Penny Readings~, in denen jeder seine zehn Pfennige Eintrittsgeld zahlt, und die Gutsherrschaft mit der Pastorsfamilie für Musik, Declamation oder Vorlesungen sorgt. Dann gab es Berichte über die letzte Sitzung der ~Liberal Women's Association~, welche dem zunehmenden Einfluß der großen, auch von Frauen geleiteten, stockconservativen ~Primrose League~ entgegenzusteuern versucht. Dann folgte eine unorthographische, komische Beschwerde, welche die Eltern eines bestraften Schulkindes an Mrs. Farringham richteten, da dieselbe zum hiesigen ~School Board~, der von der Gemeinde berufenen, auch Frauen zugänglichen Schulcommission gehört, und schließlich kamen Anfragen wegen des alljährlich in Garten und Park gehaltenen Stiftungsfestes des hiesigen Mäßigkeitsvereins. Außerdem bekümmern sich die Damen um die örtliche Krankenkasse, den Consumverein und den Arbeiterclub. Außerdem hat die Agneta im Dorfe eine Abendclasse für halb erwachsene Knaben, denen sie Holzschnitzerei lehrt, gute Muster und Aufträge verschafft. Wie ich von Gutsnachbarn hörte, soll sie einen außerordentlichen Einfluß auf diese leicht verwildernden jungen Leute gewonnen haben. Außerdem betheiligt sie sich an einer von Cambridge aus geleiteten Vereinigung, welche verständnißvolle Lectüre der deutschen und französischen Classiker bezweckt, und da sie sich lebhaft für ihren Garten interessiert, gehört sie noch zu einem Cirkel für botanisches Blumenmalen. Zu alle diesem kommt aber auch noch die, durch eine rege, auf das ganze Jahr vertheilte Geselligkeit bedingte Correspondenz, von Familienergüssen gar nicht zu reden, und so gehört stundenlanges Briefschreiben zur täglichen Last einer Engländerin. Nur so erklärt sich auch der übliche, knappe, +mehr+ als kunstlose Stil, die meistentheils erschreckend geniale Handschrift. Während ich jetzt in einer Ecke der Halle diese Epistel verfasse, höre ich aus allen umherliegenden Zimmern das leidenschaftliche Federgekritzel der übrigen Hausbewohner, welche vor Abgang der Post ihre heutigen Pflichten zu erledigen versuchen. Eine neue Garnitur Gäste ist inzwischen erschienen, und als die Farringham's mich zum längeren Verweilen nötigten, hielten sie es für ihre Pflicht, mich auf die erwarteten, milde gesagt, wenig aufregenden Besucher vorzubereiten. Zum Todtlachen sind sie auch nicht -- dafür aber äußerst brav und wohlwollend. Der alte Earl of Marsh, eine würdevolle, schweigsame Mumie, galt seiner Zeit für den tüchtigsten Classiker seines Oxforder Jahrganges; seine Frau ist Mrs. Farringham's Schwester, ebenfalls gescheidt, aber weit strenger und einseitiger als diese. Das Ehepaar ist hochgradig religiös-philanthropisch, beide reden in größeren und kleineren Versammlungen, haben mehrere sich gut bewährende Wohlthätigkeitseinrichtungen ins Leben gerufen und einen beträchtlichen Teil ihrer verhältnißmäßig geringen Einkünfte auf dieselben verwandt. Außerdem ist Mrs. Polmache hier; Wittwe eines bekannten Bischofs, besitzt sie eine ausgeprägte dogmatisch kirchengeschichtliche Ader, erscheint frühmorgens mit den neuesten „religiösen“ Streitschriften unterm Arm und hockt zu allen Tagesstunden an irgend einem Schreibtisch, um Aufsätze und Besprechungen für kirchliche Zeitungen zu liefern. (Es ist übrigens auffallend, wie viele Männer und Frauen gerade aus den oberen gesellschaftlichen Kreisen sich an den Wochen- und Monatsschriften betheiligen und mit welcher rührenden Wichtigkeit sie von ihren eingeheimsten Honoraren reden!) Schließlich gibt es noch ein junges Ehepaar, Willoughby Greene, aus der Nachbarschaft; er ist Agent der conservativen Partei, wühlt schon jetzt für die kommenden Wahlen und überfließt von klingenden Schlagwörtern und überzeugender Statistik. Seiner stillen Frau sieht man die berühmte Parforcereiterin nicht an; zum Kummer der Familie ist ihre schöne, junge Schwester plötzlich in die Heilsarmee übergetreten und befindet sich augenblicklich in Paris, wo sie allabendlich auf den Boulevards die Flugblätter zum Verkaufe anbietet! Ihre eigenen, glücklicherweise nicht ganz so anstößigen Wege nahmen auch die Marsh'schen Töchter. Beide waren unverheirathet, nicht mehr ganz jung, aber um so thatkräftiger, und während die Aeltere eine ganz hervorragende Krankenpflegerin geworden ist, erhielt die zweite kürzlich eine Anstellung von der Regierung! Sie hatte sich schon lange mit der Frage wegen besserer Unterkunft für die Waisenkinder der Gemeinden beschäftigt, Vieles darüber geschrieben und auf die Vertheilung der Kinder in Bauernfamilien bestanden. Diese Ansichten sind schließlich durchgedrungen, und mit sechstausend Mark jährlich ist sie als Inspectorin der weit verstreuten Waisenkinder ernannt worden. Ganz begreiflicherweise glaubte man, daß gerade ein weibliches Auge sich leicht und zuverlässig über das leibliche und geistige Wohlergehen der Pflegekinder vergewissern würde, und der Erfolg hat es bewiesen. Als mir dies in Gegenwart der Lady Marsh erzählt wurde, frug ich, ob es ihr nicht schwer falle, die einzigen Töchter zu vermissen. „Ihre eigene Mutter,“ antwortete sie, „würde gewiß auch +Sie+ am liebsten zu Hause behalten haben und fügte sich doch gern, als Sie Ihren Beruf ergriffen. Wenn mein Mann und ich sterben, ist es kein kleines Glück, alle Kinder in einer schönen, sie befriedigenden Thätigkeit zu wissen.“ So einmüthig verlaufen die Gespräche aber nicht immer, und heute Abend prallten die Geister energisch an einander; der eben veröffentlichte Urtheilsspruch des Erzbischofs von Canterbury wurde leidenschaftlich erörtert, und selbst Lord Marsh raffte sich aus seinem üblichen comatösen Zustande zu scharfen, geistvollen Entgegnungen empor. Es handelte sich um einen Toilettengegenstand des Geistlichen wie um dessen Stellung am Altar während gewisser liturgischer Abschnitte, und da diese Streitfrage mir in meiner Unwissenheit ebenso gleichgültig wie unwichtig vorkam, machte ich wohl einen ziemlich verrathenen und verkauften Eindruck, so daß die Agneta sich meiner erbarmte und Willoughby Greene und mich zu einer Billardpartie wegführte. In den Pausen des Spiels geriethen die Beiden sich zwar ebenfalls in die Haare, doch handelte es sich wenigstens um vernünftige, politische Meinungsverschiedenheiten und nicht um jene verknöcherten Subtilitäten von vorhin. Es fiel mir übrigens wieder auf, wie ruhig und rücksichtsvoll bei aller Schneidigkeit ein Wortkampf hier geführt wird; selbst unter Herren im Rauchzimmer hört man nie die bei uns doch ziemlich häufigen „bombenfesten“ Behauptungen. Nur so wird ja auch dieser gesellige Verkehr zwischen gänzlich verschiedenartig denkenden Menschen ermöglicht. Am Vormittag waren W. Greene und ich per Eisenbahn nach dem einfach großartigen Gestüt des Herzogs von Eastminster gefahren. Doch mehr davon mündlich, wie auch über die vielen hübschen Ausflüge, welche die Farringham's mit mir und meiner treuen Camera in der Nachbarschaft unternehmen. Hoffentlich mißglücken nicht allzu viel Aufnahmen! Es umarmt Euch Euer Udo. IX. Harting Hall. Vielen Dank, liebe Eltern, für die willkommenen Briefe und Nachrichten. Thilda's Tennissieg erfüllt mich mit Stolz und Bewunderung! Soeben habe ich meinen ersten, unverfälschten englischen Sonntag absolvirt und den Eindruck einer anheimelnden, poetisch verklärten Langeweile davongetragen. Um halb elf begannen die Glocken zu läuten; jede Kirche hat ihr eigenes, eng mit dem Heimathsgefühl verwachsenes Glockenspiel, und in der tiefen sonntäglichen Stille hörte man das schwache Läuten weit entfernter Kirchen. Unterdessen versammelten wir uns, äußerst schön gekleidet, in der Halle und schlenderten zu Fuß (nur im Nothfall beraubt man Kutscher und Pferde ihres Ruhetages) durch Garten und Park nach der gleich anstoßenden Kirche. An die Eingangspforte und an die schlichten Grabsteine lehnten sich leise schwatzende Männer und Knaben mit rothen Händen und steifen, schwarzen Röcken. So standen allsonntäglich an dieser Stelle ihre Vorahnen herum, und so werden ihre Enkel es ebenfalls thun. Unsere Gesellschaft vertheilte sich auf die alten, geschnitzten Bänke, rings herum hingen Grabinschriften vergangener Farringham's; durch ein hohes Bogenfenster fiel grünliches Licht auf die liegende Statue eines Ritters. Im Chor saß die Dorfjugend und sang die Responsorien, Psalme und Choräle mit kräftigen Lungen und anzuerkennendem guten Willen. Der Altar war reich mit bestickten Sammetdecken belegt, und weiße Rosen füllten die streng geformten, messingnen Gefäße. Nach der kurzen, hausbackenen Predigt verließ ein Theil der Gemeinde die Kirche, während alles Uebrige, auch unsere ganze Gesellschaft, am Abendmahlsgottesdienst Theil nahm. Ich verließ meinen Sitz, blieb aber unten in der Kirche stehen. Obgleich die Feier monatlich stattfindet und keine besonderen Kleiderbestimmungen oder äußere Vorbereitungen wahrnehmbar sind, erschien mir die Ceremonie mit der schönen, uralten Liturgie durchaus würdevoll und feierlich, und die Gemeinde machte einen gerührten und gesammelten Eindruck. Nachher gingen wir Alle bis zum Luncheon in den Gärten und Gewächshäusern herum, und Nachmittags unternahmen Agneta und ich einen längeren Spaziergang nach einer hübsch gelegenen Pfarre, wo wir mit den Töchtern des Hauses in der rosenumrankten Veranda den Thee tranken. Unser Weg führte durch üppige Fluren und Felder: unter Bäumen versteckt lag eine graue, verschimmelte Mühle am Wasser, hinter der Hecke saßen heitere Kinder und sangen Choräle unter Anführung der eben erwachsenen älteren Schwester. Ueber den Wiesen, unter den Weiden zogen ferne Gestalten nach der Kirche. Als wir heimkehrten, saß die anmuthige, kleine Mrs. Willoughby Greene unter den Cedern auf dem Rasen, um sie herum ihre vier Kinder, und Alle in eine Bilderbibel vertieft, aus welcher sie Geschichten erzählte. Das Mittagessen wurde des Ruhetages wegen etwas vereinfacht, und vor dem Schlafengehen gab es eine Abendandacht, in der Lord Marsh ein längeres Gebet improvisirte. Vorher hatte Mrs. Polmache sich meiner sie geradezu erschreckenden Unwissenheit betreffs der Strömungen im englischen religiösen Leben erbarmt, und in meinem Kopf schwirrt es bedenklich von ~high~, ~broad~ und ~low-church~, von Secten und atheistischem Unfug. Außerdem ist es spät -- also lebt sämmtlich recht wohl. Stets Euer liebender Udo. X. An Bord der „Waterbird“ auf der Ouse. Liebste Armgard! Vielen Dank für Deinen Brief, aber weshalb in aller Welt nur diese Anspielungen auf Miß Farringham! Verzeih' mir das harte Wort -- ich will Dich ja keineswegs kränken -- aber dergleichen ist ebenso altmodisch wie spießbürgerlich. Ich verkehre in der allerangenehmsten, allerfreundschaftlichsten Weise mit besagter jungen Dame, aber weder sie noch ihre Eltern, noch ich, noch irgend Jemand denken nur an eine Verlobung. -- Vielleicht ist es Dir eine Beruhigung, ihr Alter zu erfahren, sie ist neunundzwanzig Jahre, also genau ebenso alt wie ich. Man erhält sich übrigens hier zu Land auffallend gut, in der Londoner Gesellschaft sollen die tonangebenden jungen Mädchen meistens vierundzwanzig bis achtundzwanzig Jahre alt sein und gelten vorher nicht für genügend elegant oder unterhaltend. Aber wäre sie neunzehn oder neununddreißig -- in meinen Gefühlen würde es nicht den geringsten Unterschied verursachen, und so bitte ich Dich, ein klein wenig mit der Zeit zu gehen und nicht in so philiströser Weise den Teufel an die Wand zu malen. Wenn du nun ahntest, wie verwöhnt die Agneta ist, wie angenehm und mannigfaltig sich ihr Leben gestaltet und wie wenig verführerisch ihr selbst die mögliche Aussicht, nach Onkel Knastenow's Tod auf dem stillen Naudorf zu hausen, erscheinen würde! Es sind eben ganz colossal verschiedene Verhältnisse; was hier zur anständigen Existenz von ~ladies~ und ~gentlemen~ naturgemäß gehört, erscheint uns ein exceptioneller Luxus, den nur Börsencrösusse oder besonders begnadete Standesherren beanspruchen dürften. Wo man sich bei uns zu einem Bechstein'schen Flügel, zu Topfpflanzen und einem in Livrée gesteckten früheren Burschen aufrafft, verlangt man hier Haushofmeister, Gewächshäuser und tadellose Wagen und Pferde. Wegen der künftigen Schwägerin brauchst Du also wirklich nicht Englisch zu treiben; übrigens spricht sie Deutsch auffallend fließend, wenngleich mit einem ganz hübschen Accent. Nun wirst Du aber wissen wollen, wie ich auf die Waterbird und Ouse gekommen bin. Ganz unerwarteter Weise wurde ich von einem Londoner Bekannten, Mr. Auberon St. Maur, eingeladen, mit ihm auf seinem Schiffchen die Norfolkgewässer zu besuchen; es sei eine ganz eigenartige Landschaft und eine unbeschreiblich nervenberuhigende Existenz. Mr. St. Maur ist ein eleganter, wohlerhaltener Vierziger, unverheirathet, kunstliebend, ideal gesonnen und beschäftigungslos. Die Damen vergöttern ihn, von einigen Herren wird er, unter uns gesagt, nicht ganz gewürdigt. Ich mag ihn recht gern, er ist zuvorkommend und ein unterhaltender Gesellschafter. Gestern kam sein siebzehnjähriger Neffe den Tag über an Bord; er ist in Eton auf der Schule, hat jetzt Ferien, gleicht einem blonden St. Georg auf altdeutschen Bildern und ist ebenso kindlich als wohlerzogen und aufgeweckt. Da auch sein Onkel Etonianer gewesen ist, drehte sich das Gespräch um die ~Alma Mater~, an der Alt und Jung anscheinend mit derselben schwärmerischen Begeisterung hängen. Wenn ich denke, wie verhaßt mir und meinen Freunden unser nüchterner Berliner „Stall“ war, beneidete ich diese um ein Glück, das Einem auf immer entgangen. Allerdings überzeugte ich mich leicht, wie altmodisch, verzopft und nach unseren Begriffen gänzlich ungenügend es hier mit dem Unterricht bestellt ist. Aber -- du lieber Himmel -- es ist doch keine Kleinigkeit, wenn Knaben unter alten, vornehmen, historischen Umgebungen aufwachsen und in physisch, und vor Allem auch in moralisch reiner, gesunder Luft sich entwickeln. Wenn auch Cricket, Fußball und Rudern eine unverhältnißmäßige Zeit, eine unverhältnißmäßige Wichtigkeit erlangen, so wird dadurch nicht nur die Gesundheit gestählt, sondern auch Ausdauer und Energie, kameradschaftliches Zusammenhalten und Unterordnung der eigenen Persönlichkeit, wie zur gleichen Zeit auch die Hervorrufung der individuellen Verantwortung erzielt. Die Disciplin ist streng, Formen und Aeußerlichkeiten werden peinlich bewahrt, aber die Lehrerwelt und Obrigkeit sind weniger maßgebend als die von den Knaben ausgehende, auf Tradition beruhende öffentliche Meinung, als die von den Knaben gewählten ~Captains~, zu denen jeder Schüler einstmals zu gehören verhofft. Für unsere Examen wären diese reinlichen, ~gentlenmanlike~ kräftigen Knaben recht mäßig gerüstet, vorzüglich aber für das praktische Leben, für den Kampf ums Dasein. Leider könnten wir Deutsche uns schwerlich den Luxus solcher Anstalten gestatten; etwa achttausend Mark jährlich kostet ein Etonschüler seinen Eltern! Doch nun ist der frische, kleine Harold fort, und Mr. St. Maur und ich führen ein gemächliches, beschauliches Leben zu Zweien. Mit Vorliebe liegt er auf orientalischen Kissen oben auf dem Verdeck, liest Flaubert und George Meredith oder betrachtet schläfrig die Natur; ich halte mich viel zu den beiden famosen Schiffsleuten, lerne ihre Segelhandgriffe und lasse mich im kunstgerechtesten Angeln unterweisen. Die „Waterbird“ ist eine richtige ~Wherry~, wie die hier üblichen, zum Transport dienenden Flußschiffe heißen; etwas kleiner als unsere Havelkähne, sind sie ebenso originell und bunt bemalt, haben flaches Verdeck und riesige, schwarze Segel. St. Maur kaufte eine dieser echten ~Wherries~ und richtete sie mit phantastischem Luxus ein. Sein weiß verschleiertes, mit Genien und Libellen bemaltes Schlafzimmer hat er mir überlassen. Für ihn wird in der mit alten Goldtapeten und persischen Teppichen behangenen Cajüte ein Lager aufgeschlagen, und im kleinen Zwischenraum befindet sich in einer Tags über bedeckten Versenkung eine rosa und silber emaillirte Badewanne für die Tage, in denen die geographische Lage kein Flußbad im Freien gestattet. Der jüngere Matrose ist ein gediegener Koch, wir leben sehr gut und trinken Burgunder und griechische Weine, vermuthlich weil St. Maur sie für stilgerecht und stimmungsvoll hält. Einen eigenen Zauber hat diese flache Landschaft, welche Leuten, deren Bewunderung für eine Gegend mit dem Metermaß der Höhe zunimmt, zweifellos langweilig und öde erscheint. Aber ich norddeutsches Ebenenkind liebe diese weiten, dunstigen Horizonte, die ruhigen Flächen der satten Fluren, den geheimnißvollen Zug des fließenden Stroms. Hier und da erweitert sich die Ouse zu großen, waldumgebenen Seen, die hier ~broads~ genannt werden; hier und da steigt über Bäumen ein Kirchthurm empor, in der Ferne treiben die Windmühlenflügel, saubere Dörfer und malerische kleine Wirthshäuser liegen am Ufer, und ganz seltsam wirken in dieser grünen, friedlichen Gegend die bei scharfer Brise auf Einen zusausenden ~Wherries~ mit ihren großen, unheimlich schwarzen Segeln. [Illustration: Norfolk Broads] Heute Nachmittag trat Windstille ein, die Matrosen schoben mit den Staken; nun ankern wir unter Sternenschein mitten unter Schilf und Wasserrosen; weit und breit ist keine menschliche Wohnung zu sehen. Nun, gute Nacht. Schade, daß Du nicht hier bist! Grüße Deinen Fritz und die drei Rangen, vor Allem mein Pathenkind, das mich bei der nächsten Begegnung hoffentlich nicht so aggressiv lieblos wie letzthin behandeln wird. Herzlichst Dein treuer Bruder Udo. XI. Trinity Lodge, Cambridge. Liebe Eltern! Willy Hoyen ist wirklich ein rührender Mensch; jetzt hat er mir wieder für Cambridge eine famose Einführung verschafft. Dank ihm bin ich der Gast des Master of Trinity, der ein äußerst liebenswürdiger Mensch und das größte hiesige Thier ist. Jetzt schreibe ich aus einem getäfelten Gemach mit eingefaßten, epheuumrankten Bogenfenstern und einem riesigen, rothen, damastnen, catafalkartigen Himmelbett, welches zum Andenken an die einstigen erlauchten Insassen das „~Queen's bed~“ genannt wird und mit güldenen Kronen bedeckt ist. Außerdem spukt es noch in diesem durchaus hochherrschaftlichen Gemach in der beglaubigtsten Weise. Allnächtlich hört man dumpfe Töne und tiefe, langgezogene Seufzer, während von Zeit zu Zeit schwere Gegenstände (doch wohl Särge) geschleppt werden. Dies Alles habe ich auch wirklich gehört, war aber dermaßen von meinen Cambridger Wanderungen erschöpft, daß ich nach einer gruseligen halben Stunde wieder einschlief. Feinfühlendere Seelen nehmen das „~Queen's-Room~-Gespenst“ weniger leicht, und als vor einigen Jahren ein ehrwürdiger Bischof hier zu Gast war, entdeckte ihn Morgens das Hausmädchen, wie er mit wild umhergeworfenen Bettsachen da lag, in den Händen eine große Feuerzange wehrhaft umklammernd! Von diesem anregenden Zimmer aus sieht man den ummauerten Garten, den träge vorbeiziehenden Strom, die endlose Reihe schattiger Parks und alte, sich im Wasser spiegelnde College-Gebäude. Die Empfangsräume haben monumentale, geschnitzte Kamine, eichene Paneele und vergilbte, lebensgroße Bilder vergangener Könige, Staatsmänner und Gottesgelehrten. Von den Erkerfenstern blickt man auf Trinity-Square mit seinem steinernen, plätschernden Brunnen und großen gothischen Portalen; gerade gegenüber vom Lodge liegt Newton's einstiges Zimmerchen, dicht daneben die von Byron und Tennyson und Macaulay und Thackeray. In freundlichster Weise hat man mich herumgeführt; ich wohnte einer Uebung der Ruderer bei, einem ~Football Match~, ließ mir den Studiengang, die Examina erklären und trank Thee im künstlerisch raffinirt eingerichteten Zimmer eines Studenten. Recht deutlich scheint mir hier der Typus des modernen Englands entgegenzutreten, auf der einen Hand eine alte, verfeinerte Cultur mit ihrem Ballast von verzopften, von keinen Katastrophen je unterbrochenen Traditionen; auf der andern Hand die unangekränkelte, naturwüchsige Kraft, welche vor den Consequenzen der Gegenwart nicht zurückschreckt. Dieses englische Universitätsleben hat eine ganz eigene Luft; ebenso ausgesprochen wie bei uns, ist sie doch radical verschieden, und der Contrast gibt ernstlich zu denken. Ganz gewiß möchte ich das Heimathliche nicht heruntersetzen, ganz gewiß hänge ich mit ungetrübter Liebe an meinen Heidelberger und Leipziger Erinnerungen; male ich mir aber -- von äußerlichen Umständen ganz abgesehen -- die idealste, wünschenswertheste Existenz für meinen (eventuellen) Herrn Sohn aus, so könnte nicht unmöglicher Weise die Wahl auch auf Cambridge oder Oxford fallen! Vorläufig ist das ja aber eine akademische Erörterung! Uebrigens habe ich den besonderen Anlaß meines hiesigen Besuches noch nicht erwähnt: jetzt, zum Semesterschluß, findet die „Commemoration“-Feier statt, Eltern, Schwestern und Cousinen sind von weit und breit hergeströmt, das ehrwürdige Cambridge ist ganz frivol. Gestern Nachmittag zog Alles stromaufwärts; ein dunkler Himmel, sattgrüne Wiesen, weit ausladende Bäume, ein grauschimmernder, spiegelglatter Fluß und ein Schwarm von weiß oder bunt gekleideten Jünglingen. An diesen kräftigen Gestalten in den -- äußerst -- kurzen, die Farben ihrer Colleges tragenden Rudercostümen, haftete weder Bücherstaub noch Lampengeruch. Sie erschienen heiter, aber immerhin der ernsten Bedeutung der Stunde gewahr. Dann ertönten zwei Schüsse, darauf anschwellendes Jubelgeschrei und die unheimlich langen, dünn und zerbrechlich aussehenden Rennboote flogen heran. Heiser erklangen die Befehle und Warnungen des Steuermanns, fast krampfhaft spannten sich die Züge der Ruderer und mit dem wildesten Freudengeheul ermuthigten die zu beiden Seiten entlang stürzenden Mitglieder eines jeden College ihr Boot. Wegen der Schmalheit des Flußbettes ist das Cambridger Wettrudern ein sogenannter „~bumping race~“.... offengestanden laß ich mich lieber nicht in weitere Erläuterungen ein. Dazu bin ich auch wahrscheinlich zu alt. Neben mir prallten zwei kleine zehnjährige Mädchen in rosa und weißen ~Kate Greenaway~-Kleidchen aneinander. „~Cain's has bumped King's~,“ rief vor Aufregung stotternd die eine. „Das dacht' ich mir, es ist entschieden das bessere Boot,“ lautete die triumphierende Antwort. =So= muß man anfangen. [Illustration: Das Königinnen Bett in Trinity Lodge] Heute früh gab es die feierliche Einführung des neuen Kanzlers, des bekannten Herzogs von Devonshire. Durch das nur dem Monarchen und dem Kanzler geöffnete steinerne, mit alten Bildwerken geschmückte Portal fuhr der Herzog in den malerischen Hof von Trinity ein. Es ist das wichtigste und stattlichste aller Cambridger Colleges und von Heinrich dem Achten gegründet. An des Kanzlers Seite saß der Herzog von Edinburg, der zweite Sohn der Königin, welcher jedoch hier in der Universitätsstadt dem Kanzler den Ehrensitz einräumen muß. Im großen Saal der Wohnung des Master of Trinity erfolgte dann, was man auf gut deutsch eine Defilir-Cour, auf gut englisch aber eine ~Levée~ benennt. Vor dem mächtigen Renaissance-Kamin, umgeben von lebensgroßen nachgedunkelten Bildern vergangener Könige, Königinnen und Gottesgelehrten stand der neue Kanzler im schleppenden golden und schwarzen Ornat. Der eigene Vater, seinerzeit der beste Mathematiker in Cambridge, war sein Vorgänger in dieser Würde, welche nur den bedeutendsten Mitgliedern des höchsten Adels verliehen wird. Wohl nie vorher hat sich dieses Ehrenamt vererbt und, da so wie so das englische Volk seine Herzöge über alles verehrt, wurde in diesen Tagen das Lob des Hauses Cavendish in allen Tonarten, gereimt und ungereimt, auf englisch wie auf lateinisch gesprochen und gesungen. Der große, schlanke, Ende der Fünfziger stehende Mann nahm die Verbeugungen der in ihren rothen und schwarzen Talaren vorbeiziehenden Doctoren und Honoratioren mit gewohnter Gelassenheit entgegen. Vor langen Jahren, bei seiner Jungfernrede im Parlament, hatte er halbwegs innegehalten und vernehmlich gegähnt. Als seine Freunde ihm dies nachher vorhielten, meinte er, das Ganze wäre ja doch auch schauerlich langweilig gewesen -- und greise Politiker weissagten dem Jüngling eine glänzende Zukunft. [Illustration] Bald wurde mir aber dieser Akt etwas eintönig und ich schlenderte nach dem Senatsgebäude, wo die Feierlichkeit stattfinden sollte. Hier drängte sich bereits eine Menschenmenge auf Tribünen, auf Dächern, und da mir ein guter Platz im Innern gesichert war, blieb ich draußen, um das Herannahen des Zuges nicht zu versäumen. Er war auch recht malerisch: Kanzler, Ehrengäste und Professoren, alle in ihren schweren Talaren und sammtenen Barretten. Den Schluß bildeten die berühmten Pedelle, die „Bulldoggen“, in dunkelblauen, goldbetreßten Mänteln, jeder mit einem schweren, alten Bibelbuch an einer Kette in der Hand. Nun schlüpfte ich schnell herein. Auf dem Podium die Honoratioren, unten alle Gattinnen, Mütter, Schwestern und Cousinen, anscheinend besonders viele dieser letzteren, alle hell und hübsch angezogen und einige allerliebst. Auf den Gallerien waren die Studenten zusammengepfercht und diese sorgen nach uraltem Herkommen für Abwechslung und Zerstreuung. Jede bekannte oder irgendwie auffallende Persönlichkeit wird mit lautem Beifall oder Jodeln begrüßt. So nötigte ein minutenlanges Getöse und „Hutab“-Rufen einen hereingeschneiten indischen Prinzen, in blausammtenem Rock und goldbesticktem Turban, sich in die entlegenste Ecke des Saales zu verziehen, hingegen verursachte eine schlanke, weißgekleidete, ungewöhnlich hübsche Erscheinung „~three cheers for the young lady in white~“. Nun aber begann der Festredner mit seiner lateinischen Begrüßung des Herzogs von Edinburg, des ersten der heute zu promovirenden Ehrendoctoren. Nach seiner Ansprache geleitete er den Prinzen zu dem in der Mitte thronenden Kanzler, welcher ihm mit einer lateinischen Formel die Hand zum Willkommen reichte. Dieses wiederholte sich über ein Dutzend Mal, aber die Würdenträger beherrschten keineswegs die Situation; trotz des Kanzlers und der Pedellen, trotz aller scharlachgewandeten Honoratioren, trotz des tönenden Schwunges dieser vollen lateinischen Sentenzen -- den Ton gaben die Gallerien an. Besonders dornig ist das Amt des Redners. Alle Augenblicke hieß es: „Grade stehn -- Lauter sprechen -- Haben wir bereits mehrfach gehört -- Nur gemüthlich bleiben“; bei einem etwaigen Versprechen kann sich die Freude all dieser Studenten mit den knabenhaften, frischen Gesichtern und ihren ehrbaren Talaren kaum halten. Der königliche Prinz wird mit loyalem, minutenlang anhaltendem Beifall begrüßt, aber auch bei Chamberlain's Auftreten ertönt ein Freudengeheul. Nachdrücklichst bittet die Gallerie den Festredner zu schweigen und „unserem Joe“ das Wort zu überlassen, als die Schwäche des Staatsmanns für seltene Orchideen erwähnt wird, erneut sich der Jubel. Sein fortschrittlicher Nebenbuhler, John Morley, wird ebenfalls freundlich begrüßt, nur scheint sein Auftreten die Herren Studenten humoristisch zu berühren. „Wackle nicht -- Ruhig stehn -- Vergnügter aussehn“ ertönt es von oben; als er sich vor dem Kanzler verbeugt, hört man ein lautes „Küß ihn doch“, wobei unwillkürlich die hohe Gestalt des Herzogs sich emporreckt. Schließlich wurden die preisgekrönten Gedichte von den sorgfältig angezogenen, reingewaschenen Dichtern höchsteigen vorgetragen. Es war jedoch dermaßen wohlgesetzt und selbstverständlich, daß sogar der Eifer der Gallerien erlahmte. Die -- recht lange -- lateinische Ode wurde mit den allerneuesten Witzchen ausgesprochen, nicht nur „Kikero“ sondern „~uictoria~“. Dies ist ein unerhörter Bruch mit der Vergangenheit, denn im Allgemeinen wird hierzulande griechisch und lateinisch, als wäre es das biederste Englisch gesprochen. Nachmittags traf man sich wieder in einem der großen, schattigen College-Gärten. Mit gewohnter Königstreue hingen die Blicke Vieler an jeder Bewegung des Prinzen; andere Menschen lustwandelten zwischen den blühenden Sträuchern oder bewunderten die vielen hübschen Erscheinungen, deren helle Kleider selbst gegen die imposante Pracht der blutrothen Talare aufkommen konnte. Zwei einheimische Damen wurden viel bemerkt. Die eine war meine gütige Wirthin, die Gattin des ~Master of Trinity~; aus vornehmer schottischer Familie stammend, hatte sie unlängst, als einundzwanzigjähriges junges Mädchen, im großen philologischen Examen, an welches sich immer nur Wenige heranwagen, ihre sämmtlichen männlichen Nebenbuhler geschlagen, und zwar dergestalt, daß sie sich als Einzige in der ersten Abteilung befand. So war plötzlich ihr Name in Jedermanns Mund, die „Times“ brachte einen Leitartikel und die Königin schenkte ihr ein Armband. Aehnliches Aufsehen erregte vor kurzem die zweite junge Dame, welche, weißgekleidet, sich mit Bekannten unterhielt. Das Ergebniß der Examina wurde öffentlich verlesen, die Liste der Männer war beendet, nun begann die der Frauen, und unter stürmischem Beifall wurde verkündet, daß Miß Fawcelt sich die erste Stelle in Mathematik erobert habe, der „~Senior Wrangler~“ des Jahres sei. Jetzt unterrichtet sie an einem der beiden Cambridger Frauen-Colleges. Unlogischerweise nahmen jedoch auch die berühmtesten weiblichen Leuchten der Universität an dem abendlichen Festessen keinen Theil! =Sonst= war es ja ein sehr schöner Anblick. In der mittelalterlichen Halle von Trinity saßen die echten, wie die neugebackenen Doctoren an langen eichenen Tischen. Ueber den Häuptern tief nachgedunkeltes Gebälk; rings herum alte Bilder der berühmten Vorgänger. Durch Spitzbogenfenster sah man auf den großen historischen Hof und jenseits vom plätschernden, mattbeleuchteten Springbrunnen wies man mir ein Fenster, dort hatten ihrerzeit Sir Isaac Newton, Macaulay und Thackeray als Studenten gewohnt. Ich weiß nie recht, ob mir England fortschrittlich modern oder traditionsvoll uralt erscheinen soll. Es ist Beides in so hervorragendem Maß! Herzliche Grüße an Alle -- treulichst Euer Udo. XII. Noxcombe Castle, Buckinghamshire. Liebe Eltern! Hier bin ich seit vorgestern bei Sir Arthur und Lady Ascard, dem jungen Ehepaar, mit welchem ich in Tarasp so viel verkehrte und das mich so freundlich nach England einlud. Sie müssen verboten reich sein, und zwar stammt das Vermögen von ihr, der Erbin eines großen Fabrikherrn, welcher in der Gesellschaft sehr bekannt war und, wenn er noch lebte, sicherlich Pair des Reiches sein würde. Sir Arthur ist der jüngere Sohn einer guten, alten Buckinghamshire-Familie und wurde kürzlich vom conservativen Ministerium durch den Baronetstitel für seine Bemühungen und Geldopfer während der Wahlen belohnt. Das von seinem Schwiegervater hinterlassene Noxcombe Castle ist äußerst anspruchsvoll, feudal und luxuriös. Von einer Anhöhe herunter beherrscht es, im ungeheuren Park stehend, die ganze Grafschaft; selbstverständlich ist es gothisch, und zwar in der Gothik der sechziger Jahre gebaut. Wenn man etwas näher zusieht, unterscheidet man in England etwa ein halbes Dutzend imitirt gothischer Stilepochen des neunzehnten Jahrhunderts. Hier und da reißt schon diese Generation die jetzt theaterdecorativ erscheinenden Thürme und Burgen der Großväter nieder. Was wird sich erst das zwanzigste Jahrhundert an diesen Similistilen erfreuen! Häßlich sind die Gebäude aber ganz und gar nicht, sondern haben meistens einen entschieden malerischen, flotten Zug und bekommen in diesem Klima eine feine Patina, welche sich harmonisch mit dem Epheu verbindet. Die Einrichtung ist selbst für hiesige Begriffe ganz ungewöhnlich prächtig, die kostbarsten Gemälde, Bücher und Raritäten aller Art füllen die schönen, großen Wohnräume und fluthen in die Gänge und Schlafzimmer über. Die anwesenden Gäste bestehen aus vier verhältnißmäßig jungen Ehepaaren, einer im ungewissen Alter stehenden schönen Strohwittwe mit unverheiratheter Schwester und drei bis vier Herren. Alle sind sehr elegant, sehr ungezwungen, sehr lustig und ziemlich laut. Sie gehören anscheinend zu den Kreisen innerhalb der Londoner Gesellschaft, die bei Newmarket am meisten wetten, in denen eine gewisse hochgestellte Persönlichkeit sich besonders wohl fühlt und welche für die Erhaltung der nationalen altenglischen Ehescheidungs-Scandalprocesse sorgen. Gleich nach unserer Ankunft fuhren wir im vierspännigen Coach und zwei Landauern in das nächste Städtchen zu einer landwirthschaftlichen Ausstellung, wo Sir Arthur Vorsitzender ist und Lady Ascard die Preise vertheilte. Obgleich viele Familien der Umgegend dort waren, hielt unsere entschieden auffällige Gesellschaft fest zusammen und trug vermuthlich lebhaft zur Unterhaltung der Mitmenschen bei. Die Ascards geben der Nachbarschaft alljährlich einige „Abmachungsfeste“, pflegen eigentlichen Umgang aber nur mit ihrer ins Haus geladenen Londoner Clique, welche vielleicht etwas „gemischt“, aber äußerst Chic ist und dieselben Interessen, respective denselben Interessenmangel bekundet. Gestern früh meinte einer der älteren Gäste, man müsse mir doch Richbourne Cathedral oder Stradford-on-Avon zeigen; aber sofort hieß es einstimmig, Sehenswürdigkeiten seien schaurig stumpfsinnig, in Wirklichkeit möge sie auch Niemand, höchstens thäten Amerikaner und Spießbürger so, als ob es sie interessire. Natürlich winkte ich ab, und man unternahm ein großes Wettschwimmen im See. In winzigen Booten saßen je ein Herr im Tennisanzug und eine Dame im kurzen Badekleid und rothen Strümpfen; auf ein gegebenes Zeichen wurden die Boote umgekippt, und man schwamm so gut man konnte nach der Landungsbrücke, wo die übrige Gesellschaft sich auf die Planken lagerte. Der Spectakel war colossal, vermuthlich hörte man uns meilenweit. Meine Partnerin, die berühmt schöne Mrs. Simpkinson, Strohwittwe von Beruf, verlor den Athem oder den Kopf, und ich hatte die Ehre, ihre nasse Gestalt in meinen Armen an das Ufer zu tragen. Nachher waren wir Alle etwas kalt, und so schlug man Sacklaufen vor. Dieses hatte einen ungeheueren Erfolg, wahrscheinlich auch bei den in der Nähe arbeitenden Gärtnern und den ernsten, reich betreßten Dienern, welche im Hintergrunde auf der Terrasse den Theetisch deckten. Wir stolperten und purzelten, erreichten aber schließlich Alle das Ziel, wo Preise vertheilt wurden; wir Herren erhielten Photographien von Lady Ascard im Odaliskencostüm, und für die Damen hatte man alte silberne Nadeln und Spangen aus den Bric-à-Brac-Sammlungen des Hauses geholt. Als wir so schön in der Stimmung waren, erschien in der Ferne auf der hinteren Allee ein Fleischerwagen, der mit Begeisterung herangerufen wurde. Der blaubekittelte Geselle mußte aussteigen; wir kletterten hinauf, zwängten uns knäuelartig in die Bänke, wippten auf den Rädern oder ritten zu Dreien auf dem überraschten Gaul. Sir Arthur schleppte seinen photographischen Apparat heran und ermahnte uns pathetisch zur Einkehr und Sammlung. Das Resultat wird aber die bei Dilettantenbildern übliche Gruppe ältlicher, grinsender Mulatten sein, und Ihr müßt mir auf mein Ehrenwort glauben, wie niedlich wir uns machten. Auf dem vordersten Sitz ist Lady Ascard, welche sich an Colonel Fitzstuart's Schulter klammert, von Charlie Israels (Sohn des bekannten Sir Abraham Israels), der im kritischen Augenblick rücklings in den Wagen sank, erblickt man nur die gen Himmel gestreckten Beine. Abends wurden Roulettetische hereingetragen, man setzte bedenklich hoch, und anfänglich ging es mir schlimm. Schon drohte meinem englischen Aufenthalte eine vorzeitige Kürzung, da klärte sich die Lage, und ich kam mit einem blauen Auge davon. Mrs. Simpkinson spielte wie eine Besessene, hatte natürlich keinen Heller bei sich, was dem neben ihr sitzenden jungen Lord Caldoun theuer zu stehen kam und ihm später im Rauchzimmer einige lieblose Aeußerungen entlockte. Sir Arthur hielt die Bank und gewann, wie ebenfalls nachher bei der Cigarre berechnet wurde, genug, um die Unkosten der heutigen Bewirthung zu decken.... So weit hatte ich gestern Abend geschrieben; jetzt beim Ueberlesen berührt mich, und vielleicht auch Euch, ein gewisser Mangel an Pietät gegen meine Gastgeber. Aber man muß auch nicht allzu „geschwollen“ thun; in Tarasp war ich zufällig der einzig „mögliche“ Verkehr für Lady Ascard, welche ohne Herrengesellschaft einfach umkommen würde. Nun, da sie das Haus voll Gäste hatten, war ich ganz gut zu gebrauchen, sie luden mich ein, und ich bin ihnen aufrichtig dankbar für die erwiesene Freundlichkeit, ohne mich deswegen in zu patriarchal gefühlvollen Gesinnungen zu ergehen. Seitenstücke zu dieser „~fast London set~“ gibt es in jedem Lande; unsere guten Massenstein's und Bornekow's z. B. würden sich hier außerordentlich gefallen, und wenn das Treiben mir nicht so recht zusagen will, ist das eine ganz persönliche Geschmacksverirrung. Hoffentlich geht es Euch Allen und auch Eurer Gesundheit so gut wie mir, dank Mama's geliebten Matteimitteln, die, unberührt im Koffer liegend, mich wahrscheinlich vor manchem Uebel bewahrt haben. Ich küsse ihr die Hand und bin herzlichst Euer Udo. XIII. Richbourne. Liebe Eltern! Um Gotteswillen laßt diesen Brief nicht herumliegen, für Thilda ist er auch nicht bestimmt, doch muß ich mir die gestrigen Ereignisse von der Seele herunterschaffen. Heiterer und ungebundener als je war es zugegangen. Erst spielten Lady Ascard, Mrs. Simpkinson und Charlie Israel einen ebenso witzigen wie gewagten Einacter auf der kleinen Bühne, nachher sang Lady Ascard einige recht freimüthige Yvette Guilbert'sche Lieder. Sie hat wenig Stimme, aber einen kecken, geistvollen Vortrag, und „~ma p'tit sœur~“ mußte sie später, auf dem Billardtisch stehend, wiederholen. Ihr Gatte begleitete sie auf seiner Banjoguitarre; frenetisch war der Beifall der Herren, nur Colonel Fitzstuart lächelte verlegen -- mir wurde es schwül. [Illustration] Als wir gegen zwei Uhr Morgens in unser Zimmer gelangten, konnte und konnte ich nicht einschlafen, blätterte vergebens in den herumliegenden Büchern nach etwas Lesbarem und wollte schließlich hinuntergehen, um mir aus der Bibliothek ein angefangenes Heft der ~Nineteenth Century~ zu holen. Auf dem oberen Treppenflur angelangt, hörte ich plötzlich in der dunkeln Einsamkeit des nächtlichen Hauses heftige Stimmen, einen Aufschrei -- dann wieder lautlose Stille. Verdutzt blieb ich stehen; es schellte -- nach einer langen Minute eilten Tritte über die Halle, Thüren wurden geöffnet und eine Stimme gab Befehle. Dann unterschied ich die Schritte mehrerer Menschen, schwere, regelmäßige Schritte, als schleppe man eine Last; die Treppe besteigend, näherten sie sich, zwei Diener trugen den Colonel Fitzstuart, sein Gesicht war blaß und verzogen, bei der Wendung der Treppe zuckte er mit leisem Aufschrei zusammen. „Langsam, langsam, so seid doch vorsichtig,“ mahnte der den Zug beschließende Sir Arthur; aber im nächsten Augenblick fiel ein haßerfüllter Blick auf den Colonel -- ich sah es wohl. Unschlüssig blieb ich stehen, jetzt erkannte mich der Hausherr und fuhr etwas zurück. Mit möglichst harmloser Stimme erklärte ich meine Absicht, ein Buch von unten zu holen und bot meine Hülfe an. „Es ist weiter nichts,“ erwiderte er trocken, „nur ein Fehltritt im Dunkeln gegen die Stufen im Erkerzimmer.“ Fitzstuart sah mich feindselig an und fluchte ganz leise vor sich hin. Ich wünschte verlegen recht baldige Besserung und ging die Treppe hinunter, nach der Bibliothek zu, um meine vorigen Worte nicht Lügen zu strafen. Als ich zurückkehrte, war die Thür des Erkerzimmers halb geöffnet; da stand Lady Ascard im ausgeschnittenen Spitzenkleid mit all' ihren funkelnden Diamanten und starrte aschgrau und verstört nach der Treppe hinauf. Meine Nachtruhe war recht mäßig, und zwar keineswegs nur wegen der oftmals vernehmbaren Schritte und Stimmen im Flur. Um sieben Uhr hielt ich meine Ungeduld nicht länger zurück und klingelte. Nachdem ich mir heißes Wasser erbeten, fragte ich ganz unschuldig, ob Jemand heute Nacht über erkrankt wäre und hörte, daß der Colonel im Dunkeln gestürzt sei, und daß der herbeigezogene Doctor einen langwierigen, aber ungefährlichen Schenkelbruch constatire. Ich zog mich an, um frische Luft im Garten zu schöpfen. Auf dem Flur überhörte ich, wie ein Dienstmädchen dem anderen erzählte, Sir Arthur hätte im rothen Thurmzimmer geschlafen und ließe sich seine Sachen dorthin und nicht ins Ankleidezimmer bringen; vor den Ställen bemerkte ich Gruppen von Reitknechten und Dienern im lebhaften Gespräch. Als ich durch die Rosenbeete schlendernd nach der Vorderseite des Schlosses herumkam, fuhr ein Jagdwagen mit Gepäck und einer Jungfer an mir vorüber, und vor der Hausthür erblickte ich Lady Ascard's schimmelbespannte Victoria. Instinctiv wußte ich, wer jetzt -- auf immer -- ihr Heim verließ. Am Dienerschaftsflügel erschienen erschrockene Frauengesichter an den Fenstern, durch die offene Hallenthür erkannte ich den Haushofmeister und die Wirthschafterin, welche augenscheinlich mit ihrer Herrin sprachen -- sie hat eine sehr freundliche Art und Weise mit ihren Leuten. Dann trat sie hastig und sicher über die Schwelle, bestieg den Wagen und lehnte sich in die Kissen zurück. Die Pferde zogen an, da erschien am offenen Fenster die ~Nurse~ mit den drei kleinen Kindern; einen Augenblick sah Lady Ascard hinauf -- wie sie an mir vorüber fuhr, starrte sie leichenblaß vor sich hin; ich grüßte, aber sie erkannte mich nicht. Die Kinder klatschten in die Hände und kreischten vor Freude: „Mama, Mama!“ Ich will offen gestehen, daß ich mich hastig wegwandte. Um halb zehn läutete es zur Hausandacht, welche Sir Arthur mechanisch verlas; alle Gäste hatten sich schon vorher eingefunden, während man sonst erst zwischen zehn und elf allmälig zum Frühstück nachgezügelt erschien. In den Fenstervertiefungen standen kleine Gruppen mit möglichst nichtssagenden Gesichtern und unterhielten sich leise. Beim Frühstück erstrebte man einen denkbarst harmlosen Ton und besprach auffallend eingehend das Wetter. Der Sturz des armen, guten Colonel wurde lebhaft beklagt, wie auch die plötzliche Abberufung der lieben Lady Ascard nach London, und Alle, ohne Ausnahme, brachten ihre einleuchtenden Gründe hervor, weshalb es ihnen ganz besonders bequem wäre, gerade heute Noxcombe Castle zu verlassen. Auch ich erwähnte Freunde, die mich eigentlich jetzt bereits dringend erwarteten, telegraphirte den Farringham's, ob sie mich empfangen würden und bleibe hier in Richbourne, bis ich ihre Antwort erhalte; paßt mein Besuch ihnen jetzt nicht, so reise ich weiter nach London. Wenn ich aber noch viel länger schreibe, könnte ich am Ende in sittenpredigende Gemeinplätze verfallen und höre besser auf. Euer treuer Udo. XIV. Richbourne. Liebe Eltern! Von den Farringham's erhielt ich ein liebenswürdiges Telegramm; sie waren auf einige Tage verreist, kehren aber heute nach Harting Hall zurück, wo ich denn Abends auch eintreffen werde. Gestern war ich am Bahnhof, um nach einem verlornen Gepäckstück zu forschen, und stieß unvermuthet auf Lord Caldoun, der in der schlechtesten Laune den arg verspäteten Londoner Zug erwartete. In Noxcombe Castle hatte er mir von Allen am besten gefallen; leichtsinnig ist er zwar gehörig, doch läßt sich seine Vorliebe für Theaterdamen und verheirathete Frauen vielleicht durch die raffinirten Nachstellungen sämmtlicher Mütter und Töchter der Londoner Gesellschaft entschuldigen. Mit Sir Arthur ist er nahe befreundet und blieb nach dem Abzug aller übrigen Gäste zurück. Wir gingen einträchtig auf und ab, schließlich fragte ich ihn ganz direct: „Sie wissen, daß ich es gut mit den armen Ascard's meine; sagen Sie mir aufrichtig, was wird nun daraus. Ist ein Duell denn gänzlich ausgeschlossen?“ Ueberrascht sah er mich an und antwortete nach einigen Secunden: „Ich glaube es Ihnen sagen zu können. Nein, ein Duell ist rein undenkbar, das kommt Niemandem in den Sinn; käme aber Jemand auf eine uns so theatralisch erscheinende Idee, so würde die Gesellschaft ihn nicht nur verdammen, sondern ins Lächerliche ziehen. Was ich aber befürchte, ist eine Ehescheidungsklage, und das wäre haarsträubend. Um Gottes Willen, was könnte man nicht Alles ans Licht ziehen! Ich, alle übrigen Hausfreunde, die ganze Dienerschaft würden eidlich verhört werden; bis an die Shetlandinseln, bis Melbourne, bis San Francisco würde sich jeder Gassenjunge an den wortgetreuen, spaltenlangen Zeitungsberichten erbauen! Sie kommen ja glücklicherweise keineswegs in Betracht, überhaupt ahne ich nicht, woher Ihre Sachkenntniß stammt?“ Wohlweislich hüllte ich mich in diplomatisches Schweigen, und zu tactvoll, um näher zu fragen, erzählte er mir weiter: „Ich habe mein Möglichstes gethan, um ihn zu einer gutwilligen Trennung zu bewegen, habe an beiderseitige Verwandte telegraphirt und soll Lady Ascard morgen in London sprechen; ein schlimmer Gang! Die arme, kleine Nelly, wie fidel war sie noch gestern! Arthur Ascard würde natürlich die Kinder behalten, für die Frau mit ihrem großen Vermögen bleibt dann immerhin noch Florenz oder Homburg oder Monte Carlo. Der Fitzstuart wird in Noxcombe Castle noch mindestens drei Wochen in Gips und Gewissensbissen liegen, und wenn er auch selbstverständlich auf das Beste verpflegt wird, wäre ihm ein Armenspital wahrscheinlich sympathischer.“ Dann trank Caldoun, vom ungewohnt langen Sprechen ermüdet, einen ~Brandy and Soda~, kaufte sich acht verschiedene Zeitungen, illustrirte Blätter und Wochenschriften, um die dreistündige Reise nach London zu ertragen, schimpfte auf die verrottete Eisenbahngesellschaft und bestieg dann mit herzlichem Händedruck und der Einladung, nächstes Jahr mit ihm Elkhirsche in Canada zu jagen, den Pullmancar des endlich angelangten Zuges. Ich verlebte einen einsamen, tristen Abend im kleinen Gasthof -- so schroff es klingen mag, eine englische Provinzialstadt ist factisch noch um Mehreres langweiliger als anderswo. Allerdings entschädigten mich heute einige Stunden in und um die wahrhaft einzig stimmungsvolle, ehrwürdige Cathedrale, und meine Camera und meine Gedanken leisteten mir Gesellschaft. Doch freue ich mich herzlichst, von hier fortzukommen, freue mich auf heute Abend und den Familienkreis im gemüthlichen Harting Hall. Von dort das Weitere; an alles Grüßbare Grüße von Eurem liebenden Udo. [Illustration: Klostergang in der Kathedrale] XV. Harting Hall. Meine liebste, beste Armgard! Jetzt wirst Du aber hohnlachen! Dieses einzige Mal hast Du nämlich mit Deinen, im Uebrigen gänzlich unmotivirten Anspielungen das Rechte getroffen. Es läßt sich nicht leugnen, daß ich mich für Agneta Farringham interessire und sie zu heirathen wünsche. Meine vorigen, diesbezüglichen Ausführungen halte ich zwar noch ebenso aufrecht, sie ist ein zu verwöhntes Mädchen, die Verhältnisse sind allzu verschieden -- aber -- trotzdem! Du weißt, wie ich Phrasengeklimper verabscheue; jedoch habe ich die Agneta wirklich von Herzen gern, ich bewundere ihre anziehende sympathische Erscheinung, ich bewundere ihren festen, ehrlichen, vorurtheilslosen Charakter. Die Eltern haben mich freundlich, ja herzlich empfangen, zum ersten Male zeigte Agneta einige Befangenheit, und wenn Du mich nicht für zu eitel hältst, dürfte ich hinzufügen, eine kleine Bewegung bei meiner Ankunft. Mr. Farringham frühstückte auf der Durchreise im Club mit Hoyen und hat sich zweifellos eingehend über meine äußeren Verhältnisse erkundigt. So weiß er, daß ich, obwohl jetzt in bescheidener Lage, doch bestimmt auf ein nach deutschen Begriffen großes, nach englischen Begriffen immerhin genügendes Vermögen zu rechnen vermag. Agneta würde wohl vom Vater eine angemessene Zulage bekommen, ist aber keine eigentliche „Partie“, so daß man mich Gott sei Dank nicht zu den vom Ausland hergereisten Erbinnenjägern zählen könnte, und aus gleich guter Familie sind wir ja beide. Heute Abend wäre es fast zur Erklärung gekommen, doch hatte man unseliger Weise die Pastorsfamilie zu Tisch geladen. Während die braven Töchter des Reverend vierhändig spielten, konnte ich den Augenblick benutzen; ich stand neben Agneta in einer dunklen Ecke und bemerkte, wie ihre Hände zitterten; aber die Mädchen spielten zu aggressiv, zu haarsträubend schlecht und brachten mich gänzlich und complet aus der Fassung! [Illustration: Im Harting Hall Garten] So stehen also vorläufig die Sachen, und nun, liebste Armgard, sei recht nett gegen mich und mache bei den Eltern wie beim Onkel ganz gehörig Stimmung, falls möglicher Weise eine Verlobungsnachricht eintreffen sollte. Sie wird Dir ausnehmend gefallen, nämlich die Schwägerin, gerade Du wirst besonders gut zu ihr passen. Ich umarme Dich von Herzen. Dein treuer Udo. XVI. Harting Hall. Liebste Armgard! In fliegender Hast einige Worte, die Dich hoffentlich gleichzeitig mit meinem Brief von heute Morgen erreichen. Bitte, betrachte letzteren voreiligen Erguß als nie geschrieben, als nicht existirend -- es ist ganz, ja gänzlich anders gekommen. Kismet! Dein philosophisch gefaßter, aber doch recht begossener Udo. XVII. Harting Hall. Du wirst wissen wollen, liebe Armgard, wie und warum es so kam. Gestern früh war ich eingeladen worden, mit den Willoughby Greene's zu frühstücken und einige Musterfarms zu besichtigen. Erst gegen fünf Uhr konnte ich mich loseisen, verließ zu Anfang des Parks meinen kleinen Selbstfahrer und ging etwas sentimental bewegt im Gefühl, daß „es“ heute zur Sprache kommen müsse, durch den Garten aufs Haus zu. Die großen Saalthüren stehen offen, ich trete hinein: das Farringham'sche Ehepaar sitzt gerührt auf dem Sopha, und Agneta lehnt sich verklärt an die Schulter eines mir den Rücken zukehrenden Mannes! Eine peinliche Stille entsteht, Agneta fährt zurück und wendet sich ab, das fremde Individuum beugt sich über einige auf dem Tisch stehende Photographien, Mr. Farringham bekommt einen heftigen Hustenanfall, er verschwindet mit würdeloser Eile, nur die Hausfrau faßt sich, kommt mir ruhig und freundlich entgegen und stellt mir Mr. Ranleigh Barton, den Bräutigam ihrer Tochter, vor. Der Raum, die Leute, Alles kam mir einen Augenblick sehr fremdartig vor; ich verbeugte mich tief gegen das Paar, sagte einige Glückwünsche her und verließ das Zimmer. Oben bei mir angekommen, warf ich mich in einen Stuhl, ergriff ein Buch, versuchte zu lesen, kam aber mit dem besten Willen nicht über die erste Seite hinaus. Nach einiger Zeit -- ob nach einer halben oder ganzen Stunde, ahne ich nicht -- klopft man; ich rufe „herein“, da steht Agneta in der offenen Thür! Wir errötheten beide, sie stammelte und stockte und bat mich schließlich, ihr in den Garten zu folgen. [Illustration] Schweigsam gingen wir die Treppen hinunter und schweigsam über den Rasen nach den hohen, dunkeln Taxushecken, welche in verschlungenen Wegen die üppig durcheinander blühenden Blumenbeete umgeben. Das Sprechen schien ihr schwer zu fallen; endlich begann sie mit unsicherer Stimme, sie wünsche gerade mir aufrichtig und offen zu sagen, wie es mit dieser plötzlichen Verlobung stehe. Vor acht Jahren hatte sie ihren Bräutigam bei dessen Vetter, dem Staatsminister Ralph Barton, getroffen, er war dort als Privatsecretär angestellt und hatte seine junge Frau soeben in einer Anstalt für unheilbare Geisteskranke untergebracht. Bald entdeckten er und Agneta gemeinsame Anschauungen, Interessen und Bestrebungen, und sie wurden eng befreundet; da auf einmal vermied er, ihr zu begegnen, und sie ahnte und billigte die Ursache. Er ließ sich nach Australien versetzen, lange Zeit über vernahm sie kein Sterbenswörtchen von ihm, dann, vor wenigen Jahren, erhielt sie einen im ruhigen, kameradschaftlichen Ton ihrer ersten Bekanntschaft gehaltenen Brief, und nun schrieben sie sich von Zeit zu Zeit über ihre Beschäftigungen, über neue Bücher, über die Anregungen des Tages. Die einstige, nie gestandene, von beiden befürchtete Gefahr schien so vollständig vorüber, als wäre sie nie gewesen. Sie zögerte. „Ich betrachtete ihn als meinen wahren, aufrichtigen Freund, der sich ebenso über meine eventuelle Verlobung gefreut hätte, wie ich, wenn seine Frau genesen, zu ihm heimgekehrt wäre. Vor drei Monaten ist die Aermste, ohne daß wir es bis heute erfahren haben, gestorben, und sobald er sich frei machen konnte, verließ er Australien. Erst wollte er mir von dort aus seine veränderte Lebenslage mittheilen, zog dann vor, allmälig zu sehen, wie die Sachen bei uns ständen, kam aber schließlich, einem plötzlichen Drange folgend, gleich nach seiner Ankunft, unangemeldet, vor einigen Stunden hier an... Es hat sich dann gleich gemacht... Ich glaube gar nicht, daß Sie sich vorstellen können, wie glücklich wir sind!... Es lag mir besonders daran... gerade Ihnen... dies Alles zu sagen.“ Schweigend hatte ich zugehört, während sie mir dies mit ruhiger, etwas befangener Schlichtheit erzählte; jetzt schüttelten wir uns lange, herzlich und ausdrucksvoll die Hände, worauf sie mich verließ und nach Hause ging. Anstandshalber konnte ich meinen Rückzug nach London nicht allzu hastig ergreifen; doch möchte ich kaum behaupten, daß der gestrige Abend übertrieben gemüthlich gewesen sei. Mrs. Farringham war zwar reizend tactvoll und aufmerksam, und nach Tisch entführte mich der Hausherr zu einer Partie Billard. Während er anschrieb und mir den Rücken zuwendete, sagte er nach einigem Räuspern, seiner Ansicht nach hätte Agneta mich recht schlecht behandelt; doch habe sie mir wohl selber Alles auseinandergesetzt; im Uebrigen wäre ich ein „~first rate fellow~“. Mit diesem, in Mr. Farringham's Mund fast überschwenglich erscheinenden Lob schloß seine erste und letzte vertrauliche Mittheilung. Begreiflicherweise sah ich mir den Barton mit nicht ganz unkritischen Augen an und gestehe offen, daß es mich ein klein wenig freute, weit größer, vielleicht auch etwas hübscher als er zu sein. Doch kann ich wiederum nicht leugnen, daß er einen angenehmen, intelligenten Eindruck macht; was er bei Tisch über australische Verhältnisse erzählte, hatte durchweg Hand und Fuß und wurde mit angemessener Bescheidenheit vorgetragen. Ja, ich will noch ein weiteres Zugeständniß machen -- Agneta und er passen ganz selten gut zu einander, erscheinen unglaublich glücklich, wenn auch, Gott sei Dank, in weniger demonstrativer Auffälligkeit als es in Deutschland üblich. Meine Gefühle haben einen mich selbst auf das Höchste überraschenden platonischen Anstrich erhalten. Augenscheinlich bin ich ein furchtbar nüchterner Mensch, denn in allen anständigen Romanen und Trauerspielen trifft regelmäßig das genaue Gegentheil ein -- aber ich muß ehrlich gestehen, daß ihre offenkundige Liebe zu einem Anderen in mir eine entschiedene Gelassenheit neben aller ungeminderten bewundernden Achtung für sie hervorruft. Noch immer glaube ich, daß wir beide eine wirklich ganz glückliche Ehe hätten eingehen können; das reiche, volle Verständniß dieser beiden gleichgearteten, gleichgesonnenen Wesen wäre uns aber nie in dem Maße zu Theil geworden, wird gewiß nur den Wenigsten zu Theil. Auch ist mein Leben noch nicht abgeschlossen, ich ahne nur klarer als früher, was möglich, was erreichbar sein könnte -- wer weiß! Dein treuer Udo. [Illustration] End of the Project Gutenberg EBook of Udo in England, by Marie von Bunsen *** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UDO IN ENGLAND *** ***** This file should be named 59718-0.txt or 59718-0.zip ***** This and all associated files of various formats will be found in: http://www.gutenberg.org/5/9/7/1/59718/ Produced by the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net Updated editions will replace the previous one--the old editions will be renamed. Creating the works from public domain print editions means that no one owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United States without permission and without paying copyright royalties. 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It exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks of life. Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will remain freely available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit 501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws. The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information can be found at the Foundation's web site and official page at http://pglaf.org For additional contact information: Dr. Gregory B. Newby Chief Executive and Director gbnewby@pglaf.org Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide spread public support and donations to carry out its mission of increasing the number of public domain and licensed works that can be freely distributed in machine readable form accessible by the widest array of equipment including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS. The Foundation is committed to complying with the laws regulating charities and charitable donations in all 50 states of the United States. Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these requirements. We do not solicit donations in locations where we have not received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state visit http://pglaf.org While we cannot and do not solicit contributions from states where we have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us with offers to donate. International donations are gratefully accepted, but we cannot make any statements concerning tax treatment of donations received from outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit: http://pglaf.org/donate Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be freely shared with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper edition. Most people start at our Web site which has the main PG search facility: http://www.gutenberg.org This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, including how to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.